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Seit ihr kleiner Bruder vor vielen Jahren vor ihren Augen entführt wurde, quälen Thea Paris grauenhafte Schuldgefühle. Aus diesem Grund hat sie ihr Leben einer einzigen Aufgabe gewidmet: dem Befreien von Geiseln. Als Chefin der Sondereinheit für Entführungen hat sie schon unzähligen Menschen das Leben gerettet. Doch dann wird Theas schlimmster Albtraum wahr: Ihr Vater verschwindet spurlos. Für Thea und ihr Team beginnt eine rasante und gefährliche Suche nach dem einzigen Menschen, dem Thea noch vertraut. Doch ist dieses Vertrauen berechtigt?
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Cover & Impressum
Kapitel 01
Kapitel 02
Kapitel 03
Kapitel 04
Kapitel 05
Kapitel 06
Kapitel 07
Kapitel 08
Kapitel 09
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Kapitel 83
Dank
Santorin, Griechenland25. Dezember6 Uhr morgens
Während fast überall auf der Insel der Geburt Christi gedacht und Weihnachten gefeiert wurde, würde Thea den sechzigsten Namenstag ihres Vaters feiern. Die Familie war zwar inzwischen durch und durch amerikanisch, aber sie zelebrierte immer noch die griechischen Feiertage, vor allem die Namenstage, und Christos’ Namenstag fiel auf den ersten Weihnachtstag. Diese Tradition brachte Vater, Tochter und Sohn – und ihren von allen innig geliebten Rhodesian Ridgeback Aegis den Zweiten – zusammen, egal, wie beschäftigt sie auch sein mochten. Wo auch immer auf der Welt sie sich gerade aufhielten – jedes Jahr flogen Christos, Thea und Nikos zu diesem Anlass nach Athen, gingen an Bord der Aphrodite, Christos’ Jacht, und legten die hundert Seemeilen nach Santorin im Angedenken an Christos’ bescheidene Anfänge als Sohn eines Fischers auf dem Schiff zurück. Und im Einklang mit dem wachsenden Vermögen ihres Vaters wurde jedes Jahr größer und pompöser gefeiert.
Papas laute Stimme dröhnte aus dem Salon. »Und wenn Sie sich eigenhändig durch den Ölsand graben müssen – holen Sie dieses Öl aus dem Boden. Und machen Sie sich keine Gedanken wegen der Kanadier. Sobald das Öl fließt, werden sie sich höflich bei Ihnen bedanken. Da bin ich ganz sicher.«
Er war im Geschäftsmodus, akzeptierte keine Ausflüchte. Er konnte ein gnadenloser Zuchtmeister sein.
Aegis stupste Thea mit der Schnauze an. Der Ridgeback benötigte regelmäßig ausgiebige Bewegung, und Thea war ihm dabei immer eine bereitwillige Begleiterin. »Wir machen uns gleich auf.« Sie streichelte seinen weizenfarbenen Haarkamm, wo sein Fell entgegen der Richtung verlief, in der sein sonstiges Haar wuchs. »Na los, sagen wir erst noch dem Ölbaron Guten Morgen.« Als sie den Salon betrat, beendete ihr Vater gerade sein Telefonat, das er mit seinem BlackBerry geführt hatte.
»Hronia polla, Papa. Immer noch ein Höhlenmensch, wie ich sehe.« Sie zog ihn immer wieder gerne damit auf, dass er so eisern an seinem BlackBerry festhielt.
»Wenn es für Barack Obama gut genug war ...«
Na schön. Viele Prominente benutzten die überholten Handys aus Sicherheitsgründen. Doch selbst Weltenlenker würden künftig andere Wege finden müssen, um ihre Obsession für sichere Handykommunikation und physische Tastaturen zu befriedigen: BlackBerry Limited hatte die Produktion der Smartphones eingestellt.
»Zu deiner Feier heute Abend fliegen dreihundert deiner Gefolgsleute ein.« Mit der Vorbereitung der Party, die in dem hoch auf den berühmten Klippen der Insel gelegenen Lieblingsrestaurant ihres Vaters stattfinden würde, war bereits eine große Mannschaft beschäftigt. »Und in weniger als einer Woche beginnen die Verhandlungen in Kanzi. Die Zeitungen reden schon von dem größten Ölfund seit der Entdeckung des Ölfelds Ghawar in Saudi-Arabien.« Der Fund in dem in der Nähe von Simbabwe und Sambia liegenden afrikanischen Land könnte die Öl-Weltkarte verändern und entsprechende politische Folgen haben. Sie durchquerte die Kabine und drückte Christos einen Kuss auf seinen ergrauenden Kopf.
»Athena Constanopolous Paris, deine Shorts sind unziemlich. Ganz Fira wird über dich reden.« Seine dunklen Augen blickten sie streng und missbilligend an.
»Aber ich will doch gleich die Treppen hochlaufen.« Sie zog ihre Nike-Laufshorts zwei Zentimeter nach unten und sofort wieder hoch. Nigerianische Rebellen waren einfacher zu handhaben als ihr Vater.
Sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. »Haha, da bist du mir aber auf den Leim gegangen.«
Sie schüttelte den Kopf und lächelte. Na schön, sie hatte seine Worte für bare Münze genommen. »Dabei wollte ich gerade sagen: Ein kluger Rat von einem Mann, der bei seiner fünften Ehefrau angelangt ist.«
»Autsch! Ganz meine Tochter. Mir schwillt vor Stolz die Brust.«
Sie lachte. »Espresso?«
»Mit Zimt?« Papa kraulte Aegis hinter den Ohren und warf ihr eine Kusshand zu.
Koffein war schon seit Langem ein Grundnahrungsmittel der Familie Paris, aber es war Thea gewesen, die angefangen hatte, Zimt hinzuzugeben. Sie steuerte die Espressomaschine an und zauberte ein bisschen. Dampfende, karamellfarbene Flüssigkeit tröpfelte in die winzigen Tassen, und ein köstlicher Geruch durchströmte den Salon.
Sie trug die beiden Espressos in die Sitzecke, ließ sich auf dem Sofa gegenüber von ihrem Vater nieder und rückte die Insulinpumpe zurecht, die sie unter ihrem BH verbarg. Ein schneller Blick auf ihre Smartphone-App bestätigte ihr, dass ihre Blutzuckerwerte gut waren. Wachstumshormone aus ihrer Leber ließen ihre Blutzuckerwerte zwischen drei und sieben Uhr morgens steigen, was für Menschen mit Diabetes Typ 1 normal war. Es bestand also keine Notwendigkeit, sofort etwas zu essen: Mit diesen Werten käme sie die Treppen hoch und sogar noch weiter.
Aegis setzte sich neben sie und sah sie an. Seine intelligenten Augen sagten: Los, lass uns endlich rausgehen. Der kräftige, achtunddreißig Kilogramm schwere Hund gehörte seit acht Jahren zur Familie und hatte den Platz des ersten Aegis eingenommen, der das gesegnete Alter von zwölf Jahren erreicht hatte.
»Wie war dein letzter HbA1C-Wert?« Ihr Vater hatte sich sehr bemüht, sich über ihre Krankheit kundig zu machen.
»Sehr gut. Laut Dexter kein Absturz während der letzten Monate, also alles okay an der Zuckerfront.« In dem Bemühen, ihrer Krankheit mit Humor zu begegnen, hatte sie ihr Dexcom CGM – ihr Gerät zur kontinuierlichen Glukosemessung – Dexter genannt.
»Du bist disziplinierter, als ich es je sein könnte.« Christos musterte sie mit ernstem Ausdruck durch seine Lesebrille. »Was ganz anderes, latria mou, ich brauche deine Hilfe. Du musst Peter mal unter die Lupe nehmen. Er führt nichts Gutes im Schilde – das spüre ich.«
»Peter Kennedy ist einer der besten Finanzchefs, die du je hattest, auch wenn er wie ein Pfau umherstolziert. Soll das ein weiterer Versuch deinerseits sein, meine Miete zu finanzieren? Keine Sorge, Hakan sorgt dafür, dass ich genug zu tun habe.« Ihr Job bei Quantum International Security bedeutete lange Arbeitszeiten, endlose Reisen und ständige Gefahr – und nichts davon fand die Zustimmung ihres Vaters.
»Irgendwas stimmt nicht mit Peter. In den letzten Wochen konnte er mir nicht in die Augen sehen.«
»Na ja, Papa, du schaffst es durchaus, Normalsterbliche einzuschüchtern.«
»Mit Ausnahme von dir. Ich wünschte, ich könnte dich überzeugen, bei Paris Industries einzusteigen.« Das Gesicht ihres Vaters erhellte sich hoffnungsvoll.
»Heute ist dein Ehrentag, deshalb lehne ich das Angebot nicht glattweg ab. Wie wär’s damit: Ich denke darüber nach, okay?«
»Ich verstehe ja, dass dir die Sache mit den Geiselbefreiungen wichtig ist. Aber könntest du es nicht dabei belassen, diese Wohltätigkeitsorganisation zu unterstützen, die ehemaligen Geiseln hilft, anstatt unmittelbar an der Front zu agieren?«
»Ich steige lieber in eine Kampfmontur, als Spenden zu sammeln.« Sie lächelte. In Wahrheit brauchte sie die Action, musste eigenhändig etwas Greifbares bewirken. Als ihr Bruder Nikos mit zwölf Jahren entführt worden war, hatten die Kidnapper es eigentlich auf sie abgesehen. Sie hatte viel wiedergutzumachen.
»Ich kann dir gar nicht oft genug sagen, wie stolz ich bin, dass du so viele Geiseln nach Hause gebracht hast. Aber jedes Mal, wenn du in eines dieser Vierte-Welt-Länder reist, kann ich mich erst wieder entspannen, wenn du wohlbehalten zurück bist.«
»Tut mir leid, Papa. Das ist mein Job.« Es missfiel ihr zutiefst, ihm Stress zu bereiten, aber sie musste nun mal dorthin, wo die Entführungen stattfanden. Und Länder wie die Schweiz und Kanada waren nicht gerade Krisenherde, an denen Menschen verschleppt wurden.
»Paris Industries expandiert. Ich brauche jemanden am Ruder, dem ich absolut vertrauen kann – jemanden aus der Familie.«
Als junger Mann hatte Christos alles Geld zusammengekratzt, das er auf dem Fischerboot seines auf Santorin lebenden Vaters verdient hatte, und war damit in die USA gereist, wo er einen Job als Hilfsarbeiter auf einer Bohrinsel angenommen hatte. Er hatte Böden geschrubbt, Maschinen repariert und sich durch Learning by Doing von ganz unten nach oben hochgearbeitet.
Dank seiner geradlinigen Art und seiner Gewissenhaftigkeit wurde er schließlich zum Vorarbeiter befördert. Und dann hatte er irgendwann einem playboymäßigen Ölbaron, der die Leitung seines Unternehmens in die Hände eines Mannes mit praktischer Erfahrung legen wollte, eine Art Partnerschaft angeboten. Ihr Vater hatte Deals ausgehandelt, war unglaubliche Risiken eingegangen und hatte damit Erfolg gehabt, was ihn zu dem Selfmademan gemacht hatte, der er heute war. Schließlich hatte er die Firma übernommen und in Paris Industries umbenannt. Inzwischen leitete er einen der drei größten Ölkonzerne der Welt. Der Kanzi-Deal würde ihn zur Nummer eins machen.
Sie zögerte, doch dann beschloss sie, direkt mit der Tür ins Haus zu fallen. »Na ja, es gibt ja auch noch Nikos. Er hat für unser Waisenhaus, das African Sanctuary for Children, unglaubliche Arbeit geleistet, und über die erforderlichen Geschäftserfahrungen verfügt er mit Sicherheit auch. Vielleicht könnte er dir bei den Kanzi-Verhandlungen zur Seite stehen?« Ihr Bruder hatte sich im Import-Export-Business einen Namen gemacht.
An der Schläfe ihres Vaters pochte eine Ader. Sein Adamsapfel hüpfte dreimal in rascher Folge auf und ab. »Über Nikos müssen wir ein ernstes Gespräch führen. Aber lass mich erst mal meinen Kaffee trinken.«
Immer wenn in einem Gespräch mit ihrem Vater Nikos’ Name fiel, war es, als hätte sich ein feuchtes Leichentuch über die Unterhaltung gelegt. Ihr älterer Bruder kam im Urlaub meistens nach Hause und besuchte sie jedes Jahr an ihrem Geburtstag, aber ansonsten war er immerzu geschäftlich auf der ganzen Welt unterwegs. Sie vermisste ihn, aber an jedem Freitag schickte er ihr von dem Ort, an dem er gerade war, ein Foto. Außerdem waren sie wegen der Wohltätigkeitseinrichtung in Kanzi, der sie gemeinsam vorstanden, regelmäßig in Kontakt.
Am meisten wünschte sie sich eine vereinte und glückliche Familie, aber ihren Bruder und ihren Vater je entspannt im gleichen Raum zu erleben, würde wohl ein frommer Wunsch bleiben. Gott sei Dank hatten sie Aegis. Er war der Kitt, der alle Familienmitglieder zusammenhielt, denn sie buhlten geradezu um Zeit mit dem geliebten Hund.
»Fliegt Helena heute Nachmittag ein?«, fragte sie, um das Thema zu wechseln. Die neuste Ehefrau ihres Vaters, eine international erfolgreiche Innenarchitektin, war seit Jahren die sympathischste Partnerin ihres Vaters und diejenige, die auch vom Alter her am ehesten zu ihm passte. Seit dem Tod ihrer Mutter vor vierundzwanzig Jahren – Thea war damals sieben gewesen – hatte Christos in emotionaler Hinsicht keinen Halt mehr gefunden. Er hatte wie besessen gearbeitet und sich in seiner Freizeit dem Scotch, dem Sex und irgendwelchen Filmsternchen hingegeben. Sie hatte sich Sorgen um ihn gemacht und sich gewünscht, er möge eine Frau finden, die ihn liebte und nicht nur sein Vermögen. Vielleicht war Helena die Antwort. Sie war eine nachdenkliche, freundliche Frau. Christos hatte sie während einer Radtour in Frankreich kennengelernt.
Er straffte seine Krawatte. »Helena würde diese ganz besondere Feier niemals verpassen. Sie musste nur noch ein Projekt beenden. Aber jetzt haben wir genug über mich geredet. Wann wirst du endlich sesshaft? Wenn du erst mal Mutter bist, kannst du doch nicht weiter durch die Welt jagen und Menschen retten.«
Bei ihrem Job und den vielen dadurch bedingten Reisen hatte Thea seit über einem Jahr keinen Sex gehabt, geschweige denn einen Partner. Eine unbefleckte Empfängnis wäre die einzige Möglichkeit, Christos zum Großvater zu machen.
Aegis stürmte zur Tür und kam schwanzwedelnd mit einem von Theas Joggingschuhen in der Schnauze zurück. Der Hund war ihre Rettung. Sie lachte. »Ich habe verstanden«, sagte sie an den Ridgeback gewandt.
Dann wandte sie sich wieder ihrem Vater zu. »Tja, Papa, an deinem Ehrentag gibt es ja nicht viele Orte, an denen du herumschnüffeln und nach Geschenken suchen kannst.« Sie langte in einen in der Nähe stehenden Schrank und holte ein in Geschenkpapier gewickeltes Päckchen hervor, das sie dort zuvor versteckt hatte. »Apropos – ich habe etwas für dich.«
Sein Gesicht erstrahlte, als er das Geschenk vorsichtig auspackte und einen Humidor zutage förderte, auf dem ein Foto von Vater und Tochter eingeprägt war, das aufgenommen worden war, als Thea sechs gewesen war. Sie hatten beide eine Zigarre im Mund, wobei ihre natürlich nicht angezündet war, und strahlten wie Honigkuchenpferde. Er öffnete den Humidor.
»Sechzig der besten Zigarren der Welt, eine für jedes Jahr seit deiner Geburt.« Da ihr Vater sich liebend gerne eine gute Zigarre gönnte, hatte sie vor mehr als eineinhalb Jahren begonnen, auf ihren Reisen einzigartige Exemplare zusammenzutragen.
»Das ist ja unglaublich. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.« Sein Blick wurde mild, er sah sie voller Liebe an.
»Du brauchst nichts zu sagen. Du sollst nur wissen, dass ich dich lieb habe. Lass uns zusammen frühstücken, wenn ich vom Laufen zurück bin.«
»Aber keine Sekunde nach zehn, kóre. Ich möchte lieber früher als später frühstücken – und wir müssen uns, wie gesagt, über Nikos unterhalten.«
»Aye, aye, Kapitän.« Der fortwährende Zwist zwischen ihrem Vater und ihrem Bruder erschöpfte sie. Vielleicht war das eigentliche Problem, dass die beiden Männer einander zu ähnlich waren.
Sie steuerte die Tür an, Aegis stürmte an ihr vorbei. Früher hatte ihr Vater sie bei diesen Läufen auf Santorin begleitet, doch eine Arthritis im linken Knie hatte ihn gezwungen, auf Radfahren und Schwimmen umzusteigen. Bei Letzterem ließ er sie allerdings immer noch spielend hinter sich.
Vom Koffein befeuert, wollte Thea die steile Treppe, die nach Fira hinaufführte, in weniger als zehn Minuten schaffen. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Nein, heute würde sie unter neun Minuten bleiben – dann hätte sie beim Frühstück noch einen Grund mehr, um zu feiern.
Draußen wurde sie von der frischen, salzigen Luft begrüßt. »Guten Morgen, Piers.« Sie schwang sich über den Querbalken der Aphrodite. Der Chef-Bodyguard ihres Vaters, ein ehemaliger Soldat der südafrikanischen Koevoet, stieg gerade aus dem Speedboot Donzi, das neben der Aphrodite festgemacht war. Als sie näher kam, straffte er die Schultern, sein wettergegerbtes Gesicht verzog sich zu einem Grinsen.
»Guten Morgen, Ms Paris. Wie wär’s mit einer Wette?«
Sie hätte sich seinen Akzent den ganzen Tag lang anhören können. »Ich wette mit Ihnen um das Doppelte Ihres Einsatzes, dass ich unter neun Minuten bleibe.« Die beiden wetteten um alles und jedes, aber niemand zahlte den anderen je aus.
»Die Wette gilt.«
Sie lachte. Wenn er sie ansah, strahlten seine blauen Augen immer Wärme und Herzlichkeit aus. Vielleicht lag es daran, dass er durch die vielen Reisen an Christos’ Seite seine eigene Tochter so selten sah.
Die kühle Dezemberbrise sorgte für eine Gänsehaut auf Theas Armen und Beinen, aber ihr würde nicht mehr lange kalt sein. Sie winkte Piers kurz zu und steuerte den Fuß der Steintreppe an, die zu Santorins Hauptstadt hinaufführte. Aegis lief neben ihr her. Sie war froh, dass nicht Hochsommer war, wenn sich unfitte Touristen auf Eseln die Klippe hochtragen ließen oder in endlosen Schlangen am Anleger standen und auf die Seilbahn warteten.
