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Tief enttäuscht verlässt Magister Thomasius Berlin und bewirbt sich 1710 als Lehrer. In einem Schloss in der westfälischen Provinz soll er die Söhne einer verwitweten Gräfin unterrichten, deren Mann erst vor kurzem gestorben ist. Bald vermutet er, dass der verstorbene Graf ein monströses Geheimnis mit ins Grab genommen hat. Denn er erfährt von einer Reise in den Süden der Welt und von einer einsamen Insel. Von dort hat der Graf etwas mitgebracht, das langsam vom Magister Besitz ergreift.
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Seitenzahl: 154
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Wolfgang Gröne
Die Gärtner
Erzählung
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Die Gärtner
1. Brief, September 1710
2. Brief, September 1710
3. Brief, November 1710
4. Brief, November 1710
5. Brief, Dezember 1710
6. Brief, Dezember 1710
7. Brief, Dezember 1710
8. Brief, Dezember 1710
9. Brief, Dezember 1710
10. Brief, Zwanzig Jahre später
Impressum neobooks
Erzählung
Wolfgang Gröne
Mein lieber S.
Die Reise ist beschwerlich. Wie du sicher weißt, sind die Wege zwischen Berlin und Westfalen so unterschiedlich wie ihre Regierungen. Mal sind sie erstaunlich modern, gerade und voller Optimismus, mal konservativ langweilig, enervierend gebogen und von geringer Festigkeit. Man durchquert Grafschaften, Bistümer, Fürstbistümer, Herzogtümer und Marktgrafschaften, ein Sammelsurium altertümlicher Herrschaften also, die alle als kleine eigenständige Staaten daherkommen und wichtig tun, seien es auch nur matschige Kuh- und Getreideäcker. Also geht es zuweilen erstaunlich schnell voran, dann aber verlangsamt sich die Fahrt und es rumpelt über einen langen Zeitraum heftig oder die Kutsche rutscht gefährlich von der einen zur anderen Seite. Einmal mussten wir armen Reisenden in einem scheußlichen Regen sogar aussteigen und das verschmutzte Gefährt wieder auf den Weg zurückschieben. Du kannst dir vorstellen, wie ich danach aussah. Nur gut, dass ich, wohl wissend, den alten abgetragenen Rock trug, der nun bald nicht mehr zu flicken ist.
Eine weitere Qual waren die Poststationen, die wir jeweils zu Anbruch der Dunkelheit erreichten. Nichts mehr von der Vielfalt Berlins. Statt dessen schwarzes Brot und abgehangenes, gesalzenes Fleisch ohne Würze, in dem man ekliges Getier finden konnte, wenn man genau hinschaute. Aber meine Börse ist fast leer und so musste ich mit diesen Unannehmlichkeiten wohl oder übel vorlieb nehmen. Wenigstens war uns das Wetter meistens gnädig und wir mussten keine längeren Umwege fahren, keine Aufenthalte in entlegenen Bauernhäusern einlegen, oder die Angst bei von Blitz und Donner erschrocken durchgehenden Pferden durchstehen.
Was für eine Reise! Wann wird ein umtriebiger, erfindungsreicher Geist eine neue Art des Transports erdenken. Eine Art Gleiten oder zumindest einen gleichmäßigen Untergrund für Kutschen und ja, eine bessere Federung, damit das elende Rütteln und Ruckeln einem den Rücken nicht ganz Entzwei macht.
Du fragst dich sicherlich, warum ich das alles auf mich nehme und so überstürzt Berlin verlassen habe? Ohne Dir ein Wort von meinen weiteren Plänen mitzuteilen, ohne vernünftige Gründe zu nennen. Es ist aber ganz einfach zu erklären. Vor allem weil es vordergründig nur einen Grund gab: Den der Demütigung.
Denn wie du sicher weißt, wurde auf der letzten Versammlung der Königlichen Wissenschaften unter anderem besprochen, wer den Posten des Astronomen Teltow übernehmen sollte, welcher im letzten Winter einem tödlichen Fieber erlag und jämmerlich zu Grunde ging. Vom Können und aufgrund meiner zahlreichen Veröffentlichungen im Bereiche der Sternenbeobachtung war ich von allen Bewerbern auf die erste Stelle gesetzt. Sogar der große Leibnitz unterstützte mich. Doch es war, selbst jetzt muss ich lachen, obwohl es so entwürdigend ist, eine bittere Posse. Die trauernde Witwe hatte nichts anderes zu tun, als schnurstracks mit einem meiner Mitbewerber anzubändeln, und ohne eine angemessenen Trauerzeit abzuwarten, heiratete sie ihn auch noch. Anschließend zeigte sie ein Testament vor, von dem sie behauptete, dass es von ihrem verstorbenen Ehemann geschrieben worden wäre und in dem dieser in den höchsten Tönen von meinem Mitbewerber sprach.
Ich werde es kurz machen, denn es fällt mir schwer, überhaupt über diese Geschehnisse zu sprechen. Die Versammlung, von den Tränen der Witwe und dem vermeintlichen Testament vollständig in den Bann gezogen, wählte meinen Mitbewerber zum Nachfolger, obwohl dieser nur ein besserer Assistent von Teltow gewesen war. Sogar Leibniz, auf den ich große Stücke halte und auf den ich meine ganz Hoffnung gesetzt hatte, unterstützte diese unwürdige und mir bis heute vollkommen schleierhafte Entscheidung.
Ich war enttäuscht! Zutiefst! Die Anstellung als Astronom hätte eine Wohnung, ein Gehalt und darüber hinaus aufregende Studien zu den Fixsternen nach sich gezogen. Für die trauernde Witwe und ihre zwei Kinder hätte sich sicherlich auch eine Versorgung finden lassen. So aber hat die Königliche Gesellschaft und die wissenschaftliche Welt nun einen Scharlatan mehr in ihren Reihen, von dem sie in den nächsten Jahren außer Rechnungen und Nörgeleien nicht viel zu erwarten hat.
Für mich aber gab es daher nur noch einen Schritt zu tun. Ich durchforstete die Bulletins auf der Suche nach einer Anstellung, wo immer sie auch zu finden sei. Nur fort wollte ich aus dieser unseligen Stadt, die mich so tief enttäuscht hatte. Kaum konnte ich einer Veranstaltung beiwohnen, die ich vormals so genossen hatte, noch einzelnen Mitgliedern der Königlichen Gesellschaft auf der Straße begegnen, ohne mit größten Schwierigkeiten eine Miene aufzusetzen, hinter der sich, zu meiner großen Scham, nur noch Abscheu verbarg.
Zum Glück wurde ich schon bald fündig.
In der deutschen Provinz herrscht allenthalben ein geradezu lächerlicher Mangel an Magistern, und die Familien der armen Grafen und Freiherren suchen immerwährend nach Lehrern für ihre hochherrschaftliche Kinderschar und lassen es sich einiges kosten, diese gut auszubilden, um sie dann in aufstrebende Residenzstädte zu schicken, damit sie dort eine Stelle als Hofbeamter oder, je nach Eignung, als Hofnarr, finden mögen. Damit hoffen sie dann ihren Abstieg in die Bedeutungslosigkeit zu verhindern. Die Zeiten der Kreuzzüge und der Raubritter sind nun einmal vorbei.
Mein Blick fiel also auf eine Anzeige, in der ein Lehrer für die zwei Söhne eines Grafen im Westfälischen gesucht wurde. Die Kinder seien 12 und 14 Jahre alt, verständig und gesund. Seit dem Tode des Vaters aber ein wenig verstört. Der Mutter sei es aufgrund ihres Geschlechts nicht möglich, die Erziehung selbst zu übernehmen und man suche daher einen gebildeten, in höfischen Sitten bewanderten Erzieher und Magister. Das Gehalt beliefe sich auf 10 Gulden nebst einer Wohnung und freier Kost. Der Urlaub sollte im Sommer etwa 30 Tage betragen.
Kurzfristig schrieb ich der Gräfin, und schon wenige Wochen später erhielt ich eine Bestätigung, nach dem Schlosse der Familie zu kommen, dessen Namen ich dir vorerst verheimlichen muss, da ich den Kontakt zur Gesellschaft in Berlin vorläufig vermeiden möchte. Auf brieflichem Wege werde ich dir hin und wieder berichten, wie es mir dort ergeht.
Nun, da ich hier, während einer Rast, von unserem Kutscher (der wieder einmal, wie ich sehe, dem Alkohol gehörig zuspricht) gerade gehört habe, das wir morgen unser Ziel erreichen, schließe ich nun mit einem lieben Gruß und verspreche, sobald als möglich wieder zu schreiben. Wenn ich und mein Rücken die Fahrt überleben sollten ...
Dein Thomasius
Mein lieber S.
Bin ich doch endlich angekommen. Was für eine Fahrt! Die Postkutsche entließ mich in einer kleiner Stadt nahe meines Ziels. Dort erkundigte ich mich nach einem weiteren Transport zum Schlosse. Tatsächlich wurde für meinen Weitertransport schnell gesorgt und nach etwas weniger als einer halben Stunde saß ich bereits in einem etwas wackeligen Zweispänner, der mich die restlichen Meilen an mein Ziel bringen sollte. Die Straße dorthin, wenn man sie überhaupt so nennen kann, war durch den unausgesetzten Regen der letzten Tage aufgeweicht, und so ging es nur langsam voran. Ich hörte, wie der Kutscher, ein roher rotgesichtiger Kerl begleitet von einem jungen tumben Burschen, unausgesetzt die Peitsche gegen die erbarmungswürdigen Pferde führte.
Kurz noch etwas zur Landschaft, durch die wir fuhren. Wald, Feld und Flur lagen im sanftem Wechsel wie in Wellen vor mir. Aber nur sanft gingen diese Wellen. Der Charakter des Landes war dennoch der einer weiten, ruhigen, erhebungslosen Fläche und nur östlich und südlich durch ferne Hügelketten begrenzt. Menschen sah ich kaum, was am Wetter und der Jahreszeit liegen mochte, und wenn doch, waren es Bauern oder hin und wieder ein fahrender Händler mit Holzgaloschen an den Füßen und schwerem Gepäck auf dem Rücken. Auch erblickte ich eine Vielzahl Rinder, Schweine und vor allem Pferde auf den Wiesen. Das Frühjahr in dieser Landschaft würde für einen Maler sicherlich eine ergiebige Vorlage für einige hübsche Bilder abgeben, die man bei uns im städtischen Berlin zu schätzen und zu verkaufen wüsste.
Wie gesagt, die Landschaft ist recht flach, der Tag nach einem Regen klar, und so konnte ich in der Ferne ein breites schwarzes Dach und einige gelb gestrichene Mauern hinter Bäumen erkennen, die ich dem Schloss zugehörig vermutete. Zumal ich von keinem anderen Adelssitz in der Gegend wusste. Durch mein Kutschfenster beobachtete ich, dass der jugendliche tumbe Bursche eiligst vom Bock gesprungen war und querfeldein über die Felder in Richtung des Schlosses davonlief. Bestimmt sollte so mein Eintreffen gemeldet werden.
Bald darauf fuhren wir durch eine lange Allee an der Seite des Besitzes entlang. Zu meiner Linken konnte ich einen aufwändig gestalteten Park liegen sehen, darin einige mythologische Skulpturen, meandernde Kieswege und mit Hingabe gepflegte Buchsbäume und Blumenbeete, die allesamt in geometrischen Formen angelegt waren. Ein Park also, wie man ihn häufig bei kleinen Landpotentaten sieht, die ihn wiederum von den Landesfürsten abgeschaut haben, welche nun ihrerseits die Gärten der Könige als Beispiel genommen. Letztere aber waren überwältigt von der Pracht und Macht und also auch der Schlösser und Parks des französischen Königs, dem sie nun alle nacheifern. Ewig gleiches, eitles Spiel der Narren.
Die Kutsche umrundete das Anwesen und rumpelte schließlich durch das hohe schmiedeeiserne Tor des Schlosses, dass mir in einem kurzen Moment der Irritation wie die geöffneten Klauen eines mythologischen Wesens vorkam. Vielleicht lag das an der Manieriertheit der Fertigung, denn das Eisen war seltsam verdreht und mit unzähligen Verzierungen versehen. Jedenfalls erkannte ich im Vorbeifahren, dass wohl ein wuchernder Wald als Inspirationsquelle gedient hatte, und es schien mir, dass die kenntnisreich gefertigten eisernen Wurzeln und Äste nach mir greifen wollten.
Zum Schloss gelangt man, wenn man nach dem Tor eine kurze Allee aus Eichen durchquert, zwei Steinbrücken überquert und noch ein kleineres Holztor durchfahren hat. Deutlich hörte ich auch den Kies unter den Rädern knirschen, als wir auf den Cour d'honneur, den dreiseitig umschlossenen Innenhof fuhren.
Das Schloss, das ich auf vielleicht zweihundert Jahre schätzte, war nicht sonderlich groß, zweiflügelig, mit zwei Wohngeschossen, einfach in seiner Architektur und ohne überflüssigen Zierrat oder schwülstigen Pomp. Etwas nach vorn versetzt standen zwei in der gleichen Art erbaute runde Häuser, die wohl als Wohnstätten der Bediensteten dienten und wie steinerne Wächter die Zufahrt zum Innenhof bewachten. Die Kutsche beschrieb einen Halbkreis, und ich entdeckte ein rundes Beet voller roter und gelber Blumen, in dessen Mitte eine bunt in blau, rot, grün und gold bemalte Statue Mariens stand; ihr Haupt in Trauer geneigt, auf dem Arm in quietschrosa ein wahres Schweinchen von einem Jesuskind. Fast hätte mir der Anblick dieser Kunstsünde den positiven Eindruck des ganzen Hauses getrübt, so sehr war ich erschrocken über diesen jähen Ausbruch christlicher Frömmigkeit und schlechten Geschmacks.
Jetzt in meiner Kammer, mache ich mir Gedanken ob dieses Gegensatzes. Zuerst ein in seiner Verdrehtheit und organischen Anmut schon schrulliges Klauentor, das aber nicht ohne Fantasie gefertigt war; dann das fast schon bescheidene Schloss, in architektonischer Schlichtheit errichtet, und schließlich diese schreckliche, bunt bemalte Madonnenstatue. Fast kommt es mir so vor, als hätten zwei Gestalter unterschiedlicher künstlerischer Anschauung hier eine Art petit Guerre del Art ausgetragen.
Aber zurück zu meiner Ankunft. Die Kutsche hielt und ich entstieg ihr mit steifen Gliedern. Meine Knochen schienen, einige jedenfalls, nicht mehr an ihrem angestammten Orte zu sein, sondern die Zeit der Reise genutzt zu haben, um auf Erkundungstour durch meinen Körper zu gehen. Ich konnte nicht anders, als mich zu strecken, um ihnen so zu befehlen, ihre ursprüngliche Position wieder einzunehmen. Ich schaute mich dabei um und da war auch der junge tumbe Bursche wieder, der nun mit der Hilfe des Kutschers mein Gepäck vom Wagen wuchtete.
Ich vernahm leises Kichern und wandte mich der Quelle zu. Auf einer breiten Freitreppe standen zuoberst eine Frau mit zwei Kindern, Jungen, so weit ich es sehen konnte und wohl meine zukünftigen Zöglinge. Die Frau hinter ihnen trug ein schwarzes Kleid und eine dunkelblaue Haube. Ihre Hände steckten in dunklen Handschuhen, deren jeweils eine auf den Schultern der Jungen ruhte. Ich nahm ertappt Haltung an und verbeugte mich. Die Frau zwackte den beiden Jungen schnell in die Hälse und das Kichern erstarb.
„Herr Thomasius, nehme ich an?“
„Ja. Zu ihren Diensten, Gräfin von C.?“
„Ich heiße Sie willkommen, mein Herr. Mein Name ist Apollonia von C. Und dies sind meine Söhne Wilhelm und Alexander.“
Ich muss zugeben, dass es eine wunderbar melodische und seltsam tiefe Stimme war, die der Gräfin eigen war und mich neugierig machte. Verband ich sie doch mit ruhiger Intelligenz und natürlicher Würde, Eigenschaften also, die in unseren eitlen Tagen selten geworden sind und die ich sicherlich nicht hier in einer Provinz Westfalens erwartet hätte. Zudem sprach sie mit einem, ohne Zweifel, italienischen Akzent.
„Gebt dem Herrn Thomasius. die Hand, Kinder!“
Die Kinder traten einzeln vor, knicksten, nannten ihre Namen und stellten sich wieder neben ihre Mutter. Eine kurze Stille trat ein, in der wir uns alle eindringlich musterten und ich überlegte, ob es an mir wäre, die Konversation zu beginnen. Aber die Gräfin kam mir zuvor, fragte nach der Reise, nach meinem Gepäck und ob ich vielleicht nach den Strapazen ein warmes Getränk zu mir nehmen wolle. Als ich verneinte, schickte sie die Jungen fort, gab dem Kutscher Anweisungen, meine Koffer ins Schloss zu bringen, und forderte mich auf, ihr zu folgen.
Sie führte mich durch die Räumlichkeiten, die, ohne mich in einer detailreichen Schilderung zu ergehen, in einem recht erbärmlichen Zustand waren. Feuchtigkeit schien ein nicht zu übersehendes Problem zu sein, das auch die Gräfin beklagte. Vor allem im westlichen Flügel, betonte sie, wäre noch einiges zu tun, da dieser nie vernünftig fertiggestellt worden sei, und daher auch unbewohnt wäre. Daher müssten die Türen stets abgeschlossen sein, denn es sei dort nicht sicher. Der Eindruck des Verfalls änderte sich im Ostfügel etwas, denn dieser wurde von der Familie bewohnt. Im Erdgeschoss befand sich ein Kaminzimmer, ein Billardzimmer, eine Bibliothek mit einer recht ansehnlichen Büchersammlung, ein Musikraum, ausgestattet mit einem Cembalo und ein großes Esszimmer mit einer langen Tafel. An den Wänden hingen einige dunkle Gemälde längst vergessener Vorfahren und oft auch verstaubte Tapisserien mit den üblichen Szenen adligen Geltungsbedürfnisses. Über mir entdeckte ich Fresken, die Allegorien der Musen, der Jagd oder der Tugenden darstellten, in ihrer Machart aber nicht übermäßig kunstvoll ausgeführt waren. Die Wände waren entweder ebenfalls bemalt oder in den Wohnräumen vertäfelt.
Im ersten Stockwerk durchschritten wir einen Flur, an dem die einzelnen Wohnräume der gräflichen Familie lagen. Am südlichen Ende, zum Hof hinaus betraten wir schließlich einen hell erleuchteten Raum, der als Studierzimmer fungierte und in dem ich wohl die meiste Zeit des Tages verbringen würde. Aber wie gesagt, er war hell und lag nach Süden, was mir half, den Eindruck des dunklen, muffigen Schlosses etwas zu vergessen. Mit einem unhörbaren Seufzer blickte ich mich um, ließ meine Finger über die Pulte gleiten und schaute mit wachsendem Interesse die zur wissenschaftlichen Unterrichtung angeschafften Utensilien an. Ein kunstvoll gerfertigter Globus, zahlreiche aufgerollte Landkarten, Lineale mit verschiedenen Längeneinteilungen. Ein Pendel, ein Jakobsstab, sogar ein recht neues Fernrohr, einige ausgestopfte Tiere und Schaukästen, gefüllt mit Insekten. Dazu eine Tafel, drei Pulte, Bücherregale, gefüllt mit den bunten Einbänden verschiedenster Bücher. Ohne Übertreibung musste ich mir eingestehen, das ich in vielen wohl begüterten Familien Berlins nicht solch' eine mit Bedacht ausgestattete Lehrstube vorgefunden hatte.
„Vorzüglich, Gräfin. Ganz vorzüglich eingerichtet. Ich merke, die Bildung Eurer Söhne liegt Euch wirklich am Herzen. Vor allem die naturphilosophische.“
„Dieses Lob kann ich nicht annehmen. Mein geliebter verstorbener Mann war sehr an der Natur interessiert und viele Dinge, die sie hier sehen, gehörten ihm.“ Sie rauschte mit ihrem schwarzen Kleid an mir vorbei, wie ein dunkle Wolke und trat an das Fenster, drehte sich halb von mir fort, und schaute sinnend auf den Innenhof während sie sprach. Dabei rieb sie unaufhörlich ihre rechte Hand, die, wie mir schien, leicht gerötet war. „Aber das ist es nicht, was ich will. Meine Söhne sollen auf eine Laufbahn bei Hof oder beim Militär vorbereitet werden. Sie sehen es ja an der Verfassung des Schlosses, wohin die Beschäftigung mit der Naturphilosophie führt.“
„Darf ich fragen, wie ihr Mann zu Tode kam?“
Sie holte tief Luft, fast klang es wie der Blasebalg in einer Schmiede, bevor die Luft das Feuer zum Glühen brachte, faltete die Hände und drehte sich zu mir. „Nach einer Reise kam er krank hierher zurück. Zu krank, als das man ihn heilen konnte. Er starb an einem ihn langsam verschlingenden Fieber. Das war im letzten Frühling. Bis dahin unterrichtete er unsere Kinder.“
„Das tut mir leid, Gräfin!“
„Es war sein Schicksal. Er hat es gesucht! Und es hat ihn gefunden.“
So wie sie das sagte, klang es hart und herzlos. Hatte sie ihm sein Ende gegönnt? Oder war es nur der Schutz einer beinah zerschundenen Seele, die mit einem Trick sich zu schützen versuchte und sich vormachte, ihren Mann nie wirklich verstanden zu haben? Den Tod eines geliebten Menschen zu überwinden, führt manche Menschen zu überaus findigen Versuchen des Selbstbetruges.
Sie trat auf mich zu. Ihre schwarzen Pupillen blickten mich klug und forschend an. Oder war es drohend? „Ich will nicht, dass das dunkle Schicksal meines Ehegatten auch noch meine Söhne findet. Entfachen Sie keine unnötige Neugier in ihnen. Sie werden mir dabei helfen, ihnen unnützes Wissen vorzuenthalten. Lehren Sie sie, was sie brauchen, um in der Welt, der wirklichen, zu bestehen. Alexander und Wilhelm sind zweifellos begabt und meine Hoffnung, dieses Schloss und alles hier zu bewahren, liegt in Ihnen. Wenn Sie das tun, mein Herr, werden wir gut miteinander ausgkommen.“
Das erste Mal erkannte ich hinter dem schmalen etwas knochigen Gesicht der Gräfin die Erinnerung an eine schöne Frau. Sie war nicht immer so gewesen und die Härte mochte ihre Züge befallen haben, wie ein plötzlicher Frost den Winter anzeigt, um dann nicht eher zu weichen, bevor er nicht seine maßlose Not verbreitet hat. Sie tat mir leid und ich konnte mir vorstellen, dass die Geschichte des Todes ihres Mannes nur ein Partikel ihrer Gram gewesen war. Der kleine Teil einer Aschewolke voller Leid.
„Und noch etwas, Herr Thomasius! Beschränken Sie ihre Besuche im Dorf auf das Nötigste, wobei mir im Augenblick nicht einfallen will, was das Nötigste überhaupt sein könnte. Es sind allesamt Bauern ohne einen Funken Geist oder Verstand. Kinder, die geführt werden müssen! Allesamt!“
„Ich werde es versuchen“, antwortete ich, „allerdings nehme ich an, dass Sie die Messe in der Kirche trotz der Dummheit der Menschen besuchen?“
„Die Messe. Ja, natürlich. Ich hoffe, Sie werden mich und die Kinder begleiten?“
„Ich bin reformiert.“
