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In einer verwahrlosten Züricher Wohnung findet die Polizei eine Tote. Bei der Wohnungsauflösung entdeckt eine Gerichtsvollzieherin wertvollen Schmuck. Ein Verbrechen oder führt die Tote ans Ende des Regenbogens zu dem Topf voller Goldstücke?
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Seitenzahl: 363
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Pepe Kotti
Die Frau am Ende des
Regenbogens
KRIMINALROMAN
ImprintDie Frau am Ende des RegenbogensPepe Kottipublished by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.deCopyright: © 2012 Pepe KottiISBN 978-3-8442-3576-0
Alle Namen sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, Firmen oder
Institutionen wären rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Meinem Sohn,
der mein Leben erheblich bereichert.
1. Kapitel
Die Wohnungstür fiel hinter ihr ins Schloss, mit dem gleichen dumpfen Klang wie jeden Morgen. Sie hatte sich von ihrem Mann mit einem Küsschen auf die Wange verabschiedet und schaute nun auf die Uhr. Es war genau 7.30 Uhr, wie jeden Morgen. Ihr Leben verlief Tag für Tag mit der gleichen Präzision, wie ein schweizer Uhrwerk.
Um acht Uhr saß sie für gewöhnlich in ihrem Dienstzimmer und bearbeitete die Akten bis mittags. Nach einem kleinen Mittagessen in der Kantine versuchte sie dann ihr Glück bei den einzelnen Klienten. Die Arbeit machte ihr schon seit einiger Zeit keinen Spaß mehr, sie erfüllte halt ihre Pflicht. Irgendjemandmusste es ja machen und sie hatte so ein gesichertes Einkommen.
Manch einer mag sich die Arbeit einer Gerichtsvollzieherin durchaus als aufregend vorstellen und zu Beginn gab es natürlich den ein oder anderen Fall, der ihr ganzes Repertoire erforderte, doch nach zehn Jahren war alles Routine geworden und Überraschungen blieben aus.
Heute stand eine Wohnungsauflösung auf ihrem Programm. Eine achtundsiebzigjährige Frau war von der Polizei in ihrer Wohnung tot aufgefunden worden. Und zwar in einem Mehrfamilienhaus, wo man sich, wie so häufig, offenbar nicht um den Nachbarn kümmerte, denn erst der üble Gestank, der aus der Wohnung drang, veranlasste schließlich Nachbarn, die Polizei zu benachrichtigen. Diese hatte sodann die Tür aufgebrochen und die Leiche, die schon mehrere Wochen dort gelegen haben musste, gefunden.
Die kriminaltechnischen Untersuchungen besagten, dass die Frau vermutlich an Unterernährung gestorben war. Wahrscheinlich war sie zu alt gewesen, um sich noch selbst ernähren zu können. Oder sie hatte zu wenig Geld gehabt. Das war allerdings ihre Vermutung, denn die Bahnstraße lag in einem der heruntergekommensten Viertel von Zürich.
Bei ihren Ermittlungen konnte die Polizei keinerlei Bezug zu irgendwelchen Verwandten oder Freunden herstellen und somit war es Sache des Staates, für eine Beerdigung und die Wohnungsauflösung zu sorgen. Und so landete der Fall schließlich bei ihr.
Man hatte sie schon gewarnt, dass die Wohnung völlig verwohnt und in einem fürchterlichen Zustand sei. Doch das hier überstieg auch ihre Phantasien. Sie war nach einem kurzen Abstecher ins Büro, wo sie nur noch die Hausschlüssel geholt hatte, gleich in die Bahnstraße gefahren. Nummer 18 war einfach zu finden, obgleich ein Haus aussah wie das andere. Der Ausdruck 'Wohnsilos' war hier treffend. Alle hatten lange keine Farbe mehr gesehen und der Putz hatte schon vor geraumer Zeit zu bröckeln begonnen. Der Hausflur war bis in Augenhöhe mit Ölfarbe gestrichen und hatte seit seiner Fertigstellung vor 40 Jahren sicherlich keine neue Schicht gesehen. Die Farbe war inzwischen undefinierbar.
Während ihres Aufstiegs durch den dunklen Flur bis in den zweiten Stock begegnete ihr niemand. Natürlich gab es in solchen Häusern keinen Fahrstuhl. Etwas außer Atem vor der Wohnungstür Nummer 12 angekommen, versuchte sie, sie aufzuschließen. Man sah noch deutlich die Spuren der gewaltsamen Öffnung durch die Polizei. Aber sie war anschließend soweit repariert worden, dass sie wieder abschließbar war. Der Schlüssel funktionierte und sie öffnete die Tür, doch im gleichen Moment riss sie sie wieder zu. Es war ihr im Flur schon aufgefallen und man hatte sie doch gewarnt. Der Gestank war unglaublich.
Doch sie hatte vorgesorgt und alles in ihrer Aktentasche mitgebracht. Sie setzte zunächst einmal so eine Art Gasmaske auf die Nase und streifte Plastikhandschuhe über. Allerdings hatte sie auch gehofft, die Sachen nicht benutzen zu müssen. Denn obgleich die Handschuhe hauchdünn waren und die Maske eine neuartige Entwicklung und nicht so ein Ding, wie es noch beim Militär benutzt wurde, beides behinderte sie.
Wieder öffnete sie die Tür und diesmal tat sie den ersten Schritt in die Wohnung. Draußen hatte die Sonne geschienen, doch hier war es recht dunkel. Der Lichtschalter war gleich neben der Tür und sie betätigte ihn. Es wurde zwar nicht hell, aber es gab eine alte Birne an der Decke, die den Raum wenigstens soweit erleuchtete, dass sie etwas erkennen konnte.
Auch diesmal wurde ihre Vorstellungskraft übertroffen. Sicherlich war ihr klar, dass sie altes Gerümpel vorfinden würde, doch hier wurde alles noch von unzähligen und offenbar vollen Plastiktüten überdeckt. Der Raum vermittelte den Eindruck einer Übernachtungshalle von Obdachlosen.
Langsam suchte sie sich einen Weg zum gegenüberliegenden Fenster, um den uralten Vorhang aufzuziehen. Fast wäre ihr dieser noch entgegengekommen, doch schließlich drang Tageslicht in den Raum. Das Fenster, das so verschmiert war, dass man nicht mehr hindurchsehen konnte, lag auf der Straßenseite. Es gab nur noch eine Türe in einer Seitenwand. Sie stand einen Spalt offen und als sie sie ganz öffnete musste sie sich beinahe übergeben.
Das WC war offensichtlich verstopft und bis obenhin mit Fäkalien, die sich im Wasser zersetzt hatten, gefüllt. Der Deckel war abgebrochen und lag auf dem Boden. In dem höchstens vier Quadratmeter großen Raum befanden sich noch eine Dusche, oder besser das was übrig geblieben war, und ein Waschbecken, über dem ein völlig blinder Spiegel hing. Darüber baumelte eine leere Glühbirnenfassung am Leitungskabel, das aus der Wand kam.
Das war also die ganze Wohnung. Soweit sie sehen konnte gab es in dem großen Raum noch eine Kochecke und ein paar alte Möbel. Dazu zählten eine Schlafcouch und ein großer, vielleicht sogar antiker, Schrank. Die Wände waren tapeziert, doch das Muster war nicht mehr zu erkennen.
Am liebsten hätte sie gleich die Entrümpler bestellt, aber es musste alles seine Ordnung haben. Das hieß, sie musste alle Gegenstände auflisten und taxieren. Es konnte ja sein, dass sich doch noch ein Verwandter finden ließ und dann mussten sie die Nachweise erbringen. Außerdem stand ja noch die Abrechnung über die Beerdigung aus und im Allgemeinen sind noch Dinge wie die Miete zu begleichen.
Bei diesem Gedanken kam sie ins Grübeln. Gewissenhaft wie sie war, hatte sie bereits abgeklärt, dass die alte Dame keinerlei staatliche Hilfen bezogen hatte. Allerdings, wenn sie sich so umsah - bei dem Zustand der Wohnung war es eigentlich unwahrscheinlich, dass die Mieterin ein Einkommen oder etwas Gespartes auf der Bank haben sollte, von dem die Miete gezahlt wurde. Der Polizei gegenüber hatte der Vermieter mitgeteilt, dass er keine Veranlassung gehabt habe, sich um die Frau zu kümmern, da die Miete immer pünktlich überwiesen wurde und mehr interessierte ihn nicht.
Das Geld musste also irgendwo herkommen. Darauf musste sie achten, denn es war ihre Aufgabe, die noch notwendigen Ausgaben den eventuellen Einnahmen wie Sparguthaben oder Erlöse aus den Verkäufen der hinterlassenen Gegenstände, gegenüberzustellen. Blieben Schulden übrig, war der Staat gefordert und blieb ein Erlös übrig, erhielt ihn der Staat. Alles natürlich erst nach einer gewissen Veröffentlichungsfrist, in der sich Verwandte noch melden konnten.
Es nutzte nichts, sie musste alles sortieren und sichten. Die Ecke links neben der Wohnungstüre sah einigermaßen leer aus. Hier schaffte sie sich erst einmal Platz, indem sie fünf Plastiktüten auf andere daneben stapelte. Nun begann eine langwierige Arbeit. Sie ergriff die Tüte, die ihr am nächsten stand. Außen warb in leuchtenden Buchstaben eine Einkaufskette und der Inhalt, soweit man ihn noch erkennen konnte, waren Lebensmittel. Zum Teil müssen es einmal frische Sachen gewesen sein. Jetzt waren sie nur noch vertrocknet oder verschimmelt und zu einer fürchterlichen Maße verschmolzen. Die nächsten drei Tüten beinhalteten ähnliches. Das war alles Abfall, den sie in der freien Ecke auf einen Haufen legte.
Für die Beseitigung würde sie andere beauftragen. Ihre Vermutung, die Alte sei verhungert, weil sie kein Geld gehabt hatte, schien sich nicht zu bestätigen. Zumindest waren Lebensmittel reichlich vorrätig gewesen. Jetzt hatte sie eine Plastiktüte gegriffen, die Kleidungsstücke enthielt: eine Bluse, ein Rock, noch ein Rock und weitere Blusen. Keine besonderen Sachen, aber das Rote Kreuz würde sich darüber freuen. Sie räumte die Tüte links in die freigemachte Ecke und beschriftete sie mit einem Filzschreiber 'Kleidung, Rotes Kreuz'. Danach versuchte sie, die Ecke zu vergrößern und schob andere Dinge dorthin, wo sie die ersten Plastiktüten weggenommen hatte. Weitere Tüten enthielten Schuhe, andere Kleidungsstücke und Zeitungen. Überhaupt hatte sie den Eindruck, dass die Tote ein Ablagesystem aus diesen Tüten für sich entwickelt hatte, das sie noch nicht verstand.
Inzwischen war es Mittag geworden und ihr Magen machte sich bemerkbar. Noch eine Plastiktüte, diesmal mit der Aufschrift eines Modehauses, das so nobel war, dass sie sich nicht vorstellen konnte, dass man die Tote dort überhaupt über die Schwelle gelassen haben könnte. Die Tüte gab beim Hochheben einen merkwürdigen metalligen Klang von sich. Oben auf lag ein Rock, doch dann traute sie ihren Augen nicht: es glitzerte und funkelte. Die Plastiktüte enthielt nur noch Schmuck.
Ihr erster Gedanke war, das kann nicht echt sein. Sicher handelte es sich um Imitationen und Strass. Vielleicht war die alte Dame einmal Schauspielerin gewesen und hatte es für ihre Auftritte gebraucht. Aber so viel! Eventuell hatte sie auch bei ihrem Abschied einiges mitgehen lassen. Das waren gut und gerne einige Pfund: Armbänder, Ketten, golden, silbern, mit kleinen und großen Steinen, Perlen, große und kleine.
Sie beschloss, zunächst einmal eine Kleinigkeit essen zu gehen und die Tüte gleich mitzunehmen, um anschließend bei einem Juwelier vorbeizugehen. Dabei dachte sie an einen alten Bekannten, der von dort schnell zu erreichen war. Immerhin konnten ja auch Imitationen ein paar Franken wert sein und bei der Menge würde möglicherweise ein wenig dabei herauskommen.
Nachdem sie in einem kleinen Restaurant, welches auf dem Weg zum Juwelier lag, ein wenig gegessen hatte, denn viel Appetit hatte sie nach dem Erlebten vom Vormittag nicht gehabt, fuhr sie zu ihrem Freund Jacques. Dieser hatte ein anerkanntes Juweliergeschäft in der Baseler Straße, das sich bereits in der dritten Generation in seiner Familie befand.
Jacques freute sich, seine alte Freundin Beatrice wiederzusehen. Sie hatten sich vor Zeiten auf einem Fest kennengelernt und waren durch ihr gemeinsames Hobby, dem Angeln, in mehr oder weniger intensivem Kontakt geblieben. Sie hatten sich länger nicht gesehen und so wurde zunächst ausgiebig über die jeweiligen Aktivitäten berichtet. Jacques hatte Frau und Kinder.
Alsdann zog Beatrice ihre Plastiktüte hervor, legte sie auf den Tresen und öffnete sie.
"Hast du einen Kollegen von mir überfallen", stammelte Jacques im typischen Schweizerdeutsch.
"Keine Angst! Ich glaube nicht, dass die Sachen echt sind", entgegnete Beatrice in der gleichen Mundart. "Es handelt sich sicherlich um Imitationen und ich möchte nur von dir wissen, ob man dafür vielleicht ein paar Franken bekommt?"
"Dann zeig einmal her!" mit diesen Worten griff der Juwelier in die Tüte und zog ein mit nicht gerade kleinen Steinen besetztes silbernes Armband heraus. Er begutachtete es zunächst mit dem bloßen Auge und meinte: "Auf jeden Fall sieht es nach einer guten Imitation aus, die so nicht zu erkennen ist." Sein Griff ging unter die Theke und brachte aus einer Schublade das für Juweliere typische Okular hervor. Er hielt es vor sein rechtes Auge und betrachtete einzelne Steine und den Verschluss des Armbandes eingehend. Dabei legte sich seine Stirn in Falten und er fragte: "Nun sag schon, woher hast du die Sachen?"
"In der Bahnstraße hat man eine tote Frau in ihrer Wohnung gefunden. Ihr Name war Helene Hilten." berichtete Beatrice.
"Ein Mord?" Jacques' Interesse wurde sofort geweckt.
"Nein, auf keinen Fall. Jedenfalls konnte die Polizei keinerlei Hinweise in dieser Richtung finden. Es gibt auch kein Motiv. Die Frau war alt und lebte in ärmsten Verhältnissen." entgegnete Beatrice.
"Und woher hast du dann den Schmuck?" fragte Jacques beharrlich weiter.
"Ich sagte doch schon: Aus ihrer Wohnung!" Beatrice bekam einen ungeduldigen Unterton in der Stimme. "Es gibt wahrscheinlich keine Verwandten und ich muss die Wohnung auflösen und mich um den ganzen Mist dort kümmern. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schlimm es dort aussieht."
"Vielleicht hatte sie etwas mit Hehlerware zu schaffen?" bohrte der Juwelier weiter.
"Ich kann es mir nicht vorstellen. Und nun sag endlich: Ist das Zeug etwas wert?"
"Wenn ich nicht wüsste wie gewissenhaft du bist, würde ich dir einen Deal vorschlagen", lenkte Jacques nun ein. "Also gut - ich muss die Dinge natürlich im Einzelnen noch genau untersuchen. Das Armband ist mit einem Prägestempel versehen und danach handelt es sich um Platin. Ich werde eine Probe machen, doch sehe ich keinen Grund, daran zu zweifeln. Die Steine sind echte Diamanten von - mit ziemlicher Sicherheit - hervorragender Qualität. Allein das Armband ist schon ein kleines Vermögen wert."
"Wie viel?" stammelte Beatrice, der inzwischen sehr bleich geworden war. Ihr ging im Moment alles möglich durch den Kopf. Angefangen von Verbrechen bis hin zu den Tatsachen, die ihr auch schon als merkwürdig aufgefallen waren, wie zum Beispiel die weiteren Mietzahlungen der Toten, deren Lebensumstände nicht den Eindruck vermittelten, als könne sie über ein Bankguthaben verfügen. Oder, dass sie keine staatliche Unterstützung bekommen hatte.
"Der derzeitige Marktwert dürfte bei ungefähr 120.000 Schweizer Franken liegen. Vielleicht war die Dame doch nicht so arm wie du denkst?! Die Bahnstraße ist zwar keine gute Adresse, aber alte Menschen sind oft wunderlich." Ihr Freund stellte die gleichen Überlegungen an, die ihr auch durch den Kopf gingen.
"Gut, Jacques, jetzt gebe ich dir erst einmal den offiziellen Auftrag, ein Wertgutachten zu den ganzen Sachen zu erstellen. Natürlich gegen Rechnung und ich benötige selbstverständlich einen Beleg über den abgegebenen Schmuck."
Während er diese Worte sprach, schüttete Beatrice den gesamten Inhalt der mitgebrachten Plastiktüte auf den Tresen des Juweliers. Dann begannen sie, die einzelnen Stücke jeweils in einer kurzen Notiz zu beschreiben. Beatrice notierte alles was ihr Freund ihr zu den Objekten erläuterte. Es war das erste Mal, dass sie sich alles im Detail anschaute und sie musste zugeben, dass es sich um wirklich außergewöhnlich schöne Schmuckstücke handelte, wie man sie sonst nur in einem Juweliergeschäft zu sehen bekam. Zumindest eine Gerichtsvollzieherin hatte normalerweise nicht das nötige Kleingeld, um sich so etwas leisten zu können.
Der Fall der Helene Hilten hatte bereits einen ganz anderen Stellenwert bekommen und sie fragte sich, was da noch alles auf sie zukommen würde. Auf jeden Fall noch eine ganze Menge Arbeit.
Bei ihrer Durchsicht war ihnen ein Siegelring aufgefallen. Den hatte sie direkt wieder eingesteckt, denn das Wappen könnte vielleicht bei ihren weiteren Recherchen nach Verwandten noch einen Hinweis bringen.
Jacques versprach sofort anzurufen, sobald er die Gutachten fertig habe und Beatrice verabschiedete sich mit einem kurzen "Sallü".
Es war inzwischen fast Feierabend und so fuhr Beatrice nur noch zu einem kleinen Abstecher in ihr Büro. Dort berichtete sie ihrem Vorgesetzten über die Entwicklung des Falles und dieser versprach ihr, sie für die nächsten Tage von anderen Aufgaben zu entbinden. Danach werde man dann weitersehen.
Als sie gegen achtzehn Uhr zum Abendessen nach Hause kam, berichtete sie ihrem Mann von dem aufregenden Fall, den sie jetzt zu bearbeiten hatte. Sie schilderte alle Einzelheiten und sie spekulierten beide den ganzen Abend darüber, was sich hinter der Geschichte verbergen könnte.
2. Kapitel
Der zweite Tag im Fall der Helene Hilten begann für Beatrice Moser wie jeder andere Tag. Allerdings war inzwischen so etwas wie Neugierde auf ihre bevorstehende Arbeit bei ihr eingetreten. Das Aufstehen und Frühstücken ging schneller, als an jedem anderen Morgen und sie verließ das Haus bereits um 7.15 Uhr.
Sie fuhr an diesem Tage direkt in die Bahnstraße. Auch der ekelige Zustand der Wohnung konnte ihr Interesse nicht bremsen.
Vor der Wohnung angekommen maskierte sie sich wieder und streifte die dünnen Plastikhandschuhe über. Drinnen hatte sich seit dem Vortage nichts geändert. Das bedeutete, es konnte kein unerwarteter Besucher dagewesen sein, der sich möglicherweise die Hehlerware hatte holen wollen.
Schade, sie war ein wenig enttäuscht, dass der Tag nicht gleich spannend begann. So setzte sie ihre Arbeit in der gleichen Art und Weise fort, wie sie sie gestern begonnen hatte. Tüte für Tüte wurde auf ihren Inhalt untersucht und schriftlich festgehalten. Die meisten enthielten verdorbene Lebensmittel, Kleidungsstücke, ausgetretene Schuhe, alte Zeitungen oder irgendeinen Plunder, den wohl jeder in seiner Wohnung aufbewahrt, weil er ihn für unentbehrlich hält. Dabei sortierte sie auch alles direkt auf die entsprechenden Haufen.
Zwei Tüten allerdings wollte sie mitnehmen. In ihnen waren Gegenstände, die man als Souvenirs bezeichnen konnte. Eventuell konnten sie ihr später, genau wie der Siegelring, den ein oder anderen Hinweis geben. Nach einer kleinen Mittagspause, zu der sie das gleiche Lokal wie am Vortage besuchte, sie war tatsächlich ein Gewohnheitstier,ging die ermüdendeArbeit weiter.Gegensechzehn Uhr war das herumstehende Gerümpel durchforstet und sie beschloss, noch bei ihrem Freund dem Juwelier vorbeizufahren.
Immerhin war sie den ganzen Tag nicht erreichbar gewesen und bestimmt hatte Jacques schon mehrmals angerufen, um ihr aufregende Neuigkeiten mitzuteilen.
Als sie in den Laden kam, hatte Jacques mehrere Kunden zu bedienen und es war kein anderer Angestellter zu sehen.
"Sallü, Beatrice" begrüßte sie ihr Freund, während er ein paar neue Schmuckstücke für einen Kunden auf der Theke platzierte. "Leider bin ich noch nicht weit gekommen. Es geht heute schon den ganzen Tag so." Mit einer Kopfbewegung deutete er auf die vielen Kunden in seinem Geschäft. "Und ich bin heute allein hier. Morgen bekommst du die gesamte Aufstellung. Tut mir leid, dass es nicht geklappt hat. Sallü."
Beatrice hatte außer zwei 'Sallü' kein Wort herausgebracht. Ihre Enttäuschung über diesen Tag stand ihr, als sie nach Hause kam, mit großen Buchstaben auf der Stirn geschrieben. Ihr Mann brachte sie auf den Boden der Tatsachen zurück, indem er ihr wieder bewusst machte, dass nicht jeder Tag so aufregend sein konnte wie der gestrige. Nach dem Essen schauten sie im Fernsehen einen Kriminalfilm, doch ihre Gedanken waren immer noch bei der Toten.
Der dritte Tag im Fall Helene Hilten begann wie der Zweite. Um 7.15 Uhr verabschiedete Beatrice Moser sich mit dem obligatorischen Küsschen von ihrem Mann und verließ das Haus in Richtung Bahnstraße. Vor der Wohnung setzte sie wieder die Maske auf und zog die Handschuhe an. Beim Betreten der Wohnung fragte sie sich, wann der Gestank wohl verschwinden würde? Wahrscheinlich erst, wenn die Wohnung von Grund auf renoviert war.
Es war wieder keiner dagewesen. Die gleiche Frustration wie am Vortag überfiel sie.
Als erstes nahm sie sich den Schrank vor. Auf der einen Seite enthielt er Bücher und andere Papiersachen, auf der anderen Wäsche, wie Laken, Bettbezüge und Tischdecken. Die Wäsche hatte sie schnell in ihrer Liste aufgenommen und auf den entsprechenden Stapel zum Abtransport gepackt. Zwischen den Büchern fand sie Unterlagen und Notizen der Toten.
Einige Fotos, die verschiedene Personen zeigten und zum Teil schon recht alt sein mussten, erweckten ihre Aufmerksamkeit. Sie hatte von der Toten noch nie ein Bild gesehen und fragte sich nun, ob sie auf den Bildern mit dabei war und vor allen Dingen wer sie darauf war. War sie die alte Dame im Korbsessel im Garten einer schicken Villa, umgeben von ihrer ganzen Familie? Das Bild war sehr alt, abgegriffen und am Rand ausgefranst. Sie konnte unmöglich damals schon so alt ausgesehen haben.
Jedes Buch wurde ausgeschüttelt, es konnte ja Notizen oder Bilder enthalten, die für ihre Nachforschungen wichtig waren. Alte Leute steckten auch ihre Sparbücher mit Vorliebe zwischen Bücher, um sie vor Dieben zu schützen. So ein Sparbuch konnte sie bei der Suche nach einer Bankverbindung behilflich sein. Die Bücher wurden ebenfalls aufgestapelt, nur die Unterlagen und Fotos wollte sie mitnehmen.
Die Bettcouch enthielt nur das Übliche. Es lag nichts unter der Matratze versteckt oder zwischen den Polstern. In der Spüle, auf der neben jeder Menge dreckigem Geschirr eine elektrische Kochplatte stand, befanden sich ein paar Putzmittel und einige Dosen mit Lebensmitteln. Verhungert konnte sie wirklich nicht sein. Direkt daneben in einer kleinen Nische fand sie circa zwanzig leere Flaschen: Mineralwasser und Wein.
Bargeld war keines aufgetaucht, das konnte sie bei sich gehabt haben. Das Gerichtsmedizinische Institut der Kantonalpolizei würde ihr erst in den nächsten Tagen die Wertgegenstände zuschicken, die die Tote am Körper trug.
Zum Schluss ließ sie ihren Blick noch einmal durch das Badezimmer gleiten. Ihr wurde abermals speiübel. Es erforderte ihre ganze Überwindungskraft, um sich hier umzuschauen. Allerdings entdeckte sie nichts, dass ihr Interesse weckte.
Mit zwei Plastiktüten voller Souvenirs, ihrer Aktentasche und einem Schuhkarton voll mit Unterlagen sowie Fotos unter dem Arm geklemmt, verließ sie erleichtert die Wohnung. Vor der Türe legte sie alles ab und befreite sich zunächst von Maske und Handschuhen, die sie wieder in ihre Tasche verstaute. Ein Blick auf ihre Armbanduhr zeigte ihr, dass es mittlerweile vierzehn Uhr war. Das Mittagessen hatte sie absichtlich ausfallen lassen, sie wollte die Arbeit in der Wohnung endlich hinter sich haben.
Hoffentlich hatte Jacques seine Arbeit heute gemacht, war ihr erster Gedanke als sie alles in ihrem Auto verstaut hatte und losfuhr. Das Geschäft des Juweliers lag ja, wie gesagt, auf ihrem Weg zum Büro, also wollte sie erneut bei ihm hereingehen und selbst nachfragen.
Jacques erwartete sie bereits. Es war nur ein Kunde im Laden und der wurde von einem Angestellten bedient.
"Sallü, Beatrice, ich habe dich schon erwartet. In deinem Büro hat man mir gesagt, dass du Auswärts seist und ich wusste doch, wie ungeduldig du bist. Da dachte ich mir, dass du vorbeikommen wirst sobald du Zeit hast." Er lachte und holte den Schmuck der Helene Hilten hinter dem Tresen hervor. "Ich will dich auch gar nicht lange auf die Folter spannen - wie vermutet, es ist alles echt und jetzt rate einmal, welchen Wert der Schmuck hat?"
"Sallü, Jacques," war das einzige was Beatrice hervorbrachte, dann hatte es ihr wieder die Sprache verschlagen. In ihrem Kopf begann es zu rechnen. Das Armband hatte Jacques auf 120.000 Schweizer Franken geschätzt. Das war etwa ein Zwanzigstel von dem was sich in der Plastiktüte befunden hatte. Selbst wenn die anderen Schmuckstücke nicht so wertvoll sein sollten, musste sie die Summe mit zehn bis fünfzehn multiplizieren. Das bedeutete 1,2 bis 1,8 Millionen Schweizer Franken. Es war für sie unvorstellbar, dass jemand, der in so einem Loch gewohnt hatte, im legalen Besitz von solch einem Vermögen gewesen sein sollte.
"Na, wie viel?" bohrte sein Freund abermals.
"Ich schätze 1,2 bis 1,5 Mio.", brachte Beatrice stockend hervor. Obgleich sie sich langsam mit diesem Gedanken vertraut gemacht hatte, wurden ihre Knie so weich, dass sie sich nach einem Stuhl umsah.
Jacques bemerkte es und lachte: "Ja, setz dich erst. Hier ist ein Hocker" und als Beatrice saß, fuhr er mit glänzenden Augen fort, "Es handelt sich wirklich um auserlesene Stücke und die von mir ermittelte Summe beträgt: ...". In diesem Moment zog der Juwelier ein Blatt hervor auf dem Beatrice die Gesamtsumme lesen konnte: 1.954.600.
"Eine Million neunhundertvierundfünfzigtausendundsechshundert Schweizer Franken", ließ Jacques die Summe auf der Zunge zergehen. Immerhin bekam er für seine Wertgutachten ein Prozent der Summe, das waren 19.546 Franken für ein paar Stunden Arbeit. "Es würde mich aber brennend interessieren, ob du inzwischen mehr über die Herkunft der Ware herausbekommen hast?"
"Nein, leider noch nicht. Nach wie vor gibt es keinerlei Anzeichen für ein Verbrechen. Ich werde jetzt alles in unseren Safe bringen und morgen die Recherchen beginnen. Heute habe ich noch einige Unterlagen gefunden, die ich noch durchsehen werde. Sobald ich etwas Neues weiß werde ich dich auf dem Laufenden halten. Danke vielmals und Sallü." Beatrice nahm den Schmuck von der Theke, ließ sich die Gutachten geben und fuhr zum Büro.
Dort ließ sie den Schmuck im Safe der Registratur deponieren und steckte die Gutachten in die Akte "Helene Hilten". Die Wohnungsschlüssel gab sie einem Mitarbeiter, der die Entrümpelung organisieren sollte, das hieß, mit dem Roten Kreuz und den anderen in Frage kommenden Organisationen Termine zum Abtransport der Sachen auszumachen und ihnen die Türe zu öffnen. Alles was noch einen Wert darstellte, auch im ideellen Sinne, wie zum Beispiel die Fotos, hatte sie mitgenommen. Das war ja wohl auch eine ganze Menge und der Rest konnte verschenkt werden, wenn ihn überhaupt noch jemand nahm.
Es war Zeit, Feierabend zu machen. Sie verließ ihr Büro und fuhr nach Hause. Ihr Mann war bereits daheim und geriet leicht aus der Fassung als sie ihm von dem Wert des Schmuckes erzählte. Sie spekulierten wieder den ganzen Abend über die Herkunft der Stücke und legten sich - natürlich ohne ein Ergebnis - schlafen.
Nach einer unruhigen Nacht, Beatrice hatte ständig irgendwelche Träume gehabt, die sich um die Tote drehten, begann der vierte Tag voller Elan. Die grässliche Arbeit hatte sie abgeschlossen, jetzt galt es, viele Fragen zu klären. Kaum das sie im Büro war, rief sie als erstes bei dem Vermieter der Hilten an. Wenn dieser regelmäßige Überweisungen für die Miete erhalten hatte, musste er auch eine Bankverbindung der Toten kennen. Außerdem wollte sie ihm Bescheid geben, dass die Wohnung in der nächsten Woche leer sein würde und er sie weiter vermieten konnte. Die Endabrechnung war ihr zuzuleiten und sie würde sie dann von Amts wegen begleichen. Wie es aussah konnte sie das ja sogar aus der Hinterlassenschaft regeln.
Nach längerem suchen, verbunden mit einigen mühevollen Seufzern, gelang es dem Vermieter, sogar die Bank und eine Kontonummer hervorzuzaubern. Die alte Dame hatte ein Konto bei der SKA. Beatrice Moser bedankte sich.
Mit einem Anruf bei einer ihr bekannten Filiale klärte sich, bei welcher Filiale Helene Hilten geführt wurde. Sie machte mit dem zuständigen Sachbearbeiter telefonisch einen Termin aus, zu dem sie persönlich vorbeikommen wollte.
Endlich konnte sie sich den Unterlagen widmen. Pedantisch wie sie war, legte sie direkt verschiedene Mappen und Kartons an, in denen sie die Unterlagen einsortierte. Die Fotos wurden in zwei Gruppen geteilt, die eine enthielt Bilder, auf denen weibliche Personen mit abgelichtet waren und die andere alle anderen. In eine Mappe kamen Quittungen und Rechnungen. In eine andere persönliche Briefe, die sie erhalten hatte.
Sie schob gerade einen Brief, den ein Deutscher geschrieben hatte, in die Mappe, da fiel ihr Blick zufällig auf die Worte 'Wirst du immer noch verfolgt? Oder hat er es inzwischen aufgegeben?'. Sie las den Brief ganz. Das Datum besagte, dass er schon fünf Jahre alt war und er enthielt ansonsten auch nur das Übliche: 'Wie geht es dir? Mir geht es gut. Lange nichts mehr von dir gehört.' Beatrice Moser legte den Brief beiseite, sie wollte versuchen, mit dem Schreiber Kontakt aufzunehmen. Hoffentlich lebte er noch, denn wenn der Mann im Alter der Toten war, das hatte sie dem Text entnommen, konnte er auch über achtzig sein.
Der Hinweis auf eine Verfolgung passte in ihre Vorstellung von einem Verbrechen. Doch musste sie zugeben, dass es im Brief nicht bedrohlich klang und es sich genauso um einen Verehrer gehandelt haben konnte von dem die Rede war.
In einer halben Stunde hatte sie den Termin bei der SKA. Sie machte sich gleich auf den Weg, man wusste ja nie, der Verkehr war heutzutage ja überall grauenvoll.
"Grüezi, Madame Moser", wurde sie in der Bank von dem zuständigen Herren empfangen, "mein Name ist Leluc, Jean Leluc. Es geht um das Konto von Madame Hilten. Was kann ich für sie tun?"
"Bon jour, Monsieur Leluc, es freut mich sie kennenzulernen und vielen Dank, dass sie gleich Zeit haben." Der Ausdruck ihrer Freude war keine Floskel, denn Jean Leluc war eine wirklich gutaussehender Mann. "Ich will direkt zum Grund meines Besuches kommen. Frau Hilten ist leider verstorben und ich bin als Justizbeamte mit der Nachlassregelung beauftragt. Bisher kennen wir weder ein Testament noch gibt es irgendwelche Verwandten, so dass ich Stück für Stück die Zusammenhänge klären muss." Beatrice Moser zog aus ihrer Jackentasche ihren Ausweis und den Totenschein von Helene Hilten zum Nachweis ihrer Ermittlungsberechtigung vor.
"In Ordnung," fuhr Jean Leluc das Gespräch fort, nachdem er einen kurzen Blick auf den Ausweis geworfen hatte. "Setzen wir uns doch. Sie nahmen beide in einer Sitzecke Platz. Der Angestellte schlug seine Beine übereinander und fuhr fort: "Ich habe nur keine Idee, wie ich Ihnen helfen könnte? Frau Hilten hat bei uns seit sechs Jahren ein Konto. Ich war damals zwar noch nicht der Sachbearbeiter, aber ich habe die Zeit genutzt und mich inzwischen kundig gemacht. Sie hatte bei der Kontoeröffnung direkt fünfzehntausend Schweizer Franken eingezahlt und Daueraufträge für Miete und Nebenkosten eingerichtet. Die Kontoauszüge wurden in unregelmäßigen Abständen abgeholt. Meist drei-, viermal im Jahr. Wenn der Kontostand gegen Null ging, zahlte sie wieder zehntausend Franken ein. Es ist auch nie zu einem negativen Saldo gekommen. Mit dem heutigen Tag weist ihr Konto noch 4.356 Schweizer Franken und fünfzig aus."
"Sie sagten, Frau Hilten kam hin und wieder persönlich vorbei um Geld einzuzahlen," unterbrach Beatrice Moser den Redefluss des Mannes mit dem gewinnenden Lächeln. "Haben sie sie dabei auch einmal kennengelernt?"
"In den letzten drei Jahren habe ich sie vier- oder fünfmal bedient. Wir sind natürlich immer daran interessiert, Kundenkontakte auszubauen. Helene Hilten war eine nette, alte Dame, allerdings war sie sehr zurückhaltend, ja fast ängstlich, sobald eine Frage ihr Privatleben betraf. Um ihrer Frage gleich vorweg zu greifen, ich habe nie etwas über Kinder oder andere Verwandte erfahren. Dabei fällt mir gerade ein, dass es niemanden anderen gibt, der über das Konto verfügen dürfte, auch für den Todesfall nicht."
"Ich darf sie dann bitten, die Formalitäten zur Beendigung der Daueraufträge fertig zu machen und mit mir abzuwickeln," unterbrach Beatrice Moser sie erneut. "Das Konto wird dann vorerst so bestehen bleiben bis wir eine Nachlassregelung haben. Ich hätte eine Bitte an sie, würden sie einen Blick auf diese Fotos werfen?" Mit diesen Worten zog Beatrice die Mappe mit den Fotos heraus, die sie bei der alten Dame gefunden hatte und legte sie Jean Leluc nacheinander vor. "Erkennen sie die Dame auf einem der Bilder? Vielleicht ist Frau Hilten die Dame in dem Korbstuhl?"
"Es besteht vielleicht eine gewisse Ähnlichkeit, aber sie ist es gewiss nicht. Auf den anderen Bildern sind die Frauen alle jünger, ich habe Frau Hilten ja erst mit über siebzig Jahren kennengelernt, da ist es schwierig, sich jemanden in seiner Jugend vorzustellen." Jean Leluc schaute sich die Fotos immer wieder genau an. "Hier, das könnte sie eventuell gewesen sein," er zeigte auf ein Foto mit einer etwa dreißigjährigen jungen Frau, die vor einem schicken Mercedes Cabrio posierte. "Ich hatte immer den Eindruck, dass Frau Hilten aus der besseren Gesellschaft kam, zumindest was ihre Umgangsformen betraf. Im letzten Jahr hatte ihr Äußeres allerdings stark nachgelassen, wenn ich das einmal so sagen darf. Sie wirkte viel ungepflegter. Ich habe es auf ihr Alter zurückgeführt."
"Im Moment hätte ich nur noch eine Frage," Beatrice wollte langsam zum Schluss kommen, obgleich ihr die Zeit mit Jean Leluc sehr angenehm war, "gibt es noch weitere Konten oder Unterkonten und hatte Frau Hilten hier ein Schließfach?"
"Wie gesagt, ich wäre gerne mit ihr weiter ins Geschäft gekommen, aber leider gibt es keine anderen Aktivitäten und auch kein Schließfach."
"Dann bedanke ich mich recht herzlich für ihr Entgegenkommen." Beatrice erhob sich und gab ihm die Hand. Jean Leluc stand ebenfalls auf und begleitete sie zur Türe.
"Das war doch selbstverständlich." Der Banker lächelte sie an.
"Wir werden jetzt ja noch öfter Kontakt miteinander haben. Auf Wiedersehen, Monsieur Leluc." Beatrice verließ die Bankfiliale.
"Bis bald," rief Jean ihr hinterher.
Eigentlich hätte sie ihn als Dank zum Essen einladen können, dachte Beatrice. Doch sie hatte sich nicht getraut, schließlich war sie verheiratet und nicht emanzipiert genug.
In ihrem Büro angekommen, ging sie wie gewöhnlich zum Mittagessen in die Kantine. Dort traf sie ihren Vorgesetzten und erstattete Bericht. Auch die am Tisch sitzenden Kollegen hörten ganz gebannt zu. Solch eine Geschichte bekamen wohl die wenigsten Gerichtsvollzieher je in ihrem Berufsleben auf ihren Amtsschreibtisch. Die Story war bereits das Gesprächsthema im ganzen Gebäude. Ihr Chef versprach ihr, sie noch ein paar Tage für die Angelegenheit Helene Hilten freizustellen, ihre anderen Fälle waren zwischen ihren Kollegen aufgeteilt worden.
Als sie den Wert des gesamten Schmucks genannt hatte, fiel einigen Kollegen das Essen fast aus dem Mund. Man tippte auf einen unrechtmäßigen Besitz oder die Alte musste verrückt gewesen sein.
Nach Tisch machte sich Beatrice wieder über die Unterlagen her. Den Brief in Hochdeutsch, der ihr am Vormittag aufgefallen war, hatte ein Friedrich Hausmann aus Brasilien geschrieben. Er schrieb in dem Brief aber auch, dass er beabsichtige, in der nächsten Woche nach Bonn umzusiedeln und gab seine neue Adresse und Telefonnummer an.
Auf gut Glück wählte die Beamte die angegebene Telefonnummer und es meldete sich tatsächlich jemand am anderen Ende der Leitung. Nach einigem Zögern aufgrund des zunächst merkwürdigen Anrufs und nach Beatrice' ausführlichen Erklärungen, die ihre Bedenken beseitigen konnten, erzählte die Frau ihr, dass sie zwar eine Nummer in Bonn gewählt habe, sie die Wohnung und Telefonnummer aber vor einem Jahr erst übernommen habe. Der Name Hausmann sei in diesem Zusammenhang nicht aufgetaucht. Leider könne sie ihr da auch nicht weiterhelfen. Die Vormieterin sei nach Süddeutschland zu ihrer Tochter gezogen. Leider! Beatrice bedankte sich höflich und legte auf.
Was konnte sie nun unternehmen. Die Auslandsauskunft anrufen und fragen, ob es einen Friedrich Hausmann in Bonn gab. Und wenn es mehrere gab? Ihr fehlte ja gerade die Adresse und mehrere Nummern gaben die schweizer Postbeamten auch nicht heraus und schon gar nicht mit Adressen, da waren sie genau so wenig zuvorkommend wie sie es von den Deutschen gehört hatte.
Sie hatte eine Idee und machte sich auf in die EDV-Abteilung. Tja, der Computer machte auch schon seit einiger Zeit vor dem schweizer Beamtentum keinen Halt mehr. Sie waren sogar recht fortschrittlich. Beatrice wusste, dass man über ein weltweites Rechnernetzwerk die elektronische Telefonauskunft der Schweiz abfragen konnte. Dabei ersparte man sich die unfreundlichen Leute vom Amt und erhielt noch dazu die Adresse des Teilnehmers, genau wie im Telefonbuch. Doch welcher Schweizer hat schon das aktuelle Bonner Telefonbuch zur Hand? Ihr Schwager benutzte diese Datenbanksysteme häufig und er hatte ihr die Zusammenhänge erklärt. Der internationale Begriff lautete Internet.
In der EDV-Zentrale verfügte man über einen Internet-Zugang. Bereitwillig half man Beatrice beim Recherchieren. Der Knopf für die Anwahl wurde gedrückt, alles andere wie die Identifizierung machte der Computer. Vom schweizer System kam man problemlos ins Deutsche. Danach konnten sie sich im deutschen Internet praktisch frei bewegen. Sie gaben die Nummer der Telefonauskunft ein und erhielten eine Bildschirmmaske, auf der nach Stadt, Name, Vorname, Vorwahl und Adresse des gewünschten Teilnehmers gefragt wurde. Es reichte völlig aus, dass sie nur Bonn, Hausmann und Friedrich eingaben. Sie erhielten fünf Teilnehmer mit kompletten Adressenangaben aus der Datenbank auf dem Bildschirm angezeigt und druckten diese für Beatrice aus.
Zurück in ihrem Büro wählte Beatrice die erste Nummer. Es meldete sich ein junger Mann und Beatrice erklärte mit knappen Worten, dass sie von einem schweizer Gericht sei und in der Nachlassangelegenheit einer gewissen Helene Hilten, einen etwa fünfundsiebzig- bis achtzigjährigen Mann namens Friedrich Hausmann suche. Ihr Gesprächspartner bestätigte, dass er zwar auch diesen Namen trage, aber zu seinem Bedauern keine Verbindung zu der Dame herstellen könne. Er sei Student und hätte ein Erbe gut gebrauchen können.
Beim zweiten Teilnehmer ging keiner ans Telefon. Bei der dritten Nummer meldete sich eine ältere Frauenstimme. Ihr Mann hieße in der Tat Friedrich Hausmann und sei zweiundachtzig Jahre alt. Ob er eine Helene Hilten kenne, sei ihr nicht bekannt. Mochte sein, dass er den Namen schon einmal in früheren Jahren erwähnt habe. Sie sei auch schon neunundsiebzig und ihr Gedächtnis nicht mehr das Beste. Ihr Mann würde in einer halben Stunde wiederkommen und ob sie noch einmal anrufen könne? Beatrice versprach, später noch einmal anzurufen.
Bis dahin beschäftigte sie sich weiter mit den Unterlagen. Eine Stromabrechnung der letzten Wohnung, schon zwei Jahre alt, war da. In englischer Sprache eine Rechnung über Garagenunterstellung und die Wartung eines Autos aus einem Ort in Texas, vor vier Jahren geschrieben. Eine Rechnung von einem Restaurantservice, bei dem sie wohl etwas zu essen bestellt hatte. Das war auch ein Jahr her. Dann wieder in Englisch eine Rechnung an eine Hellen Hilton in New York über die allgemeinen Kosten einer Appartementanlage. "Sehr geehrte Frau Hilton, als Verwalter der Appartementanlage bitte ich sie, als Eigentümerin der Wohnung ..."
Bei diesem Schriftstück hielt Beatrice inne. Helene machten die Amerikaner zu Hellen und bei dem Namen Hilten, dachten sie wahrscheinlich automatisch an die berühmten Hiltons. So konnte man sich die Anrede erklären. Aber, bedeutete das, dass Helene Hilten einst ein Appartement in New York besessen hatte? Wenn der Schmuck nicht von einem Verbrechen stammte, konnte Beatrice Moser sich auch vorstellen, dass die alte Dame noch andere Werte ihr eigen nennen konnte. Auf jeden Fall musste sie der Sache nachgehen. Vielleicht gehörte sie ihr ja immer noch?
Eine halbe Stunde war um und heute war Freitag. Beatrice wollte noch einmal in Bonn anrufen und dann nach Hause fahren.
3. Kapitel
Friedrich Hausmann war letzten Monat zweiundachtzig geworden. Das Treppensteigen machte ihm immer größere Probleme und er überlegte, für sich und seine Frau eine andere Wohnung zu suchen. Ihre Dachgeschosswohnung lag in der zweiten Etage und eine Parterrewohnung wäre wesentlich angenehmer. Er öffnete gerade die Wohnungstüre, hinter der seine Frau ihn schon ganz aufgeregt erwartete.
"Da bist du ja endlich. Ich habe gesagt, du wärst in einer halben Stunde wieder da und jetzt sind schon vierzig Minuten vorbei." Es sprudelte nur so aus ihrem Mund, so aufgeregt war sie.
"Jetzt mal langsam, Lieschen" fuhr der alte Mann dazwischen. Er war vom Treppensteigen noch außer Atem. "Warum sollte ich in einer halben Stunde wieder da sein? Wem hast du das gesagt? Und warum ist es so wichtig? Du bist ja total aufgeregt. Nun erzähl mal alles der Reihe nach und bitte, ganz ruhig. Du sollst dich mit deinem Herzen doch nicht aufregen."
"Da soll ich mich nicht aufregen? Vorhin hat eine Frau aus der Schweiz angerufen und dich gesucht. Sie war vom Gericht und es ging um eine Erbschaft. Sie wollte in einer halben Stunde noch einmal anrufen. Hoffentlich ruft sie auch wieder an." Sie konnte sich gar nicht mehr beruhigen.
"Und sie hat nach mir gefragt? Ich wüsste niemanden aus der Schweiz der mir was vererben sollte."
"Die Frau hat gefragt, ob du eine Helene Hilten kennst. Hast du nicht mal von ihr erzählt?"
"Helene Hilten, ja, stimmt. Ist sie gestorben?"
"Die Frau vom Gericht, ich glaube sie hieß Mosech, hat gesagt, in der Nachlassangelegenheit einer Helene Hilten."
"Helene und was zu erben? Das kann nicht viel sein. Früher, ja, da ging es ihr mal gut. Aber in den letzten Jahren ... ! Das kann ich mir nicht vorstellen. Warum sollte sie auch gerade mich in ihrem Testament berücksichtigen, da gibt es doch andere?"
In diesem Moment klingelte das Telefon. Der alte Mann eilte ins Wohnzimmer, griff zum Hörer und meldete sich mit Hausmann.
"Guten Tag, hier spricht Beatrice Moser vom Kantonalgericht in Zürich. Spreche ich mit Friedrich Hausmann?"
Der alte Mann war ganz nervös: "Ja, ja, meine Frau hat mir schon alles erzählt. Ich soll etwas erben?"
"Ob sie etwas erben, kann ich Ihnen noch nicht sagen."
"Hat Helene mich nicht in ihrem Testament erwähnt?"
"Zunächst einmal suche ich einen Friedrich Hausmann, der mit Frau Hilten korrespondiert hat. Ich habe einen Brief vorliegen, der fünf Jahre alt ist."
"Ich hatte ihr hin und wieder geschrieben. Vor fünf Jahren ... - ja, in dem Jahr sind wir gerade nach Deutschland zurückgekommen."
"Kamen sie damals aus Brasilien?" Allem Anschein nach hatte die Gerichtsvollzieherin den richtigen Hausmann gefunden. Das war Glück!
"Ja, das stimmt," antwortete der alte Mann. "Woher wissen sie das?"
"Ihr Brief hat es mir verraten. Herr Hausmann, darf ich sie bitten, mir mitzuteilen, in welchem Verhältnis sie zu Frau Hilten standen? Waren sie mit ihr verwandt oder nur befreundet? Können sie mir Hinweise auf eventuell noch lebende Verwandte geben? Oder andere wichtige Dinge aus ihrer Vergangenheit? Alles könnte mir dienlich sein. Es geht um einen - so viel darf ich sagen - nicht unerheblichen Nachlass."
Friedrich Hausmann konnte vor Überraschung nichts mehr sagen und Beatrice Moser sprach weiter: "Es wäre nett, wenn sie alles kurz aufschreiben würden und mir dieses zusammen mit noch vorhandenen Unterlagen schicken könnten. Selbstverständlich erhalten sie alles zurück und sie können auch gerne hier anrufen und sich von meiner Legitimation überzeugen. Ich werde Ihnen jetzt meine Adresse geben und dann können sie in Ruhe überlegen." Die Beamtin fragte sich, ob sie den Mann jetzt überfordert hatte, immerhin war er zweiundachtzig. "Haben sie etwas zu schreiben bei der Hand?"
"Bitte einen Moment, sofort," vernahm sie Hausmann. Der alte Mann griff Block und Kuli, die immer beim Telefon lagen. "Bitte, ich höre!"
"Also, richten sie ihr Schreiben bitte an das Kantonalgericht Zürich, Frau Beatrice Moser, ich buchstabiere M O S E R, Hubenstraße 2, CH-8057 Zürich. Haben sie alles notieren können, Herr Hausmann?" Beatrice Moser hatte selbst für eine Schweizerin, sehr langsam und deutlich gesprochen.
"Ich habe alles aufgeschrieben, Frau Moser und werde mich sofort an die Arbeit machen."
"Wenn ich noch weitere Fragen habe, darf ich mich an sie wenden?"
"Selbstverständlich! Ich freue mich, wenn ich Ihnen helfen kann. Als Rentner hat man ja nicht mehr so viele interessante und aufregende Aufgaben und wir haben auch keine Kinder." Friedrich Hausmann hatte seine Überraschung langsam überwunden.
"Vielen Dank und auf Wiederhören!" beeilte sich Beatrice das Telefonat zu beenden.
"Auf Wiedersehen!" verabschiedete sich Hausmann.
Seine Frau, die nur seinen Teil des Gespräches mitbekommen hatte, fragte immer noch zitternd vor Aufregung: "Sollst du tatsächlich etwas erben?"
Er versuchte sie zu beruhigen und erzählte ihr, dass es um eine nicht unerhebliche Erbschaft gehe und dass man bisher kein Testament gefunden hatte. Man war auf der Suche nach Verwandten und durch einen Brief auf ihn gestoßen. Nachdem er alles ausführlich berichtet hatte, beschlossen sie, gemeinsam die alten Unterlagen und Fotos durchzusehen.
Insgeheim machte er sich schon Hoffnungen, denn verwandt war er mit ihr gewesen. Zwar um mehrere Ecken, wie mansosagte, aber verwandt. Allerdings musste es da noch andere geben, die für eine Erbschaft in Frage kamen. Auf jeden Fall seine beiden Stiefschwestern. Also waren sie schon drei. Sie hatten eine gemeinsame Mutter, die nach dem Tode seines Vaters einen Adeligen geheiratet hatte und deshalb mit ihren Verwandtschaftsverhältnissen im Gotha, dem deutschen Adelskalender, stand. Er hatte sich immer schon mit der Familienchronik beschäftigt und es würde nicht allzu schwierig, im Falle Helene Hilten fündig zu werden.
Seine Frau, Lieselotte Hausmann, von den meisten wurde sie Lieschen genannt, hatte unterdessen eine Kiste voller Fotos und eine mit Briefen und ähnlichem auf den Wohnzimmertisch gestellt. Er besorgte etwas zu trinken.
Sie verstanden sich nach so vielen Ehejahren, letztes Jahr hatten sie die Goldene Hochzeit gefeiert, auch ohne viele Worte und beide freuten sich darauf, in der Vergangenheit zu wühlen.
Sie griff sich gleich die Fotokiste. Wie gerne schaute sie sich alte Bilder an und schwelgte in Erinnerungen. Die meisten Bilder kannte sie und wusste die Personen zuzuordnen. Oft stand auf der Rückseite ein kleiner Hinweis wie Datum, Personen, Anlass oder Ort. Während Friedrich Hausmann im Gotha und den Briefen blätterte, hatte Lieschen die ersten Fotos durchsucht und zeigte ihrem Mann eines auf dem eine junge Frau neben einem Auto stand.
"Ist das nicht die Helene?" fragte sie und hielt ihrem Mann ein Foto hin, das dem, welches Beatrice Moser bei ihren Fotos ebenfalls aufgefallen war, sehr ähnlich war.
"Richtig, das ist Helene. Ja, das waren noch Zeiten." Alte Menschen haben meist ein gutes Langzeitgedächtnis und können sich, wenn es um frühere Jahre geht, oft an viele Details erinnern. "Das war 1936. Helene hatte den Wagen von ihren Eltern zur Hochzeit geschenkt bekommen. Das ist ein Mercedes Benz 500 K Cabriolets. Zweisitzer und hinten hat er noch eine Klappe, da kann man den berühmten Schwiegermuttersitz heraus klappen. Das war der erste Serienwagen mit Kompressor, die gab es vorher nur bei Rennautos und dafür steht das K. Sie bekam einen der ersten - und damals brauchte man verdammt gute Beziehungen, um überhaupt so ein Auto zu bekommen. Ich glaube, sie hatte sogar eine extra Anfertigung, denn nur ihres war in Weiß. Das war eine Schau, damals."
Lieschen hatte den technischen Kram nicht so ganz verstanden, aber sie interessierte sich auch nicht so für Autos. Hauptsache sie fuhren, alles andere war Männersache.
