Die französische Kunst des Krieges - Alexis Jenni - E-Book

Die französische Kunst des Krieges E-Book

Alexis Jenni

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Beschreibung

Vom Krieg im Frieden

Als 1991 der erste Golfkrieg ausbricht, ist er für den jungen Erzähler von Alexis Jennis beeindruckendem Roman nicht viel mehr als ein paar harmlose Bilder im Fernsehen – ein Geschehen, weit weg, das sein Dasein nicht berührt. Er lässt sich treiben wie immer, als ginge ihn das alles nichts an. Bis er eines Tages in einem Bistro Victor Salagnon kennenlernt, einen Greis, der als junger Mann in der Résistance gegen die Deutschen kämpfte und später in Indochina und Algerien in Frankreichs schmutzigen Kolonialkriegen diente. Salagnon ist ein begnadeter Tuschezeichner, aber er kennt auch das wahre Gesicht des Krieges: Er hat noch die Kunst des Tötens gelernt und ausgeübt.

Bei diesem Mann, in dessen Wesen sich das Zivilisierte und das Barbarische merkwürdig vereint finden, lernt der Erzähler das Zeichnen. Und währenddessen erzählt ihm Salagnon von seinem Leben im Krieg und für den Krieg, von seinen Träumen und seinen Alpträumen, die ihn bis heute verfolgen. Und je länger der Erzähler dieser Geschichte lauscht, desto mehr begreift er, dass Salagnons Vergangenheit direkt in unsere Gegenwart zielt. Dass wir, die wir glauben in einer Epoche des Friedens aufgewachsen zu sein, den Krieg lediglich tabuisiert und verdrängt haben. Dass wir das Morden und Töten verlagert, es in ferne Länder exportiert haben: nach Südostasien, nach Afrika, in den mittleren Osten. Und dass der Krieg deshalb bis heute untergründig alle westlichen Gesellschaften durchzieht …

Alexis Jennis monumentaler Roman war die literarische Sensation des Jahres 2011; er ist, so die einhellige Meinung, ein Meisterwerk, das den versteckten Krieg, auf dem unser Frieden beruht, wieder sichtbar macht.

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Seitenzahl: 1155

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Alexis Jenni

Die französische Kunst des Krieges

Roman

Aus dem Französischenvon Uli Wittmann

Luchterhand

Die Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel L’art française de la guerrebei Éditions Gallimard, Paris.

Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des französischen Außenministeriums, vertreten durch die Kulturabteilung der französischen Botschaft in Berlin.

1. Auflage© 2011 by Éditions Gallimard, Paris© 2012 der deutschsprachigen Ausgabe by Luchterhand Literaturverlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbHSatz: Uhl + Massopust, AalenAlle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-641-08850-7

Was ist ein Held? Weder ein Lebender noch ein Toter, sondern jemand, der die andere Welt betritt und wieder zurückkehrt.

Pascal QUIGNARD

Es war derart absurd. Man hat die Menschen grundlos geopfert.

Brigitte FRIANG

Die beste Ordnung der Dinge, scheint mir, ist immer die, worein ich auch gehöre, und hole der Henker die beste Welt, wenn ich nicht dabei sein sollte.

Denis DIDEROT

KOMMENTAR I

Der Aufbruch des Spahi-Regiments aus Valence in die Golfregion

Die ersten Wochen des Jahres 1991 waren durch die Vorbereitungen auf den Golfkrieg und meine ständig zunehmende Unverantwortlichkeit gekennzeichnet. Der Schnee bedeckte alles, blockierte die Züge, dämpfte die Geräusche. In der Golfregion war die Temperatur zum Glück gefallen, die Soldaten brieten nicht mehr ganz so stark in der Sonne wie im Sommer, als sie sich mit nacktem Oberkörper mit Wasser übergossen, ohne die Sonnenbrille abzunehmen. Ach, diese schönen Soldaten im Sommer, von denen kaum einer starb! Sie leerten ganze Flaschen über dem Kopf aus, deren Wasser über ihre Haut rieselte, sofort verdampfte und ihren athletischen Körper mit einem regenbogenfarbenen Glorienschein umgab. Sechzehn Liter mussten die Soldaten im Sommer jeden Tag trinken, sechzehn Liter! Das Fernsehen verbreitete Zahlen, und die Zahlen setzten sich in den Köpfen fest, wie sie sich stets festsetzen: mit großer Präzision. Gerüchte über Zahlen wurden verbreitet, die vor dem Angriff von Mund zu Mund gingen. Denn er würde stattfinden, dieser Angriff auf die viertgrößte Armee der Welt, die unbesiegbare Armee des Westens würde sich bald in Marsch setzen, und auf der anderen Seite würden sich die Iraker hinter eng gewickelten Stacheldrahtrollen im Sand verschanzen, hinter Schrapnellminen und verrosteten Nägeln, hinter Gräben voller Erdöl, das sie im letzten Moment anzünden würden, denn Erdöl hatten sie ja mehr als genug. Im Fernsehen wurden Einzelheiten berichtet, die stets sehr genau waren, man durchsuchte aufs Geratewohl die Archive. Das Fernsehen zeigte Bilder aus der Zeit davor, neutrale, nichtssagende Bilder; man wusste nichts über die irakische Armee, nichts über ihre Stärke oder ihre Stellungen, man wusste nur, dass sie die viertgrößte Armee der Welt war, das wusste man, weil es unablässig wiederholt wurde. Zahlen prägen sich ein, denn sie sind von schöner Klarheit, man erinnert sich an sie und glaubt an sie. Und das zog sich in die Länge, das zog sich immer mehr in die Länge. Das Ende all dieser Vorbereitungen war nicht mehr abzusehen.

Anfang 1991 arbeitete ich kaum noch. Ich ging zur Arbeit, wenn mir nichts mehr einfiel, um meine Abwesenheit zu rechtfertigen. Ich besuchte Ärzte, die mich wider Erwarten krankschrieben, ohne mir Gehör zu schenken, und bemühte mich anschließend, die Bescheinigung zu fälschen, um die Dauer der Krankschreibung noch zu verlängern. Abends zeichnete ich im Licht einer Schreibtischlampe die Zahlen nach und hörte dabei Platten über Kopfhörer, wobei sich mein Universum auf den Lampenschein reduzierte, auf den Abstand zwischen meinen beiden Ohren, auf die blaue Kugelschreiberspitze, die mir immer mehr Freizeit gewährte. Ich übte mich zunächst in einer Kladde und veränderte dann mit sicherem Strich die Zeichen, die der Arzt geschrieben hatte. Auf diese Weise verdoppelte oder verdreifachte ich die Anzahl der Tage, an denen ich im Warmen, fern von meiner Arbeitsstelle bleiben konnte. Ich erfuhr nie, ob das Verändern der Zeichen, das Überschreiben der Zahlen mit einem Kugelschreiber genügte, um die Wirklichkeit zu verwandeln, um dem allem zu entgehen, ich fragte mich nie, ob die Sache noch an anderer Stelle als auf dem ärztlichen Attest vermerkt werden würde, aber warum auch; meine Firma war so schlecht organisiert, dass man es manchmal nicht einmal bemerkte, ob ich da war oder nicht; als wäre meine Abwesenheit völlig egal. Ich fehlte, und mein Fehlen wurde nicht bemerkt. Und daher blieb ich im Bett.

An einem Montag zu Beginn des Jahres 1991 hörte ich im Radio, dass Lyon durch den Schnee von der Außenwelt abgeschnitten war. Die nächtlichen Schneefälle hatten die Kabel reißen lassen, die Züge blieben im Bahnhof, und jene, die draußen überrascht worden waren, bedeckten sich mit dicken weißen Decken. Die Menschen in den Zügen bemühten sich, nicht in Panik zu geraten.

Hier in Nordfrankreich fielen nur ein paar Flocken auf die Schelde, aber dort unten regte sich nichts mehr, bis auf große, von Autoschlangen gefolgte Schneepflüge, und Hubschrauber, die abgeschnittenen Weilern zu Hilfe kamen. Ich freute mich, dass es an einem Montag geschah, denn hier wusste man nicht, was Schnee war, die Leute würden völlig übertreiben und die Sache angesichts der Bilder, die im Fernsehen gezeigt wurden, zu einer rätselhaften Katastrophe aufbauschen. Ich rief bei meiner dreihundert Meter entfernten Arbeitsstelle an und behauptete, ich sei achthundert Kilometer entfernt, in den weißen Hügeln, die man in den Fernsehnachrichten sah. Ich stammte von dort, von der Rhône, aus den Alpen, das wussten sie, und sie wussten nicht, was Gebirge waren und auch nicht, was Schnee war, alles passte zusammen, es gab keinen Grund, warum nicht auch ich durch den Schnee von der Welt abgeschnitten sein sollte.

Dann fuhr ich zu meiner Freundin, die am Bahnhof wohnte.

Sie war nicht überrascht, sie hatte mich erwartet. Auch sie hatte den Schnee gesehen, die Flocken im Fenster und das Schneegestöber in den anderen Teilen Frankreichs im Fernsehen. Sie hatte mit jener zarten Stimme, die sie am Telefon annehmen konnte, bei ihrer Arbeitsstelle angerufen und gesagt, sie sei krank, sie habe diese schwere Grippe, die ganz Frankreich heimsuchte und von der im Fernsehen berichtet wurde. Sie könne heute nicht kommen. Als sie mir die Tür öffnete, war sie noch im Nachthemd, ich zog mich aus und wir legten uns in ihr Bett, geschützt gegen den Sturm und die Krankheit, die Frankreich heimsuchten, denn schließlich gab es keinen, absolut keinen Grund, warum wir davon verschont bleiben sollten. Wir waren genauso Opfer wie alle anderen. Wir schliefen geruhsam miteinander, während draußen noch immer etwas Schnee fiel, Flocke für Flocke schwebte hinab, ehe sie auf dem Boden landeten, sie hatten es nicht eilig.

Meine Freundin wohnte in einem Appartement, einem Zimmer mit einer Nische, die ganz von einem Bett ausgefüllt wurde. Ich fühlte mich in ihrer Nähe sehr wohl, und nachdem unsere Lust befriedigt war, kuschelten wir uns unter die Steppdecke und genossen die ruhige Wärme eines zwanglosen Tages, an dem niemand wusste, wo wir waren. Ich fühlte mich wohl in meiner warmen, gestohlenen Nische, neben ihr und ihren mehrfarbigen Augen, die ich so gern mit einem grünen und einem blauen Buntstift auf braunem Papier gezeichnet hätte. Nur eine Zeichnung hätte das wunderbare Licht ihrer Augen zur Geltung bringen können, aber ich zeichnete sehr schlecht. Es mit Worten auszudrücken, reicht nicht, man muss es zeigen. Die herrliche Farbe ihrer Augen ließ sich nicht in Worte bringen. Man musste sie zeigen. Aber etwas zu zeigen, das lässt sich nicht einfach so aus dem Ärmel schütteln – die blöden Fernsehsender bewiesen das im Winter 1991 jeden Tag aufs Neue. Der Fernseher stand ein paar Meter vor dem Bett, um den Bildschirm zu sehen, brauchten wir nur unsere Kopfkissen zusammenzudrücken, um den Kopf höher zu legen. Das Sperma spannte beim Trocknen die behaarte Haut auf meinen Schenkeln, aber ich hatte keine Lust, zu duschen, in dem kleinen Badezimmer war es kalt, und ich fühlte mich wohl in ihrer Nähe, wir sahen fern und warteten nur darauf, dass die Lust wiederkam.

Das große Thema im Fernsehen war Desert Storm, das Unternehmen Wüstensturm, ein aus den Star-Wars-Filmen entnommener, von Drehbuchprofis erfundener Name. Die französische opération daguet, das Unternehmen Schmalspießer, hoppelte mit seinen beschränkten Mitteln daneben her. Ein Schmalspießer ist ein kleiner, gerade geschlechtsreifer Hirsch, also ein größer gewordenes Bambi, dem die ersten Spieße gewachsen sind und das immer in der Nähe seiner Eltern herumhüpft. Wo nehmen die Militärs bloß ihre Namen her? Welcher Franzose kennt schon das Wort daguet? Es muss wohl ein höherer Offizier vorgeschlagen haben, der auf den Ländereien seines Familienanwesens die Hetzjagd praktiziert. Desert Storm, das versteht jeder, von einem bis zum anderen Ende der Erde, das knallt auf der Zunge, explodiert im Herzen, das ist der Titel eines Videospiels. Daguet, Schmalspießer, hat etwas Vornehmes und ruft ein feines Lächeln bei jenen hervor, die das Wort verstehen. Die Armee hat ihre eigene Sprache, die nicht allen zugänglich ist, und das ist sehr verwirrend. Die französischen Soldaten sprechen nicht viel oder nur mit ihresgleichen. Darüber wird schon gewitzelt, man sagt ihnen eine tiefgründige Dummheit nach, die auf Worte verzichten kann. Was haben sie uns angetan, dass wir sie so verachten? Was haben wir getan, dass die Soldaten ausschließlich unter sich bleiben?

Die französische Armee ist ein Thema, das Verstimmung hervorruft. Man weiß nicht so recht, was man von diesen Typen halten und vor allem nicht, was man mit ihnen anfangen soll. Sie gehen uns mit ihren Baretten, ihren Regimentstraditionen, von denen niemand etwas wissen will, und ihrem teuren Kriegsgerät, das die Steuerlast erhöht, auf den Geist. Die französische Armee ist stumm, sie gehorcht ostentativ dem Verteidigungsminister, einem gewählten, zivilen Volksvertreter, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat, sich um alles kümmert und die Armee das tun lässt, was sie will. In Frankreich weiß man nicht, was man von den Soldaten halten soll, man wagt nicht einmal ein Possessivpronomen auf sie anzuwenden, das den Schluss zuließe, sie seien die Unsrigen: Man ignoriert sie, fürchtet sie und macht sich über sie lustig. Man fragt sich, warum sie diesen schmutzigen Beruf ausüben, der sie mit Blut und Tod konfrontiert; man vermutet Verschwörungen, ungesunde Gefühlsregungen, schwere geistige Beschränkungen. Man zieht es vor, dass die Soldaten ein wenig abseits sind, unter ihresgleichen in abgeriegelten Stützpunkten in Südfrankreich oder im Einsatz irgendwo auf der Welt, um die Überreste des großen französischen Kolonialreichs zu überwachen, oder dass sie in weißen Uniformen mit Goldlitzen auf blitzsauberen, in der Sonne glänzenden großen Schiffen vor ehemaligen Kolonien in Übersee auf und ab kreuzen, so wie sie es früher taten. Man zieht es vor, dass sie in der Ferne sind, unsichtbar, und dass sie uns nichts angehen. Man zieht es vor, dass sie ihre Brutalität woanders ausüben, in weit entfernten Landstrichen, deren Bewohner so wenig Ähnlichkeit mit uns aufweisen, dass man sie kaum noch als Menschen bezeichnen kann.

Das war alles, was ich von der Armee hielt, mit anderen Worten, nichts; ich vertrat dieselbe Ansicht wie jene, wie all jene, die ich kannte; bis zu einem Vormittag im Jahr 1991, an dem ich nur die Nase und die Augen unter der Steppdecke hervorlugen ließ, um fernzusehen. Meine Freundin, die sich an mich geschmiegt hatte, streichelte mir sanft den Bauch, und wir sahen uns auf dem Bildschirm am Fußende des Betts den Beginn des dritten Weltkriegs an.

Wir lehnten uns aus unserem Bildschirmfenster und sahen uns die belebte Straße der Welt an. Wir sahen sie uns an mit der trägen Zufriedenheit, die dem Orgasmus folgt und die es erlaubt, sich was auch immer anzusehen, ohne an etwas Böses oder überhaupt irgendetwas zu denken, die es sogar erlaubt, sich leicht lächelnd mehrere Fernsehsendungen nacheinander anzusehen. Was soll man schon nach einer Orgie tun? Fernsehen. Sich die Nachrichten ansehen in dem faszinierenden Gerät, das Zeit aus Polystyrol produziert, federleicht und von schlechter Qualität, eine synthetische Zeit, die so gut wie es eben geht das ausfüllt, was von der Zeit noch übrig geblieben ist.

Während der Vorbereitungen zum Golfkrieg und in der Zeit danach, als er schließlich stattfand, sah ich seltsame Dinge; die ganze Welt sah seltsame Dinge. Ich sah sehr viel, denn ich verließ kaum unseren Kokon aus Hollofil, dieses herrliche Erzeugnis der Firma DuPont, eine Chemiefaser mit einfachem Kanal, mit der die Steppdecken gefüllt sind, sie sinken nicht ein und halten schön warm, viel besser als Daunen oder Wolldecken, eine neue Materie, die es endlich erlaubt – ein echter technischer Fortschritt –, lange im Bett zu bleiben und nicht aus dem Haus zu gehen; denn es war Winter, meine berufliche Unverantwortlichkeit hatte ihren Höhepunkt erreicht und ich tat nichts anderes als neben meiner Freundin im Bett zu bleiben, fernzusehen und darauf zu warten, dass unsere Lust wiederkam. Wir wechselten den Bezug der Steppdecke, wenn der Stoff von unserem Schweiß schmierig und von den getrockneten Samenflecken – ich spritzte ziemlich viel Sperma aus, frei nach der Devise: »immer munter drauflos« – rau geworden war.

Ich sah, aus meinem Kathodenfenster gelehnt, Israelis, die mit einer Gasmaske auf dem Gesicht einem Konzert lauschten, nur der Geiger trug keine und spielte weiter; ich sah den Bombenregen über Bagdad, das märchenhafte grüne Feuerwerk und erfuhr dabei, dass sich moderne Kriege im Bildschirmlicht abspielen; ich sah, wie die grauen, undeutlichen Umrisse von Gebäuden zitternd näher kamen, ehe sie explodierten und von innen mit allen Menschen, die sich darin befanden, zerstört wurden; ich sah, wie große B52 mit Albatrosflügeln in der Wüste Arizona aus ihrer Schutzverkleidung gepellt wurden, wieder zum Einsatz kamen und mit schweren Bomben ausgerüstet wurden, speziellen Bomben je nach Verwendungszweck; ich sah, wie in Mesopotamien Raketen knapp über den öden Boden flogen und mit einem durch den Doppler-Effekt veränderten, lang anhaltenden Pfeifen selbst ihr Ziel suchten. Ich sah all das, ohne die Druckwelle zu spüren, nur im Fernsehen, wie in einem nicht besonders gelungenen Spielfilm. Aber die Bilder, die mich zu Beginn des Jahres 1991 am meisten verdutzt haben, waren so banal, dass sich vermutlich niemand mehr an sie erinnert, und doch bewirkten sie, dass für mich das Jahr 1991 zum letzten Jahr des 20. Jahrhunderts wurde. Ich sah in den Fernsehnachrichten den Aufbruch des Spahi-Regiments aus Valence in die Golfregion.

Die jungen Männer waren alle unter dreißig, und ihre jungen Frauen begleiteten sie durch die Stadt. Die Frauen küssten sie vor den Fernsehkameras, hatten kleine Kinder im Arm, von denen die meisten noch zu klein waren, um sprechen zu können. Die jungen, muskulösen Männer und diese hübschen jungen Frauen umarmten einander zärtlich, und dann stiegen die Soldaten des Spahi-Regiments aus Valence in ihre sandfarbenen LKWs, ihre Transportpanzer oder ihre Panzerspähwagen. Damals wusste man nicht, wie viele von ihnen zurückkommen würden, man wusste noch nicht, dass dieser Krieg so gut wie keine Opfer auf Seiten der westlichen Koalition fordern würde, sondern nahezu alle auf Seiten der namenlosen Menschen, die in heißen Ländern leben, so wie die Auswirkung von Schadstoffen, die Desertifikation oder die Rückzahlung der Staatsschulden auf deren Kosten geht; und in diesem Moment wurde in der Stimme des Kommentators ein melancholischer Unterton spürbar, wir bedauerten alle gemeinsam den Aufbruch unserer jungen Soldaten zu einem Krieg in weiter Ferne. Ich war völlig verblüfft.

Es waren banale Bilder, wie man sie aus dem amerikanischen oder englischen Fernsehen schon seit vielen Jahren kannte, aber in Frankreich geschah es 1991 zum ersten Mal, dass man Soldaten sah, die ihre Frauen und ihre kleinen Kinder an sich drückten, bevor sie zu einem Kriegsschauplatz aufbrachen; zum ersten Mal seit 1914 wurden französische Soldaten als Männer gezeigt, an deren Leid man Anteil haben konnte und die uns fehlen könnten.

Plötzlich tat sich etwas in der Welt, ich zuckte zusammen.

Ich richtete mich auf, schob den Körper unter der Steppdecke hervor. Nicht nur Augen und Nase, sondern Mund, Schultern und Oberkörper. Ich musste mich hinsetzen, musste mir das genauer ansehen, denn ich wurde zum ersten Mal in einer Fernsehsendung Zeuge einer zwar völlig unverständlichen, aber für alle sichtbaren öffentlichen Versöhnung. Ich zog die Beine an, umschlang sie mit den Armen, legte das Kinn auf die Knie und sah mir diese alles verändernde Szene an: den Aufbruch des Spahi-Regiments aus Valence in die Golfregion; manche Soldaten wischten sich eine Träne ab, ehe sie in ihren sandfarbenen LKW stiegen.

Anfang 1991 ereignete sich nichts: der Golfkrieg war noch in der Vorbereitungsphase. Da die Fernsehsender über keinerlei Informationen verfügten, speisten sie uns mit leeren Sprüchen ab. Sie strahlten eine Flut von nichtssagenden Bildern aus. Experten wurden befragt, die sich in Vermutungen ergingen. Archivbilder wurden gezeigt, die wenigen Bilder, die es noch gab und die noch nicht von irgendeiner Instanz zensiert worden waren, und das endete immer mit statischen Kameraeinstellungen der Wüste, während der Kommentator Zahlen zitierte. Man erfand, sog sich etwas aus den Fingern. Wiederholte dieselben Einzelheiten, suchte nach neuen Blickwinkeln, um dieselbe Sache noch einmal zu zeigen, ohne den Zuschauer zu langweilen. Man schwafelte.

Ich verfolgte all das. Sah mir die Flut der Bilder an, ließ mich von ihr berieseln, verfolgte ihre Konturen; sie ergoss sich aufs Geratewohl, folgte aber immer dem Gefälle; zu Beginn des Jahres 1991 hatte ich für alles Zeit, ich klammerte das Leben aus, tat nichts anderes, als zu sehen und zu fühlen. Ich verbrachte den ganzen Tag im Bett und ließ mich nur vom Rhythmus meiner Lust und deren regelmäßiger Befriedigung leiten. Wahrscheinlich erinnert sich niemand mehr an den Aufbruch des Spahi-Regiments aus Valence in die Golfregion, bis auf die Soldaten, die in den Krieg zogen, und ich, der das alles im Fernsehen verfolgte, denn im Frühjahr 1991 geschah nichts. Die Kommentatoren bemühten sich, die Leere mit nichtssagenden Worten zu füllen, und ansonsten wartete man; es geschah nichts, bis auf eins: Die Armee wurde wieder in die Gesellschaft integriert.

Man kann sich fragen, wo sie denn die ganze Zeit gewesen war.

Meine Freundin wunderte sich über mein plötzlich erwachtes Interesse für einen Krieg, der auf sich warten ließ. Bisher hatte ich meist eine leichte Langeweile, einen ironischen Abstand und eine Vorliebe für geistige Höhenflüge vorgetäuscht, die ich verlässlicher, erholsamer und sehr viel amüsanter fand als die erdrückende Last der Realität. Sie fragte mich, was ich mir da ansähe.

»Ich hätte gern so einen großen Brummer gefahren«, sagte ich. »Einen von diesen sandfarbenen LKWs mit Profilreifen.«

»Aber das ist doch was für kleine Jungen, und du bist kein kleiner Junge mehr. Ganz und gar nicht mehr«, fügte sie hinzu und legte mir dabei die Hand auf jenes schöne Organ, das ein Eigenleben führt, ein eigenes Herz und somit seine eigenen Gefühle, Gedanken und Bewegungen hat.

Ich erwiderte nichts, denn ich war mir nicht sicher, und schmiegte mich wieder an sie. Wir waren offiziell krank und vom Schnee blockiert, und derart abgesichert hatten wir den ganzen Tag, die kommende Nacht und den folgenden Tag für uns; bis uns der Atem ausging und die Körper erschöpft waren.

In jenem Jahr blieb ich auf fast krankhafte Weise der Arbeit fern. Ich dachte Tag und Nacht nur über die Möglichkeiten nach, mich abzuseilen, eine ruhige Kugel zu schieben, zu faulenzen und mich an ein schattiges Plätzchen zu verziehen, während die anderen sozusagen im Gleichschritt marschierten. Ich zerstörte in wenigen Monaten allen gesellschaftlichen Ehrgeiz, alles Berufsethos, alles Standesbewusstsein, das ich je besessen haben mochte. Schon im Herbst hatte ich die Kälte und die Feuchtigkeit ausgenutzt, die als Naturphänomene nicht hinterfragt werden können: Ein Kratzen in der Kehle genügte, um mich krankschreiben zu lassen. Ich blieb der Arbeit fern, vernachlässigte meine Angelegenheiten und besuchte nicht immer meine Freundin.

Was ich tat? Ich ging durch die Stadt, setzte mich in ein Café, las in der öffentlichen Bibliothek wissenschaftliche oder historische Werke, kurz gesagt, ich tat alles, was ein alleinstehender Mann, der nicht unbedingt nach Hause gehen will, in einer Stadt tun kann. Und meistens tat ich nichts.

Ich habe keine Erinnerungen an jenen Winter, nichts Konkretes, nichts, was sich erzählen ließe, aber wenn ich im Radio den Jingle von France Info höre, der die Kurznachrichten ankündigt, werde ich derart melancholisch, dass mir klar wird, dass ich wohl nur das eine getan habe: auf die Nachrichten aus aller Welt zu warten, alle Viertelstunde, wie die Schläge einer großen Uhr, der Uhr meines Herzens, das damals sehr langsam schlug, der Uhr der Welt, mit der es eindeutig abwärts ging.

Es gab einen Personalwechsel in meiner Firma. Mein Vorgesetzter hatte immer nur ein Ziel gehabt: abzuhauen, und schließlich hat er es geschafft. Er fand etwas Neues, überließ seine Stelle jemand anderem, der die Absicht hatte, zu bleiben und daher Ordnung schaffte.

Die zweifelhafte Kompetenz meines ehemaligen Vorgesetzten und sein Wunsch, sich abzusetzen, hatten mich geschützt; der Ehrgeiz seines Nachfolgers und sein Einsatz von Spitzentechnologie wurden mir zum Verhängnis. Der Schuft, der weggegangen war, hatte, ohne mir etwas davon zu sagen, alle Einzelheiten über mein Fehlen festgehalten. Auf Karteikarten hatte er Anwesenheit, Verspätung und Arbeitsleistung notiert; alles, was messbar war, hatte er aufgeschrieben. Das hatte ihn, während er davon träumte, sich abzusetzen, beschäftigt gehalten, aber er hatte kein Wort darüber verlauten lassen. Dieser Zwangsneurotiker ließ die Kartei in seinem Büro zurück; sein ehrgeiziger Nachfolger hatte eine spezielle Ausbildung absolviert, wie man Betriebskosten einspart. Jede Information war dabei hilfreich; er nahm das Archiv unter die Lupe und entließ mich.

Das Programm Evaluaxe stellte meine Leistungsfähigkeit im Rahmen der Firma in einem Diagramm grafisch dar. Die meisten Kurven stagnierten knapp über der x-Achse. Eine rote Kurve dagegen verlief seit den Vorbereitungen zum Golfkrieg in gezackter Linie nach oben und blieb dort. Weiter unten zeigte eine ebenfalls rote gepunktete horizontale Linie die Norm an.

Der Mann tippte mit einem sorgfältig angespitzten Bleistift mit Radiergummi, den er nie zum Schreiben benutzte, auf den Bildschirm, um auf gewisse Einzelheiten hinzuweisen. Meine mit einem Kugelschreiber gefälschten ärztlichen Atteste waren solchen Hilfsmitteln wie einer sorgfältig geführten Kartei und einem Grafikprogramm zur Erzeugung unbestreitbarer Kurven nicht gewachsen. Meine Leistungsfähigkeit war ganz offensichtlich sehr schwach.

»Sehen Sie sich den Bildschirm an. Ich müsste Sie eigentlich wegen Fehlverhaltens feuern.«

Er tippte weiterhin mit dem Radiergummi auf das Diagramm, was sich anhörte als würde ein Gummiball auf und ab hüpfen, und schien nachzudenken.

»Aber vielleicht gibt es ja noch eine andere Lösung.«

Ich hielt den Atem an. Die Niedergeschlagenheit wich der Hoffnung; auch wenn es einem eher gleichgültig ist, lässt man sich nicht gern hinauswerfen.

»Wegen des Krieges geht es mit der Konjunktur abwärts. Daher müssen wir einen Teil unserer Belegschaft entlassen, und das tun wir ordnungsgemäß nach geltendem Arbeitsrecht. Sie sind bei der nächsten Welle dabei.«

Ich nickte. Was sollte ich darauf schon erwidern? Ich betrachtete die Zahlen auf dem Bildschirm. Die in ein Diagramm verwandelten Zahlen verdeutlichten gut, was verdeutlicht werden sollte. Ich sah meine wirtschaftliche Leistung, unbestreitbar. Zahlen brauchen keine Sprache, sie sprechen für sich selbst; Zahlen nehmen einem den Atem, sodass man in der dünnen Luft mathematischer Sphären mit offenem Mund nach Sauerstoff ringt. Ich stimmte ihm einsilbig zu, war glücklich darüber, dass er mich ordnungsgemäß und nicht wie einen Betrüger entließ. Er lächelte und machte dabei so etwas wie eine entschuldigende Handbewegung, als wolle er sagen: »Ach, das ist doch selbstverständlich … Ich weiß nicht, warum ich das tue. Aber verschwinden Sie jetzt, ehe ich mich anders besinne.«

Ich verließ rückwärts den Raum und ging. Später erfuhr ich, dass er bei all denen, die er entließ, die gleiche Schau abzog. Er schlug jedem vor, großzügig über dessen Fehler hinwegzusehen, wenn er bereit sei, seiner Entlassung zuzustimmen. Anstatt zu protestieren, dankte ihm jeder. Noch nie ist eine Massenentlassung so glatt über die Bühne gegangen: Ein Drittel der Belegschaft stand auf, bedankte sich und ging; das war alles.

Man führte diese Maßnahme auf den Krieg zurück, denn Kriege haben bittere Folgen. Man kann nichts dafür, der Krieg ist schuld. Man kann die Wirklichkeit nicht abwenden.

Noch am selben Abend packte ich meine Sachen in Kartons, die ich mir aus dem Supermarkt geholt hatte, und beschloss, dorthin zurückzukehren, wo ich hergekommen war. Mein Leben war beschissen, und daher kam es nicht darauf an, wo ich sein würde. Ich hätte gern ein anderes Leben geführt, aber ich bin der Erzähler. Und der Erzähler kann nicht alles tun: er muss in erster Linie erzählen. Wenn ich, außer zu erzählen, auch noch leben müsste, käme ich nicht zurande. Warum schreiben so viele Schriftsteller über ihre Kindheit? Weil sie kein anderes Leben gehabt haben: die übrige Zeit haben sie damit verbracht, zu schreiben. Die Kindheit war die einzige Zeit, in der sie gelebt haben, ohne an etwas anderes zu denken. Seither schreiben sie, und das nimmt ihre ganze Zeit in Anspruch, denn Schreiben erfordert Zeit so wie Stickerei einen Faden erfordert. Und man hat nun mal nur einen Faden.

Mein Leben ist beschissen und ich erzähle; eigentlich würde ich lieber etwas abbilden, aber dazu müsste ich zeichnen können. Ich wünschte mir, dass meine Hand eine Bewegung vollführte und dass das ausreichte, um etwas abzubilden. Aber Zeichnen erfordert Geschick und das Erlernen einer Technik, während Erzählen eine menschliche Funktion ist: Man braucht nur den Mund zu öffnen und den Atem herauszulassen. Atmen muss ich ja sowieso, und reden läuft auf das Gleiche hinaus. Und daher erzähle ich, auch wenn die Wirklichkeit immer entwischt. Ein Kerker aus Atem ist eben nicht sehr solide gebaut.

Dort oben in Nordfrankreich hatte ich die schönen Augen meiner Freundin bewundert, mit der ich mich so gut verstand, und ich hatte versucht, diese Augen zu beschreiben. »Be-Schreiben« ist ein Wort, das gut zum Erzählen passt, aber auch gut zu meiner Inkompetenz als Zeichner: Ich zeichnete sie, und das Ergebnis war eine Kritzelei. Ich bat sie, mir mit offenen Augen Modell zu sitzen und mich anzusehen, während meine Buntstifte über das Papier glitten, aber sie wandte den Blick ab. Ihre schönen Augen wurden feucht, und sie weinte. Sie verdiene es nicht, dass ich sie ansehe, sagte sie, und erst recht nicht, dass ich sie male oder zeichne oder abbilde, sie erzählte mir von ihrer Schwester, die viel schöner sei als sie, mit herrlichen Augen und traumhaftem Busen, eine Frau, wie man sie früher in Holz geschnitzt auf dem Bug von Segelschiffen sah, sie dagegen … Dann musste ich meine Buntstifte aus der Hand legen, sie in den Arm nehmen, ihre Brüste sanft streicheln und sie beruhigen, indem ich ihre Tränen trocknete und ihr sagte, was ich alles empfand, wenn ich sie sah, sie in meiner Nähe hatte, sie in den Armen hielt. Die auf meiner unvollendeten Zeichnung liegenden Buntstifte bewegten sich nicht mehr, und ich erzählte, erzählte, dabei hätte ich sie so gern abgebildet, ich drang immer tiefer in das Labyrinth der Erzählung ein, dabei hätte ich lieber ganz einfach gezeigt, wie es war, doch ich war wieder einmal dazu verdammt, mich der Erzählung zu widmen, um Trost zu spenden. Es gelang mir nie, ihre Augen zu zeichnen. Aber ich erinnere mich an meinen Wunsch, es zu tun, einen Wunsch nach Zeichenpapier.

Mein beschissenes Leben konnte durchaus einen Ortswechsel vertragen. Da ich ungebunden war, gehorchte ich der Macht der Gewohnheit, gehorchte ihr wie der Schwerkraft. Die mir bekannte Rhône gefiel mir schließlich besser als die mir unbekannte Schelde; schließlich, das heißt, zum Schluss, am Schluss. Ich ging nach Lyon zurück, um Schluss zu machen.

Das Unternehmen Wüstensturm hatte mich vor die Tür gesetzt. Ich war ein Kollateral-Opfer der Explosion, die man nicht sah, deren Echo wir aber in den nichtssagenden Fernsehbildern empfingen. Ich war so wenig ans Leben gebunden, dass mich ein Seufzen in weiter Ferne von ihm losreißen konnte. Die eisernen Schmetterlinge der US Air Force schlugen mit den Flügeln, und das löste am anderen Ende der Erde einen Wirbelsturm in meiner Seele aus, es machte Klick und ich kehrte dahin zurück, wo ich herkam. Dieser Krieg war das letzte Ereignis meines vorherigen Lebens; dieser Krieg bedeutete das Ende des 20. Jahrhunderts, in dem ich groß geworden war. Der Golfkrieg entstellte die Wirklichkeit, und die Wirklichkeit gab erstaunlicherweise nach.

Der Krieg fand statt. Aber was heißt das schon? Für uns hätte er eine Erfindung sein können, wir verfolgten ihn am Bildschirm. Und doch veränderte er die Wirklichkeit in manchen dieser wenig bekannten Regionen; er wirkte sich auf die Wirtschaft aus, er verursachte meine Entlassung und war der Grund für meine Rückkehr zu etwas, vor dem ich geflohen war; und die Soldaten fanden nach ihrer Rückkehr aus diesen warmen Ländern, wie es hieß, nie ihre ganze Seele wieder: Sie litten an rätselhaften Krankheiten, Beklemmungen, Schlaflosigkeit und starben an innerer Zersetzung der Leber, der Lungen, der Haut.

Es lohnte sich wirklich, sich für diesen Krieg zu interessieren.

Der Krieg fand statt, aber man erfuhr nicht viel darüber. Das war wohl besser so. Die Einzelheiten, die man erfuhr, lassen, wenn man sie zusammenfügt, eine Wirklichkeit entstehen, die man besser unter Verschluss halten sollte. Der Wüstensturm fand statt, und der leichte Schmalspießer hoppelte hinterher. Die Iraker wurden unter einer nur schwer vorstellbaren Bombenmenge begraben, es wurden mehr als jemals sonst abgeworfen, jeder Iraker konnte seine eigene haben. Manche dieser Bomben durchschlugen Mauern und explodierten dahinter, andere zerstörten nacheinander die verschiedenen Stockwerke eines Wohnhauses, ehe sie im Keller zwischen den Menschen explodierten, die dort Schutz gesucht hatten, andere verschleuderten Grafitpartikel, um einen Kurzschluss auszulösen und die elektrischen Anlagen zu zerstören, andere vernichteten den gesamten Sauerstoff in einem riesigen Umkreis, wieder andere suchten sich selbst ihr Ziel wie witternde Hunde, die mit gesenkter Nase losrennen, ihre Beute erhaschen und explodieren, sobald sie sie berührt haben. Anschließend wurden Iraker, die in Massen aus Unterständen strömten, mit Maschinengewehren beschossen, vielleicht griffen sie an, vielleicht ergaben sie sich, man weiß es nicht, denn sie starben alle, niemand überlebte. Sie hatten erst seit dem Vortag Munition, denn die misstrauische Baath-Partei, die alle kompetenten Offiziere beseitigt hatte, gab ihren Truppen aus Furcht, sie könnten revoltieren, keine Munition. Diese zerlumpten Soldaten hätte man genauso gut mit Holzgewehren bewaffnen können. Die Soldaten, die nicht schnell genug ins Freie kamen, wurden in ihren Unterständen von Planierraupen begraben, die in einer Reihe vorrückten und die Schützengräben mit allem, was darin war, mit Erde zuschütteten. Dieser seltsame Krieg, der einer Abbruchstelle glich, dauerte nur ein paar Tage. Die sowjetischen Panzer der Iraker machten den Versuch, eine Großoffensive auf flachem Gelände zu beginnen wie in der Schlacht bei Kursk, aber sie wurden bei einem einzigen Luftangriff von Propellermaschinen zerstört. Die langsamen Bomber durchsiebten die Panzer mit Munition aus abgereichertem Uran, einem neuen kriegsgrünen Metall, das schwerer ist als Blei und daher beim Auftreffen auf Stahl eine hohe Durchschlagskraft besitzt. Die Panzer wurden an Ort und Stelle gelassen, und niemand warf einen Blick ins Innere der noch rauchenden Wracks, nachdem die todbringenden schwarzen Vögel wieder verschwunden waren; womit mochte das wohl Ähnlichkeit haben? Mit ins Feuer geworfenen, aufgeschlitzten Raviolidosen? Es gibt keine Bilder davon, die Panzerwracks blieben in der Wüste, mehrere Hundert Kilometer von allem entfernt.

Die irakische Armee löste sich auf, die viertgrößte Armee der Welt wich in wildem Durcheinander auf der Autobahn nördlich von Kuwait-Stadt zurück, eine bunt gemischte Kolonne von mehreren Tausend Fahrzeugen, mit Kriegsbeute überladene Lastwagen, Zivilfahrzeuge und Busse, die sich im Schritttempo, Stoßstange an Stoßstange, voran bewegten. Diese Fahrzeugkolonne auf der Flucht wurde von, ich glaube, in geringer Höhe fliegenden Hubschraubern, oder waren es Flugzeuge, mit einer Reihe von »intelligenten« Bomben in Brand gesetzt, die ihre Aufgabe mit bemerkenswert hohem Mangel an Unterscheidungsvermögen erfüllten. Alles verbrannte, das Kriegsgerät, die zivilen Fahrzeuge, die Menschen und die Beute, die sie in der Erdölmetropole gestohlen hatten. Alles verschmolz zu einem Fluss aus Gummi, Metall, Fleisch und Plastik. Danach ging der Krieg zu Ende. Die sandfarbenen Panzer der Koalition machten mitten in der Wüste halt, stellten den Motor ab, und es herrschte Stille. Der Himmel war schwarz und der fettige Ruß der brennenden Ölquellen rieselte nieder, überall schwebte der ekelhafte Geruch von verbranntem Gummi vermischt mit dem von verbranntem Menschenfleisch.

Der Golfkrieg hat nicht stattgefunden, wurde geschrieben, um anzudeuten, wie wenig er in unseren Köpfen präsent war. Für all die, die in diesem Krieg gestorben sind und deren Namen und Anzahl man nie erfahren wird, wäre es besser gewesen, wenn er tatsächlich nicht stattgefunden hätte. Im Verlauf dieses Kriegs wurden die Iraker gleichsam mit einem Schlag mit dem Pantoffel zerschmettert wie störende Ameisen, die einen beim Mittagsschlaf in den Rücken stechen. Die Toten auf Seiten der westlichen Koalition waren nicht sehr zahlreich, man kennt ihre Namen und die Umstände, die zu ihrem Tod geführt haben, in den meisten Fällen handelte es sich um einen Unfall oder um irrtümlichen Beschuss. Die Anzahl der irakischen Todesopfer wird man nie erfahren, und auch nicht, wie die einzelnen Menschen gestorben sind. Wie sollte man das schon erfahren? Es ist ein armes Land, sie haben dort kein Anrecht auf einen persönlichen Tod, sie wurden in Massen getötet. Sie sind gemeinsam verbrannt, zu einem Block verschmolzen wie bei einer Abrechnung von Mafiosi, wurden in ihren Schützengräben im Sand zermalmt, mit dem pulverisierten Beton ihrer Bunker vermischt, im geschmolzenen Eisen ihrer verbrannten Fahrzeuge oder Panzer verkohlt. Sie sind massenweise gestorben, es blieb nichts von ihnen übrig. Ihre Namen sind nicht überliefert. Dieser Krieg bringt Tod so wie Wolken Regen bringen; gemeint damit ist ein Zustand der Dinge, ein natürlicher Prozess, der sich ohne unser Zutun abspielt; und dieser Prozess tötet auch, denn kein Akteur dieses Gemetzels sah, wen er getötet oder wie er jemanden getötet hatte. Die Leichen befanden sich in der Ferne, ganz am Ende der Flugbahn von Marschflugkörpern, tief unter den Flügeln der sich schon wieder auf dem Rückflug befindlichen Flugzeuge. Es war ein sauberer Krieg, der keine Blutflecke auf den Händen der Mörder zurückließ. Es gab keine wirklichen Gräueltaten, nur das von Forschung und Industrie perfektionierte große Unglück des Krieges.

Man könnte die Sache als unverständlich, als unbegreifbar abtun; man könnte Worte sagen lassen wie: Dieser Krieg ist wie ein Platzregen, das Schicksal hat es so gewollt. Die Erzählung ist ohnmächtig, dieser Krieg lässt sich nicht erzählen, die sonst übliche Darstellung hat sich in diesem Fall nur auf Anspielungen und ungeschickte Rekonstruktionen beschränkt. Was 1991 geschehen ist, was in jenem Jahr mehrere Monate lang das Fernsehen beherrschte, ist ohne Substanz. Und dennoch ist etwas geschehen. Man kann es nicht mit den herkömmlichen Mitteln der Berichterstattung wiedergeben, aber man kann es in Zahlen und mit Namen ausdrücken. Das habe ich später im Kino begriffen. Denn ich liebe Kinofilme.

Ich habe mich seit jeher für Kriegsfilme interessiert. Ich mag es, im Dunkeln zu sitzen und mir Hubschrauberfilme anzusehen, mit dem Lärm der Bordkanonen und dem Sieben der Maschinengewehre. Das ist futuristisch, schön wie die Werke von Marinetti, das erregt den kleinen Jungen, der ich noch immer bin, den Kleinen, den Jungen: Peng! Peng! Piff, paff! Das ist schön wie Art brut, schön wie die dynamokinetischen Werke der 20er Jahre, aber zusätzlich hat man noch einen mächtigen Ton, der die Bilder unterstreicht und den Zuschauer mitreißt, ihn in den Sessel presst. Ich liebte Kriegsfilme, aber bei jenem, den ich viele Jahre später sah, lief es mir, wegen der Namen, wegen der Zahlen, eiskalt den Rücken hinunter.

Ach, wie gut der Film die Dinge zum Ausdruck bringt! Sehen Sie doch nur! Sehen Sie doch nur, wie ein zweistündiger Film viel mehr zeigt als das Fernsehen in ganzen Tagen. Bild gegen Bild: die Kinobilder strafen die Bilderflut des Fernsehens Lügen. Der auf die Wand projizierte feste Bildausschnitt, dem offenen Auge eines Schlaflosen im nächtlichen Schlafzimmer vergleichbar, erlaubt der Wirklichkeit aufgrund der Langsamkeit, des prüfenden Blickes und der gnadenlosen Unbeweglichkeit endlich zutage zu treten. Sehen Sie doch nur! Ich drehe mich zur Wand und sehe sie, meine Königinnen, sagte jener, der das Schreiben aufgab und immer die sexuellen Praktiken eines Heranwachsenden gepflegt hatte. Er hätte bestimmt den Film geliebt.

Man sitzt in gepolsterten Sesseln, deren Rückenlehne wie eine Schale geformt ist, über den Nacken hinausgeht und verbirgt, was man tut oder mit seinen Gesten verrät, das Licht wird schwächer. Durch das Fenster, das sich vorn öffnet – manchmal öffnet sich noch ein Vorhang, ehe der Film vorgeführt wird –, durch dieses Fenster sieht man die Welt. Und langsam lasse ich im Dunkeln meine Hand ganz sanft in die Spalte der Freundin gleiten, die mich begleitet, und auf der Leinwand sehe ich und begreife endlich.

Ich weiß nicht mehr den Namen jener, die mich damals begleitet hat. Es ist seltsam, wie wenig man sich merkt, mit wem man schläft. Aber ich habe ein schlechtes Namensgedächtnis, und meistens schließen wir beim Liebesakt die Augen. Ich zumindest; ich erinnere mich nicht mehr an ihren Namen. Ich bedaure es. Ich könnte mich zwingen oder einen Namen erfinden. Niemand würde das merken. Ich würde einen banalen Namen nehmen, um überzeugend zu wirken, oder einen seltenen Namen, um ihn wie ein Schmuckstück zu tragen. Ich zögere. Aber einen Namen zu erfinden, würde nichts ändern; das würde nichts an dem abgrundtiefen Entsetzen über das Fehlen ändern, und über das fehlende Vermissen. Denn das Allerschlimmste, das Grausamste ist das Nicht-Vermissen von jemandem.

Dieser auch als DVD existierende Kinofilm, den praktisch jeder gesehen hat und der mich so erschreckte, dieser Film eines bekannten Regisseurs spielt in Somalia, mit andern Worten, nirgendwo. Eine amerikanische Spezialeinheit soll in Mogadischu einen Mann festnehmen und kidnappen. Doch die Somalier leisten Widerstand. Es wird auf die Amerikaner geschossen, und sie schießen zurück. Es gibt zahlreiche Tote, unter ihnen viele Amerikaner. Jeder amerikanische Tote wird vor, während und nach seinem Ableben gezeigt, er stirbt langsam. Die Amerikaner sterben einzeln, jedem wird im Film etwas Zeit zum Sterben gewidmet. Die Somalier dagegen sterben wie beim Tontaubenschießen, in Massen, man zählt sie nicht. Als sich die Amerikaner zurückziehen, fehlt einer von ihnen, er ist in Gefangenschaft geraten, daraufhin überfliegt ein Hubschrauber Mogadischu und wiederholt über eine voll aufgedrehte Lautsprecheranlage immer wieder seinen Namen und dass man ihn nicht vergessen werde. Im Abspann wird erwähnt, dass es auf amerikanischer Seite neunzehn Tote gegeben habe, die alle namentlich aufgeführt werden, und dass auf Seiten der Somalier mindestens tausend Menschen getötet wurden. Dieser Film schockierte niemanden. Diese Diskrepanz schockierte niemanden. Dieser Mangel an Symmetrie schockierte niemanden. Aber das sind wir ja auch schon gewohnt. In unsymmetrischen Kriegen, den einzigen, an denen der Westen teilnimmt, ist das Größenverhältnis immer dasselbe: wenigstens eins zu zehn. Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit – das versteht sich von selbst, das ist immer so. Das wissen wir. In Kolonialkriegen zählt man nicht die Toten der Gegner, denn sie sind weder Tote noch Gegner: Sie sind ein Geländehindernis, das man überwindet, wie spitze Steine, Mangrovenwurzeln oder Mücken. Man zählt sie nicht, weil sie nicht zählen.

Nach der Vernichtung der viertgrößten Armee der Welt und den endlos wiederholten dummen Kommentaren der Journalisten waren wir derart erleichtert, fast all unsere Soldaten unversehrt heimkehren zu sehen, dass wir die Toten vergaßen, als habe der Krieg tatsächlich nicht stattgefunden. Die Toten unter den westlichen Soldaten waren Unfällen zum Opfer gefallen, man kannte ihre Namen und würde sich an sie erinnern; die anderen zählen nicht. Erst im Kino habe ich begriffen, dass die Vernichtung von Menschen mithilfe moderner Technik von einem unbemerkten Auslöschen ihrer Seelen begleitet wird. Wenn der Mord keine Spur hinterlässt, verschwindet auch der Mörder; und dann häufen sich Gespenster, die man nicht identifizieren kann.

An dieser Stelle, an genau dieser Stelle möchte ich einem Mann ein Denkmal setzen. Eine Bronzestatue zum Beispiel, denn Bronzestatuen sind robust, und man kann die Gesichtszüge gut erkennen. Sie sollte auf einem kleinen, nicht zu hohen Sockel stehen, damit sie zugänglich bleibt, und von einer Rasenfläche umgeben sein, auf der man sich hinsetzen darf. Sie sollte mitten auf einem belebten Platz errichtet werden, auf dem die Menschen sich begegnen und in alle Richtungen wieder auseinandergehen.

Diese Statue würde einen kleinen Mann ohne besondere körperliche Anmut verkörpern, der einen altmodischen Anzug und eine riesige Brille trägt, die sein Gesicht verunstaltet; er muss ein Blatt Papier und einen Kugelschreiber in der Hand halten, den Kugelschreiber jemandem hinhalten, damit er das Papier unterschreibt, wie bei einer Meinungsumfrage oder einer Unterschriftenaktion auf der Straße.

Er sieht nach nichts aus, sein Verdienst ist bescheiden, dennoch möchte ich Paul Teitgen ein Denkmal setzen.

Rein äußerlich hatte er nichts Beeindruckendes. Er war zierlich und kurzsichtig. Als er seine Stelle an der Präfektur von Algier antrat, als er gemeinsam mit anderen Beamten eintraf, um die Verwaltung der französischen Departements in Nordafrika neu zu gestalten, die lange Zeit vernachlässigt, die der Willkürherrschaft aus sowohl individueller wie rassistisch bedingter Gewalt ausgesetzt worden waren, als er also in Algier eintraf, taumelte er beim Verlassen des Flugzeugs wegen der Hitze. Trotz seines tropenfesten Anzugs, den er im Geschäft für Botschafter am Boulevard Saint-Germain gekauft hatte, war er im Handumdrehen schweißüberströmt. Er betupfte sich die Stirn mit einem großen Taschentuch, nahm die Brille ab, um den Beschlag zu entfernen, und sah nichts mehr; nur noch die gleißende Landebahn und ein paar Schatten, die dunklen Anzüge jener, die gekommen waren, um ihn zu empfangen. Er fragte sich zögernd, ob er sich nicht umdrehen und zurückfliegen solle, doch dann setzte er die Brille wieder auf und stieg die Gangway hinab. Sein Anzug klebte ihm im Rücken auf der Haut, und er ging, fast ohne etwas zu sehen, auf dem vor Hitze flirrenden Zementboden davon.

Er trat sein Amt an und erfüllte es weit über die Grenzen dessen hinaus, was er sich vorgestellt hatte.

1957 hatten die Fallschirmjäger in Algerien alle Macht. In Algier explodierten jeden Tag mehrere Bomben. Die Fallschirmjäger bekamen den Befehl, dem ein Ende zu setzen. Man sagte ihnen jedoch nicht, wie sie das tun sollten. Sie waren kurz zuvor aus Indochina heimgekehrt und verstanden daher, durch Wälder zu rennen, sich darin zu verstecken, zu kämpfen und auf jede erdenkliche Weise zu töten. Man beauftragte sie damit, dafür zu sorgen, dass keine Bomben mehr explodierten. Man ließ sie zu einer Parade durch die Straßen von Algier marschieren, wo ihnen die Europäer im Gewühle zujubelten.

Sie begannen, Menschen festzunehmen, fast ausschließlich Araber. Sie fragten die Männer, die sie festnahmen, ob sie Bomben herstellten; oder ob sie Leute kannten, die Bomben herstellten; oder aber, ob sie Leute kannten, die welche kannten und so fort. Wenn man unter Gewaltanwendung viele Menschen befragt, findet man schließlich welche. Man findet schließlich denjenigen, der die Bomben herstellt, wenn man alle Leute unter Gewaltanwendung befragt.

Um diesen Befehl auszuführen, den man ihnen gegeben hatte, ersannen sie eine Todesmaschine, einen Fleischwolf, durch den sie die Araber aus Algier drehten. Sie malten Zahlen auf die Häuser, legten für jeden Mann eine Karteikarte an, die sie an eine Wand hefteten; sie rekonstruierten die Verästelung des in der Kasbah verborgenen Baums. Sie verarbeiteten die Informationen. Was anschließend von dem Menschen blieb, ein blutbefleckter, zerknitterter Karton, ließen sie verschwinden, denn so etwas lässt man nicht herumliegen.

Paul Teitgen war Generalsekretär der Polizei in der Präfektur des französischen Departements Algier. Er war der zivile Beigeordnete des Generals der Fallschirmjäger. Er war sein stummer Schatten, man verlangte von ihm nur, dass er zustimmte. Oder nicht einmal seine Zustimmung: man verlangte gar nichts von ihm. Aber er verlangte etwas.

Und Paul Teitgen erwirkte – und dafür verdient er ein Denkmal –, dass die Fallschirmjäger gemeinsam mit ihm für jeden Mann, den sie festnahmen, ein Formular unterschrieben. Wie viele Kugelschreiber er wohl leergeschrieben hat! Er unterschrieb alle Formulare, die ihm die Fallschirmjäger vorlegten, ein dickes Bündel jeden Tag, er unterschrieb sie alle, und jedes bedeutete eine Festnahme, ein Verhör, eine Auslieferung an die Armee für diese Fragen, die immer die gleichen waren und immer unter solcher Gewaltanwendung gestellt wurden, dass nicht alle überlebten.

Er unterschrieb sie, behielt eine Kopie, und auf jeder stand ein Name. Ein Oberst kam zu ihm, um Rechenschaft abzulegen. Wenn er die Anzahl der Freigelassenen, der Inhaftierten und der Entkommenen genannt hatte, machte ihn Paul Teitgen auf die Differenz zwischen jenen Zahlen und denen der Namensliste aufmerksam, die er gleichzeitig konsultierte. »Und was ist mit denen?«, fragte er und nannte dabei eine Zahl oder Namen; und der Oberst, dem das nicht passte, erwiderte jeden Tag achselzuckend: »Ach die, die sind verschwunden, das ist alles.« Und damit beendete er das Gespräch.

Paul Teitgen zählte heimlich die Toten.

Am Ende wusste er, wie viele es waren. Von denen, die mit Gewalt zu Hause oder auf der Straße festgenommen und in einen Jeep gezerrt worden waren, der mit knirschenden Reifen anfuhr und an der nächsten Ecke einbog, oder in einen LKW mit Plane, von dem man nicht wusste, wohin er fuhr – in Wirklichkeit wusste man es nur zu gut –, von all denen, zwanzigtausend an der Zahl, von den hundertfünfzigtausend Arabern in Algier, von den siebzigtausend Bewohnern der Kasbah verschwanden 3024. Man behauptete, sie seien zu den anderen in die Berge geflüchtet. Manche von ihnen wurden als Leichen am Strand angeschwemmt, aufgedunsen, vom Salz angefressen und mit Verletzungen, die man auf Fische, Krebse oder Garnelen zurückführen konnte.

Für jeden einzelnen besaß Paul Teitgen einen von seiner Hand unterzeichneten Aktenbogen. Was ändert das schon, könnte man einwenden, was ändert das schon für die Verschwundenen, was ändert schon die Tatsache, dass es einen Wisch mit ihrem Namen gibt, da sie nicht mit dem Leben davongekommen sind, was ändert schon dieses Blatt Papier, auf dem man unter ihrem Namen die Unterschrift des zivilen Beigeordneten des Generals der Fallschirmjäger lesen kann, was ändert das schon für sie, da es auf ihr irdisches Schicksal keinerlei Einfluss gehabt hat? Das Kaddisch macht das Schicksal der Toten ebenfalls nicht ungeschehen: es bringt sie nicht zurück. Aber dieses Gebet ist so stark, dass es die, die es sprechen, besser macht, und den Toten in seinem Hinscheiden begleiten lässt. Die Wunde, die er bei den Lebenden hinterlässt, verheilt leichter, schmerzt nicht so sehr und nicht so lange.

Paul Teitgen zählte die Toten, er signierte kurze administrative Gebete, damit das Blutbad nicht ungesehen blieb und man anschließend wusste, wie viele Tote es gefordert hatte und wie sie hießen.

Dafür sei ihm Dank gesagt! Ohnmächtig, entsetzt überlebte er diese Zeit des allgemeinen Terrors, indem er die Toten zählte und ihre Namen festhielt. In dieser Zeit, in der man in einer kurz auflodernden Feuergarbe sein Leben lassen konnte, einer Zeit, in der die Gesichtszüge über das Schicksal eines Menschen entscheiden konnten, einer Zeit, in der die Fahrt in einem Jeep mit dem Tod enden konnte, einer Zeit, in der Lastwagen die noch lebenden Körper von Gefolterten beförderten, um sie in den Tod zu schicken, einer Zeit, in der man in der Nähe von Zéralda jene, die noch röchelten, mit dem Messer erledigte, einer Zeit, in der man Menschen ins Meer warf, als seien sie Unrat, in dieser Zeit also, tat er das Einzige, was in seiner Macht stand, denn die Umkehr hatte er schon am Tag seiner Ankunft verworfen. In diesem Orkan aus Feuer, messerscharfen Splittern, Schlägen, Ertränkungen im Keller und Stromfoltern vollzog er die einzige menschenwürdige Handlung: Er zählte die Toten, einen nach dem anderen, und bewahrte ihre Namen. Er deckte ihr Fehlen auf und zog den Oberst, der ihm Bericht erstattete, zur Rechenschaft. Und dieser erwiderte ihm verwirrt und gereizt, sie seien verschwunden. »Na gut, sie sind also verschwunden«, wiederholte Teitgen und notierte ihre Anzahl und ihre Namen.

Man klammert sich an Kleinigkeiten, aber in der Todesmaschinerie der Schlacht von Algier retteten jene, die die Ansicht vertraten, dass Menschen Menschen sind und Anrecht auf eine Zahl und einen Namen haben, die Seele derer, die das begriffen, und auch die Seele jener, um die sie sich sorgten. Nachdem die leidenden, verstümmelten Körper verschwunden waren, blieb ihre Seele zurück und wurde nicht zu einem Gespenst.

Heute verstehe ich den Sinn dieser Handlung, aber als ich das Unternehmen Desert Storm im Fernsehen verfolgte, wusste ich das noch nicht. Ich weiß es jetzt, weil ich es im Kino gelernt habe; und auch weil ich Victorien Salagnon kennengelernt habe. Von ihm, der mein Lehrmeister wurde, erfuhr ich, dass Tote, die gezählt und namentlich genannt werden, nicht verloren sind.

Victorien Salagnon klärte mich auf, die Begegnung mit ihm an einem Tiefpunkt meines Lebens klärte mich auf. Er zeigte mir das Zeichen, das die Geschichte geprägt hat, ein wenig bekanntes und dennoch sichtbares mathematisches Zeichen, das stets da ist, und zwar handelt es sich dabei um folgendes Größenverhältnis, folgende Proportion: zehn zu eins. Dieses Verhältnis ist das heimliche Zeichen der kolonialen Metzelei.

Ich kehrte nach Lyon zurück und mietete mir eine bescheidene Unterkunft. Ich richtete das möblierte Zimmer mit dem Inhalt meiner dürftigen Kartons ein. Ich lebte allein, und das störte mich nicht. Ich nahm mir nicht vor, jemanden kennenzulernen, wie man es oft tut, wenn man allein lebt: Ich suchte keine Seelenverwandtschaft. Daran liegt mir nichts, meine Seele braucht keine Schwester und auch keine Brüder, sie wird immer ein Einzelkind bleiben, und aus dieser Einsamkeit kann kein Band sie herausholen. Außerdem mochte ich gern Junggesellinnen in meinem Alter, die allein in einer kleinen Wohnung lebten und die, wenn ich kam, Kerzen anzündeten, sich aufs Sofa setzten und die Arme um die angezogenen Knie schlangen. Sie warteten darauf, dass ich sie aus dieser Stellung befreite, warteten darauf, dass ich ihre Arme löste, damit die Arme etwas anderes umschlingen konnten als ihre Beine, aber mit einer von ihnen zu leben, hätte die zittrige Magie der Flamme zerstört, die alleinlebende Frauen erhellt, und die Magie der um die Knie geschlungenen Arme, die sich schließlich für mich öffneten; wenn ihre Arme erst einmal geöffnet waren, zog ich es vor, nicht zu bleiben.

Zum Glück fehlte es mir an nichts. Das zweifelhafte Personalmanagement meiner ehemaligen Firma verbunden mit der ausgezeichneten Sozialhilfe meines Landes – was immer man darüber sagt und was immer aus ihr geworden ist – eröffnete mir die Perspektive von einem Jahr der Ruhe. Ich verfügte über ein Jahr. Zeit genug, um eine Menge Dinge zu tun. Ich tat nicht viel. Ich zögerte.

Als meine Einkünfte knapper wurden, trug ich Gratiszeitungen aus. Ich ging am frühen Morgen mit einer Wollmütze auf dem Kopf aus dem Haus, um die Anzeigenblätter in Briefkästen zu stecken. Ich trug gestrickte fingerlose Handschuhe, die ziemlich schäbig waren, sich aber sehr gut dafür eigneten, auf Knöpfe zu drücken und Papier zu fassen. Ich zog einen schweren Einkaufstrolley mit den Zeitungen hinter mir her, denn Papier ist sehr schwer, und ich musste mich dazu zwingen, jeweils nur ein Exemplar in die Briefkästen zu stecken. Schon auf den ersten hundert Metern war die Versuchung groß, alles auf einmal wegzuwerfen, anstatt zu verteilen. Ich hatte große Lust, die Mülltonnen damit zu füllen, unbenutzte Briefkästen vollzustopfen oder versehentlich zwei, fünf oder zehn Exemplare statt einem in jeden Kasten zu werfen; aber dann würde es Beschwerden geben, denn ein Kontrolleur überwachte mich, und ich würde diese Arbeit verlieren, die mir einen Cent pro ausgetragene Zeitung oder vierzig Cent pro Kilo einbrachte und meine Vormittage ausfüllte. Wenn ich in der Morgendämmerung durch die Stadt lief, ging mir eine Atemwolke voraus, während ich den schweren Rentner-Shopper hinter mir her zog. Ich bog in die kleinen Straßen ein, grüßte demütig und mit fliehendem Blick alle, denen ich begegnete, die rechtmäßigen, gut gekleideten, adretten Anwohner, die zur Arbeit gingen. Mit vom sozialen Kampf geschärftem Auge betrachteten sie abschätzend meinen Anorak, meine Wollmütze, meine fingerlosen Handschuhe, zögerten, ob sie eine Bemerkung machen sollten, gingen weiter und ließen mich gewähren; mit eingezogenen Schultern, kaum sichtbar, warf ich ein Exemplar in jeden Kasten und verschwand wieder. Ich durchlief meinen Sektor nach einem logischen Schema, deckte ihn gewissenhaft mit Reklamemüll ab, der schon am nächsten Tag im Abfalleimer landen würde, und am Ende meiner Tour machte ich immer in einem Bistro an dem Boulevard halt, der Lyon und Voracieux-les-Bredins trennt, und trank um die Mittagszeit ein paar Gläser Weißwein. Um dreizehn Uhr ging ich fort, um eine neue Ladung in Empfang zu nehmen. Man lieferte mir zu fester Stunde das Material für den folgenden Tag, ich musste pünktlich sein und durfte nicht trödeln.

Ich arbeitete nur morgens, denn anschließend sind alle Haustüren geschlossen. Niemand schließt sie: Die Türen beschließen selbst, wann sie öffnen und wann sie schließen. Sie sind mit einer Schaltuhr ausgerüstet, die die für den Briefträger, den Reinigungsdienst und die Lieferanten notwendige Zeit berechnet und anschließend, meistens gegen zwölf, die Haustür blockiert, sodass nur noch jene Zutritt haben, die einen Schlüssel oder den Code besitzen.

Morgens setzte ich also eine Wollmütze auf den Kopf und begann mein Schmarotzerdasein, ich zog den schweren Einkaufstrolley voller Papier hinter mir her und ging von Haus zu Haus, um den Leuten mein Reklame-Ei ins Nest zu legen, ehe sich die Haustüren schlossen. Der Gedanke, dass die Gegenstände selbst über eine so wichtige Handlung wie Schließen und Öffnen entscheiden, ist erbärmlich, aber niemand würde es sonst tun, da wir es vorziehen, unangenehme Arbeiten maschinell erledigen zu lassen, egal ob es sich um körperlich anstrengende oder moralisch unerquickliche Aufgaben handelt. Reklame hat etwas Schmarotzerhaftes, ich verschaffte mir Einlass in die Nester der Leute und deponierte ganz schnell meine Bündel mit fantastischen, schlecht kolorierten Angeboten, dann ging ich ins nächste Haus, ich wollte so viele Zeitungen wie möglich verteilen. Währenddessen zählten die Türen in aller Stille die noch verbleibende Zeit, bis sie sich schließen würden. Um zwölf Uhr setzte sich der Mechanismus in Gang, ich war draußen, konnte nichts mehr tun und schickte mich daher an, das Ende meines kurzen Arbeitstages, einen Feierabend zu ungewöhnlicher Zeit, mit ein paar Gläsern Weißwein an der Theke gebührend zu begießen.

Samstags ging ich schneller. Indem ich meinen Vorrat im Laufschritt verteilte und den Rest der Zeitungen in den Altpapiercontainer warf, sparte ich eine Stunde ein, die ich im selben Bistro am Ende meiner Tour verbrachte. Es kamen auch andere dorthin, die sich wie ich beruflich in einer prekären Situation oder schon im Ruhestand befanden. Wir versammelten uns in diesem Bistro am Stadtrand von Lyon, kurz vor Voracieux-les-Bredins, alles Leute, die am Ende waren oder es bald sein würden, und samstags waren wir dreimal so viel wie an den anderen Tagen. Ich trank meinen Wein mit den Stammgästen und konnte an jenem Tag etwas länger bleiben. Sehr bald nahm mich niemand mehr zur Kenntnis. Ich war jünger als sie und betrank mich sichtlich schneller, das brachte sie zum Lachen.

Zum ersten Mal begegnete ich Victorien Salagnon an einem Samstag in diesem Bistro, und zwar sah ich ihn durch die dicken gelben Kurzsichtigen-Linsen der Weißweingläser um die Mittagszeit, die die Realität verschwimmen, in größere Nähe rücken und sie endlich flüssig, aber nicht greifbar werden lassen, was mir zu jener Zeit durchaus genehm war.

Er saß etwas abseits an einem alten schmierigen Holztisch, wie man sie in Lyon kaum noch fand. Er bestellte sich einen Schoppen Weißwein, den er ganz langsam trank, und las eine Lokalzeitung, die er über den ganzen Tisch ausbreitete. Die Lokalzeitungen haben großformatige Seiten, und so aufgeschlagen nahmen sie den Platz von vier Personen ein, und daher setzte sich nie jemand zu ihm an den Tisch. Gegen Mittag verfügte er in dem überfüllten Bistro ungerührt über den einzigen freien Tisch im Schankraum, während sich die anderen Gäste um die Theke drängten, aber niemand versuchte ihn zu stören, das war so üblich, und er las weiter die unbedeutenden Nachrichten aus den umliegenden Ortschaften, ohne je den Kopf zu heben.

Eines Tages erfuhr ich im Vertrauen etwas, das das vielleicht ein wenig erklären konnte. Mein Thekennachbar beugte sich zu mir herüber, zeigte mit dem Finger auf Salagnon und sagte laut genug, damit alle es hören konnten: »Siehst du den Typen da mit der Zeitung, die den ganzen Tisch einnimmt? Das ist ein Veteran aus dem Indochinakrieg. Was der dort gemacht hat, das hältst du nicht aus!«

Und dabei zwinkerte er mir vielsagend zu, um anzudeuten, dass er eine ganze Menge über den Mann wisse. Dann richtete er sich wieder auf und kippte einen Schluck Weißwein hinunter.

Indochina! Das war ein Wort, das man überhaupt nicht mehr hörte, außer als Schimpfwort, mit dem man ehemalige Soldaten brandmarken konnte, das Land als solches gab es nicht mehr; der Name war im Museum gelandet, hinter Glas, es war fast anstößig, ihn auszusprechen. In meinem Wortschatz als Kind der Linken wurde dieses seltene Wort, wenn es mal genannt wurde, immer mit einem Unterton des Entsetzens oder der Verachtung ausgesprochen, wie alles, was sich auf die Kolonialzeit bezog. Man musste sich schon in einer alten Kneipe befinden, die bald dicht machen würde, unter Männern, die sich fragten, wer den Wettlauf gewinnen würde: ihr Krebs oder ihre Leberzirrhose. Man musste sich schon ganz am Rande der Welt in einer Kaschemme unter solchen abgewrackten Typen befinden, um dieses Wort noch einmal im Originalton zu hören.

Diese vertrauliche Bemerkung hatte etwas Theatralisches, daher musste ich im gleichen Ton darauf antworten. »Ach«, sagte ich, »Indochina! War das nicht ein bisschen so wie in Vietnam, oder? Nur eben auf die französische Tour, fast ohne Mittel und nach der Devise: Selbst ist der Mann! Und da wir keine Hubschrauber hatten, sprangen die Typen eben aus dem Flugzeug ab, und wenn sich der Fallschirm öffnete, gingen sie unten zu Fuß weiter.«

Der Mann hatte gehört, was ich gesagt hatte. Er hob den Kopf und rang sich ein Lächeln ab. Er blickte mich mit seinen kühlen blauen Augen an, deren Ausdruck ich nicht einzuschätzen vermochte, aber vielleicht blickte er mich ganz einfach nur an. »Das ist gar nicht so verkehrt; vor allem, was die dürftigen Mittel betraf«, sagte er und wandte sich wieder seiner Zeitung zu, deren große Seiten er nacheinander bis zur letzten umblätterte. Das allgemeine Interesse an ihm erlosch und richtete sich auf etwas anderes, denn an der Theke wechseln die Gesprächsthemen schnell. Das ist das Interessante am Aperitif mit Weißwein: der schnelle Wechsel, der Mangel an Ernst, die fehlende Trägheit, die allgemeine Hinnahme von physischen Eigenschaften, die nicht der realen Welt angehören, jener Welt, die auf uns lastet und uns in ihren Klauen hält. Durch die gelben Kelche der auf der Theke aufgereihten Gläser mit weißem Mâcon sahen wir eine uns nähere Welt, die unserem begrenzten Horizont besser entsprach. Sobald es Zeit wurde, ging ich fort und kehrte mit meinem leeren Shopper in mein möbliertes Zimmer zurück, um nach dem ausgiebigen Weißweingenuss des Vormittags meinen Rausch auszuschlafen. Dieser Job drohte verhängnisvolle Folgen für meine Leber zu haben, und bevor ich einschlief, nahm ich mir jedes Mal vor, mir bald etwas anderes zu suchen, aber ich schlief immer ein, ehe ich eine Idee hatte, was.

Der Blick dieses Mannes verfolgte mich. Er hatte die Farbe eines Gletschers und drückte weder Gefühl noch Tiefe aus. Aber es ging etwas Ruhiges von ihm aus, eine durchlässige Aufmerksamkeit, die seine ganze Umgebung auf sich zukommen ließ. Wenn man von diesem Mann beobachtet wurde, konnte man sich ihm nah fühlen, ohne dass irgendetwas zwischen ihm und einem selbst ein Hindernis bildete, das verhüten könnte, dass man gesehen wurde, oder das die Art verändern könnte, wie man gesehen wurde. Getäuscht von der seltsamen Farbe seiner Iris und ihrer Leere, die auf schwarzem Wasser treibendem Eis glich, machte ich mir vielleicht Illusionen, aber dieser Blick, der kurz auf mir geruht hatte, übte eine nachhaltige Wirkung auf mich aus, und in der darauf folgenden Woche träumte ich von Indochina, und der am frühen Morgen unterbrochene Traum verfolgte mich den ganzen Tag. Ich hatte nie zuvor an Indochina gedacht, aber auf einmal träumte ich auf eindeutige, aber völlig imaginäre Weise von diesem Land.

Ich träumte von einem riesigen Haus. Wir befanden uns im Inneren, aber wir kannten weder dessen Grenzen noch dessen Umgebung; ich wusste nicht, wer das »wir« war. Wir stiegen eine knarrende, breite Holztreppe hinauf, die in weiten Spiralen zu Treppenabsätzen führte, von denen von Türen gesäumte Flure abgingen. Wir liefen mit langsamen Schritten im Gänsemarsch hinauf und trugen schweres Marschgepäck. Ich erinnere mich nicht an Waffen, wohl aber an altmodische graubraune Rucksäcke aus Leinen mit Metallgestell und filzgefütterten Gurten. Wir trugen eine Militäruniform, stiegen diese endlose Treppe hinauf und gingen dann schweigend im Gänsemarsch durch sehr lange Flure. Es gab keine richtige Beleuchtung, die Holzverkleidung absorbierte das Licht, es gab keine Fenster oder wenn, dann waren sie von inneren Fensterläden verdeckt.