Die fliegende Schule der Abenteurer (Bd. 6) - THiLO - E-Book

Die fliegende Schule der Abenteurer (Bd. 6) E-Book

THiLO

0,0
10,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Die ACE-Scouts sind alarmiert: Ihr Lieblingslehrer McFinnegan ist verschwunden! Sein letzte Spur verliert sich in Paris, wo er einen Kartografie-Kongress besucht hatte - in einer geheimen Wohnung im Eiffelturm. Natürlich fliegen die vier sofort nach Frankreich, um den alten Schotten zu suchen. Schnell wird klar: Hier geht es nicht mit rechten Dingen zu! Wasserspeier erwachen zum Leben und die Toten scheinen nicht länger tot zu sein. Das alles scheint mit der alten Karte zu tun zu haben, die McFinnegan zuletzt untersucht hatte. Gemeinsam mit Leclerc, ihrem nervigen Vertretungslehrer, versuchen die Scouts, das Rätsel zu lösen, und landen schließlich in einem verschwunschen Tal, wo nichst ist, wie es zu sein scheint ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 140

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



5 4 3 2 1

eISBN 978-3-649-64629-7

© 2023 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,

Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweiseLizenziert durch: Mack Media & Brands GmbH & Co. KG.Geschäftsführer Michael Mack

Die Figuren um die ACE-Scouts und Die Fliegende Schule der Abenteurersowie die Storywelt um den Adventure Club of Europesind urheberrechtlich geschützt und eingetragene Marken derMackMedia & Brands GmbH & Co KG.

In Kooperation mit

Basierend auf einer Idee von:

Michael Mack und Tobias Mundinger

Text: THiLO

Entwicklung und Dramaturgie: David Ginnuttis

Illustrationen: Max Meinzold

Layout: Max Meinzold und Helene Hillebrand

Lektorat: Anja Fislage, Christina Rees

Satz: Helene Hillebrand, Bielefeld

www.coppenrath.de

Die Print-Ausgabe erscheint unter der ISBN 978-3-649-64486-6

Inhalt

Besuch aus dem Jenseits

Der Kartografie-Klub

Missiö Erküüüühl Leklerck

Eine geheime Wohnung

Ein unlösbares Rätsel

Verstärker

Die Lebenden und die Toten

Leichenblass

Eingekreist

Ein Lebenszeichen

Eine Schleuse aus der Geisterwelt

Das Tor zwischen den Welten

Knifflige Suche

Ein wohlgehütetes Geheimnis

Beatus Rhenanus

Der wahre Kern

Der Schlund

Im Reich der Geister

Vom Himmel gefallen

Von Geistern und Menschen

Besuch aus dem Jenseits

Oliver Snyder schreckte im Bett hoch. Das Herz wummerte wie ein Presslufthammer in seiner Brust, die feinen Haare auf seinen Armen waren aufgestellt. Etwas stimmte nicht im Raum, das konnte er deutlich spüren. Irgendein hunderttausend Jahre alter Instinkt hatte sich gemeldet, ein körperlicher Reflex, um sein Leben zu retten.

Oliver öffnete den Mund und atmete so leise wie möglich. Gleichzeitig versuchte er, seine Lage zu analysieren. Er brauchte einen Moment, um einen halbwegs klaren Kopf zu bekommen.

Eindeutig war er in seinem Zimmer im Internat der Abenteuer Akademie Europas, genau dort also, wo er sich gestern Abend hingelegt hatte. Draußen war es dunkel. Ein paar Raben klapperten im Park vor dem Fenster mit ihren Schnäbeln. Unglücksboten! Hatten die ihn geweckt?

Ein Traum war es jedenfalls nicht gewesen. An die Gruselgeschichten, die sein Gehirn ihm nachts präsentierte, erinnerte Oliver sich immer. Dort wimmelte es nur so von Geistern, Gespenstern und anderen unheimlichen Wesen, die man im Schlaf absolut nicht gebrauchen konnte. Nein, es musste etwas anderes gewesen sein. Etwas in diesem Zimmer …

Langsam, um ja kein Geräusch zu machen, drehte Oliver sich zu Connor um. Seit ihrem ersten Tag auf der fliegenden Schule der Abenteurer teilten sie sich dieses Zimmer. Ihre Betten waren genau fünf Meter fünfzig voneinander entfernt, wie Oliver ausgemessen hatte. Sonst empfand Oliver die Zweierzimmer als sehr eng. Jetzt gerade aber wäre es ihm lieber gewesen, Connors Bett hätte direkt neben seinem gestanden.

„Connor?“, zischte Oliver. Drüben auf der anderen Seite tat sich nichts. „Connor!“, wiederholte er etwas lauter. Wieder nichts.

Oliver kniff die Augen zu und öffnete sie wieder. Ohne seine Brille war er beinahe blind. Doch dieser Trick half ihm manchmal, um für ein paar Sekunden schärfer zu sehen. Tatsächlich erkannte Oliver nun die Umrisse seines Freundes. Connor lag auf dem Bett und regte sich nicht.

„Connor!“, rief Oliver jetzt schon in Flüsterlautstärke. Gleichzeitig schreckte er selbst zusammen. Wenn etwas anderes im Raum wäre, müsste es diesen Ruf gehört haben.

Und dann … Dann sah Oliver das Etwas. Es fiel ihm in der Finsternis nur auf, weil es eine hektische Bewegung machte. Eine kleine Gestalt hockte auf Connors Brust und fraß etwas. Ja, eindeutig hielt es etwas in den Händen und stopfte es sich gierig ins Maul. War das ein Besuch aus dem Jenseits? Hatte ein Geist Connor das Herz herausgerissen?

Oliver fühlte Panik in sich aufsteigen. Sein ganzer Körper war wie eingefroren, als würde statt heißen Blutes eiskaltes Wasser durch seine Adern schießen. Am liebsten hätte er sich die Bettdecke über den Kopf gezogen und sich versteckt.

Dann aber besann Oliver sich. Er war kein Kindergartenkind mehr. Er war ein Scout des ACE, des Adventure Club of Europe! Hier, keine zehn Schritte von ihm entfernt, war sein bester Freund in Not. Er musste etwas tun! Vielleicht war das Wesen wie alle Nachtgeschöpfe lichtscheu? Oliver musste es probieren.

„Lass Connor in Ruhe!“, rief er mit piepsiger Stimme.

Gleichzeitig wirbelte Oliver herum und griff nach seiner Nachttischlampe. Seine zitternde Hand verfehlte die Lampe allerdings und fegte sie scheppernd zu Boden.

Oliver biss sich auf die Unterlippe. Das Wesen auf Connors Brust gab einen quiekenden Laut von sich, der Oliver bis ins Knochenmark drang. Würde es nun ihn angreifen? Noch blieb es sitzen, aber für wie lange? Blitzschnell startete Oliver einen zweiten Versuch. Er ließ sich aus dem Bett fallen, packte die Lampe, knipste sie an und hielt sie mit ausgestreckten Armen dem unheimlichen Wesen entgegen. Ein markerschütterndes Geschrei schallte durch die Nacht. Im Lichtkegel der Lampe saß …

Anubi! Onis Erdmännchen knabberte an einem Keks, den es in der Ritze neben Connors Matratze aufgestöbert hatte. Oliver selbst musste ihn gestern beim Kartenspielen auf Connors Bett verloren haben. Irritiert starrte Anubi ins grelle Licht und kreischte noch einmal, bevor er seine ganze Aufmerksamkeit wieder der leckeren Beute widmete.

„Mönsch, Anubi …!“, japste Oliver und stand vom Boden auf. „Ich bin nur haarscharf an einem Herzinfarkt vorbeigeschrammt!“

Aber warum regte Connor sich noch immer nicht?

Die Antwort war so einfach wie verstörend: Connor war nicht da. Was Oliver im Dunklen für dessen Körper gehalten hatte, war nichts anderes als die zur Seite geschlagene Bettdecke seines Freundes. Connor musste den Raum verlassen haben.

Tatsächlich! Die Tür stand einen Spaltbreit offen. Mit immer noch hämmerndem Herzen stellte Oliver die Lampe ab und setzte sich die Brille auf. Das Display seines Handys zeigte 4:47 – Oliver rollte mit den Augen.

„Viertel vor fünf!“, fluchte er leise. „Und das an einem Freitag!“

Als wäre es nicht schon schlimm genug, am letzten Tag einer langen Schulwoche um sieben aufzustehen!

Jetzt jedenfalls war Oliver hellwach und an Schlaf war nicht mehr zu denken. Also machte er sich auf die Suche nach seinem Freund. Bis zu seinem Einzug auf Deep Fog Castle war Connor Blaze ein Einzelgänger gewesen. Auch heute noch liebte er seine Freiheit über alles. Schon öfter war er heimlich spätabends mit geliehenen Fahrzeugen ins nahe London gebraust, um seinen alten Zauberer-Freund, den Fantastischen Fatso, zu besuchen. Doch so spät war Connor noch nie zurückgekehrt.

Mit gespitzten Ohren wanderte Oliver durch die dunklen Gänge der alten Burg. Ja, das Wesen in seinem Zimmer war der niedliche Anubi gewesen. Trotzdem saß ihm der Schreck noch in den Gliedern.

Zuerst sah Oliver im Speisesaal nach, dann in der Küche, schließlich im Aufenthaltsraum. Kein Connor. Als Oliver schon in ihr Zimmer zurückkehren wollte, fiel ihm etwas auf. Die Gläser neben dem Saftautomaten bildeten eine perfekte Pyramide. Ein Glas jedoch fehlte. Ein Hinweis?

Oliver nahm einen Umweg durch die Eingangshalle – und dort fand er seinen Freund. Connor Blaze hockte auf dem weinroten Teppich, neben sich ein halb leeres Saftglas. Sein Kopf war leicht in den Nacken gelegt, denn er starrte ein Bild an. Oliver blieb zwei, drei Minuten auf der Treppenstufe stehen, doch Connor bewegte sich nicht. Als Oliver begann, sich unwohl zu fühlen, ging er zu seinem Freund.

„Connor, was machst du denn hier?“, fragte er leise und setzte sich zu ihm auf den Teppich. Connor bewegte sich noch immer nicht. Sein Blick war auf das Ölgemälde gerichtet, an dem kein Besucher von Deep Fog Castle vorbeiging, ohne dem Mann darauf wenigstens kurz zuzunicken. Es war Bartholomäus van Robbemond, einst Piratenkapitän und später Gründervater des ACE.

Connor hatte den linken Ärmel seines Schlafanzugs hochgekrempelt, sodass sein Muttermal zu sehen war. Van Robbemond hatte das gleiche Mal an der gleichen Stelle.

„Meinst du, er ist wirklich ein Vorfahre von mir?“, flüsterte Connor.

Oliver zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß so wenig über meine Eltern, über meine Großeltern fast gar nichts und bei meinen Urgroßeltern hört es völlig auf“, redete Connor leise weiter, als würde er mit sich selbst sprechen. „Aber meine Mutter hat mir diese halbierte Münze als Glücksbringer umgebunden, die einmal Van Robbemond gehörte. Erinnerst du dich?“

Oliver nickte. Natürlich tat er das. Die Münze hatte eine wichtige Rolle bei ihrem allerersten Abenteuer in Batavia gespielt. Und seitdem schleppte Connor einen Sack voller Fragen mit sich herum. Eine Last, die tonnenschwer auf seine Schultern drückte und auf die ihm bisher niemand eine Antwort hatte geben können.

Oliver auch nicht, obwohl er schon einige Recherchen in uralten Büchern dazu begonnen hatte. Bisher ohne Ergebnis.

Weil ihm auch jetzt keine Worte einfielen, die wirklich Trost spendeten, ließ er das Sprechen einfach bleiben. Oliver schlang die Arme um die Schultern seines Freundes und zog ihn an sich. Connor ließ den Kopf an Olivers sinken.

„Komm“, sagte Oliver nach einer Weile. „In zwei Stunden klingelt der Wecker. Vielleicht kriegen wir noch ein bisschen Schlaf.“

Connor nickte und stand auf. Langsam schritten sie in ihr Zimmer zurück. Dort angekommen brachen sie in Lachen aus und verscheuchten so endlich die Geister der Nacht: Anubi lag auf Connors Bett, die Beine weit von sich gestreckt, und schlief. In seinem Mäulchen steckte noch ein halber Keks, die geplünderte Packung neben sich.

„Ja, jetzt lachen wir über ihn“, sagte Oliver. „Aber vor einer halben Stunde hat er mich zu Tode erschreckt. Ich dachte, er wäre ein Geist und fällt über dich her.“

Connor hatte seine alte Selbstsicherheit wiedergefunden. Mit seinem typischen Lächeln, das Fremde überheblich fanden, grinste er Oliver an. „Mein Freund, du bist zwölf Jahre alt“, sagte er. „Geister, Gespenster, Zombies … Wann hörst du auf, an solche Märchen zu glauben?“

Oliver antwortete nicht. Aber an diese unheilvollen Sätze von Connor würden die beiden sich in der folgenden Woche noch einige Male mit Schaudern erinnern – wie an eine düstere Prophezeiung.

Der Kartografie-Klub

Um noch ein bisschen Schlaf zu bekommen, hatten Connor und Oliver das Frühstück ausfallen lassen. Verhungern würden sie nicht so schnell, Schlafmangel allerdings konnte einem den ganzen Tag versauen – da waren sich die beiden so unterschiedlichen Freunde ausnahmsweise einig.

Nun rannten sie die verwaisten Gänge der Burg entlang Richtung Lufthafen. Auf halbem Weg blieb Oliver plötzlich stehen.

„Stopp!“, rief er Connor hinterher. „Falsche Richtung. Der Unterricht findet heute gar nicht auf dem Sky Explorer statt. Wir sollen doch zu McFinnegans Büro kommen!“

Drei Minuten später standen sie vor der kohlschwarzen Eichentür im dritten Stock, auf deren Schild in verschnörkelter Handschrift mit Füller der Name Professor Harold Godric McFinnegan geschrieben war.

Noch einmal schnauften die beiden tief durch, dann hob Connor den Finger und klopfte.

„Ähm, äh, ja? Herein!“, schallte der tiefe Bass ihres Lehrers durch das dicke Holz.

Connor und Oliver nickten sich zu, dann traten sie ein.

Man musste kein Detektiv sein, um das Büro von Mister McFinnegan als den Arbeitsraum eines fanatischen Kartografen zu erkennen. Mehr noch: als das Paradies eines Mannes, dessen ganze Leidenschaft alten Landkarten, Stadtplänen und den Instrumenten zu ihrer Anfertigung galt.

Gegenüber der Tür waren zwei Fenster in die Mauer eingelassen, dazwischen hing eine in Gold gerahmte Seekarte von 1476, die Christopher Kolumbus mit 45-prozentiger Sicherheit auf dem Weg nach Amerika mit an Bord gehabt hatte. An alle anderen Wände ringsherum waren Regale aus dunklem Holz eingebaut, die vom Boden bis zur Decke reichten. Hier stapelten sich dicke Folianten, Atlanten und ledergebundene Wälzer mit ungewöhnlichen Maßen. Andere Bücher standen zu Hunderten, ja zu Tausenden ordentlich nebeneinander – wobei die Grundlage dieser Ordnung wohl nur Mister McFinnegan selber kannte.

In den unteren Fächern lagerten zusammengerollte Karten aus allen Teilen der Welt. In der Mitte des Raumes befand sich ein drei Meter langer Tisch, daneben ein Exemplar des ersten Globus der Weltgeschichte, der Behaimsche Erdapfel. Die Geschichte dazu bekamen alle von McFinnegans Schülern und Schülerinnen in den ersten Stunden so oft vorgesagt, dass nicht nur Oliver und Belle mit ihrem fotografischen Gedächtnis, sondern auch Connor, Oni und Generationen von anderen Jung-Abenteurern sie im Schlaf herunterbeten konnten.

Auf dem Tisch war das einzige Zeichen dafür, dass man sich hier noch in der Gegenwart und nicht in einem Studierzimmer vor 300 Jahren befand. Neben einer aufgerollten Karte stand Harold McFinnegans Laptop, mit dem er – anders als die meisten Menschen in seinem Alter – hervorragend umzugehen wusste.

Der Lehrer selbst stand beim Eintreten der beiden mit den Händen auf den Tisch gestützt da. Zwei seiner Schülerinnen saßen auf Stühlen davor: Belle und Oni.

„Ah, Oliver und Connor, schön, dass ihr euch Zeit für den Schulunterricht nehmen konntet …“, knurrte der Schotte und blickte zwar nur eine Sekunde lang, aber unmissverständlich auf die alte Standuhr in der Zimmerecke.

„Tut uns leid für die Verspätung, Mister McFinnegan“, piepste Oliver. „Wir sind erst …“

Der Lehrer unterbrach ihn, indem er die Hand hob. „Stopp, junger Oliver“, sagte er. „Raube uns nicht noch weitere kostbare Minuten mit erfundenen Ausreden. Wir sind gerade mitten in einer wichtigen Abhandlung über dieses Kunstwerk hier!“

Er senkte die Hand wieder und tippte mit dem Zeigefinger auf die Landkarte auf dem Tisch. Sie war unverkennbar sehr alt, das Papier an einigen Stellen von der Sonne ausgeblichen, an anderen gelb, als hätte sie in der Wohnung eines Kettenrauchers gehangen.

Oliver wollte protestieren, doch Connor zog ihn neben sich auf den letzten freien Stuhl. Belle und Oni zwinkerten ihnen verschwörerisch zu.

„Was ist das Besondere an dieser Karte, fragt ihr euch sicherlich“, fuhr McFinnegan fort. „Sie zeigt einen Ausschnitt des Kontinents, der auf dem v noch völlig fehlt: Amerika!“

Oliver beugte sich vor und tatsächlich stand dort: America. Und daneben, genauso verblichen: Le tombeau de Merlin.

„Das Grab von Merlin“, übersetzte Oliver. „Ist damit der legendäre Magier aus der Artussage gemeint?“

McFinnegans Augen blitzten auf. „Offensichtlich ja“, brummte der Lehrer. „Längst ist bekannt, dass es sich bei Merlin um eine reale Person in Frankreich gehandelt hat. Und nun stellt euch das vor: Merlin in Amerika statt in der Bretagne? Die Ritter der Tafelrunde als Seefahrer Richtung Westen? Jahrhunderte vor Christopher Kolumbus? Das wäre in vieler Hinsicht eine Sensation! Die Geschichte Europas, ja der ganzen Welt müsste umgeschrieben werden.“

Noch weitere zehn Minuten verstieg ihr Lehrer sich in einen Vortrag über die Magie von Landkarten, den Abbildungen der Welt, die so viel über ihre Zeit und die Menschen darin verrieten. Dabei lief er wie ein aufgescheuchtes Huhn durch sein Atelier, stieß sich beim Öffnen des Fensters zweimal den Kopf und setzte sich schließlich statt auf seinen Stuhl in den Papierkorb. Nur gemeinsam gelang es Oni, Oliver, Belle und Connor, ihn daraus wieder zu befreien. Sein Allerwertester war fest eingeklemmt.

„Entschuldigt, ich bin ein wenig aufgeregt“, erklärt Harold McFinnegan und stürzte ein Glas klares Wasser in einem Zug herunter. „Ach was – ich fühle mich wie ein Teenager vor dem ersten Date mit seiner Angebeteten“, fuhr er dann fort. „An diesem Wochenende findet nämlich in Paris der alljährliche Kongress meines Kartografie-Klubs statt, müsst ihr wissen.“

Schwungvoll drehte er den Erdapfel und wartete dann ab, bis er sich verlangsamte und die Umrisse von Europa wieder zu erkennen waren. Der Globus stoppte, als McFinnegan den Finger auf die französische Hauptstadt piekste. „Immer wenn wir uns treffen, präsentieren sich die Mitglieder gegenseitig spannende antike Karten, auf die sie in Archiven von Klöstern, alten Bibliotheken oder bei archäologischen Ausgrabungen gestoßen sind“, schwärmte der Schotte weiter.

„Und da wollen Sie diese Amerika-Karte dem Kreise der Experten vorlegen, richtig?“, hakte Oliver nach. Er fing langsam Feuer. Die Sache interessierte ihn, und es gefiel ihm, wie sehr sein Lieblingslehrer sich dafür begeistern konnte.

McFinnegan schnipste mit dem Finger. „Richtig, junger Oliver!“, jauchzte er. „Die Worte America und Le tombeau de Merlin sind ja noch einigermaßen zu erkennen. Die Ortsangaben rundherum sind jedoch kaum zu entziffern oder heute in den USA völlig unbekannt. So weit bin ich mit meinen Nachforschungen bereits alleine gekommen.“

Oliver nickte. „Ich verstehe“, sagte er dann. „Sie erhoffen sich von Ihrem Kongress weitere Aufschlüsse. Am besten natürlich die genaue Lage von Merlins Grab in den USA.“

McFinnegan stieß die Luft aus, als wollte er einen Ballon in einem einzigen Zug aufblasen. „Genauso ist es“, sagte er und warf erneut einen Blick auf die Standuhr. „Und nun muss ich los. Mein Zug verlässt London in genau 73 Minuten. Für mich eine ungewohnte Art zu reisen. Doch niemand im Kartografie-Klub weiß, dass ich dem ACE angehöre. Das würde sich natürlich ändern, wenn ich im Sky Explorer käme …“

Während Harold Godric McFinnegan scheinbar wahllos irgendwelche Unterlagen in seine Aktentasche stopfte, warfen sich die vier ACE-Scouts vielsagende Blicke zu.

Als ihr Lehrer schon halb aus der Tür war, hielt er inne. „Legt bitte bis Montag eine Karte der Pariser Innenstadt im Maßstab 1 : 5000 an, mit dem Eiffelturm im Zentrum“, bestimmte er. Ihm war wohl eingefallen, dass er seine Schüler ja unmöglich ein ganzes Wochenende ohne Hausaufgaben lassen konnte. In dieser Hinsicht unterschied er sich nicht von allen anderen Lehrern auf der Welt. „Und jetzt wünscht mir Glück!“

„Viel Glück!“, antworteten die vier wie aus einem Munde, und Oliver wusste, dass alle es ehrlich meinten. Mister McFinnegan hatte seine Schrullen, aber wenn es hart auf hart kam, würden Oni, Connor, Belle und er für den Lehrer durchs Feuer gehen – und er für sie.