Die Gabe der Auserwählten - Mary E. Pearson - E-Book
Beschreibung

Lias Kampf geht weiter Verraten von den Ihren, geschlagen und betrogen, wird sie die Frevler entlarven. Und auch, wenn das Warten lange dauert, ist das Versprechen groß, dass die eine namens Jezelia kommt, deren Leben geopfert werden wird für die Hoffnung, eures zu retten. Lia und Rafe konnten aus Venda fliehen, doch verletzt und durchgefroren liegt ein ungewisser Weg vor ihnen. Während sie Rafes Heimat, dem Königreich Dalbreck, Stunde um Stunde näherkommen, spürt Lia, dass sie schon viel zu lang weit weg ist von Morrighan, ihrem Zuhause. Dabei deutet alles darauf hin, dass das Land kurz vor einem Krieg steht. Und obwohl Rafe ihr eine Zukunft als Königin an seiner Seite verspricht, ahnt Lia, dass sie ihrer Bestimmung folgen muss. Sie möchte als Erste Tochter von Morrighan ihrem Volk zur Seite stehen und für ihr Land kämpfen. Aber ist sie bereit, Rafe zu verlassen, um ihrer inneren Stimme zu folgen? Der 3. Band der New York Times-Bestseller-Reihe "Die Chroniken der Verbliebenen". Schmökerspaß für junge Leserinnen, die sich in eine andere Welt träumen möchten

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Seitenzahl:366

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Inhalt

Cover

Über das Buch

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

Gaudrels Vermächtnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3 – Rafe

Kapitel 4

Kapitel 5 – Kaden

Buch des Heiligen Textes von Morrighan

Kapitel 6 – Rafe

Kapitel 7 – Pauline

Kapitel 8

Kapitel 9 – Kaden

Kapitel 10

Kapitel 11 – Rafe

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14 – Kaden

Kapitel 15

Morrighans Verlorene Worte

Kapitel 16 – Rafe

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19 – Pauline

Kapitel 20 – Rafe

Kapitel 21 – Kaden

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24 – Rafe

Vendas Lied

Kapitel 25 – Kaden

Kapitel 26 – Rafe

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29 – Rafe

Kapitel 30

Kapitel 31 – Kaden

Morrighans Verlorene Worte

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34 – Rafe

Kapitel 35 – Kaden

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38 – Kaden

Kapitel 39

Gaudrels Vermächtnis

Kapitel 40 – Rafe

Kapitel 41

Karte

ÜBER DAS BUCH

Lia und Rafe konnten aus Venda fliehen, doch verletzt und durchgefroren liegt ein ungewisser Weg vor ihnen. Während sie Rafes Heimat, dem Königreich Dalbreck, Stunde um Stunde näherkommen, spürt Lia, dass sie schon viel zu lang weit weg ist von Morrighan, ihrem Zuhause. Dabei deutet alles darauf hin, dass das Land kurz vor einem Krieg steht. Und obwohl Rafe ihr eine Zukunft als Königin an seiner Seite verspricht, ahnt Lia, dass sie ihrer Bestimmung folgen muss. Sie möchte als Erste Tochter von Morrighan ihrem Volk zur Seite stehen und für ihr Land kämpfen. Aber ist sie bereit, Rafe zu verlassen, um ihrer inneren Stimme zu folgen?

Der 3. Band der New York Times-Bestseller-Reihe »Die Chroniken der Verbliebenen«.

ÜBER DIE AUTORIN

Mary E. Pearson hat bereits verschiedene Jugendbücher geschrieben. Der Kuss der Lüge, Auftaktband der Chroniken der Verbliebenen, ist der erste ihrer Titel, der auf Deutsch erscheint. In den USA hat sie damit in Bloggerkreisen geradezu einen Hype ausgelöst. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und zwei Hunden in Kalifornien.

MARY E. PEARSON

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Barbara Imgrund

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe:Copyright © 2016 by Mary E. Pearson

Map Copyright © 2016 by Keith Thompson

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Für die deutschsprachige Ausgabe:Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, KölnTextredaktion: Julia Przeplaska, IngolstadtUmschlaggestaltung: Jeannine Schmelzerunter Verwendung von Motiven von © shutterstock: kiuikson | Ana Gram | Skreidzeleu | Cara-Foto | Spectral-DesignE-Book-Produktion: two-up, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-4944-3

www.bastei-entertainment.dewww.lesejury.de

Für Rosemary Stimola,die Träume wahr werden lässt

Gaudrels Vermächtnis

Das Ende der Reise. Das Versprechen. Die Hoffnung.Ein Ort, um zu bleiben.Aber er ist noch nicht in Sicht, und die Nacht ist kalt.

Komm aus der Dunkelheit, Mädchen.Komm heraus, hierher, wo ich dich sehen kann.Ich habe etwas für dich.

Ich halte sie zurück und schüttle den Kopf.Ihr Herz flattert unter meiner Hand.Er verspricht Ruhe. Er verspricht Essen.Und sie ist hungrig und müde.

Komm heraus.

Aber sie kennt seine Hinterlist und bleibt an meiner Seite.Die Dunkelheit ist das Einzige, was uns noch Sicherheit gewährt.

Gaudrels Vermächtnis

Kapitel 1

DIE DUNKELHEIT WAR etwas Schönes. Der Kuss eines Schattens. Eine Liebkosung, so zart wie Mondlicht. Sie war immer mein Schutz gewesen, ob ich nun auf einem von Sternen beleuchteten Dach herumschlich oder mich bei Mitternacht eine Gasse entlangstahl, um meine Brüder zu treffen. Die Dunkelheit ließ mich die Welt vergessen, in der ich lebte, und lockte mich, von einer anderen zu träumen.

Auf der Suche nach ihrem Trost ließ ich mich tiefer fallen. Süßes Gemurmel rührte mich. Nur die Sichel eines goldenen Mondes schien in dem flüssigen Dunkel, schwebend, schaukelnd, immer in Bewegung und immer außerhalb meiner Reichweite. Sein wechselndes Licht erhellte eine Wiese. Ich schöpfte neuen Mut. Ich sah Walther mit Greta tanzen. Gleich hinter ihnen drehte sich Aster zu einer Musik, die ich nicht genau hören konnte, und langes Haar floss ihr dabei über die Schultern. War dies schon das Fest der Befreiung? Aster rief mir zu: Beeilung, Prinzess! Dunkle Farben wirbelten umher; ein Sprühregen aus Sternen wurde violett; die Ränder des Mondes lösten sich am schwarzen Himmel auf wie Zucker in einem Wasserglas; die Dunkelheit wurde undurchdringlich. Warm. Willkommen. Weich.

Wenn nicht dieses Rempeln gewesen wäre.

Das rhythmische Schütteln kehrte wieder und wieder. Es wollte etwas.

Bleib.

Diese Stimme, die nicht loslassen wollte. Kalt und grell und scharf.

Halte dich fest.

Eine breite, harte Brust, eisiger Atem, als meine Augen aufgingen, eine Stimme, die immer wieder die Decke wegzog, Schmerz, der sich so betäubend auf mich stürzte, dass ich keine Luft bekam. Die schreckliche Helligkeit, die aufblitzte, mir in die Augen stach und endlich schwand, als ich nicht mehr konnte.

Wieder Dunkelheit, die mich einlud, doch zu bleiben. Kein Atem. Kein gar nichts.

Als ich auf halbem Weg zwischen der einen und der anderen Welt war, erlebte ich einen Moment der Klarheit.

Dies war Sterben.

*

LIA!

Ich wurde erneut der tröstlichen Dunkelheit entrissen. Die wohlige Wärme wurde unerträglich heiß. Weitere Stimmen waren zu hören. Barsch. Schreiend. Laut. Zu viele Stimmen.

Das Sanctum. Ich war wieder im Sanctum. Soldaten, Statthalter … der Komizar.

Meine Haut brannte, stach wie Feuer, war feucht vor Hitze.

Lia, mach die Augen auf. Sofort.

Befehle.

Sie hatten mich aufgespürt.

»Lia!«

Ich riss die Augen auf. In dem Raum wirbelten Feuer und Schatten, Fleisch und Gesichter. Ich war umzingelt. Ich versuchte zurückzuweichen, doch ein sengender Schmerz raubte mir den Atem. Sterne tanzten vor meinen Augen.

»Lia, beweg dich nicht.«

Und dann ein Durcheinander von Stimmen. Sie ist zu sich gekommen. Haltet sie fest. Lasst sie nicht aufstehen.

Ich zwang einen flachen Atemzug in meine Lungen, und mein Blick wurde scharf. Ich betrachtete die Gesichter, die auf mich herabstarrten. Statthalter Obraun und sein Leibwächter. Es war kein Traum. Sie hatten mich geschnappt. Und dann drehte eine sanfte Hand meinen Kopf zur Seite.

Rafe.

Er kniete neben mir.

Ich sah zurück zu den anderen, und da fiel es mir wieder ein. Statthalter Obraun und seine Leibwächter hatten auf unserer Seite gekämpft. Sie hatten uns bei der Flucht geholfen. Aber warum? Neben ihnen sah ich Jeb und Tavish.

»Statthalter«, flüsterte ich, aber ich war zu schwach, um mehr zu sagen.

»Sven, Eure Hoheit«, sagte er und beugte das Knie. »Bitte nennt mich Sven.«

Der Name klang vertraut. Ich hatte ihn in fieberhaften, verworrenen Momenten gehört. Rafe hatte ihn Sven genannt. Ich blickte mich um und versuchte, mich zu orientieren. Ich lag auf einer Bettrolle auf dem Boden. Schwere Decken, die nach Pferd rochen, lasteten auf mir. Satteldecken.

Ich versuchte, mich auf einen Ellbogen hochzustemmen, aber wieder durchfuhr mich Schmerz. Ich fiel zurück, während der Raum sich drehte.

Wir müssen die Pfeilspitzen herausholen.

Sie ist zu schwach.

Das Fieber verbrennt sie. Sie wird nur noch schwächer werden.

Die Wunden müssen gereinigt und genäht werden.

Ich habe noch nie ein Mädchen genäht.

Fleisch ist Fleisch.

Ich lauschte ihrem Gespräch, und die Erinnerung kam wieder. Malich hatte auf mich geschossen. Einen Pfeil in den Oberschenkel und einen in den Rücken. Das Letzte, woran ich mich erinnerte, war, dass ich am Flussufer lag und Rafe mich auf die Arme nahm, um mich zu tragen. Seine Lippen waren so kühl auf meinen. Wie lange war das her? Und wo waren wir jetzt?

Sie ist stark genug. Mach schon, Tavish.

Rafe nahm mein Gesicht in seine Hände und beugte sich zu mir herunter. »Lia, die Pfeilspitzen stecken tief. Wir werden die Wunden aufschneiden müssen, um sie herauszuholen.«

Ich nickte.

Seine Augen glänzten. »Du darfst dich nicht bewegen. Ich muss dich festhalten.«

»Ist schon in Ordnung«, flüsterte ich. »Ich bin stark. Wie ihr selbst sagt.« Ich konnte selbst hören, dass meine schwache Stimme meine Worte Lügen strafte.

Sven fuhr zurück. »Ich wünschte, ich hätte Branntwein für Euch, Mädchen.« Er reichte Rafe etwas. »Steck ihr das zwischen die Zähne, damit sie draufbeißen kann.«

Ich wusste, warum – ich sollte nicht schreien. War der Feind in der Nähe?

Rafe schob mir eine Lederscheide in den Mund. Kühle Luft strich über mein nacktes Bein, als Tavish die Decke zurückschlug, um meinen Oberschenkel zu entblößen. Ich spürte, dass ich unter der Decke nur wenig anhatte. Ein Hemd, wenn überhaupt. Sie mussten mir das durchweichte Kleid ausgezogen haben.

Tavish murmelte eine Entschuldigung, verschwendete aber weiter keine Zeit. Rafe drückte meine Arme zu Boden, und jemand anders tat dasselbe mit meinen Beinen. Das Messer grub sich in meinen Oberschenkel. Meine Brust zitterte. Ein Stöhnen drang zwischen meinen zusammengebissenen Zähnen hervor. Mein Körper wand sich gegen meinen Willen in Zuckungen, und Rafe musste noch mehr Kraft aufwenden. »Sieh mich an, Lia. Schau nicht weg. Es ist bald vorbei.«

Ich bohrte meinen Blick in das strahlende Blau seiner Augen. Sein Blick brannte wie Feuer. Schweiß perlte auf seiner Stirn. Das Messer suchte sich seinen Weg, und ich blinzelte. Erstickte Schreie entrangen sich meiner Kehle.

Sieh mich an, Lia.

Bohren. Schneiden.

»Ich hab sie!«, rief Tavish endlich.

Ich konnte nur noch keuchen. Jeb wischte mir mit einem kühlen Lappen übers Gesicht.

Gut gemacht, Prinzessin, hörte ich von jemandem, den ich nicht kannte.

Das Nähen war ein Kinderspiel im Vergleich zum Schneiden und Bohren. Ich zählte jeden Stich mit. Es waren vierzehn.

»Und jetzt zu Eurem Rücken«, sagte Tavish. »Das wird ein bisschen schlimmer.«

*

Als ich aufwachte, schlief Rafe neben mir. Sein Arm lag schwer auf meinem Bauch. Ich konnte mich kaum noch daran erinnern, dass sich Tavish an meinem Rücken zu schaffen gemacht hatte; ich wusste nur noch, dass er gesagt hatte, die Pfeilspitze stecke in einer Rippe fest, und das habe mir wahrscheinlich das Leben gerettet. Ich hatte das Schneiden, das Bohren und den Schmerz so grell gespürt, dass mir die Sinne schwanden. Endlich hatte Rafe mir wie aus himmelweiter Entfernung ins Ohr geflüstert: Sie ist draußen.

Nicht weit von mir brannte ein kleines Feuer in einem Steinkreis. Es beleuchtete die Mauer dahinter, aber der Rest unseres Unterschlupfs blieb im Dunkeln. Es war eine Art große Höhle. Ich hörte das Wiehern der Pferde. Sie waren hier drin bei uns. Auf der anderen Seite des Feuerkreises sah ich Jeb, Tavish und Orrin in ihren Bettrollen schlafen, und gleich links neben mir saß Statthalter Obraun gegen die Höhlenwand gelehnt. Nein, nicht Obraun … Sven.

Mit einem Schlag begriff ich: Dies waren Rafes vier Männer. Jene vier, in die ich kein Vertrauen gehabt hatte – Statthalter, Leibwächter, Stallbursche und Floßbauer. Ich wusste nicht, wo wir waren, aber gegen alle Widerstände hatten sie uns irgendwie über den Fluss gebracht. Uns alle. Lebendig. Außer …

Ich bekam Kopfschmerzen, während ich versuchte, meine Gedanken zu sortieren. Für unsere Freiheit hatten andere einen hohen Preis zahlen müssen. Wer war gestorben, und wer hatte das Blutbad überlebt?

Ich versuchte, Rafes Arm von meinem Bauch zu schieben, damit ich mich aufsetzen konnte, aber selbst diese kleine Regung sandte grelle Schmerzblitze in meinen Rücken. Sven beugte sich vor, alarmiert durch meine Bewegung, und flüsterte: »Nicht aufstehen, Eure Hoheit. Es ist noch zu früh.«

Ich nickte und atmete vorsichtig, bis der Schmerz abklang.

»Eure Rippe ist wahrscheinlich durch die Wucht des Pfeils angebrochen, und vielleicht habt Ihr Euch im Fluss noch mehr Knochen gebrochen. Ruht Euch aus.«

»Wo sind wir?«, fragte ich.

»In einem kleinen Versteck, in dem ich vor vielen Jahren untergeschlüpft bin. Ich bin froh, dass ich es überhaupt gefunden habe.«

»Wie lange war ich bewusstlos?«

»Zwei Tage. Es ist ein Wunder, dass Ihr noch lebt.«

Mir fiel ein, dass ich im Fluss versunken war. Ich hatte um mich geschlagen, war hochgespült worden, hatte hastig Luft geholt und war dann wieder nach unten gezogen worden. Meine Hände griffen nach Felsen, Baumstämmen, doch alles entglitt mir, und dann war da die verschwommene Erinnerung an Rafe, der sich über mich beugte. Ich wandte den Kopf nach Sven um. »Rafe hat mich am Ufer gefunden.«

»Er hat Euch fast zwölf Meilen getragen, bevor wir ihn gefunden haben. Das ist der erste Schlaf, den er seitdem bekommt.«

Ich sah zu Rafe, dessen Gesicht abgezehrt und lädiert war. Er hatte eine Platzwunde über der linken Augenbraue. Der Fluss hatte auch von ihm seinen Tribut gefordert. Sven erzählte, dass er, Jeb, Orrin und Tavish das Floß zum geplanten Landeplatz navigiert hatten. Sie hatten ihre eigenen und ein halbes Dutzend vendische Pferde, die sie in einem Scharmützel erbeutet hatten, auf einer behelfsmäßigen Koppel zurückgelassen, doch viele waren entlaufen. Sie trieben die zusammen, derer sie noch habhaft werden konnten, holten die Vorräte und Sättel, die sie in der Nähe in einer Hausruine versteckt hatten, ritten zurück und suchten das Ufer und den Wald nach uns ab. Endlich entdeckten sie Spuren und folgten ihnen. Als sie uns gefunden hatten, waren sie die ganze Nacht zu diesem Unterschlupf geritten.

»Wenn ihr in der Lage wart, unsere Spuren zu finden, dann …«

»Keine Sorge, Eure Hoheit. Hört.« Er legte den Kopf auf die Seite.

Heftiges Heulen fuhr durch die Höhle.

»Ein Schneesturm«, sagte er. »Es gibt keine Spuren mehr, denen man folgen könnte.«

Ich war mir nicht sicher, ob der Sturm Segen oder Fluch war – er würde auch uns am Fortkommen hindern. Ich musste daran denken, was meine Tante Bernette mir und meinen Brüdern über die großen eisigen Stürme ihrer Heimat erzählt hatte. Sie hüllten Himmel und Erde in Weiß und türmten so viel Schnee auf, dass sie und ihre Schwestern nur nach draußen kamen, wenn sie aus dem ersten Stock der Festung kletterten. Hunde mit Schwimmhäuten an den Pfoten zogen Schlitten über den Schnee.

»Aber sie werden trotzdem die Verfolgung aufnehmen«, erwiderte ich. »Irgendwann.«

Er nickte.

Ich hatte den Komizar umgebracht. Griz hatte vor den Clans – Vendas Rückgrat – meine Hand zum Himmel erhoben. Er hatte mich im selben Atemzug zur Königin und zur Komizarin erklärt. Die Clans hatten gejubelt. Nur wenn er meine Leiche präsentierte, würde nun ein Nachfolger die Herrschaft für sich beanspruchen können. Ich konnte mir gut vorstellen, dass Malich dieser Nachfolger werden wollte. Ich versuchte, nicht darüber nachzudenken, was mit Kaden passiert war. Ich konnte es meinem Geist nicht erlauben, dorthin abzudriften, doch das Gesicht, das Kaden zuletzt gemacht hatte und in dem sich der Schmerz und der Treuebruch widerspiegelten, tauchte immer wieder vor mir auf. Hatte Malich ihn niedergestreckt? Oder einer seiner Landsleute? Er hatte gegen sie und für mich gekämpft. Am Ende hatte er sich für mich entschieden, nicht für den Komizar. War der Anblick eines toten Kindes im Schnee das Zünglein an der Waage gewesen? Bei mir schon.

Ich hatte den Komizar umgebracht. Es war leicht gewesen. Kein Zögern, keine Gewissensbisse. Würde meine Mutter mich für wenig besser als ein Tier halten? Ich hatte nichts gefühlt, als ich mit dem Messer zugestoßen hatte. Nichts, als ich erneut zugestoßen hatte, nur den leichten Widerstand von Fleisch und Eingeweiden. Nichts, als ich danach drei weitere Vendaner getötet hatte. Oder waren es fünf gewesen? Ihre erschrockenen Gesichter verschmolzen in distanzierter Verschwommenheit miteinander.

Aber nichts davon war rechtzeitig geschehen, um Aster zu retten.

Nun war es ihr Gesicht, das vor meinem inneren Auge erschien – ein Bild, das ich nicht ertragen konnte.

Sven hielt mir eine Tasse mit Brühe an die Lippen und sagte, ich müsse mich stärken, aber ich spürte schon wieder, wie die Dunkelheit nahte. Dankbar ließ ich mich von ihr überwältigen.

Kapitel 2

ALS ICH ERWACHTE, hatte sich Stille ausgebreitet. Das Heulen des Sturms war verstummt.

Meine Stirn war verschwitzt, einzelne Haarsträhnen klebten daran. Ich hoffte, dies war ein Zeichen dafür, dass das Fieber sank. Dann hörte ich angestrengtes Flüstern. Ich öffnete die Augen ein wenig und spähte zwischen den Wimpern hindurch. Ein weiches Licht durchdrang die Höhle, und ich sah sie dicht beieinanderkauern. Welche Geheimnisse besprachen sie da?

Tavish schüttelte den Kopf. »Der Sturm ist vorbei, sie werden schon aufgebrochen sein. Wir müssen weiter.«

»Sie ist zu schwach zum Reiten«, hielt Rafe leise dagegen. »Außerdem ist die Brücke beschädigt. Sie kommen nicht hinüber. Wir haben noch Zeit.«

»Sicher«, sagte Sven, »aber sie werden die Überquerung am unteren Flusslauf wagen.«

»Dorthin haben wir vom Sanctum aus eine gute Woche gebraucht«, meinte Jeb.

Rafe nahm einen Schluck aus einer dampfenden Tasse. »Und mit dem Schnee wird es jetzt doppelt so lange dauern.«

»Weshalb auch wir langsamer sein werden«, wandte Tavish ein.

Orrin wippte auf den Hacken vor und zurück. »Hängt mich auf, aber sie werden wahrscheinlich glauben, dass wir alle tot sind. Ich würde es tun. Niemand hat es je über diesen Teufelsfluss geschafft.«

Rafe rieb sich den Nacken, dann schüttelte er den Kopf. »Wir schon. Und wenn sie flussabwärts keine einzige Leiche im Wasser treiben sehen, werden sie Bescheid wissen.«

»Aber selbst wenn sie hinüberkommen, werden sie keine Ahnung haben, wo wir sind«, erwiderte Jeb. »Wir hätten überall an Land gehen können. Das sind Hunderte Meilen, die sie absuchen müssen, und das ganz ohne Spuren, denen sie folgen könnten.«

»Noch ohne Spuren«, gab Tavish zu bedenken.

Sven wandte sich um und ging zum Feuer hinüber. Ich schloss die Augen und hörte, wie er etwas aus dem Kessel in seine Blechtasse goss; dann spürte ich, dass er vor mir stand. Wusste er, dass ich wach war? Ich hielt die Augen geschlossen, bis ich hörte, dass er zu den anderen zurückkehrte.

Sie setzten ihre Besprechung fort; Rafe war dafür abzuwarten, bis ich wieder bei Kräften war. Setzte er sich und die anderen wegen mir einer Gefahr aus?

Ich machte Geräusche, als würde ich eben erst aufwachen. »Guten Morgen. Rafe, kannst du mir aufhelfen?« Alle drehten sich um und fassten mich erwartungsvoll ins Auge.

Rafe kam herüber und kniete sich neben mich. Er legte seine Hand auf meine Stirn. »Du bist immer noch ganz heiß. Es ist zu früh …«

»Mir geht’s schon besser. Ich wollte nur …« Er drückte meine Schultern nach unten und gab nicht nach.

»Ich muss mal, Rafe«, sagte ich etwas schärfer. Das ließ ihn innehalten. Er sah verlegen über die Schulter zu den anderen zurück. Sven zuckte die Achseln, als wüsste er nicht, was er ihm raten sollte.

»Ich will gar nicht daran denken, wie entwürdigend die letzten Tage in dieser Hinsicht gewesen sein müssen«, fügte ich hinzu. »Aber jetzt bin ich wach und will das selbst erledigen. Alleine.«

Rafe nickte und half mir vorsichtig auf. Ich gab mir alle Mühe, das Gesicht nicht zu verziehen. Es ging langsam, ungelenk und schmerzvoll vonstatten, auf die Füße zu kommen. Als ich meinen genähten Oberschenkel auch nur ein wenig belastete, fuhren brennende Stöße durch mein Bein bis hinauf in die Leistengegend. Ich stützte mich schwer auf Rafe. Mir schwirrte der Kopf vor Schwindel, und ich spürte Schweiß auf meiner Oberlippe perlen; aber ich wusste, dass alle zusahen, und nahm meine Kräfte zusammen. Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Schon besser.« Die Decke hielt ich anstandshalber fest um mich gewickelt, denn ich trug nichts als meine Unterwäsche am Leib.

»Dein Kleid ist trocken«, sagte Rafe. »Ich kann dir helfen, es wieder anzuziehen.«

Ich starrte auf das Hochzeitskleid, das über einen Felsbrocken gebreitet war und in dem die Rottöne vieler verschiedener Stoffe miteinander verschmolzen. Sein Gewicht hatte mich im Fluss nach unten gezogen und fast umgebracht. Alles, was ich sehen konnte, als ich es anschaute, war der Komizar. Ich fühlte, wie seine Hände über meine Arme nach unten glitten und er damit noch einmal Ansprüche auf mich als sein Eigentum anmeldete.

Ich wusste, dass sie meine Abneigung spürten, es wieder anzuziehen, aber es war nichts anderes da. Wir waren alle nur knapp dem Tod entronnen, mit nicht viel mehr als unseren Kleidern am Leib.

»Ich habe eine Ersatzhose in meiner Satteltasche«, sagte Jeb.

Orrin blickte ihn ungläubig an. »Eine Ersatzhose?«

Sven verdrehte die Augen. »War ja klar.«

»Wir können den unteren Teil des Kleids abschneiden, dann kann der Rest als Hemd herhalten«, schlug Tavish vor.

Sie wirkten auf einmal sehr beflissen, sich mit etwas zu beschäftigen, das sie von meinem dringenden Bedürfnis ablenkte, und machten Anstalten, sich zu entfernen.

»Wartet«, sagte ich, und sie blieben stehen. »Danke euch allen. Rafe hatte mir schon erzählt, dass ihr die besten Soldaten Dalbrecks seid. Jetzt weiß ich, dass er nicht übertrieben hat.« Ich sah zu Sven. »Und es tut mir leid, dass ich gedroht habe, dein Gesicht den Schweinen zum Fraß vorzuwerfen.«

Sven lächelte. »Vergeben und vergessen, Eure Hoheit«, sagte er und verbeugte sich.

*

Ich saß an Rafes Brust gelehnt zwischen seinen Beinen. Er hatte die Arme um mich gelegt, und eine Decke bedeckte uns beide. Wir kauerten am Eingang der Höhle, blickten auf die Bergkette gegenüber und beobachteten, wie die Sonne hinter den Gipfeln unterging. Es war kein schöner Sonnenuntergang. Der Himmel war dunstig und grau, und ein düsterer Wolkenschleier hing über den Bergen – aber dennoch: Dies war die Richtung, in der zu Hause lag.

Ich war schwächer, als ich gedacht hatte, und nach den paar Schritten in einen benachbarten Höhlengang zur Verrichtung meiner Notdurft war ich gegen die Wand gesunken und hatte mich abstützen müssen. Ich erledigte, was zu erledigen war, und rief Rafe, um mir beim Rückweg zu helfen. Er hatte mich hochgehoben, als würde ich überhaupt nichts wiegen, und hatte mich hierhergetragen, da ich darum gebeten hatte, einen Blick nach draußen werfen zu dürfen, um zu sehen, wo wir waren. So weit das Auge reichte, hatte sich ein weißes Tuch über die Landschaft gebreitet und sie in einer einzigen Schneenacht vollkommen verwandelt.

Ich hatte einen Kloß im Hals, als der letzte Fetzen Helligkeit geschwunden war. Nun hatte ich nichts mehr, worauf ich meinen Blick richten konnte, und andere Bilder tauchten vor meinen Augen auf. Ich sah mein eigenes Gesicht. Wie war es möglich, dass ich meine eigene erschrockene Miene sehen konnte? Aber es war so, als würde ich von einer erhöhten Warte aus herunterschauen, vielleicht von der eines Gottes, der hätte einschreiten können. Ich spulte noch einmal jeden einzelnen Schritt in meinem Kopf ab und versuchte herauszufinden, was ich hätte tun können – oder hätte anders tun müssen.

»Es war nicht deine Schuld, Lia«, sagte Rafe, als könnte er Aster in meinen Gedanken sehen. »Sven stand oberhalb auf einem Wehrgang und hat gesehen, was passiert ist. Es gab nichts, was du hättest tun können.«

Etwas krampfte sich in meiner Brust zusammen, und ich unterdrückte ein Schluchzen in meiner Kehle. Ich hatte noch nicht Gelegenheit gehabt, ihren Tod zu betrauern. Ich hatte nur ein paar ungläubige Tränen vergossen, bevor ich den Komizar mit dem Messer durchbohrt hatte und alles außer Kontrolle geraten war.

Rafes Finger verschränkten sich unter der Decke mit meinen. »Willst du darüber reden?«, flüsterte er an meiner Wange.

Ich wusste nicht, wie das gehen sollte. Zu viele widersprüchliche Gefühle tobten in mir: Gewissensbisse, Zorn und sogar Erleichterung; die totale Erleichterung darüber, dass ich noch am Leben war, dass Rafe und seine Männer noch am Leben waren, dass ich hier in Rafes Armen lag. Über eine zweite Chance. Über das gute Ende, das Rafe mir versprochen hatte. Aber im nächsten Atemzug schlug eine Woge von Schuldgefühlen über mir zusammen. Wie konnte ich erleichtert sein, wenn Aster tot war?

Dann kochte wieder der Zorn auf den Komizar hoch. Er ist tot. Ich habe ihn umgebracht. Und ich wünschte mir mit jedem Schlag meines Herzens, dass ich ihn noch einmal umbringen könnte.

»In meinem Kopf geht es drunter und drüber, Rafe«, entgegnete ich schließlich. »Ich fühle mich wie ein Vogel, der in den Dachsparren gefangen ist. Es gibt keine Möglichkeit zu entkommen, kein Fenster zum Hinausfliegen. Keine Möglichkeit, das in meinem Kopf zu sortieren. Was, wenn ich …«

»Was hättest du denn tun sollen? In Venda bleiben? Den Komizar heiraten? Seine Marionette werden? Aster seine Lügen auftischen, bis sie so verdorben gewesen wäre wie die anderen? Wenn du überhaupt so lange gelebt hättest. Aster hat im Sanctum gearbeitet. Ihr Leben war schon immer in Gefahr; schon lange bevor du nach Venda kamst.«

Mir fiel ein, was Aster gesagt hatte: Nichts ist hier sicher. Deshalb kannte sie all die geheimen Tunnel so gut. So fand sie immer eine Möglichkeit, rasch auszuweichen. Nur diesmal nicht, weil sie sich um mich gekümmert hatte und nicht um sich selbst.

Verdammt, ich hätte es wissen müssen!

Ich hätte es wissen müssen, dass sie nicht auf mich hören würde. Ich hatte gesagt, sie solle heimgehen, aber das fruchtete nicht. Aster sehnte sich danach, ein Teil von etwas zu sein. Sie wollte so dringend gefallen. Sie wollte immer helfen – sei es, indem sie mir stolz meine polierten Stiefel präsentierte, sich bückte, um ein ausgemustertes Buch in den Höhlen aufzuheben, mich durch die Tunnel führte oder mein Messer im Nachttopf versteckte. Ich kann laut pfeifen. Es war ihr Wunsch gewesen, bei mir zu bleiben. Aster war erpicht auf jede erdenkliche …

Chance.

Sie hatte nur eine Chance gewollt. Einen Weg hinaus, eine größere Geschichte als jene, welche für sie geschrieben worden war, genau wie es auch bei mir gewesen war. Sagt meinem Bapa, dass ich es versucht habe, Prinzess. Eine Chance, ihr eigenes Schicksal in die Hände zu nehmen. Aber ihr war die Flucht nicht vergönnt gewesen.

»Sie hat mir den Schlüssel gebracht, Rafe. Sie hat sich in die Unterkunft des Komizars geschlichen und hat ihn geholt. Wenn ich sie nicht darum gebeten hätte …«

»Lia, du bist nicht die Einzige, die ihre Entscheidungen infrage stellt. Ich bin meilenweit mit dir auf den Armen gelaufen, und du warst mehr tot als lebendig. Und bei jedem Schritt habe ich gegrübelt, was ich hätte anders machen können. Ich habe mich hundertmal gefragt, warum ich deine Nachricht damals nach unserer Verlobung ignoriert habe. Alles hätte ganz anders kommen können, wenn ich mir nur zwei Minuten Zeit genommen und dir geantwortet hätte. Ich musste mich am Ende zwingen, nicht mehr daran zu denken. Wenn wir zu viel Zeit auf die Vergangenheit verschwenden, führt das nirgendwohin.«

Ich lehnte den Kopf zurück an seine Brust. »Da bin ich gerade, Rafe. Im Nirgendwo.«

Er strich mir sanft übers Kinn. »Lia, wenn wir eine Schlacht verlieren, müssen wir uns wieder sammeln und erneut angreifen. Eine andere Strategie wählen, wenn es geht. Aber wenn wir über jede unserer Handlungen nachgrübeln, lähmt uns das, und bald werden wir vollkommen handlungsunfähig sein.«

»Das klingt wie die Rede eines Soldaten«, sagte ich.

»Das ist es auch. Das ist es, was ich bin, Lia. Ein Soldat.«

Und ein Prinz. Einer, den der Rat inzwischen bestimmt ebenso suchte wie die Prinzessin, die den Komizar erstochen hatte.

Ich konnte nur hoffen, dass das Blutbad die Schlimmsten aus diesem Pack das Leben gekostet hatte. Dass es die Beste nicht verschont hatte, wusste ich bereits.

Kapitel 3 – Rafe

Rafe

ICH KÜSSTE SIE und legte sie vorsichtig auf das Bett aus Decken. Sie war in meinen Armen eingeschlafen, mitten im Satz, in dem sie darauf bestand, auf ihren eigenen Beinen in die Höhle zurückzukehren. Ich deckte sie zu und ging nach draußen, wo Orrin gerade das Abendessen über dem Feuer zubereitete.

Nähre den Zorn, Lia, hatte ich zu ihr gesagt. Nutze ihn. Denn ich wusste, dass die Schuldgefühle sie sonst umbringen würden, und wie sollte ich es ertragen, wenn sie noch mehr leiden musste, als sie es ohnehin schon tat?

Orrin hatte die Feuerstelle unter einem Felsüberhang eingerichtet, damit der Rauch nicht so auffiel. Nur für den Fall … Aber es herrschte dichter grauer Nebel. Selbst wenn in der Nähe jemand den Horizont absuchte, wäre der Rauch unmöglich auszumachen gewesen. Die anderen wärmten sich am Feuer, während Orrin den Spieß drehte.

»Wie geht’s ihr?«, fragte Sven.

»Sie ist schwach und hat Schmerzen.«

»Aber sie hat sich ganz schön bemüht, es zu vertuschen«, sagte Tavish.

Keiner von ihnen hatte sich von ihrem Lächeln täuschen lassen, ich am allerwenigsten. Jeder Teil meines eigenen Körpers war zerschlagen und zerschrammt von diesem Höllenfluss. Ich hatte angeknackste Fingerknöchel und Muskelkater – und dabei war ich nicht auch noch von zwei Pfeilen getroffen worden. Sie hatte viel Blut verloren. Kein Wunder, dass ihr schwindelig geworden war, als sie aufstand.

Orrin wies mit dem Kopf auf den gebratenen Dachs, der schon eine dunkelgoldene Färbung annahm. »Der wird ihr schon wieder auf die Beine helfen.«

»Sie hat nicht nur körperliche Schmerzen«, unterbrach ich ihn. »Asters Tod lastet auf ihr. Sie stellt alles infrage, was sie getan hat.«

Sven rieb sich die Hände über dem Feuer. »Das macht ein guter Soldat eben. Er analysiert, was er getan hat, und …«

»Ich weiß, Sven, ich weiß«, blaffte ich. »Und er sammelt sich und greift wieder an. Das hast du mir tausendmal eingebläut. Aber sie ist kein Soldat.«

Sven steckte die Hände wieder in die Taschen. Die anderen beobachteten mich aufmerksam.

»Kein Soldat wie wir vielleicht«, erwiderte Jeb. »Aber trotzdem ein Soldat.«

Ich warf ihm einen eisigen Blick zu. Ich wollte nichts davon hören. Ich war es leid, dass sie ständig Gefahren ausgesetzt war, und wollte ihr nicht noch mehr zumuten. »Ich sehe mal nach den Pferden«, sagte ich und ging.

»Gute Idee«, rief Sven mir nach.

Sie wussten, dass es nicht nötig war, nach den Pferden zu sehen. Wir hatten ein Gehölz gefunden, an dessen Ästen sie fressen konnten, und hatten sie dort sicher angebunden.

Aber trotzdem ein Soldat.

Auf meinem Zwölf-Meilen-Marsch hatte ich mich mit viel mehr beschäftigen müssen als nur mit meinem Versäumnis, dass ich damals ihre Nachricht nicht beantwortet hatte. Ich sah Griz wieder und wieder ihre Hand heben und sie zur Königin und Komizarin ausrufen. Ich sah den Schrecken in ihrem Gesicht und erinnerte mich daran, dass ich zornig geworden war. Die vendischen Barbaren versuchten, sich noch mehr an ihr festzukrallen, dabei hatten sie doch schon genug Schaden angerichtet.

Sie war nicht ihre Königin und Komizarin, und sie war auch keine Soldatin.

Je eher ich sie sicher nach Dalbreck bringen konnte, desto besser.

Kapitel 4

EINER NACH DEM ANDEREN sanken sie auf ein Knie und stellten sich mir formell vor. Obwohl sie mich bereits halbnackt gesehen und mich festgehalten hatten, während ich genäht wurde, dachten sie jetzt wohl zum ersten Mal, dass ich vielleicht doch lange genug leben könnte, um mich daran zu erinnern.

Oberst Sven Haverstrom von der Königlichen Garde von Dalbreck, persönlicher Erzieher von Kronprinz Jaxon. Die anderen lachten über diesen Titel. Sie machten sich lustig darüber, obwohl er ranghöher war, aber Sven blieb ihnen nichts schuldig und bot ihnen Paroli.

Offizier Jeb McCance, Sondertruppe Falworth.

Offizier Tavish Baird, Taktiker, Viertes Bataillon.

Offizier Orrin del Aransas, Erster Stoßtrupp der Bogenschützen.

Ich biss mir nachdenklich auf die Lippen und zog die Augenbrauen hoch. »Und ich kann mich darauf verlassen, dass das diesmal eure richtigen Namen und Ränge sind?«

Sie sahen mich einen Moment lang unsicher an, dann lachten sie, weil sie begriffen, dass ich sie nur auf den Arm genommen hatte.

»Ja«, meinte Sven, »aber ich würde dem Burschen nicht trauen, auf den Ihr Euch gerade stützt. Der behauptet doch glatt, er sei ein Prinz, obwohl er nicht mehr als ein …«

»Das reicht«, entgegnete Rafe. »Behelligen wir die Prinzessin nicht weiter mit deinem hirnlosen Geplapper.«

Ich lächelte, denn ihre ungezwungene Art gefiel mir; aber ich spürte auch ein gewisses Unbehagen dahinter, das Bemühen, unsere Zwangslage zu überspielen.

»Das Essen ist fertig«, verkündete Orrin.

Rafe half mir, mich aufzusetzen und gegen eine behelfsmäßige Rückenlehne aus Sätteln und Decken zu lehnen. Dabei winkelte ich das verletzte Bein an, und ein feuriger Blitz schoss hindurch, als würde ich erneut von einem Pfeil durchbohrt. Ich verbiss mir ein Stöhnen.

»Wie geht’s deinem Rücken und dem Bein?«, fragte Tavish.

»Besser«, antwortete ich, als ich wieder zu Atem gekommen war. »Ich schätze, ab jetzt sollte auch ›Feldarzt‹ auf der Liste deiner Ämter stehen.«

Orrin beobachtete mich beim Essen, als würde jeder meiner Bissen Auskunft über seine Kochkünste geben. Außer gebratenem Fleisch hatte er auch eine Suppe aus dem Wildbret und ein paar Steckrüben zubereitet. Offenbar war Jeb nicht der Einzige, der ein paar Kostbarkeiten in seiner Satteltasche gehortet hatte. Das Gespräch drehte sich ums Essen und um Wild, das sie entdeckt hatten und das für künftige Mahlzeiten herhalten würde – Hirsche, Beutelratten und Biber. Verträgliche Themen und nicht vergleichbar mit der verschwörerischen Unterhaltung, die sie heute Morgen vor mir zu verbergen versucht hatten.

Ich beendete meine Mahlzeit und lenkte das Gespräch auf ein drängenderes Thema. »Es sieht also so aus, als hätten wir eine Woche Vorsprung«, sagte ich.

Sie hörten auf zu kauen und wechselten Blicke untereinander, um sich rasch darüber zu verständigen, ob ich sie heute Morgen belauscht haben konnte.

Rafe wischte sich mit dem Handrücken über den Mundwinkel. »Zwei Wochen Vorsprung dank des heftigen Schneefalls.«

Sven räusperte sich. »Das stimmt. Zwei Wochen, Eure …«

»Lia«, sagte ich. »Bitte keine Formalitäten mehr. Darüber sind wir längst hinaus, oder?«

Sie sahen alle fragend zu Rafe, und er nickte. Fast hatte ich vergessen, dass er ihr Monarch war. Ihr Prinz. Er stand über ihnen allen, auch über Sven.

Sven nickte gleichfalls. »Also gut. Lia.«

»Mindestens zwei Wochen«, ergänzte Orrin. »Was auch immer Rafe mit dem Brückengetriebe angestellt hat – es hat gewirkt.«

»Dank Lia«, sagte Rafe.

Sie sahen mich überrascht an; vielleicht fragten sie sich, ob ich irgendeine Art morrighesischen Zauber angewandt hatte. Ich erzählte ihnen von den Gelehrten in den Höhlen unter dem Sanctum, die die Geheimnisse der Altvorderen entschlüsselten und die die machtvolle Flüssigkeit entwickelt hatten, die ich Rafe gegeben hatte. Ich berichtete auch von der geheimen Armee des Komizars und von allem anderen, was ich mit eigenen Augen gesehen hatte – darunter die heranstürmenden Brezalotpferde mit der Ladung auf ihrem Rücken, die wie ein Feuerwerk explodierte. »Der Komizar plante, zuerst gegen Morrighan zu marschieren und dann gegen die übrigen Königreiche. Er wollte sie alle.«

Sven zuckte die Achseln und wollte meine Geschichte nicht so recht glauben; er sagte, der Komizar habe bei der Stärke der Armee übertrieben, die die Statthalter und ihre Provinzen finanzierten. »Mindestens die Hälfte der Statthalter war skeptisch. Sie meinten, er würde bei den Zahlen und den Fähigkeiten der Armee betrügen, um höhere Abgaben von ihnen verlangen zu können.«

»Hast du die Zeltstadt gesehen?«, fragte ich. »Er hat nicht übertrieben.«

»Nein, ich nicht. Aber die anderen Statthalter, die sie gesehen haben, waren nicht überzeugt.«

»Sie wollten wahrscheinlich nur, dass er ihren eigenen Anteil nicht zu hoch ansetzte. Ich weiß, was ich gesehen habe. Zweifellos hätte Venda mit der Armee und den Waffen, die er ausgehoben hat, ganz leicht Morrighan vernichten können – und Dalbreck gleich dazu.«

Orrin schnaubte. »Niemand kann die Armee von Dalbreck schlagen.«

Ich sah ihn an. »Und doch hat Morrighan das so viele Male in unserer schwierigen Vergangenheit getan. Oder lernt ihr in Dalbreck nichts über Geschichte?«

Orrin warf mir einen verlegenen Blick zu, dann heftete er ihn auf die Suppe in seinen Händen.

»Das ist schon lange her, Lia«, sagte Rafe. »Lange vor der Herrschaft meines Vaters – und deines Vaters. Viel hat sich seither verändert.«

Seine geringe Meinung über die Regentschaft meines Vaters entging mir nicht, und seltsamerweise entzündete sie einen Funken der Abwehr in mir. Aber es stimmte. Ich hatte keine Ahnung, wie es inzwischen um die Armee von Dalbreck stand, aber in den letzten Jahren war die morrighesische Armee zusammengeschrumpft. Nun fragte ich mich, ob dies das Werk des Kanzlers war – um uns zu einem leichteren Ziel zu machen. Ich wusste nur nicht, ob er als Schatzmeister allein, ohne die Hilfe des Königlichen Gelehrten, so etwas in die Wege leiten konnte. War es möglich, dass weitere Ratsmitglieder mit ihm unter einer Decke steckten?

Rafe legte mir die Hand aufs Knie; vielleicht war ihm klar geworden, wie schroff seine Bemerkung geklungen hatte. »Es spielt keine Rolle«, beschwichtigte er. »Wenn so eine Armee existiert, wird sie ohne den Ehrgeiz des Komizars auseinanderfallen. Malich hat nicht genug Hirn, um eine Armee zu führen, und noch viel weniger, um sich der Treue des Rats zu versichern. Vielleicht ist er sogar schon tot.«

Die Vorstellung, wie Malichs arroganter Kopf über den Boden des Sanctums rollte, wärmte mein Herz – ich bedauerte nur, dass ich nicht diejenige gewesen war, die ihn abgeschlagen hatte. Aber wer sonst konnte in die großen Fußstapfen des Komizars treten? Was war mit Chievdar Tyrick? Statthalter Yanos? Oder vielleicht Trahern von den Rahtan? Sie waren zweifelsohne die gemeinsten und ehrgeizigsten der übrig gebliebenen Ratsmitglieder; dennoch war ich mir sicher, dass niemand die Gerissenheit besaß, sich der Treue des gesamten Rats zu versichern – viel weniger noch die hochtrabenden Bestrebungen des Komizars durchzusetzen. Aber konnten sich die anderen Königreiche solche Vermutungen leisten, wenn doch so viel auf dem Spiel stand? Morrighan musste vor der möglichen Bedrohung gewarnt werden, um vorbereitet zu sein.

»Leicht zwei Wochen«, sagte Jeb, der es vorzog, zum angenehmeren Thema unseres zeitlichen Vorsprungs zurückzukehren. Er riss einen weiteren Bissen von dem Dachsfleisch ab. »Im Sanctum herrschte heilloses Chaos bei unserer Flucht, und wenn es Machtkämpfe gibt, werden sie vielleicht nicht sofort zum unteren Flusslauf aufbrechen.«

»Doch, das werden sie.« Sven heftete seinen kühlen grauen Blick auf Rafe. »Die Frage ist nicht, wie bald, sondern wie viele werden sie uns nachschicken? Sie werden nicht nur hinter ihr her sein. Auch du bist eine Trophäe, die man sich nicht entgehen lassen will. Der Kronprinz von Dalbreck hat sich nicht nur mit etwas Wertvollem davongestohlen – zweifelsohne hat er mit seiner Täuschung auch ihren Stolz verletzt.«

»Es war der Stolz des Komizars«, berichtigte Rafe. »Und der ist tot.«

»Vielleicht.«

Ich sah ungläubig zu Sven, und mein Herz fühlte sich plötzlich an wie ein kalter Knoten. »Da gibt es kein Vielleicht. Ich habe zweimal zugestoßen und die Klinge gedreht. Seine Eingeweide waren nur noch Fetzen.«

»Hast du ihn sterben gesehen?«, fragte Sven.

Gesehen?

Ich ließ mir Zeit, um eine überlegte Antwort zu geben. »Er lag auf dem Boden und tat seine letzten Atemzüge«, sagte ich. »Wenn er nicht verblutet ist, hat ihn das Gift erledigt, mit dem die Klinge getränkt war. Es ist eine schmerzhafte Art zu sterben. Manchmal langwierig, aber wirksam.«

Sie wechselten wachsame Blicke.

»Nein, ich habe noch nie jemandem ein Messer in den Bauch gerammt«, fuhr ich fort. »Aber ich habe drei Brüder, die Soldaten sind, und sie haben vor mir mit nichts hinterm Berg gehalten. Unmöglich kann der Komizar diese Verletzung überlebt haben.«

Sven nahm einen langen Schluck aus seinem Becher. »Du hast einen Pfeil in den Rücken bekommen und bist in einen eiskalten, reißenden Fluss gefallen. Nicht die beste Ausgangslage, um zu überleben, und trotzdem bist du noch da. Als wir die Terrasse verlassen haben … war der Komizar weg.«

»Das hat gar nichts zu bedeuten«, entgegnete ich, während ich selbst hörte, wie Panik in meine Stimme stieg. »Ulrix oder eine Wache könnte seine Leiche weggetragen haben. Er ist tot.«

Rafe stellte seine Tasse ab, wobei der Löffel gegen den Rand schepperte. »Sie hat recht, Sven. Ich habe selbst gesehen, wie Ulrix ihn durch die Pforte geschleift hat. Ich erkenne eine Leiche, wenn ich eine sehe. Keine Frage, der Komizar ist tot.«

Ein Moment angespannten Schweigens trat ein. Dann fügte Sven sich wortlos und senkte zustimmend das Kinn.

Mir war nicht klar, dass ich mich vorgebeugt hatte; nun lehnte ich mich, schwach vor Erschöpfung und mit schweißnassem Rücken, gegen den Haufen aus Decken zurück, den Rafe für mich aufgetürmt hatte.

Rafe legte mir die Hand auf die Stirn. »Du hast wieder Fieber.«

»Das ist nur vom Feuer und von der heißen Suppe«, erwiderte ich.

»Was auch immer es ist, du brauchst jetzt Ruhe.«

Ich protestierte nicht. Ich dankte Orrin für das Essen, und Rafe stützte mich auf dem Weg zu meiner Bettrolle. Die paar Schritte kosteten mich den letzten Rest Kraft, und ich konnte die Augen kaum noch offen halten, während Rafe mir in die Bettrolle half. So viel hatte ich seit Tagen nicht mehr geredet und getan.

Er beugte sich über mich, strich mir die feuchten Strähnen aus dem Gesicht und drückte mir einen Kuss auf die Stirn. Er wollte schon aufstehen, aber ich hinderte ihn daran, weil mir die Frage einfiel, was er wohl noch gesehen hatte.

»Bist du sicher, dass er tot war?«

Er nickte. »Ja. Mach dir keine Sorgen. Du hast ihn getötet, Lia. Ruh dich jetzt aus.«

»Was ist mit den anderen, Rafe? Glaubst du, dass sie überlebt haben? Statthalter Faiwell, Griz, Kaden?«

Er biss die Zähne zusammen, als Kadens Name fiel, und antwortete nicht gleich. »Nein«, sagte er schließlich. »Ich glaube nicht, dass sie es geschafft haben. Du hast gesehen, dass es plötzlich vor Soldaten wimmelte, als wir weggelaufen sind. Es gab kein Entkommen mehr für Kaden und die anderen. Malich war ja auch da. Als ich Kaden das letzte Mal gesehen habe, hat er mit ihm gekämpft. Da Malich es bis zum Fluss hinunter geschafft hat, kannst du dir selbst ausrechnen, was mit Kaden passiert ist.«

Der Schmerz über das, was er nicht aussprach, wuchs in mir – Kaden stellte kein Hindernis mehr für Malich dar.

»Er hat bekommen, was er verdient hat«, sagte Rafe ruhig.

»Aber er hat uns den Rücken freigehalten, damit wir fliehen konnten.«

»Nein. Er hat dir den Rücken freigehalten, um dein Leben zu retten, und dafür bin ich ihm dankbar. Aber er wollte dir nicht zur Flucht verhelfen. Er hatte ja keine Ahnung, dass wir einen Fluchtweg gefunden hatten.«

Ich wusste, dass er recht hatte. Aus ganz eigenen Gründen wollten sowohl Kaden als auch Griz, dass ich in Venda blieb. Mir zur Flucht zu verhelfen, war jedenfalls nicht der Grund gewesen, warum sie das Schwert gegen ihre Waffenbrüder erhoben hatten.

»Er war einer von ihnen, Lia. Er ist so gestorben, wie er gelebt hat.«

Ich schloss die Augen; die Erschöpfung ließ meine Lider bleischwer werden, sodass es mir schwerfiel, sie offen zu halten. Meine Lippen waren ganz heiß, und mein Gemurmel brannte darauf. »Das ist die Ironie daran. Er war nicht einer von ihnen, er war Morrighese. Von edler Herkunft. Er wandte sich Venda nur zu, weil seine eigenen Leute ihn verraten haben. Genau wie ich es getan habe.«

»Was hast du gesagt?«

Genau wie iches getan habe.

Ich hörte Rafe weggehen, und dann wurde weitergetuschelt, aber diesmal konnte ich nicht verstehen, was sie sagten. Ihre gedämpften Stimmen verwoben sich mit der Dunkelheit zu einem seidig schwarzen Nebel.

*

Ich schreckte hoch und sah mich um. Ich versuchte, mir ins Gedächtnis zu rufen, was mich aufgeweckt hatte. Ein Traum? Aber ich erinnerte mich an keinen Traum. Rafe schlief neben mir, den Arm beschützend um meine Hüfte gelegt, als könnte mich ihm sonst jemand entreißen. Jeb saß an einen großen Felsen gelehnt, das gezogene Schwert neben sich. Es war seine Wache, aber er hatte die Augen geschlossen. Wenn wir einen Vorsprung von zwei Wochen hatten, warum brauchten wir dann eine Wache? Natürlich durfte man die wilden Tiere nicht vergessen, die vielleicht in dieser geräumigen Höhle Zuflucht suchen wollten. Orrin hatte erwähnt, Pantherspuren gesehen zu haben.

Jeb musste das Feuer geschürt haben, denn es prasselte heiß; und doch kroch mir Kälte über die Schultern. Die Flammen flackerten im Luftzug, und die Schatten wurden noch schwärzer.

Beeilung, Prinzess!

In meinem Kopf hallte Asters Stimme wider, und ich fragte mich, ob sie mich in alle Ewigkeit verfolgen würde. Ich stemmte mich auf den Ellbogen hoch und trank einen Schluck aus einer Feldflasche. Rafe spürte meine Bewegung; sein Arm zog sich enger um mich, und er rückte näher. Ich fand Trost in seiner kleinen Umarmung. Es fühlte sich an, als würde er nie wieder etwas zwischen uns kommen lassen.

Sven schnarchte, und Orrin lag mit weit offenem Mund auf der Seite, ein dünner Speichelfaden lief ihm aus dem Mundwinkel. Tavish hatte sich zusammengerollt und die Decke bis über den Kopf gezogen. Nur ein Büschel seines dichten schwarzen Haars lugte daraus hervor. Sie alle wirkten so friedlich, während sie den Schlaf der Gerechten schliefen und dabei ihre Verletzungen heilten.

Ich wollte mich gerade wieder zurücksinken lassen, als mich der kalte Lufthauch erneut traf, diesmal stärker. Er fegte über meine Wange, und das Atmen wurde schwer. Die Schatten wurden dunkler, und Angst kroch in mir empor wie eine Viper, die nur darauf wartete loszuschlagen. Ich wartete. Wissend. Angstvoll. Etwas war …