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Richard Holsbein ist Redaktor bei einer Lokalzeitung in einer Kleinstadt. Weil es in der sommerlichen Saure-Gurken-Zeit absolut nichts zu schreiben gibt, legt er einige harmlose Feuer und berichtet in großen Lettern darüber. Doch dann gerät ein Brand außer Kontrolle, zerstört die halbe Stadt und ein angrenzendes Naturschutzgebiet und verletzt eine Frau schwer. Die Polizei und eine cholerische junge Journalistin veranstalten eine Hetzjagd auf Holsbein. Der durchlebt auf seinem Roadtrip in Richtung Süden die Höhen und Tiefen eines Gesetzlosen, schließt sich einer Punkband an, begegnet skurrilen Gestalten und schönen Frauen, in die er sich jedes Mal ernsthaft verliebt. Mit Glück und halsbrecherischen Aktionen kann er seinen Verfolgern immer wieder entkommen. Doch gerade als er sich in Sicherheit wähnt, schaltet sich eine obskure Nazi-Sekte in das Geschehen ein.
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Seitenzahl: 395
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Tom Aspacher
Die Flucht des Feuerteufels
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Tag 1
Tag 2
Tag 3
Tag 4
Tag 5
Tag 6
Tag 8
Tag 9
Tag 10
Tag 11
Tag 12
Tag 13
Tag 14
Tag 15
Tag 16
Tag 19
Impressum neobooks
Der faulige Knoblauchgestank aus dem Wageninneren haute ihn beinahe um. Richard Holsbein hielt die Luft an, stieg in sein Auto und warf erst einmal den angekauten Döner raus, den sein Kumpel in der Nacht zuvor auf dem Armaturenbrett hatte liegen lassen. Dann setzte er zurück, wobei er hektisch sämtliche Fenster öffnete. Gerade als er einen Kontrollblick in den Rückspiegel werfen wollte, kam sein angerosteter Renault Espace mit einem lauten Knall zum Stehen. Holsbein stieg aus. Er sah sich benommen um. Ein schwarzer, ziemlich neuer SUV war ihm hinten reingekracht. Wer am Steuer saß, konnte er durch die abgedunkelte Frontscheibe nicht richtig erkennen. Nur dass sich der Airbag nicht geöffnet hatte. Es konnte also nicht so schlimm sein.
»Hallo? Alles klar bei Ihnen?«, erkundigte er sich vorsichtig.
Eine etwa dreißigjährige Brünette stieß die Wagentür auf und stampfte wütend auf ihn zu. »Sind Sie schon frühmorgens besoffen?«, schrie sie ihn an und musterte kopfschüttelnd die nicht allzu große Beule an ihrem Auto.
Holsbein schloss nicht aus, dass sich noch Restalkohol in seiner Blutbahn befand. So einfach wollte er sich aber nicht in die Opferrolle fügen, zumal sie das seiner Meinung nach ruhig ein wenig netter hätte sagen können. »Ich frage mich schon, wer da besoffen ist«, setzte er zur Gegenwehr an. »Wer ist denn wem reingedonnert?«
Die Brünette war damit alles andere als einverstanden und begann einen wutentbrannten Monolog über Verkehrsregeln im Allgemeinen und das Vortrittsrecht im Speziellen. Sie redete und redete und wollte einfach nicht aufhören. Holsbein mochte wütende Frauen eigentlich überhaupt nicht, er fand die Brünette aber doch recht attraktiv. Vielleicht waren die Hüften ein wenig knochig. Aber sie hatte nette Titten und ein hübsches Gesicht mit hochstehenden Wangenknochen. Slawischer Typ, bemerkte er mit Kennerblick. Das Beste aber waren ihre Gummibootlippen. Er stellte sich vor, was sie damit alles tun konnte und grinste genüsslich. Doch dann begannen die Lippen in ein Handy zu sprechen. Die Brünette hatte die Stadtpolizei angerufen und ließ sich nun zum Chef durchstellen. »Das ist nämlich mein Vater«, zischte sie ihm zu.
Holsbein war nicht besonders scharf darauf, am Morgen nach einer durchzechten Nacht noch eine Diskussion mit den Bullen zu führen. Er riss sich endgültig von diesen großen weichen Dingern los und gab der Brünetten zähneknirschend zu verstehen, dass er für alle Kosten aufkommen würde. Der Tag fing ja gut an.
»Bist spät dran.«
»Ich hatte Ärger, so eine blöde Kuh ist mir mit ihrer Protzkarre voll hinten reingefahren. Die war am frühen Morgen schon besoffen.« Holsbein ließ sich in seinen Stuhl fallen und startete seinen Computer auf. Püppy, die Redaktionspraktikantin, war offenbar schon lange hier. Zwei halbherzig ausgedrückte Teebeutel lagen auf ihrem Schreibtisch und die Literflasche mit Bio-Kokoswasser war fast leer.
»Wo ist Kathrin?«, wollte er wissen.
»Die ist schon ausgerückt.«
»Und der Chef?«
»Der auch.«
Holsbein kratzte sich am Hinterkopf. »Was ist denn los, dass die schon im Aktionsmodus sind?«
»Der Brandstifter hat wieder zugeschlagen.«
Ein Brandstifter terrorisierte die Stadt Amsheim nun seit bald zwei Wochen. Angefangen hatte es am frühen Sonntagabend vor den Sommerferien, als der Abfalleimer einer Bushaltestelle in Feuer aufging. Die freiwillige Feuerwehr rückte aus. Es gab Sachschaden von ein paar Tausend Franken. Und der »Amsheimer Bote« titelte am Morgen darauf: »Vandalen zünden Bushaltestelle an – Polizei sucht Zeugen«.
In den folgenden Tagen schlug der Brandstifter immer wieder zu. Einmal waren es ein paar Zeitungsbündel vor einem Kiosk, dann die Gerätebox des Kleingartenvereins oder der weiß getünchte Zaun des Stadtpräsidenten Valentin Ehrbar, was im Ort für einige Aufregung sorgte, zumal seine politischen Gegner sofort einen versuchten Versicherungsbetrug witterten. Ehrbar wiederum sah darin eine Tat seiner Widersacher, von denen es nicht wenige gab. Beide Seiten durften sich im »Amsheimer Boten« ausgiebig aufregen.
Der bisherige Höhepunkt aber war der abgebrannte Hühnerstall von Bauer Müller. Holsbein war damals als Erster vor Ort gewesen, schließlich wohnte er gleich ein paar Meter vom Tatort entfernt. Er schaffte es sogar noch, die Hühner zu fotografieren, wie sie mit ihrem qualmenden Gefieder panisch im Gehege herumjagten. Der Redaktionsleiter hatte jedoch Skrupel gehabt. Er ließ lediglich das Bild abdrucken, auf dem der Bauer mit Betroffenheitsmiene auf die Überreste des Hühnerstalls zeigte. Holsbein hätte die rauchenden Hühner bevorzugt.
Ansonsten schöpfte der »Amsheimer Bote« aber aus den Vollen. Der »Feuerteufel«, wie er längst genannt wurde, bestimmte die Berichterstattung. Selbstverständlich befragten die Redakteure nach jedem Brand jeweils sämtliche verfügbaren Nachbarn, die mit jedem Vorfall verängstigter reagierten. Denn allen im Ort war längst klar: Es konnte jeden treffen. Der Chef der Stadtpolizei, Linus Huber, kam mehrmals im »Boten« zu Wort und versicherte, alles Menschenmögliche zu tun. Das allerdings wurde spätestens nach dem dritten Brand in zahlreichen Leserbriefen stark angezweifelt. Des Weiteren berichteten die Feuerwehrleute umfassend über ihre Einsätze. Ein Sicherheitsexperte gab Tipps, wie sich die Einwohner vor dem Feuerteufel schützen konnten. Und der Leiter der neu gegründeten Bürgerwehr ließ sich mit Pfefferspray und Schäferhund in selbstbewusster Pose ablichten. Überschrift: »Wir werden ihn kriegen!«
Der Redaktion des »Amsheimer Boten« kam die Nachrichtenflut ganz gelegen. Ansonsten mussten sich die Journalisten in der Saure-Gurken-Zeit mit der Neueröffnung von Nagelstudios und Geschenkboutiquen herumschlagen. Nun aber konnte sich der als Käseblatt verschriene »Bote« als richtige Zeitung präsentieren, aus der landesweit die Medien zitierten. Der Chefredakteur wurde mehrmals vor die Kameras verschiedener Fernsehstationen gezerrt und durfte seine Expertenmeinung kundtun. Und Holsbein fand, dass er dabei jedes Mal voll dämlich rüberkam. Das leichte Lispeln, die zu breite Krawatte, das runde Babygesicht und darauf die Baskenmütze, welche die Stirnglatze verdecken sollte – so was ging einfach nicht. Und schon gar nicht bei hundertdreißig Kilo Lebendgewicht. Holsbein hätten keine zehn Pferde dazu gebracht, seinen Kopf in eine Kamera zu halten. Für ihn war ohnehin das Wichtigste, dass die Angeber von den »Nordost-Nachrichten« immer einen Schritt hinterherhinkten und schon mehrmals unterwürfig auf der Redaktion des »Amsheimer Boten« anrufen mussten wegen irgendwelcher Informationen oder Kontakte. Verwöhnte Bubis waren das, mit ihren beschrifteten Redaktionsautos, den professionellen Fotografen, der Kantine mit den drei Menüs zur Auswahl – eines davon vegetarisch – und dem großen Verlagshaus im Rücken. Die hatten nach Holsbeins Ansicht die eine oder andere Lektion in Demut verdient, und so ließ er sie jeweils gerne ein wenig zappeln, bis er ihnen eine Telefonnummer rausrückte.
»Ach ja …«, gähnte Püppy und drückte auf einem der matschigen Teebeutel herum. »Der Chef hat gemeint, du solltest dich doch auch mal am Tatort blicken lassen.«
»Sag bloß, zwei Leute reichen nun also nicht mehr aus, um über einen rauchenden Kohlehaufen zu berichten?«
»Das ist diesmal schon etwas mehr als ein Haufen.«
Zwanzig Minuten später stand Holsbein an der Polizeiabsperrung vor dem Fabrikgebäude der Firma Mahler Farben und ließ sich von seiner Redaktionskollegin Kathrin Speicher über die Geschehnisse der vergangenen Nacht informieren. Anscheinend hatte der Feuerteufel auf dem Sportplatz einen Snackautomaten angezündet, der überraschend gut brannte und einen etwa zwei Meter entfernten Grüngutcontainer aus Plastik in Mitleidenschaft zog. Der Inhalt des Containers musste mehrere Stunden vor sich hin gekokelt haben, bis gegen vier Uhr morgens der Wind auffrischte und die Glut entfachte. In der Folge setzte der Funkenflug eine Scheune gleich neben dem Fußballplatz in Brand. In dem Gebäude hatte ein Getränkehändler bis unters Dach Bierkästen und Leergut gelagert, was ebenfalls recht gut brannte. Es gab noch mehr Wind, noch mehr Funkenflug, und schließlich griffen die Flammen auf das benachbarte Gelände der Farbenfabrik Mahler über.
»Das nenne ich mal eine Kettenreaktion«, meinte Holsbein trocken. »Aber wieso fährt hier schon der zweite Einsatzwagen des Gewässerschutzes durch?«
Auch das wusste Kathrin bereits. So hatte das Zusammentreffen von Feuer und hochentzündlichen Stoffen auf dem Areal der Farbenfabrik ein beeindruckendes Flammeninferno ausgelöst, dem die Feuerwehr von Amsheim mit Zehntausenden Litern Wasser Herr zu werden versuchte. Unterstützt wurde sie dabei von den Feuerwehren der umliegenden Gemeinden, die ebenfalls aus allen Rohren spritzten. Der Großeinsatz führte dazu, dass das Rückhaltebecken für kontaminiertes Löschwasser nach vierzig Minuten voll war. Danach floss der Cocktail aus verschiedenen Lösungsmitteln, schwermetallhaltigen Pigmenten, Bindemitteln, Fungiziden und synthetischen Harzen ungehindert in den Feldbach neben dem Fabrikgebäude und von da in die Arle. Da die wenig katastrophengeprüfte Feuerwehr diese Entwicklung lange nicht bemerkte, wurde die Bachsperre erst viel zu spät errichtet, weshalb schließlich ein Großteil des giftigen Löschwassers im Elsingersee landete.
»Die sind gerade daran, die toten Fische aus dem Wasser abzuschöpfen«, sagte Kathrin. »Viele dürften nicht überlebt haben.«
Holsbein nickte betroffen. »Das wars dann wohl mit dem Badespaß für diesen Sommer.« Er zückte seinen Notizblock und machte sich auf, um die Nachbarn zu befragen.
»Ich war noch nicht fertig«, rief ihm Kathrin hinterher. »Die Sporthalle ist auch noch abgebrannt, und mit ihr die angebaute Wohnung des Ehepaars, das sich um die Anlage kümmert. Die Frau liegt mit einer schweren Rauchvergiftung und Verbrennungen zweiten Grades im Spital, sie wird es womöglich nicht überleben. Ich versuche seit mehr als einer Stunde ihren Mann zu erreichen. Es wird gemunkelt, dass er den Brandstifter gesehen hat.«
Holsbein trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Doch der Motor mit seinen dreihunderttausend Kilometer in den Ventilen mochte nicht so recht auf Touren kommen. Und das Automatikgetriebe weigerte sich, von gemächlich auf sportlich umzuschalten. Er schaffte es gerade noch, vor einem Laster in die Autobahn einzuspuren. Der Lkw-Chauffeur fuhr ihm lichthupend und wild gestikulierend ziemlich nah auf. Holsbein schätzte den Abstand auf fünf bis sieben Zentimeter. »Idiot!«, blaffte er in den Rückspiegel.
Langsam kam der Zwei-Liter-Diesel in einen etwas drehfreudigeren Bereich und brachte den Family-Van aus der Gefahrenzone. Nicht dass Holsbein eine Familie gehabt hätte, mit der er am Sonntag schön in den Zoo oder sonst wohin gefahren wäre. Den Espace hatte er gekauft, damit er sich gemütlich hinlegen konnte, wenn er es nach einer Sauftour einfach nicht mehr nach Hause schaffte. Die hinteren fünf Sitze hatte er dem Autohändler gleich dagelassen und stattdessen eine alte, fleckige Matratze reingelegt. Danach musste er nur noch die Scheiben verdunkeln, damit ihn nicht alle sehen konnten, wenn er sabbernd im Koma lag. Er hatte sich vorgenommen, irgendwann einen Kühlschrank einzubauen. Und vielleicht auch ein paar bunte LED-Lämpchen, damit es schön kuschelig sein würde, falls er es mal schaffen sollte, eine Frau zu sich ins Spaßmobil einzuladen. Weil so eine Inneneinrichtung aber doch ziemlich viel Aufwand bedeutete, wollte er erst einmal mit einem sauberen Bettlaken beginnen.
Holsbein tippte eine Nummer in sein Handy. »Hallo Püppy?«, versuchte er gelassen und wie immer etwas herablassend zu wirken.
»Ich heiße nicht Püppy.«
»Äh, ja …«
»Ich heiße Sarah.«
»Ja klar, also, hör zu, ich habe noch einen Arzttermin, ganz vergessen. Das Wartezimmer ist voll, es dauert also noch etwas. Bei euch alles klar?«
»Klingt, wie wenn du in einem Auto wärst. Die Polizei war hier und hat nach dir gefragt.«
Holsbein zögerte. »Okay, haben die denn neue Infos zum Feuerteufel?«
»Das haben sie nicht gesagt.«
Er seufzte. Diese Praktikantin war komplett emotionslos, unmöglich herauszufinden, was in ihrem Kopf vorging. Holsbein schloss aber auch nicht aus, dass sie einfach total bescheuert war. Er versuchte es erneut. »Die haben also keine Andeutung gemacht, worum es ging?«
»Nein. Sie haben nur gemeint, ich soll sie anrufen, wenn ich etwas von dir hören würde …«
»Ach das brauchst du nicht«, fuhr Holsbein schnell dazwischen. »Ich werde mich gleich selber bei denen melden.« Er trennte die Verbindung. Ein dunkler Kombi fuhr ihm knapp vorne rein und verlangsamte. »Du blöder Arsch!«, motzte Holsbein und wollte gerade Gas geben, um zu überholen, als auf dem Display hinter der Heckscheibe »Polizei« und dann »folgen« aufleuchtete. Er war wie vom Blitz getroffen, ging schnell die Möglichkeiten durch. Doch weder die Flucht nach vorne, noch plötzlich abzubremsen und auf dem Pannenstreifen bis zur nächsten Ausfahrt zurückzufahren, schienen ihm Erfolg versprechende Alternativen zu sein. Ein Mann am Steuer einer Familienkutsche hatte eben manchmal keine andere Wahl, als sich zu fügen. Und so fuhr er dem zivilen Polizeiauto brav etwa eineinhalb Kilometer bis zur nächsten Raststätte hinterher, rollte auf einem Parkplatz für Lkws aus, ließ das Seitenfenster runter und wartete mit rasendem Puls, bis sich der Beamte neben ihm aufbaute.
»Kantonspolizei Aargau, mein Name ist Andreas Morf, ich hätte gerne Ihren Führerschein und die Fahrzeugpapiere.«
Die Panik durchfuhr Holsbein erst siedend heiß und dann eiskalt. »Scheiße, Scheiße, Scheiße«, schoss es ihm durch den Kopf, »jetzt einfach ruhig bleiben, ruhig!« Er suchte in seinem Portemonnaie und im Handschuhfach nach den Papieren – und fand sie schließlich nach gefühlten zehn Minuten unter der Sonnenblende.
Polizeileutnant Morf schaute sich die Dokumente an und begann in einen Formularblock zu kritzeln. Er riss denn Zettel runter und reichte ihn durch das Fenster. »Herr Holsbein, Sie haben während dem Fahren telefoniert, das macht sechzig Franken.«
»Äh, ja, genau, tut mir leid, ich mach das sonst nie, ehrlich.«
»Ist Ihnen bewusst, dass Ihr rechtes Rücklicht komplett zerstört ist?«
»Da ist mir heute Morgen jemand reingefahren, bin gerade auf dem Weg zu meinem Mechaniker, deshalb habe ich ihn vorhin angerufen.«
Nachdem die Busse bezahlt war und Polizeileutnant Morf sich mit seinem Auto aus dem Staub gemacht hatte, konnte sich Holsbein ein Grinsen nicht verkneifen. Der Bulle war wirklich zu leichtgläubig, fand er. »Ich vertraue Ihnen, dass Sie den Schaden gleich reparieren lassen«, äffte er ihn nach.
Erst war der Kerl misstrauisch gewesen. Er hatte nachgehakt, wie der Mechaniker heiße und Holsbein sogar eine Fangfrage gestellt, ob er mit dem großen Koffer im Auto nicht doch eher in die Ferien fahre. Aber Holsbein kannte sich in der Gegend aus und konnte Name und Standort der Autogarage ohne mit der Wimper zu zucken aufsagen. Dass ihm dabei der Schweiß wie ein Sturzbach über den Rücken in die Arschritze lief, bekam der gute Polizist Morf nicht mit.
Holsbein machte den Tank voll und holte sich im Shop ein paar Sandwiches und zwei Literflaschen Cola. Dann zog er 2000 Euro aus dem Geldautomaten. Das Tageslimit. Er setzte sich ins Auto und rief auf dem Handy die Website der »Nordost-Nachrichten« auf. Die hatten sich inzwischen voll auf das Thema eingeschossen. Alle fünf Top-Meldungen bezogen sich auf die Serie von Bränden in Amsheim.
Die Überschrift des Hauptartikels ließ ihn erschaudern: »Die Polizei kennt die Identität des Feuerteufels«, stand da. Gemäß dem Artikeltext drehte der Hausmeister, dessen Frau beim Wohnungsbrand eine schwere Rauchvergiftung und großflächige Verbrennungen erlitten hatte, zum Zeitpunkt der Tat mit seinem Hund Ludwig eine Runde; der Königspudel-Rüde musste wegen einer Blasenentzündung alle zwei Stunden raus. Dabei beobachtete das Herrchen in etwa achtzig Meter Entfernung zwei Personen, die sich »wahrscheinlich mit Brandbeschleuniger« an dem Snackautomaten zu schaffen machten und danach davonrannten. Der Hausmeister hatte nach eigenen Angaben keine große Lust gehabt, sich mitten in der Nacht mit zwei Kriminellen anzulegen. In seinem Versteck hinter einem Rasenmäher-Traktor konnte er aber zumindest einen der Täter erkennen. Um wen es sich dabei handelte, darüber habe die Polizei aus ermittlungstechnischen Gründen keine Angaben gemacht, hieß es weiter im Text.
Holsbein verdrehte die Augen. »Oho, da hat der Alte aber noch ein kleines Detail verschwiegen«, murmelte er und klopfte sich gedanklich selber auf die Schulter: Er hatte richtig reagiert und vorsichtshalber gleich das Weite gesucht, nachdem Kathrin am Morgen diese Andeutung im Zusammenhang mit einem möglichen Augenzeugen gemacht hatte.
Holsbein wählte die Handynummer seines Mitbewohners.
»Kowalski …?«, tönte es am anderen Ende der Leitung.
»Karl, Gott sei Dank«, sagte er. »Hör zu, wir müssen dringend reden, wegen gestern Nacht. Wir müssen uns absprechen, und vor allem brauchen wir ein …«
»Hahaha, verarscht, ich bin gar nicht am Apparat, aber warten Sie doch auf den Piepton, der kommt jetzt dann, eins, zwei, drei.«
Es piepte, und Holsbein trennte die Verbindung. Er tippte die Nummer der Redaktion ein. »Püppy, das dauert hier noch ein Weilchen, vorhin kam noch ein Notfall rein, da müssen die anderen natürlich warten. Hab grad online gelesen, dass die Polizei den Täter kennt, wisst ihr was darüber? Nicht dass die Schnösel von den ›Nordost-Nachrichten‹ morgen den Namen in der Zeitung haben und wir nicht.«
»Na ja«, meinte Püppy, »die Polizei ist gerade hier.«
»Schon wieder? Haben die Dilettanten etwas vergessen?«
»Es sind nicht die Stadtpolizisten, diesmal ist es die Kriminalpolizei. Sie haben deinen Schreibtisch durchwühlt und wollten deinen Computer wegen irgendwas durchsuchen, aber da hast du ja so ein Passwort drin.«
»Haben sie eure Unterlagen wenigstens auch angeschaut?«
»Nein.«
Holsbein schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn. Diese Praktikantin trieb ihn noch in den Wahnsinn, jedes verdammte Wort musste er ihr aus der Nase ziehen. »Haben sie denn vielleicht eine Andeutung gemacht, weshalb sie ausgerechnet in meinen Sachen rumwühlen? Und bitte sei etwas leiser, es müssen ja nicht gleich alle unser Gespräch mitbekommen.«
»Die haben gesagt, du würdest verdächtigt, die vielen Brände in den letzten Wochen gelegt zu haben. Auch den von letzter Nacht.«
»Da habt ihr denen aber sicher gesagt, dass das nicht sein könne, oder? Ich meine, ihr kennt mich – so etwas würde ich nie machen.«
»Also ehrlich gesagt …«, Püppy zögerte. »Der Chef hat gemeint, dass er dich in der morgigen Ausgabe mit größter Freude auseinandernehmen werde.«
Holsbein war außer sich. »Moment mal! Das heißt, ihr werdet morgen meinen Namen und mein Gesicht in der Zeitung bringen? Was für Kollegen seid ihr überhaupt?«
»Ich glaube eher nicht. Der eine Polizist hat gedroht, wenn der Chef das tue, werde er sich wegen Behinderung von polizeilichen Ermittlungen verantworten müssen.«
»Ha, da bin ich aber froh«, lachte Holsbein. »Das wird die feige Sau niemals wagen.« Er beendete das Gespräch grußlos und wählte nochmals die Nummer von seinem Mitbewohner, aber der nahm immer noch nicht ab. Also googelte er, mit welchen Staaten die Schweiz kein Auslieferungsabkommen hat. Da er nicht auf Anhieb eine Aufstellung fand, gab er auf und schrieb Püppy eine Nachricht mit dem Auftrag, das für ihn zu recherchieren. Schließlich war sie immer noch so etwas wie seine Praktikantin.
Fünf Minuten später fuhr Holsbein wieder auf der Autobahn Richtung Lausanne und wühlte in den CDs, die sich im Handschuhfach stapelten. Für so einen Trip gab es nur einen einzigen Soundtrack: »White Light, White Heat, White Trash« von Social Distortion – arschcooler, aus der Hüfte gespielter Midtempo-Punkrock, der auf der Zunge den Geschmack einer verstaubten Landstraße hinterlässt. Er fand die Hülle, aber die CD war nicht drin. Alles andere hätte ihn auch überrascht. Also schaltete er das Radio ein. Vielleicht würde in den Nachrichten über den Fall berichtet. Zehn vor zwei. Also noch zehn Minuten Tina Turner, Elton John oder diese R&B-Scheiße. Er schaltete das Radio wieder aus. Sein Handy klingelte, eine unbekannte Nummer. Holsbein ging davon aus, dass die Polizei mit ihm sprechen wollte und drückte den Anruf weg.
Er war immer gut im Verdrängen gewesen, doch es ließ sich nicht leugnen: Er hatte mit seiner Zündelei ziemlich viel Schaden angerichtet und vielleicht sogar eine Frau getötet, und jetzt war er auf der Flucht vor den Bullen. Auf der Flucht!
Das Handy piepte – eine SMS von Püppy: »Sorry, aber der Chef will nicht, dass ich dir helfe, LG, Sarah.«
»Ahhhhh, Püppy«, schrie Holsbein in das Gerät. »So etwas musst du doch nicht erst mit diesem Wichser besprechen!« Das war ohnehin ein doofer Gedanke gewesen, musste er selber zugeben. Auslieferungsabkommen waren innerhalb Europas wohl eine Selbstverständlichkeit. Er glaubte aber auch nicht, dass wegen einem kleinen Feuerchen gleich international nach ihm gefahndet wurde – jedenfalls nicht, solange die Frau des Hausmeisters noch lebte. In der Schweiz hingegen würde es schon bald sehr ungemütlich für ihn werden, davon war er überzeugt. Und deshalb wollte er erst einmal über die Grenze. In einem einigermaßen vernünftigen Tempo voranzukommen, war wegen der vielen Baustellen allerdings gar nicht so einfach. So wie jetzt: drei ausreichend breite Hilfsspuren, kaum Verkehr, aber sechzig Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit. Holsbein gab sich alle Mühe, der Versuchung zu widerstehen, kräftig aufs Gaspedal zu treten. Nur nicht auffallen. Bloß nicht noch eine Begegnung mit den Bullen.
Er fuhr bei der Raststätte Grauholz von der Autobahn ab und parkte seinen Wagen neben der Tankstelle. Der Handyakku war fast leer, also besorgte sich Holsbein im Shop einen Adapter für den Zigarettenanzünder. Kowalski ging immer noch nicht ran. Und für Püppy hatte er gerade gar keine Nerven. Ohnehin wäre es besser, das Handy erst einmal auszuschalten – falls die Bullen eine Ortung durchführen würden.
Für den Grenzübergang hatte er verschiedene Möglichkeiten: Entweder den großen bei Genf-Bardonnex im Anschluss an die A1, wo man immer mit einer Kontrolle rechnen musste, oder einen der kleineren Übergänge im Jura, die stellenweise nachts nicht besetzt waren, soweit er das wusste. Holsbein holte die Straßenkarte aus dem Handschuhfach und faltete sie umständlich auf. Er wollte es auf gut Glück in dem kleinen Grenzkaff La Cure versuchen. Laut Routenplaner dauerte die Fahrt dahin knapp zweieinhalb Stunden. Dann war es später Nachmittag und er konnte sich vor Ort noch ein wenig umsehen.
* * * * *
»Dieser verdammte Holsbein, ich hatte bei dem nie ein gutes Gefühl«, schimpfte Redaktionsleiter Armin Leimbacher und tigerte durch sein Chefbüro. »Wenn der den guten Ruf des ›Amsheimer Boten‹ ramponiert, dann hat er zu dem allem noch eine Anzeige wegen Geschäftsschädigung am Hals.«
»Also streng genommen behandeln wir Richard Holsbein zum jetzigen Zeitpunkt lediglich als Verdächtigen; die Unschuldsvermutung gilt auch für Journalisten«, sagte Urs Widmer. Der Hauptkommissar der Kriminalpolizei hatte seine Kollegen mit Holsbeins Computer zurück ins Revier geschickt und sich danach durch die Befragung mit der Praktikantin gequält. Und nun hielt ihn dieser übereifrige Chefredakteur auf, wo es doch längst Zeit war für sein Mittagessen. Also versuchte er die Sache kleinzureden: »Wir haben einen Augenzeugen, der im Halbdunkel im schlaftrunkenen Zustand aus einiger Entfernung etwas gesehen haben will.«
»Und die Überwachungskamera auf der Sportanlage?«, fragte Leimbacher, der sich nicht mehr von der Idee abbringen ließ, dass Holsbein der Feuerteufel war. Und dessen Kopf wollte er rollen sehen. Als Chefredakteur war er das seinen Lesern schuldig, fand er. Und dieser Clown von einem Polizisten mit seiner viel zu bunten Kleidung, die sicher seine Frau für ihn ausgesucht hatte, würde ihn nicht daran hindern.
»Die Aufzeichnungsdaten müssen erst von unseren Spezialisten ausgewertet werden«, sagte Widmer beiläufig. »Bei der ersten Durchsicht war nicht gerade viel zu erkennen, wie ich Ihnen ja schon gesagt habe. Und jetzt entschuldigen Sie mich, ich habe noch einen dringenden Termin.«
»Dann fassen Sie ihn endlich und holen das Geständnis aus ihm heraus«, forderte Leimbacher.
»Wir tun ja, was wir können«, beschwichtigte Widmer und überflog in Gedanken die Mittagskarte des ›Sternen‹, die er sich nach dem Aufstehen im Internet angeschaut hatte.
Leimbacher nutzte die kurze gedankliche Abwesenheit des Hauptkommissars aus, tänzelte mit seinem dicken Bauch bemerkenswert agil zwischen zwei Schreibtischen durch und stellte sich im Flur breitbeinig Widmer in den Weg. »Ich muss wissen, wie die Fahndung läuft, immerhin geht es um einen ehemaligen …, äh, um einen Mitarbeiter von mir.« Widmer versuchte sich an Leimbacher vorbeizudrücken, doch der hatte nun endgültig Feuer gefangen und ließ sich nicht beirren. Da kam etwas in ihm hoch, das ihn vor vielen Jahren während seiner Zeit als junger Journalist bei einer großen Tageszeitung zu hartnäckigen Recherchen angetrieben hatte – und dann mit den Jahren im Alltag versandet war. Er fixierte den Kommissar mit seinen babyblauen Augen. »Dann machen Sie eine Handyortung.«
»Dass ich so etwas ausgerechnet von der Presse hören muss«, knurrte Widmer, dessen Blutzuckerspiegel sich mittlerweile im Gefahrenbereich befand. »Wir hätten theoretisch durchaus die technischen Möglichkeiten, jedes Handy aufzuspüren. Wir können Gespräche und jeglichen Datenverkehr mitschneiden. Aber was passiert, wenn wir es wirklich einmal tun? Dann ist das mediale Geschrei über den vermeintlichen Polizei- und Überwachungsstaat riesengroß.«
»Wir haben nie so etwas geschrieben«, betonte Leimbacher jetzt etwas kleinlauter, »das war in unserem zweiten Bund, das macht die Mantelredaktion in Zürich, da haben wir keinen Einfluss drauf.«
»Sie haben keine Ahnung, wie egal mir das ist«, schimpfte Widmer. Er schob den dicken Chefredakteur mit einigem Kraftaufwand zur Seite und stapfte aus dem Büro.
»Widmer, warten Sie«, rief Leimbacher. »Ich habe eine Idee. Sarah, unsere Praktikantin, sie ist in Kontakt mit Holsbein. Wir könnten so seinen Aufenthaltsort ausfindig machen.«
»Sind Sie verrückt?« Widmer schüttelte den Kopf, als würde er ein kleines Kind tadeln. »Ich werde sicher nicht eine noch nicht einmal zwanzigjährige Redaktionspraktikantin als polizeiliche Ermittlerin einspannen. Das ist was für Profis. Und ehrlich gesagt scheint die Kleine nicht besonders helle zu sein.«
* * * * *
Holsbein hatte in Nyon die Ausfahrt genommen und war auf der Landstraße Richtung Saint-Cergue gefahren. Erst hatte er einen Traktor vor sich, und dann tuckerte er minutenlang hinter einem holländischen Wohnwagen her, den er schließlich mit einem ziemlich riskanten Manöver überholte. Jetzt stand er am Waldrand und pisste gegen eine Eiche. Als er gerade weiterfahren wollte, holperte der Holländer vorbei. Zwar hatte es Holsbein nicht übertrieben eilig, aber er hasste es, hinter jemanden herzufahren, und die letzten fünfhundert Höhenmeter waren mit all den Schleichern für ihn kaum zu ertragen gewesen.
Ein paar Minuten später erreichte er La Cure. Er fuhr an herausgepützelten, mit Kuhglocken behängten Ferienchalets vorbei, passierte einen geschlossenen Souvenirshop – und dann war da nach einer Kurve wie aus dem Nichts plötzlich der Grenzposten. Im letzten Moment erwischte Holsbein auf der rechten Straßenseite die Einfahrt zu den Parkplätzen des Hotels La Cure. Er stieg aus und setzte sich an einen der rustikalen Holztische direkt an der Straße, von dem er eine gute Sicht auf den Grenzposten hatte. Das kleine verglaste Häuschen war mit zwei Personen besetzt. Fünfzig oder sechzig Meter dahinter lag der Posten der Franzosen.
Eine zierliche Blondine kam an seinen Tisch und reichte ihm die Karte. Sie hatte langes, glattes Haar und niedliche Sommersprossen. Säße er hier zusammen mit Kowalski, würden sie über ihre Titten diskutieren. Seinem Mitbewohner konnten sie nicht groß genug sein. Holsbein vermutete dahinter eine Art Mutterkomplex. Ihm war die Größe ziemlich egal, Hauptsache, sie waren gut in Form. Er bestellte ein Steak mit Pommes und dazu ein Bier, lehnte sich zurück und beobachtete Blondie, wie sie den zumeist älteren Gästen bergeweise Kuchen und Trockenfleisch servierte und dabei verführerisch mit ihrem Apfelhintern wackelte. Das erste Mal seit Stunden entspannte er sich ein wenig. Das Handy ließ er ausgeschaltet. Sicher war sicher.
»Wir schließen jetzt den Garten, drinnen ist noch eine Stunde geöffnet«, sagte Blondie und begann die Tische und Stühle mit einem langen Stahlkabel zu sichern. Es war dunkel geworden. Holsbein blickte noch einmal auf den Grenzposten. Die beiden Beamten waren gerade von zwei Kollegen abgelöst worden, die jedes Auto ganz genau musterten. Es sah nicht so aus, als würde er hier in den nächsten Stunden ungestört durchfahren können. Also winkte er Blondie herbei. Eigentlich wollte Holsbein die Rechnung bestellen, doch aus irgendeinem Grund fühlte er sich großartig, und die fünf Biere hatten seine Erzähllaune drastisch gesteigert. Deshalb klaubte er ein paar Brocken Französisch zusammen und gestand ihr mit gesenktem Blick, dass er ein gesuchter Verbrecher auf der Flucht sei und sich jetzt nach Frankreich absetzen werde.
Sie musterte ihn abschätzig.
Holsbein setzte sein Siegerlächeln auf. »Du kannst mich begleiten und dieses langweilige Leben hier in der Einöde hinter dir lassen.«
»Hast du eine Bank ausgeraubt und kannst mir ein Leben in Luxus bieten?«
»Na ja, ich habe vorhin an einem Geldautomaten 2000 Euro abgehoben.«
Blondie legte den Kopf in den Nacken und prustete los. Für so ein kleines Wesen hatte sie eine ziemlich dreckige Lache. »Ich könnte dich heute Nacht bei mir verstecken«, sagte sie und legte ihm die Hand auf die Schulter.
Holsbein spürte, wie ihm das Blut in den Schwanz schoss. Die Kleine war sicher zehn Jahre jünger als er, vielleicht einundzwanzig, höchstens zweiundzwanzig. Ob sie ihn verarschte und ihn dann mit einem Harten in der Hose stehen lassen würde? Das Risiko wollte er eingehen. »Aber wenn sie mich erwischen, dann bist du wegen Beihilfe zu was auch immer dran und wanderst hinter Gitter.«
»Ich wollte schon immer mal in den Frauenknast«, sagte sie und legte einen Schlüssel auf den Tisch. »Erster Stock, das Zimmer ganz hinten links. Ich komme in zwanzig Minuten.«
Eine halbe Stunde später waren Schritte auf dem Flur zu hören. Holsbein hatte geduscht und lag nur mit seiner Jeans bekleidet auf dem Bett. Er hatte das Gefühl, das sehe ziemlich cool aus, ein bisschen verwegen vielleicht, auf eine gängstermäßig lässige Art, und auf eine gute Weise gleichgültig. Und wenn sie ihn doch verarschte, musste er nicht erst in einem unwürdigen Akt des Rückzugs in seine Hose steigen. Denn eigentlich lief das alles hier viel zu gut, um wahr zu sein.
Blondie kam rein und grinste. »Hey Jesse James, was läuft? Wie ich sehe, hast du es dir bequem gemacht.« Sie hatte eine Flasche Tequila und zwei Gläser in der Hand, kickte ihre Ballerinas in die Ecke, hockte sich aufs Bett und machte die Gläser voll. »Es ist Halbmond, da habe ich immer Lust auf Tequila, weiß auch nicht wieso.«
Sie kippte das Glas auf Ex runter. Auch Holsbein leerte seins in einem Zug. Dabei machte er sich ein wenig Sorgen. Alkohol hatte ausgesprochen schlechte Auswirkungen auf seine Potenz. Doch da hatte sie schon ihre weiße Bluse ausgezogen und fingerte an ihren BH herum.
»Bingo!«, schoss es ihm durch den Kopf, sie waren gut in Form.
Sie senkte sich über ihn und küsste ihn mit ihren unglaublich feucht-warmen Lippen. Gleichzeitig öffnete sie seine Hose und griff routiniert nach seinem Schwanz. Ohne sich groß mit einem Vorspiel aufzuhalten, setzte sie sich auf in drauf und begann ihn zu reiten. »Yeah, Cowboy!«, rief sie lachend, »reich mir mal die Flasche.«
Holsbein tastete auf dem Nachttisch nach dem Ding. Er nahm selber einen kräftigen Schluck und schob Blondie dann von sich runter. »Ich bin der Cowboy, ich reite.«
* * * * *
2.35 Uhr. Aline Kiwits lag hellwach in ihrem Bett und starrte auf die Anzeige des Radioweckers. 2.36 Uhr. Nicht einmal mehr vier Stunden, dann würde die Bombe platzen und sie hatte Holsbein bei den Eiern. Endlich.
»Hey du Gesetzloser, ich habe Frühschicht, muss los«, nuschelte Blondie mit einem giftgrünen Gummiband zwischen den Lippen, während sie versuchte, ihre Haare irgendwie in den Griff zu bekommen.
»Okay«, stöhnte Holsbein. Er kam nur ganz langsam in der Realität an, bemühte sich, die Bruchstücke seiner Erinnerung zu einem Ganzen zusammenzufügen.
Blondie warf sich lachend neben ihn auf das Bett. »Ja, wir haben gestern gefickt.«
»Wie schön«, strahlte Holsbein.
»Und ja, wir haben verhütet, also ich.«
»Brav.«
»Und soviel ich weiß, bin ich HIV-negativ. Das zumindest hat mein Arzt vor drei Wochen gesagt.«
»Ich auch, dann passt das ja.« Holsbein mochte ihren Pfefferminzatem und versuchte sie an sich zu ziehen. »Wie heißt du eigentlich?«
Doch sie schälte sich aus der Umarmung, stand auf und schaltete die Stereoanlage ein. Ramones. Verdammt, die Frau hatte Stil. Bevor sie das Zimmer verließ, drehte sie sich nochmals um. »Ach ja, vergiss nicht unten die Rechnung zu begleichen.«
Holsbein stutzte.
Sie lachte. »Idiot, ich bin doch keine Nutte. Dein Essen und die Getränke von gestern, die hast du vergessen zu bezahlen.«
* * * * *
»Bitte setz dich.«
Aline setzte sich. Ihr war klar gewesen, dass der Artikel Konsequenzen haben würde. Doch sie war bereit, einen hohen Preis zu zahlen. Wie hoch er tatsächlich sein würde, das zeigte sich nun.
»Erst einmal möchte ich wissen, wie du den Text noch auf die Seite gekriegt hast«, sagte Reto Camenzind. Der Redaktionsleiter der »Nordost-Nachrichten« war äußerlich cool, aber Aline wusste, dass es in ihm drin ganz anders aussehen musste. Eigentlich gab es ja nur eine Möglichkeit, etwas am Abend-Dienstchef vorbeizuschmuggeln. Sie hatte gewartet, bis die Seite aus dem Korrektorat kam und die Revision erledigt war. Kurz nachdem der Dienstchef noch einmal Titel, Lead und Bildlegenden kontrolliert und die Seite in die Druckerei zur Belichtung geschickt hatte, rief sie dort an unter dem Vorwand, einen gravierenden Fehler korrigieren zu müssen. Bei einem echten Notfall blieben dafür meistens ein paar Minuten. Diese Zeit nutzte sie, um den Artikel auszutauschen. Dann brauchte sie nur noch zu warten. Unmittelbar vor dem Abschluss war der Dienstchef dauernd auf Achse, hetzte von einem Büro zum anderen. Es war ein Kinderspiel, sich unbeobachtet kurz an seinen Computer zu setzen, die Seite auf »revidiert« zu stellen und nochmals an die Druckerei zu schicken.
Camenzind faltete die Hände, als wollte er gleich zu einem Gebet ansetzen. »Heute Morgen hat mich Urs Widmer, das ist der Hauptkommissar der Kriminalpolizei, zu Hause angerufen und mir den Kopf gewaschen. Ich denke mal, du kannst dich an unser Gespräch gestern in diesem Büro erinnern?«
»Jawohl, Herr General«, spielte Aline die Unterwürfige. »Du hast mir gesagt, dass wir große Probleme mit der Polizei bekommen werden, wenn wir den Namen publik machen – selbst wenn ich mir sicher sei, die Identität des Täters zu kennen.«
»Ganz genau, und haben wir den Namen publik gemacht?«
»Ja, das haben wir.«
»Nicht ganz.« Camenzind stand auf und stützte sich mit beiden Händen auf die Tischplatte. »Du hast ihn publik gemacht, du ganz allein. Und ich als dein Vorgesetzter sitze deswegen in der Scheiße. Ich muss mich wegen Behinderung polizeilicher Ermittlungen verantworten. Widmer hat gemeint, es sei von eminenter Bedeutung, dass ein Täter nicht weiß, welche Informationen die Polizei über ihn besitzt.«
»Du wirst deswegen schon nicht in den Knast wandern.«
»So sicher wäre ich mir da nicht. Und deshalb musst du mir sagen, woher du die Identität des Täters kennst. Widmer will diese undichte Stelle stopfen. Wenn du den Namen lieferst, wird er unseren Fall mit etwas mehr Zurückhaltung behandeln.«
Jetzt stand auch Aline auf, ihre Augen blitzten Camenzind böse an. »Vergiss es, ich werde meine Quelle niemals nennen. Ohne Quellenschutz können die Medien nicht als vierte Gewalt agieren. Klingelt da etwas? Das hast du mir doch immer eingetrichtert.«
»Du lässt mir keine andere Wahl, ich muss dich per sofort von deiner Arbeit suspendieren. Bis die Angelegenheit geklärt ist, wirst du unsere Redaktion nicht mehr betreten, erhältst aber leider gemäß Arbeitsvertrag den vollen Lohn.«
Aline ließ sich auf den Stuhl fallen. Sie war verwirrt. Warum hatte er sie nicht fristlos entlassen? Und wieso hatte sie den Eindruck, dass er sich ein Schmunzeln verkneifen musste?
Camenzind fischte eine Zigarette aus der Schachtel und zündete sie sich an. Er inhalierte tief und wartete mit geschlossenen Augen, bis die Wirkung des Nikotins sich in seinem Körper ausbreitete. Er war der Einzige, der in diesem Gebäude rauchen durfte. Sein Recht auf den Glimmstängel stand sogar im Arbeitsvertrag. »Weißt du, wo er sich gerade befindet?«
»Ja«, sagte Aline zögerlich. Sie fragte sich, weshalb die Unterhaltung an diesem Punkt noch nicht zu Ende war.
»Und weißt du auch, wohin er gehen wird?«
»Da bin ich mir ziemlich sicher, ja.«
»Was denkst du: Wird das die Polizei auch rauskriegen?«
»Wohl eher nicht, oder jedenfalls nicht so bald.«
»Wie wäre es denn, wenn du dich an seine Fersen heftest? Erst einmal nur ein paar Tage, wir warten ab, was passiert und sehen dann weiter. Der Name ist draußen, viel mehr Ärger kann ich nicht mehr kriegen. Machen wir eine Sommerserie daraus: ›Die Flucht des Feuerteufels‹.«
* * * * *Die Fahrt über den Col de la Givrine und dann auf der scheinbar endlosen, kurvigen Route Blanche durch den Wald zurück in die Zivilisation erlebte Holsbein wie in Trance. Die Erlebnisse der letzten Stunden wirbelten in seinem Schädel herum und befeuerten das Dauergrinsen in seinem Gesicht. Er konnte nicht aufhören, an Blondie zu denken. Sie hatte nicht einmal seinen Namen oder seine Handynummer wissen wollen. Und als er ihr beim Rausgehen zugezwinkert hatte, war ihre einzige Reaktion ein flüchtiges Lächeln gewesen, bevor sie sich wieder ihrer Arbeit zuwandte. Er kam sich benutzt und missbraucht vor. Und er musste sich eingestehen, dass das ein wirklich gutes Gefühl war.
Holsbein war zufrieden mit sich und der Welt. Sogar sein Französisch war erstaunlich geschliffen gewesen. Okay, vielleicht war er ein bisschen schnell gekommen. Aber hatte er in seiner Situation Zeit für ausufernden Tantra-Sex? Natürlich nicht! Er war ein verdammter Revolverheld auf der Flucht vor dem Gesetz. Und nun würde er denen zeigen, was für ein gerissener Typ er sein konnte. Frankreich musste warten, jetzt ging es erst einmal nach Basel.
* * * * *
Urs Widmer saß an seinem Schreibtisch, rührte im Automatenkaffee und zerbrach sich den Kopf darüber, woher die »Nordost-Nachrichten« dieses ganze Insiderwissen und vor allem den Namen dieses Scheißkerls hatten. Dass Leimbacher der Konkurrenz einen Tipp gegeben haben könnte, schloss er aus. Die beiden Zeitungen bekämpften sich schließlich bei jeder Gelegenheit. Zudem hatte der Dicke viel zu viel Schiss, deswegen belangt zu werden. Und die Praktikantin schien für jegliche selbstständige Handlung deutlich zu beschränkt zu sein. Für Kathrin Speicher würde er seine Hand ins Feuer legen. Sie war die einzige Journalistin, die er kannte, die fair und ausgewogen und auch mit einer gewissen Zurückhaltung berichtete. Das Leck musste sich irgendwo in seinem Revier befinden. Denn die Spezialisten hatten das Überwachungsvideo erst um sechs Uhr abends so weit aufbereitet, dass Holsbein zweifelsfrei als Täter identifiziert werden konnte. Diese Information war den »Nordost-Nachrichten« gezielt zugespielt worden, da war er sich sicher, denn sonst hätte es das Ganze nie mehr in die heutige Ausgabe geschafft. Seine einzige Hoffnung war, dass Camenzind einlenken und den Informanten bekannt geben würde. Aber für diese Journalisten war der Quellenschutz eine heilige Kuh; dafür kämpften sie, wie wenn es um ihr Leben ginge. Falls die Staatsanwaltschaft einen guten Tag hatte, konnte man vielleicht mit einer superprovisorischen Verfügung die Herausgabe des Namens erwirken. Doch aufgrund der Einsprachemöglichkeiten erhielten die Ermittler die gewünschten Angaben in den meisten Fällen erst, wenn es eh schon zu spät war und der Täter entweder über alle Berge oder aber gefasst war. Dass die Medien die Arbeit der Polizei mit dem Segen des Gesetzgebers dermaßen behindern konnten, machte ihn mit jedem Mal wütender.
Allerdings musste Widmer sich eingestehen, dass er sich auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert hatte. Die ersten Fälle von Brandstiftung waren für ihn Streiche von jugendlichen Vandalen gewesen, denen man seiner Meinung nach nicht zu viel Bedeutung zukommen lassen durfte. Die Ermittlungen überließ er deshalb nur zu gerne der Stadtpolizei. Und der Großbrand sah für ihn zuerst wie ein technischer Defekt und eine Verknüpfung unglücklicher Umstände aus. Als dann der Hausmeister ankam und erzählte, er habe Richard Holsbein beim Feuerlegen beobachtet, nahm er das ebenfalls nicht besonders ernst. Der Alte war als Sprüche klopfender Quartalssäufer bekannt und Dauergast in der Ausnüchterungszelle. Wenn so einer behauptete, um ein Uhr nachts etwas gesehen zu haben, wie glaubwürdig war das? Zudem konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Holsbein als Feuerteufel sein Unwesen trieb. Das war zwar ein hinterhältiger Dreckskerl, der ihn schon mehrmals in seinem Käseblatt bloßgestellt hatte. Doch wieso sollte er Abfalleimer und Hühner anzünden?
Immerhin: Als die Kollegen mit dem Videobeweis ankamen, hatte er sofort gehandelt und dem Zwangsmaßnahmengericht eine Handyortung und die Herausgabe der Verbindungsdaten durch die Telefongesellschaft beantragt. Der Entscheid musste nun jeden Moment bei ihm eintreffen.
* * * * *
Am frühen Nachmittag erreichte Holsbein Basel. In Kleinhüningen kurz vor der deutschen Grenze fuhr er von der Autobahn ab und hielt vor dem nächstbesten Lokal an. Es hatte angefangen zu regnen, und er ließ sich die dicken warmen Tropfen einige Sekunden lang ins Gesicht fallen, bevor er das Restaurant Schiff betrat. Ein paar Gäste saßen am Stammtisch vor ihrem Bier, ansonsten war das Lokal leer. Holsbein nahm an der Bar Platz und bestellte einen Kaffee. Er schaltete sein Handy ein. Als er die Website der »Nordost-Nachrichten« aufrief, wurde er mit einem Schlag kreidebleich. Wieso zum Geier war da ein Bild von ihm? Er las die Überschrift: »Lokaljournalist R. H. ist der Feuerteufel von Amsheim«. »Wollen die mich verscheißern?«, fluchte Holsbein in sich hinein. R Punkt H Punkt? Lokaljournalist? Und dann dieses Bild mit diesem lächerlichen, kleinen schwarzen Balken? Da erkannte ihn ja jeder bescheuerte Idiot! Er las, dass er dank der Überwachungskamera auf der Sportanlage zweifelsfrei als Täter identifiziert worden sei. Und dass die Polizei den Schaden auf sechs bis acht Millionen Franken bezifferte, die Beseitigung der Umweltschäden nicht eingerechnet. Der Zustand der Frau war offenbar nach wie vor kritisch, aber stabil. »Immerhin«, brummte Holsbein.
Mit dem Artikel verlinkt war ein Video, das ein Interview mit dem Stadtpräsidenten zeigte. »Stadtpräsident Hans Ehrbar regt sich fürchterlich über die Umweltverschmutzung auf«, stand in der Überschrift. Auf dem Standbild war zu sehen, wie der Alte mit hochrotem Kopf und Zornesfalten in ein Mikrofon schimpfte. Holsbeins Laune verbesserte sich gleich merklich. Er speicherte den Artikel mitsamt dem Video auf seinem Handy ab; das würde er sich später in aller Ruhe zu Gemüte führen.
Holsbein trank den letzten Schluck Kaffee, knallte fünf Franken auf den Tresen, ging noch schnell pissen und verließ dann das Lokal. Sein Handy piepte, eine SMS. Püppy wollte wissen, wo er war und was er vorhatte. Er schrieb zurück: »Bin in Basel und überquere jetzt dann gleich die deutsche Grenze. Versuche mich nach Rotterdam durchzuschlagen. Dort werde ich auf einem Frachter anheuern und erst einmal untertauchen. Aber sags nicht weiter. Melde mich wieder.«
Am Geldautomaten um die Ecke zog er mit seiner EC-Karte die restlichen 1850 Euro von seinem Konto und hob dann mit seiner Kreditkarte das Monatslimit von 5000 Euro ab. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so viel Geld mit sich herumgeschleppt hatte. Holsbein setzte sich ins Auto und wählte die Nummer seines Mitbewohners. Doch der Idiot spielte offenbar toter Mann und ging wieder nicht ran. Also schaltete er sein Handy aus und zog sicherheitshalber auch gleich noch die SIM-Karte aus dem Schlitz. Die paar Minuten hatten bestimmt gereicht für eine Ortung.
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»Die Rechnung bitte.« Widmer wischte sich den Bart mit der Papierserviette sauber. Ganz zufrieden war er nicht mit dem gebratenen Dorschfilet, zu trocken, zu fad. Nun aber war es an der Zeit, mal einen Blick in Holsbeins Wohnung zu werfen und sich dabei auch diesen Kowalski etwas genauer anzuschauen. Mittlerweile hatte das Gericht die Handyortung abgesegnet, und vor zwanzig Minuten war zudem eine erste Auswertung der Verbindungsdaten eingetroffen. Der zufolge hatte Holsbein seinen Mitbewohner seit der Tat mehrere Male angerufen. Das letzte Signal wurde im Bereich der Autobahnraststätte Grauholz registriert, ganz genau ließ sich das nicht lokalisieren. Das war vor rund zweiundzwanzig Stunden gewesen, und seither herrschte Funkstille, weshalb auch die Handyortung bisher ohne Erfolg verlief. Der durchtriebene Hund hatte das Gerät offenbar ausgeschaltet, vermutete Widmer und hoffte auf das Update in einer Stunde. Vielleicht würde sich bis dahin auch auf Holsbeins Redaktionscomputer etwas finden lassen, das Aufschluss über sein Motiv oder einen möglichen Aufenthaltsort geben konnte. Aber die IT-Heinis waren noch nicht in die passwortgeschützten Bereiche vorgedrungen. Und bis die Bank und die Kreditkartenfirma jeweils die Bezüge meldeten, dauerte es immer ewig.
Kowalski schien nicht zu Hause zu sein.
»Den habe ich das letzte Mal vorgestern Nacht gesehen«, geiferte die Alte, die Widmer reingelassen hatte und ihm nun nicht mehr von der Seite wich. »Er und dieser Holsbein kamen nachts um halb vier nach Hause, die haben gegrölt und gelacht, deshalb bin ich wach geworden.«
Widmer klingelte erneut. »Haben die beiden was Bestimmtes gegrölt?«
»Sie haben sich unterhalten, aber ich habe nicht verstanden, um was es ging. Die sind Arm in Arm die Treppe raufgelaufen. Was denken Sie, sind das zwei Schwule? Sind Sie deswegen hier, Herr Wachtmeister?«
»Nein.« Widmer ließ den Finger nun beharrlich auf der Klingel. »Haben Sie die heutige Zeitung nicht gelesen?«
»Ich lese doch keine Zeitung«, schnauzte sie. »Das ist sowieso alles gelogen, was da drin steht.«
Widmer rief auf dem Revier an. »Hallo Erwin, ich brauche hier einen Türöffner, Amwandstraße 25a, eine Mietwohnung.«
»Kommt nicht infrage«, motzte Dienstchef Suter, »das ist die Wohnung von Holsbein, und ich habe schon genug Stress mit dem Staatsanwalt, weil einer von euch Idioten allein aufgrund der Aussage eines stadtbekannten Alkoholikers den Computer und den anderen Kram dieses Wichsers aus der Redaktion beschlagnahmt hat.«
»Immer langsam, mein Bester«, sagte Widmer beschwichtigend. »Am Ende lagen wir ja richtig mit unserem Verdacht.«
»Das schon, aber dem gehts ums Prinzip, das kennst du ja. Und darum, dass die Beweise vor Gericht standhalten. Also warte gefälligst, bis wir den Durchsuchungsbefehl haben.«
»Das kann noch Stunden dauern, und so viel Zeit habe ich nicht«, moserte Widmer. »Also schick jetzt unsere Leute her, es handelt sich um einen Notfall. Code 28, akute Suizidgefahr.«
»Ich weiß, was Code 28 bedeutet, du alter Hurenbock. Dann lass dir doch von der Hausverwaltung einen Schlüssel geben und halt mich da raus.«
»Geht nicht, die haben vor einem halben Jahr ein neues Schloss einbauen lassen und nirgendwo einen Schlüssel hinterlegt. Nicht wahr, Frau …« Er schaute rüber zu der Alten, die vor Aufregung fast platzte und mit ihren schrumpeligen Händen pausenlos über ihre Schürze strich.
»Das ist richtig, ja«, sagte sie laut, damit man sie am anderen Ende der Leitung auch bestimmt hören konnte. »Ich heiße Hasenbühl, Linda Hasenbühl, geborene Hunziker.«
Widmer grinste. »Und Frau Hasenbühl ist der Meinung, dass man Karl Kowalski alles zutrauen muss. Das stimmt doch, Frau Hasenbühl?«
»Aber sicher«, sagte die. »Bei dem ist alles möglich. Vorletzte Woche, an einem Dienstagvormittag, es war zehn Uhr zwanzig, da …«
Eine Viertelstunde später traf der Schlüsseldienst der Kriminalpolizei ein, in Begleitung eines weiteren Beamten und zweier Sanitäter. Für Außenstehende war das womöglich ein bisschen viel personeller Aufwand, aber bei Code 28 eben Pflicht. Nach einer halben Minute war der Schlosszylinder durchbohrt und Widmer betrat die abgedunkelte Wohnung. Er fand Kowalski auf dem Boden vor dem Fernseher sitzend, eine Schüssel Cornflakes vor sich.
»Ich weiß von gar nichts«, sagte Kowalski mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der gerade ganz woanders sein wollte.
»Wie schön, dass es Ihnen gut geht, Herr Kowalski. Wir haben uns Sorgen gemacht«, sagte Widmer laut. Dies war das Zeichen für die Sanitäter, dass ihre Anwesenheit nicht mehr länger nötig war. Wenn Widmer den Code 28 ausrief, wurden sie eigentlich nie gebraucht. Deshalb hatten sie sich schon gar nicht die Mühe gemacht, den schweren Notfallkoffer und den Defibrillator in den dritten Stock zu schleppen.
Noch selten in seiner 25-jährigen Karriere als Polizist hatte Widmer erlebt, dass ein Verdächtiger so schnell einknickte. Schon auf der Rückfahrt ins Revier war es aus Kowalski herausgesprudelt. Er gab zu, in der besagten Nacht mit Holsbein auf Sauftour gewesen zu sein und berichtete detailliert, wie sie den Automaten angezündet hatten. Und auch, dass sie dabei von dem Alten mit seinem Hund beobachtet worden waren. Dieser habe gedroht, alles der Polizei zu verraten, wenn sie ihm nicht 5000 Franken bezahlen würden, jammerte Kowalski. Er versuchte es als Akt der Selbstverteidigung darzustellen, dass sie wiederum dem erpresserischen Hausmeister gedroht hatten, ihm mit einem rostigen Messer die Zunge rauszuschneiden, falls er jemanden von der Sache erzählen sollte oder auch nur die Feuerwehr rufen würde. Kowalski war dermaßen im Erzählfluss, dass er sogar noch zwei kleine Ladendiebstähle aus seiner Jugendzeit beichtete.
Nun saß er wie ein Häufchen Elend auf der Rückbank und schaute teilnahmslos aus dem Fenster.
Die Einsatzzentrale meldete sich über Funk.
»Schieß los, was gibt es?«, wollte Widmer wissen.
»Wir haben ihn«, verkündete Suter triumphierend. »Sein Handy wurde in Kleinhüningen in Basel lokalisiert.«
»Der will sich nach Deutschland davonmachen«, stellte Widmer fest.
»Die Beamten an der deutschen Grenze sind alarmiert«, sagte Suter, »und die Kollegen in Basel positionieren sich gerade an den wichtigsten Zufahrtsstraßen zum Zoll.«
Widmer schaute auf sein Handy. 16.24 Uhr. Er hoffte, dass sie nicht zu spät waren.
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Holsbein ließ Kleinhüningen hinter sich und fuhr nach Westen zurück Richtung Zentrum. Nach etwa eineinhalb Kilometern bog er rechts ab, um den Rhein auf der Dreirosenbrücke zu überqueren. In Basel St. Johann schwenkte er in die frisch asphaltiere Elsässerstraße ein.
