Die feurige Braut - Cynthia Woolf - E-Book
Beschreibung

Nach einer katastrophalen Ehe hat sich Heiratsvermittlerin Maggie geschworen, nie mehr zu heiraten. Nie mehr würde sie einem Mann die Macht über Leben und Tod ihres Körpers und ihrer Seele geben. Leider hält das aber ihr einsames Herz nicht davon ab, über ihren neusten Klienten, Caleb Black, zu fantasieren. Sie hatte den Fehler gemacht, einen flirtenden Briefaustausch mit dem cleveren Teufel zu beginnen, in dem Glauben, dass sie sich niemals treffen würden. Aber als seine neue Braut sie auf halben Wege nach Colorado sitzen lässt, um mit einem anderen Mann durchzubrennen, ist Maggie gezwungen, den umwerfend attraktiven Caleb zu treffen und es ihm zu erklären. Nun muss sie lange genug bleiben, um die Dinge gerade zu biegen und ihm eine neue Frau zu finden. Aber Maggie sollte sich wohl besser mal mit beiden Händen an ihr Versprechen klammern, denn Caleb hat andere Dinge mit der feurigen Heiratsvermittlerin geplant... und einen sehr verführerischen Kuss.

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Die feurige Braut

Matchmaker & Co.

Buch 3

Cynthia Woolf

DIE FEURIGE BRAUT

Copyright © 2019 Cynthia Woolf

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN: 978-1-947075-00-9

INHALTSVERZEICHNIS

DIE FEURIGE BRAUT

Copyright

Widmung

Danksagungen

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Über Die Autorin

WIDMUNG

Für Jim. Meinen besten Freund, meinen Geliebten, meinen Ehemann. Ohne deine Unterstützung wäre all das hier nicht möglich. Ich liebe dich mehr, als es Worte jemals ausdrücken könnten.

DANKSAGUNGEN

An meine Kritikpartner, Karen Docter, Michele Callahan, Jennifer Zane und Kally Jo Surbeck – danke für eure Hilfe, Kritik und “Just Write”-Sessions, damit ich das hier fertigstellen konnte. Danke, dass ihr mir geholfen habt, als ich eine Schreibblockade hatte – ohne jeden einzelnen von euch hätte ich das nicht geschafft.

Danke an meine Lektorin, Kally Jo Surbeck. Danke für deine unerschütterliche Unterstützung und deinen Rat. Du machst mein Leben so viel einfacher.

KAPITEL 1

30. April 1871

„Wie meinen Sie das - Sie sagen ab? Mr. Sinclair, Sie können nicht einfach absagen.“ Margaret „Maggie“ Selby legte ihren Stift auf dem Tisch ab. Sie würde nicht laut werden. Sie würde nicht ausrasten.

„Es tut mir leid, Mrs. Selby, aber ich habe keine andere Wahl. Im Sanatorium in Albany ist ein Platz freigeworden und meine Marry - sie muss jetzt dort hin. Die Ärzte dort können ihr vielleicht helfen. Wir nehmen den ersten Zug morgen früh.“

Maggie holte tief Luft und nickte. Sie verstand es. Das tat sie wirklich, aber das änderte nichts an der Sache, dass sie nun in einer schwierigen Situation war. „Natürlich, gehen Sie nur. Ich weiß, wie es um die Gesundheit der armen Mary steht und jede Hilfe, die Sie für sie bekommen können, sollte genutzt werden.“

„Ich wünschte, ich hätte Ihnen eher Bescheid geben können, aber wir haben den Brief selbst erst gestern mit der Post erhalten.“

„Ist schon in Ordnung, Mr. Sinclair. Ich werde das hinkriegen.“

Er übergab ihr einen Umschlag. „Hier sind die Fahrkarten.“

„Nun, ich wollte sowieso mal das Gebiet an der Grenze sehen, in das ich meine Mädchen geschickt habe. Dann werde ich sie einfach früher sehen, als ich gedacht habe.“

„Es tut mir wirklich aufrichtig leid, Mrs. Selby.“

Maggie stand auf, ging um den Schreibtisch herum und streckte ihm ihre Hand entgegen. „Kümmern Sie sich einfach um Mary. Das ist jetzt erstmal das Wichtigste.“

Er schüttelte ihre Hand und nickte. Mr. Sinclair setzte seinen Hut auf und tupfte sich mit seinem Taschentuch die Stirn ab, bevor er wieder hinaus in den bereits heißen und sonnigen Sommermorgen trat.

Sie ging zurück zu ihrem Schreibtisch, nahm Caleb Blacks Ordner, hängte das „Geschlossen“-Schild an die Tür und ging hinauf in ihre Wohnung, um zu packen. Ihre Braut, Jenny Talbot, würde in ungefähr einer Stunde da sein, um ihre Fahrkarten zu holen. Dann würde Maggie ihr sagen müssen, dass sie sie selbst begleiten würde und nicht Mr. Sinclair. Das war auch in Ordnung. Jenny war unglaublich nervös und Maggie hatte sich über die beiden Sorgen gemacht, aber sowohl Mr. Black als auch Jenny waren hartnäckig geblieben, dass es klappen würde. Um ehrlich zu sein, passte Maggie selbst besser zu Mr. Black als Jenny. Aber sie war hier, um andere zu verkuppeln und nicht sich selbst.

Sie verstand, wie Jenny dachte. Jenny war die älteste der sieben Talbot-Kinder. Mit zweiundzwanzig Jahren hatte sie das Gefühl, dass sie eine Last für ihre Eltern war, obwohl sie arbeitete und Teile der Rechnungen zahlte. Sie hasste ihren Job und wollte heiraten. Ihre Chancen wurden immer geringer. Die meisten Männer im heiratsfähigen Alter waren entweder bereits verheiratet, alt oder Witwer mit Satansbraten als Kinder.

Jenny war ein großes, schlankes Mädchen mit hellblauen Augen und dunkelblonden Haaren. Sie hatte volle Lippen und eine lange, gerade Nase. Eben eine einfache junge Frau, die aus einer schwierigen Familie kam und ein besseres Leben wollte. Eines, das das wilde Gebiet an der Grenze ihr vielleicht bieten könnte.

Mr. Blacks Gedankengänge verstand sie allerdings weniger. Er war erfolgreich und wollte Kinder. Maggie hatte ihm mehrere andere mögliche Kandidatinnen vorgestellt, manche attraktiver, manche jünger, manche älter und alle hatte er abgelehnt. Die Gründe, die er angab, waren schwach. Braune Haare. Zu klein. Zu fett. Zu dünn. Zu jung. Zu alt. Es schien einen bestimmten Grund zu geben, dass er alle ablehnte, die sie ihm vorstellte.

Letztlich hatte er sich für Jenny entschieden - unter der Bedingung, dass Maggie selbst das Mädchen begleitete. Sie hatte zugestimmt, aber meinte nur, dass jemand Jenny begleiten würde. Ihre Absicht war jedoch, dass sie einfach Mr. Sinclair an ihrer Stelle schicken würde. Maggies Zeit konnte hier in New York viel sinnvoller verbracht werden. Klienten zu finden und Kandidaten zuweisen - das war, wo sie mit ganzem Herzen und voller Hingabe war. Ja, sie gehörte dorthin, wo sie ihr Unternehmen leitete - viel mehr als auf eine Reise in den wilden Westen. Sie fühlte sich nicht schlecht wegen ihrer Entscheidung. Das tat sie wirklich nicht, sagte sie sich selbst immer und immer wieder. Aber sie log. Wenn sie ehrlich war, hatte sie ganz tief in sich Angst davor Mr. Black zu treffen. Angst davor, dass ihr Bild von ihm falsch war - aber noch mehr Angst davor, dass sie richtig lag und dass er wirklich der Mann war, den er in seinen Briefen beschrieben hatte.

Sie hätte es nicht zulassen sollen - den privaten Briefaustausch, aber es war so harmlos gewesen. Am Anfang. Ein kleiner Flirt mit jemanden, den sie nie getroffen hatte. Aber jetzt machte ihr der Gedanke daran, ihn tatsächlich zu treffen, Angst und freute sie gleichzeitig. Nun musste sie los. Maggie stieß ein eher atemloses Seufzen aus. Sie blinzelte wiederholt in dem grellen Sonnenlicht. Also bekam Mr. Black trotzdem, worum er andauernd gebeten hatte. Sehr zu ihrem Missfallen.

Das Gebäude, in dem sie lebte, war eines von ihrem verstorbenen Ehemann Edgars Mietimmobilien, aber nachdem sie alles andere verkaufen musste, war das alles, was übrig war. In der kleinen Wohnung hatte sie nicht mit ihrem Ehemann gelebt und darüber war sie froh. Je weniger Erinnerungen an Edgar, desto besser. Sie war fast alles, was sie gehabt hatten, losgeworden. Sie hatte sogar ihr Porzellan verkauft und einen günstigeren, aber hübscheren Ersatz gekauft. Natürlich gab es auch ein paar Dinge, die sie behalten hatte, wie zum Beispiel ihre Kleidung und den Schmuck. Sie hatte nur die hässlichsten Schmuckstücke verkauft und auch nur, um sicher zu gehen, dass sie genug zum Überleben hatte. Das war, bevor ihr Unternehmen erfolgreich wurde. Es hatte fünf lange Jahre gedauert, um dort hin zu kommen, wo sie jetzt war. Und die schlimmsten Tage während dieser Zeit waren immer noch besser, als alle mit Edgar. Sie war frei. War ihn los. Für immer. Nie mehr würde ein Mann sie vor Wut anfassen. Nie mehr würde ein Mann sie schlagen.

Sie fing sogar an zu denken, dass es vielleicht sogar an der Zeit wäre, eine neue Beziehung in Erwägung zu ziehen. Keine Ehe, aber eine Partnerschaft. Jemand, mit dem sie reden konnte, mit dem sie zu Abend essen konnte, jemanden, den sie vielleicht sogar lieben konnte. Falls sie eine Person finden sollte, mit der sie ihr Leben teilen könnte, würde das in ihren Händen liegen. Dieses Mal würde sie ihre eigenen Entscheidungen treffen und nicht die Wünsche ihres Vaters erfüllen. Sie würde nie mehr jemanden wie Edgar nehmen. Dort draußen musste es doch gute Männer geben. Caleb Black schien einer zu sein. Aber wer könnte das schon anhand eines Briefes, oder sogar an einem Dutzend Briefen, festmachen? Trotzdem hatte sie ein kleines Kribbeln im Bauch und ihr Herz schlug ein wenig schneller, wenn sie an ihn dachte - und all das machte sie nur noch vorsichtiger. Aber er war hunderte von Kilometern weit weg. Und in New York, nun ja… da waren die Dinge eben etwas anders. Sie hatte kein soziales Umfeld. Keinen Ort, an dem sie jemanden kennenlernen konnte. Das redete sie sich ein. Immer und immer wieder.

Sie holte ihre beiden Handkoffer unter dem Bett hervor, packte in beide jeweils ein komplettes Wechseloutfit und ein paar notwendige Kleinigkeiten, wie ihre Zahnbürste und Zahnpulver, ihre Bürste und zusätzliche Haarklammern. Korsetts zu tragen hatte sie vor langer Zeit aufgegeben. Sie hatte niemanden, der ihr in eines hinein und hinaus helfen konnte, also machte es auch keinen Sinn, welche zu kaufen. Nebenbei hatte sie außerdem eine gute Figur und brauchte kein Korsett, besonders nicht bei dieser Hitze. Nur ein Unterhemd würde reichen. Sie war ein wenig mollig, aber das gab ihr nur schöne Kurven.

Als sie fertig gepackt hatte, setzte sie sich hin, um den Ordner erneut durchzulesen - wie sie es bereits Dutzende Male zuvor getan hatte. Mr. Caleb Black faszinierte sie. Er war attraktiv. Kein pingeliger Stadtmensch. Männlich. Stark. Auf seinem Foto konnte man einen markanten Kiefer und dunkle Augen erkennen. Seine Haare waren braun oder schwarz - das konnte sie in dem Ferrotypie-Foto nicht erkennen, das er geschickt hatte. Seine Schultern wirkten breit und seine Taille schmal. Er trug einen dreiteiligen Anzug mit einer Krawatte und hielt einen Stetson in seiner Hand. Sie hatte ihn in einem ihrer Briefe gefragt, was das für eine Art Hut war, da sie noch nie zuvor so einen gesehen hatte. Sie hatte ihn in ihren Briefen viele Dinge gefragt und er hatte immer zügig mit den Antworten darauf zurückgeschrieben. Nun, so schnell, wie die Post eben war, was meistens ungefähr zwei Wochen waren. Er stellte ihr Fragen über ihr Leben. Was sie mochte und was nicht.

In jedem Brief erzählte er ein klein wenig von seiner Lebensgeschichte. Tatsächlich hatte er ihr mehr über sich selbst erzählt, als in all den Briefen an Jenny. Diese waren unpersönlich. Formell. In ihnen stand nichts von ihm selbst. Nichts von seinem Humor, seiner Liebe zu seiner Tochter oder seinem eisernen Beschützerinstinkt für sie. Alles von ihm, alles, das ihn besonders machte, stand in den Briefen an Maggie - nicht in denen an Jenny. Und er bestand darauf, sie Maggie zu nennen, egal wie oft sie ihm gesagt hatte, dass ihr Name Margaret war. Sie hatte versucht, böse zu bleiben, aber es erinnerte sie an schönere Zeiten. Zeiten vor Edgar und ihrer Ehe, die einem Schlachtfeld glich.

Und Maggie hatte alle Briefe gelesen, die er an Jenny geschickt hatte. Sie las all die Briefe an ihre Bräute, um sicher zu gehen, dass das, was diese Männer den jungen Frauen versprachen, die sie heiraten würden, möglich - oder überhaupt wahr war. Sie hatte einen Mann gehabt, der einem Mädchen versprochen hatte, dass sie Seide tragen und in Gold baden würde. Da der Mann Ratenzahlungen an Maggie senden musste, gab sie den Brief nicht weiter und schickte dem Mann natürlich sein Geld zurück. Sie teilte ihm unmissverständlich mit, dass sie nur Männern half, die ehrlich zu ihren Bräuten waren. Maggie musste die Frauen und ihr Geschäft beschützen, indem sie sicherging, dass die Männer vertrauenswürdig waren.

Und nun würde sie Caleb Black treffen. Sie musste zugeben, dass sie ein wenig aufgeregt war. Sich endlich mit dem Mann treffen zu können, von dem sie heimlich geträumt hatte, aber ihn nicht haben konnte. Nein. Nicht, ohne Jennys Leben zu ruinieren. Das würde sie niemals tun. Es war ihr Geschäft, ihr Leben und sie würde es um jeden Preis beschützen.

*****

Im Zug beobachtete Maggie Jenny und den jungen Mann von ihrem Sitzplatz nahe des Fensters aus. Sie hatte es geöffnet, weil die Hitze im Zugabteil die Luft stickig werden ließ. Selbst der Geruch der verbrennenden Kohle war besser als die unerträglichen Temperaturen in diesem Abteil. Der Wind fuhr ihr durch die Haare und kühlte sie ein wenig ab.

Der Mann hieß Robert Gordon, aber Jenny nannte ihn Robbie. Er war in ihrem Alter und sie war definitiv zu ihm hingezogen. Er hatte braune Haare. Einfach ein durchschnittlich aussehender Mann. Er war nicht ganz 1,80 m groß, aber war immer noch ein paar Zentimeter größer als Jenny.

Dass sie aneinander interessiert waren, machte Maggie Sorgen. Sie müsste Jenny an ihre Verpflichtungen gegenüber Mr. Black erinnern. Das wollte sie gerade tun, als Jenny aufstand und auf sie zukam. Der entschlossene Ausdruck in ihrem Gesicht ließ Maggie befürchten, dass das nichts Gutes für sie hieß - oder für Mr. Black.

“Maggie.“, fing Jenny an.

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich das hören möchte.“, antwortete Maggie.

„Ich habe Robbies Heiratsantrag angenommen. Wir lieben uns, Maggie und ich hätte gerne deinen Segen, aber ich werde es tun, ob du mir nun zustimmst, oder nicht. Bitte Maggie, du bist die Person, die einer Mutter für mich am nächsten ist.“

Sie blickte in Jennys blaue Augen hinauf und sah die eiserne Entschlossenheit, aber sie musste es versuchen. „Und was ist mit Mr. Black? Ihm hast du auch dein Versprechen gegeben, ihn zu heiraten.“ Maggie wusste, dass es hoffnungslos war, sobald Jenny Liebe erwähnt hatte.

Jenny faltete ihre Hände und setzte sich auf den Platz gegenüber von Maggie. „Verstehst du das nicht? Mr. Black ist nur ein Name und ein Bild. Robbie ist echt. Ich kann ihn anfassen, mit ihm reden und ihn sogar küssen, wenn ich möchte. Ich fühle das, was er fühlt. Er ist mein Robbie.“

„Jenny…“

Sie stand auf und sah zu Maggie hinunter. „Du kannst meine Meinung nicht ändern und mich auch nicht aufhalten. Robbie wohnt in Omaha und dort werden wir zusammen aus dem Zug aussteigen. Ihm gehört ein Teil eines Eisenwaren-Ladens. Wir werden gleich direkt zum Friedensrichter gehen, um zu sehen, ob er uns gleich verheiraten kann.“

Maggie stand auf und legte ihre Hand auf Jennys Arm. „Wenn du dir sicher bist, dass du diesen Weg gehen willst, dann habt ihr meinen Segen. Ich wünsche dir und Robbie alles Glück der Welt.“

„Danke.“, flüsterte Jenny, als ob sie die Luft angehalten hatte, während sie auf Maggies Antwort gewartet hatte. Sie umarmte Maggie fest. „Vielen, vielen Dank!“

„Gerne. Seid einfach glücklich.“

„Das werden wir.“ Sie begann, in die andere Richtung zu laufen, blieb dann aber stehen und drehte sich nochmal zu Maggie um. „Was wirst du Mr. Black sagen?“

„Die Wahrheit.“

*****

8. Mai 1871

Sie hatte die letzten zwei Tage nichts Anderes gemacht, als sich Gedanken darüber zu machen und nun, als der Zug an der Station in Denver zum Halten kam, ging ihr die Zeit aus. Maggie blickte aus dem Fenster und sah, wie sich die Berge in der Ferne erhoben. Sie wirkten lila. Selbst jetzt im Frühling waren die höchsten Bergspitzen noch mit Schnee bedeckt. Sie wirkten kontrastreich zu dem strahlend blauen Himmel, der sie an ihre Kindheit auf dem Bauernhof im Hinterland von New York erinnerte - mit dem klaren Himmel und den sternhellen Nächten. Der Ruß in der Luft in New York ließ den Himmel die meiste Zeit grau wirken. Sie hatte gar nicht realisiert, wie sehr sie es vermisst hatte, ihn so klar zu sehen.

Die Schönheit entging ihr nicht, auch wenn ihre Nerven sie davon abhielten, sie vollkommen zu genießen. Sie stand von ihrem Sitz auf, strich ihren Rock glatt und machte sich dafür bereit, Mr. Black zu treffen. Wie sie ihm aber erklären sollte, dass sie hier ohne seine Braut angekommen war, wusste sie nicht. Sie atmete tief ein, richtete sich gerade auf und stieg aus dem Zug.

Maggie zog ihre Handschuhe aus und schüttelte sie aus. Die Asche und der Ruß ließen eine kleine Staubwolke entstehen. Kaum zu glauben, dass sie trotz des Drecks immer noch weitgehend schwarz aussahen. Sie faltete sie ordentlich zusammen und legte sie dann in einen der Handkoffer, die neben ihren Füßen am Boden standen. Sie stand in der Nachmittagssonne am Bahnsteig und wartete auf Mr. Black. Schweiß lief ihr zwischen den Brüsten hinunter und sie wollte nichts mehr, als ihren Körper mit einem kalten Waschlappen zu waschen und nackt in einem kühlen, dunklen Raum zu liegen, in dem eine Brise von einem offenen Fenster über ihre Haut glitt. Stattdessen sah sie zu, wie Pärchen wieder vereint wurden und sich liebevoll in die Arme fielen. Familien hießen ihre Väter und Brüder, Schwestern und Mütter von ihren Reisen in den Osten willkommen. Der Stich in ihrem Herzen erinnerte sie daran, dass sie niemanden in ihrem Leben hatte, der sie vermissen oder sie zu Hause willkommen heißen würde.

Sie hatte sich so darin verloren, die Wiedersehen zu beobachten, dass sie gar nicht bemerkte, wie ein großer Mann auf sie zukam.

„Mrs. Selby?“, fragte eine tiefe, baritone Stimme hinter ihr.

Sie wirbelte herum und sah nach oben, weit nach oben in dunkle, kaffeefarbene Augen. „Ja?“

Der Mann zog seine getragenen Lederhandschuhe aus und streckte ihr seine Hand entgegen. „Caleb Black.“

„Mr. Black.“, sagte sie und schüttelte seine Hand fest. „Es freut mich sehr… Sie endlich kennenzulernen.“ Sie stolperte über ihre Wörter, als sie spürte, wie seine Hand ihre mit Wärme umgab.

„Mich freut es genauso, auch wenn ich ein wenig überrascht bin. Sie haben deutlich klargemacht, dass Sie Mrs. Talbot nicht begleiten würden und dass ich sie mit Mr. Sinclair treffen würde.“

Sie senkte ihren Blick, realisierte, dass ihre Hand immer noch in seiner lag und befreite sich schnell aus seinem Griff. „Ja, nun zu dieser Sache…“

„Ich höre?“, sagte er leise.

„Mr. Sinclair hatte einen familiären Notfall, bevor er und Jenny losmussten, also musste ich sie selbst begleiten.“

„Das erklärt die Abwesenheit von Mr. Sinclair.“ Er sah sich in der Gegend um. „Aber nicht die von Miss Talbot. Ist sie noch im Zug?“

Maggie holte tief Luft und machte sich bereit. „Jenny hat im Zug einen Mann kennengelernt und mich in Omaha sitzen gelassen, um ihn zu heiraten.“ Hastig fuhr sie fort: „Es tut mir so leid, Mr. Black. Es wird eine Weile dauern, aber ich werde Ihnen Ihr Geld zurückschicken, sobald ich wieder in New York bin.“

Er legte seinen Kopf zur Seite und sagte: „Ich möchte nicht mein Geld zurück, Mrs. Selby. Ich möchte eine Ehefrau.“

„Aber ich habe keine für Sie, Mr. Black.“

„Oh, aber das haben Sie.“ Er lächelte und sie hätte schwören können, dass seine Augen vor Belustigung funkelten. „Sie haben sich.“ Er musterte sie von oben bis unten. „Und ich denke, dass Sie sich ganz gut machen würden.“

Maggie stand mit weit offenem Mund da, bis er seinen Arm ausstreckte und sanft ihr Kinn mit seinem Fingerknöchel hob.

„Das können Sie nicht ernst meinen.“, sagte sie endlich. Sie fühlte sich schlecht, dass sie einen ihrer Klienten begehrte. Einer der Bewerber ihrer Bräute.

„Aber das bin ich. Ich denke, wir würden zusammenpassen.“

„Wir würden höchstwahrscheinlich nicht zusammenpassen.“ Sie stampfte vor Wut fast mit dem Fuß auf dem Boden, aber sie war nicht wirklich wütend. Sie konnte es ihm auch nicht böse nehmen. Und wütend zu werden, würde auch nichts lösen.

Er lächelte, steckte seine Daumen in seinen Gürtel und wippte auf seinen Fersen. Dann fragte er sie: „Was wartet auf Sie, dort in New York, Maggie?“

„Nennen Sie mich nicht Maggie.“

„Na gut. Was wartet auf dich… Margaret? Du hast keinen Ehemann, keine Familie. Das weiß ich, von deinen Briefen.“

„Ich habe ein Geschäft.“

Er nahm ihre Hand in seine und fing an, mit seinen Daumen in kleinen Kreisen an der Innenseite ihres Handgelenks entlangzufahren. „Ein Geschäft kann dein Bett nachts nicht wärmen. Ein Geschäft kann dich nicht in den Arm nehmen oder mit dir lachen. Komm mit mir mit. Iss mit mir zu Abend. Lass uns darüber reden.“

„Ich… ich weiß nicht.“

„Warten Sie mal kurz, junger Mann. Ich bin auch hierhergekommen, um Mrs. Selby zu treffen.“

Maggie sah die neu dazugekommene Person an und war schockiert, dass noch jemand ihren Namen kannte. Er war ein älterer Mann in den sechziger Jahren. Ungefähr genauso groß wie Maggie mit grauen Haaren und einem langen, grauen Bart.

„Und Sie sind?“, fragte Maggie.

„Ich bin Martin Butler und ich habe ein Hühnchen mit Ihnen zu rupfen. Meine Braut ist abgehauen und wenn Sie schon den Platz einer durchgebrannten Braut einnehmen, dann wird es der von meiner sein.“ Er packte sie am Arm.

Maggie versuchte sich herauszuwinden, aber er war stark.

Caleb hatte kein Problem damit, dazwischen zu gehen. Er nahm den Mann mit seiner rechten Hand am Handgelenk, verpasste Butler einen linken Kinnhaken und ließ ihn rückwärts zu Boden taumeln.

„Fassen Sie Mrs. Selby nicht an.“ Calebs Stimme war weich, aber trotzdem entschlossen.

„Auuu. Schon gut. Schon gut.“ Er trat aus Calebs Reichweite zurück.

Maggie rückte näher an Caleb heran und spitzte hinter seiner Schulter hervor. „Sie sind Mr. Butler? Sie haben angegeben, dass Sie vierzig Jahre alt sind. Sie müssen mindestens fünfundsechzig sein. Kein Wunder, dass Beatrice abgehauen ist. Sie haben mich angelogen und aus irgendeinem Grund hat mir Mr. Sinclair nicht ihr wahres Alter verraten. Wieso nur, frage ich mich? Und woher wussten Sie, dass ich hier sein würde?“

Martin zuckte mit den Schultern. „Ich habe ein Telegraph an ihr Büro geschickt. Ihr Mädchen Sally hat mir verraten, wo Sie sein würden. Und wegen dem Mann – Sinclair. Genug Geld in den richtigen Händen kann Wunder bewirken, um jemanden zum Schweigen zu bringen.“

Maggie holte tief Luft. „Daher hat er auch das Geld für Marys Ärzte.“ Sie konnte es Mr. Sinclair nicht wirklich böse nehmen. Seine Frau, Mary, brauchte die Behandlung oder sie würde sterben. Wenn es jemand gewesen wäre, den Maggie geliebt hätte, hätte sie auch alles nur Mögliche getan. Sie sah zu Mr. Butler hinüber. Sein zotteliges, graues Haar hing in dünnen Strähnen um seinen Kragen und sein langer, silberner Bart lag auf seiner Brust. Seine Augen funkelten vor Schadenfreude oder etwas noch Finstererem - sie war sich nicht sicher. Sie war sich aber sicher, dass sie auch geflüchtet wäre, wenn sie Beatrice gewesen wäre. „Sie haben in Ihrer Bewerbung gelogen und deshalb ist unser Vertrag nichtig und unwirksam. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen, ich habe einen Termin mit Mr. Black.“

Maggie nahm Calebs Arm. „Wollen wir?“

Caleb nahm beide ihre Koffer in eine Hand und sagte: „Wir wollen.“

Sie waren den Bahnsteig auf halbem Weg heruntergelaufen, als sie stehenblieben und sich umdrehten. Martin Butler stand da, beobachtete sie und hatte seine Hände zu Fäusten geballt. Mir dem Blick in seinen Augen zusammen mit den langen Haaren und dem langen Bart wirkte er wie ein wildes Tier und das machte Maggie irgendwie Angst. Sie war froh, dass Caleb bei ihr war.

„Sie können mich jetzt wieder loslassen.“

„Noch nicht. Du musst immer noch was essen. Du hattest bestimmt keine ordentliche Mahlzeit mehr, seitdem du New York verlassen hast. Das Essen in den Raststätten der Stationen ist ungenießbar, wenn überhaupt. Außerdem will ich nicht, dass Mr. Butler dich noch mal in seine Finger bekommt. Er scheint nicht einer zu sein, der sich einfach abschrecken lässt.“

„Naja, ich…“

„Gut, dann ist es beschlossen.“ Er hakte seinen Arm in ihren ein.

„Verzeih den großen Wagen. Ich habe mit mehr Gepäck gerechnet.“

„Kein Problem.“, antwortete Maggie. „Hätte alles geklappt, hätten Sie ja auch eine Kiste transportieren müssen.“

Caleb nickte einfach nur.

Sie sah hinauf zu dem Mann, dessen Arm sie in ihrem hielt. Caleb. Wann hatte sie angefangen, ihn als Caleb zu sehen? Während einem der dutzenden Male, als sie jeden Brief, den er geschickt hatte, gelesen hat? Oder als sie sie alle auf der langen Reise hierher nochmal gelesen hatte?

„Wohin bringen Sie mich, Mr. Black?“

„Ins Hotel Melvin und zum besten Essen der Stadt. Ich habe dort zwei Zimmer. Ich hatte eins für Miss Talbot, aber das kannst du nun haben.“

„Das ist wirklich nett von Ihnen, wenn man bedenkt, was alles passiert ist.“

„Das ist wohl das Mindeste, was ich für die Frau tun kann, die ich heiraten werde.“

„Ich wünschte, Sie würden aufhören, das zu sagen. Sie wissen, dass das unmöglich ist.“ Egal wie charmant und attraktiv er war, würde sie nicht wieder bei schmeichelnden Worten schwach werden.

„Von sowas weiß ich nichts. Ich habe vor, dich von der Echtheit meines Antrags zu überzeugen.“

Sie schüttelte ihren Kopf. „Mr. Black-“

„Caleb.“

„Tut mir leid. Wie bitte?“

„Mein Name ist Caleb.“

„Caleb.“, sagte sie und mochte den Klang. Es war ein starker, solider Name. „Du weißt, dass das nichts wird.“

„Schau, du brauchst ein Zimmer, in dem du dich nach deiner langen Reise frischmachen kannst. Du kannst dir ein Bad bestellen, wenn du möchtest. Und du musst was essen. Also kannst du auch erstmal mit mir mitkommen.“

„Ich weiß nicht.“, sagte sie, aber lief weiter. Als er das Bad erwähnt hatte, hatte er sie überzeugt.

Er lächelte.

Sie kamen am Ende des Bahnsteigs an, wo sein Wagen wartete. Er legte ihre Koffer hinten hinein, hielt ihre Hand, half ihr, auf die Sitzbank hochzuklettern und stützte sie mit seiner anderen Hand an ihrer Taille. Dann ging er hinten um den Wagen herum auf die andere Seite des Wagens, kletterte hinauf und setzte sich neben sie. Er nahm die Zügel in die Hände und schwang sie auf die Hintern der Pferde. „Hü!“

Maggie drehte sich um und begutachtete ihn still. Er hatte dunkelbraune, lockige Haare, die ihm nicht ganz bis zum Kragen gingen. Sein Stetson hing ihm tief im Gesicht und ließ seine Augen, diese schönen, schokoladenbraunen Augen, im Schatten. Er trug ein dunkles Chambray Hemd, das neu wirkte, mit braunen Wollhosen und gut getragenen Stiefeln. Die Ärmel seines Hemdes waren wegen der Hitze hochgekrempelt und lederne Arbeitshandschuhe bedeckten seine großen – und wie sie sich erinnerte, warmen – Hände. Hände, die, obwohl sie rau waren, sanft waren, wenn er sie berührte.

Sie mochte ihn eigentlich, trotz seiner selbstherrlichen Art, wie sie ihn in seinen Briefen kennengelernt hatte. Sie wusste, dass er ein Witwer war und eine siebenjährige Tochter namens Rachel hatte. Seine Frau, Ruth, war bei der Geburt gestorben und er hatte Rachel alleine großgezogen.

„Gefällt dir, was du siehst?“, fragte er sie, als er sie dabei erwischte, wie sie ihn anstarrte.

Maggie umklammerte ihren Rock ein wenig fester und ignorierte seine Frage. „Also, Caleb, wo ist Rachel? Sie ist gar nicht mit dir mitgekommen.“

Er lachte. „Ich habe versucht, sie dazuzubekommen mitzugehen, aber sie meinte, sie hätte Hausarbeiten, die sie lieber erledigen wollte. Meistens kann ich sie kaum dazu bekommen, ihre Arbeiten zu erledigen, aber heute wollte sie es plötzlich. Sie hat sich vorbereitet und fertiggemacht. Für ihre neue Mutter dekoriert.“