Die Fliege - Silvia Stolzenburg - E-Book

Die Fliege E-Book

Stolzenburg, Silvia

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Beschreibung

Stuttgart, Anfang Juni 2015: Der vorgezogene Sommerurlaub von Oberkommissarin Anna Benz wird an einem Montagmorgen kurz nach fünf Uhr abrupt beendet. Offenbar haben Wanderer in einem Waldstück bei Stuttgart einen Toten gefunden, dessen Zustand Rätsel aufgibt. "Wenn so etwas möglich wäre, würde ich sagen, jemand hat versucht, ihn mehr als einmal zu töten", urteilt die Rechtsmedizinerin nach einem ersten Blick auf die Leiche. Kurz darauf bringt die Obduktion ans Licht, dass der Mann von zahlreichen Waffen verletzt worden ist. Die Tiefe und Schwere der Wunden lässt zudem darauf schließen, dass man es offensichtlich mit mehreren - teils unentschlossenen - Tätern zu tun hat. Anna Benz und ihr Kollege Markus Hauer beginnen zu ermitteln. Was steckt hinter dem brutalen Mord? Wurde der Tote Opfer eines makabren Rituals? Lief eine Mutprobe aus dem Ruder? Oder streift eine Horde mordlustiger Irrer durch die Gegend? Fragen über Fragen, die Anna und Markus schon bald in ein Labyrinth aus widersprüchlichen Fährten führen ....

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MOBI

Seitenzahl: 373

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Silvia Stolzenburg

Die Fliege

Kriminalroman

EDITION 211

Impressum

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen oder fotografischen Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, des Nachdrucks in Zeitschriften oder Zeitungen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung oder Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen oder Video, auch einzelner Text- und Bildteile.

Alle Akteure des Romans sind fiktiv, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und sind von der Autorin nicht beabsichtigt.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Autoren- und Projektagentur Gerd F. Rumler, München.

Copyright © 2016 by Edition 211, ein Imprint von Bookspot Verlag GmbH

1. Auflage

Lektorat: Christiane Geldmacher

Satz/Layout: Martina Stolzmann

E-Book: Mirjam Hecht

Covergestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung eines Motivs von Shutterstock

Druck: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Made in Germany

ISBN 978-3-95669-055-6

www.bookspot.de

Widmung

Für Effan – Lieblingsmensch und Sonnenschein

Kapitel 1

In der Nähe von Stuttgart, 6. Juni 2015

»Scheiße!«

Der Ausruf hallte so unerwartet durch den Kellerraum, dass Tobias Hofmann einen Satz nach hinten machte.

»Verdammte Scheiße!« Keuchend trat der Sprecher einen Schritt von dem Stuhl zurück, der direkt über dem Abflussgitter im Boden der Waschküche stand, und blickte angewidert auf die zusammengesunkene, nackte Gestalt hinab, auf die gelbliche Lache zwischen den gefesselten Beinen. Blut vermischte sich mit Urin und tropfte in regelmäßigen Abständen auf den kalten Betonboden. Der Kopf des Gefesselten hing schlaff nach hinten. Von dem ehemals gutaussehenden Gesicht war nicht mehr viel zu erkennen. Prellungen und Platzwunden entstellten den gesamten Körper, die schlimmsten davon so tief, dass sie genäht werden müssten. Bald.

Denn sonst würde der Mann verbluten.

Tobias Hofmann senkte den Baseballschläger, mit dem er dem hilflosen Opfer vor wenigen Minuten noch den Arm gebrochen hatte. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und starrte den anderen verständnislos an.

»Was ist los?« Sein Herz hämmerte so heftig, dass er es in seiner Halsgrube spüren konnte. Immer noch toste das Blut in seinen Ohren, während Adrenalin sein Gehirn vernebelte. Die Wut war wie eine gewaltige Woge, die ihn ergriffen und mit sich davongetragen hatte. Das Gefühl, das ihn durchströmt hatte, als das harte Holz den Knochen des Gefesselten zertrümmert hatte, war unbeschreiblich. Er schmeckte Blut – als ob er wie ein Raubtier die Zähne in seine Beute geschlagen hätte. Der Rausch der Macht war so überwältigend, dass ihm schwindelig war. Doch der Ausdruck auf dem Gesicht seines Gegenübers vertrieb das Hochgefühl und ließ die Welle der Euphorie in sich zusammenfallen.

»Ja, was ist?«, wollte jetzt auch der Dritte im Raum wissen. Er versetzte dem Gefesselten einen Fußtritt in den Unterleib, der jedoch keinerlei Reaktion hervorrief. »Ist er weggetreten oder was?« Er verzog das Gesicht. »Weichei!«

Der Angesprochene schüttelte den Kopf. Das dunkelblonde Haar klebte ihm in der Stirn, die genau wie der Rest seines Gesichtes die Farbe reifer Tomaten aufwies. »Nein.« Er rieb sich den Ellenbogen und wischte das Blut daran an seiner Hose ab. »Er ist tot.«

»Was?« Tobias Hofmann ließ den Baseballschläger fallen. »Wie meinst du das? Er kann doch nicht tot sein!« Etwas, das sich anfühlte wie die Spitze eines Eiszapfens, bohrte sich in seine Magengrube.

»Ist er aber«, war die gepresste Antwort.

Tobias Hofmann wich weiter von dem Stuhl zurück, bis er mit dem Rücken gegen die Wand stieß. »Scheiße!«

»Sag ich doch!«, brauste der Dunkelblonde auf.

»Bist du sicher?« Der Dritte beugte sich über das nackte Opfer und legte zwei Finger an dessen Schlagader. »Verdammt, du hast recht.« Er richtete sich wieder auf und sah von einem zum anderen.

Tobias Hofmann ballte die Hände zu Fäusten. Seine Knöchel schmerzten vom vielen Zuschlagen – weshalb er dann den Baseballschläger benutzt hatte. Er versuchte zu schlucken, aber sein Mund war vollkommen ausgetrocknet. Entsetzt bemerkte er, wie sich ein weiterer Tropfen vom Sitz des Stuhls löste und in die Lache am Boden tropfte. Das Geräusch wirkte unangemessen laut. Seine Beinmuskeln spannten sich, als ihn der überwältigende Drang zu fliehen überkam. Sein Blick ging zu der verschlossenen Metalltür, durch die sie vor wenigen Stunden ihr Opfer in die Waschküche gestoßen hatten.

»Bitte, lasst mich gehen«, hatte der Kerl gejammert. Aber Tobias und die anderen beiden waren so fest entschlossen gewesen, ihm eine Lektion zu erteilen, dass sein Flehen auf taube Ohren gestoßen war.

Tobias zwang sich, dort stehen zu bleiben, wo er war und tief ein- und auszuatmen. Panik würde ihm nicht weiterhelfen. Panik half niemals weiter! Er zerrte am Kragen seines T-Shirts, da es ihm die Luft abzuschnüren schien. Oh Gott! Was sollten sie jetzt tun? So hatte es nicht ausgehen sollen! Er spürte, wie auch der letzte Rest Wut in ihm verpuffte und eine schreckliche Furcht an ihre Stelle trat. Er schloss die Augen, um nicht mehr sehen zu müssen, wie sie ihr Opfer zugerichtet hatten.

»Wie ... ?«, fragte er schließlich schwach. Die eigene Stimme klang fremd in seinen Ohren. »Wer von uns ...?« Er schaffte es nicht, den Gedanken auszusprechen. Die anderen verstanden ihn offensichtlich dennoch.

Der Dunkelblonde schnaubte. »Das ist doch wohl vollkommen egal, oder?« Er holte tief Luft und presste die Lippen aufeinander. Die Muskeln in seinen Wangen spielten. Sein breiter Brustkorb hob und senkte sich heftig und ihm war anzusehen, dass er fieberhaft nachdachte. Nach einigen Augenblicken, die Tobias wie eine Ewigkeit vorkamen, stellte er nüchtern fest: »Wenn wir nicht den Rest unseres Lebens im Gefängnis verbringen wollen, müssen wir ihn loswerden.«

»Aber wie?«, warf der dritte Mann ein. Er fuhr sich mit der Hand durch das schwarze, mit Gel zurückgekämmte Haar.

Der Dunkelblonde zeigte auf eine Rolle blauer Plastiksäcke, die auf einem der Kellerregale lag.

»Das kann doch nicht dein Ernst sein!«, platzte es aus Tobias heraus. »Wir können ihn doch nicht einfach wegwerfen wie einen Sack Müll!« Mit jeder Sekunde, die verstrich, nahm das Entsetzen über das, was sie getan hatten, zu. Der Mann war tot. Tot! Das hatte er doch nicht gewollt. Er stöhnte leise. Vielleicht lebte er ja doch noch. Vielleicht hatten sich die anderen beiden getäuscht. Er wollte einen Schritt auf den Gefesselten zumachen, um ihm selbst den Puls zu fühlen. Aber der Dunkelblonde packte ihn hart am Arm und hielt ihn zurück.

»Vergiss es, den erweckst du nicht mehr zum Leben«, sagte er kalt. Sein Blick tastete Tobias’ Gesicht ab, bevor er ihn wieder losließ. »Krieg bloß nicht das große Zittern! Was passiert ist, ist nicht zu ändern. Jetzt müssen wir zusehen, dass wir heil aus der Sache rauskommen.« Er trat an das Regal und riss eine Handvoll Plastiksäcke von der Rolle ab, die er auf dem Boden ausbreitete. Dann – ohne ein weiteres Wort – kehrte er den beiden den Rücken zu und verschwand aus der Waschküche. Als er wenig später zurückkehrte, hatte er Gummihandschuhe, eine Axt, ein Messer und einen Hammer dabei. »Hier.« Er warf Tobias das Messer zu. »Schneide ihn los.«

Sobald der Mann vom Stuhl auf den Boden geglitten war, streckte er den Arm des Toten aus und holte mit der Axt aus.

Die abgetrennte Hand landete vor Tobias’ Füßen.

Kapitel 2

Schwäbische Alb, 7. Juni 2015

Der Gegenwind trug den Duft von Erdbeeren heran. Schwer und verlockend hing er in der heißen Luft und sorgte dafür, dass Anna Benz augenblicklich das Wasser im Mund zusammenlief. Sie hatte schon wieder Hunger, obwohl sie erst vor einer halben Stunde eine Banane in sich hineingestopft hatte. Ihr Magen knurrte so laut, dass sie das Geräusch trotz des Windrauschens in ihren Ohren hören konnte.

»Riechst du das?«, rief sie über die Schulter zurück.

Jens, dessen Vorderrad fast ihr Hinterrad berührte, antwortete schnaufend: »Ja. Da vorn ist eine Plantage.«

Anna sah sich suchend um. Tatsächlich wies ein Schild keine zweihundert Meter links vor ihnen auf ein Erdbeerfeld direkt gegenüber des Wanderparkplatzes bei Weiler ob Helfenstein hin. Na prima!, dachte sie gereizt. Deshalb war hier so viel Verkehr, obwohl sie sich eigentlich am Arsch der Welt befanden. Seit dem letzten Dorf waren sie alle paar Minuten von Autos überholt worden – meistens mit so wenig Abstand, dass Anna bereits zweimal unfreiwillig mit ihrem Rennrad ins Grüne abgebogen war.

»Magst du welche?«, fragte Jens. Er fuhr neben sie und grinste. Ihm schien die Tour weitaus weniger auszumachen als Anna. Zwar lief auch ihm der Schweiß in Strömen übers Gesicht, aber seiner Zappeligkeit nach zu urteilen hatte er noch viel Energie. Wie immer veränderten das Baumwolltuch und der Helm auf seinem Kopf sein Aussehen vollkommen, genau wie die schnittige Sportbrille. Nichts verriet, dass sich unter dem Helm ein glatt rasierter Kopf befand. Vielmehr ließen die starken Brauen und die dunklen Bartstoppeln etwas ganz anderes vermuten.

Anna winkte dankend ab. »Bloß nicht. Wenn ich jetzt anhalte, um Erdbeeren zu pflücken, komme ich heute nicht mehr nach Hause.« Sie ließ den Kopf sinken, um ihre Nackenmuskulatur zu entlasten. Wenn nur ihr Hintern nicht so wund wäre! Und das trotz fingerdick aufgetragener Sitzcreme. Irgendwie tat ihr heute alles weh. Sie rümpfte ärgerlich die Nase. Was war nur los mit ihr? Bisher hatte ihr die Vorbereitung auf die Alb Extrem nie so viel ausgemacht. Schlappe 120 Kilometer standen bisher auf dem Tacho. Wenn sie in knapp drei Wochen den »kleinen« Radmarathon – 190 Kilometer kreuz und quer über die Schwäbische Alb – schaffen wollten, dann mussten sie noch mindestens zwei Steigen hochstrampeln, bevor sie zurück nach Tübingen fahren konnten. Sie prustete und griff nach ihrer Trinkflasche. Der verdünnte Apfelsaft darin war körperwarm. »Bäh!«, schimpfte sie.

»Heute Abend kriegst du ein kühles Bier«, versprach Jens lachend.

Da es inzwischen bergab ging, hörte Anna auf zu treten und ließ ihr Rad rollen. Nach einigen hundert Metern tauchte ein Ortsschild vor ihnen auf.

»Treffen wir uns unten?«, fragte Jens, als die Steige in Sicht kam.

Anna schaltete ein paar Gänge hoch. »Ja, fahr zu. Aber übertreib’s nicht. Ich will dich nicht von der Straße kratzen müssen.«

»Ich bin ganz vorsichtig«, versprach er, stand aus dem Sattel auf und trat mit voller Kraft in die Pedale. Keine halbe Minute später war er um die Kurve verschwunden.

Anna schüttelte den Kopf und griff um, damit sie in Unterlenkerhaltung fahren konnte. So kam sie besser an die Bremshebel, hatte das Gefühl, mehr Kontrolle über ihr Rad zu haben. Während sie das Burghotel rechts liegen ließ, sog sie den Geruch von warmem Heu ein. In den Bäumen schimpften zahllose Spatzen, denen der Andrang der Sonntagsausflügler vermutlich genauso auf die Nerven ging wie ihr. Der Parkplatz der Burgruine Helfenstein war vollkommen überfüllt, sodass einige Besucher verbotenerweise auf der Straße geparkt hatten – kreuzgefährlich mitten in der Kurve.

»Deppen«, murmelte Anna. Doch ihr Ärger über die Autofahrer verflog, als sie die erste lange Gerade der Steige erreichte. Über der Straße flimmerte die Hitze, als würde alles miteinander verschmelzen. Insektenschwärme tanzten in der Luft, während am Himmel zwei Milane ihre Kreise zogen. Bis auf das Jaulen eines PS-starken Motors war alles still. Tief über den Lenker gebeugt sauste Anna ins Tal – darauf bedacht, in den Kurven nicht auf dem von der Sonne aufgeweichten Flickasphalt ins Rutschen zu kommen. Es war wie fliegen. Der Fahrtwind trocknete den Schweiß auf ihrer Haut, brachte Kühlung und zerrte an ihrem geflochtenen Haar. Mit über siebzig Sachen schoss sie an den Leitplanken vorbei und fühlte sich für eine kurze Zeit unbeschwert wie ein Kind. Übermütig bremste sie so kurz vor den scharfen S-Kurven ab, dass ihr Hinterrad schwarze Streifen auf die Straße malte. Einem Motorradfahrer, der sie fröhlich hupend überholte, winkte sie hinterher. Doch leider war der Spaß viel zu schnell vorbei. Als die ersten Häuser von Geislingen durch das Laub der Bäume blitzten, verringerte sie ihr Tempo. Der Straßenbelag am Ortseingang war gefährlich wellig. Wenn man nicht aufpasste, konnte es einen ruck, zuck aus dem Sattel werfen.

Jens stand dort, wo er immer auf sie wartete: vor einer Doppelgarage, über der sich der terrassenförmig angelegte Garten einer Jugendstilvilla an den Berghang schmiegte. Aus dem Garten stieg Rauch in den blauen Himmel und mit ihm der Geruch von gegrilltem Schweinebauch.

»Ganz schön gemein, was?«, fragte Jens, als sie bei ihm ankam. Er reckte die Nase in die Luft und schnupperte wie ein Hund, der einen Braten witterte. »Da würde ich mich jetzt am liebsten einladen.«

Anna schnitt eine Grimasse. »Ganz ehrlich? Ich auch.« Sie blies die Wangen auf und ließ den Atem durch die gespitzten Lippen entweichen. »Ich hab eigentlich gar keine Lust, jetzt noch nach Schnittlingen zu fahren und mich dann die Kuchalb hochzuquälen«, gestand sie. »Dafür ist es heute einfach viel zu heiß!«

Jens lachte. »Ich auch nicht.«

Anna brauchte nicht lange, um eine Entscheidung zu treffen. »Dann lass uns doch zum Auto zurückfahren und zu Hause den Grill anwerfen«, schlug sie vor. »Immerhin ist es mein letzter Urlaubstag.«

»Sicher?« Jens schielte über den Rand seiner Sonnenbrille.

»Sicher.« Anna schob ihm die Brille zurück auf die Nase. »Vermutlich kommt mir bis zur Alb Extrem sowieso wieder ein Fall dazwischen. Und so wichtig ist mir der Quatsch dieses Jahr eigentlich gar nicht.«

Jens beugte sich zu ihr hinüber, um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben, die mit winzigen Salzkristallen überzogen war. Dann klickte er den Schuh in sein Pedal ein. »Ich finde, wir sind genug geradelt in den letzten zwei Wochen. Du schaffst die 190 Kilometer auch so.«

Anna zuckte die Achseln. Es fiel ihr nicht leicht, es sich einzugestehen, aber es war ihr diesen Sommer vollkommen egal. Anders als die Jahre zuvor hatte sie nicht mehr das Gefühl, sich etwas beweisen zu müssen. Dazu war ihr Leben in den vergangenen Monaten viel zu stressig gewesen. So stressig, dass sie Vieles vor sich hergeschoben hatte, was sie schon längst hatte erledigen wollen.

Der wohlbekannte Druck in ihrer Magengegend ließ sie den Gedanken beiseitewischen. Sie war nicht zu feige! Sie hatte nur einfach nicht genug Zeit, um sich auf etwas einzulassen, von dem sie nicht wusste, wo es hinführen sollte. Energisch schwang sie sich zurück in den Sattel und folgte Jens den Rest des Abhangs hinab.

Keine zehn Minuten später erreichten sie den Parkplatz vor dem 5-Täler-Bad. Dort kochte ihr Audi in der prallen Sonne vor sich hin, weshalb Jens sein Fahrrad ans Auto lehnte und sofort alle Türen aufriss. Dann befestigte er ihre Drahtesel auf dem Dachgepäckträger, legte Handtücher über die Sitze und wechselte die Schuhe.

Anna angelte zwei Mineralwasserflaschen aus dem Kofferraum.

»Magst du auch was trinken?« Zwar war das Wasser genauso warm wie das Gesöff in ihren Trinkflaschen. Aber wenigstens schmeckte es nicht nach vergorenem Apfel und zu heiß gewordenem Plastik.

Nachdem auch Jens eine Flasche geleert hatte, kletterten sie ins Auto. Zum Glück dauerte es nicht lange, bis die Klimaanlage den Innenraum auf eine erträgliche Temperatur abgekühlt hatte. Als sie die B10 erreichten, tropfte kein Schweiß mehr von Annas Nase. Sie lehnte sich zurück, schloss die Augen und genoss das Nachlassen des Schmerzes in ihren Schultern.

Das Klingeln ihres Handys riss sie kurz vor Tübingen aus dem Halbschlaf. »Was ...?«, murmelte sie und kramte ihr Telefon aus der Ablage in der Tür.

Jens warf ihr einen verwunderten Blick zu. »Die wissen doch, dass du noch Urlaub hast.«

Anna nickte. Allerdings war die Nummer auf dem Display nicht die des Polizeiführers vom Dienst. Sondern die ihres Bruders. Sie stöhnte.

»Was gibt’s?«, fragte sie wenig begeistert, nachdem sie den Anruf angenommen hatte, und schaltete auf Lautsprecher um.

»Na, du bist heute ja mal wieder bombig drauf«, ätzte die Stimme ihres Bruders. »Bist du zu Hause?«

»Nein, wir waren radeln. Warum?«

»Hör mal, du weißt doch, dass ich mir das Haus in Heubach gekauft habe«, kam er ohne Umschweife zur Sache. Höflichkeitsfloskeln waren nicht sein Ding. Noch nie gewesen.

Er machte eine bedeutungsvolle Pause.

Natürlich wusste Anna von dem Haus, weil sie sich mehr als einmal gefragt hatte, was er sich dabei gedacht hatte. Es war weniger die Fahrtzeit von über einer Stunde, sondern vielmehr die Tatsache, dass sein Job bei den Stuttgarter Philharmonikern in den letzten drei Jahren mehr als einmal auf der Kippe gestanden hatte. Sie verdrehte die Augen, weil sie ganz genau wusste, was als Nächstes kommen würde. Denn aus einem anderen Grund rief ihr Bruder niemals an. Nicht einmal zu ihrem Geburtstag.

»Ja, und?«, fragte sie mit wenig Begeisterung.

»Also, du und Jens, ihr habt doch momentan keine finanziellen Probleme, oder?«, fragte er scheinheilig.

Aus dem Augenwinkel sah Anna, wie Jens auf den Stockzähnen grinste. »Auch mal wieder«, flüsterte er und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn.

»Weshalb?« Anna hatte keine Lust, um den heißen Brei herumzureden. Wenn er dachte, er könnte sie schon wieder anpumpen, hatte er sich geschnitten. Das letzte Mal war er vor anderthalb Jahren gekommen und hatte gebettelt, weil sich eine »einmalige Gelegenheit« geboten hatte: ein vergammeltes Segelboot, das er unbedingt restaurieren wollte.

»Na ja, ich hab mich gefragt, ob ihr mir vielleicht ein bisschen was vorschießen könntet. Bald ist Spielpause, dann gehe ich mit der Big Band auf Tournee. Da kommt dann wieder was rein.«

»Wie viel?«, fragte Anna müde.

»Also, wenn ich irgendwie zehn Tausis auftreiben könnte, wär’ die Finanzierung gesichert.«

Wie er das viele Geld verniedlichte. Anna schnappte nach Luft. »Zehntausend Euro? Hast du noch alle Tassen im Schrank? Denkst du, wir drucken das Zeug im Keller?«

»Ach, komm schon, sei nicht so geizig! Ihr verdient doch beide gut als Staatsdiener.« Die bettelnde Sanftheit verschwand aus seiner Stimme.

Anna wusste ganz genau, was passieren würde, wenn sie ablehnte. Dann würde sein wahres Gesicht zum Vorschein kommen und die Beleidigungen würden bis tief unter die Gürtellinie gehen.

»Wir haben uns gerade erst ein neues Auto gekauft«, log sie, weil der Audi bereits über zwei Jahre auf dem Buckel hatte. Allerdings wusste ihr Bruder das nicht, da sie ihn mindestens so lange nicht mehr gesehen hatte.

»Und? Ihr habt’s doch dicke.« Die Aggressivität, unter der Anna als Kind so oft gelitten hatte, schwang schon deutlich mit. Nur damals hatte er nicht gefragt, wenn er ihr Taschengeld haben wollte, sondern es sich einfach genommen und ihr eine geklebt, damit sie nicht auf die Idee kam, zu petzen.

Ein Funkloch in der Nähe von Kirchentellinsfurt kam ihr zur Hilfe.

»Du, ich hör dich nur noch ganz schlecht«, sagte sie. »Sorry, wir können dir gerade echt nichts leihen.«

Was auch immer er antwortete, es ging im Rauschen aus dem Lautsprecher unter. Mit einem Schulterzucken beendete Anna den Anruf und schaltete das Handy auf stumm.

»Na, der macht mir immer wieder Spaß!«, sagte Jens giftig. Seit er von den Gemeinheiten und Quälereien erfahren hatte, die Annas Bruder ihr als Kind zugefügt hatte, brodelte die Wut in ihm.

»Vergiss ihn«, seufzte Anna. »Wir wollten uns doch einen schönen Abend machen, oder?«

Und das taten sie auch. Sobald sie in ihrer Wohnung in der Hinteren Grabenstraße in Tübingen angekommen waren, räumten sie ihre Räder auf und stiegen in die Dusche. Dann feuerte Jens den Grill an. Anna marinierte ein paar Rindersteaks mit Öl und Kräuterbutter, machte einen Tomate-Mozzarella-Salat und backte drei Baguettes auf. Schließlich öffnete sie zwei Hefeweizen und trug alles – zusammen mit einer Schale voller Chips – auf die Terrasse. Dort ließ sie sich in einen rotweißgestreiften Klappstuhl fallen und schob sich ein paar Chips in den Mund. Sie liebte ihre Terrasse. Auch wenn das Gras zwischen den Steinplatten hervorwucherte und ihr Versuch, Rosen zum Blühen zu bringen, jedes Jahr aufs Neue scheiterte, war die Terrasse im Sommer ihr Lieblingsplatz. Die fünf übermannshohen Bambusstauden boten einen guten Sichtschutz. Und wenn es dunkel wurde, sorgten zwei Fackeln und eine riesige Laterne für schummerige Beleuchtung.

»Ich hab gar keine Lust, morgen wieder arbeiten zu gehen«, gestand sie.

»Ich auch nicht«, sagte Jens. Er griff nach der Grillzange und legte zwei Steaks auf den Rost. »Aber so ganz ohne wäre es dann doch langweilig, oder?« Er setzte sich zu ihr und stieß mit ihr an. »Ist doch auch immer spannend, was einen nach dem Urlaub erwartet.«

Kapitel 3

Ulm, 7. Juni 2015

Tobias Hofmanns Augen brannten vor Müdigkeit, als er endlich von der A8 abfuhr. Geistesabwesend lenkte er seinen VW Golf durch den Kreisel am Rasthaus Seligweiler und bog in Richtung Ulm ab. Der Verkehr an diesem langen Wochenende war ein Albtraum, selbst jetzt noch – um zehn Uhr abends. Morgen waren die Pfingstferien zu Ende und anscheinend fuhr inzwischen alles bei jeder Gelegenheit in den Urlaub. Mehr als einmal hätte er fast einen Unfall verursacht, weil er sich einfach nicht auf die Straße konzentrieren konnte. Dazu ging ihm viel zu viel im Kopf herum. Er fröstelte im kalten Luftzug der Klimaanlage. Ob die Bilder der vergangenen achtundzwanzig Stunden jemals verblassen würden? Seine Hände umklammerten das Lenkrad so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Die verschorften Knöchel! Er schluckte mühsam, als die Erinnerungen ohne Vorwarnung mit aller Gewalt durch seinen Kopf tobten.

»Stell dich nicht so an!«, hatte Max ihn angeherrscht und mit dem Kinn auf das Messer in Tobias’ Hand gezeigt. »Du weißt, was zu tun ist.«

Tobias presste die Zähne aufeinander. Niemals hätte er gedacht, dass er zu so etwas fähig sein würde. Doch der gestrige Tag hatte ihn eines Besseren belehrt. Während er an Raps- und Weizenfeldern vorbeifuhr, liefen die vergangenen Stunden wie ein Film in seinem Kopf ab. Immer und immer wieder.

Gott, war ihm schlecht! Am ganzen Körper zitternd, riss er kurz vor dem Ulmer Ortsschild das Lenkrad nach links, um dorthin abzubiegen, wo normalerweise ein fahrender Händler Blumensträuße verkaufte. Zum Glück war er um diese Uhrzeit nicht mehr da. Daher hatte Tobias keine unfreiwilligen Zeugen, als er die Tür aufstieß, sich aus dem Wagen beugte und sich heftig übergab.

»Ohgottohgottohgottohgott«, wimmerte er, als sein Magen nichts mehr hergab. Kalter Schweiß trat ihm aus allen Poren und verstärkte den säuerlichen Geruch, der von der Lache am Boden aufstieg. Sein ganzer Körper stank nach Angst und Stress. Das lange, hellbraune Haar klebte an seinen Wangen, einige Strähnen waren vollgekotzt.

»Was soll ich denn jetzt nur tun?«, murmelte er. Das lautstarke Zirpen der Grillen war die einzige Antwort auf seine Frage. Er stützte den Kopf in die Hände und wiegte sich hin und her wie ein Kind. Wie hatte er nur so dumm sein können, sich auf Max’ Vorschlag einzulassen? Wie sollte er jetzt sein Leben weiterführen? So tun, als ob nichts passiert wäre? Erneut überkam ihn der Brechreiz. Aber es kam nur noch Galle.

»Jeder von uns muss die gleiche Geschichte erzählen, sollte uns die Polizei jemals befragen«, hatte Max ihm und Julian eingehämmert, nachdem sie den Toten in das Dornengestrüpp geworfen hatten.

Julian schien das alles nichts auszumachen, weil er bedächtig nickte und einen klugen Kommentar zu Alibis machte.

»Und unsere DNA?«, fragte Tobias.

»Die findet kein Mensch«, gab Max im Brustton der Überzeugung zurück. »Was denkst du, warum wir die Sachen tragen und ihn mit dem Schlauch abgespritzt haben?« Er warf Tobias einen entnervten Blick zu.

Tobias’ Hände steckten ebenso wie die der beiden anderen auch in Gummihandschuhen, sein Körper in einem Plastikanzug mit Kapuze. Absurd bei den Temperaturen, aber notwendig – darauf hatte Max bestanden. Und wer sollte es besser wissen als er, der ehemalige Polizeibeamte, der oft genug dabei gewesen war, wenn Verbrecher überführt worden waren? Warum er diese Anzüge besaß, hatte Tobias sich lieber nicht fragen wollen.

»Niemand wird je darauf kommen, dass wir ihn getötet haben«, versuchte Max weiter, Tobias zu beruhigen. »Ohne erkennbares Motiv wird keine einzige Spur in unsere Richtung führen. Selbst wenn die Spurensicherung DNA findet, was soll sie denn damit anfangen ohne einen Vergleich?« Er klopfte Tobias auf die Schulter. »Wir waren alle zusammen auf Tour. Da soll uns erst mal jemand das Gegenteil beweisen.«

Tobias wünschte sich, dass er Recht hätte. Oh, wie sehr er sich wünschte, dass Max recht hätte! Allerdings sehnte sich ein winziger Teil von ihm auch danach, zum nächstgelegenen Polizeirevier zu fahren und alles zu beichten. Wenn er sagte, dass es ein Versehen gewesen war, galt das sicherlich als mildernder Umstand. Wenn er behauptete, dass einer der andern den tödlichen Schlag geführt hatte, konnte ein guter Rechtsanwalt ihn bestimmt irgendwie rauspauken. Er fuhr sich mit dem Ärmel über die Stirn und sah einige Augenblicke lang geradeaus. Aber wie konnte er sicher sein, dass nicht er es gewesen war ...? Er brach den Gedanken ab. Sie saßen alle in einem Boot. Wenn jemand ein Loch in den Boden bohrte, würden sie alle damit untergehen!

Er brütete noch eine Zeit lang vor sich hin, bevor er ein benütztes Tempo aus der Tasche zog, um sich die Spritzer vom Kinn zu wischen. Dann schlug er die Autotür wieder zu und wendete den Wagen. Mit exakt 60 Stundenkilometern rollte er in Richtung Stadt, wo er seinen Golf schließlich im Müller-Parkhaus in der Rosengasse abstellte. Gebeugt wie ein alter Mann trottete er an der gegenüberliegenden Schule vorbei auf einen Laden mit Wohnaccessoires zu. In dem Gebäude dahinter befand sich seine winzige Zweizimmerwohnung. Obwohl er sich inzwischen etwas Teureres hätte leisten können, war ihm die Bude ans Herz gewachsen. Im zweiten Stock angekommen, steckte er fahrig den Schlüssel ins Schloss und betrat den Flur, in dem es nach abgestandener Luft und Staub roch. Duschen, lüften, schlafen, dann würde es ihm sicher wieder besser gehen. Jedenfalls hoffte er das inständig!

***

In einem dunklen Zimmer nicht weit von Tobias Hofmann entfernt saß eine Gestalt vor einem Monitor und starrte auf die verwackelten Bilder, die über den Schirm flimmerten. Einem erstickten Schrei folgte wildes Gefuchtel mit der Kamera. Dann wurde alles schwarz. Dumpfe Stimmen ließen vermuten, dass das Handy, mit dem die Bilder aufgenommen worden waren, in einer Hosentasche verschwunden war.

»Hör auf, dich zu wehren!«, zischte jemand.

»Was soll das? Wer seid ihr?«

Die Gestalt erkannte den Sprecher trotz der schlechten Tonqualität. Ihre Nackenmuskeln spannten sich, als sie sich nach vorn beugte – in der Hoffnung, irgendetwas erkennen zu können.

»Halt’s Maul!« Ein Schlag folgte. Das Geräusch eines Körpers, der auf dem Boden aufschlug.

»Wo ist sein Handy?«

Es kam wieder Leben in das Bild, als eine Hand das Telefon aus der Tasche zog. Für den Bruchteil eines Augenblicks wurde ein verwackeltes Bild sichtbar: Ein Gesicht im Vordergrund, im Hintergrund ein Auto. Teile eines Kennzeichens. Dann pfefferte der Mann das Handy auf den Boden und die Aufzeichnung brach ab.

Die Gestalt vor dem Monitor drückte auf »replay«. Und das ganze Spektakel begann von vorn.

Kapitel 4

Tübingen, 8. Juni 2015

Als am Montagmorgen um kurz nach fünf der Wecker klingelte, färbte sich der Himmel vor Annas Schlafzimmerfenster gerade rosa. Die Vögel trällerten bereits seit einer Stunde aus vollem Hals, sodass sie sich das Kissen über die Ohren gezogen hatte. Besonders eine Amsel variierte voller Inbrunst ihre Melodie, als hinge ihr Leben davon ab.

»Mistvieh«, schimpfte Anna und tastete nach dem Wecker, um ihn auszuschalten.

Jens grunzte.

»Warum findest du nicht endlich ein Weibchen?«, fauchte Anna in Richtung des Kirschbaums, in dessen Krone der Vogel zweifelsohne thronte.

»Ich hab doch schon eins.« Jens hob den Kopf und blinzelte verwirrt.

»Doch nicht du, Mensch. Die blöde Amsel!« Obwohl ihr die Radtour von gestern noch in den Knochen steckte und sie noch hundemüde war, musste Anna grinsen.

»Ach so.« Jens gähnte. Dann rieb er sich die Augen und stieß einen Seufzer aus. »Mann, ist das früh.« Er schielte auf die Uhr. »Warum gewöhnt man sich nur so schnell ans Ausschlafen?«

Anna rollte sich auf seine Seite des Bettes und gab ihm einen schmatzenden Kuss. »Weil das dein Biorhythmus ist, Dummerle«, scherzte sie. Als sie über ihn klettern wollte, um im Bad zu verschwinden, hielt er sie fest.

»Das ist kalter Entzug«, schmollte er. »Noch fünf Minuten kuscheln?«

Anna lachte. Warum nicht? Dann würde sie sich einfach im Bad ein bisschen mehr beeilen. Sie legte den Kopf auf seine Brust, ein Bein über seine Mitte und schob mit dem anderen die Bettdecke über die Kante der Matratze. Während er mit einem zufriedenen Laut das Kinn in ihrem Haar vergrub, sog sie seinen Geruch ein. Wie immer duftete er nach dem holzigen Eau de Toilette, das sie so liebte; außerdem nach dem Rauch des gestrigen Grillfeuers und nach Jens. Vor allem am Hals, ganz in der Nähe seines Ohrläppchens. Sie presste die Nase in die Kuhle und schloss die Augen. Die letzten beiden Wochen waren himmlisch gewesen. So viel Zeit hatten sie schon lange nicht mehr füreinander gehabt. Daher fiel es ihr umso schwerer, sich doch endlich von ihm zu lösen, um sich fertig zu machen.

»Deine Schüler sind bestimmt genauso verpennt wie du«, zog sie ihn auf, als er den Mund aufriss und hemmungslos gähnte.

»Haha«, murmelte er, tastete nach seiner Nachttischschublade und kramte darin herum.

Kichernd wich Anna der Socke aus, die er kurz darauf halbherzig nach ihr warf, und trottete ins Bad. Wie sonst auch versuchte sie, den Blick in den mannshohen Spiegel hinter der Tür zu vermeiden, da sie sich – trotz ihrer vierunddreißig Jahre – zu mager und mädchenhaft fand. Ihr beinahe hüftlanges dunkles Haar war vom Schlaf zerzaust, die Spitzen von der Sonne ausgebleicht. Nur die dunklen Schatten unter ihren Augen und die winzigen Krähenfüße verrieten, dass sie älter war als Mitte zwanzig.

»Ich frage mich, wann du endlich so alt aussiehst wie du bist«, hatte Bea Schiller, Rechtsmedizinerin und ihre beste Freundin, erst neulich wieder gesagt. Anders als Anna war Bea mit üppigen weiblichen Rundungen gesegnet. Diese verliehen ihr – zusammen mit der samtigen dunklen Haut, die sie von ihrem afro-amerikanischen Vater geerbt hatte – das Aussehen eines Supermodels.

Anna ließ den Blick an ihrem flachen Bauch und ihren muskulösen Beinen hinabgleiten. Dann schüttelte sie über sich selbst den Kopf, schlüpfte aus T-Shirt und Unterhose und stieg in die Dusche. Sie würde nie zum Inbegriff der Weiblichkeit werden. Ganz egal, wie sehr sie es sich als Teenager gewünscht hatte.

Während sie sich abseifte und die vom Schlafen verschwitzten Haare wusch, tapste Jens ins Bad. Eine kaum wiederzuerkennende Melodie vor sich hin summend, putzte er sich die Zähne und rasierte Kopf und Gesicht. Nachdem auch er kurz geduscht hatte, trafen sie sich zwanzig Minuten später auf der Terrasse – Anna mit einem doppelten Espresso, Jens mit einem Milchkaffee.

Es war ein herrlicher Morgen. Das Thermometer zeigte bereits über zwanzig Grad an, was vermuten ließ, dass auch dieser Tag brütend heiß werden würde. Die Luft besaß noch eine gewisse Frische, und außer ihnen schien kaum jemand auf den Beinen zu sein. Kein Wunder – wohnten doch fast ausschließlich Studenten in der schmalen Gasse am Rand der Altstadt.

»Hat er es nochmal versucht?«, fragte Jens, als Annas Telefon das Geräusch einer Fahrradklingel, das Zeichen für eine SMS, von sich gab.

Anna schielte auf ihr Handy. Während sie mit einer Hand ungeschickt eine Scheibe Toast mit Nutella bestrich, tippte sie mit der anderen auf dem Display herum. Mehrere Nachrichten, allesamt von ihrem Bruder.

»Einmal?«, fragte sie. »Fünfmal.«

»Naja, man kann ihm nicht vorwerfen, dass es ihm an Ausdauer fehlt«, sagte Jens trocken.

Anna löschte die Nachrichten und steckte das Telefon in die Tasche ihrer Jeans. »Solange er sich die Bettelbesuche dieses Mal spart ...«, schnaubte sie. Beim letzten Versuch ihres Bruders, ihr einen »Kredit« aus der Nase zu ziehen, hatte er geschlagene vier Wochen lang jeden Sonntag vor ihrer Tür gestanden.

Jens nahm einen großen Schluck Kaffee und pappte die zwei Hälften eines Vollkornbrötchens mit Erdbeermarmelade zusammen. Dann biss er herzhaft hinein. »Gehst du diese Woche in die Galerie, wenn du Zeit hast?«, mümmelte er mit vollem Mund.

Anna versteifte sich. Obwohl sie das Thema im Urlaub von vorne bis hinten durchdiskutiert hatten – es sich in der Theorie auch alles so einfach anhörte – war ihr seit der Radtour gestern klar, dass sie immer noch kalte Füße hatte.

»Ich weiß nicht«, wich sie aus. »Vermutlich gibt es im Präsidium reichlich zu tun.« Die Ausrede klang selbst in ihren eigenen Ohren lahm. Seit sie vor zwei Monaten einen Anruf von ihrem ehemaligen Psychologen Dr. Heinemann erhalten hatte, in dem er ihr mitteilte, dass es Neuigkeiten zu ihrem leiblichen Vater gebe, war die alte Angst zurückgekehrt. Auch wenn diese vollkommen unbegründet sei, wie Dr. Heinemann immer und immer wieder beteuert hatte.

»Die Krankheit Ihres Vaters ist falsch diagnostiziert worden«, hatte der Psychologe, der gleichzeitig Facharzt für Psychiatrie war, Anna wissen lassen. »Er leidet nicht unter Schizophrenie, sondern unter einer bipolaren Störung mit psychotischen Schüben.«

Als Anna verständnislos geschwiegen hatte, war eine Erklärung gefolgt, die nicht dazu beigetragen hatte, sie zu beruhigen.

»Das ist eine Art der affektiven Störung, die dazu führt, dass Ihr Vater zwischen Depressionen und manischen Episoden schwankt. Ganz einfach ausgedrückt. Daher die extremen Schaffensphasen, die übersteigerte Wahrnehmung und die Unruhe, die sich in seinen Bildern niederschlagen.« Und dann war der Satz gefolgt, der Anna immer noch Magenschmerzen bereitete. »Diese Art der Störung ist ebenfalls erblich, aber«, der Psychologe hatte beruhigend die Stimme gesenkt, als Anna einen erstickten Laut von sich gegeben hatte, »bei Ihnen sind keinerlei Anzeichen zu entdecken.«

Anna wich Jens’ Blick aus und flüchtete sich in ein Ablenkungsmanöver. »Hast du eigentlich mal mit den Kids von oben geredet?«, fragte sie und zeigte mit dem Daumen über die Schulter zu den Fenstern der Studenten-WG im Haus.

Jens durchschaute den Trick, ließ sich aber nichts anmerken. Er schüttelte den Kopf. »Es hat schon lange nicht mehr nach Gras gerochen. Ich glaube, die haben mitgekriegt, dass das nicht so gut ankam.«

Anna verzog den Mund. »Es stört mich ja nicht, wenn sie bei sich in der Küche kiffen. Aber im Treppenhaus muss das nun wirklich nicht sein.«

»Mhm.« Jens biss erneut in sein Brötchen und tippte mit fragend hochgezogenen Augenbrauen auf den Rand von Annas Tasse.

Sie schüttelte den Kopf. Ein doppelter Espresso zum Frühstück reichte.

Das Gespräch verstummte. Irgendwie sorgte das Thema »Vater« immer dafür, dass Anna sich wie gelähmt fühlte. Beinahe ein Jahr war es jetzt her, dass ihre Mutter auf dem Sterbebett eine Bombe hatte platzen lassen, die Annas gesamte Welt auf den Kopf gestellt hatte: Ohne sichtbare Gefühlsregung hatte die ehemalige Kunstlehrerin ihrer Tochter gestanden, dass der Mann, den Anna abgöttisch geliebt und ihr Leben lang für ihren Vater gehalten hatte, nicht der war, dessen Erbgut sie in sich trug. Und dann hatten Annas Recherchen – und ein nicht ganz legaler DNA-Test – zutage gefördert, dass ihr leiblicher Vater an einer Geisteskrankheit litt.

Sie steckte grübelnd den Zeigefinger in das Nutella-Glas und leckte ihn ab. Nachdem sie eine Weile vor sich hingestarrt hatte, zwang sie sich, an etwas anderes zu denken. Mit einem entschlossenen Ausatmen schob sie ihren vollgekrümelten Teller zur Seite.

»Ich muss los«, sage sie mit Blick auf die Uhr. »Vermutlich ist wegen dieser blöden Baustelle wieder Stau auf der B27.«

»Kannst alles stehen lassen, ich räume die Spülmaschine ein«, bot Jens an. Er griff nach ihrer Hand. »Mach dir keinen Stress wegen der Sache«, sagte er ernst. »Du bist so weit, wenn du soweit bist. Keine Sekunde eher. Und wenn es noch ein paar Monate dauert, dann ist das eben so.«

Sein Lächeln machte Anna die Kehle eng. Was würde sie nur ohne ihn tun? In Momenten wie diesen wurde ihr bewusst, wie sehr sie ihn liebte. »Ich versuche, dran zu denken.« Ihre Stimme klang belegt. Daher räusperte sie sich hastig, stand auf und wollte von der Terrasse fliehen. Doch Jens war schneller. Er zog sie in eine Umarmung, die ihr fast die Luft raubte. Dann versetzte er ihr einen Klaps auf den Po und brummte: »Ab mit dir, sonst kommst du noch zu spät zum Dienst.«

Er winkte ihr hinterher, als sie kurz darauf den Audi aus der Garage fuhr. In Schrittgeschwindigkeit zuckelte sie am Kino Arsenal vorbei zur Kelternstraße und bog am südlichen Ende des Botanischen Gartens in Richtung Wilhelmstraße ab. Um diese Uhrzeit dauerte es nicht lange bis nach Lustnau, und keine Viertelstunde, nachdem sie sich von Jens verabschiedet hatte, fuhr sie auf die B27 auf. Da die Sonne sie blendete, tastete sie auf dem Beifahrersitz nach ihrer Sonnenbrille. Nach einem kurzen Kampf mit einigen noch feuchten Haarsträhnen gelang es ihr, sie sich auf die Nase zu schieben. Besser!, dachte sie. Während sie mit dem Ellenbogen den Schalter für das Seitenfenster betätigte, blinkte sie und überholte einen vor sich hin qualmenden VW Polo. Das Glitzern der Wasseroberfläche eines Baggersees auf Höhe des Polos ließ sie nach links blicken. Auf den Feldwegen strampelten Radfahrer zur Arbeit und der Duft von Heu und warmer Erde wehte durch das halb offene Fenster herein. Eine Wiese, auf der ein paar einsame Kühe grasten, war übersät mit knallrot leuchtendem Klatschmohn.

Ein paar Minuten lang genoss Anna den Wind in ihrem Gesicht, dann schloss sie das Fenster wieder, um die Hitze auszusperren. Sie schaltete die Klimaanlage ein und drückte den »Play«-Knopf des Radios. Augenblicklich dröhnten die Red Hot Chili Peppers durch den Innenraum des Audis.

»I heard your voice through a photograph

I thought it up and brought up the past

Once you know you can never go back

I’ve got to take it on the other side«, plärrte der Sänger.

Anna sang mit, obwohl sie nur einen Teil des Textes kannte und einige Stellen durch ein diffuses »La la hm hm« ersetzen musste.

Die Musik, der wenige Verkehr und die bekannte Strecke sorgten schon bald dafür, dass ihre Gedanken wieder auf Wanderschaft gingen. Vermutlich hatte auch die Tatsache etwas damit zu tun, dass das Lied sie an ihre Schulzeit erinnerte.

»Unser ganzes Leben wird von unserer Vergangenheit beeinflusst.« Diese Weisheit wurde Dr. Heinemann nicht müde zu wiederholen. »Wenn Sie sich nicht aktiv damit auseinandersetzen, könnte das zu Problemen führen.«

Anna wusste, dass er recht hatte; dass sie die Tatsachen nicht einfach ignorieren konnte. Allerdings half alles theoretische Wissen nicht, wenn es um Gefühle ging. Ihr war klar, dass sie kniff – so wie sie früher im Schwimmunterricht immer gekniffen hatte, wenn es ums Turmspringen ging. Aber es war nicht so einfach, auf jemanden zuzugehen, den man noch nie im Leben gesehen hatte. Jens war der Ansicht, dass es eine Chance sei, wenn sie ihren leiblichen Vater kennenlernen würde. Seiner Meinung nach bestand die Möglichkeit, dass Anna dadurch all den Mist, all die negativen Erfahrungen ihrer Kindheit in etwas Positives verwandeln könnte. Doch Anna war sich nicht so sicher. Was, wenn der Mann nicht so war, wie sie hoffte? Ganz abgesehen davon, dass er nicht ganz richtig im Kopf war. Sie drehte die Lautstärke auf und drückte das Gaspedal durch. Klar, wollte sie ihn wenigstens einmal unter die Lupe nehmen. Aber wie sollte sie denn auf ihn zugehen?

»Hallo, ich bin deine Tochter«, konnte sie ja wohl kaum zu ihm sagen. Wollte er überhaupt an die Vergangenheit erinnert werden? Daran, was ihre Mutter ihm zweifelsohne angetan hatte? Denn so viel wusste Anna inzwischen: dass er kaum älter als siebzehn gewesen sein konnte, als ihre Mutter – seine Lehrerin – ihn verführt hatte. Außerdem, was wäre, wenn er das Chaos in ihr Leben zurückbrächte, das sie mit so viel Energie gebannt hatte? Wollte sie das? Sie wich einem ausscherenden Wagen aus und fluchte leise.

»Ich habe keine Zeit für so einen Scheiß!«, versuchte sie sich einzureden. Allerdings mit mäßigem Erfolg. Bevor ihr Verstand wieder Purzelbäume schlagen und sie mit zahllosen unmöglichen Fragen konfrontieren konnte, verbot sie sich die Gedanken an ihren Vater.

Kapitel 5

Stuttgart, 8. Juni 2015

Die Fahrt nach Stuttgart dauerte wegen der Baustelle auf Höhe der Filharmonie – dem Kultur- und Kongresszentrum in Filderstadt – beinahe eine Stunde. Als Anna endlich beim Präsidium am Pragsattel ankam, war es kurz vor sieben. Sie parkte direkt neben den Altglascontainern gegenüber dem Eingang, holte ihre Tasche aus dem Kofferraum und hielt ihre Magnetmarke an den elektronischen Öffner, der das Drehkreuz entsperrte. Die Treppen hoch, vorbei an der Fensterfront der Kantine, erreichte sie kaum eine Minute später den Eingang. Trotz der kurzen Strecke spürte sie den Schweiß auf ihrer Haut. Es würde ein verdammt heißer Tag werden! Sie fuhr sich mit dem Ärmel ihrer dünnen Windjacke über die Stirn und betrat die Kühle der Dienststelle. Da der Lift besetzt war, nahm sie die Treppen. Ohnehin wäre es reine Faulheit gewesen, in den ersten Stock zu fahren. Am ersten Treppenabsatz holte sie ein uniformierter Mitarbeiter des FLZ – des Führungs- und Lagezentrums – ein.

»Na, du bist wohl auf Diät«, frotzelte Anna, als er an ihr vorbeistürmte. Das FLZ lag in der obersten Etage, und normalerweise traf man die Kollegen höchstens auf dem Weg nach unten im Treppenhaus an.

»Läster du nur«, war die gekeuchte Antwort. »Wir haben halt nicht so viel Auslauf wie ihr.« Damit stapfte er weiter und verschwand im nächsten Stockwerk.

Anna verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. Von wegen Auslauf! Vermutlich durfte sie heute, am ersten Tag nach ihrem Urlaub, erst mal haufenweise Papierkram erledigen. Wo sie das doch so unglaublich liebte! Sie verkniff sich ein Stöhnen und schob mit der linken Schulter die Tür zum Dezernat 11, dem Dezernat für Todesermittlungen, auf. Wie immer war der graue Linoleumboden so auf Hochglanz poliert, dass sich das Licht der Neonlampen darin spiegelte. Es roch nach Kunststoff und dem eigentümlichen Gemisch aus Desinfektionsmitteln und etwas Unbestimmbarem, das daran erinnerte, dass das Gebäude früher ein Krankenhaus gewesen war. Am hintersten Ende des Flurs stand ein verloren wirkender Benjamini direkt vor der Tür des Damenklos. Nach einem halben Dutzend Schritten erreichte Anna eine der offen stehenden dunkelgrauen Türen. In dem winzigen Raum dahinter befanden sich die Spinde der Beamten. Nachdem sie sich der Windjacke entledigt hatte, öffnete sie ihr Fach und befestigte ihre Waffe, eine HK P2000, an ihrem Gürtel. Dann betrat sie durch eine Verbindungstür das Geschäftszimmer. Dieses erinnerte dank Julia, der Sekretärin des Dezernats, eher an einen Wohnraum als an ein Büro. Überall standen Grünlilien, und die grauen Aktenschränke waren mit Postkarten vollgeklebt. Eine Hexe auf einem Besen hing von der Decke.

»Hallo, Anna. Na, wie war der Urlaub?«, wurde sie von der kurzhaarigen Mittvierzigerin begrüßt. Die Computerbrille der Sekretärin Julia Heininger saß auf ihrer Nasenspitze, die grünen Augen waren gerötet vom Heuschnupfen.

»Klasse«, antwortete Anna. Sie trat an das Magnetbrett und ersetzte die kleine Palme neben ihrem Namen mit einem selbsthaftenden Bild von sich. »Leider viel zu kurz.«

Julia lachte. »Das ist immer so.« Sie schob Anna eine Schale mit Süßigkeiten hin, die sie immer für die Kollegen gefüllt hatte.

»Wo sind denn die anderen alle?«, fragte Anna, während sie ein kleines Tütchen Colafläschchen mit den Zähnen aufriss. Durch die zweite Verbindungstür konnte sie sehen, dass die angrenzenden Büros leer waren.

»Im SOKO-Raum«, war die Antwort. »Vor eineinhalb Stunden ging im FLZ ein Notruf ein.« Die Sekretärin nahm die Brille von der Nase, um Anna direkt anzusehen. »Jemand hat in der Nähe vom Katzenbacher Hof etwas gefunden, das aussieht wie ein in Plastikfolie eingewickelter Körper.« Sie schüttelte den Kopf. »Und vor zwanzig Minuten hat der Kollege vom KDD angerufen und bestätigt, dass es sich um einen nicht natürlichen Todesfall handelt.«

Annas Pulsschlag beschleunigte sich. Ein neuer Mordfall? Jetzt? Direkt nach dem langen Wochenende? Damit hatte sie am ersten Tag nach ihrem Urlaub nicht gerechnet. Schließlich hatten sie gerade erst einen Fall abgeschlossen. Einen grausigen noch dazu, in dem ein Student von zwei jungen Männern getötet, zerstückelt und danach in einem Teich versenkt worden war. Bestimmt waren die Kriminaltechniker immer noch damit beschäftigt, den Tatort abzuarbeiten.

»Der Katzenbacher Hof ist im Spitalwald bei Vaihingen«, ließ Julia sie überflüssigerweise wissen.

Anna hatte schon oft genug mit Jens in dem Biergarten gesessen und den selbstgemachten Most getrunken, den es dort gab. »Weißt du schon Näheres?«, fragte sie.

Julia schüttelte den Kopf. »Da musst du den Chef fragen. Ich glaube, die warten schon alle auf dich.«

Anna schielte auf die Wanduhr. Zwei nach sieben. Hastig stopfte sie noch ein Colafläschchen in den Mund und ohne vorher in ihrem Büro Halt zu machen, joggte sie den Gang entlang und betrat den brandneuen SOKO-Raum. Anders als der alte war dieser vollgestopft mit modernster Technik. Jemand hatte die dunklen Jalousien der Fenster zum Hof heruntergelassen und Alexander Wolf, Annas Chef, hackte mit dem Zeigefinger auf dem Lautsprecher des Kommunikationssystems herum. Der Beamer warf das Bild eines Kollegen vom Kriminaldauerdienst auf die Leinwand – wackelig und unscharf, weil er seine Handykamera benutzte.

»Kannst du näher ran gehen?«, fragte Wolf.

Der Bildausschnitt stand kurz Kopf, dann zoomte der KDDler näher an etwas heran, das aussah wie wild abgeladener Müll.

Alexander Wolf hob den Blick und nickte Anna zu. Er deutete mit dem Kinn auf einen Stuhl ganz vorn, wo die Leiter der Abschnitte »Ermittlungen« und »Operative Maßnahmen« saßen. Außerdem waren noch der Leiter des Abschnitts »Operative Auswertungen« anwesend und ein gutes Dutzend von Annas Kollegen. Beamte des Erkennungsdienstes und zwei IT-Spezialisten teilten sich die vier Tische am anderen Ende des Raumes, auf denen Telefone und fest installierte Rechner standen. Lediglich Rainer Stemmler und seine Kriminaltechniker fehlten. Vermutlich befanden sie sich bereits auf dem Weg zum Fundort der Leiche, um mit der Sicherung der Spuren zu beginnen.