Die Gauklerin von Kaltenberg - Julia Freidank - E-Book

Die Gauklerin von Kaltenberg E-Book

Julia Freidank

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Beschreibung

Kaltenberg, 1315. Mit einem sinnlichen Lied aus den »Carmina Burana« soll die junge Anna ihren Geliebten, den Burgherrn Ulrich, verhext haben. In letzter Minute rettet sie der Schwarze Ritter Raoul vor dem Tod. Fortan steht Anna zwischen den beiden Männern, die sich abgrundtief hassen. Der leidenschaftliche Kampf einer Frau um Freiheit und Glück. Mehr über Julia Freidank, 'Die Gauklerin von Kaltenberg' und das Kaltenberger Ritterturnier finden Sie unter www.juliafreidank.de,  www.kaltenberg.ullstein.de sowie unter www.ritterturnier.de.

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Über das Buch

Bayern, 1315. Gellende Schreie erfüllen die Nacht. Im Kampf um die Königskrone wüten die Truppen Friedrichs von Habsburg durch das Dorf Kaltenberg. Verzweifelt hämmert die junge Anna an das Tor der Burg. Ihr Geliebter, der Burgherr Ulrich von Rohrbach, gewährt ihr Zuflucht. Noch ahnt das Mädchen nicht, welch gefährliche Gabe sie besitzt: ihre verführerische Stimme, mit der sie die Lieder des fahrenden Volks singt. Doch schon bald soll sie deshalb als Hexe ertränkt werden. Nun bleibt ihr nur noch das rechtlose Leben einer Gauklerin. Anna ist entschlossen, ihre Unschuld zu beweisen. Aber damit durchkreuzt sie die Pläne ihres Todfeindes, des schwarzen Ritters Raoul. Seine Ausstrahlung fesselt sie wider Willen. Anna gerät in die alte Fehde zweier Männer, die sich abgrundtief hassen – und in den Bann eines Buchs, das Weltruhm erlangen soll.

Über die Autorin

Julia Freidank, geboren 1973, absolvierte eine Gesangsausbildung und beschäftigte sich dabei auch intensiv mit den Carmina Burana. Sie sang im Chor unter so bekannten Dirigenten wie Herbert Blomstedt und gewann einen Gesangswettbewerb mit dem Sopransolo »In trutina«. Ihr Hobby ist der mittelalterliche Schwertkampf. Sie lebt in Sichtweite von Burg Kaltenberg.

Julia Freidank

Die Gauklerin von Kaltenberg

Historischer Roman

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Marion von Schröder ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH

ISBN 978-3-547-92002-4

© 2010 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin Alle Rechte vorbehalten Satz und eBook: LVD GmbH, Berlin

In Sichtweite von Burg Kaltenberg in Bayern steht ein mittelalterliches Sühnekreuz. Keine Inschrift, keine Zeichnung im verwitterten Stein erzählt die Geschichte seiner Errichtung. Nur eines verrät ein solches Kreuz: Hier wurde ein Mord begangen. Ein Schuldiger erflehte die Vergebung seines Opfers und unterwarf seine Seele der ewigen Gerechtigkeit.

Und vielleicht hatte auch er die Worte auf den Lippen, die in jener Zeit der Dämmerung, einer Zeit grausamer Kriege, aber auch sinnlicher Lebensfreude, ihren Weg über die Alpen fanden:

O fortuna, velut luna, statu variabilisSchicksal, wechselhaft wie der Mond …

Aus den Carmina Burana

Die Personen

Historische Personen sind mit einem * gekennzeichnet

Bewohner von Burg Kaltenberg und der Burgsiedlung

Anna, die Tochter des Schmieds

Ulrich von Rohrbach, der junge Burgherr

*Hermann von Rohrbach, Ulrichs Vater

*Winhart von Rohrbach, dessen verstorbener Bruder

Jutha, Ulrichs Frau

Kilian, Schmiedegeselle

Gertraut, eine alte Magd

Regina, die Tochter des Schusters, und Philipp, ihr Verlobter

Gernot, Reitknecht

Lena, Kleinbauerntochter

Peter, ihr späterer Mann

Vater Maurus, Burgkaplan

Reingard, Hebamme

Fahrendes Volk

Raoul, ein geheimnisvoller fahrender Ritter Maimun, sein Diener und Begleiter Falconet, Gaukler Steffen, entlaufener Lotterpfaffe Eva, Gauklerin Resi und Korbinian, ihre Kinder

Die Baiern

*Ludwig IV. aus dem Hause Wittelsbach, Herzog von Oberbaiern und deutscher König

*Beatrix von Schlesien-Glogau, seine Frau

*Konrad III., genannt »der Sendlinger«, Bischof von Freising

*Konrad von Haldenberg

*Rudolf, Neffe des Königs

*Sifrid von Kühlenthal, Truchsess

Die Österreicher

*Friedrich I. der Schöne aus dem Hause Habsburg, Herzog von Österreich und der Steiermark, Rivale Ludwigs von Baiern um die deutsche Krone

*Herzog Leopold, sein Bruder

*Heinrich von Wolfsberg, genannt »der Fraß«, Raubritter aus Schwaben und Verbündeter der Österreicher

*Dessen Söhne

Die Tiroler

*Heinrich VI., Graf von Görz-Tirol und Herzog von Kärnten, ehemals auch Markgraf von Mähren, Titularkönig von Polen und König von Böhmen

*Freudenreich, sein Spielmann

*Kathrein Kunter, Zollherrin von Barbian bei Bozen und Witwe des Zollherrn *Heinrich Kunter

*Berthold I., Propst von Kloster Neustift bei Brixen

Erster Teil

Fortuna imperatrix mundi Das Schicksal beherrscht alles

1

Hofmark Kaltenberg, Baiern, Anfang September Anno Domini 1315

»Anna!« Die Stimme des Dorfschmieds überschlug sich vor Wut. Bier und halbzerkaute Bilsenkrautsamen spritzten von seinen Lippen, als er brüllte: »Du gehorchst, oder du wirst es bereuen!«

Seine Tochter Anna war aufgesprungen. Entschlossen raffte sie das knöchellange Wollkleid und warf die rote Lockenmähne zurück. Also deshalb hatte der Vater das Bierfass angezapft: um ihr die frohe Botschaft zu verkünden, dass er sie seinem Gesellen Kilian versprochen hatte! Mit zitternden Lippen, aber hoch aufgerichtet hielt das zarte Mädchen seinem Vater stand. Die Bundhaube, deren Bänder seitlich von den eiterverklebten Lidern herabfielen, ließ sein Gesicht noch grober erscheinen. Sie wusste, wie wuchtig seine abgearbeiteten Fäuste zuschlagen konnten. Das letzte Mal hatte sie drei Tage nicht arbeiten können.

»Darauf kannst du bis zum Jüngsten Gericht warten!« Ihr angeborener Hitzkopf brach sich Bahn, und sie schrie: »Ich bin deine Tochter, nicht deine Leibeigene!« Abrupt ließ sie ihn stehen und lief quer durch den einzigen Raum der Kate zum Ausgang. Gackernd brachten sich ein paar Hühner in Sicherheit. Dann war sie die hölzerne Treppe hinauf. Zorn oder der beißende Qualm des Herdfeuers hatten ihr Tränen in die Augen getrieben.

»Du wirst beim fahrenden Volk enden!«, dröhnte die Stimme des Vaters. »Hörst du? Auf den Märkten wirst du mit den Bratenfiedlern tanzen müssen. Schänden werden sie dich und dir schließlich in einer Seitengasse die Gurgel durchschneiden.« Wutentbrannt wollte er ihr nachlaufen, aber die tiefstehende Sonne blendete ihn. Er übersah einen Ast, den der Apfelbaum auf der Höhe seiner Stirn ausstreckte. Dumpf schlug er dagegen und fluchte: »Kruzifixhalleluja!«

Hinter ihm kam sein künftiger Schwiegersohn aus dem Haus. Mit seiner schwieligen Hand fuhr er sich über die Mundwinkel und wischte die Reste der Mehlsuppe am Kittel ab. »Die kann es ja kaum erwarten«, bemerkte er trocken.

Annas Bruder Martin schob den muskulösen Riesen beiseite und lief seiner Schwester nach. Trotz seiner langen Beine musste er sich anstrengen: Schnell wie ein Wiesel steuerte sie auf die Streuobstwiesen hinter der Burgsiedlung zu. Erst am Ende der langgezogenen Straße holte er sie ein.

»Vater macht sich Sorgen um dich«, redete Martin auf sie ein. »Nun komm zurück, du hast heute noch kaum etwas gegessen!«

Seine Worte erinnerten sie daran, dass es außer der Abendsuppe so gut wie keine Mahlzeit gab, die den Namen verdiente. Wieder bohrte der allgegenwärtige Hunger in ihrem Bauch.

»Du weißt, dass ich nicht ungehorsam bin«, sagte sie entschieden. »Als der Vater krank war, habe ich in der Schmiede geschuftet wie ein Mann.«

»Gehorsam würde ich dich aber auch nicht nennen«, lachte Martin. »Letztes Jahr, als wir den Wolf im Schafpferch hatten, bist du mit einem Schwert aus der Schmiede auf ihn los. Ein Mädchen mit einer Waffe, das ist vollkommen närrisch! Und erst letzte Woche hat dich die Mutter wieder bei den fahrenden Spielleuten erwischt.«

Ein Lächeln zuckte um Annas Lippen, als sie an die Gaukler mit ihren phantastischen Geschichten dachte: von fernen Ländern, großen Höfen und magischen Flüchen. Für ihre Mutter waren sie Strolche, aber Anna liebte es, ihnen zuzuhören. Bei den warmen Flötenklängen vergaß sie den Hunger und fühlte sich geborgen.

Martin legte den Arm um sie, und Anna genoss seine Wärme. Von Kindheit an – vielleicht seit fünfzehn Jahren, aber sie konnte ohnehin nicht zählen – war sie zu ihm gekommen, wenn sie etwas bedrückte. »Du sollst heiraten, nicht gehängt werden«, versuchte er sie zu trösten.

Anna stöhnte. »Ist da ein Unterschied?« Lebhaft sah sie zu ihrem Bruder auf. »Sibylle ist auch schon davongelaufen. Mit dem jüdischen Goldschmied, der im Sommer hier durchgereist ist. Und sie hatte recht. Eher tanze ich auf dem Marktplatz als nach der Pfeife von Kilian!«

Martin lachte laut. Die zarte Haut und das schmale Gesicht verliehen Anna etwas Zerbrechliches. Aber die entschlossenen Lippen und die starken, geschwungenen Brauen über den tiefblauen Augen verrieten, dass sie ihren Willen durchsetzen konnte. Mehr als ein junger Mann hatte schon erfahren müssen, dass Anna kräftig zuschlagen konnte, wenn man sie gegen ihren Willen anfasste. »Manchmal glaube ich, dass an dem Gerücht doch etwas dran ist«, grinste Martin. »Dass sich unsere Mutter von einem Gaukler ins Gebüsch zerren ließ, neun Monate bevor sie mit dir niederkam! Sei bloß vorsichtig: Du bist zehn Tage nach Vollmond geboren. Es heißt, so jemand hat ein unruhiges Leben vor sich. Kilian ist keine schlechte Partie!«

»Er hat gerade erst seine Zita unter die Erde gebracht«, erinnerte ihn Anna. »Jedes Jahr eine neue Schwangerschaft, und nicht einmal im Wochenbett konnte sie sich ausruhen! Er ist so einfühlsam wie ein Schinder und so leidenschaftlich wie eine leere Erbsenhülse.«

Das hatte er erst heute Mittag wieder bewiesen: »Eine anständige Frau stirbt mit fünfundzwanzig«, hatte er gesagt, »damit der Mann wieder heiraten kann.« Aber auf ihren Tod brauchte er nicht zu warten. Weil sie ihn gar nicht erst heiraten würde.

»Träum besser nicht von Liebesschwüren«, redete ihr Martin zu. »Der Vater behält einen guten Gesellen, und Kilian bekommt seinen Teil an der Schmiede. Die Ehe ist ein Geschäft, Kleines, nichts weiter.«

»Eben. Wie Hurerei.«

Ihr Bruder räusperte sich. »Er ist ein guter Schmied. Und wenn du ihm gehorchst, wird er dich auch nicht prügeln.«

Das versprach ja eine glückliche Zukunft, dachte Anna rebellisch. Insgeheim wünschte sie Kilian den Bauchfluss an den Hals. Die Vorstellung, wie er auf der Latrine mit dem Inhalt seines Darms kämpfte, verschaffte ihr ein wenig Genugtuung.

»Du weißt, warum Vater dich verheiraten will.« Ihr Bruder wies den bewaldeten Hügel hinauf, wo die Burgzinnen aus den Zweigen ragten. »Stimmt es, was die Leute reden?«, fragte er. »Über dich und Herrn Ulrich?«

Anna antwortete nicht, aber ihr Erröten verriet ihre Gefühle. Zweimal wöchentlich leistete ihr Vater seine Fronarbeit auf der Burg, und sie brachte ihm das Bier hinauf. Anfangs hatte sie Ulrich von Rohrbach, den jungen Burgherrn, nur von weitem gesehen, wenn er auf seinem Schimmel über den Hof trabte. Mit den anderen Mädchen hatte sie über sein gutes Aussehen getuschelt und nur heimlich von ihm geträumt. Bis vor wenigen Monaten …

»Heilige Maria!«, stieß Martin hervor. Er hob ihr Kinn an, so dass sie ihm ins Gesicht sehen musste. »Hat er dich mit Gewalt genommen?«

»Er hat nichts getan, was ich nicht gewollt hätte!«, erwiderte Anna heftig. »Was ich sonst von niemandem hier sagen kann!« Sie befreite sich. Dann dachte sie wieder an den letzten Maitanz und musste unwillkürlich lächeln. Die ganze Zeit schon hatte sie bemerkt, wie Ulrich sie vom Rand des Tanzbodens aus beobachtete. Erhitzt war sie irgendwann hinter die Wildrosensträucher am Dorfanger gelaufen. Und er war ihr gefolgt.

Er hatte ihre strengen Zöpfe gelöst und die Locken durch seine langen, schlanken Finger gleiten lassen. Hundertmal hatte man sie gewarnt, dass sie mit ihrer Unschuld auch ihre Ehre verspielte. Aber als er sie geküsst hatte, hatte Anna gespürt, dass er sich ebenso wenig wehren konnte wie sie. Der Duft der Wildrosen war ihr betäubender erschienen als je zuvor und die Rhythmen vom Anger erregender. Als er sich im weichen Gras über sie gebeugt hatte, hatte sie einfach die Augen geschlossen und es geschehen lassen. Ein kurzer Schmerz hatte sie leise aufschreien lassen, und sie hatte gewusst, dass es kein Zurück mehr gab. Ihr Gesicht glühte beim bloßen Gedanken an das, was er dann mit ihr getan hatte. Seitdem trafen sie sich, heimlich, verstohlen, leidenschaftlich, wann immer es ging.

»Gott hat es nun einmal so eingerichtet, dass es Herren und Diener gibt«, redete Martin auf sie ein. »Ein Ritter steht fast so weit über einer Bauernmagd wie der Kaiser über den Sterblichen. Was ihr treibt, ist Unzucht!«

Als ob sie das nicht wüsste! Jedes Mal, wenn sie diesen furchterregenden und zugleich vollkommenen Augenblicken des Glücks entgegensah, kostete der Weg zur Burg Anna ungeheuren Mut. Scham, Angst und das Gefühl, etwas Unrechtes zu tun, ließen sie davor zurückscheuen. Aber wenn sie dann bei ihm war, wenn sie sich küssten und sie seine unbeherrschte Erregung spürte, wollte sie nur noch eines: ihn festhalten und nie wieder aufgeben.

»Ich wünschte ja selbst, wir wären vom gleichen Stand und könnten heiraten«, erwiderte sie endlich. Heimlich träumte sie davon, sich nicht mehr verstecken zu müssen, wenn sie sich berühren wollten. Selbst die erbärmlichste Kate wäre ihr gut genug gewesen, wenn sie dort offen mit Ulrich hätte leben können. Aber dass ein Ritter eine Bauernmagd heiratete, dazu brauchte es mehr als ein Wunder.

Martin nahm sie bei den Schultern. »Jeder Ritter hat seine Liebschaften. Ihm wird niemand einen Vorwurf machen. Aber an dir wird es hängenbleiben. Zum Teufel, Anna, denk doch an die Zukunft! Wenn du erst einmal als Hure gebrandmarkt bist, bist du so gut wie rechtlos!«

Tausendmal hatte sie sich mit diesem Gedanken gequält. Natürlich hatte sie Angst. Wer sich selbst aus der Herde des Herrn ausschloss, konnte auch keine Hilfe erwarten, das predigte der Pfarrer fast jeden Sonntag. Anna sah ihren Bruder ernst an. »Ich will euch keine Schande machen. Aber ich kann nicht anders.«

Er seufzte verzweifelt. »Lass mich mit den Eltern reden! Vielleicht muss es ja nicht gerade Kilian sein. Aber mach dir keine großen Hoffnungen – heiraten wirst du müssen. Und jetzt komm«, sagte er liebevoll. »Um diese Zeit sollte man im Haus sein.«

»Lass mich noch einen Augenblick allein.« Er zögerte, und Anna umarmte ihn. »Ich komme ja gleich.«

Sie sah ihm nach, wie er zum Dorf zurücklief. Wenn jemand ihre Eltern besänftigen konnte, dann er. Langsam trat sie zwischen den hagelgeschlagenen Obstbäumen hinaus auf die Wiese. Hinter ihr erhoben sich der Burgberg und die Siedlung, unterhalb davon floss die Paar. Zum Ammersee hin durchbrachen moorige Schilflandschaften mit kleinen Burgen die Wälder, und bei schönem Wetter sah man am Horizont die Berge. Die meisten Menschen hatten Angst vor der Dämmerung, aber sie hatte sich hier schon immer sicher gefühlt. Mit diesem Ort war sie verbunden. Was immer geschah, hier würde sie sich beschützt fühlen.

Sie musste an den alten Raunachtbrauch denken: Wenn ein Mädchen zur Wintersonnwende einen Baum umarmte, verriet das nächste Hundegebell die Richtung, aus der ihr zukünftiger Ehemann kommen würde. Anna beschloss, dass sie nicht die Zeit hatte, bis Sonnwend zu warten. Mit beiden Händen umfasste sie den knorrigen Stamm.

Die Schafe des alten Hauser blökten in ihrem Pferch am Ende der Dorfstraße. Von den ersten gepflügten Feldern wehte der Geruch der feuchten Schollen herüber und mischte sich mit dem süßlichen Aroma faulender Holzäpfel. Die Kälte kroch ihre nackten Füße hinauf. Ungeduldig rieb sie das Gesicht an ihrem Ärmel. Da hörte sie den Hund.

Es war ein kurzes, wütendes Bellen. Sie lauschte mit angehaltenem Atem. Der Hund gab wieder Laut. Sie hatte sich nicht getäuscht: Es kam vom Hügel herab – aus der Richtung der Burg!

Annas Herz schlug schneller. Ein weiterer Hund bellte. Irgendwo donnerte leiser Hufschlag. Nun hörte sie auch das tiefe Organ des schwarzen Schäferhundes vom Herrenhof. Wachsam öffnete sie die Augen und sah zurück zum Dorf.

Von überall her bellten nun Hunde. Hufschlag näherte sich, aber es war nicht nur ein Pferd, wie sie zuerst dachte. Es mussten mehr als zwanzig sein. Heisere Rufe aus Männerkehlen, das Klatschen einer Peitsche. Dort, wo die Straße nach Landsberg abzweigte, brachen Reiter aus dem Wald. Etwas flog zischend auf das Strohdach der ersten Kate. Eine Stichflamme loderte auf – es war ein brennender Pfeil!

Die Österreicher!, fuhr es Anna durch den Kopf. Gott steh uns bei!

Seit Tagen belagerten österreichische und schwäbische Ritter die Stadt Landsberg. Wenn sie ausschwärmten, konnte das nur eins bedeuten: Landsberg war gefallen, und nun plünderten die Sieger die umliegenden Dörfer – schon allein um zu dem Sold zu kommen, den ihnen ihre Herren nach der schlechten Ernte dieses Jahr wohl kaum zahlen konnten. Und Martin würde ihnen direkt entgegenlaufen!

Anna raffte die Röcke und sprang über den Zaun, der die Burgsiedlung begrenzte. Ein Holunderzweig streifte ihren Nacken, wie gelähmt blieb sie unter dem Strauch stehen. Erst jetzt fiel ihr ein, was ihr Bruder ihr von Kindheit an eingeschärft hatte: dass bei einer Plünderung die Wälder der einzig sichere Ort waren.

»Martin!«, schrie sie verzweifelt. Sie wollte ihm nach, aber im selben Moment duckte sie sich in nackter Angst wieder unter den Busch.

Dort, wo sie vorhin gelaufen waren, sprengten Ritter auf riesigen Pferden heran. Blutspuren und Schlamm zogen sich über die langen Waffenröcke, Rüstungen glänzten schemenhaft im Rauch. Einer donnerte so nahe an ihr vorbei, dass sein langes Hemd sie streifte. Die enge Straße entlang ritten sie alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte. Brennende Pfeile flogen durch die Luft, überall stank es nach Qualm. In Panik flohen die Menschen ziellos durcheinander. Einige liefen auf den Waldrand zu. Annas Finger krampften sich um einen Zweig, als einer der Schatten, von einer Armbrust getroffen, zu Boden stürzte. Kinder schrien nach ihren Eltern, in den Ställen brüllte Vieh. Verängstigt blickte sie die Straße hinab zu ihrem Elternhaus. Das feuchte Flechtwerk der Wände schwelte bereits. Eine Flamme leckte am tiefhängenden Strohdach, auf einmal loderte es auf. Funken wurden vom Wind weitergetragen, und alles in ihr zog sich zusammen. Die Bäckerei, die Töpferei, selbst aus den ärmlichen Hütten der Kleinbauern am Dorfrand stieg schwarzer Rauch.

Einer war vom Pferd gesprungen und riss die Tochter des Baders zu Boden. Verzweifelt wehrte sich Mechthild, doch der Mann hielt sie unbarmherzig fest. Rücksichtslos drückte er ihr Gesicht in den Schlamm. Er zerrte an seinen blutverschmierten, zerrissenen Kleidern und riss ihr mitten auf der Straße die Cotte hoch. Anna schlug die Hände vors Gesicht, sah doch wieder hin: Das Jüngste der Waltners lief weinend über die Straße und fiel am Wegrand hin, beinahe wäre es niedergeritten worden. Ein junger Mann wurde mit einem Schwerthieb zur Seite geschleudert. Anna würgte, als sie unter der blutüberströmten Fratze Benedikt erkannte. Er hatte nach Erntedank heiraten wollen.

Unruhig flackerten die Bilder des Grauens vor ihren Augen. Überall lagen Tote und Tierkadaver, die sie nur noch als dunkle Erhebungen wahrnahm. Der süßliche Geruch nach Blut, der Qualm, alles war auf einmal unwirklich. Während die einen die Frauen schändeten, trieben andere das Vieh weg oder schlugen ihm mit den Schwertern einfach das Genick durch. Schweine liefen in Panik die Straße entlang, ihre kreischenden Laute klangen erschreckend menschlich. Blutiger Schlamm und Kot spritzten auf sie, als die Reiter ihre Pferde anhielten. Die Knechte begannen, die ersten Leichen auszuziehen und Kleider und Habseligkeiten an sich zu nehmen. Panik lähmte Anna. Wie durch ein Wunder hatte noch niemand sie bemerkt. Doch das war nur eine Frage der Zeit.

Das scharfe Knacken von Zweigen riss sie aus ihrer Starre. Die kleinen Haare in ihrem Nacken stellten sich auf. Langsam wandte sie den Kopf.

Sie sah in ein schweißglänzendes Gesicht mit grau durchsetztem Bart. Tückische kleine Augen glitten an ihr herab, der fleischige Mund verzog sich zu einem Grinsen und entblößte verfaulte Zahnstümpfe. Der fremde Ritter packte sie und zerrte sie aus ihrem Versteck. Anna hob die Arme. Sie ließ sich fallen, um sich dem Griff zu entwinden, doch er packte sie erneut. Der Mann zog sie zu sich heran, der Geruch nach Wein und Knoblauch schlug ihr entgegen. Verzweifelt versuchte sie sich zu wehren. Warum war sie nur zur Siedlung zurückgelaufen!

Der Mann stieß sie brutal zu Boden und griff unter seinen Waffenrock. Panisch warf sie sich herum, schlug und trat nach ihm. Doch alles, was sie damit erreichte, war ein unwilliges Knurren. Er versetzte ihr eine Ohrfeige. Sie betastete den schmerzenden Nacken. Ihre Wange war heiß und schwoll an, sie schmeckte Blut. Der Fremde beugte sich über sie, und sie spuckte ihm ins Gesicht.

Ein kräftiger Arm hielt ihn fest, jemand schlug ihm einen Stock ins Genick. Der Ritter taumelte.

»Martin!«, stieß Anna hervor.

»Lauf!«, schrie er. Anna kam auf die Füße. Sie wollte nach seiner Hand greifen, doch er schüttelte sie ab. »Verschwinde!«

Der Ritter hatte die Überraschung überwunden. Er hob das Schwert. Martin sah Anna in die Augen.

Um nichts in der Welt wollte sie ohne ihn gehen. Aber es lag etwas in seinem Blick, das keinen Widerspruch zuließ. Anna hetzte über die Straße. Das Ochsengespann des Tanners hatte sich losgerissen und hätte sie beinahe überrannt. Panisch donnerte eine Viehherde heran. Über die Körper der Tiere hinweg sah sie, wie Martin auf der anderen Straßenseite seinen Stock hob. Der Ritter grinste breit. Offenbar gefiel ihm der Mut des kräftigen jungen Schmieds. Er wehrte den Schlag mit Leichtigkeit ab und hob den Anderthalbhänder.

Anna wollte schreien, doch nur ein ersticktes Krächzen kam über ihre kalten Lippen. Sie hörte den dumpfen Aufprall des Schwerts, das knirschende Geräusch, als die Knochen brachen, das gurgelnde Hervorschießen des Blutes. Wie gelähmt starrte sie hinüber. Die breiten Rücken der durchgehenden Rinder waren plötzlich blutig, ließen sie nur bruchstückweise sehen, was geschehen war: Der Ritter hatte Martin buchstäblich in zwei Teile zerschlagen.

Anna hörte sich schreien. Brennender Hass überwältigte sie, erstickte jedes andere Gefühl, für einen Moment selbst den Schmerz.

Lauf!, drängte Martins Stimme in ihrem Inneren. Auf einmal waren ihre Gedanken so klar, dass es sie erschreckte. Sie wusste, was sie zu tun hatte. Mit wild schlagendem Herzen schloss sie die Augen. Dann sprang sie mitten in die rasende Herde auf die Straße.

Dornen zerrten an ihrem Kleid, sie befreite sich und rannte weiter. Sie spürte den starken Rindergeruch, der zerstampfte Boden zitterte unter den Hufen. Das Auf und Ab der gescheckten Leiber nahm ihr die Sicht, sie rannte blindlings mit, versuchte nur auf den Beinen zu bleiben. Mit ungelenken Sprüngen galoppierten die schweren Tiere an ihr vorbei. Wie durch ein Wunder war sie nicht niedergetrampelt worden. Ohne sich umzusehen, hetzte sie die steile Straße hinauf – in Richtung des einzigen Ortes, wo sie vielleicht sicher war. Wenn sie die letzten hundert Schritte dort hinauf überlebte.

Rechts von ihr ragte der Umriss des Bergfrieds zwischen den Bäumen hervor. Anna stolperte, mit pfeifendem Atem kämpfte sie um ihr Gleichgewicht. Sie hatte die Burg fast erreicht, da hörte sie Hufschlag hinter sich. Mit fliegendem Atem fuhr sie herum.

Ein Ritter auf einem Rappen hatte sie erreicht. Mit einer Hand stemmte er die gespannte Armbrust aufs Knie. Er beherrschte das unruhige Pferd sicher mit der Kraft seiner Schenkel. Der Wind zerrte an dem schwarzen Waffenrock und meißelte den schlanken Körper heraus. Zwei oder drei Knechte, die ihm gefolgt waren, wichen vor seiner bloßen Handbewegung scheu zurück. Die Augen hinter dem Visier trafen ihre.

Plötzlich nahm er den Helm ab. Mit einer heftigen Bewegung schüttelte er schulterlange schwarze Locken aus dem Gesicht, die schweißfeucht auf seiner Stirn klebten. Und in diesem Augenblick prägte sich Anna sein Gesicht unlöschbar ein.

Die ausdrucksstarken Lippen unter dem ausrasierten Vollbart, die scharfen Falten um seine Nase verrieten Anspannung – oder mühsam beherrschtes Entsetzen? Die nachtdunklen Augen des jungen Ritters sahen sie an. Sie hatte das Gefühl, als hätte ihm dieser eine Blick schon alles über sie verraten, was es zu sagen gab.

»Komm her!«, befahl er. Seine melodische, von einem dunklen Akzent gefärbte Stimme fesselte Anna wider Willen. Da bemerkte sie das Blut an seinen Handschuhen. Er hielt die Armbrust erhoben, so dass er jederzeit schießen konnte. Erst jetzt begriff sie: Er war nicht hier, um ihr zu helfen. Er war einer der Plünderer!

Anna zitterte vor Hass. Sein ritterliches Äußeres war nichts als Blendwerk. Er würde sie schänden und dann töten, und niemand würde sich darum kümmern – im Gegenteil, er würde damit noch vor seinen Männern prahlen. Das Gefühl der völligen Hilflosigkeit war unerträglich.

»Fahrt zur Hölle!«, kreischte sie. Halb verrückt vor Angst hörte sie sich schreien: »Ihr sollt verdammt sein für das, was Ihr tut!«

Die Worte klangen fremd in ihren Ohren. Sie brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass sie selbst sie ausgesprochen hatte. Eiskalte Schauer jagten über ihre schweißüberströmte Haut.

Der schwarzhaarige Ritter hatte überrascht die Waffe sinken lassen. Anna hielt sich nicht mit der Frage auf, warum er nicht schoss. Sie begann zu rennen.

Er rief etwas, sie hörte nicht hin. Die an Seilen aufgehängte Brücke zur Burg war bereits für die Verteidiger heruntergelassen. Anna erwartete, das Zischen des Armbrustbolzens zu hören, dann den tödlichen Schmerz im Rücken. Nichts geschah.

Sie hetzte über die Zugbrücke, ihre Schritte klangen hohl auf den Holzbrettern. Dumpf prallte ihr Körper gegen das Tor. Sie spürte kaum noch, wie ein Splitter ihre Wange aufriss und salzige Tränen darin brannten. Mit den Fäusten hämmerte sie gegen das schwere Eichenholz.

2

Als Anna am nächsten Morgen vom Torhaus hinabsah, schlug sich klamme Feuchtigkeit auf ihren Wangen nieder. Ihr Kopf fühlte sich dumpf an, ihr Hals war wie zusammengeschnürt. In den feuchten Kleidern fror sie erbärmlich, und ihre Haut war völlig zerschunden. Beißender Qualm hing in der Luft über den ausgebrannten Häusern. Im Nieselregen waren die Menschen kaum zu erahnen, die Leichen zu der hastig ausgehobenen Grube schleiften. Sie arbeiteten fieberhaft, voller Angst, die feindlichen Ritter könnten zurückkommen. Vergeblich versuchte Anna auf den zerstampften Feldern ihre Eltern und ihre Freunde zu erkennen. Sie wusste noch nicht einmal, wer von ihnen überhaupt noch lebte.

Sie kämpfte mit den Tränen. Dort unten an der Paar waren sie als Kinder mit nackten Beinen durchs Wasser gelaufen. Im Waldstück dahinter hatte Martin ihr Mooshäuschen gebaut und sie beim Hüten der Eichelmastschweine auf seinen Schultern reiten lassen. Sie erinnerte sich an den süßen Duft der Walderdbeeren, das Spiel von Licht und Schatten auf seinem Gesicht. Mit einem erstickten Laut presste sie die Hand auf den Mund. Ihn nie mehr wiederzusehen war unerträglich.

Ulrich von Rohrbach hatte noch keine Entscheidung getroffen, was mit ihr werden sollte. Anna wünschte, er wäre hier, um sie festzuhalten. Aber Ulrich war schon in aller Frühe nochmals ins Dorf geritten. Die Menschen brauchten ihn.

Jemand legte den Arm um sie. »Komm«, sagte Regina leise. »Die Obermagd wird ungeduldig.«

Es war tröstlich, ihre Freundin auf der Burg getroffen zu haben. Regina und sie hatten so gut wie keine Geheimnisse voreinander. Die Mädchen stiegen die Stufen hinab. Schon im steinernen Treppenhaus hörten sie Waffen klirren und raue Männerstimmen, die Befehle brüllten. Im Unterstock des Torhauses, im Schatten des Bergfrieds, befand sich die Waffenkammer. Die eisenbeschlagene Eichentür war offen. Knechte mit Schilden und Spießen drängten sich an ihnen vorbei in den Hof. Offenbar rechnete man mit dem Schlimmsten.

Auch als sie in den weitläufigen Hof traten, herrschte Betrieb: Pferde wieherten, der Schreiner sägte, und Wäscherinnen schleppten ihre Flechtkörbe ins Haus. Hier hatte sich Anna schon immer wohl gefühlt. Auf der linken Seite in den hölzernen Vor bauten bei Gesindehaus und Ställen hatten Handwerker ihre Buden. Auch ihr Vater arbeitete dort an den Tagen, die er seinem Herrn schuldete. Sie liebte das Kommen und Gehen, die Aufregung, wenn ein weitgereister Gast oder ein Gaukler mit Neuigkeiten kam. Dann trugen die Reitknechte ihre prachtvollen Tuniken im Schwarzweiß der Rohrbacher, und Ulrich ritt, in glänzende Stoffe gekleidet, aus. Die erregenden Töne der Fanfaren oder die Rufe der Jagdgesellschaften waren bis in die Bauernkaten zu hören. Unter den riesigen Toren und Türmen und umgeben von dicken Steinmauern fühlte sich Anna beschützt. Aufatmend sah sie an den mit Efeu und Heckenrosen bewachsenen Galerien des Herrenhauses – des Palas – hinauf. Als Kinder hatten sie unter den Außentreppen Verstecken gespielt. Und ganz hinten, unter der Galerie, gab es eine verwitterte Holztür, die vom Hof aus nicht zu sehen war. Anna liebte diesen Winkel, wo Ulrich sie oft heimlich küsste und ihr Zärtlichkeiten zuflüsterte. Zum ersten Mal seit gestern wurde ihr etwas wärmer.

»Der Angriff hat uns hier genauso überrascht wie euch. Bevor Ulrich seine Waffenknechte zusammengerufen hatte, war schon alles vorbei. Meiner Mutter ist natürlich nichts geschehen«, plauderte Regina, um sie aufzumuntern. »Die alte Hexe will nicht einmal ein Haufen plündernder Soldknechte schänden. Und der alte Seyfrid ist davongekommen«, erzählte sie, da sie wusste, dass Anna den Alten mochte. Seit ihn letztes Jahr das Antoniusfieber gepackt hatte, galt er als närrisch und wurde mit milden Gaben durchgefüttert. »Hat sich irgendwo verkrochen und sich tot gestellt wie ein Käfer.«

Die Obermagd Gertraut sah ihnen vom Brunnen her entgegen, und unwillkürlich richteten beide Mädchen ihre Kleider. Zum Arbeiten hatten sie ein Leintuch in den Gürtel gesteckt, um die Übergewänder zu schützen. Regina hatte noch ein Kopftuch im Nacken über dem braunen Haar geknotet. Der Brunnen war sonst der Ort, wo die Frauen lachend Neuigkeiten austauschten. Aber heute herrschte eine gelähmte Stille. Nur die alte Gertraut hängte sich an die Kette, um den Eimer aus der Tiefe zu holen.

»He, träum nicht, lang hin!«, befahl die Alte. In der Nacht hatte Annas unterdrücktes Weinen sie geweckt, und sie hatte das Mädchen böse angefahren, ruhig zu sein. Jetzt kratzte sie sich an einem nässenden Ausschlag, und ihre Stimme klang verbittert. »Alle haben jemanden verloren. War vor zwanzig Jahren auch nicht anders, als die Augsburger kamen, das Dorf niederbrannten und die Burg zerstörten.«

»Sie haben die Burg zerstört?« Anna half, den Eimer auf den Brunnenrand zu wuchten, und sah sie erschrocken über den Rand hinweg an. Gestern waren ihr die Mauern unüberwindlich erschienen.

»Was man so zerstören nennt. Die Holzbauten waren hin, Breschen in der Mauer.« Gertraut schob eine dünne graue Strähne zwischen Kinntuch und Schleier zurück. Sie wies hinüber, wo Knechte die Wälle mit Palisaden verstärkten. Erst jetzt fiel Anna auf, dass die bröckelnden Stellen nur noch vom Unkraut zusammengehalten wurden.

»Wenn sie wiederkommen, können sie hier hereinspazieren wie in einen Stall«, bestätigte Gertraut Annas Befürchtungen. Sie tippte mit dem gichtigen, schmutzgeränderten Finger gegen die morschen Dauben. »Das muss auch mal wieder geflickt werden.« Rasselnd ließ sie die Kette wieder in den Schacht gleiten. Sie wies auf Annas rot glänzendes Haar, das ihr nur von einem Band gehalten über die Schultern fiel. »Wenn du nicht willst, dass die Knechte dich ins Heu zerren, steck das unter ein Kopftuch. Schaust ja aus wie eine Gauklerin!«

»Nenn mich nicht Gauklerin!«, fuhr Anna sie an. Schon früh hatte sie sich Spott anhören müssen, ihr wirklicher Vater sei ein unehrlicher Vagant. Umso mehr achtete die Mutter auf ihre Tugend. Während die anderen Mädchen mit bloßen Ellbogen beim Waschen die Blicke der Männer genossen, durfte sie den Ärmel nur über die Handgelenke schieben.

Gertraut wirkte von dem Ausbruch überrascht, dann zuckte sie die Achseln. Regina schnitt der Alten eine Grimasse, als diese für einen Moment abgelenkt wurde und den Küchenjungen anbrüllte. Wider Willen musste Anna verstohlen lächeln.

»Geh lieber zurück, ehe die Leute noch mehr über dich und den Herrn reden«, tuschelte Regina. »Es war nicht besonders klug herzukommen. Ulrich hätte dich schon verlassen sollen, als sein Vater ihn verheiratete.«

»Es war nicht seine Idee, standesgemäß zu heiraten«, erwiderte Anna mit unterdrückter Heftigkeit. »Auch nicht die seiner Frau. Er musste seinem Vater gehorchen. Aber Liebe kann man eben nicht einfach befehlen und verbieten.« Sie wusste über Ulrichs Gemahlin Jutha nur, was die Leute redeten: dass sein Vater durch diese Ehe eine Fehde beendet hatte. Und dass die Gatten, abgesehen davon, dass sie zwangsweise Tisch und Bett teilten, nicht viel verband.

»Dann tu mir den Gefallen und werde wenigstens nicht schwanger. Eine Schwangerschaft mit Mutterkorn abzubrechen ist lebensgefährlich. Du weißt, wie du vorsorgen kannst?« Regina zog Anna zu sich heran und flüsterte hastig: »Weidenblätter oder Kohlblütensamen, in einem kleinen Bausch aus Wolle! Führe es ein, bevor du bei ihm liegst.«

Anna nickte, da quietschten die rostigen Torangeln. Sie blickte auf und wurde feuerrot. Hastig zupfte sie ihre braune Cotte zurecht, die wie ein nasser Lumpen an ihr klebte. Auf einmal spürte sie die Kälte nicht mehr. Der Burgherr ritt in den Hof.

Ulrich von Rohrbach war Anfang zwanzig. Trotz des stürmischen Wetters trug er keine Kopfbedeckung, so dass man sein blondes Haar sehen konnte. Die blassblauen Augen wirkten wie immer verschleiert, was Anna vom ersten Tag an gereizt hatte. Er trug eine blaue Cotte und darüber den grünen Surcot, der vorn und hinten zum Reiten geschlitzt war. Das mit glänzendem Stoff gefütterte Übergewand war am Hals aufwendig bestickt und wurde von einem bronzebeschlagenen Ledergürtel gehalten. Anna ertappte sich dabei, das Spiel der Muskeln unter dem feuchten Stoff zu beobachten. Mit dem schimmernden Schwert und den Metallbeschlägen am Sattelzeug wirkte er, als käme er soeben vom Hof des Königs – und als wäre er unbesiegbar. Ulrich sprang aus dem Sattel und übergab die Zügel einem Reitknecht. Dann kam er mit federnden Schritten durch den Regen auf sie zu.

Nur ein kurzer Blick, der Annas Herz einen Sprung machen ließ, verriet, dass ihr Umgang über das Schickliche hinausging. »Deine Eltern und ihr Geselle leben«, sagte er.

»Ich danke Euch«, brachte Anna hervor. Es gelang ihr nicht annähernd so gut wie ihm, ihre Gefühle zu verbergen. Am liebsten hätte sie ihn wieder umarmt. Martin war tot, aber wenigstens ihre Eltern lebten. Als sie gestern fast besinnungslos vor Angst in seine Arme gefallen war, hatte sie alles unzusammenhängend hervor gestoßen: der seltsame Ritter, Martin … Ulrich hatte sie beruhigend festgehalten und erst losgelassen, als Gertraut nach ihrem Ellbogen griff.

»Was den fremden Ritter betrifft«, fuhr Ulrich fort. »Es scheint so, als sei er noch in der Gegend. Die Leute haben Angst und erzählen sich unheimliche Geschichten über ihn. Ihn selbst kannte niemand, aber es heißt, Heinrich von Wolfsberg sei in seinem Gefolge gewesen. Vermutlich hat er deinen Bruder getötet.«

Anna schlug erschrocken die Hände vor den Mund. Auch wenn sie ihn noch nie gesehen hatte, kannte jedes Kind im Lechrain diesen Namen. Heinrich von Wolfsberg war ein schwäbischer Ritter, der seine Plünderungen mit Vorliebe bei Landsberg unternahm. Wegen seiner unersättlichen, wölfischen Gier nannte man ihn den »Fraß«. Fröstelnd zog sie die Schultern zusammen.

»Es könnte durchaus sein, dass der Fremde einen neuen Angriff unternimmt. Wir haben zwar nicht viel Platz, aber es wäre sicherer, wenn du vorerst auf der Burg bleiben würdest.«

»Ich bin es gewohnt zu arbeiten«, versicherte Anna. Auch wenn es seine Pflicht war, sie zu schützen, war sie Ulrich unendlich dankbar. Und sicher hatte er nichts dagegen, dass sie so in seiner Nähe sein würde.

»Gut. Jutha ist schwanger«, erklärte er. Der Name seiner Gemahlin kam ihm beiläufig über die Lippen, doch Anna versetzte es einen Stich. Das hatte sie nicht gewusst. Sie hatte es nie fertiggebracht, mit ihm über seine Frau zu sprechen.

»Du wirst ihr und Gertraut zur Hand gehen.« Ein Küchenmädchen, das über den Hof kam, blickte vielsagend von Anna zu ihm und kicherte verstohlen. Ulrich bemerkte es. Mit einem kurzen Nicken beendete er das Gespräch und rief den Waffenmeister. »Mein Vater wird sich daran gewöhnen müssen, dass ich meine eigenen Entscheidungen treffe«, hörte Anna ihn halblaut auf eine Frage antworten. Er sah sich nach ihr um und zog den alten Kämpen von den Frauen weg zur Rüstkammer. »Diese Plünderung ist eine Strafe Gottes. Wenn ich meine Abgaben nicht eintreibe, werde ich mir wieder Vorwürfe anhören müssen. Aber tue ich es doch, laufen mir noch mehr Bauern davon.«

Gertraut stieß sie an. »Starr ihn nicht so an, wenn du einen Rat willst. Herr Ulrich ist ehrgeizig, der will nach oben, nicht nach unten. Und meistens bekommt er, was er will: Als Kind war er so kränklich, dass sein Vater ihn ins Kloster schicken wollte. Aber Ulrich hat mit dem Schwert geübt, bis er Muskeln ansetzte. Jetzt träumt er vom Dienst bei Hof, von Turnieren und Kriegszügen. Er zahlt den abgemachten Lohn, es gibt zu essen, und er greift den Mägden nicht unter den Rock – zumindest bisher nicht«, sagte sie misstrauisch. »Also stell dich besser gut mit seiner Frau, die hat hier nämlich viel zu sagen.«

Anna blickte zur Seite, und die Alte sah sie beinahe mitleidig an. »Was findet ihr jungen Dinger bloß an der Liebe? Entweder die Kerle tun einem weh, oder man bekommt einen Bauch davon. Schlimmstenfalls beides.« Ehe Anna fragen konnte, ob sie hierin ihre Erfahrungen hatte, hob Gertraut den Eimer vom Brunnenrand. Angewidert schob sie mit dem Fuß eine tote Ratte zur Seite. »Los, mach dich nützlich, du bist nicht hier, um Maulaffen feilzuhalten!«

Regina hob die Brauen und machte sich aus dem Staub zur Schusterbude. Gemeinsam schleppten Anna und Gertraut das Wasser über den Hof, um die Pferde zu tränken. Anschließend sahen sie nach den Vorräten. Überwältigt stand Anna im Kellerhaus. Im Halbdunkel türmten sich säuerlich riechende Fässer mit Kraut und in Salz und Essig eingelegtem Gemüse. Dinkel und Roggen waren kaum von Mäusen verunreinigt. Als sie die wacklige Leiter zum Dachboden hinaufstieg, war der Boden mit Kirschen, Birnen und Pflaumen bedeckt, die zum Trocknen auslagen und verlockend dufteten. In ihrem Elternhaus gab es nur zwei Apfelbäume.

»Komm endlich da runter!«, rief Gertraut unwirsch von unten. »Ich sehe schon, du wirst mich nicht verdrängen, so faul, wie du bist. Ich weiß gar nicht, warum der Herr dich überhaupt hierbehält. Was meinte er vorhin, mit diesem fremden Ritter?«

»Ulrich tut nur seine Pflicht! Dieser Ritter wollte mich töten.« Anna blieb auf der Leiter stehen. Sie dachte an die Augen des Fremden, die bis auf den Grund ihrer Seele zu sehen schienen, und dann an das Blut an seinen Händen. Hasserfüllt setzte sie nach: »Ich habe ihn zum Teufel gewünscht!«

»Jesus Maria!« Die Alte bekreuzigte sich. »Du hast einen Fluch ausgesprochen?«

Anna antwortete nicht, aber ihre Finger klammerten sich an die Leiter. So genau wusste sie nicht mehr, was sie in ihrer Verzweiflung gesagt hatte. Als sie gestern verängstigt in Ulrichs Arme gefallen war, hatte sie nichts davon erwähnt. Plötzlich begriff sie, wie gefährlich dieses Versäumnis war.

»Gegen einen Ritter! Du arme Närrin!«, stöhnte Gertraut. »Ist dir klar, was du angerichtet hast?«

Anna ahnte die Antwort, es war ein entsetzliches Gefühl.

»Dieser Mann wird dich bis ans Ende der Welt verfolgen«, hörte sie Gertrauts Stimme von unten. »Selbst wenn er nicht an Magie glaubt, müsste er es tun. Wenn sich das herumspricht, verliert er alles. Welche edle Dame würde einen Verfluchten heiraten? Und sein Herr würde ihn auch nicht mehr im Heer haben wollen – der österreichische König ist für seine Dämonenfurcht bekannt. Er wird dich suchen.«

»Und wenn er mich findet?« Anna bemühte sich krampfhaft, das Zittern ihrer Hände zu verbergen. Auf einmal fühlte sie sich wieder verlassen – und furchtbar ausgeliefert. Sie stieg die letzte Sprosse hinab und sah in das grinsende Gesicht der Alten.

»Bist du so dumm oder tust du nur so? Natürlich wird er dich töten«, antwortete Gertraut. »Nur so kann man einen Fluch brechen. Wo immer er jetzt ist, er wird darauf warten, dass du die Burg verlässt. Und dir dann die Kehle durchschneiden.«

3

Die ersten Tage deutete nichts darauf hin, dass der fremde Ritter zurückkehren würde. Sosehr sich Anna nach Ulrich sehnte, richtete sie doch ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Arbeit – als könnte der immer gleiche Rhythmus die verlorene Sicherheit in ihr Leben zurückbringen. Ulrich suchte ihre Nähe zunächst nicht, er ließ sie um Martin trauern. Obwohl sie ihm dafür dankbar war, hätte sie sich doch gern in seine Arme geschmiegt. Im Augenblick wollte sie nicht an die Zukunft denken, sie war einfach nur froh, bei dem Mann zu sein, den sie liebte.

Wenn sie die Pferde tränkte, erkundigte sie sich bei den Knechten nach dem Fremden. Doch niemand wusste etwas über ihn. Im Heer der Österreicher kämpfte ein bunter Haufen aus Schwaben, Ungarn und Böhmen. Und wenn er am Ende ein Soldritter war, konnte er überallher stammen, selbst aus dem Sarazenenland. Wohin er, wenn es nach ihr ging, auch gerne zurückkehren konnte!

»Das wird er nicht tun«, lachte der Reitknecht Hartmut, als sie den Gedanken aussprach. Liebevoll schlug er Ulrichs großem Schimmel auf die Flanke. »Es geht um die Krone!«

Friedrich von Habsburg und sein bairischer Vetter Ludwig von Wittelsbach, erfuhr Anna, stritten seit einem Jahr um die höchste Würde des Reichs. Die sieben Kurfürsten, die traditionell den Herrscher wählten, hatten sich nicht einigen können. Schließlich war Ludwig mit einer Stimme Mehrheit in Aachen gesalbt worden.

»Was ihm aber nichts nützte, weil der König einstimmig gewählt sein muss. Friedrichs Anspruch war genauso gut oder genauso schlecht wie Ludwigs. Also ließ sich der Habsburger seinerseits zum König krönen.« Hartmuts Hand glitt am Bein des Pferdes herab. Wie immer behandelte er das Tier sanft, was Anna von Anfang an gemocht hatte. Er hob den Huf auf seine ausgebleichten Beinlinge, um ihn zu reinigen, und als er sich bückte, sah die Bruche unter seinem Kittel hervor. »Wir sollten beten, dass es am Ende der Baier wird.«

Ulrichs Waffenknecht Gernot kam heran, und das Tier scheute. Grob riss er es an den Zügeln. Anna mochte ihn nicht besonders. Die Art, wie er mit den Tieren umging, erweckte in ihr den Eindruck, dass er mit Menschen genauso umspringen konnte. Vor allem, wenn sie nicht seine Muskelpakete hatten.

»Es heißt, Ludwig könne die Vögel nicht rupfen, die er gefangen hat«, wandte Gernot ein. »Wenn er Gefangene macht, lässt er sie ungeschoren laufen. Auch wenn er das Lösegeld hochtreiben könnte.«

»Aber er hält die Inquisitoren an der kurzen Leine«, hielt Hartmut dagegen. »Der Habsburger, Friedrich, soll rachsüchtig und grausam sein, und er gilt als Anhänger des Papstes. Du Narr, wenn er an die Macht kommt, brennen hier bald wieder die Scheiterhaufen.«

Bevor sie weiter in Streit gerieten, mischte Anna sich wieder ein. Sie erfuhr, dass Friedrich, der das größere und schlagkräftigere Heer besaß, den Zwist offenbar schnell beenden wollte. So hatte er die Fehde nach Baiern getragen. Es war eine schlechte Zeit für einen Krieg – der Sommer war wieder regnerisch gewesen, der Winter härter denn je.

»Während sich die Herren um die Krone streiten wie zwei Hunde um einen Knochen, wird das Brot immer teurer«, beendete Hartmut das Gespräch. Er griff in die Mähne des Schimmels und führte ihn in den Stand. »Gott wird entscheiden, wer herrschen soll. Aber wenn er es nicht bald tut, kommen böse Zeiten auf uns zu.«

Er sollte recht behalten. Drei Tage nachdem Kaltenberg niedergebrannt worden war, verlangten einige Häusler nach der Burgherrin. Sie waren Kleinbauern und lebten am Rand der Burgsiedlung, manche arbeiteten auch für den Herrenhof. Anna hatte sie nur selten gesehen und erschrak, als sie ihnen am Bergfried begegnete. Die wettergegerbten Gesichter waren von Geschwüren verunstaltet, die Cotten verschlissen und notdürftig geflickt. Lena, die Tochter des Häuslers Franz, war letztes Jahr ein lebendiges Kind gewesen. Jetzt schimmerten die zarten Knochen durch ihr aschfahles Gesichtchen, und ihr Bauch war unnatürlich geschwollen. Obwohl sie eine löchrige Decke um die schmalen Schultern gezogen hatte, zitterte sie und hustete immer wieder trocken, so dass sich alles in Anna zusammenzog. Auf dem Arm schleppte sie das Jüngste der Sippe, das ununterbrochen schrie. Kaum jemand konnte sich noch Rüben, Kohl oder gar Fleisch leisten. Aber dass es die Ärmsten unter ihnen so schlimm getroffen hatte, hatte Anna nicht gedacht.

»Bitte erlasst uns die Abgaben dieses Jahr, Frau Jutha«, sagte der Häusler, als die Burgherrin aus dem Palas herüberkam. Sie hatte sich hölzerne Trippen unter die Schuhe geschnallt und das lange Übergewand gerafft, um die feine blaue Wolle nicht am Boden zu beschmutzen. Wenn sie von dem Gerede über ihre neue Magd wusste, ließ sie sich nichts anmerken. Umgekehrt musste Anna gegen eine glühende Eifersucht ankämpfen, wann immer sie sich begegneten.

»Nach dem verregneten Sommer kam die Plünderung und hat alles zerstört«, fuhr der Mann fort. »Mein Vater spuckt Blut und kann nicht arbeiten.«

»Das Kind«, flüsterte die Häuslersfrau. Ihre Arme waren vom ständigen Stillen ausgezehrt wie trockene Äste. Obwohl sie noch jung war, hatte der Hunger bereits ihre Zähne im dunkelblau geschwollenen Fleisch gelockert. Die Nähe des Todes war so deutlich zu spüren, dass Anna sich unwillkürlich bekreuzigte.

Der Anblick schien auch Jutha zu irritieren. »Die Getreidepreise setzen uns allen zu«, versicherte sie. »Der König tut alles, damit ihr bald wieder mehr für euer Saatgut bekommt.« Ihre Stimme klang gepresst, und wenn sie sich um einen huldvollen Ausdruck bemühte, wurde sie durch das Gebende daran gehindert – das Kinnband, das ihr regelmäßiges Gesicht unter dem Schleier straff umschloss. Anna erinnerte es an die Art, wie man Toten den Kiefer hochband. Sie fragte sich, wie die Burgherrin überhaupt sprechen konnte.

»Der König macht den Boden nicht fruchtbar!«, erwiderte der Häusler. Aber sie hörte die Angst in seiner Stimme. Anna hielt es nicht mehr aus. Sie lief zu der kleinen Lena und nahm ihr den Säugling ab. Der Atem der Kleinen stank, wahrscheinlich hatte sie die Mundfäule.

»Wir haben doch noch Vorräte«, sagte sie, an Jutha gewandt.

»Seit wann entscheiden die Mägde hier?«, fuhr die Herrin sie an. »Wenn du nicht in die Burgsiedlung zurückgeschickt werden willst, benimm dich deinem Stand entsprechend!«

»Es sind genug Menschen gestorben!«, erwiderte Anna heftig. Sie sah den Burgherrn aus dem Stall kommen. »Ulrich!«

»Meine Frau hat recht. Aber vielleicht können wir eine Ausnahme machen«, beschloss er, nachdem die Leute ihre Bitte wiederholt hatten. »Setzt euch zu den Handwerkern. Anna …«, er zögerte, als er ihren Namen aussprach, »… Anna soll euch Kraut und Brot bringen.«

Jutha hatte schon die Lippen zusammengepresst, als Anna ihn beim Vornamen rief. Jetzt sah sie zornig von ihm zu dem Mädchen.

»Wollt Ihr, dass sie auch noch davonlaufen?«, kam er ihr halblaut zuvor. Er wandte sich an Lena: »Du brauchst einen Arzt. Der Spielmann soll etwas davon verstehen. Geh zu ihm, er ist in der Küche!« Er nahm den Arm seiner Frau, doch die Geste wirkte kühl. Anna musste daran denken, wie er sie selbst berührte. Ihre Blicke trafen sich, und sie wusste, dass er dasselbe dachte.

»Und, Anna«, meinte er beiläufig, »sag deinem Vater, dass du noch ein paar Tage bleiben wirst. Er müsste drüben bei den Handwerkern sein. Ich komme gleich nach.«

Die Häusler stießen sich an, als sie das noch warme Dinkelbrot und duftende Krautsuppe mit Schmalz vorgesetzt bekamen. Unter dem aus Ästen gefügten Regendach, wo sich auch die Buden der Handwerker ans Gesindehaus duckten, rückten sie zusammen. Anna hatte Ulrichs Befehl in ihrem Sinne ausgelegt und brachte einen Krug Fastenbier: stark und nahrhaft, besser als Dünnbier oder gar das von der Flut verseuchte Wasser. Da man auf Kaltenberg beim Brauen nur Hopfen, Malz und Wasser verwendete, würden auch die Kinder keinen Schaden nehmen – was man von dem bei ihnen zu Hause gebrauten Zeug nicht sagen konnte. Jede Hausfrau hatte ihre eigene Grut – ihre Kräutermischung, der sie oft Bilsenkraut und andere Rauschmittel zusetzte.

Anna fegte die schmutzigen Reiser in den Hof und legte frische aus, die der Küchenjunge gebracht hatte. Wütend kam der Koch herüber und suchte einen Topf Honig, der aus der Küche verschwunden war. Er überzeugte sich, dass unter den löchrigen Kleidern der Häusler niemand das Diebesgut versteckt hielt.

Anna wartete, bis er wieder weg war, dann griff sie unter das Leintuch in ihrem Gürtel und steckte der kleinen Lena einen in ein Tuch gewickelten Gegenstand zu. Überrascht sah das Kind sie an. Anna legte den Finger auf die Lippen und lächelte. Auf der Burg würde ein Topf Honig nicht ins Gewicht fallen, aber Lena würde er helfen zu überleben.

Während sich die Hunde knurrend um die Reste balgten, brachte sie noch einen Krug Bier zu den Handwerkern. Zwiespältige Gefühle stritten in Anna. Die Burgschmiede war der letzte hölzerne Vorbau vor dem Tor, seit der Plünderung hatte sie sie gemieden. Aber nach Martins Tod gab es nur noch ihre Eltern. Auf einmal sehnte sie sich nach ihnen. Sie zog das Tuch über den Kopf, um sich vor dem wieder einsetzenden Regen zu schützen. Vor dem Eingang wartete ein frisch beschlagenes Pferd, das Feuer warf seinen warmen Schein heraus. »Vater?«

Der Qualm zog durch das Loch in der Decke kaum ab. Im Dunkel konnte sie den breiten Rücken, der über die Esse gebeugt war, nicht erkennen. Der Schmied tauchte einen hellglühenden Vierkantstab ins Wasser. Das Zischen übertönte Annas Stimme, und er griff mit der Zange nach dem zweiten Werkstück. Langsam legte er einen Stab mit rotglühendem Ende auf den Amboss und hob den Hammer. Anna hielt die Hände an die Ohren. Sie kannte Leute, die durch den Lärm beim Stauchen taub geworden waren. Klirrend schlug der Hammer auf das Eisen, und die Muskeln unter der schweißglänzenden Haut bewegten sich im selben Rhythmus. Sie nutzte eine Pause und rief noch einmal nach ihm, so laut sie konnte. Der Schmied legte das Eisen auf den Amboss und drehte sich zu ihr um. Es war Kilian.

Anna wollte auf dem Absatz kehrtmachen, doch ihr Verlobter war schneller. Er packte sie und zog sie zu sich heran.

»Du bist mir ein schönes Luder!«, fuhr er sie grußlos an. Das verfilzte helle Haar hing ihm trotz des Tuchs, das es halten sollte, in die Augen wie einem Stier. »Ist es wahr? Bist du seine Metze?«

Die Plünderer hätten sie fast umgebracht, und seine einzige Sorge galt ihrer Unschuld! Anna ertappte sich bei dem Wunsch, er und nicht Martin wäre gestorben. »Ich freue mich auch, dass dir nichts geschehen ist!«, erwiderte sie spöttisch. Neben seiner Riesengestalt kam sie sich vor wie ein schmächtiges Kind. Sie wollte sich befreien, doch der muskulöse Arm hielt sie unerbittlich.

»Die Leute reden schon. Wenn du nicht sofort zurückkommst, wirst du es bereuen«, drohte er. »Und deine Mutter behauptet, du bist nicht ihr Kind, eine Hexe hätte ihr damals ein Wechselbalg untergeschoben.«

Anna kämpfte gegen ein Gefühl von Enge in ihrer Kehle. Sie wusste, wie sehr ihre Mutter immer gefürchtet hatte, die Tochter könnte ins Gerede geraten. Aber sie hatte nicht gedacht, dass diese Angst größer war als ihre Mutterliebe.

»Kein Wunder«, stocherte Kilian in der Wunde. »Du hast ja gleich zwei edlen Herren den Kopf verdreht!«

Annas Widerstand erlahmte. »Zwei?«, flüsterte sie.

»Da schaust du! Ein fremder Ritter hat nach dir gefragt«, sagte er. »Ein dunkler Bursche, wollte wissen, wer und wo du bist. Die Allgeierin schwört, sie hätte ihn bei den Plünderern gesehen. Hat sich wohl vor Angst ins Hemd gemacht, jedenfalls hat sie ihm gesagt, wo du bist.«

Mit weit geöffneten Augen starrte Anna ihn an. Sie hatte es befürchtet: Der fremde Ritter suchte sie!

»Schämen solltest du dich!«, brüllte er sie plötzlich an. Er zog sie so dicht heran, dass sie gegen seine fettglänzende Lederschürze prallte und die Schweißperlen zwischen seinen Bartstoppeln sehen konnte. Wie um sie zu schlagen, hob er die Hand, und Anna erschrak. Obwohl er nie ein sanfter Mann gewesen war, schien es, als hätte ihn das Geschehene noch härter gemacht. »Mit diesen Händen habe ich mir erarbeitet, wo ich bin! Das lasse ich mir nicht nehmen.« Wenigstens ließ er seine Pranke sinken. »Du bist jetzt die einzige Erbin der Schmiede. Sobald Herr Ulrich seine Erlaubnis gibt, werden wir heiraten.«

Anna riss sich zornig los. »Martin ist tot! Niemand wird mich zu einer Ehe zwingen, schon gar nicht vor dem Ende der Trauerzeit!«

»Das Leben geht weiter.« Er zerrte sie zu sich heran. »Wir werden ja sehen, ob Herr Ulrich seine Zustimmung noch verweigert, wenn ich es dir erst einmal besorgt habe!«

Anna wollte sich losreißen, doch er hielt sie unerbittlich mit seinen schweißglänzenden Armen fest. Das Zischen der Esse, die Rufe der Handwerker übertönten ihren Schrei. Er warf sie an die Bretterwand und riss ihr das Kleid auf der Brust auf. Mit einer Faust hielt er ihre Hände mühelos an der Wand fest, mit der anderen schob er die Lederschürze zur Seite und nestelte an seiner Bruche.

Annas Körper wurde steif. Auf einmal kamen die Bilder der Plünderung wieder – Mädchen, die krampfhaft unter wuchtigen Stö ßen zuckten. Männer, die ihren Kumpan von einer Frau herunterstießen, noch ehe er fertig war, um sie selbst zu nehmen. Wütend kratzte und biss sie, um sich zu befreien. Kilian packte sie brutal am Hals, dass ihr die Luft wegblieb. Speichel lief aus ihrem Mund. Er drängte sich an sie, drückte ihr einen gewaltsamen Kuss auf und wollte unter ihre Cotte greifen. Verzweifelt tastete sie nach den fertigen Stäben. Ihre Finger klammerten sich dar um, und sie schlug mit voller Wucht zu.

Keuchend taumelte Anna zur Seite, als er sie losließ. Sie rang hustend und würgend nach Luft. Dann versetzte sie ihm eine Ohrfeige. Überrascht machte der Schmied einen Schritt zurück, stolperte und stürzte mitsamt einem Bock mit Schwertern zu Boden. Holz splitterte, klirrend fielen die Klingen auf ihn. Er brüllte wie ein verwundeter Stier. Gerade noch konnte er schützend den Arm vors Gesicht halten. »Ich bringe dich um!«, brüllte er.

Anna klammerte die Hände fester um den Eisenstab. Das konnte er versuchen, aber sie würde sich nicht einfach in ihr Schicksal ergeben.

»Was ist hier los?«

Den Stab noch in der Hand, fuhr sie herum.

Unter dem Bretterdach stand Ulrich. Er sah von ihrem zerfetzten Kleid zu Kilian und begriff. »Ich hatte befohlen, die Finger von ihr zu lassen, du Bastard!« Ehe der Schmied aufstehen konnte, versetzte er ihm eine Ohrfeige, die ihn quer durch den Raum schleuderte. Kilian torkelte gegen den Amboss und riss dabei den schweren Schmiedehammer herab. Das Werkzeug fiel in die Esse, Funken stoben auf und trafen seinen Arm. Er brüllte vor Schmerz.

Ulrich kam ihm nach und versetzte ihm einen Schlag in den Bauch, der ihn vornüberkippen und nach Luft schnappen ließ. Das Gesicht des Burgherrn hatte sich zu einer wütenden Fratze verzerrt. In seinem schlanken Körper steckte eine enorme Kraft. Er bewegte sich so schnell, dass Kilian nicht einmal die Zeit hatte, den Arm zu heben. Ulrich riss das Schwert hoch, da fiel ihm Anna in den Arm.

»Nein!«, schrie sie.

Er hielt überrascht inne.

»Es ist ja nichts geschehen«, keuchte Anna. Sie spürte Ulrichs harte Muskeln unter ihren Fingern, seinen schnellen Atem. Die gegürtete Cotte war makellos, nur die Wärme seines Körpers verriet die Anstrengung. »Ich bitte Euch«, stieß sie hervor. »Es wird nicht mehr vorkommen.«

Kilian lag einen Moment bewegungslos. Dann kam er langsam hoch und starrte seinen Herrn ungläubig an. Überall an Oberkörper und Gliedmaßen hatten die Klingen Schrammen hinterlassen. Die Lederschürze hing in Fetzen, und von der Schläfe rann Blut aus einem tiefen Schnitt über sein Gesicht. Er hielt sich den Arm.

Die Diener, Mägde und die Handwerker und Häusler waren herbeigelaufen und standen stumm im Eingang zur Schmiede. Wer durch den Eingang nichts sehen konnte, versuchte durch die Ritzen einen Blick zu erhaschen.

Endlich verschwand die Wut aus Ulrichs Gesicht. »Wie du willst«, sagte er. Er ließ das Schwert sinken. Anna erinnerte sich, dass ihr Kleid vorn aufgerissen war. Hastig raffte sie den Stoff vor der Brust und brachte mit der Linken ihr Haar in Ordnung. Ihre Finger zitterten.

Ulrich wandte sich an Kilian. »Verschwinde!«, fuhr er ihn an. »Lass dich hier nie wieder blicken, oder ich hetze dir die Hunde auf den Hals!«

Angst und Zorn kämpften in dem Schmied, offenbar hatte er seinem Herrn nichts dieser Art zugetraut. Ein hasserfüllter Blick traf Anna. Doch er wagte keinen Widerspruch, sondern presste die Finger auf den Arm und humpelte hinaus. Schweigend bildeten die Menschen eine Gasse. Kilian torkelte auf das Tor zu, und die Hunde, die dort angekettet waren, bellten und sprangen auf. Ein Waffenknecht warf einen fragenden Blick nach seinem Herrn.

Ulrich schüttelte den Kopf. Er wischte die Blutspritzer ab, die ihn auf der Wange getroffen hatten. Dann wandte er sich an das Gesinde und die Bauern, die stumm auf die Szene starrten. »Geht wieder an die Arbeit! Und du«, wandte er sich an Gertraut, die mit den andern herbeigerannt war, »mach hier Ordnung!«

Gertraut holte eine Schaufel und begann, Erde auf den gestampften Boden zu schippen. Er trat unter das Vordach, wo der Regen noch immer von den Schindeln tropfte. Auf einmal sah er Anna an. »Dein Kleid ist zerrissen«, sagte er. »Komm mit in den Palas, ich lasse dir ein neues geben.«

Anna war noch nie im Herrenhaus gewesen. Wie sie es gewohnt war, tauchte sie die Finger in das Weihwasserbecken neben der Tür und bekreuzigte sich. Ulrich führte sie eine schwach von Talglampen beleuchtete Stiege zum ersten Stock hinauf. Niemand war zu sehen, und der Lärm des Burghofs drang nur gedämpft her ein. Trotzdem beeilte er sich und blickte sich immer wieder besorgt um. Er öffnete eine Tür und schob sie in ein getäfeltes Gemach.

Die Läden des kleinen Rittersaals waren geschlossen, so dass kaum Zug hereindrang. Es war, als schlössen sie zugleich auch Krieg und Elend aus. Ein Kohlenbecken spendete Wärme ohne den Qualm, der in Annas Elternhaus alles durchwölkte. Scheu betrachtete sie den Faltstuhl – ein unerdenklicher Luxus für einfache Leute. An den Wänden hingen Helme und Schilde mit dem Wappen seiner Familie, einer Hopfendolde auf schwarzweißem Grund. Die gegenüberliegende Wand schmückten Jagdtrophäen von Ebern und Hirschen. An den nackten Fesseln spürte Anna die rauen Haare eines Bärenfells, das den Boden bedeckte. Sie wusste, dass Ulrich, wie sein Vater, ein leidenschaftlicher Jäger war.

Er machte keine Anstalten, eine Magd nach einem Kleid zu schicken, kam aber auch nicht näher. Anna war ihm dankbar. Sosehr sie sich wünschte, wieder in seinen Armen zu liegen, saß ihr der Schrecken doch noch in den Knochen.

»Nenn mich vor Jutha und dem Gesinde nicht beim Vornamen«, sagte er, kaum hatte er die Tür hinter ihnen geschlossen.

»Ich habe niemandem etwas verraten, nicht einmal in der Beichte«, erwiderte Anna zurückhaltend. Niemals hätte sie ihm gesagt, wie verletzt sie gewesen war, als sie von seiner Heirat erfahren hatte, und wie schwer es ihr fiel, Jutha ehrerbietig zu begegnen. »Vater Paulus würde mich aus der Gemeinde ausschließen, wie eine …« Sie unterbrach sich, als sie seinen Blick bemerkte, und sah an sich herab. Unter dem Kleid zeichnete sich ihr Körper deutlich ab. Ihre Brustwarzen traten vor Kälte hervor, und der nasse Stoff schmiegte sich an ihre Beine und ihren Schoß.

»Du musst ja frieren!«, sagte Ulrich endlich. Er verschwand im Nebenzimmer und kam mit einer dunklen Wolldecke zurück. Dankbar griff Anna danach. Er beobachtete sie, als sie sich Haar und Gesicht trocknete, ohne sich selbst auch nur das Wasser aus der Stirn zu streichen. Es tropfte aus dem blonden Haar auf seine Lippen und ließ seine sonst so unbeteiligten Augen glänzen. Ihre Blicke glitten über die Muskeln an seinen Armen, die sich unter dem feuchten Stoff deutlich abzeichneten. Auf einmal kam er heran und küsste sie.

Ein Schauer rann über ihren Rücken. Sie hörte seinen Atem schneller gehen und spürte seine Hand über ihren Schenkel gleiten. Sonst genoss sie es, wenn er Stellen an ihrem Körper entdeckte, die sie selbst nicht einmal gekannt hatte. Aber heute wünschte sich Anna, er würde sie einfach in die Arme nehmen, wie früher Martin. Sie versuchte die Plünderung und seinen Tod zu vergessen und wollte sich an Ulrich schmiegen. Doch statt sie festzuhalten, ließ er seine Hand über ihre Brüste gleiten und küsste sie fordernder. Sanft schob sie ihn von sich weg.

»Ist es wegen Jutha?« Es klang überrascht, als deute er ihre Geste anders. »Glaub mir, wenn sie jemand gefragt hätte, hätte sie mich auch nicht gewählt – und diesen dreckigen, zugigen Adlerhorst.« Seine Stimme war einen Moment widerwillig geworden. »Die Ehe ist eine Pflicht wie jede andere, vielleicht sehnen wir uns deshalb alle nach dem Verbotenen.« Er strich ihr das nasse rote Haar aus dem Gesicht. »Es gefällt mir, wenn du dein Haar offen trägst. Es ist schwer zu bändigen, das passt zu dir. Aber das weißt du, nicht wahr?«

»Sie würde mich am liebsten hinauswerfen. Ich sollte ins Dorf zu rück.« Unvermittelt brach die Neuigkeit aus Anna heraus: »Aber der fremde Ritter sucht mich, ich brauche deinen Schutz.«

Ulrich legte ihr den Finger auf den Mund und hob ihr Gesicht. Langsam näherte er sich ihren Lippen und küsste sie wieder.

Ein Wassertropfen fiel von seiner Stirn auf ihre und rann über ihre Wange. Er griff nach ihrer Hand, mit der sie die Decke vor die Brust hielt, und schob sie zur Seite. Sie erwiderte seine Küsse, und das Gefühl der Verlorenheit ließ etwas nach. Langsam streifte Ulrich ihr das nasse Kleid ab und ließ es zu Boden gleiten. Als er sich unter den feuchten Gewändern an sie presste, fühlte sie seine Erregung.