Beschreibung

Eines Mittags sitzt im Pariser Lieblingscafé des passionierten Buchhändlers Antoine wie vom Himmel gefallen die Frau seines Lebens. Beim Hinausgehen wirft die schöne Unbekannte ihm ein Kärtchen mit einer Telefonnummer zu, die aber nicht mehr vollständig ist. Antoine hat nun zehn verschiedene Möglichkeiten und nur 24 Stunden Zeit, um die Frau seines Lebens wiederzufinden … Ein federleichter und lebenskluger Roman über den wunderbaren Wahn der Liebe.

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Für meinen Vater. Unvergessen.

Übersetzung aus dem Französischen von Sophie Scherrer

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Taschenbuchausgabe

11. Auflage 2012

ISBN 978-3-492-95999-5

© 2007 Nicolas Barreau © der deutschsprachigen Ausgabe: 2007 Thiele Verlag in der Thiele & Brandstätter Verlag GmbH, Wien und München, www.thieleverlag.com, vertreten durch AVA international GmbH, Herrsching, www.ava-international.de Umschlaggestaltung: semper smile, München Umschlagfoto: Hilden Design / Sidkwa / Eastern Frontline Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

1

Heute bin ich der Frau meines Lebens begegnet.

Sie saß in meinem Lieblingscafé, ganz hinten an einem der Holztische vor der verspiegelten Wand und lächelte mir zu. Leider war sie nicht allein. Ein – ich muß es zugeben – verdammt gutaussehender Typ saß bei ihr und hielt ihre Hand.

Ich sah sie also nur an, rührte in meinem Café Crème und flehte die himmlischen Mächte an, daß etwas passieren sollte.

Ich bin Buchhändler, wissen Sie, und wenn man tagtäglich mit Büchern zu tun hat, wenn man so viele Romane gelesen hat wie ich, kommt man irgendwann zu dem Schluß, daß sehr viel mehr, möglich ist, als gemeinhin angenommen wird. Mag sein, daß für manche die Literatur die angenehmste Art ist, das Leben zu ignorieren, wie Fernando Pessoa einmal geschrieben hat. Aber im Grunde will man das Leben doch nur dann ignorieren, wenn es so geworden ist, wie man es nicht haben wollte.

Ich finde, Literatur muß die Welt nicht zwangsläufig draußen vor der Tür lassen – im Gegenteil! Oft genug holt sie die Welt auch zu uns herein.

Vielleicht bin ich ein hoffnungsloser Romantiker, aber warum sollte das, was sich jemand für ein Buch ausgedacht hat, nicht auch im wahren Leben vorkommen können? Literatur kann ein wunderbarer Weg in die Wirklichkeit sein, weil sie uns die Augen öffnet für alles, was passieren kann. Was jeden Tag passieren kann!

Nehmen Sie nur den heutigen Tag. Erst war es ein ganz normaler Donnerstag im April. Jetzt ist es der wichtigste Donnerstag meines Lebens. Ich befinde mich im Ausnahmezustand. Bin schon mitten drin in einer Geschichte. In einem Roman, wenn Sie so wollen, von dem ich das Ende noch nicht weiß, weil ich dummerweise nicht der Autor bin.

Der Tag fing damit an, daß ich den Wecker überhörte, also nicht gerade spektakulär. Als ich unter der Dusche stand, klingelte das Handy – mein Freund Nathan, der wissen wollte, ob ich am Abend mit ihm ins Bilboquet gehe, seine erklärte Lieblingsjazzbar, in der schon Ella Fitzgerald gesungen hat. Aus meinen Haaren tropfte das Wasser, und ich sagte, klar, warum nicht, laß uns später noch mal telefonieren. Nathan ist einer der unkompliziertesten Menschen, die ich kenne; die Mädchen umlagern ihn in Scharen, und die Abende mit ihm sind immer lustig.

Ich trank einen Espresso im Stehen, überflog die Zeitung, und dann machte ich mich auf den Weg in die Buchhandlung. Es hatte geregnet, und die kleinen Straßen sahen aus wie frisch gewaschen. Vormittags war nicht viel los, und ich habe mit Julie das Schaufenster neu dekoriert.

Julie ist meine Compañera in der Librairie du Soleil und die Königin der Ratgeber auf zwei (außerordentlich hübschen) Beinen.

Sie haben ein Problem mit Ihrer Schwiegermutter? Sie wollen endlich Ordnung in Ihr Leben bringen? Ihre Freundin ist mit Ihrem besten Freund abgehauen und Sie stehen kurz vor dem Selbstmord?

Verzweifeln Sie nicht! Kommen Sie einfach in unsere kleine Buchhandlung in der Rue Bonaparte, und fragen Sie nach Julie. Sie wird Ihnen mit leichter Hand für jedes Problem den entsprechenden Ratgeber heraussuchen.

Und das ist genau der Grund, warum ich mich nie in Julie verlieben könnte, obwohl sie mit ihren aufgesteckten schwarzen Haaren und dem charmanten Lächeln an die junge Audrey Hepburn erinnert.

Eine Frau, die für jedes Problem eine Lösung hat, macht mir irgendwie Angst. Im Gegensatz zu mir hat Julie ihr Leben bestens im Griff. Sie ruht in sich selbst. Sie hat immer einen Plan. Und einen Mann hat sie natürlich auch.

Bleibt Antoine, also ich, zweiunddreißig, Inhaber einer halben Buchhandlung und ohne Plan. Ein Mann, der schöne Bücher ebenso zu schätzen weiß wie schöne Dessous und der seinen Kunden nur die Romane ans Herz legt, die ihm selbst gefallen.

Eigentlich hätte ich die Mittagspause dringend nutzen sollen, um Hemden in die Reinigung zu bringen und Besorgungen zu machen – der Kühlschrank war heute morgen bis auf ein Stück Chèvre und drei Tomaten selbst für einen Junggesellen ziemlich leer. Doch dann schien nach einem kurzen Aprilschauer wieder die Sonne, die Tropfen an der Scheibe glitzerten in allen Farben, Julie sagte: »Mist, jetzt kann ich das Fenster schon wieder putzen«, und ich hatte plötzlich keine Lust mehr auf Erledigungen.

»Ich geh auf einen Kaffee ins Flore«, sagte ich zu Julie, die auf Strümpfen in der Auslage stand und das Plakat für eine Lesung aufhängte. Julie verzog ihren hübschen Mund. Sie mag das Café de Flore nicht besonders. Wie fast alle Pariser meidet sie die Orte, die von Touristen heimgesucht werden. Was das angeht, ist sie ein echter Snob. Ich aber bin in Arles aufgewachsen und kam erst mit siebzehn Jahren nach Paris – vielleicht habe ich deswegen so erschreckend wenig Berührungsängste mit touristischen Attraktionen.

Ich gehe gern ins Flore, der Kaffee ist gut und stark, die Kellner unerschütterlich und die Tarte tatin nicht zu verachten, wenn man karamelisierten Apfelkuchen mag, der als solcher nicht mehr zu erkennen ist.

Na ja, ich gebe zu, auch die Vorstellung, in einem Café zu sitzen, das einst ein Literatentreffpunkt war, gefällt mir – trotz der Rucksacktouristen, die den Geist von Simone und Jean-Paul auch mal atmen wollen, und den ewig kichernden Japanermädchen, die nach dem Power-Shoppen mit Hunderten von schönen bunten Papiertüten an jeder Hand hier einfallen wie ein Schwarm exotischer Vögel und sich gegenseitig fotografieren.

Als ich heute das Café betrat, mich an den Holztischen, den Kellnern und der Kuchenvitrine vorbeischlängelte, um die Treppe zum ersten Stock zu nehmen – dort ist es meistens ruhiger als unten –, ahnte ich also noch nichts. Ich ahnte auch noch nichts, als ich mit einem flüchtigen Blick bemerkte, daß mein Lieblingsplatz ganz hinten in der Ecke besetzt war. Jemand saß dort hinter einer Zeitung, und ich ließ mich an einem anderen Tisch nieder, bestellte einen Kaffee und zwei Croissants und blätterte in einem kleinen Büchlein von Editions Stock, einem modernen Liebesroman, der, wenn man der Ankündigung des Verlages Glauben schenken durfte, daherkam wie ein französisches Chanson.

Vis à vis wurde die Zeitung mit einem leisen Rascheln zusammengefaltet und zur Seite gelegt, und als ich noch einmal hinüber sah zu der Lederbank, auf der ich eigentlich hätte sitzen sollen, traf mich fast der Schlag.

Meine Güte, der Schlag, man sagt das immer so, und es ist ein so leichtfertig bemühtes Bild. Und doch war es genau das, was passierte, und ich hoffe, Sie sehen es mir nach, daß mir nichts Poetischeres oder Originelleres einfällt, um diesen einen magischen Moment zu beschreiben, an dem Zeit für mich eine neue Bedeutung bekam, ein Engel mich mit seinem Flügel streifte und die Welt auf ganze zehn Quadratmeter zusammenschrumpfte.

Eine junge Frau mit langem honigblondem Haar saß da wie vom Himmel gefallen und sah mich mit großen braunen Augen an. Helle braune Augen, in denen winzige Goldpartikel zu tanzen schienen.

Sie lächelte kurz, und ihr Blick verweilte einen Augenblick länger auf mir als nötig. Oder bildete ich mir das bloß ein? Mir wurde heiß und kalt. Fast wäre mir das Buch aus der Hand gefallen. Und wenn schon! Was sollte ich mit einem Roman, der wie ein Chanson war, wenn mein eigenes Leben gerade anfing im Samba-Rhythmus zu schlagen?

Da saß SIE. Die Frau meines Lebens. Einfach so!

Es klingt ziemlich sonderbar, aber obwohl ich noch nicht ein einziges Wort mit ihr gesprochen hatte, wußte ich, daß es dieses Gesicht war, das ich immer vor Augen gehabt hatte und nach dem ich gesucht hatte, ohne es zu wissen, wenn ich meinen Freundinnen den Laufpaß gab.

Krampfhaft umklammerte ich mein kleines Buch. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Ich mußte die Schöne am Nachbartisch ansprechen. Aber wie?

Was, um Himmels willen, sagt man in solch einer Situation?

»Hallo, ich bin Antoine. Halten Sie mich nicht für verrückt. Wir kennen uns noch nicht, aber Sie sind die Frau meines Lebens.« Lächerlich.

»Entschuldigen Sie … aber Sie kommen mir so bekannt vor, kennen wir uns?« Der älteste Anmachspruch der Welt! Phantasielos und plump.

»Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, daß Sie wunderschöne Augen haben?« Also wirklich, das sagt man, wenn einem gar nichts mehr einfällt!

Ich bin sonst nicht auf den Mund gefallen und habe schon so manches Mädchen mit schönen Worten rumgekriegt, aber das hier, das war was anderes, und die Angst, das Falsche zu sagen und das Ganze zu versieben, ließ mich jeden Satz, den mein Hirn mir vorschlug, verwerfen.

»Voilà, Monsieur!« Der Kellner kam und stellte ein kleines Silbertablett mit Croissants, heißer Milch und Kaffee vor mich hin, während sein professionell-gelangweilter Blick bereits die frei gewordenen Tische nach abzuräumendem Geschirr absuchte.

Die Frau meines Lebens ließ derweil anmutig ein Tütchen Zucker in ihren Jus d'orange rieseln. Ich hätte ihr am liebsten jeden einzelnen ihrer wunderhübschen Finger geküßt.

Als ob sie meine Gedanken gelesen hätte, stützte sie die Arme auf, leckte einige Zuckerkörnchen von ihrem Zeigefinger und sah wieder zu mir herüber. Eine Kette mit zierlichen Kugeln aus Gold und Glas baumelte über dem Ausschnitt ihres enganliegenden schwarzen Kleides und lenkte meinen Blick auf den Ansatz zweier kleiner runder Brüste, die sich unter dem Stoff abzeichneten. Ein paar winzige Sommersprossen waren auf die seidige Haut getupft, und ich konnte nicht anders, als mir vorzustellen, wie wunderbar es sein müßte, ihr den Büstenhalter aufzuhaken und diese weichen weißen Täubchen in meinen Händen zu halten. Ich schluckte, sah wieder hoch und fühlte mich ertappt. Ihre Augen glänzten belustigt, als sich unsere Blicke erneut trafen. Dann verzog sich ihr roter Mund zu einem breiten Lächeln.

Ich lächelte auch und versuchte dabei so sympathisch, intelligent und konspirativ auszusehen wie möglich.

Julie sagt immer, wenn ich mir Mühe gebe, sehe ich ein bißchen aus wie Brad Pitt. Das machte mir Mut. Wirklich, ich bin eigentlich ganz ansehnlich, eher der jungenhafte Typ, aber viele Frauen mögen so was. Ich setzte mich auf und holte tief Luft.

Sie sah mich über den Raum hinweg erwartungsvoll an.

Nun sag was, Idiot, befahl ich mir streng. Geh zu ihr hin und sprich sie an! Mein Mund war plötzlich ganz trocken. Ich nahm einen viel zu großen Schluck von meinem Kaffee und verbrühte mir die Zunge. Leise fluchend setzte ich die Tasse ab. Das Porzellan schepperte wie ein Symphonieorchester, das Stockhausen spielt, und der Kaffee schwappte über. Auch das noch! Was für eine erbärmliche Vorstellung!

Sie schlug sich die Hand vor den Mund. Sie lachte.

Während ich mit der Serviette die kleine Pfütze auf meinem Tisch beseitigte, grinste ich entschuldigend. Am liebsten hätte ich ihr erklärt, daß ich nicht immer so ungeschickt und schafsköpfig war. Diese Frau machte mich nervös wie keine andere, das war klar, Immerhin schien sie nicht abgeneigt. Sie wickelte spielerisch eine Strähne ihres honigblonden Haars um den Zeigefinger und vertrieb sich die Zeit.

Mein Gott, was hätte ich jetzt für eine Zigarette gegeben! Unwillkürlich tastete ich nach meiner Schachtel. Dann fiel mir dieses verdammte Rauchverbot wieder ein. Völlig widernatürlich! Ich meine – Kaffee und Zigaretten – das sind die zwei Dinge, die einfach zusammengehören in der westlichen Welt. Dieses Gesetz wird unser Lebensgefühl, ja unsere ganze Kultur verändern. Und hat beispielsweise irgend jemand von den Verantwortlichen da oben schon mal darüber nachgedacht, was es für einen hochgradig verliebten Mann bedeutet, in einem Café nicht rauchen zu dürfen? Geradezu unmenschlich ist das!

Hör auf zu philosophieren, Feigling! Frag endlich, ob du sie zu einem Kaffee einladen darfst, mahnte meine innere Stimme.

»Würden-Sie-einen-Kaffee-mit-mir-trinken-Würden-Sie-einen-Kaffee-mit-mir-trinken?« Der Satz fuhr Karussell in meinem Kopf, bis mir ganz schwindelig wurde davon. Und dann, einen Moment, bevor die verdammten Worte endlich ihren Absprung in die Wirklichkeit schafften, erhob sich die Frau meines Lebens kurz von ihrem Sitz und winkte erfreut.

Tragischerweise galt ihr Winken nicht mir. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie ein großer, dunkelhaariger Mann zielstrebig auf den Tisch zusteuerte, an dem meine Schöne saß. Er sah aus wie Professor Severus Snape, wenn der seinen guten Tag hat.

»Ça va, ma belle?« Er umarmte sie, bevor er sich ihr gegenüber setzte und seine braune Lederjacke lässig über einen Stuhl warf.

Ma belle? Ungehalten starrte ich den Eindringling an, der von den bösen Blicken, die sich in seinen Rücken bohrten, leider nichts mitbekam.

Ich hätte dem Kerl am liebsten den Hals umgedreht. Hier einfach so reinzuplatzen! In meinen großen Moment. Zu meinem Unglück mußte ich feststellen, daß die Frau meines Lebens das offenbar anders sah. Sie redete und lachte, und ich war schon vergessen. So sind die Frauen!

Jetzt nahm Snape kurz ihre Hand. Sie sah ihm in die Augen, sehr zärtlich, wie ich fand, und ich hatte plötzlich eine Vorstellung davon, wie es sein mußte, in der Hölle zu schmoren.

Das konnte nicht sein! Das durfte nicht sein! War dieser Typ am Ende etwa ihr Mann? Mit fieberhaftem Blick suchte ich die Hände der beiden ab und seufzte erleichtert. Immerhin, es gab keine Eheringe! Das mußte nichts bedeuten, aber es war auf jeden Fall besser, als wenn es anders gewesen wäre. Vielleicht war er ihr Freund, aber ich hoffte inständig, daß er wirklich nur ein Freund war. Vielleicht ein schwuler Freund …

Ich verschanzte mich hinter meinem Buch wie ein Privatdetektiv, tat so, als ob ich lesen würde, blätterte dann und wann eine Seite um, stopfte mir ein Stück Croissant in den Mund und beäugte die beiden mißtrauisch.

Leider konnte ich nichts von dem verstehen, was sie redeten, weil direkt neben mir zwei Freundinnen saßen, die sich mit durchdringenden Stimmen angeregt über irgendwelche blöden Schuhe unterhielten. Dann über ihre Typen. Dann darüber, daß die eine in den Ferien auf die Malediven fliegen wollte.

Ich weiß nicht, wie lange ich so da saß, wahrscheinlich war es nicht mal eine Viertelstunde, aber es kam mir vor wie eine grauenvolle Ewigkeit. Schließlich beugte sich mein Rivale zu seiner Tasche herunter und kramte etwas hervor. Fotos! Urlaubsfotos?

Meine Schöne stieß kleine Schreie des Entzückens aus, während sie die Aufnahmen betrachtete. Verräterin! Und doch – welch anbetungswürdige Verräterin! Als sie die Fotos zurückgab und ihr Typ für einen Moment abtauchte, um sie wieder in seiner Tasche zu verstauen, schenkte sie mir wieder diesen mutwilligen Blick und ein wahrhaft bezauberndes Lächeln. Das Buch in meiner Hand zitterte. Dieses stumme Spiel machte mich krank. Mir waren die Hände gebunden. Ich verharrte in der Zeit wie ein Somnambuler im Mondschein. Und. damit sind wir fürs erste wieder am Anfang meiner kleinen Geschichte.

Nein – nicht ganz.

Ich sah sie also nur an, rührte in meinem Café Crème und flehte die himmlischen Mächte an, daß etwas passieren sollte.

Und dann passierte tatsächlich etwas.

Die Frau meines Lebens stand auf und ging zu den Toiletten.

Als sie zurückkam, zwinkerte sie mir kurz zu und ließ mit einer überraschenden Bewegung ein Kärtchen auf die Tischplatte fallen. Darauf standen – mit blauer Tinte hastig hingekritzelt – ein Name und eine Telefonnummer. Sonst nichts. Mein Herz machte einen freudigen kleinen Hüpfer. Und so begannen die aufregendsten vierundzwanzig Stunden meines Lebens.

2

Ich blickte ihr nach, wie sie in ihrem schwarzen Kleid an ihren Tisch zurückschlenderte, als ob nichts gewesen wäre. Der Duft eines schweren und doch feinen Parfums streifte mich. Ich starrte auf ihren kleinen Hintern, den sie so nachlässig vor meinen Augen schwenkte, und konnte mein Glück kaum fassen. Natürlich nicht nur wegen des entzückenden Hinterns. Aber auch.

Ich meine, wie oft passiert so etwas? Wie oft geschieht im Leben eines Mannes ein Wunder? Irgend jemand da oben hatte tatsächlich mein Flehen erhört, und ich überlegte für einen kurzen Moment, ob ich mich im Zeitalter Dan Browns und der Entmystifizierung höherer Wesen nicht doch wieder einreihen sollte in die Schar der Gläubigen.

Sie hieß Isabelle. Es gibt keinen schöneren Namen. Antoine und Isabelle. Isabelle. und Antoine. Wie gut das zusammen paßte. Ich hatte ihre Telefonnummer, und die Zukunft lag vor mir wie ein einziger endloser Frühlingstag.

Langsam und in der unmäßigen Hoffnung noch etwas zu finden, drehte ich die kostbare, kleine weiße Karte um. Auf der Rückseite erwartete mich tatsächlich eine Botschaft.

Rufen Sie mich in einer Stunde an. Ich würde Sie gern wiedersehen.

Ich konnte mich gerade noch beherrschen, die kleine Karte nicht hochzureißen und an meine Lippen zu drücken.

Ja, ja! Nichts lieber als das! Wahrscheinlich mußte sie ihren Snape erst mal abhängen.

Dann las ich das Postskriptum mit den drei kleinen Pünktchen.

Sie haben Ihr Buch übrigens die ganze Zeit verkehrt herum gehalten …

Welch entzückende Unverschämtheit! Das würde ich sie aufs Schönste büßen lassen!

Am Tisch gegenüber bezahlte der dunkle Hüne jetzt die Rechnung, nicht wissend, was hinter seinem Rücken gelaufen war. Isabelle zog sich derweil in aller Seelenruhe die Lippen nach. Dann stand sie auf, ließ sich in den Trenchcoat helfen und griff nach ihrem roten Schirm. Ich weiß noch genau, daß mir die Farbe auffiel.

Daß dieser rote Schirm noch eine wichtige, ja lebenswichtige Rolle für mich spielen würde, ahnte ich natürlich nicht.

Die schöne Isabelle hakte sich scherzend bei ihrem stattlichen Begleiter ein und verließ mit ihm das Café de Flore, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen. Und wäre da nicht die kleine Karte in meiner Hand gewesen, ich hätte alles für einen schönen Traum gehalten.

Rufen Sie mich in einer Stunde an. Ich schaute auf meine Uhr. Es war kurz vor zwei, meine Mittagspause eigentlich fast schon vorbei, aber was machte das schon. Eine Stunde trennte mich noch von meinem Glück. Dachte ich.

Ich verlangte die Rechnung, gab dem erstaunten Kellner ein viel zu hohes Trinkgeld, ließ mein Buch auf dem Tisch liegen und trat hinaus in die Aprilsonne.

Die Luft war klar, das Leben war schön und Paris die beste aller Städte, um verliebt zu sein. Ich zündete mir eine Zigarette an, nahm einen tiefen Zug und entließ eine kleine weiße Wolke in den Himmel.

Ist es nicht erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit man Jedes noch so blöde Klischee akzeptiert, wenn man glücklich ist?