DIE EXPEDITIONEN DES JEDEDIAH SMITH - Alfred Wallon - E-Book

DIE EXPEDITIONEN DES JEDEDIAH SMITH E-Book

Alfred Wallon

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Beschreibung

Jedediah Smith (1798 - 1831) gilt noch heute als einer der bekanntesten und bedeutendsten Entdecker auf dem nordamerikanischen Kontinent. Er erkundete als erster Weißer den Landweg von den Rocky Mountains durch die Mojave-Wüste nach Kalifornien und erlebte dabei zahlreiche Abenteuer. Er war ebenfalls der erste weiße Entdecker, der die Berge der kalifornischen Küstenkette durchquerte und von Süden her Oregon erreichte. Um seinen Namen rankten sich zahlreiche Legenden, und diese trugen mit dazu bei, dass er bis heute unvergessen geblieben ist. Alfred Wallon hat mit seinem Roman DIE EXPEDITIONEN DES JEDEDIAH SMITH die wichtigsten Stationen im Leben dieses Mannes nach historischen Dokumenten aufgezeichnet. Daraus ergibt sich ein spannender Roman über eine frühe Epoche der amerikanischen Pioniergeschichte, deren Handlung gut 50 Jahre vor der Zeit spielt, die man als den sogenannten "Wilden Westen" bezeichnet.

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ALFRED WALLON

 

Die Expediditionen

des Jedediah Smith

 

 

 

 

Roman

 

 

 

 

Apex-Verlag

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

Der Autor 

 

DIE EXPEDITIONEN DES JEDEDIAH SMITH 

Vorwort 

Erstes Buch: DIE ROCKY MOUNTAIN FUR COMPANY 

Zweites Buch: DIE CALIFORNIA-EXPEDITION 

Drittes Buch: EXPEDITION IN EIN FREMDES LAND 

Viertes Buch: TOD AM SANTA-FÈ-TRAIL 

Nachwort 

 

Das Buch

 

 

Jedediah Smith (1798 - 1831) gilt noch heute als einer der bekanntesten und bedeutendsten Entdecker auf dem nordamerikanischen Kontinent. Er erkundete als erster Weißer den Landweg von den Rocky Mountains durch die Mojave-Wüste nach Kalifornien und erlebte dabei zahlreiche Abenteuer. Er war ebenfalls der erste weiße Entdecker, der die Berge der kalifornischen Küstenkette durchquerte und von Süden her Oregon erreichte. Um seinen Namen rankten sich zahlreiche Legenden, und diese trugen mit dazu bei, dass er bis heute unvergessen geblieben ist.

 

Alfred Wallon hat mit seinem Roman Die Expeditionen des Jedediah Smith die wichtigsten Stationen im Leben dieses Mannes nach historischen Dokumenten aufgezeichnet. Daraus ergibt sich ein spannender Roman über eine frühe Epoche der amerikanischen Pioniergeschichte, deren Handlung gut 50 Jahre vor der Zeit spielt, die man als den sogenannten „Wilden Westen“ bezeichnet.

Der Autor

 

 

 

 

 

 

 

  

  

 

 

Alfred Wallon, Jahrgang 1957. 

 

Alfred Wallon, geboren in Marburg/Lahn, interessierte sich bereits sehr früh für die Geschichte des Wilden Westens. 1981 veröffentlichte er seinen ersten historischen Western. Im Lauf der Jahre betätigte er sich in fast allen gängigen Sparten der Spannungs- und Unterhaltungslitarur. Sein Werk umfasst mehr als 200 verschiedene Publikationen bei deutschen Verlagen sowie diverse weitere in englischer Sprache.

Sein bevorzugtes Genre ist jedoch bis heute der klassische Western geblieben.

Alfred Wallon ist Mitglied der amerikanischen Schriftstellervereinigung Western Fictioneers und arbeitet weiter an neuen, teilweise auch englischsprachigen Projekten.

DIE EXPEDITIONEN DES JEDEDIAH SMITH

 

 

 

 

 

  Vorwort

 

 

Viele Leser verbinden mit den Romanen über den sogenannten Wilden Westen die Jahre zwischen 1865 und 1880. In Wirklichkeit war jedoch zu dieser Zeit die Entdeckung und Erschließung des amerikanischen Kontinents schon weitestgehend abgeschlossen. Nur noch wenige weiße Flecken existierten auf den Landkarten, die wirklich noch gänzlich unbekannt waren. Um 1880 herum war die weiße Zivilisation schon so weit fortgeschritten, dass Eisenbahnlinien selbst abgelegene Orte miteinander verbanden und Nachrichten sich auf diese Weise in Windeseile verbreiten konnten.

Die einstigen Herren des Landes – die großen Stämme der Plains – waren größtenteils unterworfen und in Reservate abgeschoben worden, in denen sie ein Leben fristen mussten, das diese Bezeichnung nicht verdiente. Das Land, das den Lakota, Cheyenne und anderen Stämmen gehört hatte, befand sich für immer im Besitz der Weißen – und niemals wieder sollten die alten Zeiten zurückkehren, als ein ganzes Volk auf die großen Büffelherden gewartet hatte. Die Büffelherden, die den Mittelpunkt des Lebens und der Kultur der Plainsstämme darstellten, waren zu diesem Zeitpunkt schon fast ausgerottet. Selbst das kurze und sehr heftige Aufflackern der Geistertanz-Religion im Jahre 1890 war nur noch ein kurzzeitiger, aber umso dramatischer Aufstand. Aber das ist eine andere Geschichte, über die ich in meinem Roman Geistertanz schon berichtet habe...

Die Epoche, von der ich jetzt erzählen möchte, verdient wirklich die Bezeichnung »Wilder Westen«. Denn in den Jahren 1790 – 1830 waren große Teile Nordamerikas für die weißen Siedler und Pioniere völlig unbekannt. Niemand wusste etwas über die tatsächlichen Dimensionen der großen Plains und der Rocky Mountains. Erst durch wagemutige Expeditionen mutiger und entschlossener Männer sollte sich dies ändern.

Zu den Wegbereitern dieser Zeit gehören ganz sicher auch die Trapper und Fallensteller, die auch unter dem Namen Mountain-Men bekannt geworden sind. Einer von ihnen war der legendäre Daniel Boone, der die ersten Siedler schon Jahre zuvor über den Cumberland-Gap nach Kentucky führte. Der Autor James Fenimore Cooper hat mit seinen Lederstrumpf-Erzählungen Daniel Boone ein literarisches Denkmal gesetzt. Auch wenn der Held in Coopers Erzählungen Nathaniel Bumppo heißt, so weist vieles darauf hin, dass er in diesem Mann Daniel Boone sah.

Es waren die Mountain-Men, die im Auftrag der großen Pelzhandelsgesellschaften in die Wildnis vordrangen und sich dort auf die Jagd nach Bibern begaben. Meist in größeren Gruppen, weil nur dies das Überleben in der rauen Wildnis garantierte. Sie mussten nicht nur gegen feindliche Indianer kämpfen, sondern auch gegen Wind und Wetter und unbarmherzige klimatische Verhältnisse – im Sommer wie im Winter. Weil die Biberjagd für sie das Wichtigste war, denn zu Beginn der ersten Expeditionen wurden für Biberfelle im Osten noch gute Preise bezahlt. Aber Angebot und Nachfrage änderten sich rasch, so dass das Interesse an Biberfellen im Osten in nur 10 Jahren deutlich sank und die Trapper-Brigaden kaum noch etwas verdienten. Gleichzeitig drang die Zivilisation in den Wäldern des Ostens immer weiter voran. Die Indianerstämme wurden von den weißen Siedlern vertrieben und gezwungen, weiter nach Westen zu ziehen, während die Städte im Osten immer größer wurden.

Aber nicht nur die Indianerstämme betrachteten mit Sorge das Vordringen der weißen Siedler und Pioniere – auch die Mountain Men sahen in dieser Entwicklung gleichzeitig das Ende einer ganzen Epoche. Unberührte Täler und Regionen wurden von den landhungrigen Siedlern entdeckt, in Besitz genommen und vehement verteidigt. Das Echo von Sägen und Äxten waren neue und ungewohnte Geräusche, die mit der Landnahme einhergingen – und für die Mountain Men gab es nur eine einzige Antwort darauf: weiter nach Westen ziehen. In der Hoffnung, auf von der Zivilisation noch unberührte Täler und Wälder zu stoßen, wo man noch ungestört jagen und fischen konnte.

Wer dieses Leben in der Wildnis führte und aushielt, zählte zu einer besonderen Spezies von Abenteurern, die sich erst in zweiter Linie als Entdecker betrachteten. Sie waren die Letzten einer aussterbenden Art – aber ihre Namen sind bis heute nicht vergessen. Und dies gilt auch für die großen Pelzhandelsgesellschaften wie z.B. die American Fur Company, die Rocky Mountain Fur Company und die Hudson´s Bay Company. Männer wie Jim Bridger, Milton Sublette, David Jackson, Kit Carson, William Ashley und Andrew Henry sind stellvertretend für diese Epoche – und natürlich auch Jedediah Strong Smith, dessen Expeditionen bis heute noch als die wichtigsten ihrer Zeit gelten.

Jedediah Strong Smith lebte von 1798 – 1831. In seinem kurzen, aber sehr ereignisreichen Dasein erlebte er zahlreiche Abenteuer und stieß in Regionen vor, die noch kein Weißer je zuvor betreten hatte. Bei all seinen Expeditionen führte er akribisch Tagebuch, und diese Aufzeichnungen bildeten für spätere Generationen einen unglaublichen Schatz an Wissen und Informationen.

Smith stammte aus einer Familie von Siedlern und wuchs als eines von 14 Kindern auf. Schon früh fühlte er sich für den Zusammenhalt in seiner Familie verantwortlich. Er verdankte einen großen Teil seiner Erziehung dem benachbarten Arzt Dr. Simms, der ihm nicht nur die Grundzüge einer englischen Erziehung vermittelte, sondern ihn auch die lateinische Sprache lehrte. Als die Familie später nach Ohio zog, arbeitete der schnell heranwachsende Jedediah Smith als Kaufmannsgehilfe auf den Schiffen der Großen Seen. Dort lernte er sehr schnell die Grundzüge des kaufmännischen Handelns und übernahm auch früh große Verantwortung. Dort begegnete er auch zum ersten Mal einer Gruppe von Händlern, die für französische Pelzhandelsgesellschaften arbeiteten – und sie waren in seinen Augen das Sinnbild für Abenteuer und erstrebenswerten Reichtum. Deshalb wollte er selbst alles tun, um ebenfalls ein solcher Pelzjäger zu werden. Diese Chance bot sich ihm 1822, als er sich in St. Louis William Ashley und Andrew Henry anschloss, die mit mehreren Kielbooten den Lauf des oberen Missouri erkunden wollten und auch die Jagd nach Bibern planten.

Für Smith war dies die lang ersehnte Tür in ein anderes Leben. St. Louis war zu dieser Zeit die westlichste Stadt der Vereinigten Staaten und galt als letzter Vorposten der bekannten Zivilisation. Die Prärien weiter im Westen waren größtenteils unbekannt, und die Flüsse bildeten die einzigen Verkehrswege. Ashley und Henry wollten als erste die Jagd in den Bergen groß aufziehen und die Rivalen anderer Pelzhandelsgesellschaften aus dem Rennen schlagen. Dazu gaben sie Anzeigen im Missouri Republican und anderen Zeitungen  mit folgendem Text im Februar und März 1822 auf:...An unternehmungslustige junge Männer: Der Unterzeichnende wünscht 100 Männer, die zur Quelle des Missouri River hinaufsteigen und dort für ein bis zwei Jahre beschäftigt werden...

Vermutlich hat Jedediah Strong Smith diese Anzeige ebenso gelesen wie Dutzende anderer abenteuerhungriger Männer. Fast alle, die sich Ashleys und Henrys Expedition anschlossen, wurden später zu Symbolfiguren für die Frühzeit des Wilden Westens. Neben dem 23-jährigen Smith unterschrieben auch Jim Bridger, James Clyman, Tom Fitzpatrick, Hugh Glass, Edward Rose, David Jackson, James Beckwourth sowie die Brüder William und Milton Sublette. Die Gruppe verließ am 8. Mai 1822 St. Louis mit zwei Kielbooten und fuhr den Missouri River aufwärts. Bei den Arikaree-Indianern teilte sich die Gruppe an der Mündung des Grand River. Andrew Henry und einige andere Pelzjäger fuhr mit den Booten weiter bis zu den Quellen des Yellowstone River, während der Rest unter Ashleys Leitung bei den Indianern Pferde kaufte und auf dem Landweg weiter zog. Jedediah Smith blieb bei Ashley und verbrachte den Winter 1822 / 1823 in einem Außenposten nahe der Mündung des Musselshell River. Im Frühjahr zog er mit einigen Gefährten weiter flussaufwärts und jagte Biber.  Zu diesem Zeitpunkt beginnt der vorliegende Roman.

Es gibt nur wenige Romane über die Zeit der Mountain-Men in deutscher Sprache - von historischen Romanen über diese Epoche ganz zu schweigen. Ein bemerkenswertes Buch ist sicher »Sacajawea« von Anna Lee Waldo, die mit diesem eigenwilligen Roman auch den Expeditionen von Meriwether Lewis und William Clark Anerkennung zollt. In den USA dagegen werden auch heute noch historische Mountain-Men-Romane von den großen Publikumsverlagen veröffentlicht. Autoren wie Win Blevins oder Terry C. Johnston haben hier einige bemerkenswerte Romane geschrieben, die bis heute leider nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Insbesondere der 2001 verstorbene Terry C. Johnston schuf mit seinen neun Romanen um den Trapper und Mountain-Man Titus Bass ein herausragendes Werk, das bis jetzt unerreicht blieb. Johnstons Erzählungen haben ganz sicher mit dazu beigetragen, dass ich nun ebenfalls einen Blick in diese Zeit werfe.

Begleiten Sie deshalb nun Jedediah Strong Smith auf seinem historischen und abenteuerlichen Weg durch die Wildnis.

 

 

 

 

 

  Erstes Buch: DIE ROCKY MOUNTAIN FUR COMPANY

 

 

 

Kapitel 1

 

 

 

8. Juni 1823

Unweit der Mündung des Cheyenne River 

 

 

»Diese Ruhe gefällt mir nicht«, brummte Milton Sublette und schaute dabei misstrauisch zu seinem Bruder William, der jetzt auch einen Moment inne hielt und hinüber zu den Büschen schaute.

»Mir kam es auch so vor, als hätte ich etwas gehört«, erwiderte William Sublette. »Wir sollten besser von hier verschwinden – und zwar so schnell wie möglich...«

Jedediah Smith blickte erstaunt zu den beiden Brüdern, als er bemerkte, wie angespannt sie auf einmal wirkten. Eben noch hatten er und die beiden Pelzjäger der Fährte des Hirsches folgen wollen, die sie in unmittelbarer Nähe des Lagers entdeckt hatten. Aber jetzt unterließ er es und blickte stattdessen ebenfalls in die Richtung, wo William ein verdächtiges Geräusch zu hören geglaubt hatte.

»Was ist?«, fragte er, während er nach seiner Rifle griff und ein Gedanke den anderen jagte. Er war mit seinen 23 Jahren noch verhältnismäßig jung im Vergleich zu den übrigen Mountain Men, die sich William Ashleys und Andrew Henrys Truppe angeschlossen hatten. Aber in den vergangenen zwei Monaten hatte er deutlich bewiesen, dass man jederzeit auf ihn zählen konnte – egal in welcher Hinsicht. Deshalb wusste er jetzt auch, was zu tun war.

»Komm rüber zu uns«, sagte William Sublette, der mit seiner Rifle in Richtung der Büsche zielte. »Beeil dich, Jed.«

Etwas in seiner Stimme ließ anklingen, dass Gefahr im Verzug war. Das wusste jeder von Ashleys und Henrys Männern, denn der schon lange schwelende Konflikt zwischen den Arikaree und Lakota war bereits vor einigen Wochen zum Ausbruch gekommen. In der Form, dass eine Gruppe von Arikaree-Kriegern einem Trupp Pelzhändler von der Missouri Fur Company weiter flussaufwärts aufgelauert und dann angegriffen hatte. Weil diese zwei Lakota-Scouts als Führer angeheuert hatten. Diese Tatsache hatte für die Arikaree ausgereicht, um den Weißen sofort den Krieg zu erklären. Sie hatten die Herausgabe ihrer Feinde von den Pelzhändlern verlangt, aber diese hatten sich geweigert. Daraufhin war es zu einem kurzen, aber heftigen Kampf gekommen, bei dem zwei Arikaree erschossen worden waren.

Natürlich hatte sich die Nachricht von dieser tödlichen Auseinandersetzung in Windeseile unter den weißen Pelzhändlern verbreitet, und jede Gruppe traf besondere Maßnahmen, um sich vor plötzlichen Angriffen zu schützen. Deshalb hatten Ashley und Henry ihren Leuten Anweisungen gegeben, niemals allein die Wälder zu durchstreifen, sondern immer mindestens zu dritt.

Die Arikaree hatten sich bisher zurückgehalten und einen weiteren Kampf mit den Weißen vermieden. Aber die Zeichen hatten sich vermehrt, dass sie in der Nähe waren und die Mountain Men aus einer sicheren Distanz beobachteten. Vermutlich hatten sie auch mitbekommen, dass die beiden schweren Kielboote in der Mitte des Missouri-Flusses ankerten, während ein großer Teil der Mountain Men am Ufer lagerte, um die Pferde zu bewachen, die Smith erst vor wenigen Tagen bei einem befreundeten Lakota-Stamm gekauft hatte. Dieses Freundschaftsbündnis mit den Lakota schien ein offener Affront für die Arikaree zu sein.

Während die Sublette-Brüder ihre Rifles im Anschlag hielten und weiterhin das dichte Gebüsch beobachteten, kam Smith zu ihnen. Er wirkte nervös, weil er genau wie seine beiden Gefährten die Gefahr spürte, aber nichts erkennen konnte, was darauf hinwies.

»Diese Nacht müssen wir noch mehr Wachen aufstellen«, meinte Milton Sublette. »Ich habe kein gutes Gefühl, Freunde. Wir hätten besser hier kein Camp aufschlagen sollen. Ich fühle mich erst wohler, wenn wir die Grenzen des Arikaree-Landes hinter uns haben.«

»Male ja nicht den Teufel an die Wand, Milt«, erwiderte Smith im Brustton der Überzeugung. »Die Arikaree werden es niemals wagen, uns anzugreifen. Sonst bekommen sie jede Menge Ärger mit den Soldaten aus Fort Atkinson. Dieses Risiko werden sie nicht eingehen. Außerdem haben wir vor einigen Wochen noch Geschäfte mit ihnen gemacht.«

»Deinen Optimismus teile ich nicht«, brummte Milton Sublette. »Ich traue diesen roten Halunken nicht über den Weg. Heute schwören sie, dass sie unsere Freunde sind und morgen kämpfen sie gegen uns. Weiß der Teufel, warum das so ist. Aber ich werde in dieser Nacht jedenfalls die Augen offen halten.«

»Nicht nur du, Bruder«, pflichtete ihm William Sublette bei. »Und was den Hirsch angeht – ich verzichte liebend gerne auf die Beute. Dafür ist mir mein Skalp viel zu wertvoll, als dass ich ihn so leichtfertig aufs Spiel setze...«

Smith war verwundert, die Sublette-Brüder so ernst zu erleben. Normalerweise ließen sie sich so schnell nicht einschüchtern. Aber an diesem Nachmittag wollte keiner von ihnen tiefer in den dichten Wald eindringen und die Fährte des Tieres weiter verfolgen. Jedediah Smith war zwar anderer Meinung, aber er fügte sich schließlich und ging mit den beiden Gefährten wieder zurück zum Camp, das die Pelzjäger am Ufer des Missouri errichtet hatten.

 

*

 

»Ich dachte, ihr wolltet auf die Jagd gehen?«, fragte David Jackson, als er die die Männer wieder zurück kommen sah und deren nachdenkliche Blicke bemerkte. »Habt ihr es euch wieder anders überlegt?«

»Wir werden wahrscheinlich von diesen Arikaree-Bastarden beobachtet«, antwortete Milton Sublette und zeigte mit dem Daumen der rechten Hand hinter sich. »Ich würde einen ganzen Monatslohn darauf wetten, dass sie gar nicht weit von uns entfernt in den Büschen stecken und nur darauf warten, bis wir eingeschlafen sind. Es war keine gute Idee, hier die Nacht zu verbringen.«

»Was ist los?«, mischte sich der Mulatte James Beckwourth ein, als er Sublettes erregte Stimme hörte. »Gibt es ein Problem?«

»Wir wissen es nicht«, entgegnete Smith. »Milt und William meinen, dass uns jemand beobachtet.«

»Habt ihr irgendwelche Spuren oder sonstigen Hinweise gefunden?«, wollte nun Jim Bridger wissen, der neben Beckwourth stand.

»Nein«, seufzte Milton Sublette. »Aber du weißt genau, dass dies nichts zu bedeuten hat, Jim. Die Roten entdecken wir erst, wenn sie wirklich gesehen werden wollen. Und dann ist es meistens zu spät.«

»Und was erwartest du jetzt?«, konterte Bridger. »Dass wir Hals über Kopf unsere Pferdeherde im Stich lassen und uns auf die Kielboote zurückziehen? Captain Ashleys Anweisungen waren klar und deutlich. Wir sollten Pferde kaufen, und das haben wir getan. Falls die Arikaree glauben, dass sie uns die Tiere stehlen können, dann haben sie sich aber getäuscht. Wir werden die Wachposten verstärken – und zwar die ganze Nacht über.«

»Ich bin mit dabei«, sagte Milton Sublette, und sein Bruder William äußerte den gleichen Wunsch. Auch Jedediah Smith wollte eine Wache übernehmen, und so fand sich eine rasche Lösung. Zehn Männer sollten das Camp in dieser Nacht bewachen. Das waren doppelt so viele Posten, wie man bisher aufgestellt hatte. Auf diese Weise wollten die Pelzjäger sicherstellen, dass es zu keinen plötzlichen Angriffen kam.

Währenddessen versank die Sonne als glutroter Feuerball hinter den dicht bewaldeten Hügeln, und die Abenddämmerung breitete sich am Ufer des Missouri aus. In dieser Nacht verzichteten die Männer auf ein wärmendes Feuer. Sie legten sich schlafen, aber ihre Waffen waren stets griffbereit. Der Gedanke, dass Feinde in der Nähe waren, verursachte bei manchen Männern eine Gänsehaut. Denn bis jetzt hatten sie bei ihrer Expedition auf dem oberen Missouri Glück gehabt und jegliche Auseinandersetzungen mit den Indianerstämmen vermeiden können. Aber mittlerweile sah es wirklich danach aus, als wenn die Ruhe der letzten Tage und Wochen nicht mehr lange anhalten würde.

Jedediah Smith hatte sich etwas weiter oberhalb des Camps postiert und beobachtete das vor ihm liegende Gelände. Zum Glück war es eine sternenklare Nacht, so dass er einen guten Überblick hatte. In der Mitte des Flusses ankerten die beiden Kielboote, und drüben auf der anderen Seite des Missouri erstreckten sich weite bewaldete Hügel bis hin zum Horizont. Unter normalen Umständen wäre das ein friedlicher und auch idyllischer Anblick gewesen. Aber Smiths Gedanken kreisten verständlicherweise um ganz andere Dinge. Deshalb zuckte er beim geringsten Geräusch zusammen, das er vernahm und zielte sofort in die betreffende Richtung. Aber diesmal war es zum Glück nur James Beckwourth, der gekommen war, um ihn abzulösen.

»Wenn du nicht aufpasst, dann erwischst du noch einen unserer Leute, Jed«, meinte der Mulatte kopfschüttelnd. »Deine Nerven sind auch nicht mehr die besten. Beruhige dich lieber, sonst findest du für den Rest der Nacht keine Ruhe mehr.«

»Das ist leichter gesagt als getan, James«, erwiderte Smith. »Ich komme mir vor wie auf einem Präsentierteller. Irgendwo da draußen im Unterholz warten die Arikaree nur darauf, dass wir einen Fehler machen und...«

»Das kann so sein, muss aber nicht«, erwiderte Beckwourth. »Weder die Sublette-Brüder noch du habt etwas Genaues erkennen können. Vielleicht war das alles auch nur eine Täuschung, und wir schlagen uns hier umsonst die Nacht um die Ohren.«

»Kann sein«, nickte Smith. »Aber wir wissen es nicht. Allein der Gedanke, dass die Arikaree über uns herfallen, während wir alle schlafen, sorgt dafür, dass ich wahrscheinlich für den Rest der Nacht wach bleiben werde.«

»Damit tust du dir aber keinen Gefallen, Jed«, meinte Beckwourth. »Morgen liegt noch ein anstrengender Tag vor uns. Also gönne dir lieber die paar Stunden Ruhe bis zum Sonnenaufgang. Und zerbrich dir nicht zu sehr den Kopf darüber, was alles sonst noch geschehen könnte...«

Während die letzten Worte über seine Lippen kamen, nahm er seine Rifle hoch und ließ Smith durch diese entschlossene Geste spüren, dass er ein entschlossener Kämpfer war. Das galt im Übrigen für jeden der Männer, die sich Ashley und Henry angeschlossen hatten, und deshalb beruhigte sich Smith wieder. Er nickte Beckwourth noch einmal kurz zu, bevor er zurück zum Lager ging.

Wenige Minuten später breitete er seine Decken auf dem Grasboden aus und legte sich hin. Schließlich siegte dann doch die Müdigkeit über die Nervosität, und Smith schlief ein.

 

*

 

Von einer Sekunde zur anderen wachte Smith auf. Im ersten Moment war er noch benommen von den wirren Träumen, die ihn heimgesucht hatten. Aber dann klärten sich seine Gedanken wieder, und er setzte sich auf, während er seine Blicke umherschweifen ließ.

Am Horizont zeichneten sich die ersten hellen Schimmer des beginnenden Tages ab. Der Morgennebel hing über dem Fluss und hatte sich mittlerweile immer stärker ausgebreitet, so dass die benachbarten Hügel nur noch als blasse Schemen zu erkennen waren.

Smith fror, weil die Kälte zu dieser frühen Stunde ihm eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Oder lag es daran, dass die Nebelschleier etwas vor seinen Blicken verbargen? Etwas, was greifbar nahe war und nur auf den richtigen Moment lauerte, um dann umso erbarmungsloser zuschlagen zu können?

Das beunruhigte Smith so sehr, dass er sofort hinüber zu den Felsen schaute, wo sich einer der Wachposten aufhielt. Im ersten Moment war Smith erleichtert, als er die Konturen des Mannes erkannte. Aber irgendetwas stimmte nicht an diesem Bild. Es war zu ruhig. Der Mann bewegte sich gar nicht. Er hockte zwischen den Felsen und blickte nur in eine bestimmte Richtung.

Sofort schaute Smith zur gegenüberliegenden Seite des Camps. Aber der Mann, der dort die Wache übernommen hatte, war auf einmal nicht mehr zu sehen. Stattdessen erklang ein leises Geräusch im Unterholz, und dann blieb alles still. Aber nur wenige Sekunden, denn kurz darauf zerriss ein lauter und durchdringender Schrei die Stille des frühen Morgens. Ein Schrei, wie ihn nur jemand ausstoßen konnte, dessen Leben ein jähes Ende gefunden hatte!

»Indianer!«, brüllte Smith, als er mehrere Gestalten durch den Nebel huschen sah. Er riss seine Rifle hoch, zielte auf einen der Angreifer und drückte sofort ab. Seine Kugel erwischte einen der Angreifer und stieß ihn zur Seite. Es war ein Arikaree-Krieger, den Smith gerade noch daran hatte hindern können, mit seinem Beil einen der so plötzlich aus dem Schlaf gerissenen Gefährten zu töten.

In Windeseile lud Smith seine Rifle nach und feuerte einen weiteren Schuss auf die Angreifer ab, die so unvermutet aus dem Nebel gekommen waren. Erneut traf er sein Ziel und registrierte mit Genugtuung, wie der Arikaree zusammenbrach. Aber das reichte nicht mehr aus, um den Ansturm der Krieger zu stoppen.

Smith wusste nicht, wie es die Indianer geschafft hatten, sich unbemerkt an der Kette der Wachposten vorbei zu schleichen. Er ahnte nur, dass es schon vorher die ersten Toten gegeben haben musste, denn wenn die Gefährten nicht Alarm schlugen, dann gab es dafür nur eine einzige Erklärung: sie waren dazu nicht mehr in der Lage gewesen, weil sie längst überrumpelt und umgebracht worden waren.

Die Krieger, die jetzt über das Lager herfielen und sich auf die völlig überraschten Mountain Men stürzten, wirkten wie Dämonen aus einer anderen Welt. Ihre Gesichter waren grell bemalt, und ihre markerschütternden Schreie lähmten einige der Männer, die noch keine Erfahrung mit kämpfenden Indianern hatten. Sie waren die ersten, die unter den Messerstichen und Beilhieben der Arikaree ihr Leben aushauchten – und sie würden nicht die letzten sein, die an diesem verhängnisvollen nebligen Morgen starben.

Ein gellender Kriegsschrei ließ Smith für Bruchteile von Sekunden erstarren, während er sein Gewehr rasch nachzuladen versuchte, aber dann erkennen musste, dass er es nicht mehr rechtzeitig schaffen würde, einen Schuss abzugeben. In diesem Augenblick war der Arikaree bereits bei Smith und holte mit dem Kriegsbeil zu einem tödlichen Hieb aus. Geistesgegenwärtig riss Smith seine Rifle hoch und konnte den Schlag noch abblocken. Der Arikaree stieß einen wütenden Schrei aus, als er begriff, dass sein Gegner sich nicht einschüchtern ließ und wollte zu einem zweiten Hieb ausholen. Aber diesmal kam ihm Smith zuvor und verpasste ihm mit dem Kolben seiner Rifle einen Schlag gegen den Kopf. Der Arikaree taumelte und ließ sein Beil fallen. Das war die Chance, auf die Smith gewartet hatte. Er setzte noch einmal nach und schlug erneut auf den Krieger ein. Jetzt brach er endgültig zusammen und blieb still liegen, während Smith sein Messer aus der Scheide am Gürtel riss und den Angriff des nächsten Kriegers erwartete.

Weiter drüben lieferte sich James Beckwourth einen gnadenlosen Kampf mit zwei Kriegern. Er hatte sich nicht von den Indianern überrumpeln lassen. Nur hatte er die im Unterholz lauernden Feinde höchstwahrscheinlich zu spät bemerkt.

Einem Arikaree verpasste er einen heftigen Tritt, so dass dieser zu Boden stürzte, während er einem Messerangriff des zweiten Kriegers auswich. Bruchteile von Sekunden später erwischte ihn Beckwourth mit einem gezielten Messerstich und stürzte sich dann auf den zweiten Gegner, der noch benommen an Boden lag.

Viel mehr konnte Smith nicht erkennen, denn zwischenzeitlich war er ebenfalls in arge Bedrängnis geraten und musste um sein eigenes Leben kämpfen. Denn zwei weitere Krieger hatten es auf ihn abgesehen und stürmten aus zwei Richtungen auf ihn zu. Wäre ihm Jim Bridger in diesen entscheidenden Sekunden nicht zu Hilfe gekommen und hätte einen der beiden Angreifer mit einem gezielten Schuss niedergestreckt, dann hätte Smith vermutlich keine Chance gehabt. So aber konnte er sich nun auf einen direkten Gegner konzentrieren und dessen Messerangriff ausweichen.

Smith machte eine kurze Drehung und ließ den Krieger ins Leere rennen, während er selbst mit seinem Messer zustach und dem Arikaree eine blutende Wunde zufügte. Der Krieger stöhnte kurz auf, wirbelte herum und griff Smith erneut an. Aber sein Hass war so groß, dass er im entscheidenden Augenblick jede Vorsicht außer Acht ließ. Das reichte für Smith aus, um noch einmal mit dem Messer zuzustechen – und diesmal bohrte sich die Klinge in den Magen des Arikaree.

Smith riss das blutige Messer heraus und trat zwei Schritte zurück, während sein Feind zu Boden sank. Ein grauenhaftes Röcheln kam über die Lippen des Sterbenden, dann lag er still.

»Weg von hier!«, hörte er Bridger rufen. »Zurück zu den Kielbooten!«

Die ersten Mountain Men hatten bereits den Rückzug angetreten und stürzten sich in die kalten Fluten des Missouri, während ihre Gefährten ihnen Feuerschutz gaben. Trotzdem schickten ihnen die wütenden Arikaree noch einige Pfeile hinterher. Der bärtige Stuart Collins, von dem Smith nur wusste, dass er aus Pennsylvania stammte, wurde von einem dieser Pfeile in den Rücken getroffen und ging sofort unter. Sekunden später war er nicht mehr zu sehen.

Smiths Miene war ernst, als er die reglosen Gestalten seiner Gefährten im Licht der Morgensonne sah. Mehr als zehn Mann waren sofort tot gewesen, andere wiederum waren so schwer verletzt, dass sie aus eigener Kraft ihre Deckung nicht mehr verlassen konnten. Was dies für sie bedeutete, wusste Smith. Aber sie kämpften mit dem Mut der Verzweifelten weiterhin gegen die Arikaree und sorgten dafür, dass die Unverletzten sich retten konnten. Zu ihnen gehörten auch die Sublette-Brüder, Bridger, Beckwourth und der hagere David Jackson.

Weitere wütende Schreie erklangen hinter Smith, als er sich nun ebenfalls retten wollte. Ein Pfeil bohrte sich nur wenige Zentimeter von ihm entfernt in das Grasboden. Das war knapp.

Nur nicht aufgeben, dachte Smith, während er weiter rannte und hinter sich das gellende Geschrei der Krieger hörte. Sie dürfen mich nicht einholen, sonst... 

In diesen Sekunden erreichte er das seichte Ufer das Missouri und sah gleichzeitig, wie ein Pfeil David Jackson in die Schulter traf. Jackson versuchte so rasch wie möglich in Richtung Flussmitte zu schwimmen, aber nun ging er unter und verlor zusehends seine Kraft.

»Halte aus!«, rief Smith, als ihm klar wurde, dass sein Gefährte jeden Augenblick ertrinken würde, wenn ihm nicht jemand beistand. Obwohl die Indianer weitere Pfeile auf die Stelle abschossen, wo sich Jackson kurz zuvor befunden hatte, setzte Smith bedenkenlos sein eigenes Leben aufs Spiel, um das seines Gefährten zu retten.

Er holte noch einmal tief Luft und tauchte dann unter. Smith brauchte nur wenige Sekunden, um sich unter Wasser zu orientieren. Zum Glück entdeckte er Jackson rasch. Der bewegte sich nur noch schwach und kam aus eigener Kraft nicht mehr nach oben. Kurz darauf hatte ihn Smith erreicht und zog ihn hoch. Die Sekunden, bis beide wieder die Wasseroberfläche durchstießen und gierig nach Luft rangen, erschienen wie eine Ewigkeit.

Jackson hustete und trat voller Panik um sich, weil er Smith zunächst für einen Gegner hielt. Aber dann erkannte er seinen Gefährten und beruhigte sich wieder.

»Lass dich einfach treiben, Jackson!«, rief Smith. »Den Rest erledige ich.«

Weitere Schüsse fielen. Diesmal waren es die auf den beiden Kielbooten zurück geblieben Männer, die ihren schwimmenden Gefährten Feuerschutz gaben und die Indianer dadurch zwangen, in Deckung zu gehen und die Verfolgung abzubrechen. Zwei Krieger, die ins seichte Wasser am Ufer gingen, um den Flüchtenden einige Pfeile nachzujagen, riskierten dabei ihr eigenes Leben. Einer von ihnen wurde von einer Kugel niedergestreckt, und der andere zog sich notgedrungen hastig zurück.

All dies registrierte Smith nur am Rande. Er hatte mit sich und dem verletzten David Jackson genug zu tun. Er dachte weder an die Pferdeherde, die jetzt verloren war, noch an die anderen Männer, die bei diesem Überfall ihr Leben gelassen hatten. Seine Gedanken kreisten einzig und allein darum, dass es ihm gelang, das nächste Boot zu erreichen. Erst wenn er und Jackson an Bord waren, konnten sie sich sicher fühlen.

Die Distanz bis zu den beiden Booten erschien Smith ewig weit. Doch er mobilisierte seine letzten Kräfte, und es gelang ihm, sein Ziel zu erreichen. Während dessen feuerten die übrigen Männer an Bord weiter in Richtung Ufer und halfen ihren schwimmenden Gefährten, an Bord zu kommen.

Auch der verletzte Jackson wurde mit vereinten Kräften hochgezogen, und dann folgte Smith. Als er wieder sicheren Boden unter den Füßen spürte, atmete er erleichtert auf. Aber dann verwandelte sich seine Miene in jähes Entsetzen, als ihm bewusst wurde, dass nur wenige Männer den sicheren Schutz der beiden Kielboote erreicht hatten.

»Diese verdammten roten Bastarde!«, schimpfte David Jackson, während sich Bridger um seine Wunde kümmerte. »Sie kamen viel zu schnell als dass ich...«

»Du musst dir keine Vorwürfe machen, David«, unterbrach ihn der erfahrene Bridger. »Du solltest dich lieber bei Jed bedanken, dass er deinen Skalp gerettet hat. Es war verdammt knapp.«

»Das stimmt«, nickte Jackson und schaute hinüber zu Smith. »Ich schulde dir was, Jed. Das werde ich nicht vergessen.«

»Schon gut«, winkte dieser ab und schaute hinüber zum Ufer. Dort hatten die Indianer mittlerweile ihr blutiges Werk vollendet und die letzten Verwundeten von Ashleys Gruppe getötet. Schrille Triumphschreie hallten in den Ohren der Mountain Men wider, als sie hilflos zusehen mussten, wie die Arikaree die Skalps der getöteten Männer voller Hohn ihren Gegnern aus der Distanz zeigten.

Beckwourth war angesichts dieses grauenhaften Anblickes so erzürnt, dass er einem seiner Gefährten die Rifle aus den Händen riss und einen Schuss auf einen der Indianer abgab. Aber er hatte zu hastig abgedrückt, und die Kugel ging weit am anvisierten Ziel vorbei. Beckwourth fluchte laut und ballte wütend die linke Faust. Sein Gesicht spiegelte die Trauer und den Zorn wider, die ihn erfasst hatten.

»Glaubst du, dass sie es wagen werden, uns hier auf dem Fluss anzugreifen?«, wollte Milton Sublette von Bridger wissen. Auch er hatte es genau wie sein Bruder William geschafft, in letzter Sekunde einem grauenhaften Tod zu entrinnen.

»Ich denke nicht«, winkte Bridger ab, während er seine Rifle neu lud. »Sie würden sich bei einem Frontalangriff nur blutige Köpfe holen. Außerdem haben sie das erreicht, was sie vermutlich geplant hatten – nämlich die Pferdeherde vor unseren Augen zu stehlen und dabei möglichst viele von uns in die Hölle zu schicken. Das ist ihnen wirklich gelungen...«

»Captain Ashley wird uns verdammen, wenn er davon erfährt«, meinte der bärtige Hugh Glass, der zu den besten Schützen der Truppe gehörte.

»Darüber denke ich jetzt wirklich nicht nach«, meinte Bridger seufzend. »Wir alle können uns glücklich schätzen, dass wir noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen sind. Nur das zählt.«

»Und was sollen wir jetzt tun?«, fragte William Sublette.

»Na was wohl?«, stellte Bridger die Gegenfrage. »Wir machen uns auf den Weg nach Fort Atkinson und alarmieren die Soldaten.«

»Aber bis zum Fort sind es über 450 Meilen«, meinte Beckwourth. »Das kann Tage dauern, bis wir dort ankommen.«

»Weißt du eine bessere Lösung?«, wollte Bridger wissen und blickte erwartungsvoll in die Runde. Als die meisten Männer betreten zu Boden blickten, war dies ein eindeutiges Zeichen. »Na also«, fügte er hinzu. »Los, Männer – sehen wir zu, dass wir von hier verschwinden!«

 

*

 

Sie hatten die beiden Kielboote ein Stück flussabwärts treiben lassen, und die gellenden Schreie der Arikaree waren allmählich verstummt. Nichts deutete mehr darauf hin, dass eine unmittelbare Gefahr bestand. Trotzdem hielten die Männer die Boote in der Flussmitte, denn nur hier konnten sie sicher sein, nicht mit unliebsamen Überraschungen zu rechnen.

Mittlerweile war die Sonne aufgegangen. Die restlichen Nebelschleier, die noch über dem Fluss hingen, hatten sich jetzt verzogen, und die Sicht auf das Ufer war frei. Ein wunderschöner strahlend sonniger Tag kündigte sich an, aber keiner der Männer konnte diesen Anblick der Natur jetzt genießen. Zu groß war noch das Entsetzen über den plötzlichen Angriff der Arikaree, bei dem einige ihrer Gefährten gestorben waren.

Smiths Miene war bitter, als er auf die Verletzten blickte, die man in Decken gehüllt hatte. Die Sublette-Brüder kümmerten sich um sie und versuchten, ihre Schmerzen irgendwie zu lindern. Aber für einige dieser Männer würde die Hilfe trotzdem zu spät kommen, denn ihre Verletzungen waren zu schwer. Noch ehe die Sonne hinter den fernen Hügeln versank, würden auch sie sterben.

Die Augen des jungen Fallenstellers richteten sich auf das diesseitige Ufer. Er versuchte dort, irgendeine verdächtige Bewegung zu erkennen oder plötzliche Geräusche zu hören. Aber es blieb alles still. Die Arikaree hatten offensichtlich darauf verzichtet, ihre Gegner zu verfolgen und feierten jetzt ihren triumphalen Sieg über die Pelzjäger.

»Diese verdammten Hundesöhne«, brummte Jim Bridger, der jetzt zu Smith kam und immer noch wütend dreinblickte. »Wir waren zu gutgläubig und haben einen hohen Preis dafür zahlen müssen. Ashley wird toben, wenn er das erfährt.«

»Es ändert aber nichts daran, was geschehen ist«, erwiderte Smith achselzuckend. »Wir können von Glück reden, dass wir überhaupt davongekommen sind. Wenn einige unserer Männer nicht auf den Kielbooten zurückgeblieben wären, dann hätten uns die Rothäute endgültig geschlagen.«

»Sag das mal den armen Teufeln da hinten«, meinte Bridger. »Gibson macht es nicht mehr lange. Er hat nach dir gefragt. Geh am besten hin und rede mit ihm. Ich weiß nicht, was er von dir will. Aber das wird er dir schon selbst sagen. Jetzt geh schon – ich übernehme deinen Posten solange.«

Smith nickte und wandte sich ab. Kurz darauf stand er neben Gibson und bemerkte, wie es in dessen Augen kurz aufzuleuchten begann. Sein Gesicht war bleich und ganz eingefallen. Wie das eines Todkranken, der um sein eigenes Schicksal ganz genau Bescheid wusste und jetzt nur noch entsprechende Vorkehrungen treffen wollte.

»Du musst mir... einen Gefallen tun, Smith«, murmelte der Schwerverletzte mit heiserer Stimme und streckte seine rechte Hand nach Smith aus. Als wenn er ihn jetzt festhalten wollte, damit er ihm auch wirklich genau zuhörte. Aber das brauchte er nicht. Smith kniete sich in diesem Moment neben Gibson nieder. Erleichterung zeichnete sich auf Gibsons Zügen ab, als er erkannte, dass seine Bitte auf Gehör gestoßen war.

»Ich... ich kann nicht schreiben«, sagte Gibson. »Aber du... kannst es, Smith. Würdest du... meiner Familie einen... Brief schreiben und meinen... Leuten sagen, wie ich gestorben... bin?«

»Rede nicht vom Tod, Gibson«, versuchte Smith den Mann aufzumuntern. Obwohl er wusste, wie schlecht es um ihn stand. Der hastig angelegte Verband hatte sich schon wieder rot gefärbt. Gibson hatte zu viel Blut verloren.

»Lüg mich... nicht an«, keuchte Gibson. »Nicht jetzt... Smith. Also was … ist? Schreibst du den … Brief?«

»Wenn du es wirklich willst, dann tue ich es«, versprach ihm Smith. »Aber es werden Wochen oder gar Monate vergehen, bis deine Leute diese Nachricht erhalten werden – und bis dahin...«

»Das macht nichts«, murmelte Gibson, dessen Stimme jetzt immer leiser wurde. »Ich... vertraue dir, Smith. Schreib meiner... Mutter, dass ich sie... gerne... ach... verdammt...«

Tränen zeichneten sich in seinen Augenwinkeln ab, weil er in diesem Moment nicht die passenden Worte fand. Aber Smith wusste, was Gibson damit hatte ausdrücken wollen. In der Stunde des Todes denkt jeder an seine Mutter, dachte er, hütete sich aber, dies laut auszusprechen.

Der Körper des Sterbenden wurde plötzlich von einem heftigen Krampf geschüttelt. Gibsons Augen weiteten sich, und er griff mit der rechten Hand nach Smiths Arm, als suche er dort noch einen festen Halt, bevor er in einen unergründlich tiefen Abgrund stürzte. Im selben Moment tat er seinen letzten Atemzug, sein Kopf fiel zur Seite, und der Griff an Smiths Arm löste sich.

»Wieder ein guter Mann weniger«, murmelte Hugh Glass, der jetzt hinter Smith stand und das Sterben Gibsons mit angesehen hatte. »Diese elenden Rothäute...«

»Wir waren zu vertrauensselig«, meinte Smith, während er sich seufzend erhob. »Dabei waren wir gewarnt.«

Glass nickte mit bitter Miene, weil er wusste, was sein Gefährte hatte sagen wollen. Die Auseinandersetzungen zwischen den Lakota und den Arikaree hatten bereits einige Pelzjäger am eigenen Leib zu spüren bekommen. Die Stimmung zwischen den beiden Stämmen hatte sich deutlich verschlechtert, und die Warnungen waren eindeutig gewesen. Dennoch hatten Ashleys Leute die Zeichen nicht richtig gedeutet.

Vermutlich wäre alles anders gekommen, wenn Ashley bei ihnen geblieben wäre. Aber Ashley hatte beschlossen, mit dem dritten Kielboot und einem Trupp von zwanzig weiteren Männern weiter flussaufwärts zu fahren und dort nach neuen Jagdgründen Ausschau zu halten. Diese Entscheidung hatte sich jetzt auf verhängnisvolle Weise gerächt, denn von dieser Schlappe würden sich die Pelzjäger so schnell nicht erholen.

Smith schaute hinüber zu Bridger, der sich nervös an der Schläfe kratzte und sehr nachdenklich dreinblickte. Er war ein ruhiger und ausgeglichener Mann gewesen, den viele der jüngeren Männer, die sich Captain Ashleys Mountain Men-Brigade angeschlossen hatten, als Vorbild sahen. Aber selbst Jim Bridger schien jetzt mit seinem Latein am Ende zu sein, und das konnte man ihm ansehen.

»Was geht dir durch den Kopf?«, wollte Smith wissen.

»Ich weiß nicht, ob es richtig ist, was wir tun«, äußerte Bridger seine Bedenken. »Irgendjemand muss hier in der Nähe auf Ashley warten. Man muss ihn doch informieren, was in der Zwischenzeit geschehen ist. Sonst tappen er und die anderen Männer womöglich noch in eine weitere Falle der Arikaree.«

»Könnte gut sein«, musste Smith zugeben, weil er selbst an solch eine Möglichkeit noch gar nicht gedacht hatte. »Was schlägst du vor?«

»Wir sollten uns einige Meilen weiter flussabwärts aufteilen«, meinte Bridger. »Nimm du das zweite Kielboot und zehn Mann und bring die Verwundeten nach Fort Atkinson. Da haben sie wenigstens noch eine Chance. Sprich mit Colonel Leavenworth und schildere ihm genau, was hier geschehen ist. Die Armee muss ein Zeichen setzen – und zwar so schnell wie möglich, bevor die Lage in dieser Gegend noch weiter eskaliert.«

»Eine Vergeltungsaktion also«, setzte Smith die Gedankengänge seines Gefährten fort. »Aber dürfte das nicht noch für weitere Unruhen sorgen? Wenn Colonel Leavenworths Soldaten hier einmarschieren, dann wird sich der Krieg noch weiter ausbreiten...«

»Ich wünschte, du hättest das Reet Gibson so deutlich gesagt«, brummte Bridger, in dessen Augen es wütend aufflackerte. »Er wäre dir die passende Antwort bestimmt nicht lange schuldig geblieben.«

Das waren klare Worte. Bridger war kein Mann, der Kompromisse einging. Dazu hatten er und seine Kameraden viel zu viel in der Wildnis erlebt. Auge um Auge – Zahn um Zahn, so hieß die Regel, nach der viele lebten. Und oft hatte sie sich als die einzig richtige Verhaltensweise erwiesen.

Smith behielt seine Gedanken in diesem Moment für sich, um Bridger nicht weiter zu verärgern. Er hielt sich deshalb im Hintergrund, als Bridger den anderen Männern seinen Vorschlag unterbreitete. Es vergingen nur wenige Augenblicke, bis die Entscheidung feststand – und sie verlief genau nach Bridgers Willen. Diesem Entschluss beugte sich auch Smith.

Zwei Stunden später steuerten die beiden Kielboote in die Nähe eines felsigen Ufers und gingen dort vor Anker. Bridger und weitere fünf Männer wechselten auf das zweite Boot über und sahen zu, wie Smith und die restlichen Mountain Men mit den Verwundeten wieder flussabwärts fuhren.

Smith schaute hin und wieder zurück zu der Stelle des Ufers, wo das zweite Boot angelegt hatte. Die Ungewissheit über das Schicksal der zurückgebliebenen Männer würde von nun an sein ständiger Begleiter sein.

 

 

 

Kapitel 2

 

 

18. Juni 1823 

Fort Atkinson

 

 

»Die Lage im Quellgebiet zwischen Cheyenne River und Missouri ist mir viel zu ruhig«, brummte Joshua Pilcher. »Colonel – ich sage ihnen, es dauert nicht lange, bis der nächste Zwischenfall eintritt. Ich weiß, wovon ich rede, Sir. Ich bin schon einmal mit knapper Not dem Tod entronnen. Ich frage mich, warum hier nicht endlich gehandelt wird...«

»Beruhigen Sie sich, Mr. Pilcher«, versuchte der grauhaarige Colonel Henry Leavenworth den untersetzten Agenten der Missouri Fur Company zu besänftigen. »Niemand hat etwas davon, wenn wir den Roten den Krieg erklären. Dann gibt es nämlich hier einen Flächenbrand.«

»Der Colonel hat Recht«, meldete sich nun auch Benjamin O´Fallon zu Wort, der den Rang eines Majors inne hatte und ebenfalls an der Besprechung in den Räumen des Colonels in Fort Atkinson teilnahm. »Wir sollten nichts überstürzen. Ihre Leute hatten Pech – das will ich gerne eingestehen. Aber wenn die Armee wegen dieses einen Zwischenfalls ausrückt, dann gerät die Lage außer Kontrolle.«

»Das sagt ausgerechnet jemand, der seit Wochen dieses Fort nicht mehr verlassen hat«, antwortete Pilcher und genoss es, wie O´Fallon bei diesen Worten erblasste. Er hatte genau den wunden Punkt des Indianeragenten getroffen.

»Ich muss doch sehr bitten, Gentlemen«, griff der besonnene Colonel Leavenworth jetzt ein, bevor die Unterhaltung zu einem Streit zwischen Pilcher und O´Fallon ausartete. Davon hatte nämlich keiner etwas. Natürlich wusste auch der Kommandant von Fort Atkinson, dass es einige Zwischenfälle weiter flussaufwärts gegeben hatte. Aber solange der Gouverneur von Missouri die Order ausgegeben hatte, dass die Armee nicht direkt eingreifen sollte, so lange verhielt sich natürlich auch Leavenworth ruhig. Auch wenn er sich durch dieses – in Pilchers Augen – Zögern dessen Unmut zuzog.

»Ich entschuldige mich für diese Bemerkung«, lenkte Pilcher jetzt ein. »Aber ich mache mir nicht nur Sorgen um meine Leute. Wie Sie wissen, halten sich Ashleys und Henrys Brigade ebenfalls am oberen Missouri auf. Was unternehmen Sie, wenn es dort Ärger und Streitigkeiten mit den Rothäuten gibt?«

»Ich denke nicht an das, was vielleicht sein könnte«, erwiderte der Colonel ausweichend. »Wollen wir hoffen, dass wir über solche weitreichenden Maßnahmen niemals einen Entschluss fassen müssen, denn sonst...«

In diesem Moment erklang draußen auf dem Wehrgang des Forts ein Schuss, dessen Echo durch das halb geöffnete Fenster von Colonel Leavenworths Quartier klar und deutlich zu hören war. Wenige Sekunden später erklangen draußen hastige Schritte, die vor der Tür stoppten. Dann kam ein Sergeant herein, der den Colonel vorschriftsmäßig grüßte und sehr aufgeregt wirkte.

»Colonel, ein Boot nähert sich dem Fort«, meldete der Sergeant. »Wir vermuten, es ist eines von Ashleys Kielbooten. Es wird jeden Moment anlegen.«

»Nur ein Boot?« Pilcher blickte besorgt drein. »Ich dachte, Ashley und Henry wären mit zwei Kielbooten in Richtung Norden aufgebrochen. Colonel, da stimmt was nicht. Ich würde wetten, dass...«

Leavenworth hörte nur mit halbem Ohr hin, was der Agent der Missouri Fur Company jetzt von sich gab. Stat dessen erhob er sich rasch von seinem Schreibtisch, griff nach seinem Dreispitz, setzte ihn korrekt auf und deutete O´Fallon und Pilcher mit einem eindeutigen Wink an, ihm zu folgen.

Der Kommandant von Fort Atkinson erreichte als erster die Stelle, von der man einen guten Blick auf die Biegung des Flusses hatte. Er ließ sich von einem der wachhabenden Soldaten ein Fernrohr reichen und spähte hindurch. Seine Miene wurde sehr nachdenklich, als er an Bord des Kielbootes einige Besorgnis erregende Einzelheiten erkennen konnte.

Wortlos reichte er das Fernrohr an O´Fallon weiter.

»Das sieht aus, als wären Verletzte an Bord«, meinte dieser und konnte Pilchers Ungeduld jetzt kaum noch ertragen, weil dieser ebenfalls nach dem Fernrohr verlangte. Der Agent tat ihm schließlich den Gefallen.

»Kommen Sie, O´Fallon«, wandte sich der Colonel an den Agenten und trug dem Sergeanten auf, einen bewaffneten Trupp zusammenzustellen, der ihn und O´Fallon bis zum Flussufer begleiten und die Ankunft das Kielbootes absichern sollte. Währenddessen hatte sich Joshua Pilcher ebenfalls davon überzeugt, dass hier irgendetwas Verhängnisvolles vorgefallen war und schloss sich Leavenworth und O´Fallon an.

Während das Kielboot sich langsam dem Ufer näherte, wurde das gesamte Fort in Alarmbereitschaft versetzt. Das schmetternde Trompetensignal war weithin zu hören und zeigte auch den Männern an Bord des Kielbootes, dass man im Fort offensichtlich schon Bescheid wusste.

Colonel Leavenworth, O´Fallon und Pilcher blickten ungeduldig dem näherkommenden Kielboot entgegen, während die Soldaten das Gelände absicherten. Obwohl er nicht damit rechnete, dass sich feindliche Indianer in der Nähe aufhielten, gehörten diese Sicherheitsmaßnahmen mit dazu. Und Leavenworth zählte zu denjenigen Offizieren, die militärische Vorschriften besonders genau auslegten.

Er sah einige der Männer an Bord, konnte aber Ashley und Henry nirgendwo entdecken. Die Sublette-Brüder und Hugh Glass kannte er. Aber sie hielten sich im Hintergrund und überließen die Begrüßung einem jüngeren Mann, den der Kommandant nicht kannte.

»Mein Name ist Jedediah Smith«, stellte er sich vor, nachdem er von Bord gegangen war. »Sind Sie Colonel Leavenworth?«

»In der Tat«, nickte dieser. »Mr. Smith, was hat das alles zu bedeuten? Da sind doch Verwundete an Bord des Bootes...?«

»Denen dringend geholfen werden muss, Colonel!«, fiel ihm Smith mit ungeduldiger Stimme ins Wort. »Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns helfen, unsere Kameraden so schnell wie möglich in ein Quartier zu bringen. Sie haben doch einen Arzt hier, oder?«

»Selbstverständlich«, antwortete Leavenworth und wollte gerade einen entsprechenden Befehl geben, den Arzt der Kompanie zu informieren. Aber das brauchte er nicht mehr, denn der Arzt kam in diesem Augenblick aus dem Fort geeilt. Es war ein älterer Mann mit einem blassen Gesicht, der sofort den Ernst der Lage richtig erkannte und keine unnötigen Worte verlor. Mit knappen Anweisungen forderte er einige Soldaten auf, den Pelzjägern zu helfen, die Verletzten von Bord zu holen. Und während dies geschah, verdüsterte sich die Miene des Kommandanten immer mehr.

»Wo sind Ihre übrigen Leute, Mr. Smith?«, fragte er mit heiserer Stimme.

»Tot«, kam die prompte Antwort des jungen Mountain Man. »Wir gerieten in einen Hinterhalt der Arikaree. Sie haben mehr als 20 unserer Kameraden niedergemetzelt. Ob noch einige von ihnen am Leben sind, wissen wir nicht. Wir mussten Hals über Kopf fliehen und uns an Bord der Kielboote zurück ziehen, während am Ufer eines der schlimmsten Massaker seinen Lauf nahm, das ich jemals gesehen habe, Sir.«

»Wie ist das geschehen?«, erkundigte sich O´Fallon.

»Wir haben mit dem Stamm über den Kauf einer Pferdeherde verhandelt«, sprach Smith weiter und schilderte dem Kommandanten und seinen Begleitern in kurzen Sätzen den Verlauf der unerwarteten Eskalation. »Natürlich wussten wir, dass die Arikaree schon einmal Ärger mit der Missouri Fur Company hatten. Aber sie empfingen uns als Freunde und behandelten uns als Gäste. Der Handel war perfekt – woran hätten wir noch zweifeln sollen?«

»Das ist das Fiasko, von dem ich die ganze Zeit gesprochen habe, Colonel«, mischte sich nun auch Joshua Pilcher ein. »Wir brauchen uns nicht mehr den Kopf darüber zu zerbrechen, wie wir es vermeiden können. Der schlimmste Fall ist bereits eingetreten. Und was nun?«

Natürlich erwartete er von dem Kommandanten in diesem Moment eine diesbezügliche und entscheidende Antwort. Aber Leavenworth schwieg und grübelte nach, während die restlichen Verletzten ins Fort gebracht wurden.

»Wo sind Ashley und Henry?«, fragte er stattdessen Smith, den er als Anführer dieser besiegten Brigade sah.

»Weiter oberhalb des Cheyenne River«, erwiderte dieser. »Sie wissen noch nicht, was geschehen ist. Jim Bridger ist mit einigen Männern und dem zweiten Kielboot zehn Meilen unterhalb unseres Camps zurückgeblieben. Ich denke, dass Ashley und Henry zwischenzeitlich mit ihm zusammengetroffen sind und wissen, was geschehen ist. Sie werden jedoch damit rechnen, dass die Armee etwas unternimmt, Sir.«

»Das werden wir auch«, nickte Leavenworth. »Aber so etwas muss vernünftig geplant werden. Mr. Smith, wenn Sie mich bitte in mein Quartier begleiten wollen? Das gilt auch für Mr. O´Fallon und Mr. Pilcher. Wir müssen jetzt die weitere Vorgehensweise besprechen.«

 

*

 

Benjamin O`Fallon stand vor der Karte, die Colonel Leavenworth auf dem großen Holztisch ausgebreitet hatte und zeigte auf eine Region am oberen Verkauf des Missouri.

»Die Stämme hier haben wir bereits versucht davon zu überzeugen, dass unsere Absichten friedlich sind. Einige der Häuptlinge waren bereits aufgrund einer ausgesprochenen Einladung in Fort Atkinson und konnten sich von unserem guten Willen überzeugen. Deshalb bin ich ja so erstaunt, dass...«

»Es ist immer das gleiche mit Ihnen, O´Fallon«, versuchte es der aufgebrachte Pilcher erneut. »Sie hocken hier im Fort und sind fest entschlossen, Ihre gute Mission von hier aus zu verbreiten. Aber das ist nutzlos. Die Häuptlinge sind zu ihren Stämmen zurückgekehrt – aber man hat ihnen die Wunder nicht abgenommen, von denen sie berichtet haben. Die meisten Krieger konnten sich gar nicht vorstellen, was sie erzählt haben. Und was die Indianer nicht glauben, halten sie sofort für eine einzige Lüge. Und das haben meine Leute und ich am eigenen Leib zu spüren bekommen!«

»Hören Sie, ich weiß nicht, warum Sie beide jetzt aufeinander losgehen«, meinte Smith. »Es interessiert mich auch nicht. Alles, was ich erreichen wollte, war meine Kameraden hierher zu bringen, damit sie ärztlich versorgt werden. So haben sie wenigstens eine Chance zu überleben. Was mich und meine übrigen Kameraden betrifft – wir stehen Ihnen selbstverständlich zur Verfügung, wenn Ihre Truppen aufbrechen. Das wird doch geschehen, oder?«

Die letzte Frage hatte er bewusst gestellt. Denn Smith hatte mittlerweile längst erkannt, dass der Kommandant von Fort Atkinson ein wankelmütiger Mensch war, der sich in erster Linie absichern wollte, damit er ja keinen fatalen Fehler beging, der unter Umständen für seine weitere militärische Karriere hinderlich war.

»Nach Lage der Dinge wird uns nichts anderes übrig bleiben, als den Arikaree einen Denkzettel zu verpassen«, entschied Leavenworth schließlich mit einem tiefen Seufzer. »Aber wir müssen dabei geschickt vorgehen. Pilcher, wie viele Männer können Sie zusätzlich auftreiben?«

»Sie meinen Sioux-Krieger?«

»Natürlich, was denn sonst?«, entgegnete Leavenworth. »Sie verfügen doch über gute Beziehungen zu diesen Stämmen. Wäre es nicht eine willkommene Chance für die Sioux, sich auf diese Weise ebenfalls an den Arikaree zu rächen?«

In Pilchers bärtige Züge schlich sich auf einmal ein Grinsen.

»Ein guter Vorschlag, Colonel. Zumal die Sioux-Späher weitaus schneller vorankommen als Ihre Infanteriesoldaten. Sie könnten das vor uns liegende Gelände erkunden und verhindern, dass die Arikaree sich rechtzeitig aus dem Staub machen, wenn sie Ihre Armee sehen. Ich halte es sogar für ausgesprochen nützlich, wenn sich die Sioux schon mit ihren Feinden einige Kämpfe liefern. Das lenkt die Arikaree ab, und wir gewinnen Zeit.«

»Ich muss zugeben, dass dieser Gedanke reizvoll ist, Colonel«, meinte O´Fallon, dem es sichtlich schwer fiel, Pilchers Idee zu loben. »Nehmen Sie auch schwere Geschütze auf dieser Strafexpedition mit. Wir haben dann genügend Zeit, die Dörfer der Rothäute ausfindig zu machen und in Stellung zu gehen. Und dann schießen wir ihre jämmerlichen Behausungen in Schutt und Asche!«

»Dieses Vorgehen hat wir allen Dingen erzieherischen Charakter«, sagte der Colonel abschließend. »Die anderen Stämme am oberen Missouri – wie zum Beispiel die Blackfeet – werden irgendwann auch davon erfahren. Und dann haben auch sie ein gutes Beispiel für unsere Machtdemonstration. Das wird sie zukünftig daran hindern, Überfälle gegen unsere Leute zu planen. Mit einem militärischen Schlag erreichen wir, dass klare Zeichen gesetzt werden. Bei allen anderen Stämmen...«

Smith hatte bisher geschwiegen und nichts zu diesen Vorschlägen gesagt. Er konnte die militärische Taktik zwar nachvollziehen. Aber ob sie wirklich das Ziel erreichen würde, das sich der Colonel und seine beiden Berater gesetzt hatten, wagte er zumindest in diesem Moment sehr zu bezweifeln. Er hatte sich ohnehin bereits seine eigenen Meinung über Leavenworth, O´Fallon und Pilcher gebildet.

Umso erstaunter war er, als plötzlich O´Fallon das Wort an ihn richtete – und zwar auf eine Weise, wie er es niemals erwartet hätte.

»Mr. Smith, ich kann gut verstehen, dass Sie und Ihre Leute sich über Ihre Desertion und deren Folgen in diesen verhängnisvollen Stunden keine Gedanken gemacht haben«, sagte er zu dem jungen Mountain Man. »Der Tod Ihrer Kameraden wiegt sicher schwer, und Ashley wird lange brauchen, um über diesen Verlust hinweg zu kommen, weil...«

»Meine Kameraden und ich sind nicht desertiert, Sir«, sagte Smith mit gezwungener Ruhe. Aber das kurze Aufblitzen in seinen Augen hatte er dennoch nicht verbergen können. »Uns war es wichtig, Colonel Leavenworth zu informieren. Denn unsere Brigade wäre niemals dazu in der Lage, einen Rachefeldzug gegen die Arikaree durchzuführen. Erst recht nicht nach diesen schweren Verlusten. Sprechen Sie also bitte in meiner Gegenwart niemals wieder das Wort Desertion aus, Mr. O`Fallon. Oder ich schwöre Ihnen, dass Sie das am eigenen Leib zu spüren bekommen!«

Der Indianeragent zuckte angesichts dieser deutlichen Worte zusammen und wich Smiths Blick für einige Sekunden aus. Colonel Leavenworth ergriff deshalb das Wort.

»Wir werden die notwendigen Vorkehrungen treffen, damit die Arikaree in ihre Schranken verwiesen werden, Mr. Smith«, versuchte er den jungen Mountain Man zu beruhigen. »Alles andere ist zweitrangig. Mr. Pilcher«, fuhr er dann fort. »Treffen Sie die notwendigen Vorkehrungen, damit Ihre Sioux-Freunde sich uns anschließen. Wie lange brauchen Sie dafür?«

»Nicht mehr als eine Woche, Sir«, meinte Pilcher im Brustton der Überzeugung. »Ich denke, dass ich einen Trupp von mindestens 40 Kriegern mobilisieren kann. Die haben mit den Arikaree noch ein Hühnchen zu rupfen – und diesen Vorteil sollten wir ausnutzen.«

»Jemand sollte auch Ashley informieren«, schlug O`Fallon vor, bemerkte dann aber, dass Smith abwinkte.

»Das haben meine Gefährten sicher schon längst erledigt«, sagte er. »Jim Bridger wird nicht untätig geblieben sein. Er weiß genau, was bei solchen Ereignissen als nächstes unternommen werden muss.«

»Ihr Wort in Gottes Ohr, junger Freund«, erwiderte O`Fallon in skeptischem Ton. »Vielleicht sollten wir trotzdem jemanden losschicken. Was meinen Sie, Colonel?«

»Ich werde einen Brief an Ashley schreiben und noch heute einen Kurier losschicken«, entschied der Colonel. »Es kann nur von Vorteil sind, wenn Ihre Gefährten unterrichtet sind, was wir planen, Mr. Smith. Also sind wir uns jetzt einig. Sie sprechen bitte jetzt gleich mit Ihren Leuten. Ich nehme doch an, dass wir mit Ihrer Hilfe rechnen können, wenn wir unsere Strafexpedition starten?«

»Worauf Sie sich verlassen können«, antwortete Smith.

 

*

 

Hugh Glass stieß einen anerkennenden Pfiff aus, als Smith ihn und seinen Gefährten kurze Zeit später berichtete, was der Colonel beschlossen hatte.

»Das sind in der Tat schwere Geschütze, die aufgefahren werden«, sagte der bärtige Mountain Man. »Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Drei Kielboote, voll ausgerüstet mit Proviant und Kanonen. Ganz zu schweigen von der Infanterie, die gleichzeitig in Marsch gesetzt wird.«

»Trotzdem wird viel Zeit vergehen, bis der Trupp das Gebiet der Arikaree erreicht hat«, meinte David Jackson, der sich vom Lager mühsam erhoben hatte und kurz schwankte. In dieser kurzen Zeit hatte er natürlich seine Verletzung noch nicht auskuriert. Aber als er erfahren hatte, was der Colonel plante, war er einer der ersten gewesen, die sich sofort bereit erklärt hatten, an dieser Strafexpedition teilzunehmen. Dies galt auch für Hugh Glass und die meisten anderen Mountain Man, die den Angriff der Rothäute unverletzt überstanden hatten. Die anderen Verwundeten würden jedoch vorerst nicht an Rache denken können, sondern ihre Genesung stand im Vordergrund.

»Ich glaube nicht, dass die Indianer damit rechnen, dass wir einen Vergeltungsschlag planen«, gab Smith zu bedenken. »Sie haben uns die Pferde abgenommen, und damit war die Sache für sie erledigt. Außerdem haben sie Skalps und die Gewehre unserer toten Kameraden erbeutet. Ich glaube fast, die feiern auch jetzt noch ihren Sieg über uns. Denn wir sind ja Hals über Kopf von dort geflohen. Jetzt halten sie sich vermutlich für unbesiegbar – aber das sollen sie ruhig weiterhin tun. Denn wer auf einem zu hohen Ross sitzt, begeht irgendwann einen entscheidenden Fehler.«

»Ist mir Recht«, brummte Hugh Glass. »Wenn´s nach mir ginge, dann würde ich schon morgen früh bei Sonnenaufgang aufbrechen. Ich mag diesen Ort nicht. Hier sind zu viele Menschen auf engem Raum...«

Smith konnte die Gedanken seines Gefährten gut nachvollziehen. Auch wenn er selbst das erste Mal an solch einer großen Reise zu den Grenzen der bekannten Zivilisation teilgenommen hatte. Aber für einen Mann wie Glass, der schon seit einigen Jahren in der Wildnis lebte, war ein Ort wie Fort Atkinson der Inbegriff der Unbequemlichkeit und der Enge.

Dieses Gefühl hatte sich noch verstärkt, weil man Smith und die anderen Männer in einer der Armeebaracken untergebracht hatte. Sie mussten sich einen zwar großen, aber dennoch sehr ungemütlichen Raum untereinander teilen. Es roch muffig und nach Schweiß.

»Lasst uns das tun, was der Colonel vorgeschlagen hat«, lenkte Smith ein, wünschte sich aber insgeheim, dass Jim Bridger hier gewesen wäre. Schließlich war er der Erfahrenste unter den Mountain Men und hätte ganz sicher eine rasche Lösung parat gehabt. Er wusste aber auch, dass einige der Männer ihn bereits als Anführer akzeptiert hatten, und diese durfte er auf gar keinen Fall enttäuschen.

Sein Blick glitt noch kurz hinüber zu den verletzten Gefährten. Einige von ihnen wälzten sich unruhig und hin her, weil sie Schmerzen hatten, und andere wiederum waren in einen tiefen Schlaf der Erschöpfung gefallen. Unter Umständen würde der eine oder andere am kommenden Morgen nicht mehr aufwachen. Im Stillen betete Smith für diese Männer und hoffte, dass sie es schafften, denn er war ein gläubiger Mensch. Die meisten der anderen Mountain Men wussten das. Auch wenn sie schon mehrfach verständnislos den Kopf darüber geschüttelt hatten, wenn Smith sich am Ende eines langen und harten Tages zurück zog und in einem Buch sorgfältig einiges eintrug. Er führte Tagebuch und hielt dort seine Gedanken und Eindrücke fest, seit er sich Ashley und Henry auf dem Weg zum oberen Missouri angeschlossen hatte.

Deshalb war es für die Männer ganz normal, dass er sich auch jetzt ein Stück abseits hielt und im Schein einer flackernden Petroleumlampe wieder sein Buch hervorholte und es aufschlug. Zum Glück hatte er es an Bord dies Kielbootes zurück gelassen, als er Angriff der Arikaree erfolgt war.

...Colonel Leavenworth hat schnelle Entscheidungen getroffen, schrieb er in sein Tagebuch. Das 6th Regiment ist in Kürze abmarschbereit. Über 200 Soldaten werden sich auf einen langen und mühsamen Feldzug einstellen müssen. Weitere 50 Freiwillige der Missouri Fur Company werden sich uns in Kürze anschließen. Zu dieser Stunde werden bereits die Boote mit Kanonen, Pulver und Blei beladen – und mit ausreichend Proviant. Pilcher hat versprochen, dass die Sioux sich auf unsere Seite schlagen werden. Ich möchte ihm gern glauben. Aber er ist in meinen Augen ein unbeherrschter Mann, der sich von seinem Zorn treiben lässt. Das ist kein guter Ratgeber in solch einer Situation... 

Eine knappe halbe Stunde später beendete er seine Eintragungen und verbarg das Tagebuch wieder sorgfältig unter seinen wenigen Habseligkeiten, die er von Bord mit ins Fort genommen hatte. Dann streckte er sich ebenfalls auf einer der Pritschen aus und versuchte es sich bequem zu machen und ein wenig Ruhe zu finden. Aber sobald er die Augen schloss und einschlafen wollte, hörte er immer wieder das Echo der gellenden Kriegsschreie und sah das grausame Massaker am Flussufer vor sich...

 

*

 

Der Tag, an dem Jedediah Smith und die übrigen Mitglieder der Rocky Mountain Fur Company flussaufwärts in Richtung Fort Atkinson aufgebrochen waren, schien unendlich weit in der Vergangenheit zu liegen. Jim Bridger und seine Gefährten hatten seitdem auf dem Kielboot ausgeharrt und waren dazu verdammt, einfach abzuwarten – und darauf zu hoffen, dass es Smith schaffte, Colonel Leavenworth von der Dringlichkeit dieser Lage zu überzeugen.

Immer wieder hatte Bridger in Richtung Süden geschaut und gehofft, dass am Horizont weitere Kielboote auftauchten. Aber bis jetzt war alles ruhig geblieben. Fast zu ruhig, wie seine Gefährten glaubten. Deshalb trauten sie sich auch nur noch tagsüber an Land – und wenn dies der Fall war, dann nur in Gruppen von mindestens fünf Personen. Denn wenn sie ein zweites Mal in einen Hinterhalt gerieten, dann bedeutete das auch den Anfang vom Ende.

Oft hatte sich Bridger in diesen Stunden des Wartens gewünscht, dass Ashley mit seinen Leuten wieder zu ihnen stieß. Aber es waren schon mehr als zwei Wochen vergangen, seit der Anführer der Pelzhandelsbrigade mit 20 weiteren Männern an der Mündung des Cheyenne River von Bord gegangen und nach Norden gezogen war. In der Hoffnung, dort neue Jagdgründe zu entdecken.

Die Jagd nach Biberpelzen war wie eine Sucht, die mit nichts anderem vergleichbar war. Jeder der Männer, die Ashley und Henry auf dieser Expedition nach Norden angeheuert hatten, bekam die Chance, in Regionen vorzustoßen, die bisher nur wenige Weiße jemals gesehen hatten.

»Ihr entdeckt praktisch eine neue Welt«, hatte Ashley in St. Louis zu ihnen gesagt, bevor die Kielboote die große Stadt in Richtung Norden verlassen hatten. »Es ist eine Welt voller Geheimnisse und Abenteuer – und sie wartet nur darauf, dass wir sie uns zu eigen machen...«