Die erste Liebe - Véronique Olmi - E-Book

Die erste Liebe E-Book

Véronique Olmi

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Beschreibung

"Emilie, Aix 1976. Komm so schnell wie möglich zu mir nach Genua. Dario." Als Emilie diese Suchanzeige auf einem Stück Zeitungspapier entdeckt, in das der Wein eingewickelt war, bereitet sie gerade das Abendessen zu ihrem 25. Hochzeitstag vor. Sie schaltet den Herd aus, nimmt die Autoschlüssel und macht sich auf den Weg nach Genua. Allein am Steuer, ist ihr, als ob ein Korsett aus Liebe, Gewohnheit und Langeweile von ihr abfällt. Wie war das damals, als das Leben noch offen schien? Wünsche, Träume werden wach, Erinnerungen steigen auf. An die Flucht aus dem engen, rigiden Elternhaus, die symbiotische Nähe zu ihrer Schwester, die "ein Chromosom zuviel hat" und doch mit ihr mehr als nur ein Körnchen Verrücktheit und rebellische Fantasie teilt. An die Liebe zu Dario, die plötzlich ein Fenster aufstieß. Wen hofft sie wiederzufinden, nach all den Jahren? Warum rührt die Erinnerung an die erste Jugendliebe so tief, dass man dafür sein bisheriges Leben hinter sich lässt?

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Seitenzahl: 284

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Véronique Olmi

Die erste Liebe

Roman

Aus dem Französischenvon Claudia Steinitz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

 

 

 

Für Pascal Elso.Für Luc Dodemant.

»Du warst die schönste Zeit meines Lebens. Deshalb werde ich dich nie vergessen, ich werde dich in tiefster Erinnerung bewahren, wie einen Daseinsgrund.«

PIER PAOLO PASOLINI

 

 

 

MANCHMAL GENÜGT EIN NICHTS, damit das Leben aus den Fugen gerät. Ein Moment der Unachtsamkeit am Fußgängerüberweg. Ein Streik bei der Bahn. Ein neuer Nachbar. Ein defekter Fahrstuhl. Ein Brief. Ein Anruf in der Nacht.

Mein Leben ist am 23. Juni 2008 um 20.34 Uhr aus den Fugen geraten, in dem Moment, wo ich das Zeitungspapier entfernte, in das der Pommard gewickelt war, der zu der Lammschulter getrunken werden sollte, die seit sechsundzwanzig Minuten im Backofen schmorte.

Der von seiner Zeitung befreite Pommard wurde nicht geöffnet. Die Lammschulter wurde niemals gar, ich besaß die Geistesgegenwart, den Herd auszustellen, ehe ich nach Italien floh. Auch die, alle Kerzen zu löschen, die überall im Wohnzimmer brannten.

 

 

 

ALS ICH AN JENEM MORGEN, dem 23. Juni 2008, aufwachte, wusste ich, was mich erwartete. Es war unsere Silberhochzeit, ich hatte beschlossen, dass ich alles selbst in die Hand nehmen würde und dass es ein perfekter Abend werden sollte – wenn ich auf Marc gehört und seinen Vorschlag angenommen hätte, im Grand Colbert zu essen, wäre natürlich nichts von all dem geschehen, aber ins Restaurant zu gehen war so alltäglich, die Idee so armselig, dass ich lieber einen Abend zu zweit organisieren wollte, der mehr unserem Geschmack und unseren Wünschen entsprach. Ich nahm es Marc etwas übel, dass er nicht den Mut besessen hatte, mich zur Feier des Tages in eine europäische Hauptstadt einzuladen, wenn schon nicht nach New York, wovon ich seit Urzeiten träumte und wohin uns, nebenbei gesagt, unsere Hochzeitsreise hätte führen sollen; stattdessen fanden wir uns in dem erbärmlichen Hotel in Venedig wieder, und selbst das war für uns damals viel zu teuer.

Ich musste an dem Tag nicht arbeiten, es war ein Mittwoch, zum Glück, denn die Vorbereitung unseres Hochzeitstags hatte mich wirklich den ganzen Tag gekostet. Marc, der am Nachmittag zweimal angerufen hatte, schien zu denken, dass ich mich ziemlich dämlich anstellte; er traute sich zwar nicht, es mir zu sagen, aber an seiner mitleidigen Art, mit mir zu sprechen wie mit einem unverbesserlichen Kind, merkte ich genau, was er von mir hielt. Das ärgerte mich, aber ich versuchte diesen Ärger so schnell wie möglich zu verdrängen, aus Angst, ihm böse und am Abend gereizt zu sein. Mehrmals an diesem Tag – als ich zum dritten Mal bei Monoprix anstand, weil ich zum dritten Mal ein unverzichtbares Gewürz oder eine Beilage vergessen hatte, als ich beim Wein zögerte und im Internet suchte, was am besten zu den Gerichten passen würde, und dann der Weinverkäufer angesichts meiner Ahnungslosigkeit die Augen verdrehte – mehrmals an diesem Tag hatte ich mir gesagt, dass ich lieber an Marcs Stelle wäre, an der Stelle desjenigen, der an diesem Tag arbeitet und dir das Geschenk macht, nicht allzu sehr zu spät zu kommen, um dann die Füße unter den Tisch zu schieben und seine Müdigkeit hinter einem väterlichen Lächeln zu verbergen. Ich weiß, dass andere Frauen besser zurechtkommen als ich. Frauen, die in Minutenschnelle ein Abendessen für fünfzehn Personen improvisieren, und alles ist perfekt und sie sind weder verärgert noch gereizt, sondern strahlend und entspannt, Frauen, die um 19 Uhr von der Arbeit kommen und eine Stunde später ihre Wunderrezepte gekocht haben, bei denen nie etwas schief geht und um die sie alle Freundinnen beneiden, und die dir dann die Tür öffnen, das Haar noch feucht von der Dusche, ungeschminkt und die Haut so glatt, als hätten sie zwölf Stunden geschlafen usw. usw.

Ich schwankte also den ganzen Tag zwischen der Freude, das Ereignis vorzubereiten, und der Sorge, es zu verderben.

In dieser Hinsicht hatte ich unrecht. Es hätte perfekt sein können. Viel besser als im Grand Colbert. Ich hatte eine Auswahl von Marcs Lieblingsmusik zusammengestellt und die Reihenfolge festgelegt, in der ich sie spielen würde, natürlich würde ich mit Jazz anfangen, Duke Ellington und Chet Baker zum Aperitif und den Geschenken, Schubertlieder für die Vorspeisen, Chopinsonaten und Bachkantaten für die Lammschulter, zum Käse würde ich die Gipsy Kings auflegen, damit ich beim Dessert mit Janis Joplin weitermachen konnte und wir ganz munter wären, wenn wir ins Schlafzimmer gingen, wo Maria Callas im Hintergrund unsere Umarmung begleiten würde. Ich hatte extra Seidenbettwäsche gekauft, bei BHV kostete sie ein Vermögen, aber ich hatte mitten im 12. Arrondissement einen grauen chinesischen Laden entdeckt, dort gab es, begraben unter Staub, Seidenlaken »made in Shanghai« in trostlosen Farben und ausgebleicht vom Sonnenlicht. Nach einer Dreiviertelstunde, in der ich mir die Hälfte der Packungen hatte öffnen lassen, fand ich endlich perlfarbene Laken ohne Makel, wenigstens für eine Nacht, danach würden sie natürlich ausreißen, sobald einer von uns vergessen hätte, sich in den letzten achtundvierzig Stunden die Zehennägel zu schneiden.

Viel komplizierter war die Entscheidung gewesen, was ich anziehen würde, um mich dann ausziehen zu können. Es war undenkbar, auf die sexy Dessous zu verzichten, und ebenso, nicht deprimiert zu sein, weil es so abgeschmackt war. Ich zeigte mich schon lange nicht mehr nackt vor Marc, ich war achtundvierzig, deshalb hatte ich vor, das Licht zu dämpfen, im Mieder unter die Laken »made in Shanghai« zu schlüpfen und es nicht auszuziehen, wenn wir uns lieben würden, ebenso wenig wie die Strümpfe natürlich. Ein ordentlicher Kompromiss. Sexy, aber unsichtbar. Nicht zu offensichtlich. Nicht zu verschämt.

Mein blaues Mousselinekleid ließ sich höchst einfach ausziehen: Marc musste nur den kleinen Reißverschluss an der Seite öffnen, und sogleich würde es zu Boden fallen wie eine zarte Selbstverständlichkeit. Meine grauen Schuhe mit den Bleistiftabsätzen würde ich vielleicht anbehalten, wenn wir uns liebten – die Seidenlaken zu zerfetzen, die ohnehin nur für ein Mal bestimmt waren, könnte als bezaubernde Kühnheit und hübsche erotische Eskapade erscheinen.

Wirklich, es hätte perfekt sein können. Wenn. Ich mich nicht mit dem Weinverkäufer gestritten hätte. Nicht aus seiner Boutique gerannt wäre, ohne etwas zu kaufen, und schließlich die Flasche Pommard genommen hätte, die Marc am vorangegangenen Wochenende aus Burgund mitgebracht hatte und die in die Anzeigenseiten von Liberation gewickelt war.

 

 

 

»Emilie, Aix 1976. Komm so schnell wie möglich zu mir nach Genua. Dario.«

Ich habe nichts gedacht.

Ich habe mir keine Fragen gestellt. Ich habe mich wie von selbst bewegt.

Ich habe den Herd ausgestellt. Ich habe die Kerzen ausgepustet.

Ich habe einen Zettel für Marc auf den Küchentisch gelegt: »Mach dir bloss keine Sorgen.«

Ich habe eine leichte Jacke über mein leichtes Kleid gezogen.

Ich habe meine Autoschlüssel genommen. Meine Tasche. Mein Mobiltelefon vergessen.

Und bin hinausgegangen.

Ich heiße Emilie. Ich wohnte in Aix-en-Provence. 1976. In dem Jahr bin ich Dario begegnet. Er kam aus Genua.

Er war meine erste Liebe.

 

 

 

ES WAR DIE ZEIT, als meine Schwester Christine »C’est ma prière« und »Le lundi au soleil« sang und dabei stundenlang in den Spiegel schaute. Sie umklammerte den Griff des Springseils, der ihr als Mikro diente. Sie dachte, sie würde Playback machen, konnte ihre Stimme aber nicht unterdrücken, und die Lieder von Mike Brant und Claude François wurden von Christines dünnem Gesang überdeckt wie von einer etwas heiseren Klage, einem letzten Seufzer. Sie bewegte die Hüften langsam von rechts nach links und sabberte ein wenig.

»C’est ma prièèèère, je reviens vers toi ahah! C’est ma prièèèère!« Ganze Nachmittage lang. Und dann sagte sie:

»Das ist traurig, oder, Mimile, er ist tot, oder, das ist doch traurig?«

»Ja, aber weißt du, wir haben immer noch seine Lieder.«

»Findest du, dass ich schön singe?«

»Ja, du singst sehr gut.«

»Später werde ich Sängerin, glaubst du, Mimile?«

»Und du, glaubst du, dass du Sängerin wirst?«

»Ich bin hübsch. Bin ich hübsch? Bin ich ohne Brille hübsch? Ich kann Sängerin werden, ich bin hübsch!«

Ehe sie sich aufregte, musste ich am Ende immer lügen: »Du bist hübsch du wirst Sängerin du wirst Ringo heiraten«, sie war verrückt nach Ringo, dem Mann von Sheila, er war ihr Typ. So sagte sie.

Wenn ich traurig bin, denke ich oft an Christine mit ihrem Springseil. Die Ernsthaftigkeit, mit der sie ihre schweren Hüften bewegte. Das Staunen in ihren Augen, wenn sie sang: »Le lundi au soleil on pourrait le passer à s’aimer!«

Wenn ich die Hoffnung verliere, denke ich an Christine, die sich aufregte, wenn man ihr nicht sagte, dass alles möglich sei.

Ich denke oft an diese große Schwester, die eines mehr hatte als ich, ein nicht sehr sympathisches Chromosom, das Chromosom 21.

Sie hat meine Jugend mit Musik begleitet.

 

 

 

ALS ICH DARIO TRAF, war ich sechzehn und so unschuldig wie eine Dreizehnjährige. Deshalb kam alles, was ich erlebte, ganz überraschend. Alles erschien mir neu und bedeutend, ich spürte mit glücklichem Staunen, dass die Dinge mehr sagten als das, was sie waren. Ich wusste, dass ganz schlichte Regungen die Verheißung tiefer Gefühle in sich tragen konnten.

Nichts war einfach, und in der Vielschichtigkeit des Lebens ahnte ich ängstliche Freuden, wunderbare Bangigkeiten, und meine Erwartungen gefielen mir, ich träumte von allem, ich fühlte mich zu Gefühlen fähig, die so tief waren wie das Meer, ich war eine Riesin, eingesperrt in einer engen Familie, einer altmodischen Schule, einer kleinen Provinzstadt, die sich hübsch fand, aber auch darunter litt, nicht Paris zu sein.

Während der gesamten Schulzeit kam es mir vor, als versuchte ich, durch eine Tür zu gehen. Die sich niemals ganz öffnete. Mich zwang, seitlich hindurchzuschlüpfen, mit eingezogenem Bauch, auf Zehenspitzen, mit angehaltenem Atem und der Vorsicht eines Dickwansts, der über einen Boden aus Papier läuft.

Aber als ich an diesem Abend, dem Abend meiner Silberhochzeit, den Stadtring verließ, um auf die Autobahn A6 zu fahren, wusste ich, dass in jenem Jahr 1976 viele Dinge sehr schön gewesen waren.

Und dass sie mir oft gefehlt hatten.

 

 

 

MAMANS SCHWESTER SUZANNE roch wie ihre Wohnung. Eine Mischung aus feuchtem Papier, Deodorant und Nagellack. Papa sagte: »Deine Schwester Suzanne ist, mit Verlaub, nicht nur schmutzig, sondern vulgär.«

»Bertrand, du darfst alles Mögliche über meine Schwester sagen, aber nicht, dass sie vulgär ist. Sie ist eine Spezialistin! Sie ist Wirtschaftsprüferin!«

»Mag sein, aber sie hat Fingernägel wie eine Apothekerin!«

»Oh!«

Das war falsch, ich weiß es. Ich habe mir die lackierten Fingernägel der Apothekerinnen genau angesehen, wenn sie sorgfältig kleine Schachteln in kleine Tüten steckten, dazu manchmal ein paar Pröbchen (»Ja, Madame Beaulieu, Trockenshampoo, doch doch! Trocken!«). Mein Vater hatte unrecht. Die Nägel der Apothekerinnen sind in neun von zehn Fällen tadellos. Die von Tante Suzanne waren es nie. Immer etwas abgeplatzt, ein Nagel abgebrochen, es war ihr egal. Ebenso wie alles andere. Sie liebte die Männer und machte keinen Hehl daraus, was bei uns nicht nur als ungehörig galt, sondern als schwere Krankheit. Ich verdanke ihr, sehr früh verstanden zu haben, dass die Liebe eine Wohltat ist. Sie nahm mich oft mit auf Reisen. Ostern 1975 waren wir in Marokko.

»Emilie«, hatte meine Mutter vor der Abreise gesagt, »Suzanne ist ein bisschen seltsam, das weißt du. Das Leben war nicht immer leicht für sie und … Na ja! Ich bitte dich um eins: Sobald du in Marrakesch bist, kaufst du eine Postkarte, egal, was für eine, eine vom Hotel, eine hässliche, ganz gleich. Auf diese Karte schreibst du, was du willst, ›es ist schön, die Reise war gut, ich habe mich im Flugzeug nicht übergeben‹, und dazu schreibst du: ›Tante Suzanne geht es gut.‹ Einverstanden?«

»Einverstanden.«

»Sie wird die Karte lesen, ich kenne sie, sie ist so neugierig wie eine alte Hu… sie ist sehr neugierig, also: du machst ein Kreuz, wenn alles gut ist, zwei Kreuze, wenn alles wirklich sehr, sehr gut ist und natürlich … wenn kein Kreuz da ist … dann weiß ich Bescheid, ich habe die Nummer vom Hotel, ich rufe sofort an, verlass dich auf mich.«

Man kann wohl sagen, dass meine Mutter ein Faible für Kreuze hatte, meine Mutter sah überall Kreuze und hatte zwei um den Hals hängen, neben drei Medaillons mit der Jungfrau, eins aus Lourdes, das andere aus der Rue du Bac und schließlich das von ihrer Taufe, das ganz fleckig war, weil sie ein nervöses kleines Mädchen gewesen war und in ihrer ganzen Kindheit darauf herumgebissen hatte.

In Marrakesch habe ich mich gemocht. Ich sah in den Spiegel und fand mich hübsch. Es war das erste Mal. Diese Offenbarung bestätigte, was ich unbewusst vom Leben erwartete, nämlich, dass ich es eines Tages beim Schopf packen würde. Ich würde mich kopfüber hineinstürzen, mit der ganzen zurückgehaltenen Energie eines schwer erträglichen, ganz von der Moral geprägten Alltags, mit der sich meine neurotischen Eltern auf dem Feld der guten Sitten und eines christlichen Lebens hervortun wollten. In den Souks fragten die Händler nach meinem Alter, sie sagten: »Sie ist schön wie eine Gazelle«, und Tante Suzanne antwortete: »Sie ist minderjährig, aber verheiratet, und morgen kommt ihr Mann.« Dann suchte sie mit ihren schlecht lackierten Fingernägeln mit mir Stoffe und faustgroße Ringe aus. Es roch nach Leder und nach Freiheit. Nach Minze und Eukalyptus. Ich schritt dahin wie eine Königin, ich spürte es, ich hatte einen Hintern, ich hatte einen Busen, ich hatte ein helles, langes Lachen, billige Armbänder um meine gebräunten Handgelenke, ich sah gern, wie sich meine Arme bewegten, ich überraschte mich dabei, dass ich mir gefiel.

Das Piano in der Hotelbar war schlecht gestimmt, und jeden Abend spielte der Pianist abwechselnd »My way« und »Que será«, wobei er die Hälfte der Kreuze übersah. Ich gab mir Mühe, nicht an Christine zu denken, und fragte mich, ob mein Leben später so sein würde, ob ich das oft genießen würde, durch den Duft von Jasmin und Gewürzen, toten Tieren und Trockenblumen zu spazieren, und ob es überall in der Welt billige Hotels mit alten Pianos gibt und ringsum Menschen mit so viel Leichtigkeit, dass sie vergessen, Kreuze auf ausgeblichene Postkarten zu zeichnen und sich ineinander verlieben, ohne jemals Atem zu holen.

 

 

 

ICH BIN SEIT FÜNFUNDZWANZIG JAHREN verheiratet, ich habe drei Kinder mit demselben Mann, drei Töchter, alle drei sind weggegangen, alle drei haben ohne Ankündigung das Haus verlassen, schon mit Ankündigung, aber zu spät und nicht so, wie sie es hätten tun sollen, zu glücklich vielleicht oder zu unbekümmert oder zu wenig zögernd, wie dem auch sei, sie sind gegangen, sie haben mich verlassen, das liegt in der Ordnung der Dinge, das sagt ihr Vater immer.

»Weißt du, Marc, es mag ja in der Ordnung der Dinge liegen, es mag ja normal, unvermeidlich, biologisch, physiologisch und sogar soziologisch richtig sein, ich pfeif drauf! Denn im Unterschied zu dir denke ich nicht ausschließlich mit dem Kopf.«

»Ach ja! Die Frau denkt mit dem Bauch. Sie schenkt Leben, und wir führen Krieg. Wo hast du die Fahrkarten hingesteckt? Ich hasse diese Internetreservierungen. Und sag mir nicht, Männer hätten kein Organisationstalent.«

»Ich sage gar nichts. Die Fahrkarten sind in meiner Tasche.«

Das waren kindische, unnötige Diskussionen. Wie nur Menschen sie führen können, die sich übereinander ärgern und sich so gut kennen, dass jedes Geheimnis, jede Überraschung ausgeschlossen ist; was bleibt, ist die Gewissheit, dass man schon vor dem anderen sagen könnte, was er denkt und wie er seinen Standpunkt verteidigen wird. Natürlich wird man da müde.

Ich unterrichte in einer Vorschule. Die Schule, in der ich arbeite, ist ganz in der Nähe, ich gehe zu Fuß, ich meide die Metro, die Menge, die sich beschnuppert und sich nicht mag. Ich bin Erzieherin – man sagt nicht mehr Erzieherin, sondern »Vorschullehrerin«, das ist umständlicher, heuchlerischer und genauso schlecht bezahlt. Ich lehre Lesen. Seit mehr als zwanzig Jahren. Kinder, die verstehen. Die lernen. Die behalten.

 

 

 

»Christine! Christine, ich weiss, dass du es kannst! Be und A: Ba. Ce und A: Ca! De und A: Da! Es ist ganz einfach!«

Wenn sie merkte, dass ich die Ruhe verlor, rannte Christine zu meiner Mutter und jammerte: »Maman! Maman! Stimmt’s, ich bin dein Kreuz?« Meine Mutter setzte ihre niedergeschlagene, aber tapfere Miene auf und seufzte: »O ja, meine arme Christine, du bist mein Kreuz!«

Dann kam Christine triumphierend in unser Zimmer zurück und sagte: »Na also, warum regst du dich auf?«

Warum ich mich aufregte? Sie sollte alles können, nicht nur singen und Ringos Frau sein … Ich brachte ihr bei, Druckbuchstaben zu malen, und sie schaffte es, aber ich habe ihre Hefte weggeworfen, wie ich meine weggeworfen habe, wenn auch mit dem Gefühl, dass ich mich irrte. Im Wert dieser Zeilen. Der Anstrengung, die dahintersteckte. Denn für Christine stand die Tür nicht nur halboffen. Sie war unerreichbar.

Ich brachte ihr halbwegs bei zu schreiben. Niemals zu lesen. Wahrscheinlich, weil ich es weniger wollte als sie. Ich glaube, ich hatte Angst vor dem, was sie in der Welt lesen würde, in der wir leben, wir, die wir unser Kreuz tragen, um unser Paradies zu kaufen, und ganze Leben lang auf eine Wunder-Anzeige auf einem zerknitterten Zeitungsblatt warten.

 

 

 

AN JENEM ABEND, als die Namen der Vorortstädte – Champigny, Rungis, Sainte-Geneviève-des-Bois – schon weit zurück lagen und ich den Wegweisern nach Lyon folgte, war mir bewusst, dass diese Reise keinen Sinn hatte. Jedenfalls nicht für die anderen. Wie sollte ich es den anderen erklären? Wie mit Marc darüber sprechen? Ich wollte nicht, dass er sich beunruhigte, ich wollte nicht, dass das alles ein Drama würde, Thema eines Ehestreits, das war mein Ausreißer, meine persönliche Geschichte, die ausnahmsweise einmal nichts mit seiner zu tun hatte. Ich hatte genug davon, immer im Plural zu sprechen. Marc und ich. Mein Mann und ich. Euer Vater und ich. Wir fahren in die Ferien. Wir feiern Weihnachten mit dem und dem. Wir sparen. Wir dachten, dass. Wir müssen mit euch sprechen … Mein Gott! Selbst ein Paar Schuhe kaufen oder die Zahnpastamarke wechseln wurde zur Gemeinschaftsaktion!

»Emilie! Du bist auf diese bescheuerte Werbung hereingefallen? Du hast diese superteure Zahnpasta mit Dreifachwirkung gekauft, wie kann eine Zahnpasta Dreifachwirkung haben, nicht mal ich, ein menschliches Wesen, behaupte, so viele Fähigkeiten zu besitzen!«

»Jedenfalls nicht die, dir Zahnpastapreise zu merken, geschweige denn die Adresse des nächsten Monoprix!«

Waren diese lächerlichen Streitereien, die uns beide herabwürdigten, nicht obendrein Zeichen einer anderen, sehr viel tiefer liegenden Gereiztheit? Oft sagte ich mir, dass wir, um nicht vor Wut, Groll und Frustration zu explodieren, mit schäbigen Tatzenhieben um uns schlugen und alltägliche Gesten und Worte in kriegerische Akte verwandelten, so harmlos wie zwei Püppchen in einer Kinderhand.

Ich musste Marc anrufen. Diese Erklärung so schnell wie möglich hinter mich bringen, ehe er Zeit hätte, meine Freunde, unsere Kinder und womöglich gar meine Eltern zu alarmieren, wenn er schon mal dabei war!

»Deine Eltern! Hab doch etwas Erbarmen mit deinen Eltern! Zwei harmlose Alte in einem sterilen Altersheim, wirklich, das ist eine Zeit der Leere, wie kannst du Angst vor der Leere haben?«

Ich hielt an der ersten Raststätte. Der Gedanke, dass Marc meine Eltern angerufen haben könnte, war absurd, machte mich aber trotzdem wütend. Ja, ich habe Angst vor der Leere. Ich habe Angst, eines Tages wie sie zu enden, mich in einen Sessel zu setzen und zu greinen, bis der Tod kommt.

Ich kaufte am Zeitungskiosk eine Telefonkarte und wählte in einer Zelle, die schlauerweise mitten auf dem Lastwagenparkplatz lag, die Nummer von zu Hause.

»Marc …«

»Mein Gott, du bist’s, sag mal, wo steckst du denn? Was ist los, ist alles in Ordnung? Ich bin gestorben vor Sorge, ist alles in Ordnung?«

»Hast du meinen Zettel nicht gefunden? Ich hab doch geschrieben, du sollst dir bloß keine Sorgen machen.«

»Willst du mich verscheißern?«

»Entschuldige …«

»Wo bist du? Du hast dein Handy vergessen, es war die Hölle, ich bin gestorben vor Sorge. Wo bist du?«

»Meine Eltern hast du nicht angerufen?«

»Wie? Was hat das mit deinen Eltern zu tun? Ist was mit deinen Eltern passiert?«

»Nein, natürlich nicht, ich wollte mich nur vergewissern, dass du sie nicht angerufen hast.«

»Ich hab niemanden angerufen, stell dir vor, ich sitze seit einer Stunde wie angeklebt neben dem Telefon, am Anfang dachte ich, du machst mir eine Überraschung, dann habe ich …«

»Eine Überraschung? Was für eine Überraschung?«

»Keine Ahnung … Ich … Ich habe die Seidenlaken gesehen … die Geschenke, die Kerzen … Ich dachte, vielleicht… Ich weiß, es ist bescheuert, ich habe schnell eingesehen, dass es bescheuert ist, wo bist du? Es ist so laut da … sind das Autos? Lastwagen? Bist du auf der Autobahn?«

»Ja.«

Es gab ein langes Schweigen. Er hatte Angst. Nur die Angst bringt Marc zum Schweigen. Ich hörte, dass er trank. Einen langen Zug, dann fuhr er fort:

»Wann kommst du zurück?«

»Ich besuche eine Freundin in Italien.«

»Sieh mal an. An unserem Hochzeitstag. Einfach so, ganz plötzlich. Eine Freundin in Italien.«

»Das macht keinen Sinn, ich weiß …«

Noch ein Zug … Der berühmte Pommard war doch noch geöffnet worden.

»Marc …«

Er hatte aufgelegt.

Ich ging in die Cafeteria, die zu dieser Zeit fast leer war, um einen Kaffee zu trinken. Meine Begeisterung war geschwunden. Warum war ich so hastig losgefahren? Warum hatte ich gedacht, dass diese Anzeige mir galt? Sie erwähnte Aix, aber es konnte genauso gut Aix-les-Bains sein oder Aix-la-Chapelle … Es gab sicher auch Emilies in diesen Städten, in diesem Jahr. Wie viele frühere Emilies fuhren nach Italien, um einen früheren Dario zu suchen? Konnte ein Junge wie er altern, ein Fünfzigjähriger mit graumelierten Schläfen und hängenden Lidern werden, ein Mann, dessen einziger Charme in seinem sorgsam bewahrten italienischen Akzent und seiner gespielt jugendlichen Art lag, sich mit der Hand durchs Haar zu fahren?

Ich spürte den Blick eines Mannes auf mir, er war rundlich und glänzte vor Schweiß, mochte um die vierzig sein und hatte den rauen Atem eines Kettenrauchers. Er sah erstaunt aus. Er betrachtete mich, als sei ich ein Ausstellungsobjekt am falschen Ort. Ich passte nicht in die Umgebung. Trotz meiner hohen Absätze, des Mousselinekleids, der Strümpfe und des nicht mehr ganz frischen Make-ups sah ich nicht ganz aus wie eine Frau, die an der Autobahn anschafft. Wo sollte ich heute schlafen? Daran hatte ich nicht gedacht … Wie lange würde ich bis Italien brauchen? Ich fahre nicht gern nachts, ich war müde von dem Tag, müde von der Aufregung und verärgert über mein Gespräch mit Marc. Er hatte gesagt: »Am Anfang dachte ich, du machst mir eine Überraschung …« Das hatte er von mir gedacht. Hätte ich es von ihm gedacht? Niemals. Was hätte ich gedacht? Dass er eine Geliebte hatte? Dass sie zu ihm gesagt hatte: »Ich warte schon so lange auf dich, heute Abend sprichst du mit ihr und verlässt sie!«, diese dramatischen Gemeinplätze, die pathetischen Ultimaten? Hatte Marc eine Geliebte? Hatte er sich etwas vorzuwerfen? Er war nicht aggressiv gewesen, er hatte besorgt geklungen, er hatte getrunken, seit einer Stunde wie angeklebt neben dem Telefon gesessen, wie er sagte.

Der runde, schwitzende Mann sah mich jetzt mit einem halben Lächeln an, er betrachtete mich schamlos, amüsiert. Ich zog unwillkürlich an meinem Kleid, schob meine Füße unter den Stuhl und beeilte mich, meinen Kaffee auszutrinken. Er griff mit einer Hand hinter sein Ohr und holte eine Zigarette hervor, die er mir zeigte, ehe er sie in der offenen Hand verschwinden ließ. Armer Kerl … Das erinnerte mich irgendwie an die Geburtstagsfeiern bei meinen Cousinen und an endlose, quälende Vorführungen. Er holte eine Münze aus der Tasche, stellte ein Glas darauf und legte eine Serviette über das Glas, das kannte ich auch, die Münze würde verschwinden, Abrakadabra. Als er die Serviette mit einem durchtriebenen Lächeln lüftete, war das Glas nicht mehr da. Ich nickte kurz, um ihn zu seinem Trick zu beglückwünschen, und stand auf, um zu gehen. Gleichzeitig trat eine Frau zu ihm, ich erkannte sie, es war die Barfrau. Sie hatte Feierabend. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr, sie hörte zu und sah mich dabei an.

Ich ging nach draußen.

Die Luft war drückend. Junge Spanier lehnten an ihrem Auto und aßen Sandwiches, aus dem Radio dröhnte Rap, eine Familie picknickte etwas weiter weg, in einem Auto bellte ein Hund, die Fernfahrer plauderten miteinander, erzählten sich Geschichten und zogen an ihren Zigaretten. Ich wollte gerade einsteigen, als mich die Barfrau einholte. Sie war gerannt, um mich noch zu erwischen.

»Habe ich etwas vergessen?«

Sie hatte Mühe, zu Atem zu kommen, und presste beide Hände in die Hüften, als wollte sie sich selbst halten.

»Mein Mann … Er sagt, Sie haben recht.«

»Wie bitte?«

»Ich weiß, es klingt komisch, aber er ist Magier.«

»Ja, ich habe es gesehen.«

»Und er kann Gedanken lesen.«

»Das ist gut …«

Ich öffnete die Fahrertür und stieg eilig ein. Die Frau hielt die Tür fest und wiederholte:

»Sie haben recht. Er wollte, dass ich Ihnen das sage. Sie haben recht.«

Ich sah sie an. Sie war nicht mehr ganz jung. Wie lange arbeitete sie schon an der Autobahn? Sie hatte eine schlaflose Nacht verbracht vor dem Bewerbungsgespräch bei einem kleinen, trockenen, schwarz gekleideten Mann mit nervösen Ticks. Er hatte sie eine Weile gequält, hatte versucht, sie zum Weinen zu bringen, aber sie hatte standgehalten und die Stelle bekommen. Er hatte ihr gratuliert und die Hand geschüttelt, hatte ihr gesagt, dass er ihre Widerstandskraft habe testen wollen, denn die Kunden seien nicht einfach, sie werde da einiges erleben, in ihrem Job müsse man mit allem rechnen, apropos, haben Sie heute Abend Zeit?

»Vielen Dank«, sagte ich.

»Keine Ursache. Wenn man jemandem helfen kann.«

Es kam mir vor, als erwartete sie eine Gegenleistung, etwa Geld? Das war zu einfach, ich hatte um nichts gebeten, dieser Typ hatte mich schamlos angestarrt und ich konnte mir leicht vorstellen, dass er zu jedem »Sie haben recht« sagte, um ein Trinkgeld zu kassieren. So einen Allerweltssatz wie »Liebet einander«, »Das Glück ist ganz nah«, »Sie haben recht«. Ich hatte Lust, sie freundlich in die Falle zu locken:

»Was hat Ihr Mann sonst noch in meinen Gedanken gelesen?«

Sie wirkte verlegen und schaute über den Parkplatz, als suchte sie ihn.

»Hat er es Ihnen nicht gesagt?«

»Er hat gesagt, ich soll es Ihnen nicht sagen.«

Da hatten wir’s. Der Trick mit dem Trinkgeld. Ich knallte die Tür zu und verriegelte sie sofort von innen. Die Frau sah gelinde gesagt verärgert aus. Ich hatte einen Moment Angst, ihr Mann sei so ein Kerl, der sie verprügeln würde, wenn sie mit leeren Händen zurückkäme. Ich öffnete das Fenster einen Spaltbreit.

»Sie wirken verärgert, stimmt was nicht?«

Sie starrte noch einen Moment auf den Parkplatz, dann flüsterte sie:

»Fahren Sie langsam.«

»Wohin?«

Sie sah mich an, als wäre ich das dämlichste Geschöpf, das ihr je auf dieser Autobahn begegnet war, obwohl hier die Verrückten aus allen vier Himmelsrichtungen vorbeikamen. Sie zögerte eine Sekunde, dann zischte sie mit all dem Hass, den ich ihr einflößte, weil ich sie zwang, ihren Mann anzulügen:

»Wohin wohl? Nach Italien!«

Und bevor ich irgendetwas fragen konnte, war sie davongerannt.

Ich startete hastig und fuhr los.

Ich war überhaupt nicht mehr müde. Und ausnahmsweise störte es mich nicht, nachts zu fahren. Ich schaltete das Radio ein. France Gall hauchte »Evidemment … Evidemment … On rit encore pour des bêtises, come des enfants… Mais pas comme avant«.

Ich hatte den Kopf an die Lehne gelegt und stieß unwillkürlich einen tiefen Seufzer aus … Es ging mir verdammt gut.

Zum ersten Mal sagte ich mir, dass meine Töchter gut daran getan hatten, das Haus zu verlassen. Ich fühlte mich so leicht, als hätte ich nicht dreimal ein Kind ausgetragen. Was bildeten sie sich ein? Dass ich, nur weil sie mich immer »Maman« genannt hatten, eben das schon immer gewesen war? Dass sie mich getauft, mich zur Welt gebracht hatten? »Ich habe dich zur Mutter gemacht«, sagte Marc, wenn unsere Streitereien eine böse Wendung nahmen. Wem sollte ich danken? Ihm oder meinen Töchtern, die nachsichtig lächelten, wenn ich ihnen etwas erzählte, das ich »in ihrem Alter« erlebt hatte, und schließlich sanft, mit etwas überdrüssiger Rücksicht sagten: »Ich weiß, Maman, ich weiß«, wie man einen Kranken beruhigt, der Fieber hat und etwas fantasiert. Keineswegs, meine Lieben, ihr wisst überhaupt nichts. Ihr seid in eine Welt voll alter Leute gekommen: eure Eltern, eure Onkel und Tanten, eure Nachbarn, eure Lehrer, die Verkäufer und die Ärzte, ganz zu schweigen von den Großeltern und allen, denen man im Bus oder in der Taxiwarteschlange den Vortritt lässt. Und die Momente, da man sich leicht fühlt, da die Welt in uns bereit ist, hervorzubrechen, das ist nichts im Vergleich zum Alter, das man von Geburt an in sich trägt. Wenn man auf der Welt ankommt, ist man ungefähr so alt wie alle, die einen umgeben. Da ist es natürlich weniger sichtbar. Und wenn ihr wüsstet, wie lange es dauert, und dass alle erleben, was euch erwartet! Wenn ihr wüsstet, was es für Schlangen in den Supermärkten geben wird, Chefs, die euch verachten, Rechnungen und schlaflose Nächte, Worte, die euch verletzen, Freunde, die euch verraten, und Kinder, die sich entfernen, schlimme Nachrichten, ferne Kriege, Massaker im Fernsehen und lärmende Nachbarn. Heute ist ein Autobahnabend. Es ist dunkel und es gibt nichts um mich herum, auch kein Telefon in meiner Tasche, keinen Beifahrer, nicht mal einen Koffer im Kofferraum, einen schlafenden Hund, einen Zettel in der Ablage, es gibt nichts.

Einen Magier vielleicht, der denkt, dass ich recht habe, nach Italien zu fahren – natürlich, auf der A6 wird er mich kaum dazu beglückwünschen, nach Brüssel zu fahren! Gauner sind nicht nur Psychologen, sie denken auch logisch.

 

 

 

GEGEN ZWEI UHR MORGENS, als ich mich Lyon näherte, wurde die Müdigkeit dennoch spürbar. Mehr als einmal drohte ich einzuschlafen, ich war steif und hatte leichte Migräne. In der Höhe von Châlons hielt ich vor einem Formule 1. Die Neonröhren machten das trostlose Motelfoyer taghell, in der Rezeption wartete nur eine Maschine, in die ich meine Kreditkarte steckte und die eine Zimmernummer anzeigte und die Magnetkarte ausspuckte, um die Tür zu öffnen, ich überlegte mir, dass die Hölle wahrscheinlich diesem Motel ohne Empfangsdame glich, sicher lag die Hölle am Rand der Autobahn, rund um die Uhr für alle geöffnet, hässlich, anonym und zu hell. Aber als ich endlich im Zimmer war, war alles eine Wonne: endlich das Mieder, die Strümpfe, das Kleid, die hohen Schuhe ausziehen, lange heiß duschen und mich in ein sauberes Bett legen. Ich lächelte ein paar Sekunden lang vor Glück, ehe ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf sank.

Als ich aufwachte, war vor meiner Tür erneut die Hölle los. Der Lärm der dahinrasenden Autos war nichts im Vergleich zu dem der Busse, die auf dem Parkplatz standen, ohne den Motor abzuschalten, im Flur lief ein Staubsauger und knallte gegen die Wände, ein Radio brüllte Werbung für Supermarktketten und billigen Ölwechsel, das Telefon am Empfang klingelte ins Leere, was hatte ich hier zu suchen? Hätte ich nicht in Marcs Armen aufwachen sollen, im Mieder, auf Seidenlaken, ausgepackte Geschenke am Fußende und leere Gläser neben heruntergebrannten Kerzen? Was hatte mich getrieben, vor einem Hochzeitstag zu fliehen, den ich so sorgfältig vorbereitet hatte? Und was war das Ziel dieser Anzeige? Was wollte er herausfinden, mein schöner Liebster? Hatte er erfahren, dass er Krebs hatte, schrieb er seine Memoiren, testete er seine Verführungskraft, nach so langer Zeit? Ich hatte keine Ahnung. Aber ich vertraute Dario und vertraute auch jener plötzlichen Regung, die mich aus meinem Zuhause geschleudert hatte. Ich fühlte mich stark, wie eine allzu träge Frau, die plötzlich beschließt, ins eiskalte Wasser zu springen, und mit stockendem Atem und frischem Blut daraus auftaucht.

Es war falsch gewesen, die Autobahn zu nehmen. Ich musste mir bequeme Kleider kaufen und der Landstraße folgen. In dem Rhythmus nach Genua fahren, den ich vorgab und der gut für mich war.

Von dem Telefon auf einem an die Wand geschraubten Nachttisch rief ich Marc an. Es klingelte lange, ehe er ranging, ich wusste, dass er um diese Zeit unter der Dusche stand. Ich konnte mir vorstellen, wie er sich mit einer Hand die Haare trocknete, während er mit der anderen abnahm, ich sah seinen leicht geneigten Kopf, die zusammengekniffenen Augen und die Wassertropfen an seinem Hals.

»Marc, ich bin’s. Hör mal, es stimmt, ich fahre wirklich nach Italien. Dort treffe ich keine Freundin, sondern …«

»Ich habe alle deine SMS gelesen, weißt du das? Und deine Mailbox abgehört. Entweder hast du mehrere Telefone oder du versteckst dein Spiel verdammt gut.«

»Ich bin spätestens in einer Woche zurück.«

»Kann ich dich irgendwo erreichen?«

»Nein, ich rufe dich wieder an, gib mir deine Mobilnummer, ich kann sie nicht auswendig, und auch die der Mädchen, du hast doch hoffentlich nicht die Mädchen angerufen?«

»Hör auf, mir zu sagen, wen ich anrufen soll und wen nicht. Natürlich habe ich die Mädchen angerufen! Was hättest du an meiner Stelle getan?«

»Ich habe einen Stift, sag mir die Nummern.«

»Auf dein Risiko.«

»Wie bitte?«

»Ruf sie an, wenn du willst, aber ich bezweifle, dass sie so ruhig bleiben wie ich.«

»Und warum? Warum sollten sie nicht ruhig bleiben? Was geht es sie an, dass ich nach Italien fahre? Ich werde nicht für den Rest meines Lebens euch allen Rechenschaft darüber ablegen, was ich mache, was ich denke und was ich vorhabe, wofür haltet ihr euch eigentlich?«

»Für deine Familie.«

»Super! Du kannst deine Nummern behalten.«

Und ich habe aufgelegt.

 

 

 

ALS ICH DARIO ZUM ERSTEN MAL SAH