Die Frau, die vom Himmel fiel - Simon Mawer - E-Book

Die Frau, die vom Himmel fiel E-Book

Simon Mawer

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Beschreibung

Paris 1943: Eine mutige junge Frau gerät zwischen die Fronten des Krieges – und fi ndet sich zwischen zwei Männern wieder

Marian Sutro ist kein Mädchen wie die anderen. Soeben aus der Schule ins Leben entlassen, kauert die neunzehnjährige Londonerin nun vor der geöffneten Tür eines Flugzeugs der Royal Airforce, unter ihr das besetzte Frankreich, bereit, mit dem Fallschirm ins Ungewisse zu springen. Sie soll ihre Jugendliebe Clément aufsuchen, der in Paris für die Nazis als Wissenschaftler arbeitet. Wird sie ihre Aufgabe erfüllen? Wird sie Clément finden – und was wird dann mit Benoît, ihrem neuen Liebhaber?
Ein packender Roman über eine starke junge Frau, die Mut in gefährlichen Zeiten beweist, und eine »Casablanca«-gleiche Liebesgeschichte vor der Kulisse des historischen Paris.

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SIMON MAWER

Die Frau, die vom Himmel fiel

Roman

Aus dem Englischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel

Deutsche Verlags-Anstalt

In Erinnerung an Colette, eine der SOE-Frauen

TRAPEZ

Sie sitzt im Rumpf des Flugzeugs, verschnürt wie ein Gepäckstück und gepeinigt vom Lärm. Eine halbe Stunde zuvor hat man sie durch die Tür nach oben bugsiert, weil sie es mit dem Fallschirm auf dem Rücken niemals allein die Leiter hochgeschafft hätte. Jetzt sitzt sie einfach da, in dem ohrenbetäubenden Krach und dem trüben Licht, um sie herum hartes Metall und zahllose Pakete.

Wenn sie doch nur schlafen könnte, wie Benoît. Der sitzt ihr gegenüber, die Augen geschlossen, und sein Kopf wiegt sich mit den Bewegungen der Maschine. Wie ein Passagier in einem Zug. Das ist eine seiner aufreizendsten Eigenschaften, er kann, wo und wann es ihm beliebt, einfach schlafen.

Der Absetzer – jung, linkisch, vorspringender Adamsapfel und Pomade im Haar – kommt durch den Krach auf sie zugestolpert. Er erscheint ihr wie eine Art Charon, der die Seelen der Toten auf dem Weg in den Hades begleitet. Ihrem Vater würde der Gedanke gefallen. Seine klassischen Allusionen. »Illusionen« hat sie sie immer genannt. Der Absetzer grinst sie teuflisch an, bückt sich und öffnet die Bodenluke, sodass Nacht und Kälte in den Rumpf dringen, als würde Wasser durch ein Leck hereinrauschen. Als sie nach unten schaut, kann sie die engen Dächer einer Stadt sehen, die tief unter ihnen vorbeigleitet, wolkenbefleckt und mondbeschienen, ein geheimnisvoller Meeresgrund, über dem ihr Schiff dahinschwebt. Benoît öffnet ein Auge, um zu sehen, was los ist, lächelt sie kurz an und schläft weiter.

»CAEN!«, ruft der Absetzer über den Lärm hinweg. Er fängt an, Papierpakete durch das schwarze Loch nach draußen zu werfen, wie ein manischer Lieferjunge, der in der Dunkelheit eines Wintermorgens seinen Kunden die Zeitung vor die Tür wirft. Die Bündel reißen auf, als sie ins Leere fallen. Er hält ihr eins von den Flugblättern hin, damit sie es lesen kann.

La Revue du Monde Libre steht da, Apportée par la R.A.F.

»die Franzmänner wischen sich damit natürlich NUR den Hintern ab!«, schreit er. »aber die sauerkrautfresser denken jetzt, wir wollen bloSS die dinger abwerfen. gutes alibi, was? die sollen nicht auf die idee kommen, wir sind hier, um so jemand wie Sie abzusetzen.«

Sie lächelt. So jemand wie Sie. Aber wen eigentlich genau?

Marian.

Alice.

Anne-Marie Laroche.

Ein Päckchen, das ausgeliefert werden soll, wie ein Bündel Flugblätter.

Ohne Vorwarnung beginnt die Maschine zu taumeln, ein von Wellen gepeitschtes Boot. »flak!«, schreit der Absetzer, als er ihren fragenden Blick sieht. Er grinst, als wäre Flakfeuer nicht der Rede wert, und tatsächlich ist außer dem Motorenlärm nichts zu hören, keine berstenden Granaten, keine Anzeichen dafür, dass da unten irgendwelche Menschen versuchen, sie zu töten, bloß dieses Taumeln und Abdrehen.

»Wir sind bald drüber weg!«

Und tatsächlich, sie sind bald drüber weg, und das Flugzeug dröhnt weiter, die Luke geschlossen, durch ruhigere Gewässer.

Später bringt der junge Bursche ihr und Benoît eine Thermoskanne Tee und ein paar Sandwiches. Benoît schlingt seine gierig herunter – »Iss, mon p’tit chat«, sagt er zu ihr, aber sie kann nicht essen, so wie sie schon im Unterschlupf keinen Bissen herunterbrachte, bevor sie zum Flugplatz aufbrachen, weil sich nämlich ihre Magenmuskeln von dem Moment an unaufhaltsam zugeschnürt und verkrampft haben, als Vera sagte: »TRAPEZE ist für den nächsten Mond angesetzt. Natürlich nur, wenn das Wetter mitspielt.« In dem Augenblick begann der Schmerz, ein dumpfes Ziehen wie Menstruationsschmerzen, obwohl sie nicht ihre Periode hatte.

»Alles in Ordnung?«, fragte Miss Atkins sie auf dem Flugplatz, während sie letzte Vorbereitungen trafen. Sie wirkte wie eine Krankenschwester, die sich nach einer Patientin erkundigte – besorgt, aber mit einer gewissen Distanziertheit, als handelte es sich bloß um eine Aufgabe, die es zu erledigen galt, ehe sie weiter zum nächsten Bett ging.

»Natürlich ist alles in Ordnung.«

»Sie sehen blass aus.«

»Das kommt von dem verdammten englischen Wetter.«

Und jetzt herrscht draußen französisches Wetter, das die Maschine durchrüttelt, während sie weiter durch die Nacht dröhnt. Als sie den Tee ausgetrunken hat, schafft sie es, zu schlafen, ein dösender, unbequemer Schlaf, eher wie ein Patient, der immer wieder wegdämmert, nicht wie jemand, der sich wirklich ausruht. Und dann ist sie erneut wach, und der Absetzer rüttelt sie an der Schulter und schreit ihr ins Ohr: »wir sind fast da, liebes! fertig machen!«

Liebes. Sie mag das. Englische Fürsorglichkeit. Die Bodenluke wird erneut geöffnet, und als sie hindurchspäht, sieht sie etwas Neues, bleiche Felder und dunkle Wälder huschen unter dem Flugzeug vorbei, fast zum Greifen nahe. Die weiten Eb’nen Frankreichs, hat ihr Vater immer gesagt. Benoît, der jetzt hellwach und konzentriert ist, klopft seine Taschen ab, um sich zu vergewissern, dass er alles hat, zieht Reißverschlüsse zu, kontrolliert seine Ausrüstung.

Das Flugzeug neigt sich zur Seite, fliegt mit kreischenden Motoren einen weiten Kreis. Sie kann sich den Piloten vorn im Cockpit vorstellen, wie er sucht und sucht, angestrengt nach den winzigen Taschenlampenlichtern Ausschau hält, die signalisieren, dass sie da unten im Dunkeln erwartet werden. Ein Lämpchen geht am Rumpfdach an, ein einzelnes, starres rotes Auge. Der Absetzer hebt die Daumen. »er hat’s gefunden!«

In seiner brüllenden Stimme schwingen Ehrfurcht und Triumph mit, als wäre das der Beweis dafür, was für Wunder seine Crew zustande bringen kann: im Dunkeln den ganzen Weg bis hierher zurückzulegen, achthundert Meilen von zu Hause, und in einer pechschwarzen Welt ein stecknadelkopfgroßes Licht zu entdecken. Er hakt die Aufziehleinen ihrer Fallschirme an der Stange am Rumpfdach ein und überprüft noch einmal die Schnallen an ihren Gurten. Das Flugzeug überquert die Absprungzone, und sie kann das Geräusch hören, wie die Behälter aus dem Bombenschacht fallen, und sieht ihre geblähten Fallschirmkappen kurz darunter aufleuchten. Dann legt sich die Maschine in die Kurve und dreht und nimmt ein zweites Mal Anlauf.

»jetzt seid ihr dran!«, brüllt der Absetzer ihnen zu.

»Merde alors!«, formt Benoît mit den Lippen und grinst Marian an. Er wirkt aufreizend unbekümmert, als wäre das alles der normale Lauf der Dinge, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, dass Leute sich mitten in der Nacht über einer unbekannten Gegend aus einem Flugzeug werfen.

Merde alors!

Sie sitzt am Lukenrand, die Beine draußen im Luftsog, als säße sie auf einem Felsen mit den Füßen im strömenden Wasser. Benoît ist direkt hinter ihr. Sie spürt seinen Druck an ihrem unförmigen Fallschirmrucksack, als wäre das Ding eine empfindliche Erweiterung ihres Körpers. Sie spricht ein kleines Gebet, eines, das sie aus Kindheitserinnerungen kramt, aber dennoch ein Gebet und somit ein Zeichen von Schwäche: Lieber Gott, bitte pass auf mich auf. Was vielleicht bedeutet: Vater, pass auf mich auf, oder Maman, pass auf mich auf, aber was immer es auch bedeutet, sie will jetzt keine Schwäche zeigen, nicht in diesem Moment, in dem sie sich ausliefert und die Luft an ihr vorbeirauscht und unter ihr Leere ist, während der Absetzer ihr zunickt, um ihr Mut zu machen, und doch bloß den beängstigenden Aberglauben in ihr weckt, dass du dir niemals selbst gratulieren, niemals applaudieren, niemals jemandem Glück wünschen darfst. Merde alors!, mehr solltest du niemals sagen. Merde alors!, denkt sie, in gewisser Weise auch ein Gebet, als das rote Lämpchen erlischt und das grüne Lämpchen angeht und der Absetzer ruft: »SPRUNG!«, und schon spürt sie seine Hand auf dem Rücken und lässt los, stürzt von der rauen Behaglichkeit im Rumpf in die tosende Dunkelheit über Frankreich.

LONDON

I

Er hieß Potter, was irgendwie unpassend war. Er hatte eine nörgelige, flötende Stimme und eine kühle Art, als ob sie seinen Ansprüchen eigentlich nicht genügen würde, er sie aber aus Höflichkeit dennoch empfing. »Danke, dass Sie den weiten Weg auf sich genommen haben«, sagte er. »Und sich extra freigenommen haben. Bitte, machen Sie es sich doch bequem.«

Es schien unmöglich, dieser Aufforderung nachzukommen: Der Raum war fast völlig leer geräumt worden. An einer freien Stelle hatte wahrscheinlich einmal ein Bett gestanden – ein Kopfbrett war an der Wand befestigt, und die beiden kleinen Regale links und rechts hatten wohl als Nachttische gedient –, doch ansonsten waren die einzigen Möbelstücke ein Tisch und zwei Stühle. Eine nackte Glühbirne hing von der Decke.

Sie setzte sich, nicht vorn auf die Kante des Stuhls und auch nicht bequem zurückgelehnt wie bei sich zu Hause im Wohnzimmer, weder das eine noch das andere, sondern aufrecht, entspannt und wachsam, während er ihr gegenüber Platz nahm und freundlich lächelte. Er war ein durchschnittlich aussehender Mann, die Sorte, die ihr Vater Bankiertyp nannte. Nur dass Bankiers stets Schnurrbärte hatten und dunkle Anzüge trugen. Dieser Mann war dagegen glatt rasiert und trug ein Tweedsakko mit Weste. Ein Schuldirektor, entschied sie. Ein Schuldirektor, der eine aufsässige Schülerin in sein Büro zitiert hat, die Art von Direktor, der lieber Fragen stellt als Standpauken hält. Die Art, die es dir selbst überlässt, dich in Widersprüche zu verwickeln. Die sokratische Methode.

»Also, ich nehme an, Sie fragen sich, warum ich Sie eingeladen habe?«

In seinem Brief hatte er sie gebeten, nicht in Uniform zu kommen. Sie hatte das seltsam gefunden, sogar ein wenig befremdlich. Wieso nicht in Uniform, wo doch die ganze verdammte Welt in Uniform steckte? Sie hatte sich daher für etwas Schlichtes und Geschäftsmäßiges entschieden – dunkelblaues Kostüm, weiße Bluse und das einzige anständige Paar Schuhe, das sie aus Genf hatte mitnehmen können. Sie hatte es in den letzten zwei Jahren möglichst wenig getragen. Es war zu kostbar. Und Seidenstrümpfe, sie trug Seidenstrümpfe. Ihr letztes Paar.

»In Ihrem Brief erwähnen Sie Französisch. Dass Sie für meine Sprachkenntnisse Verwendung hätten.«

»Genau. Peut-être …« Potter stockte und lächelte herablassend, »Peut-être nous devrions parler français?«

Er hatte einen englischen Akzent, und seine Ausdrucksweise klang ein wenig hölzern, als würde er die Sprache eher bemüht sprechen, nicht natürlich. Aber er beherrschte sie ganz passabel. Sie zuckte die Achseln und tat es ihm gleich, wechselte von einer Sprache in die andere, mit jener seltsamen Leichtigkeit, die sie besaß und die ihr Vater niemals zustande brachte. »Die Sache ist die, Papa«, hatte sie einmal zu ihm gesagt, »für dich sind es zwei Sprachen. Aber für mich nicht. Für mich gibt es bloß eine Sprache. Und ich verwende immer das, was gerade am besten passt.« Und so fand das weitere Gespräch, ein sehr verhaltenes, ausweichendes Gespräch, auf Französisch statt, durchsetzt mit Potters gestelzten Förmlichkeiten und Marians übersprudelnden umgangssprachlichen Wendungen.

»Ich muss von vornherein klarstellen«, warnte er sie, »dass es sich um eine äußerst geheime Arbeit handelt. Alles, was diese Arbeit betrifft, selbst unser heutiges Treffen, ist streng vertraulich und unterliegt dem Official Secrets Act. Dessen sind Sie sich hoffentlich bewusst, oder? Natürlich haben Sie die entsprechende Erklärung bereits im Rahmen Ihrer Tätigkeit beim Frauenhilfskorps WAAF unterzeichnet. Aber wir möchten auf Nummer sicher gehen.«

Also unterzeichnete sie ein weiteres Mal die Geheimhaltungserklärung, eine feierliche kleine Zeremonie wie eine Eheschließung auf dem Standesamt, wozu Mr Potter ihr seinen Füllfederhalter borgte und ehrfürchtig wartete, bis die Tinte getrocknet war.

»So, dann erzählen Sie mir doch mal ein wenig über sich, Miss Sutro. Der Name zum Beispiel. Nicht jüdisch, oder?«

»Sutro? Ursprünglich vielleicht, ich weiß es gar nicht genau. Mein Vater ist Anglikaner, und sein Vater war sogar Pfarrer. Was gewisse Probleme zur Folge hatte, als mein Papa meine Mutter heiratete, denn die ist katholisch. So wurden wir auch erzogen, mein Bruder und ich – katholisch.«

»Das klingt ja alles recht normal. Aber man muss sich ja vergewissern.«

»Dass ich keine Jüdin bin? Wollen Sie keine Juden?«

»Wir müssen sichergehen, dass Angehörige des, äh, mosaischen Glaubens sich der Risiken voll und ganz bewusst sind.«

»Was denn für Risiken?«

Ein leiser Anflug von Ungeduld schlich sich in seine Stimme. »Vielleicht sollte lieber ich hier die Fragen stellen, Miss Sutro. Sagen Sie, wie haben Sie Ihre Französischkenntnisse erworben?«

Sie zuckte die Achseln. »Ich hab meine Kenntnisse nicht erworben. Ich hab einfach sprechen gelernt, wie jedes Kind. Bloß eben die französische Sprache. Meine Mutter ist Französin. Wir haben in Genf gelebt.«

»Aber Sie sprechen auch ausgezeichnet Englisch.«

»Das hab ich natürlich von meinem Vater. Und auch in der Schule haben wir Englisch und Französisch gesprochen. Es war eine internationale Schule. Und dann war ich drei Jahre auf einem Internat in England.«

»Was hat Ihr Vater in Genf gemacht?«

»Er hat beim Völkerbund gearbeitet.« Sie stockte und fragte dann mit einer gewissen Ironie: »Erinnern Sie sich noch an den Völkerbund, Mr Potter?«

II

Beim zweiten Treffen legte er seine Karten auf den Tisch. Das waren seine Worte. Sie trafen sich wie zuvor: am selben Ort – ein anonymes Gebäude auf der Northumberland Avenue, das einmal ein Hotel gewesen war –, in demselben Zimmer, mit den zwei Stühlen und dem nackten Tisch und der nackten Glühbirne, doch diesmal nahm sie die Zigarette, die er ihr anbot. Sie rauchte eigentlich nicht, aber die Arbeit im sogenannten Filterraum in der Bentley Priory, dem Hauptquartier des Fighter Command bei Stanmore, machte unweigerlich jeden zum Raucher, vor allem nachts. Außerdem wirkte sie mit einer Zigarette in der Hand älter, und aus irgendeinem Grund wollte sie in den Augen dieses Mannes älter erscheinen, obwohl er ihr richtiges Alter kannte und daher nicht getäuscht werden konnte.

»Wie denken Sie über unser erstes Gespräch?«, fragte er.

Sie zuckte die Achseln. »Sie haben mir nichts Konkretes verraten. Dieses Inter-Services Research Bureaukann alles Mögliche sein.«

Er nickte. Es konnte in der Tat alles Mögliche sein. »Bei dem Treffen haben Sie – recht beredt, wie ich fand –, über Ihre Liebe zu Frankreich gesprochen, darüber, dass Sie gern etwas mehr für das Land tun würden, auf aktivere Art.«

»Darum ging’s also, ja? Meine Sprachkenntnisse.«

»Mehr oder weniger.« Er betrachtete sie nachdenklich, musterte sie mit einem Ausdruck, der fast traurig wirkte. »Marian, wären Sie bereit, dieses Land zu verlassen, um sich aktiver zu engagieren?«

»Ins Ausland gehen? Sicher. Algerien oder so?«

»Eigentlich meine ich Frankreich selbst.«

Eine Pause entstand. Man hätte meinen können, dass sie ihn nicht ganz verstanden hatte. »Ist das Ihr Ernst, Mr Potter?«

»Mein voller Ernst. Die Organisation, die ich vertrete, bildet Leute für die Arbeit in Frankreich aus.«

Sie wartete, sog Rauch von der Zigarette ein, entschlossen, sich keinerlei Veränderung anmerken zu lassen. Aber es gab eine Veränderung: ein aufgeregtes Flattern direkt hinter ihrem Brustbein.

»Ich will offen zu Ihnen sein, Marian. Ich möchte meine Karten auf den Tisch legen. Es wäre eine riskante Arbeit. Sie wären in Lebensgefahr. Aber die Arbeit wäre von immensem Wert für unsere Kriegsanstrengungen. Ich bitte Sie, darüber nachzudenken, ob Sie sich dergleichen vorstellen könnten.«

Sie schien sich den Vorschlag durch den Kopf gehen zu lassen, doch sie hatte den Entschluss längst gefasst, schon vor Beginn dieses zweiten Gesprächs, als sie geahnt hatte, dass etwas Außergewöhnliches passieren könnte. »Ja, sehr gerne sogar«, sagte sie.

Potter lächelte. Es war ein Ausdruck bar jeden Humors, das müde Lächeln eines Mannes, der es mit übereifrigen Kindern zu tun hat. »Ich möchte nicht, dass Sie mir sofort antworten. Verreisen Sie und denken Sie darüber nach. Sie haben eine Woche Urlaub.«

»Eine Woche Urlaub?« Wer im Filterraum arbeitete, konnte von Urlaub nur träumen.

Er nickte. »Sie haben eine Woche Urlaub. Fahren Sie nach Hause und denken Sie in Ruhe nach. Sprechen Sie mit Ihrem Vater darüber. Verraten Sie ihm aber nicht mehr, als dass Sie vielleicht zu irgendeinem geheimen Einsatz ins Ausland geschickt werden, der nicht ungefährlich ist. Falls Sie mein Angebot annehmen, wird eine andere Einheit genauer prüfen, ob Sie für diese spezielle Arbeit geeignet sind. Womöglich kommt man dort zu dem Ergebnis, dass ich Ihre Talente falsch eingeschätzt habe und Sie für die Arbeit, die wir machen, nicht infrage kommen. In diesem Fall kehren Sie nach einem angemessenen Debriefing zu Ihren normalen Aufgaben zurück, ohne dass irgendwer erfährt, wo Sie waren. Falls die Bewertungseinheit Sie für geeignet hält, wird es ernst. Ihre Ausbildung wird einige Monate dauern, erst dann kommen Sie zum Einsatz.«

»Das klingt faszinierend.«

»So würde ich es eher nicht nennen. Sie müssen Ihre Eltern davon in Kenntnis setzen, dass Sie, falls Sie diese Arbeit annehmen, praktisch aus ihrem Leben verschwinden, bis alles vorbei ist. Zwar wird die Organisation Ihre Familie von Zeit zu Zeit über Ihr Befinden unterrichten, aber Sie werden keinen direkten Kontakt zu ihr haben, und ihre Eltern werden keine näheren Informationen über Ihren Aufenthaltsort erhalten. Freunden oder Verwandten sagen Sie lediglich, dass Sie ins Ausland versetzt wurden. Mehr nicht. Haben Sie das verstanden?«

»Ich denke ja.« Sie stockte, betrachtete diesen Mann und sein ernstes Schuldirektorengesicht. »Wie hoch ist das Risiko?«

Er atmete tief ein, als bereitete er sich darauf vor, ein Urteil zu sprechen. »Wir schätzen – es ist wirklich nur eine Schätzung – die Überlebenschancen auf fifty-fifty.«

»Fifty-fifty?« Das klang absurd. Ein Münzwurf. Kein Wunder, dass ihr das Angst machte. Aber es war die Angst, die sie beim Skilaufen empfunden hatte, die Angst, einen Steilhang hinabzustürzen, die Angst, die sie gehabt hatte, als sie mit ihrem Onkel bergsteigen war, die ehrfürchtige Angst vor dem leeren Raum unter ihren Füßen, eine Angst, die fast schon an Freude grenzte. Sie hätte am liebsten eine große Geste gemacht, vor Glück gelacht und »Ja!« geschrien, um dann vom Stuhl aufzuspringen und die Arme um diesen seltsamen Mann mit seinen schrillen, unheilvollen Prophezeiungen zu werfen. Stattdessen nickte sie nachdenklich. »Was ist mit meiner Einheit?«

»Sie müssen nicht zu Ihrer Einheit zurückkehren. Falls Sie sich für mein Angebot entscheiden, werden Ihre Sachen für Sie abgeholt, und Ihre Kollegen werden über Ihre Versetzung in ein anderes Aufgabengebiet informiert. Ich muss Ihnen mit aller Deutlichkeit sagen, dass niemand irgendetwas erfahren darf. Weder Angehörige noch Partner. Haben Sie einen Freund?«

Sie blickte auf ihre Hände, die reglos auf ihrem Schoß lagen. Könnte Clément in diese Kategorie fallen? Wann verwandelte sich eine jugendliche Schwärmerei in eine erwachsene Beziehung? »Ich hatte jemanden in Frankreich. Wir haben uns geschrieben, aber seit dem Einmarsch …«

»Nun, das ist gut. Derartige Beziehungen müssen Sie leider radikal abbrechen. Keine Erklärung, kein Abschied. Ihr Bruder – soweit ich weiß, wurde er aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit als unabkömmlich eingestuft …«

»Ned? Er ist Wissenschaftler. Physik.«

»Er darf nichts erfahren, rein gar nichts. Wenn Sie Bescheid bekommen, befolgen Sie lediglich unsere Anweisungen und machen sich auf den Weg zum Bewertungsausschuss. Dort wird man Sie vier Tage lang diversen Tests unterziehen, um festzustellen, ob Sie den Anforderungen der Aufgabe gewachsen sind, für die wir Sie vorgesehen haben.«

»Das klingt wie eine Exekution. Sie werden von diesem Gericht zum Exekutionsplatz geführt werden, wo Sie am Halse aufgehängt werden …«

»Die Sache ist kein Spaß, Marian«, sagte er. »Sondern todernst.«

Sie lächelte ihn an. Sie hatte ein gewinnendes Lächeln, das wusste sie. Ihr Vater hatte es ihr oft bescheinigt. »Das sollte auch kein Spaß sein, Mr Potter.«

Sie ging aus dem Gebäude, vorbei an den Sandsäcken und den Wachen und hinein ins helle Licht der Northumberland Avenue. Nahm irgendwer von ihr Notiz? Sie wünschte es sich. Sie wollte in den Augen der anonymen Passanten außergewöhnlich wirken – genial, draufgängerisch, tapfer. Sie würde nach Frankreich gehen. Wie auch immer die so was organisierten – würde sie an die Küste schwimmen? Oder zu Fuß von der Schweiz aus die Grenze überqueren? Oder mit einem leichten Flugzeug landen? –, irgendwie würde sie nach Frankreich kommen. Sie ging das kurze Stück zum Embankment und blickte über den Fluss. Die Ebbe hatte den Wasserstand sinken lassen, und Seevögel trippelten über den frei liegenden Uferschlamm, Möwen lachten und kreischten. Sie hätte gern mit ihnen zusammen gelacht und gekreischt. Gelacht vor schierer Freude und gekreischt vor einer atemberaubenden Art von Furcht. Züge ratterten hoch oben über die Brücke. Aus dem Schatten der U-Bahn-Station tauchten Menschen auf, blinzelten ins Sonnenlicht, genauso wie sie in das Sonnenlicht ihres neuen Lebens. Vielleicht war der nächste Fluss, den sie sah, die Seine. Wie außerordentlich! Marian Sutro, die unter irgendeinem Decknamen lebte – »Colette« würde ihr gefallen –, könnte schon bald am Ufer der Seine stehen, gleich neben dem Pont Neuf, und übers Wasser schauen, vorbei an der Île de la Cité zum Louvre auf der anderen Seite. Um sie herum würden die Menschen der Stadt sich fragen, wann und ob die Briten kommen würden, um sie aus ihrem Elend zu retten, wo sie doch in Wahrheit schon da waren, in ihrer kleinen Gestalt.

III

»Wir freuen uns sehr, Sie als Freiwillige begrüßen zu können«, sagte der groß gewachsene Mann. Er trug die Uniform eines Lieutenant-Colonel und hatte anscheinend das Sagen. Durch das Fenster hinter ihm konnte sie die Bäume in der Mitte des Platzes sehen. Schwacher Verkehrslärm drang durch die Scheibe. Das Gebäude hieß Orchard Court, und es war nicht klar, ob es sich um Wohnräume oder um Büros handelte. Wahrscheinlich war es eine seltsame Mischung aus beidem: So konnte man beispielsweise durch eine offene Tür ein Schlafzimmer mit einem gemachten Bett erspähen oder ein Bad mit schwarz-weißen Fliesen und einem Bidet aus Onyxmarmor, andere Räume waren dagegen eindeutig Büros, mit tristen Amtsschreibtischen und -stühlen und blaugrauen Aktenschränken.

»Buckmaster« nannte der Mann sich. Das war offensichtlich ein Deckname. Kein Mensch konnte ernsthaft Buckmaster heißen. Das roch förmlich nach einem John-Buchan-Thriller. Mr Standfast. »Ich habe mir die Freiheit erlaubt, Ihrem Vater persönlich zu schreiben, wo Sie doch noch so jung sind und so weiter. Ich habe ihm versichert, dass wir, so gut wir können, auf Sie aufpassen werden, aber er wird sich wohl kaum etwas vormachen lassen. Ich meine, er weiß mit Sicherheit, dass diese Art von Arbeit gefahrvoll sein kann.«

Er nickte düster. Man konnte spüren, wie ihm das Wort noch einmal durch den Kopf ging. Gefahrvoll. Es hörte sich so altertümlich an. Sein Deckname wirkte dynamischer als der Mann selbst: Er hatte schütteres Haar, ein fliehendes Kinn und feminine Lippen. Irgendwie war er nicht unbedingt vertrauenerweckend.

»Darf ich fragen, wie diese Organisation eigentlich heißt?«, fragte Marian.

»Ähm.« Er blickte verlegen. »Um ehrlich zu sein, werden hier nicht allzu viele Fragen gestellt.«

»Verzeihung«, sagte Marian, »aber ich dachte, ich sollte es wissen.«

»Nein, Sie müssen sich nicht entschuldigen. Das ist ganz verständlich. Aber uns ist es lieber so. Je weniger wir über einander wissen, desto besser.« Er lächelte sie an. »Natürlich wissen wir eine ganze Menge über Sie, aber das müssen wir ja schließlich, oder? Sie dagegen müssen nicht viel über uns wissen. Nur das Nötigste, Sie verstehen?«

Verstand sie das? Eigentlich nicht. Sie fand es albern, einen Namen zu haben und ihn dann geheim zu halten.

»Nun denn, ich will Sie nicht länger aufhalten. Jetzt, wo wir uns kennengelernt haben, denke ich, ist es an der Zeit, Sie an Miss Atkins zu übergeben.«

Miss Atkins war eine elegante Frau mit einer leicht arroganten Miene. Sie forderte Marian auf, Platz zu nehmen, bot ihr Tee und Kekse an und musterte sie mit einem Ausdruck unterkühlter Neugier, als überlegte sie, sie als Küchenhilfe oder dergleichen einzustellen. Wenn der groß gewachsene Colonel in dieser eigenartigen Welt den König darstellte, dann war diese Frau eindeutig die Königin. »Sie sind sehr jung«, stellte sie fest. »So ziemlich eine der Jüngsten, die wir bislang angeworben haben.« Ihre Stimme hatte etwas Unnatürliches an sich, etwas Angestrengtes und Falsches, als ob die sorgsam artikulierten Silben ihr nicht selbstverständlich über die Lippen kämen, sondern speziell für diesen Anlass erlernt worden waren. »Einige vom Bewertungsausschuss fanden, Sie seien zu unreif für das, was uns vorschwebt. Doch Colonel Buckmaster und ich haben beschlossen, Sie ungeachtet dieser Einschätzung für die Ausbildung zu empfehlen. Wir werden Ihre Fortschritte daher aufmerksam verfolgen.«

»Das hört sich ja an, als würde ich wieder in die Schule gehen.«

»Genauso ist es. Und Sie haben allerhand zu lernen.«

»Wann geht es los?«

»Sofort. Das Erste ist Ihr Rang bei der WAAF. Uns ist es lieb, wenn unsere Leute Offiziersränge bekleiden. Dann haben sie in Frankreich höheres Ansehen. Wir lassen Ihre Beförderung zum Section Officer umgehend in die Wege leiten.«

»Offizierin!«

»Richtig. Doch aus etlichen Gründen, auf die ich nicht näher eingehen möchte, legen wir Wert darauf, dass sich alle unsere jungen Frauen der FANY anschließen.«

»FANY? Was um alles in der Welt ist die FANY?«

»Ein Frauensanitätskorps – die Abkürzung steht für First Aid Nursing Yeomanry. Dort werden Sie den Rang eines Fähnrichs bekleiden und selbstverständlich die Uniform …«

»Aber ich bin doch schon bei der WAAF. Gerade haben Sie gesagt, ich würde Section Officer.«

Atkins klopfte mit dem Finger auf den Schreibtisch, als wollte sie sie zur Ordnung rufen. »Das ist lediglich ein Ehrenrang. Er bringt Ihnen eine entsprechende Besoldung und einen gewissen Status, wenn Sie im Einsatz sind. Aber solange Sie bei uns bleiben, sind Sie eine FANY. So handhaben wir das nun mal. Habe ich mich klar ausgedrückt? Sie erhalten Ihre Uniform umgehend.« Sie hielt inne, musterte die junge Frau. »Es ist meine Pflicht, Sie daran zu erinnern, dass alles, was von nun an passiert, ja, alles, was seit Ihrem ersten Gespräch mit Mr Potter passiert ist, dem Official Secrets Act unterliegt. Das ist Ihnen doch wohl klar, oder? Ihre Ausbildung zum Beispiel. Wohin Sie gehen und was Sie sehen und was Sie tun, wenn Sie dort sind. Alles. Ich weiß, Ihre Arbeit beim Frauenhilfskorps ist auch geheim gewesen, aber das hier ist nicht ganz das Gleiche. Die Geheimnisse des Filterraums sind klar umrissen, aber das trifft keineswegs auf unsere Arbeit zu. Von nun an ist nicht mehr nur Ihre Arbeit geheim; von nun an ist Ihr ganzes Leben geheim. Das zwingt Sie, ständig Entscheidungen zu treffen. Sie müssen lernen, genug zu sagen, um die Neugier anderer zu dämpfen, ohne jemals irgendetwas zu sagen, das ihre Neugier weckt. Verstehen Sie, was ich meine? Sie müssen langweilig und uninteressant wirken. Das erfordert ein besonderes Geschick.«

»Das sollte ich hinkriegen.«

»Ich schlage vor, Sie erzählen den Leuten, dass Sie eine vorbereitende Ausbildung zur Verbindungsoffizierin absolvieren, mit dem Ziel eines Auslandseinsatzes. Bei Ihren vorzüglichen Französischkenntnissen bietet sich da Algerien an. Sie könnten eine Andeutung in diese Richtung machen, aber Sie sollten es nicht ausdrücklich sagen. Wir sehen es gern, wenn unsere Leute lernen, freundlich zu plaudern, ohne etwas zu sagen. Sie sollten sich von jetzt an darin üben. Und ich sage Ihnen gleich, dass mir laufend Bericht erstattet wird, damit ich weiß, wie gut Sie mit derlei Dingen klarkommen. Ihr Verhalten steht unter ständiger Beobachtung. Habe ich mich klar genug ausgedrückt? Nicht jeder besitzt die Fähigkeiten, auf die es uns ankommt, und viele schaffen die Ausbildung nicht. Aber ich versichere Ihnen, dass Scheitern keine persönliche Schande ist. Es bedeutet lediglich, dass Sie nicht all die Fähigkeiten besitzen, die uns wichtig sind. Wir suchen nach ganz speziellen Begabungen, Marian, nach wirklich ganz speziellen Begabungen.«

Spezielle Begabungen, das hörte sich an wie spezielle Freundschaften, jene Beziehungen, die sich an den Grenzen zur Sünde bewegten und bei den Nonnen Ängste weckten. »Offen gestanden«, fügte Miss Atkins mit einem Anflug von Widerwillen hinzu, »manche der Fähigkeiten, nach denen wir suchen, sind vielleicht nicht unbedingt bewundernswert.«

IV

Das Hotel, in das man sie einquartierte, lag in einer schmalen Sackgasse versteckt hinter der Regent Street. Viele der Gäste waren offenbar Stammkunden, und der Portier schien die meisten mit Namen zu kennen. »Guten Abend, Miss«, begrüßte er Marian, als sie durch die Drehtür trat. »Ich hoffe, Sie haben einen angenehmen Aufenthalt.« Und seine Miene ließ erahnen, dass er trotz aller Ermahnungen zur Geheimhaltung genau wusste, was es mit dieser jungen Frau mit dem ramponierten Koffer und dem schlichten grauen Kostüm auf sich hatte.

Sie ging nach oben in ihr Zimmer, hängte ihre Kleidung in den Schrank und warf die neue Uniform aufs Bett. Es war eine hässliche Kreation aus kakifarbenem Wolltuch. F.A.N.Y. stand auf den Schulterstreifen. Eine alberne Abkürzung, wie ein komischer Vorname. Die Uniform lag leblos auf dem Bett, ein Leichnam, der in ihr Leben geschleppt worden war, etwas, wofür sie eine plausible Erklärung liefern musste, wenn sie das nächste Mal nach Hause kam. Das Ganze kam ihr lächerlich vor. Sie war bereits in der WAAF, und jetzt sollte sie partout auch noch diesem merkwürdigen Korps mit dem idiotischen Akronym angehören. Wer immer die waren – »Inter-Services Research Bureau« nannten sie sich –, sie konnten anscheinend alles machen, wozu sie Lust hatten.

Sie sah sich unschlüssig im Zimmer um. Was sollte sie tun? Es war noch viel zu früh, um zu Ned zu fahren. Sie hatte ihn angerufen und gesagt, dass sie vorübergehend in London war, und er hatte sie zum Abendessen eingeladen. Sie würde erklären müssen, warum sie in London war, was ein bisschen schwierig werden könnte. Erklären Sie nichts, hatten die gesagt.

Die. Sie hatte kein anderes Wort für diese Leute, den seltsamen Colonel Buckmaster und die unterkühlte Miss Atkins und ihre diversen Lakaien. Vielleicht beobachteten die sie genau in diesem Augenblick, um zu sehen, wie sie sich verhielt. Der Gedanke amüsierte und ängstigte sie zugleich. Sie sah sich in dem biederen Zimmer mit dem verschnörkelten Schrank, dem dick gepolsterten Sessel und dem übergroßen Bett um. Verborgene Mikrofone? Versteckte Kameras? Sie trat vor den Spiegel in der Schranktür und begutachtete sich. Was würden die sehen? Marian Sutro oder Marianne Sutró? Wo lagen die Betonung und der Akzent? Und was würde nun mit diesem sonderbaren Zwitterwesen geschehen?

Sie zog sich vor dem Spiegel aus, warf ihre Kleidung aufs Bett und verwandelte sich von der selbstsicheren Erwachsenen, die andere sehen mochten, in das scheue Kind, das nur sie allein kannte, fade, blass, mit plumpen Gliedern und Hüften und kleinen, spitzen, unscheinbaren Brüsten. Was tun mit diesem Wesen, das noch nie mit einem Mann zusammen gewesen war, noch nie allein in einem Hotel gewohnt hatte, noch nicht mal allein in einer Bar gewesen war? Und doch war sie jetzt hier, allein in dieser grauen, schwer geprüften Stadt, um irgendeine Ausbildung anzufangen, die sie auf Frankreich vorbereiten sollte. Unwahrscheinlicher ging es kaum noch.

Sie öffnete die Schranktür und fegte die junge Marian beiseite. Sie nahm ihr Cocktailkleid heraus und hielt es sich vor. Es war von einer Eleganz, die in London nicht mehr zu finden war. Oder vielleicht war diese Eleganz ja auch schon vor dem Krieg in London nicht zu finden gewesen, denn sie hatte das Kleid in Genf bei einem Couturier gekauft, der immer die neuste Mode direkt aus Paris bezog. Sie hatte gut darauf aufgepasst, erst bei der überstürzten Flucht aus der Schweiz durch Frankreich, dann in den ermüdenden Monaten im Exil in England. Getragen hatte sie es nur ein einziges Mal, auf einer Tanzveranstaltung, zu der einer der Offiziere aus Stanmore sie eingeladen hatte. Er hatte gesagt, wie gut sie ihm gefiel, und am Ende hatte er auf dem Rücksitz seines Wagens versucht, ihr das Kleid auszuziehen. Für Ned war das Kleid natürlich die reinste Verschwendung, aber zumindest würde sich so ein peinlicher Vorfall wie mit dem Offizier nicht wiederholen.

Sie wusch sich und zog sich an und steckte ihr Haar hoch – Clément hatte immer gesagt, dass sie so älter aussehe. Dann schminkte sie sich – noch immer ungewohnt, noch immer ganz gewagt –, nahm ihren Mantel und ging vorsichtig nach unten. Die Bar war verraucht und laut und erfüllt von männlichem Gelächter, das laute Gebrüll des Engländers in seinem Element. Einige Männer warfen ihr Blicke zu, als sie sich vorbeischob und auf einen freien Tisch in der Ecke zusteuerte, aber die meisten ignorierten sie. Eine Frau allein in einer Bar war mittlerweile nichts Besonderes mehr. Mit einem Gin Tonic in der Hand beobachtete sie das Treiben. Es waren drei- oder viermal mehr Männer da als Frauen. Ausnahmslos Offiziere. Aber inzwischen war sie ja anscheinend auch Offizierin, und obendrein eine FANY. Was auch immer das in der komplizierten Welt des britischen Protokolls heißen mochte.

»Darf ich mich zu Ihnen setzen?«

Sie sah sich um. Alle anderen in der Bar tranken Bier oder Gin, er dagegen hatte ein Glas Rotwein in der rechten Hand und einen Hocker in der anderen, und er sprach mit einem unverkennbar französischen Akzent. Eine brennende Zigarette wippte zwischen seinen Lippen auf und ab. »Sie sind allein, und Sie sind die schönste Frau hier, finde ich …«

Sie zuckte die Achseln und blickte Richtung Tür, als würde sie jemanden erwarten. Der Franzose setzte sich. Er war jung, nicht älter als sie, und einigermaßen attraktiv, mit einer lässigen, direkten Art, die Sorte junger Mann, die sie aus Grenoble kannte, wenn sie und ihre Cousine abends ausgegangen waren, um kichernd und tuschelnd durch die Cafés zu ziehen und sich älter zu geben, als sie in Wirklichkeit waren.

»Möchten Sie rauchen?« Er bot ihr eine Zigarette aus einer zerknitterten Packung an. Es war keine Senior Service oder so. Es war eine Gauloise. Sie schüttelte den Kopf. Er zuckte mit den Schultern. »Mein Name ist Benoît. Darf ich fragen, wie Sie heißen?«

Sie war unsicher, wie sie antworten sollte. Überhaupt, wenn sie ihren Namen nennen sollte, welcher wäre das dann? War sie Marian oder Marianne? Die Frage war heikel. Um sie herum herrschte wildes Gedränge, und irgendwie schienen sie und dieser unbekannte Franzose auf einmal eine Einheit zu bilden. Woher kam er? Wieso war er hier? Wohin gehörte er in dieser lauten, zerbombten, unverwüstlichen Stadt? Irgendjemand rempelte sie an, entschuldigte sich und taumelte dann weiter ins Gewühl. Und sie fragte sich, ob dieser Franzose geschickt worden war, um zu testen, ob sie irgendetwas preisgeben würde.

»Ich bin Anne-Marie«, sagte sie spontan.

»Ah, Anne-Marie. Das ist ein schöner Name.«

»Es ist ein Name. Bloß ein Name.«

Er trank einen Schluck von seinem Wein und zog eine Grimasse. »Pourquoi toutes ces gonzesses anglaises sont glaciales?«, fragte er sich.

»Wie bitte?«

»Sie verstehen Französisch?«

Sie stockte, hätte sich fast verplappert. »Glacial, das hab ich verstanden. Das heißt doch eisig, oder nicht? Was genau finden Sie denn glacial?«

Er verzog das Gesicht. »Der englische Sommer ist eisig. L’été glacial, das sage ich immer. Mein Englisch ist so lala. Hören Sie, Sie sind allein hier. Ich bin allein hier. Wir reden, vielleicht? Trinken etwas zusammen? Das ist eine gute Idee, nicht wahr? Ich erzähle meine Lebensgeschichte.«

Marian überlegte. Ihr gefiel der Gedanke, glacial zu sein. Dann würde man sie wenigstens nicht für ein leichtes Mädchen halten. Ein Flittchen. Sie unterdrückte ein Kichern. »Ich hab keine Zeit für Ihre ganze Lebensgeschichte. Ich bin zum Abendessen verabredet. Aber Sie können mir erzählen, was Sie in London machen.«

Er zog an seiner Zigarette. »Ich bin aus Frankreich geflohen.«

»Geflohen? Wie beachtlich. Sind Sie geschwommen?«

Er lachte. Sein Lachen war sympathisch. Sein Auftreten war arrogant, unangenehm arrogant, aber er lachte wie ein kleiner Junge. »Der Januar ist nicht so gut fürs Schwimmen. Ich bin in Paris, also ich fahre nach Süden – über die Pyrénées nach Spanien. Mit einem Freund. Wir klettern durch Schnee, und als wir über die Grenze sind, sie stecken uns ins Gefängnis.« Er zog eine verächtliche Miene. »Das ist nicht so gut. Aber dann sie lassen uns raus, weil wir machen so viel Probleme. Dann wir kommen nach Algérie, und jetzt wir sind hier.« Er lächelte, als wäre das ein genialer Trick gewesen, den er einem Publikum vorgeführt hatte, eine Flucht, wie sie der große Zauberkünstler Houdini nicht besser hingekriegt hätte. »Und jetzt ich gehe zurück, um gegen die Frisés zu kämpfen.«

»Wo ist Ihr Freund?«

»Mein Freund?«

»Sie sagten, Sie wären mit einem Freund gekommen.«

»Ach, der.« Er winkte vage mit der Hand. »Er hat gefunden heute Abend eine Frau zum Tanzen, und ich ihn habe lassen gehen. Möchten Sie tanzen? Wir können ihn suchen.«

»Das geht leider nicht. Ich bin mit meinem Bruder zum Essen verabredet.«

»Ihr Bruder? Sie haben keinen Freund?«

»Es geht Sie nichts an, ob ich einen Freund habe oder nicht.«

Der Franzose nickte, das Gesicht umwabert von dem beißenden Rauch seiner Gauloise. »Sie haben keinen Freund. Wenn Sie wollen, kann ich Ihr Freund sein.«

»Ich halte das nicht für angebracht.«

»Angebracht?«

»Das wäre keine gute Idee.«

Er blickte untröstlich, wie ein enttäuschtes Kind. Seine Geschichte über die Flucht aus Frankreich war bestimmt reine Fantasie. Und doch war er hier, ein junger Franzose, im lärmenden Herzen Londons, umgeben von den Uniformen zahlreicher Nationen. Irgendwie musste er hergekommen sein.

»Hören Sie«, sagte er und legte seine Zigarette auf die Tischkante. »Ich spiele ein Spiel mit Ihnen, ja? Wenn ich gewinne, Sie kommen mit mir tanzen. Wenn ich verliere, Sie gehen essen mit Ihrem Bruder.«

»Ich muss mich mit meinem Bruder treffen, ob ich gewinne oder verliere.«

»Das Spiel ist ganz einfach.« Er griff in seine Tasche und holte eine Schachtel Streichhölzer hervor. »Ich zeige Ihnen.«

»Ich möchte wirklich nicht …«

»Ich zeig Ihnen trotzdem.« Er legte drei Reihen auf dem Tisch zwischen ihnen aus – eine mit drei, eine mit vier und eine mit fünf Streichhölzern. »Jetzt Sie nehmen aus irgendeiner Reihe so viele weg, wie Sie möchten. Dann bin ich dran. Ich nehme nur von einer Reihe wie Sie. Dann sind Sie wieder dran und so weiter. Wer das letzte Streichholz nehmen muss, ist Verlierer.«

Sie zuckte die Achseln und versuchte, gelangweilt auszusehen. »Aber ich spiele um nichts. Ich meine, wenn ich verliere, heißt das nicht, dass Sie mit mir tanzen gehen können.«

Er sah sie mit einem schwachen und zugleich aufreizenden Lächeln an. »Wir werden sehen. Sie fangen an.«

Und so spielten sie zwischen verschüttetem Bier und leeren Gläsern, der junge Franzose mit einer seltsamen Konzentration, als würde seine ganze Zukunft davon abhängen, Marian mit einer zerstreuten Ungeduld, die ihm zeigte, so hoffte sie zumindest, dass ihr das Spiel genauso unlieb war wie seine Gesellschaft. Natürlich gewann er. Das hatte sie von vornherein gewusst. Er grinste sie an und sagte: »Wir spielen noch einmal«, und die zweite Partie gewann er ebenso wie die dritte.

»Das ist doch blöd«, sagte sie. »Das ist eins von diesen Spielen, bei dem man nicht verlieren kann.«

»Aber Sie haben verloren.«

»Weil Sie den Trick raushaben.«

»Trique?« Er prustete vor Lachen.

Sie wurde rot, als ihr die Doppeldeutigkeit klar wurde, und sie ärgerte sich, weil sie ihre Verlegenheit nicht kaschieren konnte. »Wie man es richtig macht.«

»Ah, truc! So ist das immer, nicht? Du gewinnst immer, wenn du den truc kennst.« Er sammelte die Streichhölzer ein und schob sie zurück in die Schachtel, als wären sie kostbare Trophäen. »Und jetzt wir gehen irgendwo tanzen. Das Essen in dieser Stadt de merde ist überall schlecht, aber es gibt wenigstens gute Tanzlokale.«

»Ich geh nicht mit Ihnen tanzen. Das hab ich doch gesagt.«

Er sah sie mit hellen und unsteten Augen an. Er wirkte leicht zittrig, als hätte er schon den ganzen Nachmittag getrunken und würde den ganzen Abend weitermachen. »Wissen Sie, was für ein truc ich mache? Ich kehre zurück nach Frankreich, wissen Sie? Ich geh zurück in ma patrie und schneide deutsche Hälse durch. Und Sie wollen nicht mal mit mir tanzen.«

»Sie sind betrunken«, sagte sie. »Ich gehe nicht mit Männern tanzen, die betrunken sind.«

»Und Sie sind frigide«, konterte er. »Und ich tanze nicht mit Frauen, die frigide sind.«

Sie nahm ihre Handtasche und stand auf. »Ich muss gehen.«

»Warum müssen Sie?«

»Weil ich sonst zu spät komme.« Er packte ihre Hand, doch sie schüttelte ihn ab. »Tu m’emmerdes!«, sagte sie und ging. Sie schaute nicht zurück, nicht einmal, um seine schockierte Miene zu sehen. Wie sollte sie von ihm wegkommen? Wenn sie nach oben zu ihrem Zimmer ging, würde er ihr wahrscheinlich folgen, und sie würde sich auf keinen Fall verstecken wie ein ängstliches kleines Mädchen. Sie zog ihren Mantel über, hastete durch die Hotelhalle und durch die Drehtür nach draußen. Ein Taxi setzte gerade einen Gast vor dem Hotel ab. Sie stieg ein.

»Wohin soll’s gehen, Miss?«, fragte der Fahrer.

Sie nannte ihm Neds Adresse. »Bloomsbury«, sagte sie. »So ungefähr Russell Square.«

»Russell Square, so ungefähr; wie Sie wünschen.«

V

Das Taxi schlich durch die dunklen Straßen. In Piccadilly waren Kinos geöffnet, und ihre schwache Beleuchtung fiel aufs Pflaster. Schwarze Formen bewegten sich vor ihnen wie Schatten im Hades, Silhouetten vor den Kinokassen bildeten lange Schlangen auf den Bürgersteigen. Doch kaum war die Grenze der Tottenham Court Road überquert, war keine Menschenseele mehr zu sehen, und Bloomsbury war ein finsterer Irrgarten.

»Sind Sie wirklich richtig hier, Miss?«, fragte der Fahrer, als er anhielt, um sie aussteigen zu lassen.

»Völlig richtig«, sagte sie und reichte ihm das Fahrgeld. Sie kramte in ihrer Gasmaskentasche nach der Taschenlampe. In deren schwachem Licht suchte sie sich ihren Weg zu der Tür des Hauses, in dem Ned wohnte. Sie leuchtete auf die Klingelleiste und wollte gerade auf den Knopf drücken, neben dem Dr. Edward Sutro stand, als die Tür aufging und jemand herausgestürzt kam.

»’tschuldigung«, sagte er. »Scheißverdunkelung.«

Sie wich ihm aus und betrat den Hausflur. Die Tür knallte hinter ihr zu. Sie tastete nach dem Lichtschalter, schaltete die fahle, wässrige Beleuchtung ein und stieg dann die schmale Treppe hinauf in den dritten Stock. Sie klopfte und war froh, von drinnen Neds Schritte zu hören.

»Menschenskind, Äffchen«, sagte er, als er die Tür öffnete. »Du siehst ja todschick aus.« Er drückte sie an sich. Eine Umarmung von Ned war in etwa so, als würde man von einer Dänischen Dogge angesprungen, liebenswert, aber gleichzeitig plump und unangenehm. Seine eigene Kleidung erweckte den Eindruck, als hätte er sie auf dem Trödel erstanden. Sein Haar war zerzaust, und sein Lächeln war das zerstreute Grinsen von jemandem, der sich freut, sie zu sehen, aber in Gedanken eigentlich bei anderen, abstrakten Dingen ist. »Herein mit dir«, sagte er. »Du musst mir alles erzählen.«

»Was erzählen?«

»Was du jetzt machst, was immer das auch ist. Ich hab neulich mit den Eltern telefoniert. Sie haben gesagt, du bist nicht mehr beim Frauenhilfskorps. Irgendwas mit einem Auslandseinsatz. Vater meinte, Algier …«

Sie folgte ihm ins Wohnzimmer. Es sah aus wie Kraut und Rüben, typisch für Ned. Bücher füllten sämtliche Regale und stapelten sich auf dem Fußboden. Der Schreibtisch war mit Papieren übersät. Zwei abgewetzte Sessel standen einander gegenüber auf einem Perserteppich, der alt und verschlissen war, aber durchaus einmal ein wertvolles Stück gewesen sein mochte. An der Wand hinter dem Schreibtisch hing ein gerahmter Druck vom Collège de France.

»Hast du niemanden, der hier mal sauber macht?«, fragte sie. »Sogar in Cambridge hattest du dafür jemanden.«

»Doch, ich hab jemanden. Eine Reinmachefrau, die ab und zu kommt, aber sie beschwert sich immer, dass sie nicht putzen kann, wenn ich so ein Chaos hinterlasse. Vielleicht sollte es Putzfrauen geben, die erst mal alles aufräumen, bevor die Putzfrau kommt.« Er lachte sein typisches, seltsames Lachen.

Sie setzte sich in einen der Sessel, und er brachte ihr einen Drink, wieder einen Gin, den sie nicht ablehnte, weil ein Nein sie in ein Mädchen zurückverwandelt hätte, wo sie doch jetzt eine erwachsene Frau war. Was sie bei Ned bisher noch nie gewesen war.

»Also, erzähl mal, was ist das für eine Geschichte?«

»Ich kann nicht«, sagte sie.

»Was soll das heißen, du kannst nicht?«

»Die Sache ist geheim. Ich musste den Official Secrets Act unterschreiben – und das schon beim Vorstellungsgespräch. Sogar das Gespräch selbst war geheim.«

»Ach, hör doch auf. Ich wette, es geht um Übersetzungen oder so. Oder ums Spionieren. Vielleicht sollst du General de Gaulle ausspionieren.«

Sie hätte am liebsten laut aufgelacht. Normalerweise interessierte er sich nie für das, was sie machte. »Alberner Schulmädchenkram«, war so ein Spruch von ihm. Und damals, als sie sagte, sie wolle Jura studieren, hatte er sich über ihre Wahl lustig gemacht. Im Jurastudium lernen wir bloß, wie wir das Gesetz umgehen können, sagte er gern. Die Naturwissenschaft lehrt uns die Zukunft. »Du erzählst mir ja auch nicht, was du machst, also wieso soll ich dir dann sagen, was ich mache.«

»Weil du es furchtbar gern loswerden würdest, deshalb. Und außerdem erzähl ich dir sehr wohl, was ich mache. Ich arbeite an superhochfrequenter elektromagnetischer Strahlung.«

»Aber wofür ist die? Das ist doch das Entscheidende. Wozu machst du das?«

»Ich entwickele eine Strahlenkanone, um die Luftwaffe vom Himmel zu schießen.«

»Sei nicht albern. Ich weiß, dass das nicht stimmt. Das ist bloß Science-Fiction.« Er war wirklich ein Blödmann. Dauernd erzählte er ihr solche Sachen. Eine Superbombe, die eine ganze Großstadt in Schutt und Asche legen würde. Ein tödliches Strahlenbündel, das Menschen mit Licht umbringen würde. Raketen, die Sprengstoff durch den Weltraum von einem Kontinent zum anderen schleudern würden. Der gleiche Unsinn, wie er in schlechten Romanen vorkam. »Ich kann dir lediglich verraten«, sagte sie, »dass das heute mein letzter Abend in London ist. Morgen geht’s ab nach Schottland.«

»Schottland?«

»Ausbildung.«

»Das klingt ja schauderhaft. In Schottland gibt’s bloß Heidemoore und Schafskutteln und Männer in Röcken. Aber wenn du ins Land der Kutteln fährst, sollten wir dir noch eine anständige Mahlzeit mit auf den Weg geben.«

Das Restaurant, das Ned ausgesucht hatte, lag auf der Southampton Row. Anscheinend gingen seine Kollegen aus dem Labor gern dorthin. Das Lokal war proppenvoll, Leute drängelten, um einen Tisch zu ergattern, obwohl die Kellner beteuerten, dass keiner mehr frei war. Aber Ned hatte einen reserviert, in einer Ecke, wo niemand etwas aufschnappen konnte und wo sie endlich das tun konnte, was sie die ganze Zeit vorgehabt hatte.

»Du musst mir versprechen, dass du den Eltern nichts sagst«, beschwor sie ihn. »Auch sonst niemandem. Du darfst kein Wort verraten. Schwör es.«

Das hörte sich an wie ein Spiel aus ihrer Kindheit. Er lächelte herablassend. »Ich schwöre.«

»Ehrlich, Ned. Die Sache ist ernst. Ich bin von einer Organisation angeworben worden. Ich muss eine Ausbildung absolvieren, und dann …« Sie sollte es eigentlich nicht sagen, das wusste sie. Und doch war es zu aufregend, um es nicht wenigstens einem Menschen zu erzählen, und dafür kam nur Ned infrage. Ned war immer ihr Vertrauter gewesen. Sie wechselte in Französische. Vielleicht war es sicherer, es auf Französisch zu sagen. »Ils veulent m’envoyer en France.«

»En France! Pourquoi? Pas possible! O mon Dieu, Marianne, t’es folle!«

»Die sind verrückt, nicht ich. Zuerst hab ich gedacht, es ginge um meine Sprachkenntnisse, genau wie du; Übersetzungen oder so. Die wollten, dass ich das glaube. Aber ich hab falschgelegen. Wie gesagt, morgen fahr ich nach Schottland. Kommandoausbildung. Die Sache ist ernst, Ned, todernst.« Jetzt, wo sie es ihm erzählte, kam es ihr noch unglaublicher vor. Zumindest innerhalb der Organisation ergab deren verrückte Logik irgendwie einen Sinn, aber hier im Restaurant, an einem Tisch mit ihrem Bruder, kam ihr die ganze Geschichte abstrus vor.

»Und wer sind ›die‹?«

Sie ließ den Blick zu den anderen Tischen schweifen. Vielleicht waren die ihr ja hierher gefolgt. Vielleicht belauschten die sie ja. Aber die anderen Gäste waren in ihre eigenen Gespräche vertieft, ohne das Paar in der Ecke zu beachten, das auf Französisch tuschelte. »Ich hab keine Ahnung. ›Die Organisation‹, so nennen sie sich. Sie haben Büros am Portman Square. Aber der richtige Name ist geheim.« Sie lachte. »Ich frage dich, wozu ein Name, wenn er geheim ist?«

»Vielleicht ist das ja wie mit dem dritten Namen von Katzen.«

»Ihn kennt nur die Katze und gibt ihn nicht preis …«

»… da nützt kein Scharfsinn, da hilft kein Bitten, sie bleibt die Einzige, die ihn weiß.« Sie lachten. Er hatte ihr das Buch im ersten Kriegsjahr zu Weihnachten geschenkt. Schrullige Gedichte über Katzen von einem sonst so ernsthaften Dichter. »Wohin wollen sie dich schicken? Nach Paris vielleicht?«

War das möglich? Sie hatte keine Ahnung. Die Zukunft war ein einziges Rätsel, eine unbekannte Welt.

»Falls du nämlich nach Paris kommst, könntest du Clément Pelletier besuchen.«

»Clément?« Ihre Überraschung war gespielt, Teil eines Schutzmechanismus aus Kindheitstagen. Sie hatte schon an Clément gedacht, natürlich hatte sie das. Wie auch nicht? Soweit sie wusste, war er noch immer in Frankreich, aber sicher konnte sie nicht sein. Das war mittlerweile an der Tagesordnung, Familien und Freunde verloren sich aus den Augen, Kontakte rissen ab, Beziehungen zerbrachen. Vielleicht hatte er sie längst vergessen, so wie es ihr – manchmal – gelang, nicht an ihn zu denken. Aber die Erinnerungen blieben, kleine Keime aus Sehnsucht und Schuld, die sich tief in ihrem Gedächtnis eingenistet hatten. »Ich hab ihn seit Jahren nicht gesehen. Er hat bestimmt vergessen, wer ich bin.«

Ned grinste. »Das kann ich mir kaum vorstellen.«

Marian spürte, wie sie rot anlief. Sie blickte weg, hoffte, dass Ned es nicht merkte, aber falls doch, so sagte er nichts. Früher hätte er ganz sicher eine Bemerkung fallen lassen und es nur noch schlimmer gemacht – »Marian ist knallrot geworden«, hätte er gesagt, und alle hätten sie angestarrt.

»Hat er dir nicht Briefe geschrieben, als du aufs Internat gegangen bist?«

»Hin und wieder.«

»Öfter als hin und wieder. Ich glaube, er hat für dich geschwärmt.«

»Ich war erst fünfzehn, Ned. Fünfzehn, sechzehn. Noch ein halbes Kind. Er war über zehn Jahre älter.«

»Du hast aber nicht so jung gewirkt.«

»Und überhaupt, wahrscheinlich hat er inzwischen Frau und Kind.« Sie spielte mit ihrem Brot herum, trank einen Schluck Bier – es gab nur Bier. Wein war inzwischen genauso schwer zu bekommen wie Orangen oder Bananen. »Hast du was über ihn gehört?«

»Bloß Spekulationen. Ich glaube, er ist noch am Collège de France. Fred Joliot hat das Zyklotron kurz vor Kriegsbeginn in Angriff genommen, und mittlerweile müsste es laufen. Es sei denn, die Deutschen haben es nach Heidelberg oder sonst wohin gekarrt.« Er zuckte die Achseln, befingerte sein Besteck. »Weiß der Teufel, was da vor sich geht.« Er wirkte zerstreut, als hätte die Erwähnung von Clément und Paris ihn durcheinandergebracht. Erst nachdem der Kellner ihr Essen gebracht hatte, sprach er weiter. »Weißt du, ich hab eigentlich nie verstanden, warum Clément in Frankreich geblieben ist. Er hatte 1940 die Möglichkeit, das Land zu verlassen, aber er hat sie nicht genutzt.«

»Was willst du damit andeuten? Dass er hätte weglaufen sollen?«

»Andere vom Collège sind gegangen. Lew Kowarski und von Halban zum Beispiel, und sie haben eine ganze Menge Ausrüstung mitgenommen. Wieso in Gottes Namen ist Clément nicht mit ihnen gegangen? Er war doch in Bordeaux. Er hätte nur an Bord des Schiffs gehen müssen und wäre am nächsten Tag in England gewesen. Was hatte er denn zu verlieren?«

»Vielleicht seine Ehre. Die anderen sind keine Franzosen, oder?«

»Russe und Österreicher.«

»Na, siehst du. Clément ist mit Leib und Seele Franzose. Herrje, das eigene Land im Stich zu lassen, wenn es besetzt wird, ist nicht besonders bewundernswert. Wenn mehr Leute geblieben wären und gekämpft hätten …«

»Er hat aber nicht gekämpft, oder? Er hat wissenschaftliche Forschung betrieben.«

»Dann hatte er vielleicht das Gefühl, über alldem zu stehen. Reine Wissenschaft, das hat er immer gesagt.«

Ned stieß ein bitteres Lachen aus. »Wenn ich eines gelernt habe, Äffchen, dann, dass es so etwas wie eine reine Wissenschaft nicht mehr gibt. Was ich mache oder was Kowarski macht …« Er schien nach den richtigen Worten zu suchen, fand sie aber nicht. »Jedenfalls, solltest du tatsächlich nach Paris kommen, würde mich interessieren, was derzeit am Collège passiert. Das ist alles, was ich sagen will.«

»Wer weiß, ob die mich überhaupt nach Paris schicken? Ich fahre ja schließlich nicht in Urlaub.«

»Das weiß ich doch. Sei nicht albern.« Er blickte sie an und lächelte. »Du bist noch immer das gute alte Äffchen, was? Fährst schnell aus der Haut.«

»Na, so wie du redest, hört es sich an, als könnte ich einfach in den Zug steigen und eine Rundreise machen.«

Er lachte. Die gereizte Stimmung entspannte sich. So war es immer zwischen ihnen – so schnell, wie die Gemüter sich erhitzten, beruhigten sie sich auch wieder. Sie steuerten das Gespräch auf neutralen Boden – die Tage vor dem Krieg hauptsächlich, diese seltsame idyllische Welt, die jetzt so weit weg schien, eine Landschaft, verzerrt durch den Lauf der Zeit und das übermächtige Gravitationsfeld der nachfolgenden Ereignisse: das Haus am See von Annecy, das Chalet in Megève, das Segeln und Skilaufen, der Lärm und das Lachen, wenn die beiden Familien, die Pelletiers und die Sutros, zusammenkamen. Madeleine, die sich mit ihr anfreundete, obwohl sie fünf Jahre älter war; und Madeleines älterer Bruder Clément, der gleichsam vom Finger Gottes berührt schien. Absolvent der École Normale Supérieure. Ein Physiker, dem eine brillante Zukunft prophezeit wurde. Ein zweiter Louis de Broglie, hieß es, der designierte Nachfolger des Königspaares der französischen Wissenschaft: Fred Joliots und seiner Frau Irène Curie. Wenn Ned und er über Physik diskutierten, hing Marian an ihren Lippen und versuchte, alles zu verstehen. Aber sie sprachen über unbegreifliche Mathematik und undurchsichtige Ideen und absurde Leidenschaften. Los, wir spielen »Schweinchen in der Mitte«, riefen sie manchmal, bloß dass sie es »die Wellenfunktion kollabieren lassen« nannten, und dann kollabierten sie vor Lachen über den Witz, den die gerade mal fünfzehnjährige Marian, die versuchte, den Tennisball zu fangen, nicht verstand. Und sie verfassten gemeinsam groteske Sätze, jeder immer nur ein Wort, ein Spiel, das Clément cadavre exquis nannte, köstliche Leiche. Der weitschweifige physiker prätendiert ein stupendes gebimmel. Um nur ein Beispiel zu nennen.

Der Kellner kam und nahm ihre Teller mit. »Hör mal, ich muss gehen«, sagte sie und stand auf, um ihren Mantel zu holen. »Ich hab morgen einen langen Tag.«

Ned war plötzlich zuvorkommend, half ihr in den Mantel und klopfte ihr auf den Rücken, als wäre ihm klar, dass sie sich wirklich auf die Sache einließ und damit etwas ziemlich Beachtliches tat, was seine brüderliche Zuwendung erforderte, so unbeholfen er sie auch zum Ausdruck brachte. »Weißt du, dass ich dich beneide?«, sagte er zu ihr. »Du kannst wenigstens aktiv was tun. Ich kann bloß weiterarbeiten und tun, was mir gesagt wird.«

»Das macht doch heutzutage jeder.«

Sie gingen hinaus und hielten Ausschau nach einem Taxi. In der Nähe des Restaurants war keins zu finden, und so gingen sie durch die dunklen Straßen Richtung West End. Es hatte angefangen zu regnen, und die Bürgersteige glänzten in dem spärlichen Licht. Marian klappte den Mantelkragen hoch. Irgendwer rempelte sie im Dunkeln an und schimpfte lautstark, was ihnen denn einfiele, ihm den Weg zu versperren, ehe er knurrend weitertorkelte. Es waren jetzt mehr Leute unterwegs, Schatten, die sich durch die Dunkelheit bewegten, Stimmen, redend und lachend, aber von den Gestalten losgelöst, sodass die Klänge körperlos wirkten, Ausdruck der dunklen Stadt selbst. Es kursierten Geschichten über das, was so alles während der Verdunkelung passierte. Manche Leute, so hieß es, hatten Sex auf den Bürgersteigen, während Fremde vorbeigingen, ohne etwas zu bemerken. Auch die Frauen in Stanmore erzählten sich solche Sachen. Eine von ihnen hatte sogar behauptet, es selbst schon mal gemacht zu haben. Eine echte Stehparty, hatte sie gesagt, und die anderen hatten gelacht.

»Vater meint, ich sollte mit der Arbeit aufhören«, sagte Ned. »Er hält das für Drückebergerei und findet, ich sollte Uniformträger werden wie du.«

»Das meint er bestimmt nicht so.«

»Er hat im letzten Krieg seinen Job im Außenministerium an den Nagel gehängt.«

»Und ist in einer Geschützstellung hinter den Linien gelandet und halb taub geworden.«

»Zumindest hat er es versucht.«

»Deine Arbeit ist wichtiger als alles, was du als Soldat tun könntest. Du musst nur erst diese Strahlenkanone ans Laufen bringen.«

Er lachte. Sie waren zu einem Kino gekommen. Eine schwache Leuchtschrift verkündete Excelsior. Leute strömten heraus, lachten und lärmten. Taxis warteten am Straßenrand, und ein Mann rief: »Noch jemand nach Kensington?« Er trug Uniform – ein Captain, wie sie an den Sternen auf den Schulterklappen erkannte –, und er hatte zwei Frauen bei sich. Die Frauen kicherten zusammen, lehnten sich aneinander, um sich gegenseitig zu stützen.

Marian lief zu ihnen. »Könnten Sie mich unterwegs absetzen?«

»Mit Vergnügen, meine Liebe.«

Zu Ned sagte sie: »Wünsch mir Glück.«

»Nun kommen Sie schon«, rief der Captain. »Der Taxameter läuft.«

Als sie ins Taxi steigen wollte, wechselte Ned ins Französische. »Weißt du, wann du nach Frankreich musst?«

Sie blickte sich zu ihm um, eine Hand an der Tür. »Keine Ahnung.«

»Beeilung, Miss. Wir wollen los.«

Sie stieg ein. »Melde dich«, rief er durchs Fenster. »Wie kann ich dich erreichen?«

»Über die Eltern«, sagte sie. »Wie sonst?«

»Ich schick seine Adresse. Die von Clément, meine ich. Nur für alle Fälle.«

Das Taxi fuhr los. Sie blickte zurück und sah ihn auf dem Bürgersteig stehen, bis er kurz winkte und sich abwandte. »Sehr nett von Ihnen, dass Sie gewartet haben«, sagte sie zu den anderen im Taxi. »Entschuldigen Sie die Verzögerung.«

»Wo müssen Sie hin?«, fragte der Offizier. Die Frauen blickten sie an und kicherten. Wieso kicherten die beiden? Waren sie betrunken, oder hatte sie irgendwas Komisches an sich?

»In die Nähe der Regent Street. Das ist doch kein Umweg für Sie, oder?«

»Haben Sie eben nicht Französisch gesprochen?«, fragte eine von den Frauen. »Sind Sie Französin? Meine Güte, für eine Französin klingen Sie aber ganz schön englisch.«

Marian wandte sich ab und sah aus dem Fenster. Es tröpfelte noch immer. Sie dachte an Ned, der jetzt durch den Regen nach Hause ging. »Ich bin beides«, sagte sie. »Oder keins von beidem, wie man’s nimmt.«

SCHOTTLAND

I

Die Reise war eine dieser für Kriegszeiten typischen Odysseen, bei denen Zeit und Vernunft außer Kraft gesetzt schienen. Hin und wieder fuhr der Zug mit entschlossener Geschwindigkeit. Oftmals blieb er aus Gründen, die weder erklärt wurden noch offensichtlich waren, einfach stehen. Die meiste Zeit kroch er im Schneckentempo durch eine Landschaft so grau und feucht wie das Bettzeug der Army – kahle Felder, flache Hügel, kleine, geduckte Wälder.

Das Abteil, in dem sie saß, war reserviert. Inter-Services Research Bureau stand auf dem Zettel an der Tür. Die Begleitoffizierin war eine Schottin namens Janet. Ihre Schützlinge bildeten eine seltsame bunte Gruppe, zu der ein Mann im mittleren Alter gehörte, der sich Emile nannte, und ein Kanadier, der behauptete, Französisch zu sprechen, aber in Wahrheit nur ein gebrochenes und unsicheres Québécois von sich gab. Maurice wurde er genannt. Marian vermutete, dass die richtige Aussprache »Morris« war, aber er hatte dem Namen einen französischen Beiklang gegeben: Moriiis. Die Dritte im Bunde war eine Frau namens Yvette. Sie wirkte so klein und grau und ängstlich wie eine Maus. Vor der Abfahrt in Euston hatte sie Marian auf dem Bahnsteig zugeflüstert, wie froh sie sei, dass noch eine Frau mit von der Partie war, und vielleicht könnten sie ja Freundinnen werden, und fand sie das alles nicht auch vachement bizarre? Jetzt saß sie ihr gegenüber am Fenster, las ein Buch oder sah zu, wie die eintönige Landschaft vorbeizog. Einmal sagte sie: »Ce pays de merde«, blickte sich dann mit hochrotem Kopf um, eine Hand vor dem Mund, als wäre ihr die Bemerkung unabsichtlich rausgerutscht. Emile lachte. »Ich hab schon Scheiße gesehen, gegen die das hier ein echter Rosengarten ist«, sagte er.