Die Frau aus Oslo - Kjell Ola Dahl - E-Book

Die Frau aus Oslo E-Book

Kjell Ola Dahl

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8,99 €

Beschreibung

Oslo, 1942. Die Stadt ist von den Nazis besetzt. Die Jüdin Esther kämpft im Widerstand - bis sie verraten wird. In letzter Sekunde gelingt ihr die Flucht nach Schweden. Ihre Familie jedoch wird deportiert. In Stockholm trifft Esther den Widerstandskämpfer Gerhard Falkum, der ebenfalls aus Oslo geflohen ist. Er steht unter Mordverdacht an seiner Frau. Ein Verdacht, der nie ausgeräumt werden kann und Esther Jahrzehnte später noch beschäftigt. Denn zurück in Oslo will sie herausfinden, wer ihre Familie damals in den sicheren Tod geschickt hat ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 538




Inhalt

CoverÜber das BuchÜber den AutorTitelImpressumMottoOslo, August 2015IOslo, Oktober 1942IIIIIIIVVVIVIIOslo, Oktober 1942IIIIIIIVVOslo, November 1967IOslo, Oktober 1942IIIIIIIVOslo, November 1967IIIIIIStockholm, Dezember 1942IIIIIIIVVVIVIIOslo, Oktober 1967IIIIIIIVStockholm, Dezember 1942IIIOslo, November 1967IIIIIIStockholm, Dezember 1942IIIIIIOslo, November 1967IIIStockholm, Dezember 1942IOslo, November 1967IIIIIIStockholm, Dezember 1942IIIOslo, November 1967IIIIIIStockholm, Dezember 1942IIIOslo, November 1967IIIIIIIVVStockholm, Dezember 1942IOslo, November 1967IIIStockholm, Dezember 1942IIIOslo, November 1967IStockholm, Dezember 1942IOslo, November 1967IIIStockholm, Dezember 1942IOslo, November 1967IStockholm, Dezember 1942IIIFagernes, November 1967IIIStockholm, Dezember 1942IIIFagernes, November 1967IIIOslo, November 1967IIIOslo, November 1967IIIOslo, November 1967IIIIIIOslo, November 1967IIIIIIIVOslo, August 2015IOslo, November 1967IIIIIIOslo, November 1967IIIIIIIVOslo, November 1967IIIIIIOslo, November 1967IIIIIIIVOslo, August 2015I

Über das Buch

Oslo, 1942. Die Stadt ist von den Nazis besetzt. Die Jüdin Esther kämpft im Widerstand – bis sie verraten wird. In letzter Sekunde gelingt ihr die Flucht nach Schweden. Ihre Familie jedoch wird deportiert. In Stockholm trifft Esther den Widerstandskämpfer Gerhard Falkum, der ebenfalls aus Oslo geflohen ist. Er steht unter Mordverdacht an seiner Frau. Ein Verdacht, der nie ausgeräumt werden kann und Esther Jahrzehnte später noch beschäftigt. Denn zurück in Oslo will sie herausfinden, wer ihre Familie damals in den sicheren Tod geschickt hat …

Über den Autor

Kjell Ola Dahl, 1958 in Norwegen geboren, schreibt seit einigen Jahren mit großem Erfolg Kriminalromane, seinen Beruf als Lehrer hat er dafür aufgegeben. Für Sommernachtstod erhielt er 2001 in Norwegen den angsehenen »Riverton-Preis«, Skandinaviens beste Krimiauszeichnung. Seine Kriminalromane werden in eine Vielzahl von Sprachen übersetzt und erscheinen in zahlreichen Ländern. Mit seiner Frau und seinen Kindern lebt er in Askim, unweit Oslos.

KJELL OLA

DAHL

Die Frau          aus Oslo

Kriminalroman

Übersetzung aus dem Norwegischenvon Thorsten Alms

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

This translation has been published with the financial support of NORLA

Der Verlag dankt NORLA herzlich für die Unterstützung.

Titel der norwegischen Originalausgabe:

»Kureren«

 

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2015 by Gyldendal Norsk Forlag

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Svenja Dieken, Köln

Umschlaggestaltung: © Rudy Bagozzi/shutterstock.com; Tom Hooliganov/shutterstock.com; © Mark Owen/Trevillion Images

Einband- / Umschlagmotiv: Johannes Wiebel | punchdesign, München

eBook-Erstellung: Dörlemann Satz, Lemförde

ISBN 978-3-7325-7209-0

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

 

 

Die Rache ist ein treuloser Diener

Oslo, August 2015

I

Turid schaltet das Radio aus. Sie genießt die Stille und legt die Hand auf das Tischtuch, auf das die Morgensonne, die durch das Fenster fällt, ein Viereck zeichnet. Die Hand wird warm. Sie spürt gerne solche Dinge. Robert hat die Zeitungen auf den Tisch gelegt. Sie zieht die Aftenposten zu sich heran. Beginnt zu blättern. Durch die Nachrichtenseiten, Reisereportagen und die Artikel über neue Fernsehserien.

Ein Artikel über interessante Funde auf Auktionen zieht ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie betrachtet das Foto und liest ein Stück des Textes: »Es gibt noch Schätze in norwegischen Auktionshäusern zu entdecken. Das hier abgebildete, einzigartige Armband wird auf mehrere Hunderttausend Kronen geschätzt.« Erneut betrachtet sie das Foto. Turid richtet sich auf, nimmt die Brille ab, putzt sie mit dem Ärmel und setzt sie wieder auf. Dann liest sie weiter: »Auktionatorin Guri Holter kann den Stolz nicht verbergen, den sie darüber empfindet, eine solche Kostbarkeit anbieten zu können. Man erwartet, dass der Schätzpreis für den Schmuck weit überschritten werden wird. ›Wir haben bereits seriöse Angebote bekommen‹, sagt Holter.«

Das ist doch Wahnsinn, denkt Turid. Der Preis ist die eine Sache, aber dass es überhaupt verkauft wird!

Es ist achtundvierzig Jahre her, dass sie das Armband zuletzt gesehen hat. Damals hatte sie es am Handgelenk getragen.

Turid erhebt sich vom Küchenstuhl. Sie schaut auf die Uhr, die über dem Herd an der Wand hängt. Es ist mittlerweile zehn Uhr vormittags. Sie wendet sich zum Fenster und schaut hinaus. Draußen sieht sie Robert, der über ein Blumenbeet gebeugt vor dem Goldregen am Zaun steht. Sie ist aufgewühlt, trotzdem möchte sie Robert nichts davon erzählen, noch nicht. Sie geht die Treppe hinauf zu ihrem kleinen Arbeitsraum, in dem der Rollschrank steht, der zwischen der Wand und dem Schreibtisch eingeklemmt ist. Robert beklagt sich immer, dass sie nie etwas wegwirft. Nun ja, sagt sich Turid. Mal schauen, ob diese Schwäche nicht auch von Vorteil sein kann. Sie braucht nur wenige Minuten, um die Dokumente zu finden, nach denen sie gesucht hat.

Dann wirft sie einen kritischen Blick in den Spiegel und denkt, dass sie so nicht in die Stadt gehen kann.

Eine halbe Stunde später verlässt sie das Haus und begegnet Robert an der Tür, was sie gerne vermieden hätte. Normalerweise kehrt er durch die Terrassentür ins Haus zurück, wenn er im Garten gearbeitet hat. Aber diesmal hatte er wohl entschieden, ums Haus herumzugehen. Seine Arbeitshandschuhe sind voller Erde, und er wischt sich mit dem Unterarm über die Wange. »Gehst du aus?«

»Ein kleiner Ausflug in die Stadt«, sagt sie.

»Hast du schon wieder SMS-Reklame mit Sonderangeboten bekommen?«

Sie lächelt und nickt. »Weihnachtsgeschenke, Robert. Wollunterwäsche im Ausverkauf.«

Er schüttelt ungläubig den Kopf und geht ins Haus.

Turid geht zur Haltestelle der U-Bahn. Sie ärgert sich über sich selbst, weil sie Robert in solchen Situationen belügt. Aber mit einer kurzen Erklärung hätte er sich ohnehin nicht zufriedengegeben. Er hätte angefangen, Fragen zu stellen, und sie hat keine Antworten. Also möchte sie die Fragen lieber nicht hören.

Als sie ein paar Bekannte sieht, die auf dem Bahnsteig warten, wird ihr bewusst, dass sie lieber allein wäre. Sie überquert die Gleise und geht zu dem einsamen Taxi, das am Taxistand wartet. Sie öffnet die hintere Wagentür und steigt ein. Der Fahrer faltet die Zeitung zusammen, in der er gelesen hat, und schaut sie fragend im Rückspiegel an. »Ich möchte zur Tollboden«, sagt sie und schaut auf ihr Handy, wo sie die Adresse notiert hat. »Das liegt in der Tollbugaten.«

Die Auktionatorin Guri Holter ist zwischen vierzig und fünfzig und trägt ein graues Wollkleid, das angesichts der Pfunde, die sie zu viel auf den Hüften hat, ein bisschen zu eng anliegt. Um den Hals hat sie sich einen rosa Schal aus Kunstseide geschlungen. Sie wollte sicher einen Farbakzent setzen, denkt Turid.

Ihrer Meinung nach ist das eine falsche Entscheidung. Rosa ist zu aufdringlich. Der Schal schreit förmlich, dass er Doppelkinn und Halsfalten verbergen soll. Guri Holter hat struppige Haare und trägt einen Pony. Das ist bestimmt modern, denkt Turid. Guri Holter wirkt außerordentlich modern. An ihren Fingern trägt sie Ringe mit großen, unförmigen Steinen. Modeschmuck. Turid betrachtet Guri Holters lange, rund gefeilte Nägel, die in dem rosa Farbton des Schals lackiert sind. Eine akkurate Person mit Sinn für Details, denkt Turid.

In dem großen Saal mit der hohen Decke hallen alle Geräusche wider, auch das der Tür, die hinter ihnen zuschlägt. Turids Absätze klappern auf dem Boden, als wäre sie ein frisch beschlagenes Pferd, das über Kopfsteinpflaster trabt. Das Geräusch eines Presslufthammers dröhnt von draußen durch ein gekipptes Fenster herein. Als wäre ihr derselbe Gedanke gekommen, schließt Guri Holter das Fenster und fragt, ohne sich zu ihr umzudrehen, wie sie ihr helfen könne.

Turid erklärt ihr, dass es um das Armband gehe, das in der Aftenposten abgebildet sei.

Turid könne übers Internet oder per Telefon bieten, erwidert Guri Holter.

Turid schüttelt den Kopf. »Das Armband ist gestohlen. Es ist Diebesgut. Sie können keine Sachen verkaufen, die anderen gehören.«

Guri Holter schweigt. Sie wirft ihr einen ernsten und fragenden Blick zu.

Turid öffnet ihre Tasche und reicht ihr die Papiere.

Doch Guri Holter nimmt sie nicht entgegen. Sie schaut von den Papieren zu Turid auf. »Ich verstehe nicht. Was wollen Sie damit andeuten?«

»Die Anzeige. Ich habe den Schmuck Ende der Sechzigerjahre als gestohlen gemeldet. Ich habe keine große Hoffnung gehegt, ihn wiederzubekommen, aber ich habe Anzeige erstattet, um für eine Situation wie diese gewappnet zu sein.« Turid wedelt mit den Papieren, um die Frau dazu zu bewegen, sie entgegenzunehmen. »In den Dokumenten finden Sie eine detaillierte Beschreibung. Auch von den Gravuren.«

Guri Holter betrachtet die Papiere erneut, ohne sie an sich zu nehmen. Nachdenklich sieht sie auf. »Ich kenne mich mit solchen Dingen nicht aus«, sagt sie. »Wenn Sie möchten, dass wir dieses Objekt von der Auktion zurückziehen, dann sollten Sie sich vielleicht an die Polizei wenden.« Sie denkt nach. »Oder einen Anwalt hinzuziehen.«

Turid schaut sie müde an. Überlegt, ob sie es ihr erzählen soll, ob sie Guri Holter in Verlegenheit bringen und ihr sagen soll, dass sie selbst Anwältin ist. Im Ruhestand zwar, aber trotzdem. Turid beschließt zu schweigen. Macht sich stattdessen Gedanken darüber, wie sie am klügsten vorgehen könnte. Sie hat ihre Ansprüche angemeldet. Sollte sie hier und jetzt die Rückgabe des Armbands verlangen? Nein. Das würde nur hysterisch wirken. Guri Holter sollte sich ruhig erst selber ein bisschen mit dem Fall vertraut machen dürfen.

»Doch«, sagt Guri Holter, »ein Anwalt wäre vielleicht das Beste. Ich weiß eigentlich nicht, was die Polizei in einer solchen Angelegenheit unternehmen könnte. Eine derartige Situation habe ich bislang noch nie erlebt. Und Sie behaupten, dass der Schmuck Ihr Eigentum ist? Haben Sie ihn gekauft?«

Turid schüttelt den Kopf. »Es ist ein Erbstück. Eines der wenigen Dinge, die mir meine Mutter hinterlassen hat.«

Sehr viel mehr kann Turid im Moment nicht dazu sagen. Aber sie weiß, dass sie der Sache auf den Grund gehen will. Und sie möchte den Verkauf verhindern. Die beiden Frauen schauen einander lange an. Schließlich ergreift Guri Holter noch einmal das Wort. »Ich glaube, Sie sollten am besten einen Anwalt hinzuziehen. Ich werde die Angelegenheit mit der Geschäftsführung besprechen, und dann werden wir in den nächsten Tagen Kontakt zu Ihnen aufnehmen.«

Turid sieht die Frau an und hat dasselbe Gefühl wie bei ihrem Hausarzt, wenn sie ihm von ihren Schwindelanfällen berichtet. Der Arzt glaubt ihr nicht. Der Arzt redet ihr nach dem Mund. Diese Frau glaubt ihr nicht. Guri Holter redet ihr nach dem Mund. Guri Holter möchte sie hinauskomplimentieren, aus dem Saal, aus dem hässlichen Gebäude. Turid hält ihr erneut die Papiere hin, aber Guri Holter hebt abwehrend die Hände.

»Ich weiß nicht …«

»Nehmen Sie sie. Dann haben Sie auch meinen Namen und meine Adresse.«

Guri Holter nimmt die Papiere, und Turid dreht sich wortlos um. Sie denkt an ihre Mutter und das ganze Unrecht, das nie wiedergutgemacht worden ist. Während sie langsam, Stufe für Stufe, die Treppe hinuntergeht, weiß sie, dass sie sich entschieden hat. Dieses Mal wird sie gewinnen. Für ihre Mutter. Draußen bleibt sie stehen und blinzelt in das grelle Licht. Sie schlendert zum Ostbahnhof, geht hinein und findet einen freien Tisch. Sie öffnet ihr Telefonbuch im Handy. Sie kennt nur eine Person, die in einer Angelegenheit wie dieser etwas bewegen kann. Sie ruft Vidar Føyn an. Als er sich meldet, hört sie, dass er im Auto unterwegs ist.

Er spricht sehr laut und klingt beinahe euphorisch. Turid fällt ein, dass heute Freitag ist. Wahrscheinlich ist Vidar auf dem Weg zu seinem Wochenendhaus auf Tjøme.

»Ein Schmuckstück? Kannst du das nicht mit jemandem aus dem Vorzimmer klären, Turid?«

Aber Turid bleibt hartnäckig. Sie besteht darauf, dass Vidar sich der Sache annimmt. »Es geht um meine Mutter.«

Vidar lacht schallend. »Welche deiner Mütter, Turid?«

»Meine biologische Mutter, Vidar. Die, die ermordet wurde.«

Oslo, Oktober 1942

I

Das Vorderrad landet in der Gleisrille der Straßenbahn. Sie dreht am Lenkrad, aber es ist zu spät. Sie wird stürzen. Das Vorderrad folgt dem Gleis, bis das Fahrrad kippt. Ester springt ab und läuft ein paar Schritte, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Sie rutscht aus und landet beinahe auf dem Hintern, kann sich aber gerade noch auf den Beinen halten, während das Fahrrad gegen die Bordsteinkante scheppert. Das muss vollkommen idiotisch ausgesehen haben, denkt Ester. Die Stille in ihrem Rücken sagt ihr, dass alle Leute, die an der Haltestelle warten, sie beobachten. Ohne aufzuschauen oder jemanden anzusehen, klopft Ester sich den Staub von der Kleidung.

Da sieht sie, wie jemand ihr Fahrrad aufrichtet. Grüner Ärmel. Uniform. Ein Soldat. Als er sich bückt, zeigt der Gewehrlauf über seiner Schulter direkt auf sie. Esters Blick wird von dem runden Loch im Gewehrlauf angezogen. Der Soldat sagt etwas, aber sie ist zu abgelenkt, um seine Worte zu verstehen. Endlich richtet er sich wieder auf, sodass auch der Gewehrlauf wieder nach oben zeigt. Sie nimmt das Fahrrad entgegen und bedankt sich, erst auf Norwegisch, dann auf Deutsch und schließlich auch auf Englisch. Ihre letzten Worte scheint der Soldat lustig zu finden. Er sagt auf Deutsch: »Sehen Sie nicht, dass ich Deutscher bin?« Er lacht. Es ist ein putziges Lachen. Der breite Mund hustet kurze Pfeiflaute aus, wie ein quietschendes Rad. Er sieht nett aus. Unschuldig, denkt sie. Ein bisschen dumm. Wenn er wüsste, auf wen er seine Galanterie verschwendet hat.

Sie setzt den linken Fuß auf das Pedal, stößt sich ab, setzt sich auf das Fahrrad, ohne sich umzuschauen. Nähert sich der Kreuzung am Parkveien, bremst für den Fall, dass Autos kommen. Keines zu sehen. Sie biegt nach links ab, tritt in die Pedale, muss bremsen, weil ein Mann über die Straße läuft, bevor sie mit Wind im Haar in die Sven Bruns gate hineinfährt. Sie bremst in der Abfahrt. Senkt die Geschwindigkeit, um die Rechtskurve in die Pilestredet zu meistern. Die Wolkendecke bricht auf, und die Sonne scheint ihr ins Gesicht. Niedrige Sonne, Oktobersonne. Sie wirft einen raschen Blick auf ihren Rock. Ein Fleck. Sie rafft den Stoff zusammen. Die Beine werden bis über die Knie entblößt. Ein mehrstimmiges Pfeifen ertönt. Sie dreht den Kopf. Entdeckt zwei deutsche Soldaten, die an der Ecke stehen und johlen. Sie verliert beinahe wieder das Gleichgewicht, kann sich aber fangen und lässt den Rock wieder fallen. Noch mehr Pfiffe. Sie fährt in den Hinterhof. Bremst. Steigt vom Fahrrad. Lehnt es an die Wand. Atmet durch und lauscht. Sie zählt lautlos bis zehn. Haufen von nassem Laub liegen im Hof, und es riecht nach verbranntem Koks. Eine Elster springt von einem Mülltonnendeckel zum nächsten, schlägt mit den Flügeln und verschwindet. Ester hält die Luft an, damit ihr kein Geräusch entgeht. Aber im Eingang rührt sich nichts, keine Schritte sind zu hören. Im Hof ebenfalls nicht. Sie sieht sich kurz um und geht zum nächsten Mülleimer und dem Ziegelstein, der dahinter an der Mauer liegt. Sie hält die Luft an, um dem Gestank zu entkommen. Schnell zieht sie ihren Schuh aus, holt die Papiere heraus und versteckt sie unter dem Ziegelstein. Dann schlüpft sie wieder in den Schuh und verlässt so schnell wie möglich den Hinterhof.

Ester muss jetzt kräftig in die Pedale treten. Sie hätte direkt zum Kirkeristen fahren sollen, statt zuerst die Papiere abzuliefern. Dafür hätte sie noch den ganzen Tag Zeit gehabt. Aber der Hinterhof an der Pilestredet lag ja praktischerweise auf dem Weg, und es war nur ein kurzer Halt. Doch jetzt kommt die Angst. Die Befürchtung, nicht mehr genug Zeit zu haben. Es sind nur wenige Leute auf der Straße. Es ist früh, aber vielleicht nicht früh genug. Überall sieht Ester Uhren. Vor Uhrmachergeschäften, an Kirchtürmen. Die Freia-Uhr. Sie versucht an etwas anderes zu denken. Radelt die Apotekergata hinauf und biegt in Richtung Stortorget ab. Bald rast sie auf die Domkirche zu. Auch hier wird ihr Blick von der Turmuhr angezogen. An der Ecke vor dem Kaufhaus Glasmagasinet springt sie vom Rad, schaut in beide Richtungen und schiebt das Fahrrad neben sich her über die Straße. Sie hält abrupt inne, als sie uniformierte Männer vor dem Geschäft sieht. Eine knappe Sekunde bleibt sie stehen, dann geht sie weiter. Schiebt das Fahrrad an den Schaufenstern entlang, langsam, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Zieht die Handbremse an, als es bergab geht. Einer der Uniformierten klebt ein Plakat auf das Schaufenster. Er wischt mit der Handfläche darüber und scheint zufrieden mit seiner Arbeit. Geht zur Seite.

Jüdisches Geschäft.

Ester kneift die Augen zusammen und liest das Plakat noch einmal. Und noch einmal. Plötzlich dringen laute Rufe aus dem Geschäft. Ein Mann in Zivilkleidung – es ist ihr Vater – wird auf die Straße gezerrt. Männer in schwarzer Uniform ziehen ihn hinter sich her. Ester bleibt stehen und schaut zu. Sie rufen auf Norwegisch. Bitten ihn, ruhig zu bleiben, obwohl er sich gar nicht wehrt. Er sieht verloren aus. Seine Jacke ist offen und sein Kopf unbedeckt, er hält den Hut in der Hand. Er stolpert, als der Polizist ihn loslässt. Fällt auf die Knie, steht aber wieder auf und versucht, sich den Dreck von den Knien zu klopfen. Der andere Polizist packt ihn wieder und schiebt ihn in den Laderaum des Polizeiautos, das am Straßenrand steht. Die hintere Wagentür knallt zu. Als wäre er von einem eisernen Maul verschlungen worden.

Ester sieht einen Teil des Gesichts ihres Vaters durch das Gitterfenster. Den Haaransatz, die Locke, die über die Stirn und auf die Brille fällt. In diesem Moment entdeckt er sie. Ihre Blicke begegnen sich. Seine Hand umklammert das Gitter am Türfenster. Sie schließt die Augen und bereut, dabei zugesehen zu haben. Sie hätte ihm die Demütigung lieber erspart.

Deshalb hört sie zuerst nicht, dass der Polizist etwas ruft. Der schwarz gekleidete Mann zeigt in ihre Richtung. Sie versteht nicht. Nimmt eine Hand vom Lenkrad, deutet auf sich selbst. Ich?

»Ja, du!«

Ester ist wie gelähmt. Sie steht wie angefroren da und ist zu nichts anderem in der Lage, als den mit den Armen fuchtelnden Mann anzustarren. Dann versteht sie.

»Sieh zu, dass du wegkommst!«

Das Polizeiauto muss zurücksetzen, und sie steht im Weg.

Mit gesenktem Kopf schiebt sie das Fahrrad auf den Bürgersteig. Die Schutzbleche klappern. Das Auto fährt Richtung Ostbahnhof, biegt ab und verschwindet. Sie wirft einen Blick über die Schulter. Vor dem Geschäft steht immer noch eine kleine Gruppe Polizisten. Einer von ihnen vertreibt Schaulustige. Ein anderer verriegelt die Eingangstür mit einer Kette und einem Vorhängeschloss. Der Dritte malt mit weißer Farbe auf die Tür: Geschlossen (Jude).

Ester schiebt das Fahrrad über die Torggata. Bleibt stehen. Sie hat keine Ahnung, wohin sie geht. Ein Fußgänger hinter ihr läuft beinahe in ihr Fahrrad, flucht und geht an ihr vorbei. Ester sieht sich um. Die Welt sieht immer noch genauso aus wie vorher. Leute strömen über die Bürgersteige. Eine Frau fegt vor dem Eingang zur Christiania Dampkjøkken. Der Friseur stellt sein Schild vor die Eingangstür. So ist es also, wenn man stirbt, denkt sie. Man ist weg, und die Welt kümmert es nicht. Man stirbt, und jemand isst eine Brezel. Mit den Händen am Fahrradlenker geht sie weiter und sie spürt nichts, außer dass sie friert. Sie lehnt das Fahrrad an ihre Hüfte, lässt den Lenker los. Ihre Hände zittern. Sie steht vor dem Kiosk mit der Dachwerbung für Tenor-Halspastillen. Eine ältere Frau mit Einkaufsnetz kommt aus der Passage unter dem Folketeateret. Ester nimmt die kräftige Gestalt aus den Augenwinkeln wahr. Sie kommt ihr bekannt vor. Der wiegende Gang, der ausgestreckte Arm, mit dem sie das Gleichgewicht zu halten scheint, während sie geht, und der lustige Hut. Es ist Ada, die auf Esters Flur gegenüber wohnt.

Ada packt sie am Arm und sagt, dass Ester nicht nach Hause gehen dürfe. Ester antwortet automatisch. Sie weiß es. Sie war da, als sie am Morgen kamen. Ada sieht sich um, geht sicher, dass niemand lauscht. »Kannst du irgendwo bleiben«, flüstert sie, »wo die Polizei dich nicht findet?«

Ester denkt nach, nickt. »Ich glaube schon.«

Ada nimmt sie in die Arme. Ihr Körper ist groß und weich. Durch die Umarmung kann Ester ihr Fahrrad nicht mehr halten. Es kippt um, und sie muss sich bücken, um es wieder aufzurichten. Sie nickt ein weiteres Mal und versichert: »Ich weiß, wo ich hingehen kann.«

II

Es scheppert, während sie in die Pedale tritt. Die Steigung in der Uelands gate wird immer steiler, aber Ester bleibt auf dem Sattel sitzen. Strampelt kräftig mit beiden Beinen. Sie nähert sich dem Lager mit den Lastkraftwagen und den deutschen Soldaten. Sieht hinunter auf das Vorderrad und das Schutzblech, das sich verzogen hat. Die Pedale schrammen mit jedem Tritt über eine Beule am Kettenschutz. Bis jetzt hat sie die gar nicht bemerkt. Sie muss auf dem Youngstorget entstanden sein, als Ada sie umarmt hat und das Fahrrad umgefallen ist. Ihr ist warm. Die Steigung ist anstrengend. Sie wird immer langsamer. Aber sie will nicht absteigen, will nicht vor den Soldaten stehen bleiben.

Schließlich ist sie oben, jetzt geht es leichter. Sie fährt an der Ulvetrappen, der monumentalen Steintreppe, vorbei. Die Bäume im St. Hanshaugen Park haben rote Kronen. Sie biegt nach links ab. Noch eine Steigung. Dann geht es wieder bergab. Sie schiebt ihr Fahrrad in den Hof.

Sie geht die Treppe hinauf und klopft an die Tür einer Wohnung im zweiten Stock. Dreimal schnell hintereinander, dann eine kleine Pause, einen kurzen Schlag, dann drei Schläge mit längeren Unterbrechungen.

Hinter der Tür ist es vollkommen still.

Schließlich hört man das Drehschloss, die Tür wird geöffnet. Dahinter steht Åse mit dem Kind auf dem Arm. »Es ist Ester«, sagt Åse über die Schulter und hält die Tür offen.

An einem anderen Tag hätte Ester Babysprache gesprochen, der kleinen Turid in die Wange gekniffen und sie unter dem Kinn gekitzelt. Aber nicht heute. Ester tritt ein und zieht die Schuhe aus.

»Ester?«

Sie weicht dem bekümmerten Blick ihrer Freundin aus und geht stattdessen in die Küche. Dort steht Gerhard. Er will anscheinend gerade aufbrechen, trägt Kniehosen und einen Wollpullover.

Gerhard holt einen Stapel Zeitungen aus dem Schrank, die aussehen, als wären sie gerade erst hineingestopft worden. »Du hast uns ganz schön erschreckt«, sagt er und holt einen kleinen Koffer, legt ihn auf den Tisch und packt die Zeitungen hinein.

Ester nimmt sich ein Exemplar. Liest sie, ohne den Text wahrzunehmen. Stellt nur fest, dass die Zeitung anders aussieht als sonst. Es gibt keinen Titel auf der ersten Seite.

»Wo ist der Titel?«

»Sie haben beschlossen, ihn wegzulassen.«

»Warum?«

»Wegen der neuen Anordnungen. Todesstrafe.«

»Sie glauben, dass ich die Todesstrafe nicht so sehr riskiere, wenn ich die Zeitungen ohne Titel ausliefere?«

Gerhard zuckt mit den Schultern. »Wenn sie dich kriegen, hast du eine Ausrede. Du hättest keine Ahnung gehabt, mit welcher Zeitung du da herumrennst.«

Ester lässt sich auf einen Küchenstuhl fallen. Sie schaut zu Boden. Spürt immer noch, wie Åses Blick auf ihr liegt.

»Ester, was ist los?«

Sie atmet tief ein. »Sie haben meinen Vater geholt.«

Jetzt war es raus. Die Katastrophe verkündet.

In der Küche wird es ganz still.

»Die Deutschen?«, bricht Gerhard das Schweigen.

»Der Hird und die Polizei. Sie verhaften Juden. Sie sind heute Morgen an die Tür gekommen, um Papa zu holen, aber er war nicht da. Seit den ersten Zerstörungen hat er im Geschäft geschlafen. Ich bin schnell hingefahren, um ihn zu warnen, aber ich kam zu spät. Ich musste zusehen, wie sie ihn verhaften. Sie haben das Geschäft verriegelt. Mit einer Kette.«

Niemand sagt etwas. Die Stille, das Mitleid und die Hilflosigkeit gehen Ester langsam auf die Nerven.

»Sie werfen uns aus der Wohnung. Mama ist zu Papas Mutter gefahren, und ich kann nicht mehr in meiner eigenen Wohnung leben.«

Sie schauen sie ungläubig an.

»Das stimmt wirklich. Sie haben uns rausgeworfen. Jetzt ist es hier genauso wie in Deutschland.«

Åse gibt Gerhard das Kind. Sie geht in die Hocke und legt die Hände auf Esters Knie.

»Du kannst hier wohnen.«

Ester schüttelt den Kopf.

»Du kannst hier wohnen. Hier kennt dich niemand, keiner weiß, dass du einen Judenpass hast«, sagt Åse beharrlich.

Ester schüttelt den Kopf. »Dann kommen sie hierher und nehmen euch auch mit.« Es fühlt sich brutal an, so abweisend zu sein. Aber Ester und Åse wissen beide, dass es stimmt. Ester fügt hinzu: »Neben einem Lager voller Deutscher zu wohnen, wäre dazu noch ein nie endender Albtraum.«

»Du kannst zumindest hier bleiben, bis du weißt, was du machen willst.« Åse steht auf und nimmt das Kind wieder auf den Arm.

Gerhard schließt den Koffer mit den London-Nachrichten. Er bleibt stehen, die Hände auf dem Koffer, als wäre er in Gedanken versunken. Schließlich sagt er: »Es wäre schön, wenn du ein paar Tage bei Åse bleiben würdest, ich muss jetzt los.«

Ein paar Tage hier bleiben? denkt Ester. Und was ist mit den Tagen danach? Was ist mit dem Rest meines Lebens?

»Aber vielleicht könntest du die Tour morgen auslassen?«

Ester schüttelt den Kopf.

Åse mischt sich ein. »Ich kann an ihrer Stelle morgen den Koffer nehmen.« Sie wendet sich Ester zu. »Dann kannst du solange auf Turid aufpassen.«

»Nein, Åse. Mein Kontakt kennt dich nicht.«

»Ester hat recht«, sagt Gerhard. »Ihr Kontakt würde es für eine Provokation halten, wenn du oder jemand anderes dort auftaucht. Das hat keinen Sinn.«

Åse nickt einsichtig. »Aber du bleibst auf jeden Fall bis morgen hier, nicht wahr?«

Ester nickt. »Auf jeden Fall.«

Åse sagt, dass sie das Kind wickeln müsse.

Ester bietet ihr an, das zu übernehmen. »Dann kann ich an etwas anderes denken.«

Sie trägt Turid in das kleine Kinderzimmer, legt sie vorsichtig auf den Wickeltisch. Die Kleine lächelt sie an. Ihre Füße strampeln unbeholfen in der Luft, während ihre winzigen Finger sich an Esters Zeigefinger klammern. Die Kleine ist kitzelig. Das Baby zieht lustige Grimassen, die in einem glücklichen Kreischen enden.

Die Windel ist hart und feucht. Ester nimmt sie ab und holt eine neue aus dem Regal unter dem Tisch. Streut Talkumpuder über den Po und packt ihn wieder ein. Sie hört Åse und Gerhard draußen flüstern.

Ester zupft an der Hand der Kleinen, und das Kind lächelt sie zahnlos an.

Ungewollt hört Ester zu. Die Stimmen draußen sind schärfer geworden.

Sie streiten sich über mich, denkt sie, und plötzlich bereut sie, dass sie gekommen ist und ihre Probleme diesen beiden aufgeladen hat, die eigentlich genug mit sich selbst zu tun haben.

Dann wird es wieder still.

Bis Åse versucht, mit normaler Stimme weiterzusprechen. Als würde sie Theater spielen, denkt Ester, der die meisten Tonlagen ihrer Freundin vertraut sind. Åse fragt, ob Gerhard wisse, wann er zurückkomme, und Gerhard antwortet mit unnatürlicher Stimme, sie wisse ganz genau, dass sie ihn danach nicht fragen dürfe. Danach schlägt die Tür mit einem lauten Knall zu und man hört, wie Gerhard die Treppe hinuntergeht.

Ester ist fertig, aber sie ist sich nicht sicher, ob sie das Zimmer schon verlassen sollte. Die Stille vor der Tür erscheint ihr sehr privat. Als sie die Tür schließlich öffnet, läuft der Wasserhahn in der Küche, und Åse hat ihr den Rücken zugewandt. Ester vermutet, dass sie geweint hat und sich jetzt das Gesicht wäscht.

Ester lässt ihre Freundin in Ruhe. Geht ins Wohnzimmer, legt Turid auf den Teppich und nimmt die Rassel, die dort liegt. Schüttelt sie über dem freundlichen Gesicht. Plötzlich nimmt sie eine Bewegung an der Tür wahr. Dort steht Åse und schaut ihnen müde und geistesabwesend zu.

Ester fragt, ob Åse eigentlich von den Deutschen in Ruhe gelassen würde, wenn sie die Straße entlanggeht, ob sie überhaupt ungestört durch die Straßen gehen könne.

»Wieso fragst du das?«

»Weil du die schönste Frau bist, die ich kenne. Ich glaube, die Deutschen haben das Land nur besetzt, um dich zu fangen.«

Sie schauen einander an. Åse bringt ein trauriges Lächeln zustande, bevor sie zu ihnen hineinkommt.

III

Als sie endlich Geräusche aus der Küche hört, zieht Ester an der Schnur und lässt los. Die Feder wickelt das Verdunkelungsrollo mit einem abschließenden Knall auf. Aber das Zimmer wird nicht heller. Draußen ist es immer noch grau, weder Nacht noch Tag. Ein Morgen im Oktober. Sie schwingt die Beine aus dem Bett. Bleibt eine Weile sitzen und starrt in die Luft, bevor sie aufsteht, die Kleider auf dem Sessel einsammelt und in die Küche geht.

Åse sitzt am Küchentisch und stillt Turid.

»Gut geschlafen?«

»Leider nicht, ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan.« Ester geht zum Ausgussbecken und füllt ein Glas mit Wasser. Sie setzt das Glas ab und starrt an die Wand. Möchte nicht das sagen, was am schwierigsten auszusprechen ist, dass sie auf dem Weg eine Pause gemacht hat, dass sie den Kirkeristen möglicherweise früher hätte erreichen können, dass vielleicht alles anders gekommen wäre, wenn sie nicht ständig alles falsch machen würde. Aber dann spürt sie Åses Blick auf sich. »Was ist?«

»Du bist ja ganz weg, hast du gar nichts gehört?«

»Was gehört?«

»Ich hab gesagt, dass ich den Ersatzkaffee warm gemacht habe.«

Ester lächelt, lehnt aber dankend ab. »Du weißt ja, dass ich nicht einmal echten Kaffee besonders mag.«

Sie hat den Blick ihres Vaters durch die Gitterstäbe der Eisentür vor Augen, dasselbe Bild, das sie die ganze Nacht heimgesucht hat.

Åse reicht ihr einen Krug. Er ist mit warmem Wasser gefüllt. Ester nimmt den Krug mit zurück in ihr Zimmer und zum Waschbecken in der Ecke. Sie betrachtet sich in dem schmalen Spiegel, der an die Wand gelehnt auf der Kommode steht. Sie wärmt die Hände im warmen Wasser, benetzt ihr Gesicht und wünscht sich, sie hätte ihre Zahnbürste dabei. Sie versinkt wieder in Gedanken, reißt sich aber zusammen. Zieht sich die Wollstrümpfe, den Rock, die Bluse und den Pullover an.

Als sie sich danach am Küchentisch gegenübersitzen, sagt sie, dass es auch sein Gutes habe, wach zu liegen und nachzudenken.

Åse sieht sie mitfühlend an. »Was, glaubst du, haben sie vor?«

Ester setzt eine verständnislose Miene auf. Sie möchte am liebsten nicht darüber sprechen.

»Mit deinem Vater.«

Ester hat keine Lust, Spekulationen anzustellen. Vielleicht erstatten sie nur Anzeige wegen des Uhrmachergeschäfts, hat sie in der Nacht überlegt. Oder vielleicht fragen sie ihn ein paar Stunden aus, bevor sie ihn wieder laufen lassen. Solche Gedanken sind ihr gekommen, aber sie will nicht so richtig daran glauben. Das Plakat am Schaufenster hat eine andere Sprache gesprochen.

Aus der Wohnung geworfen, das Geschäft geschlossen. Gestern wurde die Schlinge ein weiteres Mal enger gezogen. Und Ester kann sich nicht vorstellen, dass es das letzte Mal gewesen ist.

Åse drückt ihre Hand.

Sie sehen sich in die Augen.

Ester sagt, für sie gebe es nur eine Lösung: »Ich muss nach Schweden. So schnell wie möglich.«

Åse legt sich das Kind über die Schulter, damit es ein Bäuerchen machen kann. Klopft vorsichtig auf den kleinen Rücken. Das Bäuerchen bleibt aus. Sie steht auf und dreht sich mit dem Kind, das den Kopf schüttelt, ohne auf den Plan der Mutter einzugehen.

»Bist du dir sicher?«

Ester ist sich noch nie sicherer gewesen. »Sie sagen, dass uns unser Eigentum nicht gehört. Mein Vater wird mit einem Polizeiauto abgeholt, und sie verriegeln das Geschäft mit einer Kette. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie mich holen.«

Åse schweigt.

Sie sehen sich in die Augen, und Ester weiß nicht, was sie sagen soll, um die Stimmung aufzuhellen.

»Aber wie willst du nach Schweden kommen?«

»Mit den Leuten am Carl Bernes plass, über die ich gesprochen habe. Aber ich brauche Geld. Kleider. Ich muss nach Hause und packen. Papa braucht sein Geld jetzt nicht mehr.«

»Aber wenn …«

Ester fällt ihr ins Wort. »Ich muss es tun!«

Sie hört selbst, wie hart und wütend ihre Stimme klingt. Aber sie hat keine Lust, noch mehr zu reden, steht auf und geht in den Flur. Nimmt ihre Schuhe. Zieht sie an. Geht ins Treppenhaus. Die Toilette ist frei. Sie geht hinein, hängt den Haken ein und bleibt stehen. Manches kann erzählt werden. Aber nicht alles. Wenn Ester von der Verzweiflung übermannt wird, wie jetzt, hält sie inne und wartet darauf, dass es vorübergeht. Die Wände in dem kleinen Zimmer scheinen zu pulsieren. Sie setzt sich auf den Sitz. Was gestern geschehen ist, ist nur ein kleines Stück einer Geschichte, die schon vor langer Zeit begonnen hat. Sie muss etwas tun, solange sie noch die Möglichkeit dazu hat. Sie muss ihnen trotzen. Sie muss nach Hause und packen, sich auf die Reise vorbereiten.

Ester schaut auf die Uhr. Sieht, dass sie sich beeilen muss.

Sie verlässt die Toilette und kehrt in die Wohnung zurück. In der Küche wäscht sie sich die Hände im Ausgussbecken, bevor sie den Koffer mit den Zeitungen nimmt.

»Bist du sicher, dass du das heute machen willst, Ester?«

Åse hat das Kind hingelegt.

»Ich muss es tun. Jemand wartet auf mich.« Ester legt ihrer Freundin die Hand auf den Rücken. Sie umarmen sich.

Åse schluckt. »Sehen wir uns noch, bevor du abreist?«

Sie sehen sich in die Augen, und Ester spürt, dass sie ehrlich antworten muss: »Ich weiß es nicht.«

Beide schweigen. Åses Augen glänzen feucht.

Ester nimmt den Koffer. »Irgendwie ist es auch schön – zu wissen, dass es das letzte Mal ist. Aber jetzt muss ich gehen.«

Und schon ist sie zur Tür hinaus.

IV

Sie tritt mit der Ferse gegen den Kettenschutz, hebt das Hinterrad hoch und dreht die Pedale einmal rund. Nichts scheuert. Sie klemmt den Koffer mit einem Lederriemen auf den Gepäckträger, versteckt die Finger in den Ärmeln des Pullovers und setzt sich auf das Fahrrad. In der Nacht muss es beinahe gefroren haben. Ihr Atem bildet weiße Nebelschwaden. Die Leute sind auf dem Weg zur Arbeit. Große Menschengruppen warten an den Haltestellen der Straßenbahn. Ester friert und hat abwechselnd eine Hand am Lenker und eine in der Jackentasche. Es klingelt. Zwei eilige Radfahrer überholen sie. Das Treten bringt Esters Kreislauf in Schwung. Bald wird ihr warm. Auf der Abfahrt nach Bislett kann sie ohne Probleme beide Hände am Lenker lassen. Der Wind greift nach ihrem Haar, und ihre Augen tränen. Ein Lastwagen mit deutschen Soldaten auf der Ladefläche fährt vorbei. Einer von ihnen winkt ihr zu. Sie senkt den Kopf und versucht, die Geschwindigkeit hoch zu halten. Es gelingt ihr, bis die Steigung am Hegdehaugsveien beginnt. Sie hört hinter sich die Straßenbahn herannahen und rollt auf den Bürgersteig. Sie steigt ab und wartet, bis die Straßenbahn vorbei ist und sie weiterfahren kann. Der Tag ist inzwischen ein bisschen heller geworden, aber der Himmel ist immer noch grau, und es ist kühl.

Ester stemmt sich aus dem Sattel und strampelt gegen die Steigung an. Sie hat Hunger, hätte bei Åse etwas essen sollen, hat es aber nicht übers Herz gebracht, sie um Essen anzubetteln. Andererseits ist bei ihr zu Hause die Speisekammer voll. Sobald sie an ihre Wohnung denkt, wird sie unsicher. Könnten sie das Schloss in der Tür bereits ausgewechselt haben? Nein, so schnell geht das nicht, denkt sie. So viele Leute haben sie nicht. Einen kurzen Moment stellt sie sich vor, dass sie dafür eine Kette benutzt haben, wie am Geschäft, vertreibt den Gedanken aber sofort wieder. Sie wird in ihre Wohnung gehen, ordentlich essen, Reiseproviant und Kleider packen. Sie wird nachdenklich. Wie wird man in der Gärtnerei reagieren, wenn ich dort einfach auftauche? Aber es ist nicht zu ändern. Das Risiko muss ich eingehen. Ich muss sie von meinem Vater grüßen. Er hat mir den Namen gegeben. Er hat geplant, dass wir alle zusammen reisen. Ich muss ihnen alles so erzählen, wie es gewesen ist. Jetzt sind wir nur noch zu dritt, meine Mutter, meine Großmutter und ich. Wieder wird sie von Schuldgefühlen überwältigt, und sie strampelt wie besessen, um diese Gedanken aus ihrem Kopf zu vertreiben.

Sie sieht sich um, bevor sie kurz vor dem Valkyrie plass auf die andere Straßenseite wechselt. Während sie die letzten Meter zum U-Bahn-Eingang rollt, stellt sie sich auf die Pedale. Sie lehnt das Fahrrad an die Mauer neben dem Treppeneingang. Sie konzentriert sich, obwohl die Handgriffe längst sitzen. Sie löst den Riemen über dem kleinen Koffer auf dem Gepäckträger, die ganze Zeit mit diesem kleinen Ziehen im Bauch, das sie jedes Mal dabei spürt. Wie immer denkt sie, dass jemand sie beobachtet. Jemand hat alles gesehen. Jemandem ist aufgefallen, dass sie an bestimmten Tagen hierherkommt, mit dem Fahrrad, mit einem Koffer, einem Beutel oder einer Tasche, irgendein Kollaborateur, der einen Vorteil oder mehr Lebensmittelkarten haben will. Jemand, der denkt, die da, an der ist irgendetwas faul. Wie immer reckt Ester sich und lässt den Blick über die Umgebung schweifen, um genau diesen Spion zu entdecken, aber sie sieht ihn nicht, sieht niemanden. Also nimmt sie den Koffer und geht die Treppe hinunter.

Auf dem Absatz, an dem die Treppe sich teilt und auf die beiden Bahnsteige hinunterführt, bleibt sie stehen und schaut über die Mauer nach unten. Der rechte Bahnsteig ist menschenleer, aber das sollte er nicht sein. Ihr gefällt nicht, was sie dort sieht, und wirft einen Blick auf die Bahnhofsuhr.

Die Zeit ist gekommen. Der Minutenzeiger bewegt sich einen Schritt, und gleichzeitig knackt es irgendwo über ihrer Schulter, wie das Fingerschnipsen eines unsichtbaren Menschen. Ester befällt ein ungutes Gefühl, und ein kalter Schauer läuft ihr den Rücken hinunter. Der Koffer wird immer schwerer.

Ester versucht sich einzureden, dass sie zu früh dran ist. Zögernd geht sie die Treppe zum rechten Bahnsteig hinunter, auf dem es wie immer kühl und unangenehm durch den Tunnel zieht. Ihr Rock flattert im Luftzug. Langsam geht sie über den Bahnsteig auf die Bank zu. Sie setzt sich. In der Halle ist es vollkommen still, abgesehen von dem leisen Summen einer Bahn, die sich nähert. Das ist wahrscheinlich die, die sie nehmen soll, sobald die andere Frau hier ist. Aber was soll sie tun, wenn die Frau nicht auftaucht?

Ester hebt den Kopf und schaut geradeaus. Auf dem Bahnsteig gegenüber stehen ein paar Leute. Einer liest Zeitung, ein anderer Mann steht mit den Händen in den Hosentaschen da. Esters Blick wandert nach rechts zu einer Bank, auf der eine Frau sitzt.

Als sie den Kopf dreht, erkennt Ester die Frau, auf die sie gewartet hat.

Ester steht auf und winkt.

Die Frau wendet schnell den Blick ab.

Im selben Augenblick wächst das Geräusch der Bahn zu einem Gebrüll aus komprimierter Luft und kreischenden Bremsen heran, als die Waggons in den Bahnhof rauschen und vor Ester anhalten.

Einen kurzen Moment ist es wieder still, bevor sich die Türen öffnen.

Niemand steigt aus.

Aber auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig geschieht etwas. Durch die Fenster des Waggons sieht Ester einen Mann, der sie anstarrt und kurz darauf schnell über den Bahnsteig auf die Treppe zuläuft.

Ester wird klar, dass es passiert ist.

Jetzt wird sie geschnappt.

Sie richtet sich auf. Erwägt die Möglichkeit zu fliehen, denselben Weg zurück, den sie gekommen ist. Aber dann würde sie dem Mann direkt in die Arme laufen, der auf der gegenüberliegenden Seite bereits die Treppe hinaufläuft. Es gibt nur eine einzige Möglichkeit.

Sie lässt den Koffer stehen. Ihr Atem geht schwer, und ihre Beine fühlen sich kraftlos an, als sie den Bahnsteig überquert und in den Waggon steigt. Sie bleibt stehen und wirft einen Blick auf die Treppe.

Die Bahn steht immer noch still.

Jetzt hört sie den Mann die Treppe herunterlaufen. Das Geräusch wird immer lauter. Die Schritte sind wie Hammerschläge. Sie kommen näher.

Ester wirft einen Blick auf die Schiebetür des Waggons, wagt es aber nicht, den Schritten ihren Rücken zuzuwenden. Sie starrt auf die Treppe. Da erscheinen ein Schuh, und ein Bein in Knickerbockern.

Mit einem dumpfen Knall fällt die Tür zu.

Der Waggon setzt sich in Bewegung, rollt langsam voran, zu langsam, denn jetzt steht der Mann vor der Tür und starrt sie durch das Türfenster an. Ester weicht an die Wand zurück, begegnet dem harten Blick des Mannes. Der Mann läuft jetzt neben dem Waggon her und hämmert mit der Faust gegen die Tür, aber die Bahn hält nicht an. Sie wird schneller als er und zieht an ihm vorbei. Der Abstand zwischen dem Mann und dem Waggon wird immer größer. Dann ist die Bahn im Tunnel und in der Dunkelheit.

Ester greift nach einer der Schlaufen, die von der Decke hängen, damit sie nicht umfällt. Sie hat Blutgeschmack im Mund. Es kracht, und Ester bekommt vor Angst weiche Knie.

Es ist der Schaffner, der die Schiebetür aufstößt. Breitbeinig, in Uniform. Er fragt, wohin sie möchte.

V

Ester bezahlt, bleibt aber an der Tür stehen, um an der nächsten Station auszusteigen. Ungeduldig wartet sie darauf, dass das Fahrzeug hält und die Türen geöffnet werden. Endlich bleibt der Zug an der Haltestelle Majorstua stehen. Sie steigt aus, läuft zu der Unterführung hinüber, die auf die andere Seite der Gleise führt. Keuchend läuft sie die Treppe zum gegenüberliegenden Bahnsteig hinauf.

Dort zwingt sie sich, langsam zu gehen, versucht normal zu atmen, spaziert so gelassen wie möglich zum Bahnhofsgebäude zurück. Wirft einen Blick nach links, sieht einen Mann über die Rampe zum Bahnsteig auf der anderen Seite der Gleise hinuntersprinten. Kann das derselbe Mann sein? Kann er so schnell gelaufen sein?

Ester zwingt sich, noch langsamer zu gehen.

Der Mann trägt eine Schirmmütze. Er bahnt sich seinen Weg durch die Menschenmenge, sieht aus wie der Mann vom Valkyrie plass. Knickerbocker. Das muss er sein. Er muss sofort umgekehrt und die Treppen hinaufgelaufen sein, und jetzt geht er über den Bahnsteig und hält Ausschau. Er bleibt stehen, schirmt die Augen mit der Hand ab und schaut der Bahn nach, mit der sie gekommen ist. Er sieht nicht zu ihr herüber. Ester senkt den Kopf. Bald ist sie draußen. Sie geht weiter, zusammen mit einer Gruppe anderer Fahrgäste.

Das Fahrrad, denkt sie.

Aber sie kann es nicht holen. Nicht jetzt. Das kann Åse übernehmen, vielleicht heute Abend schon. Vielleicht auch morgen.

VI

Die Baumkronen strecken ihre nackten Zweige dem Himmel entgegen, und Ester stapft durch das Laub den Kirkeveien hinunter. Als würde man durch buntes Papier schlurfen. An einem anderen Tag hätte sie das Laub vielleicht hochgewirbelt, sich über die Farben gefreut. Jetzt geht sie kontrolliert und mit wachsamem Blick. Irgendwo dröhnt der Motor einer Maschine, und ein paar Arbeiter rufen einander etwas zu. Vor dem Eingang zum Vigeland Park werden Säulen für ein Tor gebaut. Ester muss mehrere Gruppen deutscher Soldaten passieren. Sie schaut zu Boden, während sie sich an den uniformierten Rücken vorbeischleicht, und versucht, an etwas anderes zu denken. Ohne Erfolg. Selbst als sie glaubt, an ihnen vorbei zu sein, wagt sie es immer noch nicht, den Kopf zu heben und nachzusehen. Sie betrachtet ihre Schuhe. Sie fallen langsam auseinander. Ihr Vater hat ihr immer wieder eingebläut, dass sie ihre Schuhe schonen soll. Ester, nimm die Straßenbahn, fahr mit dem Fahrrad, und geh so wenig wie möglich.

Sie bohrt den Blick in den Bürgersteig, während sie weitergeht, biegt nach links in den Frognerveien ab. Jetzt geht sie auf ihrem alten Schulweg nach Hause. Was gestern war, scheint ihr eine Ewigkeit her zu sein. Erst als sie in die Eckersbergs gate einbiegt, hebt sie den Kopf, wird langsamer und sieht sich um. Alles sieht ruhig und wie gewohnt aus. Keine Menschen auf der Straße, keine Autos. Sie bleibt vor dem Eingang von Nummer 10 stehen. Sieht sich noch einmal um. Die Straße rauf, die Straße runter.

Erst geht sie am Eingang vorbei. Bleibt stehen. Denkt wieder daran, dass die Verhaftung ihres Vaters nur eine Warnung war. Sie haben seine Papiere kontrolliert und ihn gestern Abend oder in der Nacht wieder laufen gelassen. Vielleicht ist er schon wieder zu Hause. Vielleicht sind alle dort und warten auf sie.

Sie versucht es sich vorzustellen, weiß aber, dass es nur Träumereien sind. Wunschdenken. Sie schaut zu den Fenstern der Wohnung hinauf. Alles sieht aus wie immer.

Sie fasst einen Entschluss. Geht zum Eingang. Öffnet die Tür. Geht hinein. Saugt den vertrauten Geruch des eigenen Treppenhauses ein. Aber ihre Stimmung ändert sich nicht. Die Angst verschwindet nicht. Es kommt ihr vor, als hätte sich ein Mantel aus Unbehagen über sie gelegt.

Auf dem Treppenabsatz hält sie inne. Atmet tief durch und zwingt sich dazu, ein weiteres Stockwerk nach oben zu gehen. Sie eilt an den Türen vorbei und läuft weiter.

Auf dem obersten Absatz bleibt sie stehen und macht sich ein Bild der Situation.

Sie weiß nicht, was sie erwartet hat, aber bestimmt nicht das hier. Die Tür zur Wohnung ihrer Familie ist aufgebrochen. Ester registriert alles mit demselben abwesenden Blick, mit dem sie alles betrachtet hat, seit ihr Vater in den Polizeiwagen gezerrt wurde: Weiße Splitter am Türrahmen, und wo das Schloss gewesen ist, steht ein dicker Holzspan hervor. Die Tür ist nur angelehnt. Die Splitter am Türrahmen sind der endgültige Beweis. Ihr Wunsch wurde nicht erfüllt. Ihr Vater ist nicht entlassen worden. Ihre Mutter ist immer noch bei der Großmutter. Und die Hirdleute sind wieder hier gewesen. Sie sind eingedrungen, haben die Tür aufgebrochen. Ester sieht Krähen vor sich, schwarze Krähen mit fettigen Schnäbeln, die auf Kadavern im Wald herumhüpfen.

Sie bleibt vor der zerstörten Tür stehen und lauscht. Sie hört nichts außer der gewohnten Stille des Treppenhauses. Sie hebt die Hand und schiebt die Tür auf. Sie quietscht leise in ihren Angeln. Ester geht hinein. Hält inne. Horcht noch einmal. Der Flur sieht aus wie immer. Der gute Mantel ihrer Mutter und der einzige Staubmantel ihres Vaters hängen dort, wo sie immer hängen. Es ist kein Laut zu hören.

Aber sie sind hier gewesen. Sie haben die Tür zerstört. Sind eingedrungen. Plötzlich wird ihr bewusst, dass sie immer noch hier sein könnten, nur in einem anderen Zimmer. Sie bleibt weiter mucksmäuschenstill und lauscht, hört aber nichts. Sagt sich selbst, dass die Einbrecher niemals so still sein würden. Es sei denn …

Es sei denn, sie warten auf sie.

Sie überwindet sich, weiter hineinzugehen. Schiebt die Tür auf und geht in das Arbeitszimmer ihres Vaters. Hier liegen alle möglichen Dinge auf dem Boden verstreut, Papiere neben seinem Archiv, die Schubladen sind herausgezogen. Die Tintenflasche auf seinem Schreibtisch ist umgefallen. Ein großer schwarzer Fleck hat sich auf der Schreibunterlage und dem Parkett ausgebreitet. Auch die Schreibtischschubladen sind aufgebrochen. An den Schlössern ist das Holz zersplittert. Ihr Fuß stößt gegen ein Blatt Papier. Das Geräusch lässt sie erstarren. Sie bleibt eine Weile regungslos stehen, bis die Neugier sie weitertreibt. Sie überwindet ihre Angst und geht weiter zum Schreibtisch. Sie greift nach der Schreibtischschublade, zieht sie heraus. Sie ist leer. Bei dem Anblick verliert sie die Zuversicht. Trotzdem muss sie sichergehen, tastet die Schublade mit den Händen ab. Nächste Schublade. Sie steckt die Hand hinein, durchsucht alles, findet aber nichts. Die Verzweiflung trübt ihren Blick. Wie sollen sie und die anderen es jetzt schaffen, das Land zu verlassen?

Plötzlich hört sie ein dumpfes Geräusch im Nebenzimmer.

Sie geht schnell hinter dem Schreibtisch in Deckung, bleibt regungslos sitzen. Sie hört ihren eigenen Herzschlag. Ist davon überzeugt, dass derjenige, der sich dort befindet, das Hämmern ebenfalls hören, ihre Angst und den Schweiß riechen muss. Wer sich dort befindet, muss wissen, wo sie sich versteckt.

Die Tür knirscht leise, als sie aufgleitet, aber es sind keine Schritte zu hören. Die Stille hält an. Warum kommt niemand herein? Sie umklammert mit ihren Armen so fest die Knie, dass es wehtut.

Es tut wirklich weh.

Hatte sie sich das Geräusch nur eingebildet?

Schließlich überwindet sie sich und reckt den Hals, um hinter dem Tisch hervorzuschauen.

Die rote Katze sitzt in der Türöffnung. Als sie Ester entdeckt, steht sie auf und kommt herein. Mit erhobenem Schwanz stolziert sie zu ihr, reibt sich an ihrem Bein und beginnt zu schnurren.

Vor Erleichterung stöhnt Ester auf und stolpert aus dem Versteck. Sie greift nach Pus, richtet sich mit der Katze in den Armen auf und drückt ihr Gesicht in das Fell. Sie lacht laut. »Du warst das also!«

Ester fühlt sich mutiger, jetzt, wo sie nicht mehr alleine ist. Sie geht ins Wohnzimmer und zum Flügel. Der Anblick des nussbraunen und strahlend blank geputzten Steinway ist wie ein Blick in eine andere Zeit, vor dem gestrigen Tag. Sie sieht ihre Großmutter im Sessel vor sich, sieht ihren Vater mit der Pfeife im Mundwinkel, der mit geschlossenen Augen der Musik lauscht. Jetzt bin ich das Mädchen mit den Streichhölzern, denkt sie. Jetzt träume ich mir die Idylle herbei, die es einmal gegeben hat.

Sie muss mit ihnen sprechen.

Sie setzt die Katze auf den Deckel der Klaviatur ab. Dreht sich zum Telefon um. Nimmt den Hörer ab, kurbelt und bittet die Zentrale um die Nummer.

Ester atmet aus und schließt die Augen, als sie endlich die Stimme ihrer Mutter hört.

»Gott sei Dank, Ester. Ich dachte schon, dir wäre etwas passiert. Wo bist du denn die ganze Zeit gewesen? Wir hatten solche Angst um dich.«

»Sie haben Papa mitgenommen«, sagt Ester und kämpft darum, sich nichts an ihrer Stimme anmerken zu lassen. »Ich war nicht rechtzeitig da.« Gleichzeitig wird ihr bewusst, dass die Dame in der Zentrale mithört. Das Telefon der Lemkows ist wahrscheinlich nicht mehr privat und wird abgehört.

Ihre Mutter erwidert, dass sie es schon weiß. »Die Polizei hat es uns gesagt, als sie hier war, bei Großmutter.«

Ester erzählt ihr, dass sie gesehen hat, wie er verhaftet wurde, dass sie nur ein kleines bisschen zu spät kam. Sie will die Tränen zurückhalten, aber es gelingt ihr nicht. Sie beginnt zu weinen und macht sich Vorwürfe, dass das Jammern die Situation nur noch schlimmer macht. Sie will nicht, dass ihre Mutter sie tröstet. Es gibt andere, die diesen Trost mehr brauchen.

»Es ist nicht deine Schuld, Ester.«

Ester weiß, dass sie die Zeit nicht damit verschwenden sollte, ihre Mutter dumme Dinge sagen zu lassen. Sie muss stark sein. Sie muss sich aufs Wesentliche konzentrieren.

Ob sie immer noch in der Wohnung ist, will ihre Mutter wissen.

Ester erzählt ihr, dass sie hier gewesen sind, dass die Wohnungstür kaputt ist. »Ich glaube, sie haben sie aufgebrochen. Auch Papas Schreibtisch ist aufgebrochen, und was sich darin befand, ist weg.«

Die Mutter wird still, fragt schließlich: »Alles? Du weißt, was ich meine. Ist auch das alles weg?«

»Ja.«

»Kennt diese Bosheit denn kein Ende?« Die Verzweiflung in der Stimme ihrer Mutter trifft sie stärker als die bloße Bedeutung ihrer Worte. Ester atmet durch. »Mama, wir müssen hier weg. Ich glaube, wir müssen sofort verschwinden.«

»Ich kann Papa nicht alleine lassen, Ester. Ich muss erst wissen, was sie von ihm wollen. Wenn sie die Sachen aus dem Schreibtisch mitgenommen haben, sind wir jetzt arm. Kannst du mal nach meinem Schmuck sehen?« Ester legt den Hörer hin und geht in das Schlafzimmer ihrer Eltern. Die Katze sitzt auf dem Flügel und folgt ihr mit den Augen. Sie hat es sich gemütlich gemacht. Trippelt ein wenig mit den Vorderpfoten. Sie glaubt, die Welt ist noch dieselbe wie gestern. Sie glaubt, dass die Welt immer so sein wird wie jetzt.

Ester ist im Schlafzimmer. Sie sieht sofort, was passiert ist. Sie geht zurück, nimmt den Hörer. Atmet ein.

»Er ist weg.«

Ester hört ein Auto auf der Straße halten.

Sie weiß, was geschieht. Trotzdem lässt sie den Hörer sinken und schaut nach draußen. Sie hatte recht. Uniformierte. Sie hebt den Hörer wieder ans Ohr. »Mama, ich muss jetzt gehen. Sie kommen wieder.« Sie legt auf. Tauscht einen Blick mit der Katze und beschließt, sie auf den Arm zu nehmen. Geht durch die aufgebrochene Tür nach draußen.

Im selben Augenblick fällt unten die Haustür ins Schloss.

VII

Ester lässt die Tür lautlos zurückgleiten. Bleibt mit der Katze im Arm reglos stehen.

Sie sieht nach unten. Schwarze Uniformärmel auf dem Treppengeländer. Das Getrampel dröhnt zwischen den Wänden.

Plötzlich wird die Tür zur Nachbarwohnung geöffnet. Ada schaut heraus, winkt Ester zu sich. Ester tritt ein. Ada schließt lautlos die Tür, schiebt den Riegel vor.Beide sagen kein Wort, bleiben nur stehen und umarmen einander. Die Katze beginnt wieder zu schnurren. Ester lässt sie zu Boden. Sie stolziert mit erhobenem Schwanz in Adas Wohnung.

Ester hebt eine Ecke der Gardine vor dem Türfenster an, stellt sich auf die Zehenspitzen und schaut hinaus. Zwei Männer in Hird-Uniform und einer in Zivil betrachten die aufgebrochene Tür. Esters Beinmuskulatur schmerzt. Endlich gehen die drei Männer in die Wohnung. Ester drückt Ada noch einmal fest an sich, atmet tief ein und löst sich aus der Umarmung, um zu gehen.

Ada schüttelt den Kopf. Versucht, sie festzuhalten.

Ester sagt lautlos: Ich muss. Sie schaut nach unten. Ihr fällt etwas ein. Formt erneut mit den Lippen: Kümmern Sie sich um Pus!

Ada nickt. Greift erneut nach dem Riegel und öffnet lautlos die Tür.

Ester huscht ins Treppenhaus. Sie läuft ganz dicht an der Wand entlang, um zu vermeiden, dass die Stufen knarren.

Endlich unten. Sie läuft zur Haustür und reißt sie auf.

Ein schwarzes Auto steht am Straßenrand. Ein Mann in Hird-Uniform lehnt am Kühlergrill des Wagens und raucht eine Zigarette. Ester entdeckt ihn zu spät. Es wäre nicht klug, jetzt wieder umzudrehen, also geht sie weiter. Atmet tief durch. Biegt nach links ab, ist bereit, an dem Auto und dem uniformierten Mann vorbeizugehen. Da fällt ihr Blick auf einen schwarzen, blanken Stiefel, der vor ihr in der Luft hängt und sie am Weiterkommen hindert.

Sie bleibt stehen.

Der uniformierte Mann betrachtet sie mit schmalen Augen und schließt die Lippen um die Zigarette. Seine Haut ist blass, und er hat Pickel neben dem Mund und auf der Stirn. Er ist jung, vielleicht sogar jünger als sie. Ein Bauernjunge, denkt sie. Achtzehn Jahre alt vielleicht, oder neunzehn. Jemand, der sie aufhalten kann, indem er einfach ein Bein hebt. Das hat er bei anderen bestimmt auch schon so gemacht. Wer weiß, was dieses arme Würstchen schon alles angestellt hat? Sie schaut ihm in die Augen. Begegnet seinem selbstgefälligen Blick und beobachtet, wie er übertrieben männlich an der Zigarette zieht. Sie sieht, dass es ihn einiges kostet, ungerührt zu erscheinen.

Sie schaut erneut auf den angehobenen Stiefel hinunter, ohne ein Wort zu sagen. Dann spürt sie einen Klaps auf dem Hintern, während er den Fuß sinken lässt. Sie geht mit gesenktem Kopf weiter. Es brennt dort, wo er sie getroffen hat. Ich hätte zurückschlagen sollen, denkt sie, ihm eine Ohrfeige geben. Ist es verdächtig, es nicht getan zu haben?

Auch ihr Nacken brennt. Von seinem Blick oder irgendetwas anderem. Sie überquert die Straße. Setzt ihren Weg auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig fort, nähert sich langsam der Kreuzung.

Die Straßenbahn fährt scheppernd auf dem Frognerveien an ihr vorbei. Es ist so laut, dass sie nicht hören kann, was hinter ihr passiert. Die Straßenbahn entfernt sich. Noch zwei Meter. Jetzt endlich wagt sie es, einen Blick über die Schulter zu werfen. Die beiden Hirdleute und der Mann in Zivil haben das Haus wieder verlassen. Zu viert stehen sie am Auto und schauen ihr nach. Sie zwingt sich, auch auf dem letzten Stück nicht in Eile zu geraten. Sie geht um die Ecke. Außer Sicht. Sie fängt an zu laufen. Die Straßenbahn fährt auf die Haltestelle am Frogner Kino zu. Sie läuft schneller, überquert die Odins gate. Die Straßenbahn hat angehalten. Sie schnappt nach Luft und überquert auch die nächste Seitenstraße. Es ist ihr egal, wie das aussieht, aber diese Straßenbahn muss sie bekommen. Sie macht längere Schritte. Die Straßenbahn setzt sich in Bewegung. Sie will es schaffen. Legt noch einen Zahn zu, macht einen Satz und landet auf der hinteren Plattform. Sie hat Blutgeschmack im Mund und schnappt nach Luft. Ihr Blick ist auf die Ecke zur Eckersbergs gate gerichtet. Der Abstand wird immer größer, und kein Uniformierter ist zu sehen.

Oslo, Oktober 1942

I

Åse zieht an der Schnur, als die Straßenbahn auf den Carl Berners plass fährt. Sie hält an. Åse bugsiert den Kinderwagen zur Tür. Der Schaffner ist ein bisschen zu langsam. Er bahnt sich einen Weg, schafft es aber nicht rechtzeitig zu ihr. Zwei männliche Fahrgäste wetteifern darum, ihr beim Aussteigen mit dem Kinderwagen zu helfen. Am Ende lässt sie den Griff los, und die beiden erledigen es für sie. Sie bedankt sich und wartet, bis die Straßenbahn weitergefahren ist, bevor sie auf den Straßenübergang oberhalb des Trondheimsveien zusteuert. Hier muss sie warten. Ein Wachtmeister dirigiert den Verkehr. Kurz darauf stoppt er die Autos mit einer entschlossenen Handbewegung. Sie schaut ihn fragend an. Er antwortet mit einem kurzen Nicken. Sie schiebt den Kinderwagen über die Straße und geht den Hügel nach Hasle hinauf. Hin und wieder legt sie eine Verschnaufpause ein. Der Kinderwagen ist schwer. Zum Glück schläft das Kind noch. Am Haken des Gestells hängt ein Einkaufsnetz, das im Takt mit ihren Schritten baumelt. Sie biegt in den Hekkveien ab. Ab und an greift sie nach dem Netz, damit es nicht gegen den Wagen schlägt und die Kleine weckt. Sie bleibt stehen. Die Lindenhecke ist immer noch dicht mit gelben Blättern besetzt, und dahinter sieht sie die Dächer zweier Gewächshäuser. Sie biegt in die gekieste Zufahrt der Gärtnerei ab und steuert den Platz zwischen den beiden Gewächshäusern an. Der Weg dorthin ist sehr nachlässig gepflastert, sodass die Räder in den Zwischenräumen hängen bleiben und Åse den Kinderwagen kräftiger anschieben muss.

Sie muss an einem Lastwagen vorbei. Aus dem Holzvergaser qualmt es. Ein Mann lädt gerade Säcke mit Brennholz für den Vergaser auf die Ladefläche. Åse manövriert den Kinderwagen vorbei und erreicht eine Reihe von langen Treibkästen. Zwei junge Männer gehen jeder auf einer Seite daran entlang, heben ein Fenster von einem der Treibkästen an und tragen es zu einem Stapel, legen es ab und kehren zurück, um das nächste zu holen. Die Geräusche sind monoton. Schritte auf dem Kies, ein leiser Knall, wenn ein Rahmen auf den anderen fällt. Einer von ihnen bückt sich und rückt das letzte Fenster zurecht, das schief auf dem anderen gelandet ist. Beide Männer schauen verstohlen zu ihr hinüber.

Åse setzt sich auf die Bank vor dem Eingang zum Gewächshaus. Der Mann, der die Brennholzsäcke verladen hat, ist fertig. Åse grüßt ihn. Der Mann tut so, als entdecke er sie erst jetzt. Er hat rotes Haar und Sommersprossen. Der rote Pony kräuselt sich über seine Stirn. Er bleibt vor Åse stehen, die die Beine übereinandergeschlagen hat und den Kinderwagen schaukelt.

Åse zeigt auf den Lastwagen und legt ihren Zeigefinger an die Lippen. »Ich habe eine Kleinigkeit für Ester«, flüstert sie.

Der Mann dreht sich um und geht zu einem kleinen Schuppen, der sich am Ende des Grundstücks gegen die Hecke zu lehnen scheint. Die Tür hängt schief in den Angeln, von denen eine sich fast gelöst hat. Er geht hinein, kommt wieder heraus. Jetzt folgt ihm ein athletischer Mann in Arbeitshosen und hohen Stiefeln.

Åse steht auf.

Der andere Mann streckt ihr eine kräftige Hand entgegen. »Rolf Syversen.«

Åse ergreift seine Hand und stellt sich vor.

Syversen fragt, wie er ihr helfen könne.

Sie sagt, dass sie Ester treffen wolle.

Er sieht sie an. »Hier gibt es keine Ester.«

Åse ist verblüfft. »Und Hilde auch nicht?«

»Hilde?«

»Hilde Larsen. Dunkles, welliges Haar, etwa so groß wie ich, schlank, um die zwanzig Jahre alt …«

Syversen schüttelt den Kopf. »Tut mir leid. Hier ist niemand außer uns.« Er deutet erst auf die Männer, die die Fenster geschleppt haben, den Rothaarigen mit den Sommersprossen und dann auf sich selbst.