Die Frau des Zuckerhändlers - Nathalie C. Kutscher - E-Book

Die Frau des Zuckerhändlers E-Book

Nathalie C. Kutscher

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Beschreibung

 Zwei Frauen, zwei Welten, eine Liebe, die alles überwindet. Bailee Winters' Leben ist die Hölle. Gekettet an die Ehe mit einem grausamen Mann lebt sie in einem goldenen Käfig. Doch dann rettet die Bordellbesitzerin Jade ihr Leben. Zwischen den ungleichen Frauen entsteht mehr als nur Freundschaft. Es ist eine Verbundenheit, die tiefer geht als alles, was sie kannten. Schon bald überschlagen sich die Ereignisse und ein folgenschwerer Fehler zwingt Bailee auf eine gefahrvolle Reise nach Amerika. 

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Nathalie C. Kutscher

Die Frau des Zuckerhändlers

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Die Frau des Zuckerhändlers

 

 

  

Nathalie C. Kutscher

 

Die Frau des Zuckerhändlers

 

telegonos-publishing

 

 

  

 

 

 

Wenn jemand liebt, was zu lieben ihn beseligt, so möge er seiner glücklichen Leidenschaft froh sein und in seinem Schifflein mit günstigem Winde einherfahren.

Ovid (43 v. Chr. - 17 n. Chr.)

 

 Quellenangabe: Auszüge der Gedichte Ovids aus Ars Amatoria

 

 

 

Zwei Frauen, zwei Welten, eine Liebe, die alles überwindet.

 

Bailee Winters’ Leben ist die Hölle. Gekettet an die Ehe mit einem grausamen Mann lebt sie in einem goldenen Käfig. Doch dann rettet die Bordellbesitzerin Jade ihr Leben. Zwischen den ungleichen Frauen entsteht mehr als nur Freundschaft. Es ist eine Verbundenheit, die tiefer geht als alles, was sie kannten. Schon bald überschlagen sich die Ereignisse und ein folgenschwerer Fehler zwingt Bailee auf eine gefahrvolle Reise nach Amerika.

 

Copyright: © Nathalie C. Kutscher – publiziert von telegonos-publishing

www.telegonos.de

(Haftungsausschluss und Verlagsadresse auf der website)

 

Covergestaltung: Kutscher Design

 

Kontakt zur Autorin:

www.nathaliekutscher.jimdo.com

 

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig. Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Anmerkung der Autorin:

 

Die Sklaverei ist wohl eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte. Bis zum 19. Jahrhundert gab es kaum ein Land ohne Sklaverei. Besonders im Gedächtnis geblieben ist hierbei wohl die Sklavenhaltung in den USA.

Bei der Besiedlung und Kolonialisierung Amerikas zwischen dem 16.und 19. Jahrhundert kam es zu einer Massenversklavung von Afrikanern, die sich bis Brasilien und der Karibik ausbreitete. Zum Zeitpunkt des Unabhängigkeitskrieges 1776 gab es in Amerika 460.000 Sklaven, 1865 waren es mehr als 4 Millionen. Diese Anzahl war einzigartig auf der Welt. Virginia war neben Jamaika der profitabelste Sklavenmarkt des britischen Amerikas. Viele der verschifften Arbeiter überlebten das erste Jahr nicht. In den 1770ziger Jahren wurden jährlich 4000 Männer und Frauen nach South Carolina (Charleston) verschifft, denn durch die geringen Anschaffungskosten, war es den Sklavenhaltern egal, wenn ihre Sklaven starben.

Am 18.12.1865, nach Beendigung des amerikanischen Bürgerkrieges, trat der 13. Zusatzartikel der Verfassung in Kraft und die Sklaverei wurde endgültig abgeschafft.

 

Kapitel 1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 1

Bailee

1788

 

»Nein, Vater, auf gar keinen Fall!« Wütend stampfte Bailee Winters mit dem rechten Fuß auf und stemmte zur Betonung ihrer Abwehr die Hände in die schmale Taille.

»Ich fürchte, darüber gibt es nichts zu verhandeln, Kind. Jerome De Ville ist ein angesehener Geschäftsmann und du weißt, wie es um uns bestellt ist.«

»Du verhökerst mich wie eine Hure.« Bailee verschränkte die Arme vor der Brust. »Dieser Mann ist nicht nur steinalt, er besitzt auch einen recht zweifelhaften Ruf, Vater. Willst du wirklich, dass dein einziges Kind in einer unglücklichen Ehe gefangen ist?«

Trotz und Wut hatten noch nie bei Gerald Winters gezogen, aber dem Schmollmund und dem unschuldigen Augenaufschlag seiner Tochter, konnte er meist nicht widerstehen, das wusste Bailee, weswegen sie genau diese Taktik jetzt ausprobierte. Doch diesmal blieb ihr Vater unerbittlich. Es war beschlossene Sache - zwischen ihm und diesem arroganten Zuckerplantagenbesitzer De Ville.

»Vater, ich bitte dich ...«, unternahm sie einen letzten, verzweifelten Versuch.

»Es tut mir leid, Bailee, aber es ist, wie es ist. Ich habe es lange genug geduldet, dass du ledig bleibst und mir bei den Geschäften hilfst. Aber du bist kein Sohn. Welche Zukunft wirst du als alleinstehende Frau haben, wenn ich nicht mehr bin?«

»Das hat dich in all den Jahren auch nicht gestört.« Bailee raffte ihr mauvefarbenes Kleid und nahm ihrem Vater gegenüber am Schreibtisch Platz. »Dass die Geschäfte so schlecht laufen, dafür kann ich nichts. Ein Sohn hätte dir auch nicht besser helfen können«, schmollte sie.

»Das weiß ich doch.« Gerald Winters sah seine Tochter versöhnlich an. »Ich habe mich verkalkuliert, da ich nicht über die Rücklagen verfüge, wie De Ville.« Er strich sich durch das schüttergewordene Haar. »Gäbe es eine andere Möglichkeit, glaub mir, ich würde sie nutzen. Aber ich sehe keinen anderen Ausweg. Entweder du heiratest Jerome De Ville oder wir beide landen im Armenhaus. Er hat uns in der Hand, Kind, so wie er alle in der Hand hat.«

»Wir könnten auch nach England gehen und noch einmal von vorne anfangen«, schlug Bailee vor.

»Was soll ein alterender Kontor in England? Bailee, du bist mittlerweile dreiundzwanzig Jahre alt und hast bisher jede noch so gute Partie ausgeschlagen. Du hättest wissen müssen, dass es eines Tages so weit kommt. So schlimm wird es schon nicht werden. Du wirst in dem größten Haus auf der Insel leben und in Geld schwimmen.«

»Was nützt mir all das Geld, wenn ich unglücklich bin? Mutter hätte das niemals zugelassen!«, konterte sie bockig. Alles in ihr wehrte sich gegen diese Verbindung.

Jerome De Ville war mit Abstand der reichste Mann auf Barbados, wahrscheinlich sogar aller karibischen Inseln, dessen Vorfahren väterlicherseits aus den Niederlanden stammten und die bei der Besiedlung durch die Engländer 1627 eingewandert und ab 1640 durch Zuckerhandel reich geworden waren. Jede andere Frau hätte sich vielleicht geschmeichelt gefühlt, läge Jeromes Interesse auf ihr, doch er hatte sich in den Kopf gesetzt, ausgerechnet sie zu ehelichen. Bailee hatte getobt und gewütet, als ihr Vater dem Antrag zugestimmt hatte - ohne sie vorher überhaupt zu fragen, was sie davon hielt. Seit dem Tod ihrer Mutter vor elf Jahren hatte Bailee gelernt, Verantwortung zu tragen. Ihr Vater hatte sie in alle geschäftlichen Dinge einbezogen, sie als gleichwertig betrachtet. Vielleicht war sie deshalb zu einer unabhängigen, klugen Frau herangereift, die sich nur ungern unter das Joch eines Mannes stellte. Bisher konnte sie all die Verehrer erfolgreich abwimmeln, die ihr den Hof gemacht hatten, doch jetzt schlug das Schicksal mit voller Härte zu.

Jerome De Ville galt als aufbrausend, jähzornig und unberechenbar. Seine erste Frau verstarb kinderlos und böse Zungen behaupteten, er hätte sie aufgrund dessen umgebracht. Nun suchte er also nach einer neuen, jüngeren Frau, die ihm einen Erben schenken sollte. Bailee wurde Angst und Bange bei dem Gedanken an diesen Mann.

Ihr Vater hatte sich bereits wieder seinen Papieren gewidmet und ging wohl davon aus, Bailee hätte sich mit dem Thema abgefunden. Doch sie dachte gar nicht daran, sich so einfach geschlagen zu geben. Unter gar keinen Umständen würde sie diesen Mann heiraten!

»Vater«, begann sie erneut, was Gerald Winters dazu veranlasste, einen tiefen Seufzer auszustoßen. »Gibt es denn gar keine andere Möglichkeit? De Ville ist nicht der Einzige, der Zucker anbaut und mit uns Geschäfte macht. Ich werde einen anderen Lieferanten auftreiben. Wir könnten ...«

»Schluss damit!« Gerald schlug so heftig auf die Tischplatte, dass das die beiden Kristallgläser, die dort immer standen, gegeneinander klirrten. Bailee zuckte zusammen, als hätte der Schlag ihr gegolten. »Der Vertrag ist bereits unterschrieben. Du wirst Jerome De Ville heiraten, im Gegenzug bin ich der Einzige, der seinen Zucker verkaufen darf. Es wird darüber keine weitere Diskussion geben!«

Bailee schluckte und rang um Fassung. Sie war eine Frau, die leicht zu Gefühlsausbrüchen neigte, und in diesem Moment spürte sie Tränen der Verzweiflung in sich aufsteigen.

»Du behandelst dein eigen Fleisch und Blut wie eine Sklavin«, presste sie hervor. »Du verkaufst mich für Zucker, nur um dein Geschäft zu retten. Was aus mir wird, ist dir völlig egal.«

Enttäuscht und verletzt erhob sie sich, darauf bedacht, das letzte bisschen Würde zu wahren, welches ihr geblieben war. Mit raschelenden Röcken entfernte sie sich aus dem Arbeitszimmer ihres Vaters und lief ins Freie, um einen klaren Kopf zu bekommen.

 

»Miss Winters.« Bailee drehte sich nach der leisen Stimme um und lächelte das schwarze Hausmädchen an, das mit gefalteten Händen hinter ihr stand. »Mister De Ville traf soeben ein und möchte Sie sehen.« Augenblicklich erstarb das Lächeln auf Bailees Lippen. De Ville war hier? Was wollte er und warum hatte man sie nicht vorgewarnt?

Seit ihr Vater ihr seinen Entschluss mitgeteilt hatte, waren drei Tage vergangen. Drei Tage, in denen sie sich den Kopf zerbrach, das Unglück doch noch abwenden zu können, jedoch war ihr keine Lösung eingefallen.

»Sag ihm, ich komme gleich. Er wird sich schon gedulden müssen, wenn er hier so unerwartet auftaucht.« Besser er merkte gleich, dass sie kein willenloses Püppchen war.

»Ja, Miss.«

Als das Hausmädchen gegangen war, blieb Bailee auf ihrem Stuhl sitzen und las seelenruhig die Seite des Buches zu Ende, welches sie in den Händen hielt. Dann erhob sie sich, strich mit den Handflächen vorsichtig über ihr blondes Haar und das dunkelblaue Kleid und begab sich in den Salon, wo Jerome De Ville ungeduldig auf sie wartete.

»Miss Winters!« Er empfing sie mit einem Handkuss, doch seine Augen sprühten vor Zorn. »Wie schön, dass Sie sich doch noch entschlossen haben, mich zu empfangen.« Seine Stimme troff vor Sarkasmus.

»Da ich nichts von Ihrem Besuch wusste, hatte ich bedauerlicherweise erst noch andere Dinge zu erledigen, als sofort zu Ihnen zu eilen.« Auf Bailees Lippen lag ein verkrampftes Lächeln.

»Ich bin es nicht gewöhnt, dass man mich warten lässt.« Seine kalten, grauen Augen ruhten auf ihr.

»Und ich bin es nicht gewöhnt, dass ich wie ein Hund angelaufen komme, nur weil jemand nach mir pfeift.« Sie entriss ihm ihre Hand, die er noch immer in seiner hielt, und wandte sich ab. »Nun wo Sie schon einmal hier sind, was kann ich für Sie tun, Mister De Ville?« Bailee goss Sherry in ein Glas und nippte davon, sich sehr wohl bewusst, dass sie ihn mit ihrer Antwort noch mehr aufbrachte.

»In einer Woche findet die Hochzeit statt und ich weiß, wie nervös junge Bräute ob dieses Ereignisses sind.«

Bailee sah ihn mit hochgezogener Braue an.

»Ich bin mitnichten nervös, Mister De Ville. Um ehrlich zu sein, bin ich mir ziemlich sicher, dass diese Hochzeit nicht stattfindet. Vielleicht hat Ihnen mein Vater bereits berichtet, dass ich nicht sonderlich erfreut über diese Vereinbarung bin - zumal Sie nicht einmal den Anstand besaßen, mir Ihre Aufwartung zu machen. Ich bin gänzlich unwillig, einen Fremden zu heiraten.«

Jerome starrte sie einen Moment lang an, dann lachte er. Ein kaltes, freudloses Lachen, das Bailee einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. Er trat gefährlich nahe an sie heran, griff grob nach ihren Handgelenken und drückte so fest zu, dass Bailee vor Schmerz das Gesicht verzog.

»Sperr die Ohren auf, du verwöhntes Luder. Denk nicht, ich wüsste nicht, dass dein Vater dir alles durchgehen lässt und dich behandelt, als wärst du ein Mann. Aber damit ist es vorbei, verstehst du das? Als meine Frau hast du nur einen Zweck: mir einen Erben zu schenken. Stell mich zufrieden und dein Vater ist bald nicht nur schuldenfrei, sondern wird ein Vermögen verdienen. Stellst du dich quer, werde ich dafür Sorge tragen, dass er sein Wasser aus der Gosse saufen kann. Ist das soweit klar?«

Bailee schluckte und nickte mit Tränen in den Augen. Ihr stand die Hölle auf Erden bevor und es gab keinen Ausweg - außer, wenn sie sich von den Klippen stürzte.

»Gut, dass wir das geklärt haben.« Jeromes hagere Visage verzog sich zu einem diabolischen Grinsen, aber immerhin lockerte er den Griff an Bailees Handgelenken, sodass der Schmerz deutlich nachließ. »Ich erwarte keine Liebe von dir, denn das würde sowieso nicht auf Gegenseitigkeit beruhen, aber ich erwarte, dass du dich so verhältst, wie es für eine Misses Jerome De Ville angemessen ist. Solltest du auch nur in Erwägung ziehen, dir einen Liebhaber zu suchen, werde ich dir das Leben aus dem Leib prügeln. Dein Vater sagte mir, dass du sehr bewandert in der Buchführung bist und dich für Politik interessierst. Von alledem will ich nichts hören, schon gar nicht, wenn wir Gäste haben, verstanden?«

Jedes Wort, das von seinen Lippen triefte, war wie ein Schlag ins Gesicht, doch Bailee nickte. Sie würde diesen Menschen mit nichts auf der Welt milde stimmen können, außer sie tat, was er verlangte.

»Ah, Jerome.« Gerald Winters betrat den Raum und augenblicklich änderte sich Jeromes Miene. »Wie ich sehe, plaudert ihr beiden.«

Bailee sog die Luft ein. War ihr Vater so blind oder war es ihm schlichtweg egal, dass seine Tochter einen Sadisten heiraten würde?

»In der Tat, wir hatten eine nette Plauderei.« Jerome warf Bailee einen warnenden Blick zu. »Außerdem fand ich es an der Zeit, meiner Verlobten endlich ein Geschenk zu überreichen.« Er winkte seinen Diener herbei, der sich mit im Raum befand und ließ sich eine kleine Schachtel geben, öffnete sie und präsentierte Bailee einen Ring mit dem wohl größten Diamanten, den sie je gesehen hatte. Unaufgefordert ergriff er ihre Hand und steckte den Ring an ihren Finger.

»Lieber Gott, Jerome.« Gerald trat näher und betrachtete das Kleinod voller Bewunderung. »Das ist ein Prachtstück. Ach Bailee, deine Mutter wäre so furchtbar stolz auf dich.«

Bailee blinzelte. Wie lange musste sie diese Scharade noch aushalten? Der Ring wog schwer, denn es kam einer Eisenkette gleich, mit der man sie gefangen hielt.

»Ein schöner Ring für eine wunderschöne Frau.« Jerome beugte sich zu ihr und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange.

Bailee schloss die Augen und wankte etwas. Er roch nach Tabak und Rasierwasser - eine Mischung, die ihr Übelkeit verursachte. Wie aus der Ferne hörte sie ihren Vater mädchenhaft kichern, scheinbar interpretierte er ihr Verhalten völlig falsch.

»Bailee wird das Kleid ihrer Mutter tragen. Morgen kommt die Schneiderin und passt es an«, sagte Gerald betont fröhlich.

»Sehr gut.« Jerome nickte zufrieden und wandte sich von Bailee ab, die erleichtert aufatmete.

Er setzte sich in einen der Ledersessel, schlug die Beine übereinander und fixierte sie, wie ein hungriger Wolf. Bailee bemerkte, wie sein Blick lüstern und abschätzend über ihren Körper glitt und fühlte sich wie auf einer Sklavenauktion. Fast wäre sie geneigt, ihm ihr Gebiss zu präsentieren, sodass er sah, welch gute Stute sie doch war.

»Wenn ihr mich bitte entschuldigt.« Ihre Stimme klang selbst in ihren Ohren hohl und brüchig. Mit steifen, gemäßigten Schritten verließ sie den Raum und erst als sie die Türe hinter sich geschlossen hatte, begann sie zu rennen und stürmte ins Freie.

 

Mit aufgelöstem Haar saß Bailee im Sand und schaute auf den Atlantik. Mit dem Rücken lehnte sie an einen Felsen, die Beine hatte sie fest an den Körper gezogen, den sie leicht hin und herwiegte. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, weswegen keine einzige Träne den Weg in ihre Augen fand. Zu groß war die Verzweiflung darüber, was sie am kommenden Wochenende erwartete. Jerome hatte ihren Vater in der Hand. Würde er auf ihrer Seite stehen, verlor er alles, was er sich aufgebaut hatte. Warum sie? Warum hatte sich Jerome ausgerechet für sie entschieden, wo er doch wusste, wie es um die finanzielle Lage der Winters bestellt war? Diese Frage quälte sie seit Tagen, doch eine plausible Antwort fiel ihr nicht ein.

Ihr Blick glitt über die rechte Schulter, dort wo sich eine Anhöhe befand, auf der das De Villsche Anwesen stand. Der König von Barbados - so nannte man Jerome hinter vorgehaltener Hand. Sie hatte schon früher nicht gerne mit ihm Geschäfte gemacht, doch ihr Vater war der Meinung, Jerome De Ville zu übergehen, käme einem Todesstoß gleich. Dabei war allseits bekannt, dass auf seinen Feldern neben den schwarzen, auch irische Sklaven schufteten. Natürlich war Sklavenarbeit keine Seltenheit - auch wenn Bailee persönlich nie viel dafür übrig gehabt hatte - aber es gab doch einige Farmer, die keine Sklaven hielten. Nun ja, Jeromes Familie war nicht ohne Grund so reich geworden.

Bailee seufzte und legte den Kopf auf die Arme. Hätte ihre Mutter dieser Hochzeit zugestimmt? Sie wünschte sich schmerzlich, ihre Mutter wäre jetzt hier und würde sie im Arm wiegen, so, wie sie es früher immer getan hatte, wenn es Bailee schlecht ging. Hätte sie sich doch nur in der Vergangenheit nicht so stur gestellt und irgendeinen der Bewerber geheiratet, die um sie geworben hatten. Doch Bailee hatte sich so sehr gewünscht, unabhängig zu bleiben, dass sie auf keines dieser Angebote eingegangen war. Das hatte sie jetzt davon! Sie wurde zwangsverheiratet und teilte damit das Leid vieler ihrer Geschlechtsgenossinnen.

»Ich schaff das nicht«, flüsterte sie und spürte zum ersten Mal in ihrem Leben echte Hoffnungslosigkeit.

Erneut warf sie einen Blick auf die Anhöhe, dann erhob sie sich und lief zum Wasser, wo die Wellen sich in kleinen Schaumkronen am Strand brachen und ihre Füße benetzten. Wie weit würde sie ins Meer gehen müssen, bis die Wellen sie in die Tiefe rissen? Wie lange würde es dauern, bis der Sauerstoff in ihren Lungen versiegt war und sie hinüberglitt in die andere Welt? Bailee haderte mit sich, dann schritt sie ins Wasser.

Kapitel 2

Kapitel 2

Jade

 

Wie jeden Montag hatte Jade den Nachmittag zur freien Verfügung und nutzte diese Zeit gerne, um einen ausgiebigen Spaziergang zu unternehmen. Sie kam nicht sehr oft raus und manchmal bedauerte sie, nicht einen anderen Weg eingeschlagen zu haben. Doch welche Alternative hatte sie denn gehabt? Schon ihre Mutter hatte sich den Lebensunterhalt damit verdient, für reiche, weiße Farmer die Beine breitzumachen und Jade war als Bastard einer dieser Männer im Bordell aufgewachsen. Sie kannte nichts anderes, hatte im Leben nie etwas anderes getan, als eben diesen reichen Farmer ebenfalls vergnügliche Stunden zu schenken. Doch sie hatte Glück gehabt, was vor allem daran lag, dass sie weitaus geschäftstüchtiger war, als ihre Mutter. Mittlerweile hatte sie das Sagen im Paradiso, dem Bordell, in dem sie jahrelang angeschafft hatte. Aus der einstigen Spelunke war ein sauberes und angesehenes Haus geworden, weil Jade wichtig war, als Geschäftsfrau angesehen zu werden und nicht als Hure.

Montags war der Laden geschlossen, denn auch ihre Mädchen brauchten eine Verschnaufpause. Vormittags hatte sich Jade um die Finanzen gekümmert und neue Getränke bestellt, jetzt am Nachmittag wollte sie ihre Seele baumeln lassen. Sie hatte die Stadt mit den bunten Häusern hinter sich gelassen und schlenderte hinunter zum Strand. Ein paar Stunden ohne betrunkene Seeleute und pöbelnden Kerlen. Keine Probleme, keinen Stress. Wohlig seufzend und lächelnd ließ sich Jade in den Sand nieder, nah genug am Wasser, sodass die Gischt ihre Füße kitzelte. Der Blick auf den Ozean brachte ihr jedes Mal neue Energie und Frieden und ließ sie vergessen, welches Leben sie führte. Sie sah hinauf zu der Anhöhe, wo der König von Barbados hauste - ein unangenehmer Kerl, wie sie wusste. Jerome De Ville ließ sich zwar nicht oft in ihrem Etablissement blicken, aber wenn, dann waren ihre Mädchen gewarnt. Es gab nicht viele, die freiwillig mit ihm aufs Zimmer gingen. Dieser perverse Schläger, dachte Jade angewidert. Wird Zeit, dass er sich wieder eine Frau ins Haus holt und uns zufriedenlässt. Jeder auf der Insel hätte eine Geschichte über die De Villes zu erzählen, doch niemand wagte es, sich offen darüber auszulassen. Jerome De Villes Macht war überall spürbar, die halbe Stadt gehörte ihm oder arbeitete für ihn. Selbst Gouverneur Montequeu kuschte vor diesem Drecksack.

Bevor Jade den Blick wieder aufs Wasser richtete, blieb er an einer Person hängen, die gefährlich weit im Meer stand. Sie runzelte die Stirn und schirmte die Augen vor der Sonne ab, um besser sehen zu können. Es handelte sich offensichtlich um eine Frau, deren Kleid sich im Wasser aufbauschte, die aber scheinbar nicht vorhatte, zurück an Land zu gehen.

»Kümmere dich um deinen eigenen Mist«, murmelte Jade, doch schon im nächsten Moment war sie auf den Beinen und rannte los.

Immer weiter versank diese Verrückte im Meer, bis nur noch ihr blonder Schopf zu sehen war. Jade brüllte und versuchte, auf sich aufmerksam zu machen, aber vergebens. Völlig aus der Puste und mit brennenden Seiten stürzte sie sich in die Fluten, griff nach dem Saum des Kleides der Frau und kämpfte sich in seichtes Gewässer. Wie von Sinnen schlug die Fremde um sich, trat nach Jade und traf sie schmerzhaft am Bein.

»Hey, Lady, machen Sie mal halblang.« Jade rüttelte heftig an den schmalen Schultern der Frau, deren irrer Blick durch sie hindurchging.

»Lassen Sie mich los«, schrie sie hysterisch, bis Jade sich keinen anderen Rat mehr wusste und ihr eine Ohrfeige verpasste.

Die Überraschung über den Schmerz schien Wirkung zu zeigen. Die Fremde berührte ihre Wange und hielt endlich still, sodass Jade sie komplett aus dem Wasser ziehen konnte. Als sie endlich das rettende Ufer erreicht hatten, ließ sich Jade entkräftet in den Sand fallen.

»Was haben Sie sich dabei gedacht?«, fragte sie barsch, als sie sich erholt hatte. »Wollten Sie sich umbringen?«

»Na, und wenn schon«, kam die trotzige Antwort.

Jade blickte die blonde Frau an, die mit glanzlosen Augen zurückstarrte.

»Seit wann ist Selbstmord eine Lösung?« Jade wrang ihr Kleid aus. »Geht es um einen Kerl? Es geht immer um einen Kerl, aber die sind es nicht wert, glauben Sie mir, ich kenne mich damit aus.«

Die Blonde sagte immer noch nichts. Sie war wie eingefroren, befreite ihr ohne Zweifel hübsches Gesicht nicht mal von den nassen Strähnen ihrer Haare.

»Wie dem auch sei ... Kann ich Sie irgendwo hinbringen? Nach Hause am besten, irgendwohin, wo man sich um sie kümmert.«

»Ich kann nicht nach Hause.« Die Stimme der Fremden war so leise, dass Jade sie kaum verstand. Ihr schöner, ruhiger Nachmittag war dahin.

»Ihr Ehemann?«, fragte sie mitfühlend.

»Mein Fast-Ehemann.« Endlich wischte sie sich die pitschnassen Haarsträhnen aus dem Gesicht. »Mein Vater hat beschlossen, mich zu verheiraten - gegen meinen Willen, versteht sich.«

»Ach, Mädchen.« Jade schüttelte traurig den Kopf. Dieses Schicksal würde ihr zum Glück erspart bleiben. »Wie viele Liebesheiraten gibt es schon? Es ist besser, Sie arrangieren sich damit.«

»Mit einer Ehe mit Jerome De Ville?«, platzte sie heraus und ihre blauen Augen sprühten Funken. Diese Information war selbstredend schrecklich, aber wenigstens kam Leben zurück in diese Frau.

»Sie haben mein tiefstes Mitgefühl«, sagte Jade leise. »Aber sich umbringen ist dennoch keine Lösung. Wo wollen Sie denn jetzt hin?«

Die Fremde zuckte mit den Achseln. Sie war jung, höchstens Anfang zwanzig, etwas jünger als sie selbst, und sah im Moment sehr verletzlich aus. Würde sie überhaupt eine Chance haben, eine Ehe mit Jerome De Ville zu überleben?

»Ich könnte Ihnen wenigstens für diese Nacht eine Unterkunft anbieten«, hörte Jade sich sagen und hätte sich am liebsten die Zunge abgebissen. Warum mischte sie sich in De Villes Angelegenheiten ein? Damit konnte sie in Teufels Küche kommen.

»Das würden Sie tun? Sie kennen mich doch gar nicht.«

»Na, Sie brauchen Hilfe und ich bin zufälligerweise ein hilfsbereiter Mensch. Ich sage Ihnen aber sofort, es wird nicht das sein, was Sie erwarten.«

»Es ist mir egal und wenn ich in einer Baracke schlafen muss. Alles ist besser, als heute Nacht nach Hause zu gehen.«

»Ihr Wort in Gottes Ohren«, murmelte Jade. »Kennen Sie das Paradiso?«

Die Fremde überlegte einen Moment, dann nickte sie.

»Gut, das wird für heute Nacht Ihre Unterkunft sein. Ich bin Jade und mir gehört der Laden.« Sie hatte damit gerechnet, dass das blonde Püppchen ihre Nase rümpfte oder gar angewidert ablehnte, aber nichts dergleichen geschah. Stattdessen nickte sie, bedankte sich artig und erhob sich.

»Ich bin Bailee. Bailee Winters«, sagte sie und reichte Jade die Hand.

 

»Sie haben Glück im Unglück«, lachte Jade, als sie eine Zimmertüre mit dem Fuß aufstieß. »Wir öffnen erst wieder morgen Vormittag, also ist es heute Nacht angenehm ruhig. Hier können Sie schlafen, es ist einfach, aber sauber. Eines der Mädchen wird Ihnen gleich ein Bad richten und frische Kleidung bringen, aber in der Zwischenzeit ...« Jade ging an einen Schrank, öffnete ihn und förderte einen ziemlich aufreizenden Morgenmantel zu Tage, »ziehen Sie das an, damit Sie aus den nassen Kleidern herauskommen. Ich habe Sie nicht gerettet, damit Sie dann an einer Lungenentzündung sterben. Wenn Sie Hunger haben, kommen Sie gleich einfach nach unten in den Schankraum.«

Jade wirbelte aus dem Zimmer und ließ Bailee mit dem Fähnchen Stoff zurück.

»Wen hast du uns denn da angeschleppt?«, erkundigte sich Lola, eine dralle Schwarzhaarige. »Ein neues Mädchen?«

»Kein neues Mädchen«, erwiderte Jade, während sie in die Küche eilte und den Eintopf umrührte. »Ich habe sie am Strand gefunden, sie soll Jerome De Ville heiraten.«

Lola sog die Luft durch ihre Zähne.

»Armes Ding.« Sie schüttelte bedauernd den Kopf. »Hast du keine Angst, dass das ein Nachspiel gibt, wenn du seine Verlobte hier versteckst?«

»Darauf muss erst einmal jemand kommen.« Jade stemmte die Hände in die Hüften. »Ich denke, hier wird der letzte Ort sein, an dem sie Bailee Winters suchen.«

»Winters?« Lola lachte. »Ich sag ihr dann wohl besser nicht, dass ihr Vater Stammgast ist, oder?«

»Das wäre vielleicht besser, ja. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob Miss Winters wirklich so schockiert darüber wäre.« Jade füllte etwas Eintopf auf den Holzkochlöffel, pustete ein paar Mal und probierte. »Sie hat nicht mal mit der Wimper gezuckt, als ich ihr sagte, wer ich bin.« Sie würzte den Eintopf mit etwas Salz nach.

Lola schwang ihren Hintern auf einen der Stühle, die an einem groben Holztisch standen.

»So wie ich gehört habe, ist sie auch keines dieser dummen, feinen Mädchen, sondern führt in Wahrheit das Geschäft ihres Vaters. Wäre sie ein Mann, wäre sie wahrscheinlich hoch angesehen.«

»Tja, die Welt gehört nun mal den Männern.« Jade wischte sich die Hände an ihrem Kleid ab. »Komm, hilf mir, den Tisch zu decken, in einer halben Stunde können wir essen.«

Während Jade Teller und Gläser auf den Tisch stellte, dachte sie darüber nach, dass es keinen großen Unterschied zwischen ihr und Bailee Winters gab, außer dass sie aus verschiedenen Gesellschaftskreisen stammten. Was brachte Bailee ihre vornehme Geburt? Sie war ein helles Köpfchen und besaß Geschäftssinn. Doch diese Fähigkeiten sprach man ihr einfach ab, weil sie mit dem falschen Geschlecht auf die Welt gekommen war. Letztendlich würde sie sich auch einem Mann hingeben müssen, den sie nicht liebte. Da war sie selbst schon besser dran, wie Jade fand. Immerhin führte sie ein eigenes Geschäft und brauchte sich von niemandem reinreden lassen, auch wenn die meisten nicht mehr als ein Naserümpfen für sie übrig hatten. Aber im Gegensatz zu Bailee konnte sich Jade aussuchen, für wen sie die Beine breitmachte und das tat sie gar nicht mehr, seit der Laden ihr gehörte.

Jerome De Ville. Jade lief es eiskalt den Rücken hinunter, wenn sie nur an diesen Kerl dachte. Warum tat Gerald Winters seiner Tochter das an? Wahrscheinlich ging es um Geld - in der Welt der Männer drehte sich alles um Geld. Bailee war nichts weiter als ein Stück Fleisch, welches an den Meistbietenden verhökert wurde - nein, es gab keinen Unterschied zwischen ihr und den Mädchen in ihrem Etablissement.

»Sollte Gerald Winters in den nächsten Tagen hier auftauchen, wäre ich dankbar, wenn du dich um ihn kümmerst«, sagte sie zu Lola. »Versuch herauszufinden, warum seine Wahl ausgerechnet auf Jerome De Ville gefallen ist.«

»Wird gemacht«, antwortete Lola und warf ihre langen, seidigschwarzen Haare in den Nacken. »Auch wenn ich finde, du solltest dich aus dieser Sache heraushalten und damit meine ich, dass du den Namen Bailee Winters ab morgen am besten vergisst. Warum interessiert es dich überhaupt? Du kennst die Frau doch gar nicht.«

Nein, sie kannte Bailee nicht, aber Jade ahnte bereits, dass diese Frau alle Unterstützung der Welt brauchte, um eine Ehe mit De Ville zu überleben. Es war kein Zufall, dass sie sich getroffen hatten, davon war Jade überzeugt. So etwas nannte man Schicksal!

Kapitel 3

Kapitel 3

Bailee

 

Bailee hatte das warme Bad genossen und zog das Kleid über, welches ihr eine junge Rothaarige gebracht hatte. Es war ihr deutlich zu groß, doch es roch sauber und nach Maiglöckchen. Bailee war es egal, dass sie nicht die Oberweite besaß, um das Mieder gänzlich auszufüllen und dass der Saum des Kleides auf dem Boden schleifte. Sie war froh, dass man sie aufgenommen hatte, wenn auch an dem für sie unvorstellbaresten Ort. Natürlich kannte sie das Paradiso, jeder tat das, auch wenn sie sich in diesen Teil der Stadt noch nie verirrt hatte. Sie wusste auch, dass ihr Vater hin und wieder hier einkehrte - wie fast alle Männer der Stadt. Vielleicht hätte sie schockierter sein sollen, dass es ausgerechnet die Bordellchefin selbst war, die sie gefunden hatte, doch Bailee hielt nicht viel von zur Schau gestellter Prüderie. Sie war sich durchaus bewusst, was sich in ehelichen oder außerehelichen Schlafzimmer abspielte, auch wenn sie selbst diesbezüglich noch keine Erfahrungen gesammelt hatte. Außerdem stand ihr Elternhaus im Hafenbezirk, sodass sie ständig mit den Seeleuten Kontakt hatte.

Bailee blickte in den Spiegel und steckte sich die blonden Haare locker hoch. Irgendwie freute sie sich auf den Abend und auf die Gesellschaft der leichten Mädchen. Wie oft hatte man als Frau schon das Privileg, hinter die Kulissen eines solchen Betriebes zu schauen? Natürlich durfte es nie irgendwer erfahren, doch Bailee war ein bisschen Spaß nicht abgeneigt. Ja, vielleicht würde sie sich sogar betrinken.

Als sie die breite, geschwungene Holztreppe ins Untergeschoss hinunterging, hörte sie fröhliches Gelächter. Was würden die Frauen wohl über sie sagen?

»Das wirst du nicht herausfinden, wenn du hier Wurzeln schlägst«, sagte sie leise zu sich selbst, atmete tief ein und aus und betrat die geräumige Küche, in der der verführerische Duft von Schweinefleisch in Kokosmilch lag.

Kaum dass Bailee einen Fuß in die Küche gestellt hatte, verstummte das Gelächter und die zehn Frauen, die rundherum am ausladenden Küchentisch saßen, musterten sie neugierig.

»Guten Abend«, sagte Bailee so selbstsicher, wie es ihr möglich war.

»Setzen Sie sich, Miss Winters.« Jade sprang auf, füllte einen Teller mit Eintopf und stellte ihn an einen freien Platz.

Lächelnd folgte Bailee der Einladung und merkte erst jetzt, wie ihr Magen undamenhaft knurrte.

»Bitte, nennen Sie mich Bailee. Und danke noch mal für die Rettung«, fügte sie an Jade gewandt zu.

»Nichts zu danken.« Die dunkelhäutige Jade nickte freundschaftlich. »Essen Sie, solange es heiß ist.«

Das ließ sich Bailee nicht zweimal sagen. Beinahe gierig griff sie nach dem Löffel, tauchte ihn in den heißen Eintopf und schob ihn erwartungsvoll in den Mund. Der Geschmack löste kleine Explosionen auf ihrer Zunge aus. Was für ein Genuss! Wer immer dies gekocht hatte, verstand sein Handwerk.

»Gut?«, fragte Jade lächelnd.

»Und wie.« Bailee grinste mit vollem Mund, was die anderen Frauen dazu veranlasste, laut zu kichern. »Entschuldigung.« Bailee besann sich und bekam rote Wangen. »Ich habe meine Manieren wohl zuhause gelassen.«

»Manieren sind etwas, was wir hier nicht kennen.« Lola lachte, hob ihr mit Rotwein gefülltes Glas und prostete Bailee zu.

Bailee tat es ihr gleich und die gesamte Runde wurde etwas lockerer. Während sie weiter mit an Ektase grenzender Begeisterung ihren Eintopf verspeiste, lauschte sie den ausgelassenen Gesprächen ihrer Gastgeber. Wahrlich keine Gespräche, die sie gewohnt war, aber durchaus amüsant. Keine der Frauen wirkte, als seien sie unglücklich mit ihrem Dasein und Bailee wünschte sich plötzlich, nie wieder nach Hause zurückkehren zu müssen. Auf ihren Schultern lag eine tonnenschwere Last, etwas, was diese Damen bestimmt nicht kannten. Zumindest wirkten sie nicht so, als würde ihnen ihr Leben eine Last sein. Trotzdem fragte sie sich, warum die Frauen dieser Arbeit nachgingen. Sie mussten doch noch andere Talente besitzen, als ... Bailee wurde über ihre Gedanken rot und hoffte, niemand merkte, dass sie hier Feldstudien betrieb. Warum suchten sich die Frauen keine ehrbare Arbeit? Hatten sie Kinder, und wenn ja, wo waren sie? Die schwarzhaarige Lola, die zu ihrer Rechten saß, war mit Abstand die Älteste von den Frauen. Sie wirkte offen und nett, doch was tat sie, wenn sie zu alt für diesen Job war?

Bailee spürte einen Blick auf sich ruhen und als sie sich umdrehte, sah sie direkt in Jades grüne Augen. Wieder überzog eine feine Röte ihr Gesicht. Sie fühlte sich ertappt.

»Was denken Sie über uns?«, fragte Jade frei heraus. »Sie haben sich doch Gedanken gemacht, oder?«

»Um ehrlich zu sein, ja. Aber keine Negativen«, fügte Bailee hinzu. »Ich habe mich nur gefragt ...«

»Na los, spucken Sie es aus. Wir beißen nicht.« Jade lachte und warf der molligen Chloe einen amüsierten Blick zu. »Obwohl unsere Chloe schon ganz gerne mal zubeißt.« Die Frauen lachten grölend und auch Bailee wagte ein verschämtes Lächeln.

»Na ja, ich fragte mich, wie ihr alle hier gelandet seid. Macht es euch Spaß?«

»Wir sind eine Familie und stehen füreinander ein. Die meisten von uns hatten nie die Chance auf ein anderes Leben - Sie sehen doch selbst, welche Wahl man uns als Frauen lässt«, erklärte Jade freimütig. »Ich bin in diesen Mauern geboren, schon meine Mutter arbeitete hier. Für die weißen Frauen wäre es eventuell noch einfacher, einen geeigneten Mann zu finden und diesem ganzen hier zu entkommen, aber für mich als Kreolin ... Ich kann froh sein, dass ich überhaupt in Freiheit lebe.«

Daran hatte Bailee gar nicht gedacht. Sie sah in die Runde, in der es neben Jade noch drei weitere farbige Frauen gab. Nach und nach erzählte jede der Frauen ihre Geschichte und Bailee begann zu begreifen, dass sie sich absolut kindisch verhalten hatte. Sie war privilegiert, hatte liebende Eltern gehabt und ihre bisherigen Jahre hatte sie damit verbracht, sich selbst zu verwirklichen. Wie schlimm konnte eine Ehe mit Jerome schon sein? Sie würde ihm seinen gewünschten Erben schenken und dann hatte sie hoffentlich Ruhe vor ihm. Jade legte ihre milchkaffeebraune Hand auf Bailees Arm.

»Ich bin jeden Montag um dieselbe Zeit am Strand. Wenn Sie reden möchten, können Sie mich dort treffen. Sie müssen da nicht alleine durch, Herzchen. Glauben Sie mir, wir sind damit vertraut, wie Männer zuweilen sein können.«

»Danke«, erwiderte Bailee lächelnd. »Der heutige Abend hat mir wieder neue Kraft gegeben. Ich bin auch immer für euch da, falls eine von euch etwas braucht.« Es klang nach Zuversicht, doch ihr entging der flüchtige Augenkontakt zwischen Jade und Lola.

 

Es klopfte leise an ihrer Türe, die dann vorsichtig geöffnet wurde.

»Miss Winters ... Bailee«, hörte sie eine Stimme und schlug die Augen auf. Sie brauchte einen kurzen Moment, um sich bewusst zu werden, wo sie sich befand. »Es ist kurz nach Sonnenaufgang und Jade meinte, dass Sie wohl jetzt besser verschwinden, damit man Sie nicht sieht.«

Bailee stützte sich auf ihre Unterarme und bedankte sich bei der rothaarigen, bildhübschen Molly.

»Ihr Kleid ist auch wieder trocken, Jade bringt es Ihnen gleich hoch.« Sie verschwand wieder und Bailee sank zurück in die Kissen und starrte an die Decke. Am liebsten würde sie einfach liegenbleiben. Hier in diesem Zimmer gab es keine Probleme und auch keine verdammte Hochzeit. Sie merkte, wie ihr Herz einige Stolperer machte und sich ihr Magen zusammenkrampfte. Gestern Abend war sie wirklich davon überzeugt gewesen, die ganze Angelegenheit mit Würde hinter sich zu bringen, doch jetzt, am Morgen danach und wieder ganz alleine, sank ihr Mut erneut eine Etage tiefer. Sie hatte sich wohlgefühlt in der Gemeinschaft der Frauen, auch wenn sie wusste, dass sie niemals Freundinnen werden konnten - durften! Es wäre ein Skandal, wenn man sie mit diesem Haus in Verbindung bringen würde. Ein Lachen verließ ihre Kehle. Wahrscheinlich schämte sich keiner der Männer, mit diesem Haus in Verbindung gebracht zu werden, aber sie als Frau würde man direkt als etwas abstempeln, dessen Wort Bailee nicht in den Mund nehmen wollte. Heuchlerische, von Männern dominierte Gesellschaft, dachte sie wütend. Sie hatte sich zu fügen, ob sie wollte oder nicht.

Erneut klopfte es und nach einem »Herein«, betrat Jade das Zimmer, auf dem Arm Bailees Kleid.

»Es ist zumindest so trocken, dass Sie sich unter Leute trauen können.« Sie lächelte und Bailee fielen ihre strahlend weißen Zähne auf, die wie Perlen zwischen ihren vollen Lippen hervorblitzten. Jade war eine Schönheit, wie Bailee fand. Groß und schlankgewachsen, die grünen Augen, die wie Edelsteine leuchteten und das feingeschnittene, ebenmäßige Gesicht. Wie schon am Tag zuvor trug sie ein farbenfrohes Kleid und auf dem Kopf einen Tête Mawé - die typisch kreolische Kopfbedeckung. »Möchten Sie noch etwas frühstücken? Ich will Ihnen nicht das Gefühl geben, dass ich sie hinauswerfen möchte, aber noch schläft die Stadt und Sie können ungesehen nach Hause gehen. Ich will nicht, dass Sie unseretwegen Schwierigkeiten bekommen.«

»Danke«, seufzte Bailee. »Es war ein sehr schöner Abend gestern, den ich gerne wiederholen würde, aber wir wissen beide, dass ...«

»Dass dies nicht passieren wird, ja«, beendete Jade Bailees Satz. »Tja, dann ...«

»Tja, dann ...«, wiederholte Bailee und eine gewisse Traurigkeit überkam sie. »In zehn Minuten bin ich verschwunden. Vielleicht sehen wir uns wirklich eines Tages am Strand wieder.«

»Unter besseren Umständen, möchte ich hoffen. Ich wünsche Ihnen alles erdenklich Gute, Bailee.« Jade nickte ihr zu und ließ sie dann alleine.

 

»... erkläre ich euch zu Mann und Frau. Du darfst die Braut jetzt küssen.«

Bailee befand sich in ihrem persönlichen Albtraum, als sich Jeromes schmale, kalte Lippen den ihren näherten und sie flüchtig streiften. Es war also besiegelt! Ab sofort war sie Misses Jerome De Ville, Herrscherin über den Zucker und hunderten von Arbeitern, die respektvoll vor der Kirche Spalier gestanden hatten, als ihr Vater sie hineinbegleitet hatte. Es gab kein Zurück mehr. Ab sofort war sie Jerome auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Als Paar schritten sie durch die Kirche zum Ausgang, einige der Gäste gratulierten, die meisten jedoch, warfen Bailee mitleidige Blicke zu. Kaum jemand beneidete sie, obwohl sie den reichsten Mann Barbados’ geheiratet hatte.

»Ich wünsche euch nur das Beste«, strahlte Gerald, als er seine Tochter in die Arme nahm und an sich drückte. Bailee ließ es emotionslos geschehen.