Beschreibung

Wie jedes Mädchen im Haus Magnalia fiebert Brienna der Sommersonnenwende entgegen. Denn dann wird sie zur Berufenen erklärt und kann ein neues Leben bei einem Schutzherrn beginnen. Sie lässt sich auf das Angebot eines Lords aus dem Norden ein, auch wenn sie dafür schweren Herzens von ihrem Master Cartier Abschied nehmen muss. Kaum ist sie jedoch im Reich Maevana angekommen, wird ihr klar, dass sie in einem Netz aus Intrigen gefangen ist: Mit Hilfe ihrer besonderen Gabe soll sie den König stürzen. Als sie schließlich Cartier wiedersieht, muss sie sich entscheiden, ob sie ihrer Familie oder ihrem Herzen die Treue hält. Alle Bände der Serie: Die fünf Gaben (Valenias Töchter Band 1) Der Thron des Nordens (Valenias Töchter Band 2)

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Deutsche ErstausgabeAlle deutschen Rechte bei Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2018Originalcopyright © 2018 by Rebecca RossPublished by Arrangement with Rebecca Rossc/o NEW LEAF LITERARY & MEDIA INC., 110 West 40th Street, Suite 2201, New York, NY 10018 USA Originalverlag: HarperTeen, an imprint of HarperCollins Publishers, New YorkOriginaltitel: The Queen’s Rising Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen. Aus dem Englischen von Anne Brauner und Susann FriedrichLektorat: Rebecca WiltschUmschlagbilder: shutterstock.com © Oleg Gekman/BariskinaUmschlaggestaltung: formlaborHerstellung: Gunta Lauck, Wiebke Lück Satz und E-Book-Umsetzung: Pinkuin Satz und Datentechnik, BerlinISBN: 978-3-646-92903-4

Für Ruth und Mary, Mistress der Kunst und Mistress des Wissens

PERSONENVERZEICHNIS

HAUS MAGNALIA

Die Vorsteherin von Magnalia

Die Aériale von Magnalia:

Solene Severin, Mistress der Kunst

Evelina Baudin, Mistress der Musik

Xavier Allard, Master des Schauspiels

Therese Berger, Mistress des Esprits

Cartier Évariste, Master des Wissens

Die Arden von Magnalia:

Oriana DuBois, Arden der Kunst

Merei Labelle, Arden der Musik

Abree Cavey, Arden des Schauspiels

Sibylle Fontaine, Arden des Esprits

Ciri Montagne, Arden des Wissens

Brienna Colbert, Arden des Wissens

Weitere Besucher in Magnalia:

Francis, Bote

Rolf Paquet, Briennas Großvater

Monique Lavoie, Gönnerin

Nicolas Babineaux, Gönner

Brice Mathieu, Gönner

HAUS JOURDAIN

Aldéric Jourdain

Luc Jourdain

Amadine Jourdain

Jean David, Lakai und Kutscher

Agnes Cote, Hauswirtschafterin

Pierre Faure, Koch

Liam O’Brian, Lehnsmann

Weitere Personen im Zusammenhang mit Jourdain:

Hector Laurent (Braden Kavanagh)

Yseult Laurent (Isolde Kavanagh)

Theo d’Aramitz (Aodhan Morgane)

HAUS ALLENACH

Brendan Allenach, Lord

Rian Allenach, der erstgeborene Sohn

Sean Allenach, der zweitgeborene Sohn

Weitere wichtige Personen:

Gilroy Lannon, König von Maevana

Liadan Kavanagh, die erste Königin von Maevana

Tristan Allenach

Norah Kavanagh, die drittgeborene Prinzessin von Maevana

Evan Berne, Drucker

DIE VIERZEHN HÄUSER VON MAEVANA

Die Gewitzten des Hauses Allenach

Die Aufgeweckten des Hauses Kavanagh*

Die Älteren des Hauses Burke

Die Grimmigen des Hauses Lannon

Die Kühnen des Hauses Carran

Die Barmherzigen des Hauses MacBran

Die Beliebten des Hauses Dermott

Die Gerechten des Hauses MacCarey

Die Weisen des Hauses Dunn

Die Besonnene des Hauses MacFinley

Die Freundlichen des Hauses Fitzsimmons

Die Standhaften des Hauses MacQuinn*

Die Aufrechten des Hauses Halloran

Die Flinken des Hauses Morgane*

* kennzeichnet ein in Ungnade gefallenes Haus

PROLOG

Im Hochsommer 1559

Provinz Angelique, Königreich Valenia

Das Haus Magnalia galt als Bildungsanstalt, in der wohlhabende begabte Mädchen ihre Passion meisterten. Es war nicht für Mädchen gedacht, die den hohen Ansprüchen nicht genügten, oder für uneheliche Töchter und schon gar nicht für Mädchen, die ihrem König die Stirn boten. Rein zufällig trifft all das auf mich zu.

Ich war zehn Jahre alt, als mein Großvater zum ersten Mal mit mir nach Magnalia fuhr. Es war nicht nur ein sehr heißer Sommertag – ein Nachmittag für Wolkenungetüme und gereizte Gemüter –, sondern noch dazu der Tag, an dem ich die Frage stellte, die mich verfolgte, seit ich ins Waisenhaus gekommen war.

»Großpapa, wer ist mein Vater?«

Großvater saß mir gegenüber. Seine Lider waren schwer von der Hitze, bis meine Erkundigung ihn aufrüttelte. Er war ein anständiger Mann, herzensgut und doch sehr zurückgezogen, und aus diesem Grund vermutete ich, dass er sich für mich schämte – für das uneheliche Kind seiner geliebten verstorbenen Tochter.

Doch an diesem drückend heißen Tag war er dazu verdammt, mit mir in der Kutsche zu sitzen, und ich hatte eine Frage geäußert, die er beantworten musste. Stirnrunzelnd betrachtete er meine erwartungsvolle Miene, als hätte ich ihn gebeten, mir den Mond vom Himmel zu holen. »Dein Vater ist kein achtbarer Mann, Brienna.«

»Hat er einen Namen?«, bohrte ich weiter. Hitze machte mich wagemutig, während sie ältere Herrschaften wie Großpapa zum Schmelzen brachte. Ich war zuversichtlich, dass er mir endlich erzählen würde, von wem ich abstammte.

»Das hat wohl jeder, nicht wahr?« Nun wurde er griesgrämig, nachdem wir bereits seit zwei Tagen in dieser Gluthitze reisten.

Ich sah zu, wie er sein Taschentuch herauskramte und sich den Schweiß von der faltigen Stirn wischte, die wie ein Ei gesprenkelt war. Er hatte ein rötliches Gesicht mit einer besonders großen Nase und einen weißen Haarkranz. Dem Hörensagen nach war meine Mutter recht ansehnlich gewesen – und ich ihr wie aus dem Gesicht geschnitten –, doch ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie jemand, der so hässlich war wie Großpapa, etwas Schönes hervorbringen sollte.

»Ah, Brienna, mein Kind, wieso musst du nach ihm fragen?«, seufzte Großpapa ein wenig freundlicher. »Reden wir doch lieber über das, was auf dich zukommt. Über Magnalia.«

Ich schluckte meine Enttäuschung hinunter, die mir wie eine Murmel in der Kehle stecken blieb. Über Magnalia wollte ich nicht sprechen.

Bevor ich noch trotziger werden konnte, bog die Kutsche ab und die Räder rollten aus den Furchen auf eine glatte, gepflasterte Zufahrtsstraße. Als ich aus dem staubverschmierten Fenster sah, schlug mein Herz schneller. Ich beugte mich vor und legte die Hände an die Scheibe.

Als Erstes fielen mir die Bäume auf. Ihre Äste hingen bewundernswert über der Einfahrt, wie Arme, die uns willkommen hießen. Pferde grasten träge auf den Weiden, ihr Fell glänzte feucht von der sommerlichen Hitze. Jenseits der Weiden lagen die fernen blauen Berge von Valenia, das Rückgrat unseres Königreichs. Ihr Anblick besänftigte meine Enttäuschung – dieses Land befeuerte meine Neugier und meinen Mut.

Klappernd fuhren wir unter den Zweigen der Eichen einen Hügel hinauf und kamen schließlich in einem Vorhof zum Stehen. Durch den aufgewirbelten Staub betrachtete ich die grauen Steinmauern, die gleißenden Fensterscheiben und den Kletter­efeu des Hauses Magnalia.

»Aufgemerkt, Brienna«, sagte Großpapa, der hastig sein Taschentuch einsteckte. »Hier ist tadelloses Benehmen geboten – als würdest du vor König Phillipe stehen. Lächele, mach einen Knicks und sag nichts Unpassendes. Kannst du deinem Groß­papa diesen Gefallen tun?«

Ich nickte. Mir war, als hätte ich auf einmal die Sprache verloren.

»Sehr gut. Dann lass uns beten, dass die Vorsteherin dich aufnimmt.«

Als der Kutscher die Tür öffnete, wies Großpapa mich an, zuerst auszusteigen. Meine Beine zitterten, so klein kam ich mir vor, während ich den Hals verdrehte, um das herrschaftliche Anwesen zu bestaunen.

»Ich spreche erst unter vier Augen mit der Vorsteherin und dann wirst du sie ebenfalls kennenlernen«, sagte Großvater und zog mich die Treppe zum Eingang hoch. »Denk stets daran, Höflichkeit zu bewahren. In diesem Haus leben sittsame Mädchen.«

Er musterte mich, als er klingelte. Mein blaues Kleid war von der Kutschfahrt zerknittert, meine Zöpfe hatten sich gelöst und die Haare hingen kraus um mein Gesicht. Doch die Tür wurde bereits schwungvoll aufgezogen, bevor Großvater einen Kommentar zu meinem wenig ansehnlichen Äußeren abgeben konnte. Seite an Seite traten wir in den bläulichen Schatten der Eingangshalle von Magnalia.

Während Großvater in das Arbeitszimmer der Vorsteherin gebeten wurde, blieb ich im Gang stehen. Der Diener bot mir einen Platz auf einer gepolsterten Bank an und ich setzte mich allein dorthin, um zu warten. Vor Aufregung ließ ich die Beine baumeln und starrte auf den schwarz-weißen Boden im Schachbrettmuster. Im Haus herrschte eine tiefe Ruhe, als würde ihm das Herz fehlen. Und da es so still war, hörte ich die Unter­redung meines Großvaters mit der Vorsteherin. Ihre Worte flossen durch die Zimmertür.

»Für welche Gabe verspürt sie eine besondere Neigung?«, fragte die Vorsteherin. Ihre Stimme war tief und fein wie Rauch, der an einem Herbstabend in die Höhe stieg.

»Sie zeichnet gern … Zeichnen kann sie wirklich gut. Außerdem hat sie eine lebhafte Fantasie – im Schauspiel würde sie sicher brillieren. Und was die Musik angeht: Meine Tochter hat es auf der Laute weit gebracht und ich bin sicher, dass Brienna etwas von ihrem Talent geerbt hat. Was noch … Ach ja, im Waisenhaus liest sie wohl gern. Sie hat sämtliche Bücher zweimal gelesen.« Großpapa schweifte ab. War ihm überhaupt bewusst, was er da sagte? Er hatte mich noch nie zeichnen sehen oder auch nur einmal eine selbst erdachte Geschichte aus meinem Munde gehört.

Ich rutschte von der Bank, schlich langsam zur Tür und presste mein Ohr daran. Begierig lauschte ich ihren Worten.

»Das ist alles gut und schön, Monsieur Paquet. Aber wie Ihr sicherlich wisst, versteht man unter dem Meistern einer Passion, dass Eure Enkelin sich in einer der fünf Gaben auszeichnen muss, und nicht etwa in allen.«

Ich machte mir Gedanken über diese fünf. Kunst. Musik. Schauspiel, Esprit. Wissen. In einer Einrichtung wie Magnalia wurden Mädchen als Arden angenommen – als Schülerinnen eines Fachs. Man konnte eine der fünf Passionen wählen und sie anhand der sorgfältigen Anweisung eines Masters oder einer Mistress fleißig studieren. Wer sein Talent vollkommen ausgeschöpft hatte, erhielt selbst den Titel Mistress und zudem den Umhang – eine persönliche Auszeichnung, die den Erfolg und den Stand betonte. Auf diese Weise wurde man zu einer Berufenen der Kunst, der Musik oder einer der anderen drei Gaben geweiht.

Mein Herz pochte laut in meiner Brust und meine Hände waren schweißnass, während ich mir ausmalte, eine Berufene zu sein.

Welches Fach würde ich wählen, falls die Vorsteherin mich annahm?

Doch ich hatte keine Zeit, darüber zu grübeln, denn Großvater sprach weiter: »Brienna hat einen hellen Verstand, das verspreche ich Euch. Sie kann jede der fünf Passionen meistern.«

»Es freut mich, dass Ihr Eure Enkelin so hoch einschätzt, aber ich muss Euch sagen … mein Haus ist sehr anspruchsvoll und schwierig. Für diese Saison habe ich meine fünf Arden bereits beisammen. Falls ich Eure Enkelin aufnähme, müsste ein Aérial zwei Arden unterrichten. Das ist noch nie vorgekommen.«

Ich versuchte mir vorzustellen, was ein Aérial sein mochte – möglicherweise eine Art Lehrer? –, als ich ein scharrendes Geräusch hörte und von der Flügeltür zurücksprang, weil ich fürchtete, sie würde auffliegen und mich als Lauscherin entlarven. Doch anscheinend hatte Großvater nur nervös seinen Stuhl verschoben.

»Ich versichere Euch, Madame, Brienna wird Euch keinerlei Schwierigkeiten bereiten. Sie ist ein sehr gehorsames Mädchen.«

»Aber sagtet Ihr nicht, sie sei im Waisenhaus aufgewachsen? Und sie trägt nicht Euren Namen. Wie kam es dazu?«, fragte die Vorsteherin.

Eine Pause entstand. Ich hatte mich auch schon immer gewundert, dass mein Nachname sich von dem meines Großvaters unterschied. Also drückte ich das Ohr noch ein wenig fester ans Holz …

»Es dient dazu, Brienna vor ihrem Vater zu schützen, Ma­dame.«

»Sollte sie in Gefahr schweben, kann ich Brienna leider nicht aufnehmen, Monsieur –«

»Bitte hört mich an, Madame, nur einen Augenblick. Brienna ist zwei Staaten angehörig. Ihre Mutter – meine Tochter – war Valenianerin. Ihr Vater stammt aus Maevana. Er weiß von Brianna und ich war besorgt … besorgt, er könnte sie ausfindig ­machen, wenn sie so hieße wie ich.«

»Und wieso wäre das so entsetzlich?«

»Weil ihr Vater –«

Weiter hinten im Gang wurde eine Tür geöffnet und geschlossen, Stiefelschritte näherten sich. Ich lief rasch zu der Bank zurück und warf mich buchstäblich darauf, sodass meine kurzen Beine über den Boden kratzten wie Fingernägel über eine Tafel.

Ich wagte nicht aufzublicken und lief vor Scham rot an, während der Stiefelträger immer näher kam und schließlich vor mir stehen blieb.

Ich hielt ihn für den Diener, bis ich den Kopf hob und einen jungen Mann bemerkte, der mit seinen weizenblonden Haaren ungemein gut aussah. Er war groß und schlank, keine einzige Falte verunstaltete seine Kniehose oder seine Tunika, doch am meisten beeindruckte mich … sein blauer Umhang. Da die Farbe Blau die Gabe des Wissens symbolisierte, war er ein Berufener, ein Master. Und ausgerechnet er hatte mich beim Lauschen an der Tür der Vorsteherin erwischt.

Bedächtig ging er in die Hocke, um mir in die Augen zu sehen. Er hatte ein Buch in der Hand und seine Augen waren kornblumenblau wie sein Passionsumhang.

»Wen haben wir denn da?«, fragte er.

»Brienna.«

»Das ist ein schöner Name. Wirst du als Arden nach Magnalia kommen?«

»Das weiß ich nicht, Monsieur.«

»Möchtest du es denn gern?«

»Ja, sehr gern, Monsieur.«

»Du musst nicht Monsieur zu mir sagen«, schalt er mich freundlich.

»Wie soll ich Euch denn sonst nennen, Monsieur?«

Er gab keine Antwort, sondern sah mich nur an, den Kopf ein wenig geneigt, sodass sein blondes Haar über eine Schulter glitt, wie ein Ausschnitt des Sonnenlichts. Er sollte fortgehen und doch wünschte ich mir gleichzeitig, dass er sich weiter mit mir unterhielt.

In diesem Augenblick wurde die Tür des Arbeitszimmers geöffnet. Als er das hörte, stand der Master des Wissens auf und drehte sich um. Mein Blick fiel auf die silbernen Fäden des Umhangs, der über seinen Rücken fiel – sie fügten sich auf dem blauen Stoff zu einer Sternenkonstellation, die ich sehr bewunderte. Zu gern hätte ich ihn gefragt, was dieses Bild zu bedeuten hatte.

»Ah, Master Cartier«, sagte die Vorsteherin, die an der Tür stehen geblieben war. »Wärt Ihr so freundlich, Brienna zum Arbeitszimmer zu geleiten?«

Ich verstand seine ausgestreckte Hand als Einladung und legte vorsichtig meine Finger hinein. Meine Hand war warm, seine kühl, während wir durch den Gang auf die wartende Vorsteherin zugingen. Bevor er losließ, drückte Master Cartier kurz zu und setzte dann seinen Weg fort. Er ermunterte mich, tapfer zu sein, aufrecht und stolz, um meinen Platz in diesem Haus zu finden.

Nachdem ich das Arbeitszimmer betreten hatte, wurde die Tür mit einem leisen Geräusch wieder geschlossen. Großvater saß in einem Sessel. Daneben stand ein zweiter, der mir ­zugedacht war. Behutsam setzte ich mich, als die Vorsteherin um den Schreibtisch herumging und mit einem flüsternden Rauschen ­ihres ­Kleides dahinter Platz nahm.

Mit ihrer hohen Stirn, die verriet, dass sie ihr Haar viele Jahre straff zurückgekämmt unter einer eng anliegenden Prachtperücke getragen hatte, machte sie einen recht strengen Eindruck. Mittlerweile verbarg sie die weißen Locken, die ihrer Erfahrung Rechnung trugen, fast vollständig unter einer Haube aus schwarzem Samt. In kalter Eleganz thronte sie auf ihrem Scheitel. Ihr Kleid, das in einem dunklen Rot schimmerte, hatte eine tief sitzende Taille und einen rechteckigen, mit Perlen besetzten Ausschnitt. In diesem Moment, als ich mich im Anblick ihrer reifen Schönheit verlor, verstand ich, dass sie mich in ein Leben einführen konnte, das mir sonst nicht vergönnt sein würde. Ein Leben, in dem ich berufen werden konnte.

»Ich freue mich, dich kennenzulernen, Brienna«, begrüßte sie mich lächelnd.

»Madame«, entgegnete ich und wischte meine verschwitzten Hände an meinem Kleid ab.

»Dein Großvater hat mir dein Loblied gesungen.«

Ich nickte und warf ihm einen beklommenen Blick zu. Er betrachtete mich mit einem heiklen Funkeln in den Augen und hielt erneut sein Taschentuch in der Hand, als müsste er sich an etwas festklammern.

»Welche Gabe bevorzugst du, Brienna?«, fragte sie und zog meine Aufmerksamkeit wieder auf sich. »Oder hast du sogar eine angeborene Neigung zu einer der Passionen?«

Bei den Heiligen im Himmel, ich wusste es nicht. Fieberhaft ging ich sie im Geiste noch einmal durch … Kunst … Musik … Schauspiel … Esprit … Wissen. Und dann platzte ich mit dem heraus, was mir als Erstes in den Sinn kam. »Kunst, Madame.«

Sehr zu meinem Missfallen zog sie eine Schublade auf und holte einen unbeschriebenen Pergamentbogen und einen Bleistift heraus, die sie unmittelbar vor mir auf eine Ecke ihres Schreibtisches legte.

»Zeichne etwas für mich«, wies mich die Vorsteherin an.

Widerstrebend blickte ich zu Großvater, weil ich fürchtete, dass unsere Täuschung auffliegen würde. Er wusste so gut wie ich, dass ich nicht künstlerisch begabt war, und dennoch griff ich nach dem Bleistift.

Dann holte ich tief Luft und dachte an etwas, das mir am Herzen lag. Vor meinem inneren Auge erschien der Baum im Hinterhof des Waisenhauses – eine alte knorrige Eiche, auf die wir Kinder gerne geklettert waren. Und einen Baum konnte ja wohl jeder malen.

Während ich zeichnete, unterhielt sich die Vorsteherin mit meinem Großvater, um mir genügend Raum zu lassen. Als ich fertig war, legte ich den Bleistift hin, betrachtete mein Werk und wartete.

Es war eine erbärmliche Abbildung, die keinerlei Ähnlichkeit mit dem erinnerten Baum aufwies.

Die Vorsteherin sah sich die Zeichnung genau an. Sie runzelte leicht die Stirn, doch ihrem Blick ließ sich keine Regung entnehmen.

»Bist du sicher, Brienna, dass du dich dem Studium der Kunst widmen willst?« Sie sprach ohne Wertung, doch ich nahm die unterschwellige Herausforderung wahr, die in ihren Worten lag.

Beinahe hätte ich Nein gesagt und dass ich nicht dorthin gehörte. Doch die Vorstellung, ins Waisenhaus zurückzukehren und Küchenmädchen oder Köchin zu werden wie all die anderen Waisenmädchen, machte mir bewusst, dass dies meine einzige Chance war, dem zu entkommen.

»Ja, Madame.«

»Dann will ich für dich eine Ausnahme machen. Ich habe bereits fünf Mädchen in deinem Alter in Magnalia angenommen. Du wirst die sechste Arden sein und bei Mistress Solene Kunstunterricht bekommen. Die nächsten sechs Jahre verbringst du hier mit deinen Ardenschwestern, indem du lernst und aufwächst und dich auf deine siebzehnte Sommersonnenwende vorbereitest. Dann nämlich wirst du zur Berufenen geweiht und von einem Gönner erwählt.« Als sie innehielt, war ich vollkommen überwältigt von ihren Worten. »Wärst du damit einverstanden?«

Blinzelnd stammelte ich: »Ja, ja sehr wohl, Madame!«

»Hervorragend. Monsieur Paquet, bitte bringt Brienna im Herbst zur Tagundnachtgleiche zurück. Und vergesst nicht das Schulgeld.«

Als mein Großvater eilig aufstand und sich verbeugte, verströmte er Erleichterung wie ein aufdringliches Parfüm. »Vielen Dank, Madame. Wir sind beglückt! Brienna wird Euch nicht enttäuschen.«

»Nein, das denke ich auch nicht«, erwiderte die Vorsteherin.

Ich stand auf, machte einen schiefen Knicks und folgte Großpapa zur Tür. Kurz bevor ich in den Gang hinaustrat, warf ich einen Blick zurück.

Die Vorsteherin sah mir traurig nach. Obwohl ich noch ein junges Mädchen war, kannte ich diesen Blick. Mein Großvater hatte irgendetwas gesagt, das sie dazu bewogen hatte, mich aufzunehmen. Ihr Zugeständnis war nicht mein Verdienst und beruhte auch nicht auf meiner möglichen Entwicklung. Hatte sie sich vom Namen meines Vaters umstimmen lassen? Von diesem Namen, den ich nicht kannte? Spielte er wirklich eine so große Rolle?

Die Vorsteherin glaubte, dass sie mich aus Barmherzigkeit aufgenommen hatte und dass ich niemals berufen werden würde.

In diesem Augenblick nahm ich mir fest vor, ihr das Gegenteil zu beweisen.

EINS

Briefe und Lektionen

Im späten Frühjahr des Jahres 1566

Zweimal in der Woche versteckte sich Francis in dem Wacholderbusch, der vor dem Fenster der Bibliothek blühte. Manchmal ließ ich ihn absichtlich warten; Francis hatte lange Beine und wenig Geduld und es war auf eine Weise belebend, mir vorzustellen, wie er im Gestrüpp kauerte. Doch in einer Woche begann der Sommer und das trieb mich zur Eile an. Es war höchste Zeit, es ihm zu sagen. Ich trat in die ruhigen nachmittäglichen Schatten der Bibliothek und mein Puls begann zu rasen.

Sag ihm, dass es das letzte Mal ist.

Als ich das Fenster sanft nach oben schob, roch ich den süßen Duft des Gartens. Francis erhob sich gerade aus einer Stellung, die an einen Wasserspeier erinnerte.

»Ihr könnt einen Jungen wirklich warten lassen«, murrte er, doch so begrüßte er mich stets. Er hatte einen Sonnenbrand und sein helles Haar löste sich aus seinem Zopf. Die braune Botenuniform war schweißnass und die Sonne funkelte auf der kleinen Ansammlung von Verdienstorden, die über seinem Herzen baumelten. Er prahlte gern damit, dass er trotz seiner angeblich einundzwanzig Jahre der schnellste Bote in ganz Valenia war.

»Heute ist das letzte Mal, Francis«, warnte ich ihn, ehe ich meine Meinung ändern konnte.

»Das letzte Mal?«, wiederholte er, doch er grinste breit. Dieses Lächeln kannte ich. Er setzte es immer auf, um zu bekommen, was er wollte. »Warum?«

»Warum!«, rief ich und verjagte eine neugierige Hummel. »Das fragst du noch?«

»Dabei brauche ich Euch jetzt am meisten, Mademoiselle«, entgegnete er und angelte zwei schmale Umschläge aus der Innentasche seines Hemdes. »In acht Tagen findet die schicksalhafte Feier zur Sommersonnenwende statt.«

»Ebendeshalb, Francis«, sagte ich, da ich wusste, dass er nur an meine Ardenschwester Sibylle dachte. »In acht Tagen. Und ich habe noch so viel zu lernen.« Mein Blick ruhte auf den beiden Umschlägen. Einer war an Sibylle adressiert, doch der andere war für mich. Ich erkannte Großpapas Handschrift; endlich hatte er zurückgeschrieben. Mein Herz pochte unruhig, als ich mir vorstellte, was auf dem gefalteten Briefpapier stehen könnte …

»Macht Ihr Euch Sorgen?«

Rasch sah ich wieder zu Francis. »Selbstverständlich mache ich mir Sorgen.«

»Das müsst Ihr nicht. Ihr werdet es ganz wunderbar machen.« Ausnahmsweise nahm er mich nicht auf den Arm. Als ich die Aufrichtigkeit in seiner hellen, freundlichen Stimme hörte, wollte ich wie er daran glauben, dass ich in acht Tagen – wenn ich meinen siebzehnten Sommer erlebte – berufen würde. Dass ich meine Gabe meistern würde.

»Ich glaube nicht, dass Master Cartier –«

»Wen interessiert, was Euer Master denkt?«, schnitt Francis mir mit einem lässigen Achselzucken das Wort ab. »Ihr solltet Euch nur damit befassen, was Ihr selbst denkt.«

Ich sah ihn stirnrunzelnd an, während ich darüber nachdachte und mir vorstellte, was Master Cartier dazu sagen würde.

Ich kannte Cartier seit sieben Jahren. Francis kannte ich seit sieben Monaten.

Im November hatte ich am offenen Fenster gesessen und darauf gewartet, dass Cartier zum Nachmittagsunterricht erschien, als Francis auf dem Kiesweg vorbeikam. Wie alle meine Ardenschwestern wusste ich, wer er war, da wir ihn oft sahen, wenn er Post für das Haus Magnalia brachte oder abholte. Doch damals war es die erste persönliche Begegnung und er bat mich, Sibylle ein heimliches Briefchen zu übergeben. Das hatte ich getan und war seitdem in ihren Austausch von Briefen verwickelt.

»Mir ist wichtig, was Master Cartier denkt, weil er derjenige ist, der mich zur Passion erklärt«, sagte ich.

»Bei allen Heiligen, Brienna«, erwiderte Francis, als ein Schmetterling mit seiner breiten Schulter kokettierte. »Findet Ihr nicht auch, dass Ihr Euch selbst zur Berufenen erklären solltet?«

Das brachte mich zum Nachdenken, was Francis zu seinem Vorteil nutzte.

»Im Übrigen weiß ich, welche Gönner die Vorsteherin eingeladen hat.«

»Was? Wieso?«

Doch es leuchtete mir ein, dass er es wusste. Er hatte die Briefe überbracht, die Namen und Adressen gelesen. Ich betrachtete mit schmalen Augen seine Grübchen, als er erneut dieses Lächeln aufsetzte. Ich verstand sehr wohl, warum Sibylle Gefallen an ihm fand, doch für meinen Geschmack war er viel zu oft zum Scherzen aufgelegt.

»Oh, dann gib mir den vermaledeiten Brief«, rief ich und wollte ihn ihm aus der Hand nehmen.

Das hatte er vorausgesehen und wich rasch zurück.

»Wollt Ihr denn nicht wissen, wer eingeladen ist?«, bohrte er weiter. »Schließlich ist einer von ihnen in acht Tagen dazu bestimmt, Euer Gönner zu werden …«

Ich schaute ihn an, doch mein Blick wanderte an seinem Gesicht und der schlaksigen Gestalt vorbei. Der Garten war vertrocknet und sehnte sich in der leichten Brise bebend nach Regen. »Gib schon her.«

»Aber wenn es mein letzter Brief an Sibylle sein soll, muss ich einiges umschreiben.«

»Beim heiligen LeGrand, Francis, ich habe keine Zeit für deine Spielchen.«

»Gestattet mir einen weiteren Brief«, bettelte er. »Ich weiß nicht, wo Sibylle in einer Woche sein wird.«

Er hätte mir leidtun sollen – oh, welch Herzschmerz, eine Berufene zu lieben, wenn man selbst nicht berufen ist! Andererseits wäre es angebracht gewesen, auf meiner Entscheidung zu beharren, schließlich konnte er ihr den Brief auch per Boten schicken, wie er es schon die ganze Zeit hätte tun sollen. Doch ich stimmte seufzend zu, vor allem deshalb, weil ich endlich den Brief meines Großvaters entgegennehmen wollte.

Als Francis mir die Umschläge reichte, steckte ich den Brief von Großpapa augenblicklich in die Tasche und behielt den von Francis in der Hand.

»Wieso hast du in Dairine geschrieben?«, fragte ich mit einem Blick auf den verschnörkelten Namen der Adressatin. In der Sprache von Maevana, dem Reich der Königin im Norden, stand da: An Sibylle, meine Sonne und meinen Mond, mein Leben und mein Licht. Ich hätte beinahe laut gelacht und konnte es mir gerade noch verkneifen.

»Ihr sollt das nicht lesen!«, rief Francis und seine ohnehin sonnenverbrannten Wangen färbten sich noch dunkler.

»Es steht auf dem Umschlag, du Narr. Selbstverständlich lese ich das.«

»Brienna …«

Er streckte die Hand aus und ich genoss es schon, ihn auch einmal necken zu können, als die Tür zur Bibliothek geöffnet wurde. Ich musste nicht hinsehen, um zu wissen, dass es Cartier war. Seit drei Jahren hatte ich fast jeden Tag mit ihm verbracht und meine Seele hatte sich daran gewöhnt, wie er allein durch seine Anwesenheit einen Raum beherrschte.

Nachdem ich Francis’ Brief zu dem von Großpapa in die Tasche gesteckt und ihm mit aufgerissenen Augen einen hastigen Blick zugeworfen hatte, schloss ich rasch das Fenster. Er verstand mich einen Wimpernschlag zu spät – seine Finger wurden auf dem Fensterbrett eingeklemmt. Ich hörte einen Schmerzensschrei, hoffte jedoch, dass er Cartier durch das schnelle ­Herunterziehen des Fensters verborgen blieb.

»Master Cartier«, sagte ich atemlos zur Begrüßung und drehte mich um.

Er sah mich nicht an. Ich beobachtete, wie er seine Tasche auf einem Stuhl ablegte und mehrere in Leder gebundene Lehrbücher herausholte, die er anschließend auf den Tisch legte.

»Heute bei geschlossenem Fenster?«, fragte er, immer noch mit gesenktem Blick. Das war wahrscheinlich zu meinem Besten, denn mein Gesicht brannte, und das nicht von der Sonne.

»Die Hummeln sind heute sehr lästig«, antwortete ich und warf einen flüchtigen Blick durchs Fenster. Francis eilte über den Kiesweg zu den Stallungen. Ich kannte die Regel, dass wir uns in der Zeit als Arden in Magnalia mit niemandem einlassen sollten. In Wahrheit ging es vor allem darum, dass man nicht dabei erwischt wurde. Es war dumm von mir, die Briefe von Sibylle und Francis weiterzureichen. Als ich wieder nach vorn sah, ruhte Cartiers Blick auf mir.

»Wie steht es um die valenianischen Häuser?« Er wies mich an, zum Tisch zu kommen.

»Sehr gut, Master«, sagte ich und setzte mich auf meinen üblichen Platz.

»Beginnen wir mit dem Stammbaum des Hauses Renaud, vom erstgeborenen Sohn an«, forderte Cartier und nahm gegenüber Platz.

»Das Haus Renaud?« Bei der Gnade der Heiligen, selbstverständlich fragte er die weitverzweigte königliche Abstammungslinie ab, die ich mir so schlecht merken konnte.

»Es geht um das Geschlecht unseres Königs«, ermahnte er mich mit dem unbarmherzigen Blick, der so charakteristisch für ihn war. Diesen Blick kannte ich so gut wie meine Ardenschwestern, die sich hinter verschlossener Tür über Cartier beklagten. Er war der attraktivste Aérial in Magnalia, derjenige, der die Gabe des Wissens lehrte, aber auch der strengste. Meine Ardenschwester Oriana behauptete, er hätte einen Stein in der Brust, und hatte eine entsprechende Karikatur gezeichnet, auf der er einem Fels entsprang.

»Brienna.« Er sagte meinen Namen, als würde er ungeduldig mit den Fingern schnippen.

»Es tut mir leid, Master.« Obwohl ich versuchte, mir den Anfang der königlichen Linie ins Gedächtnis zu rufen, konnte ich nur an den Brief meines Großvaters denken, der in meiner Tasche darauf wartete, gelesen zu werden. Wieso hatte er so lange gebraucht, ihn zu schreiben?

»Du hast begriffen, dass Wissen die anspruchsvollste Gabe ist?«, fragte Cartier, als ihm mein Schweigen zu lange dauerte.

Ich sah ihn an und überlegte, ob er mir auf diese Weise taktvoll nahelegen wollte, dass ich dem nicht gewachsen war. Es wäre nicht der erste Morgen, an dem ich das selbst glaubte.

Im ersten Lehrjahr in Magnalia hatte ich Kunst studiert, und da ich keinerlei angeborene künstlerische Begabung besaß, war ich im darauffolgenden Jahr zu Musik übergegangen. Doch meinen Gesang konnte man nicht als solchen bezeichnen und unter meinen Fingern klangen alle Instrumente wie Katzenmusik. Im dritten Jahr hatte ich mich im Schauspiel versucht, bis ich feststellen musste, dass ich nicht über mein Lampenfieber hinwegkommen würde. Deshalb hatte ich mich im vierten Jahr dem Esprit gewidmet; an dieses verdrießliche Jahr erinnerte ich mich höchst ungern. Mit vierzehn stand ich dann vor Cartier und bat ihn, mich als Arden anzunehmen und in meinen verbleibenden drei Jahren in Magnalia eine Mistress des Wissens aus mir zu machen.

Dennoch war mir bewusst – und ich hatte den Verdacht, dies war auch den anderen Aérialen bekannt, die mich unterrichteten –, dass ich nur an dieser Schule weilte, weil mein Großvater vor sieben Jahren etwas Bestimmtes gesagt hatte. Ich war nicht etwa aus eigenem Verdienst hier oder weil ich vor Talent und Aufnahmevermögen überschäumte wie die anderen fünf Arden, die ich wie wahre Schwestern liebte. Doch möglicherweise lag es mir deshalb umso mehr am Herzen zu beweisen, dass die Passion nicht nur angeboren war, wie manche Menschen glaubten. Jedermann, ob aus dem gemeinen Volk oder dem Adel, konnte sich eine Passion aneignen, selbst wenn keine innere Begabung dazu spürbar war.

»Vielleicht sollten wir uns die erste Lektion noch einmal vor Augen führen«, unterbrach Cartier meine Tagträume. »Was bedeutet Passion, Brienna?«

Die Lehre der Passion. Sie hallte in meinen Gedanken wider, als eine der ersten Schriften, die ich auswendig lernte und wie alle Arden nie wieder vergessen würde.

Obwohl es kein Zeichen von Herablassung war, wenn Cartier mir acht Tage vor der Sommersonnenwende diese Frage stellte, war es mir ein wenig peinlich, bis ich tapfer den Kopf hob und merkte, dass sie in einem größeren Zusammenhang stand.

Was willst du, Brienna? Das fragten mich seine Augen, die mich eindringlich musterten. Warum möchtest du berufen werden?

Deshalb gab ich ihm die Antwort, die man mich gelehrt hatte, weil ich mich damit am sichersten fühlte. »Die Passion besteht grundsätzlich aus fünf Teilen«, setzte ich an. »Kunst, Musik, Schauspiel, Esprit und Wissen. Sie verkörpert Ergebenheit von ganzem Herzen, sie ist Inbrunst und Qual, sie ist Zorn und Begeisterung. Sie kennt keine Grenzen und kennzeichnet einen Mann oder eine Frau unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Schicht, ihrem Status und ihrer Herkunft. Die Passion verwandelt sich in den Mann oder die Frau, so wie der Mann oder die Frau sich in die Passion verwandeln. Es handelt sich um die Vollendung von Befähigung und Persönlichkeit, ausgezeichnet durch Ergebenheit, Hingabe und das Werk.«

Ich konnte Cartier nicht ansehen, ob er von meiner auswendig gelernten Antwort enttäuscht war. Er ließ sich niemals etwas anmerken – ich hatte ihn nicht einmal lächeln sehen und noch nie lachen hören. Hin und wieder dachte ich, dass er nur wenig älter sein konnte als ich, aber dann ermahnte ich mich immer, dass meine Seele jung war und Cartiers nicht. Er war viel erfahrener und gebildeter, was höchstwahrscheinlich auf eine zu früh beendete Kindheit zurückzuführen war. Unabhängig von seinem Alter verfügte er über umfangreiches Wissen.

»Ich war deine letzte Wahl, Brienna«, sagte er, ohne auf mein Zitat der Lehre einzugehen. »Vor drei Jahren bist du auf mich zugekommen und hast mich gebeten, dich auf die Sommersonnenwende deines siebzehnten Jahres vorzubereiten. Doch statt sieben Jahre zur Verfügung zu haben, um dich Wissen zu lehren, musste ich mich mit dreien begnügen.«

Ich konnte seine Vorhaltungen kaum ertragen und musste an Ciri denken, seine zweite Arden des Wissens. Ciri sog all das Gelehrte mit einer beneidenswerten Gründlichkeit auf, doch sie konnte auch auf sieben Jahre Unterricht zurückblicken. Selbstverständlich schnitt ich im Vergleich zu ihr schlecht ab.

»Vergebt mir, dass ich nicht wie Ciri bin«, sagte ich, bevor ich mir diese ironische Bemerkung verkneifen konnte.

»Ciri hat mit zehn Jahren angefangen sich vorzubereiten«, erwiderte Cartier und wandte sich einem Buch zu, das auf meiner Seite des Tisches lag. Er nahm es in die Hand, blätterte über mehrere Seiten mit Eselsohren – etwas, das er verabscheute – und strich sie sorgsam aus dem alten Papier.

»Bedauert Ihr, dass ich mich so entschieden habe, Master?« Eigentlich hätte meine Frage folgendermaßen lauten müssen: Wieso habt Ihr mich nicht abgewiesen, als ich Euch bat, mein Master zu werden? Wenn es mir nicht gelingen konnte, innerhalb von drei Jahren berufen zu werden, warum habt Ihr es mir damals nicht gesagt? Doch vielleicht verriet mich mein Blick, da mein Lehrer zunächst mich ansah und sich dann eher gelangweilt wieder den Büchern zuwandte.

»Ich bedaure nur wenige Dinge, Brienna«, antwortete er.

»Was geschieht, wenn ich bei der Sonnenwendfeier von keinem Gönner erwählt werde?«, fragte ich, obwohl ich wusste, was aus jungen Männern und Frauen wurde, denen es nicht gelang, ihre Gabe zu meistern. Häufig waren sie verzweifelt und zu nichts mehr in der Lage, weder hier noch dort. Sie waren nirgends zugehörig und von den Berufenen und dem gemeinen Volk gleichermaßen ausgeschlossen. Wenn man so viele Jahre, Zeit und Denken für eine Gabe aufgewandt hatte und nicht darin brillierte … galt man als Versager. Man war keine Arden mehr, aber auch nicht berufen, und unvermittelt gezwungen, sich erneut in die Gesellschaft einzugliedern und nützlich zu machen.

Während ich auf Cartiers Antwort wartete, dachte ich an das schlichte Gleichnis, das Mistress Solene mir in meinem ersten Lehrjahr in Kunst geschildert hatte (nachdem ihr aufgefallen war, dass ich nicht das geringste künstlerische Talent besaß). Die Passion eignete man sich phasenweise an. Man begann als Arden, vergleichbar mit einer Raupe. In dieser Zeit sollte man möglichst viel von seiner Passion verschlingen und zu beherrschen lernen. Wunderkinder konnten dieses Pensum in zwei Jahren bewältigen, während andere, die langsamer lernten, auch gut und gerne bis zu zehn Jahre benötigten. Darauf folgten die Weihe zur Berufenen – ausgewiesen durch den Umhang und einen Titel – sowie die Phase der Gönnerschaft, vergleichbar mit dem Kokon, in dem man innehielt und seine Passion zur Reife führte. Darauf konnte man sich dann stützen, während man sich auf die Endphase vorbereitete, dem Sinnbild des Schmetterlings gleich, in der die Berufene selbstständig in die Welt hinauszog.

Ich war in Gedanken bei Schmetterlingen, als Cartier erwiderte: »Ich glaube, du wirst die Erste unter deinesgleichen sein, kleine Arden.«

Da mir diese Antwort nicht gefiel, ließ ich mich noch tiefer in den Brokatsessel sinken, der nach alten Büchern und Einsamkeit roch.

»Wenn du glaubst, du würdest scheitern, wird es höchstwahrscheinlich so kommen«, fuhr er fort und versenkte seinen blau funkelnden Blick in meinen braunen Augen. Zwischen uns tanzten Staubkörner wie kleine trudelnde Wirbel. »Meinst du nicht auch?«

»Doch, natürlich, Master.«

»Deine Augen lügen nie, Brienna. Du solltest dich um mehr Beherrschung bemühen, wenn du unaufrichtig bist.«

»Ich werde mir Euren Rat zu Herzen nehmen.«

Er neigte den Kopf, wandte jedoch seinen Blick nicht von mir ab. »Magst du mir verraten, worüber du in Wirklichkeit nachdenkst?«

»Ich denke über die Sonnenwendfeier nach«, antwortete ich ein wenig zu schnell. Das war nur die halbe Wahrheit, doch ich konnte mir nicht vorstellen, Cartier vom Brief meines Großvaters zu erzählen. Womöglich verlangte er von mir, ihn laut vorzulesen.

»Nun, diese Lektion war verlorene Liebesmüh«, sagte er und stand auf.

Ich war enttäuscht, weil er hier abbrach – ich konnte jeglichen Unterricht, den er mir zuteilwerden ließ, gut gebrauchen –, gleichzeitig aber auch erleichtert, da ich mich nicht konzentrieren konnte, solange Großpapas Brief wie glühende Kohlen in meiner Tasche steckte.

»Wie wäre es, wenn du am Nachmittag allein mit deinen Studien fortfährst?«, schlug er vor und wies mit einer schwungvollen Geste auf die Bücher, die auf dem Tisch lagen. »Du kannst sie ruhig mitnehmen.«

»Danke, Master Cartier.« Ich stand ebenfalls auf und machte einen Knicks, bevor ich, ohne ihn anzusehen, mit den Büchern unterm Arm nervös die Bibliothek verließ.

Ich schlenderte in den Garten und lief bis zu den Hecken, wo Cartier mich von den Fenstern der Bibliothek nicht mehr sehen konnte. Da am Himmel graue Wolken einen Sturm ankündigten, setzte ich mich auf die nächstbeste Bank und legte vorsichtig die Bücher neben mir ab.

Dann holte ich den Brief meines Großvaters hervor und hielt ihn in beiden Händen. Durch seine schiefe Schrift sah mein Name auf dem Pergament wie eine Grimasse aus. Mit zitternden Händen brach ich das rote Wachssiegel und entfaltete den Brief.

7. Juni 1566

Liebste Brienna,

es tut mir leid, dass Du so lange auf diese Antwort warten musstest. Leider hat sich der Schmerz in meinen Händen verschlimmert und der Arzt empfiehlt, mich kurzzufassen oder einen Sekretär zu beauftragen. Lass Dir gesagt sein, dass ich sehr stolz auf Dich bin, und dass Deine Mutter – meine liebliche Rosalie – sich ebenfalls vor Stolz nicht lassen könnte, nun da Dich nur noch wenige Tage von der Weihe zur Berufenen trennen. Bitte schreibe mir nach der Sonnenwendfeier und berichte, welchen Gönner Du erwählt hast.

Nun zu Deiner Frage … Ich fürchte, meine Antwort wird Dir bekannt vorkommen. Der Name Deines Vaters ist es nicht wert, niedergeschrieben zu werden. Deine Mutter hat sich von seinem markanten Gesicht und seiner Süßholzraspelei hinreißen lassen und ich habe Angst, dass Du Schaden nehmen könntest, solltest Du seinen Namen erfahren. Ja, Du bist beiden Staaten angehörig und somit zu einem Teil Maevanerin. Ich will jedoch auf keinen Fall, dass Du versuchst ihn ausfindig zu machen. Sei versichert, dass Du in ihm so viel Fehl und Tadel sehen würdest wie ich. Und nein, mein Liebes, er hat keine Erkundigungen nach Dir angestellt. Kein einziges Mal hat er sich auf die Suche gemacht. Vergiss nicht, dass Du unehelich geboren bist und die meisten Männer bei diesem Wort das Weite suchen. Du darfst aber auch nicht vergessen, dass Dir tiefe Liebe gebührt und dass ich in jeglicher Hinsicht Deines Vaters Stelle vertreten werde.

In LiebeGroßpapa

Als ich den Brief in meiner Hand zerknüllte, waren meine Finger weiß wie Papier und mir kamen die Tränen. Es war dumm, wegen dieses Briefes zu weinen, nur weil mir einmal mehr verweigert wurde, den Namen meines Vaters zu erfahren. Dabei hatte es mich Wochen gekostet, den Mut aufzubringen, Großvater zu schreiben und ihm mein Anliegen noch einmal vorzutragen.

Das sollte aber nun wirklich das letzte Mal gewesen sein. Der Name tat nichts zur Sache.

Wenn meine Mutter noch am Leben wäre, was hätte sie von ihm erzählt? Hätte sie ihn geheiratet? Möglicherweise war er bereits eine Ehe eingegangen, was erklären würde, warum meinem Großvater schon allein der Gedanke an meinen Vater peinlich war. Eine beschämende außereheliche Liebschaft zwischen einer Frau aus Valenia und einem Mann aus Maevana wäre ihm ein Dorn im Auge gewesen.

Ach, meine Mutter. Ab und zu glaubte ich, mich an ihre melodische Stimme zu erinnern oder daran, wie es sich in ihren Armen angefühlt hatte, oder gar an ihren Duft nach Lavendel und Nelken, Sonnenschein und Rosen. Als ich drei Jahre alt war, ist sie dem Schweißfieber erlegen. Cartier hatte mich einst gelehrt, Erinnerungen in einem so zarten Alter seien selten. Also bildete ich mir vielleicht auch nur ein, woran ich mich gern erinnern würde?

Doch warum war es dann so schmerzlich, an einen Menschen zu denken, den ich nicht wirklich gekannt hatte?

Ich steckte den Brief wieder ein, lehnte mich zurück und spürte die Blätter der Hecke im Haar, als wollte die Pflanze mir Trost spenden. Es war nicht ratsam, mich mit den Bruchstücken meiner Vergangenheit zu befassen, noch dazu solchen, die im Grunde keine Rolle spielten. Lieber sollte ich darüber nachdenken, was in acht Tagen geschehen würde, am Tag der Sonnenwendfeier, in deren Verlauf ich meine Gabe meistern und endlich meinen Umhang bekommen sollte.

Ich musste Cartiers Bücher lesen und mir die Worte einprägen.

Doch bevor ich auch nur anfangen konnte zu blättern, hörte ich leise Schritte im Gras und dann tauchte Oriana auf dem Weg auf.

»Brienna!«, begrüßte sie mich. Ihr langes schwarzes Haar reichte in einem wirren Zopf bis zur Taille und ihre braune Haut und ihre Ardentracht waren mit Farbe bespritzt, nachdem sie endlose Stunden im Atelier verbracht hatte. Während ihr Kleid entzückende Farbkombinationen enthüllte, war meins nur langweilig sauber und zerknittert. Alle sechs Arden in Magnalia trugen diese düsteren grauen Kleider, die wir mit ihren hochgestellten Kragen, den langen schlichten Ärmeln und dem strengen Schnitt einmütig hassten. Wenn wir sie ablegen dürften, würden wir uns tatsächlich auserkoren fühlen.

»Was machst du denn hier?«, fragte meine Ardenschwester und schloss zu mir auf. »Hat Master Cartier dich bis zur Erschöpfung getriezt?«

»Nein, diesmal war es eher andersherum, würde ich sagen.« Ich stand auf, nahm die Bücher in eine Hand und hakte mich auf der anderen Seite bei Oriana unter. Wir gingen nebenei­nanderher, Oriana klein und schlank, ich hochgeschossen und mit langen Beinen. Ich musste langsamer gehen, um mich ihren Schritten anzupassen. »Wie sieht es mit deinen letzten Gemälden aus?«

Sie schnaubte leise und schenkte mir ein schiefes Lächeln, während sie eine Rose vom Strauch pflückte. »Gut sieht es aus, will ich meinen.«

»Hast du schon entschieden, welche Bilder du bei der Sonnenwendfeier vorzeigst?«

»Ehrlich gesagt, ja.« Sie berichtete, welche Werke sie für die Gönner ausgewählt hatte. Ich bemerkte, wie nervös sie die Rose zwirbelte.

»Mach dir keine Sorgen«, sagte ich und brachte sie sanft dazu, stehen zu bleiben, damit wir uns ansehen konnten. In der Ferne donnerte es und der Geruch nach Regen lag in der Luft. »Deine Gemälde sind außergewöhnlich schön. Und ich sehe es schon vor mir.«

»Was denn?« Liebevoll steckte sie mir die Rose hinters Ohr.

»Wie die Gönner sich um dich streiten. Du wirst mit dem besten nach Hause fahren.«

»Unsinn! Ich bin weder so charmant wie Abree noch so schön wie Sibylle oder so freundlich wie Merei, und auch nicht so schlau wie du und Ciri.«

»Aber mit deiner Kunst öffnest du ein Fenster in eine andere Welt«, sagte ich und lächelte sie an. »Es ist eine wahre Begabung, den Menschen zu helfen, die Welt in einem neuen Licht zu sehen.«

»Seit wann hast du poetische Anwandlungen, liebe Freundin?«

Ich lachte, doch ein Donnern verschluckte mein Glucksen. Sobald das Gewittergrollen verebbt war, sagte Oriana: »Ich muss dir etwas gestehen.« Während die ersten Tropfen fielen, zog sie mich über den Weg und ich folgte ihr, insgeheim rätselnd, weil ausgerechnet Oriana als einzige von uns Arden niemals gegen die Regeln verstieß.

»Also?«, ermunterte ich sie.

»Ich wusste, dass du hier im Garten bist, und wollte dich etwas fragen. Du weißt doch, dass ich die anderen Mädchen porträtiert habe, nicht wahr? Damit ich mich immer an euch erinnern kann, wenn sich unsere Wege nächste Woche trennen?« Als Oriana mich ansah, glänzten ihre hellbraunen Augen voller Vorfreude.

Ich unterdrückte ein Stöhnen. »Ori, so lange kann ich nicht still sitzen.«

»Abree hat es auch geschafft, und wie du weißt, ist sie ständig in Bewegung. Und was soll das überhaupt heißen, du kannst nicht so lange still sitzen? Du sitzt den ganzen Tag mit Ciri und Master Cartier zusammen und liest ein Buch nach dem anderen!«

Ich rang mir ein Lächeln ab. Seit einem Jahr verfolgte sie mich mit der Bitte, mich zeichnen zu dürfen, doch meine Studien hatten mich derart gefordert, dass ich für so etwas wie ein Porträt nicht genügend Freizeit aufbringen konnte. Morgens hatten Ciri und ich Unterricht bei Cartier und nachmittags kam normalerweise noch Einzelunterricht dazu, weil ich Schwierigkeiten hatte, den Stoff zu bewältigen. Und während ich diese zermürbenden Stunden über mich ergehen ließ und zusah, wie der Sonnenschein am Boden schmolz, hatten meine Ardenschwestern die Nachmittage zur freien Verfügung. Wie viele Tage hatte ich im Haus ihrem Gelächter und ihrem Frohsinn gelauscht, während ich mir unter Cartiers prüfendem Blick den Kopf zerbrach.

»Ich weiß nicht«, sagte ich zögerlich und nahm die Bücher auf den anderen Arm. »Ich sollte lieber lernen.«

Als wir an der Hecke um die Ecke bogen, stießen wir auf Abree.

»Hast du sie überredet?«, fragte Abree Oriana. Da wurde mir bewusst, dass ich in einen Hinterhalt gelockt worden war. »Jetzt sieh uns nicht so an, Brienna.«

»Wie denn?«, entgegnete ich. »Ihr wisst doch, wenn ich in acht Tagen meinen Umhang bekommen und mit einem Gönner fortziehen will, muss ich jede Minute –«

»Langweilige Abstammungslinien auswendig lernen, ja, das wissen wir«, schnitt Abree mir das Wort ab. In ihre dichten kastanienbraunen Locken, die geschmeidig auf ihre Schultern fielen, hatten sich einzelne Blätter verirrt, als wäre sie durch Büsche und Sträucher gekrochen. Sie war dafür bekannt, dass sie ihren Text im Freien mit Master Xavier probte. Ich hatte bereits des Öfteren durch das Fenster der Bibliothek beobachtet, wie sie sich im Gras wälzte und Beeren unter ihrem Mieder zerdrückte, um den roten Fleck als Blut darzustellen, während sie ihre Verse dem Himmel zurief. Auch in diesem Augenblick bemerkte ich Schlammspuren und Beerenflecken auf ihrer Ardentracht, die zeigten, dass sie mit vollem Einsatz etwas einstudiert hatte.

»Bitte, Brienna«, bettelte Oriana. »Alle anderen habe ich bereits porträtiert, nur du …«

»Spätestens wenn du siehst, welche Requisiten ich ausgegraben habe, willst du unbedingt von ihr gemalt werden«, sagte Abree, die verschmitzt zu mir hinunterlächelte. Sie war von uns allen die Größte und überragte mich um eine Handbreit.

»Requisiten!«, rief ich. »Hört mal, ich werde doch nicht –« Doch es donnerte erneut, mein schwächlicher Protest verhallte ungehört, und ehe ich sie daran hindern konnte, nahm Oriana mir die Bücher ab.

»Ich gehe schon mal vor und baue alles auf«, sagte sie und lief rasch drei Schritte von mir fort, als könnte ich meine Meinung nicht mehr ändern, sobald sie außer Hörweite war. »Abree, du bringst sie ins Atelier.«

»Ja, Milady«, erwiderte Abree mit einer übertriebenen Verbeugung.

Ich sah Oriana nach, die über den Rasen sauste und durch die Hintertür verschwand.

»Komm schon, Brienna«, sagte Abree, während der Regen jetzt mit voller Wucht aus den Wolken prasselte und unsere Kleider sprenkelte. »Du solltest diese letzten Tage genießen.«

»Das kann ich aber nicht, wenn ich mir die ganze Zeit Sorgen mache, dass ich versagen könnte.« Auf dem Weg zum Haus riss ich das Band aus meinen Haaren, ließ sie locker um mein Gesicht fallen und vergrub nervös die Finger darin.

»Du wirst doch nicht versagen!« Aber dann hielt sie inne und fügte hinzu: »Oder denkt Master Cartier so von dir?«

Ich hatte den Rasen schon zur Hälfte hinter mir gelassen, triefnass und überwältigt von meinen Erwartungen, als Abree mich endlich einholte. Sie nahm meinen Arm und wirbelte mich herum. »Bitte, Brienna. Lass dich porträtieren, tu es für mich, für Oriana.«

Ich seufzte, aber ein verhaltenes Lächeln zuckte um meine Mundwinkel. »Meinetwegen. Aber es darf nicht den ganzen Tag dauern.«

»Die Requisiten, die ich dafür ausgesucht habe, gefallen dir bestimmt!«, beharrte Abree außer Atem und zerrte mich über den letzten Streifen Rasen.

»Und was glaubst du, wie lange es dauert?«, keuchte ich, als wir bibbernd die Tür öffneten und, nass bis auf die Haut, in den Schatten des Hintereingangs traten.

»Nicht so lange«, antwortete Abree. »Oh! Weißt du noch, wie du mir geholfen hast, die zweite Hälfte meines Stücks zu schreiben? Das, in dem Lady Pumpernickel ins Verlies geworfen wird, weil sie das Diadem gestohlen hat?«

»Hm-m.« Obwohl ich nicht mehr die Gabe des Schauspiels erlernte, bat Abree mich weiterhin um Hilfe, wenn es darum ging, die Handlung ihrer Stücke zu entwerfen. »Du weißt nicht, wie du sie wieder aus dem Verlies herausholen sollst, stimmts?«

Kleinlaut wurde sie rot. »Nein. Und komm ja nicht auf die Idee … ich will sie nicht sterben lassen.«

Da konnte ich nicht anders und musste lachen. »Das ist Jahre her, Abree.«

Ihre Bemerkung bezog sich auf meine Zeit als Arden des Schauspiels, in der wir beide eine satirische Darbietung für Master Xavier geschrieben hatten. Während Abree eine komische Szene über zwei Schwestern verfasst hatte, die sich um einen Schönling stritten, hatte ich die blutige Tragödie einer Tochter aufs Papier gebracht, die ihrem Vater den Thron stahl. Bis auf eine Figur ließ ich sie am Ende alle sterben und Master Xavier war sichtlich entsetzt von meinen schaurigen Entwürfen.

»Wenn sie nicht sterben soll«, sagte ich auf dem Weg durch die Halle, »lass sie doch eine Geheimtür hinter einem Skelett finden. Oder lass einen Wachposten die Seiten wechseln, damit er ihr hilft – aber nur zu einem unerwarteten Preis.«

»Ah, eine Geheimtür!«, rief Abree und hakte sich bei mir unter. »Wie du dir Geschichten ausdenkst, Bri, wie ein Unhold! Ich wünschte, ich hätte auch solche Einfälle!« Als sie lächelnd zu mir hinuntersah, bedauerte ich kurz, dass ich mich wegen meines Lampenfiebers nicht zur Mistress des Schauspiels eignete.

Abree war offenbar zu demselben Schluss gekommen, da sie mich noch fester hielt und murmelte: »Du weißt, es ist nie zu spät. Innerhalb von acht Tagen kannst du ein Stück mit zwei Akten schreiben und Master Xavier damit beeindrucken und –«

»Abree«, sagte ich mit gespielter Empörung.

»So benehmen sich also zwei von Magnalias Arden eine Woche vor der Sonnenwendfeier, die über ihr Schicksal entscheidet?« Die Stimme kam wie aus dem Nichts. Abree und ich blieben unvermittelt stehen, überrascht, Mistress Therese zu sehen, die Aérial des Esprits, die unverkennbar missbilligend die Arme vor der Brust verschränkte. Angewidert von unserem durchweichten Auftreten sah sie uns mit hochgezogenen Augenbrauen über ihre dünne, spitze Nase an. »Ihr benehmt euch wie Kinder, nicht wie Frauen, die bald ihren Umhang erhalten.«

»Entschuldigung, Mistress Therese«, murmelte ich und sank in einen tiefen Knicks. Abree tat es mir nach, obwohl ihre Verbeugung eher nachlässig ausfiel.

»Wascht euch, bevor Madame euch so sieht.«

In der Eile, von ihr wegzukommen, stolperten wir fast übereinander. Wir taumelten durch den Gang in die Halle und weiter zur Treppe.

»Wenn die nicht der Teufel in Person ist«, flüsterte Abree viel zu laut, während wir die Stufen hochhasteten.

»Abree!«, schimpfte ich und fiel fast über meinen Kleidersaum, als ich Cartier hinter mir hörte.

»Brienna?«

Ich blieb stehen, hielt mich am Geländer fest und drehte mich schnell zu ihm um. Er stand am Eingang. Seine strahlend weiße Tunika war mit einem Gürtel geschnürt und die graue Kniehose hatte fast denselben Farbton wie mein Kleid. Er schloss die Schnalle seines Umhangs am Hals – offenbar wollte er in den Regen hinausgehen.

»Master?«

»Gehe ich richtig in der Annahme, dass du am Montag nach dem morgendlichen Unterricht mit Ciri gern noch eine weitere Einzelstunde hättest?« Er blickte zu mir hoch und wartete auf die Antwort, die er bereits kannte.

Meine Hand glitt über das Geländer. Mein Haar, das ausnahmsweise nicht in einem Zopf gebändigt war, fiel in wilden braunen Wellen um meine Gestalt, mein Kleid war durchweicht und tropfte ein leises Lied auf den Marmor. In seinen Augen sah ich wahrscheinlich vollkommen aufgelöst aus, nicht im Mindesten wie eine valenianische Frau, die kurz davorstand, ihre Gabe zu meistern, oder wie die Schülerin, die er zu formen versuchte. Dennoch hob ich das Kinn und antwortete: »Ja, danke, Master Cartier.«

»Vielleicht lässt du dich beim nächsten Mal nicht von einem Brief ablenken?«, fragte er und ich versuchte, aus seiner gewohnt beherrschten Miene schlau zu werden.

Er konnte mich bestrafen, weil ich Francis’ und Sibylles Briefe weitergab, oder mehr Disziplin verlangen, weil ich gegen eine Regel verstoßen hatte. Deshalb wartete ich ab, wie seine Forderung lauten würde.

Doch dann zuckte sein linker Mundwinkel kaum merklich. Er lächelte nicht wirklich, aber ich gab mich gern der Vorstellung hin, als er sich zum Abschied knapp verbeugte. Ich sah Cartier nach, als er das Haus verließ und sich in den Sturm hinaus begab, und überlegte, ob er gnädig gestimmt oder zum Scherzen aufgelegt war. Gleichzeitig wünschte ich, er würde noch bleiben, obwohl ich doch froh war, dass er gegangen war.

Dann stieg ich die Treppe hoch, hinterließ eine nasse Spur des Regens und fragte mich, wie es Cartier gelang, dass ich mich so oft nach zwei widersprüchlichen Dingen zugleich sehnte.

ZWEI

Ein maevanisches Porträt

Das Atelier bestand aus einer Kammer, die ich nicht mehr betreten hatte, seit ich im ersten Jahr in Magnalia gescheitert war. Doch als ich an diesem verregneten Nachmittag zögernd eintrat, mein nasses Haar hochgesteckt, rief der Raum vor allem die guten Erinnerungen wieder wach. Ich dachte daran, wie ich morgens neben Oriana gesessen hatte, wenn wir unter der sorgsamen Anleitung von Mistress Solene zeichneten. Mir fielen meine ersten Versuche im Malen ein oder im Kolorieren von Büchern oder auch meine erste Radierung. Darauf folgten dann die dunkleren Momente, die mir noch traurig im Gedächtnis hafteten, zum Beispiel, als mir klar wurde, wie flach meine Kunst auf dem Papier lag, während Orianas atmend zum Leben erwachte. Und ich dachte an den Tag, als Mistress Solene mich beiseitegenommen und sanft vorgeschlagen hatte: Vielleicht solltest du es einmal mit Musik probieren, Brienna.

»Du bist gekommen!«

Mein Blick schweifte durch den Raum zu Oriana, die mir Platz machte. Sie hatte einen feuchten roten Strich auf der Wange. Das Atelier war immer schon überfrachtet und unordentlich gewesen, aber das lag daran, dass Mistress Solene und Oriana die Farben selbst herstellten. Der längste Tisch ächzte unter Gefäßen mit Blei und Pigmenten, Tiegeln und Tonschalen, Wasserkrügen, Kalkstein, stapelweise Velin und Pergament, einem Eierkarton und einer großen Schale gemahlener Kreide. Es roch nach Terpentin, Rosmarin und dem grünen Kraut, das sie kochten, um auf rätselhafte Weise die Farbe Rosa herzustellen.

Vorsichtig schlängelte ich mich um den Farbentisch, um Stühle, Pappen und Staffeleien. Oriana hatte einen Schemel an die Fensterwand gestellt, auf dem ich im Licht des Sturms sitzen sollte, während sie mich porträtierte.