Die Gedanken sind frei - Wolf Rüdiger Klinz - E-Book

Die Gedanken sind frei E-Book

Wolf Rüdiger Klinz

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Beschreibung

Wolf Rüdiger Klinz wurde 1941 als Sohn eines deutschen Vaters und einer österreichischen Mutter geboren. Seine Biografie ist eine spannende Rückschau auf das bewegte Leben eines überzeugten Europäers in internationaler Wirtschaft und Politik.
Klinz gewährt vielfältige Einblicke in sein Denken und Tun. Ob als Partner bei McKinsey, Vorstandsvorsitzender der Hartmann & Braun-Gruppe oder IHK-Präsident in Frankfurt am Main: Liberale Grundprinzipien, lebenslanges Lernen und eine optimistische Weltsicht waren gleichermaßen Triebfedern und Konstanten für all seine Aktivitäten.
Als Vorstand der Treuhandanstalt wirkte Klinz an maßgeblicher Stelle an der Transformation der Staatswirtschaft der DDR mit. Und als Abgeordneter der Freien Demokraten im Europäischen Parlament in Brüssel und Straßburg stellte er sich in den Dienst der europäischen Integration.
Mit seinem klaren Bekenntnis zu Europa und seinem Plädoyer für ein mutiges und konsequentes Mitwirken an der europäischen Idee möchte Wolf Rüdiger Klinz v.a. junge Menschen begeistern. Sie sind die Zukunft. Wir sollten sie nach Kräften unterstützen.

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MOBI

Seitenzahl: 322

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Wolf Rüdiger Klinz

Die Gedanken sind frei

Mein Leben in Wirtschaft und Politik

Hinweis des Autors: Ich habe in meiner Biografie gegenderte Sprache dort gewählt, wo sie sich im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt hat, z. B. Bürgerinnen und Bürger. Alle sonst im generischen Maskulinum verwendeten Bezeichnungen umfassen selbstverständlich Personen männlichen, weiblichen oder diversen Geschlechts.

Alle in diesem Buch enthaltenen Informationen wurden nach bestem Wissen zusammengestellt und mit Sorgfalt geprüft und getestet. Dennoch sind Fehler nicht ganz auszuschließen. Aus diesem Grund sind die im vorliegenden Buch enthaltenen Informationen mit keiner Verpflichtung oder Garantie irgendeiner Art verbunden. Autor und Verlag übernehmen infolgedessen keine Verantwortung und werden keine daraus folgende oder sonstige Haftung übernehmen, die auf irgendeine Weise aus der Benutzung dieser Informationen – oder von Teilen davon – entsteht.

Ebenso wenig übernehmen Autor und Verlag die Gewähr dafür, dass die beschriebenen Verfahren usw. frei von Schutzrechten Dritter sind. Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigen auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne des Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benützt werden dürften.

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Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf vorheriger Zustimmung des Verlages. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

© 2021 Hanser Corporateim Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, MünchenLektorat: Barbara RuschHerstellung: Carolin BenedixCoverrealisation: Alexandra RusitschkaTitelmotiv: © Eurofi, Paris

Print-ISBN:        978-3-446-47137-5E-Book-ISBN:   978-3-446-47143-6ePub-ISBN:       978-3-446-47180-1

Für Rotraut, den Mittelpunkt unserer Familie,

unsere drei Kinder

Dagmar Ulrike Attolini

Kerstin Alexandra von Falkenhayn

Wolf Fabian Christopher Klinz

und die sieben Kindeskinder

Valentin, Anna, Oliver, Carlotta, Gustaf, Ylva, Casimir

Inhalt

Titelei

Impressum

Inhalt

Mit Optimismus und Tatendrang – ein Vorwort

1 Kindheit und Jugend

2 Studium

3 Israel – Heimat der Verfolgten

4 Postgraduate-Studien

5 Endlich Geld verdienen – Einstieg ins Berufsleben

6 McKinsey erobert Europa

7 Intermezzo in Aachen

8 Als Exot in der Innerschweiz – Vorstand bei Landis & Gyr

9 Nach der Wende – Treuhandanstalt Berlin

10 Rückkehr in die freie Wirtschaft

11 Präsident der IHK Frankfurt am Main

12 Europäisches Parlament – Die Politik tickt anders

13 Krisenjahre von 2009 bis 2014

14 Jahre der Stabilisierung – Die EU errichtet die Bankenunion

15 Wie ich mir die Europäische Union wünsche

16 Mehr Freiheit wagen – Die Freien Demokraten können mehr

17 Privates Glück – privates Leid

18 Rückschau und Ausblick

Danksagung

Mit Optimismus und Tatendrang – ein Vorwort

Ich hatte das Glück, 53 Jahre berufstätig sein zu können, rund 40 Jahre in der internationalen Wirtschaft und die restliche Zeit als Abgeordneter der Freien Demokraten im Europäischen Parlament in Brüssel und Straßburg. Während meines ganzen Berufslebens arbeitete ich sehr eng mit vielen jungen Menschen zusammen. Einige baten mich teils wiederholt, meinen Lebens- und Berufsweg schriftlich aufzuzeichnen und so ihrer Generation eine willkommene Orientierungshilfe zu geben.

Jüngsten Umfragen zufolge will mehr als die Hälfte der deutschen Studierenden nach erfolgreichem Abschluss in den öffentlichen Dienst eintreten. Ob tatsächlich aus Berufung oder eher aus Angst und Verunsicherung, ist allerdings unklar. Dieses Buch wendet sich bewusst an die Jugend, um ihr Mut zu machen, das Leben im Vertrauen auf die eigenen Stärken voll Optimismus in die eigenen Hände zu nehmen. Mein Lebensweg ist nicht von historischer Bedeutung, aber er zeigt, was möglich ist, wenn man angstfrei, mutig und mit Selbstvertrauen zu Werke geht, wenn man die Mitmenschen, ausländische allzumal, respektvoll behandelt, wenn man Wettbewerb und Risiko nicht scheut, wenn man anderen ihren Erfolg nicht neidet, sondern ihn als Ansporn für eigene Leistungen sieht, wenn man nach Niederlagen wieder aufsteht und weitermacht und wenn man den Staat nicht als obersten Dienstherrn betrachtet, sondern als Treuhänder und Dienstleister freier Bürgerinnen und Bürger.

„Eigentum verpflichtet.“ Meine Erfahrungen in der Wirtschaft, vor allem als Vorstand internationaler Konzerne, haben mir gezeigt, wie wichtig diese im Grundgesetz verankerte Forderung sowohl für eine erfolgreiche Unternehmensführung als auch für den Zusammenhalt der Gesellschaft ist. Nicht allein das Wohl der Kapitalgeber, sondern aller Stakeholder ist entscheidend.

„Europa ist unsere Zukunft, wir haben keine andere.“ Dieser Ausspruch Hans-Dietrich Genschers hat mich bei meiner Arbeit im Europäischen Parlament geleitet. Ich möchte die Jugend ermuntern, sich ebenfalls für die Zukunft Europas einzusetzen. Sie wird feststellen, wie viel Freude und Befriedigung ein solches Engagement mit sich bringt.

„Die Gedanken sind frei.“ Dieser vor mehr als 200 Jahren formulierte Anspruch ist zum Glück in unserem Land erfüllt. In vielen Regionen der Welt ist das leider immer noch nicht der Fall. Dabei müssen wir nicht nur auf China, Russland, Belarus und andere Länder außerhalb der Europäischen Union schauen. Auch in manchen ihrer Mitgliedstaaten geben Entwicklungen Anlass zur Sorge. Ich habe mich immer glücklich geschätzt, meine Gedanken und Ideen frei entwickeln und äußern zu dürfen.

Berlin, im Mai 2021

Wolf Rüdiger Klinz

1Kindheit und Jugend

Am 5. März 1960 erhielt ich nach erfolgreich absolvierter mündlicher Prüfung im Fach Gemeinschaftskunde das Reifezeugnis des Ratsgymnasiums Hannover. Ich ging gerne zur Schule und war ein guter Schüler, hatte aber nie den Anspruch, der Beste in einem Fach oder gar der Klasse zu sein. Allerdings war ich so fleißig wie nötig, um nie in Schwierigkeiten zu kommen oder in einen Lernrückstand zu geraten, den aufzuholen eine enorme Kraftanstrengung gekostet hätte.

Der Lehrer gab mir eine Aufgabe von hoher Aktualität und großer Brisanz:

„Im Januar wurde bekannt, dass die Bundesregierung beabsichtigt, ein vollständiges Notstandsrecht zu schaffen. Der Gesetzentwurf würde im Falle seiner Annahme im Bundestag und Bundesrat der Regierung vor allem das Recht geben, bei einem inneren oder äußeren Notstand Polizeikräfte und Bundeswehr einzusetzen und Verordnungen mit Gesetzeskraft zu erlassen, die auch bestimmte Grundrechte einschränken könnten.

1.      Da die Opposition . . . in einem solchen Notstandsrecht ein Wiederaufleben des Art. 48 der Weimarer Verfassung sieht, berichten Sie kurz über den Inhalt und die Folgen dieses Artikels.

2.      Prüfen Sie nach, ob die Opposition recht hat mit der Behauptung, dass das Grundgesetz genügend Handhabe biete, die Bundesrepublik vor einem inneren oder äußeren Notstand zu schützen . . . und die Grundrechte unter bestimmten Umständen auch jetzt schon ohne Verfassungsänderung einzuschränken.

3.      Wie würden Sie als Vertreter der Bundesregierung deren Entwurf begründen?“

Etwas anders verhielt es sich mit den Sprachen. Ich merkte schnell, dass ich sprachbegabt war, und so nutzte ich alle Möglichkeiten, die sich mir boten. Das bedeutete konkret, dass ich neben den Pflichtsprachen Latein, Griechisch und Englisch auch die Wahlfächer Französisch und Hebräisch belegte und außerhalb des Ratsgymnasiums bei einem Lehrer der Humboldtschule Spanisch lernte.

Das altsprachliche Ratsgymnasium führte seine lange Geschichte auf die mittelalterliche Lateinschule schola in Honovere zurück, die bereits 1262 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Da traditionell überdurchschnittlich viele ihrer Absolventen nach dem Abitur Theologie studierten, bot die Schule den Erwerb des Hebraicums an, das lange Zeit neben Latein und Griechisch Voraussetzung für ein Theologiestudium war.

Die Entscheidung, ein altsprachliches Gymnasium zu besuchen, traf nicht ich, sondern mein Vater, Albert Klinz, der als promovierter Altphilologe und Germanist am Ratsgymnasium als Oberstudienrat unterrichtete. Er liebte die alten Sprachen. Als an Schulen, an denen er lehrte, Griechisch als Lehrfach aufgegeben wurde, zogen wir zweimal um, damit er weiterhin Latein und Griechisch unterrichten konnte. Mein Vater, der seine pädagogische Laufbahn als Studiendirektor der Referendarausbildung in Niedersachsen beendete, schrieb viele Aufsätze und gab Bücher über Didaktik heraus. Ich habe mich oft gefragt, warum er nicht die akademische Laufbahn an einer Universität eingeschlagen hat, zumal er nicht nur ein guter Pädagoge, sondern auch ein glänzender Redner war. Wenn Universitätsprofessoren ans Ratsgymnasium kamen, um einen Vortrag zu halten, behandelte er das Thema in seinem Einleitungsvortrag oft schon so prägnant, dass die Hauptredner wie Ko-Referenten erschienen.

Vater stammte aus Halle an der Saale, wo er studierte und sein Berufsleben als Altphilologe an den Franckeschen Stiftungen begann. Sein Vater wiederum war Verwaltungsdirektor einer Berufsgenossenschaft gewesen und bereits mit 54 Jahren gestorben. Seine Mutter wohnte zeitlebens in Halle, sodass es nach der Teilung Deutschlands keinen direkten persönlichen Kontakt gab. So gut wie alle Vorfahren meines Vaters, mütterlicher- und väterlicherseits, stammten aus Halle oder nahe gelegenen Regionen.

Wien – Glückliches Leben bei den Großeltern

Meine Mutter Adele ist eine geborene Wienerin. Ihre Eltern, Franz Josef und Maria Anna Buna, und andere nahe Verwandte stammten ebenfalls aus Wien, deren Vorfahren wiederum aus Böhmen und Mähren, einem der Kronländer der K.-u.-k.-Monarchie Meine Mutter hatte 1938 maturiert, wie man in Österreich sagt, und auf ihrer Abiturreise meinen Vater kennengelernt. Eigentlich wollte sie Chemie studieren. Letztlich war die Versuchung, der Enge des Elternhauses zu entkommen, zu groß. Im Frühjahr 1939 heirateten meine Eltern standesamtlich in Wien, Mutter im Brautkleid, Vater in schwarzer Uniform der Waffen-SS.

Die Idylle dauerte nicht lange. Die großzügige, neu eingerichtete Wohnung in Halle an der Saale wurde nach etwas mehr als zwei Jahren im Sommer 1941 aufgegeben. Vater befand sich bei Kriegsausbruch bei einer Wehrübung und wurde sofort eingezogen. Allein mit meiner im Februar 1940 geborenen Schwester Gerlinde fühlte sich Mutter in Halle nicht wohl und zog zu ihren Eltern nach Wien. Dort kam ich am 13. September 1941 im Haus meiner Großeltern auf die Welt.

Mein Großvater hatte seinen Beruf als Handwerksmeister schon lange vorher aufgegeben und war Oberschulwart einer Schule in der Silbergasse in Wien-Döbling geworden, einem der schönsten Bezirke der Stadt. Die Großeltern lebten in einer großen Wohnung, in der wir problemlos unterkamen. Außerdem gab es einen mehr als 3 000 Quadratmeter großen Garten mit vielen Marillenbäumen, von deren Früchten wir nicht genug kriegen konnten. Oma verwöhnte uns mit schmackhaftem Essen. Dazu gehörten neben Wiener Schnitzel, Gulasch und gefüllten Paprika auch Mehlspeisen aus der Küche aller K.-u.-k.-Länder. Auch meine Mutter wurde eine ausgezeichnete Köchin und „Zuckerbäckerin“, später gab sie als Hauswirtschaftslehrerin ihre Erfahrungen weiter.

Ich war der jüngste Enkel der Großeltern, und meine Großmutter betete mich von Anbeginn an. Bis zu ihrem Lebensende liebte sie mich bedingungslos und verstand es immer wieder, mir in schwierigen Situationen Mut zu machen. Mit meiner Mutter, die mich wie meine Großmutter wegen meiner blonden Haare „Goldener“ nannte, stand sie zeitlebens im Wettstreit um meine Zuneigung. Mir war das immer unangenehm, weil ich beiden herzlich zugetan war, obwohl sie sich in ihrem Wesen stark unterschieden. Großmutter war eine einfache Frau, hatte das Herz am rechten Fleck und war stark gefühlsbetont. Mutter war sehr intelligent und liebevoll, aber auch kritisch und sehr ehrgeizig, was die Entwicklung ihrer beiden Kinder betraf. Tugenden wie Fleiß, Disziplin, Ordnungssinn, Sauberkeit und Pünktlichkeit waren ihr zeitlebens wichtig. Gleichwohl liebte sie meine Schwester und mich von ganzem Herzen.

Mutter, Gerlinde und ich 1946 bei den Großeltern in Wien

Es sollte bis zum Frühjahr 1948 dauern, bis wir wieder als Familie vereint waren. Ich verbrachte also meine ersten sechseinhalb Lebensjahre, die in den Zweiten Weltkrieg und die unmittelbare Nachkriegszeit fielen, mit Mutter und Schwester bei meinen Großeltern in Wien. Lediglich im zweiten Halbjahr 1944 und Anfang 1945, als auch Wien von alliierten Bombern angegriffen wurde, wurden wir nach Oberösterreich ausquartiert. Dort kamen wir bei einem Bauern in der Gemeinde Weng unter, dessen zwei Töchter uns liebevoll betreuten. Vor allem wir Kinder hatten es dort sehr gut. Auf dem Bauernhof arbeitete ein französischer Kriegsgefangener namens Marcel. Ich verstand ihn natürlich nicht und fragte immer wieder, warum er „keine Zunge“ habe. Jahrzehnte später besuchte ich ihn auf seinem Hof in den Vogesen und war sehr berührt, dass er Fotos von uns Kindern aufbewahrt hatte.

An kriegerische Ereignisse kann ich mich kaum erinnern, und wenn doch, dann weiß ich nicht, ob es wirklich meine Erinnerungen sind oder ob mir diese Geschehnisse so oft erzählt wurden, dass ich sie als eigene Erfahrungen betrachte. In Oberösterreich wurden meine Großmutter, meine Schwester Gerlinde und ich einmal von Tieffliegern beschossen. Ob es nur der Versuch war, uns zu ängstigen, oder tatsächlich, uns zu treffen, sei dahingestellt, Oma stieß uns zu Boden und warf sich über uns. Wir blieben alle unverletzt. Ein anderes Ereignis trug sich in Wien zu: Nach einer Bombenwarnung suchten wir in der Billrothstraße Schutz in einem Bunker, der aus zwei Teilen bestand. Als wir ankamen, war die eine Hälfte bereits mit vielen jungen Mädchen vom Bund Deutscher Mädel (BDM) besetzt. Wir fanden in der anderen Hälfte Platz und kamen deshalb bei dem folgenden Bombenangriff mit dem Schrecken und dem Leben davon. Im anderen Teil des Bunkers durchschlugen Bomben mit ohrenbetäubendem Getöse die Decke und die jungen Mädchen, die sich dort aufgehalten hatten, kamen alle ums Leben.

Vater war gleich nach Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion an der Ostfront eingesetzt worden. Dort erkrankte er an Fleckfieber, einer tückischen Krankheit, die in der damaligen Zeit sehr häufig tödlich verlief. Vater aber überlebte und kam zur Reha nach Bad Pyrmont. Anschließend wurde er an der Westfront eingesetzt und geriet relativ bald nach der Landung der Alliierten in der Normandie in Brest in Gefangenschaft. Über Großbritannien wurde er nach Arkansas in die USA gebracht. Dort hatte er das große Glück, nicht Baumwolle pflücken zu müssen, sondern andere junge Kriegsgefangene unterrichten zu dürfen. Einigen nahm er sogar zusammen mit anderen gefangenen Philologen die Reifeprüfung ab.

Über den Krieg hat Vater später kaum gesprochen. Er hat mir nie über seine konkrete Aufgabenstellung als angehender Offizier erzählt. Auch habe ich nie erfahren, ob er der Waffen-SS aus Überzeugung beigetreten oder – wie viele andere – dazu aufgefordert worden war. Vater war deutsch-national eingestellt. In der NSDAP sah er eine Bewegung, deren Ziel es war, das „Versailler Diktat“ – die Bedingungen des 1919 geschlossenen Friedensvertrags von Versailles – zu überwinden und dem Deutschen Reich wieder den Platz zu verschaffen, der ihm seiner und der Meinung vieler seiner Generation nach zustand. Dabei sah er auch Territorialerweiterungen als gerechtfertigt an. So unterstützte er sowohl die Eingliederung des Sudetenlandes als auch den Anschluss Österreichs. Die Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren ging seiner Meinung nach jedoch zu weit.

Allerdings hatte er nie damit gerechnet, dass Deutschland bereit war, über Gebietsstreitigkeiten einen Krieg zu riskieren. Dass es mit dem Angriff auf die Sowjetunion sogar einen Zweifrontenkrieg vom Zaun brach, hielt er von Anfang an für Wahnsinn und ein aussichtsloses Unterfangen.

Vater begeisterten charismatische Führer, seien sie aus dem Altertum oder dem Hier und Heute. Von Adolf Hitler war er zumindest in seiner Jugend fasziniert, weshalb er Ende der 1920er-Jahre ein Semester in München, der „Hauptstadt der Bewegung“, studierte. Dagegen verachtete er Josef Stalin und alle anderen kommunistischen Führer. Im Nationalsozialismus sah mein Vater ein Bollwerk gegen den Versuch, in ganz Europa nach einer Revolution die kommunistische Herrschaft zu etablieren.

Nach dem Krieg beeindruckte ihn der französische Staatspräsident Charles de Gaulle. Ihm traute er zu, ein stabiles, vereinigtes, demokratisches Europa aufbauen zu können.

Der totale Zusammenbruch Deutschlands und nach dem Krieg das Bekanntwerden der Gräueltaten des Regimes sowie der Wehrmacht müssen für ihn traumatische Erfahrungen gewesen sein, von denen er sich sein ganzes Leben nicht wirklich erholte. Umso intensiver versenkte er sich in die Welt des Altertums und der deutschen Literatur.

Castrop-Rauxel – Tristes Nachkriegsdeutschland

Ende 1947 kam Vater aus den USA nach Deutschland zurück. Nach der Entnazifizierung konnte er im Frühjahr 1948 im Gymnasium in Castrop-Rauxel wieder unterrichten. Für Mutter, meine Schwester und mich bedeutete das, Wien und die Großeltern endgültig zu verlassen. Ich wollte das überhaupt nicht, zumal inzwischen auch die Schwester meiner Mutter mit ihrer Familie nach Wien in unsere Nähe gezogen war. Mit ihren Kindern Karin und Hans-Jochen hatten meine Schwester und ich als Vierer-Rasselbande immer viel Spaß gehabt und gar nicht mitbekommen, dass die Welt um uns herum zusammenbrach. Das Schulhaus in Wien-Döbling war gegen Ende des Krieges bombardiert und schwer beschädigt worden. Im Stiegenhaus in den ersten und zweiten Stock fehlte von den meisten Stufen die Hälfte und manche waren sogar ganz weggesprengt. Die Treppen waren gefährlich und uns war streng verboten, sie zu benutzen. Wir kletterten trotzdem dort herum, weil wir es abenteuerlich und aufregend fanden. In den Klassenräumen im ersten und zweiten Stock fanden wir noch manch nützliche Gegenstände wie Tintenfässer, Bleistifte, Bleistiftspitzer, Radiergummis und Ähnliches mehr. Darüber hinaus gab es Schulbücher mit Bildern von Hitler und Geschichten über den Führer.

Ich wusste nicht, was mich erwarten würde, und der „Vati“ war für mich ein total unbekanntes Wesen. Zigmal versteckte ich mich in der Hoffnung, der Abreise auf diese Weise zu entgehen, aber es half alles nichts. Die Abfahrt kam, und wir fuhren viele Tage in Güterwagen, bis wir unser Ziel erreichten.

Mein Vater war mir so fremd, dass ich ihn mit „Onkel Vati“ begrüßte. Auch Castrop-Rauxel war mir fremd und alles Westfälische ebenso. Ich sprach Wiener Mundart, trug Wiener Trachtenmode – Janker und Lederhosen – und vermisste den Garten bei den Großeltern. Die Wohnung in Castrop-Rauxel lag in der Nähe des Bahnhofs. Sie war viel kleiner als die Wiener Wohnung und schlecht möbliert, aber das störte uns Kinder nicht. Eine Zeit lang wohnte zudem noch ein Studienfreund von Vater bei uns, der ebenfalls als Studienrat im Ruhrgebiet arbeiten sollte.

Ich war im Herbst 1947 in Wien eingeschult worden, hatte also die erste Klasse der Grundschule zur Hälfte absolviert. In Castrop-Rauxel wurde zu Ostern eingeschult. Somit konnte ich im Frühjahr 1948 noch einmal in der ersten Klasse anfangen oder gleich in die zweite aufsteigen. Dafür entschieden sich die Eltern, und zum Glück verkraftete ich diesen Wechsel leistungsmäßig gut.

Die wiedervereinte Familie 1948 in Castrop-Rauxel

Der Unterricht fand im Schichtwechsel statt, da in der Schule nicht genug Platz für alle Schulkinder zur Verfügung stand. Mein Schulweg dauerte nur wenige Minuten, dennoch unterschätzte ich mitunter den Zeitaufwand, sodass ich zum Schluss laufen musste. Wenn dann auch noch die Bahnschranke kurz vor dem Ziel geschlossen war, kam ich in Schwierigkeiten. Ob ich mich deshalb an der Bahnschranke mehr als einmal übergeben musste oder weil ich mich anfangs generell in Castrop-Rauxel nicht wohlfühlte, weiß ich nicht. Woran ich mich aber deutlich erinnere, ist der Geruch der Kakaosuppe, die uns in der Schule serviert wurde. Ich fand ihn widerlich.

Einmal fragte ich meine Mutter nach der Rückkehr von der Schule, ob wir arm seien, denn ich fühlte mich so. Sie bekam feuchte Augen und versuchte, mir klarzumachen, dass wir im Gegenteil sehr reich seien. Wir wären eine gesunde Familie, Vater sei heil aus dem Krieg zurückgekommen und habe jetzt einen sicheren Beruf.

Ich glaube nicht, dass mich diese Antwort damals überzeugte. Meine Mutter hatte zur damaligen Zeit starkes Heimweh nach Wien, was kein Wunder war. Castrop-Rauxel und die umliegenden Städte des Ruhrgebiets waren noch immer vom Bombenhagel des Krieges gezeichnet. Viele Häuser lagen in Trümmern und wo der Schutt weggeräumt war, erstreckten sich Brachen. Eine Ausnahme war der Stadtpark, an dessen Ende sich ein großes Schwimmbad mit Sprungtürmen befand. Hier lernte ich schwimmen und wagte auch Sprünge vom Zehn-Meter-Brett.

Als Viertklässler 1950 in Castrop-Rauxel

Der Kontakt zu unseren Großeltern beschränkte sich auf Briefwechsel und einen Besuch in den Sommerferien. Es gab damals für uns weder Telefon noch Computer, schnelle Eisenbahnverbindung oder Auto. Der Wien-Besuch im Sommer war der Höhepunkt des Jahres. Als Sohn einer österreichischen Mutter hatte ich 1948 mit ihr die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten, die mir später im Leben noch manchmal nützlich sein sollte. Ich war jetzt also Doppelbürger.

Deutschland und Österreich waren damals noch von den Siegermächten besetzt und um nach Wien zu gelangen, mussten wir durch die russische Besatzungszone fahren. Mehr als einmal erlebte ich, wie Mitreisende, je näher wir zur russischen Zone kamen, unruhig wurden und zu schwitzen begannen – vermutlich, weil sie verbotene Waren mit sich führten. Manchmal ging alles glatt, manchmal wurden sie jedoch verhaftet.

Wien zeigte sich bei unseren Besuchen in relativ gutem Zustand. In Döbling war die Welt ohnehin in Ordnung. In den anderen Bezirken gab es vereinzelt Trümmer, aber die Schäden waren beinahe verschwindend gering im Vergleich zum Ruhrgebiet. Der 1. Bezirk, die sogenannte Innere Stadt, wurde von den vier Siegermächten gemeinsam verwaltet. Jeden Monat übernahm einer der Staaten das Oberkommando. Diese Wachablösung fand vor der Hofburg in einer militärischen Zeremonie statt. Auffallend war stets, wie die US-Soldaten in lässigem, fast tänzelndem Schritt vorbeizogen, während die sowjetischen im Stechschritt paradierten. Symbol für die gemeinsame Verwaltung des Wiener Zentrums war der offene Jeep, in dem ein US-amerikanischer, sowjetischer, britischer und französischer Offizier gemeinsam Militärstreife fuhren.

Ibbenbüren – Mit dem Fahrrad in die Freiheit

In der Schule in Castrop-Rauxel konnte Vater nur Latein und Deutsch unterrichten, da Griechisch als Fach nicht angeboten wurde. Als sich die Möglichkeit eröffnete, am Gymnasium in Ibbenbüren im nördlichen Münsterland neben Latein auch Griechisch zu lehren, wurde der Umzug beschlossen.

Ibbenbüren zeigte sich im Vergleich zu Castrop-Rauxel als heile Welt: Hier gab es fast keine Bombenschäden, dafür aber ein intaktes bäuerliches Umland, und ich schloss viele Freundschaften mit Jungen aus der Stadt und der näheren Umgebung – Söhnen von Bauern, Schulrektoren, Gastwirten, Buchhändlern. Niemals werde ich das wunderbare Gefühl vergessen, als ich auf dem Bauernhof eines Freundes zum ersten Mal ein selbstgebackenes Weißbrot mit hausgemachter Himbeermarmelade aß.

Ibbenbüren und Umgebung waren sehr überschaubar, sodass wir Kinder alles mit dem Fahrrad erledigen konnten. Das gab uns ein Gefühl der grenzenlosen Selbstständigkeit und Mobilität. Durch Zufall lernte ich den Filmvorführer des einzigen Kinos in der Stadt kennen und einen Mitarbeiter der lokalen Großbäckerei, der nur noch einen Arm hatte und jeden Tag Brot und Backwaren in der näheren Umgebung ausfuhr. So durfte ich mir vom Vorführraum aus kostenlos Filme anschauen und gelegentlich bei der Brotlieferung mitfahren, was immer dazu führte, dass ich Gebäck geschenkt bekam. Besonders erinnere ich mich an „Berliner“ und „Amerikaner“. Mein spärliches Taschengeld besserte ich im Tennisclub als Balljunge auf. Und wenn der Zirkus kam, legte ich bei den Aufbauarbeiten mit Hand an und verdiente mir so eine Freikarte.

Nachhaltig prägend war allerdings etwas anderes: die „Lehrzeit“ bei einem Buchbinder. Meine sehr praktisch veranlagte Mutter war immer der Meinung, dass die geistige Arbeit in der Schule durch eine handwerkliche Tätigkeit ergänzt werden müsse. Sie fand einen Buchbinder, der bereit war, mich unter seine Fittiche zu nehmen und mir das Buchbinden beizubringen. Ich stellte mich wohl nicht gar zu dumm an, jedenfalls ging meine Lernkurve steil nach oben. Ich lernte zu heften, zu nähen, zu lumbecken und die Deckel mit Papier, Leinen oder Leder zu beziehen. Zum Schluss war der Meister sogar bereit, mich Arbeiten für seine Kundschaft ausführen zu lassen. Als Entlohnung gab es gelegentlich ein Eis und eine kurze Ausfahrt mit seinem Moped.

Hannover – Vom Schüler zum Schulsprecher

Anfang 1955 erfuhr mein Vater, dass seine Schule, das Ibbenbürener Neusprachliche Gymnasium mit altsprachlichem Zweig, Griechisch als Unterrichtsfach abschaffen wollte. Bei seinen Bemühungen, eine auch in Zukunft „echte“ altsprachliche Schule zu finden, landete Vater am Ratsgymnasium in Hannover, an dem er unmittelbar nach den großen Ferien als Pädagoge anfangen und auch Griechisch unterrichten konnte. Ich selbst musste ebenfalls schnell zum Ratsgymnasium wechseln, wo mein Klassenjahrgang bereits seit Anfang des neuen Schuljahres an Ostern mit Griechisch begonnen hatte. Einen Rückstand hatte ich auch in Mathematik. So musste ich etwa ein halbes Jahr Griechisch mit meinem Vater und Mathematik mit einem pensionierten Grundschullehrer nachholen. Die erworbenen Kenntnisse reichten aus, um am Ratsgymnasium schnell in die neue Klasse hineinzuwachsen.

Hannover zeigte sich bei unserer Ankunft im Sommer 1955 von seiner besten Seite: blauer Himmel, viel Grün und der Maschsee mitten in der Stadt. Wir hatten noch keine bezugsfertige Wohnung gefunden, und so kampierten Vater und ich in einer provisorischen Ein-Zimmer-Bleibe. Hannover war im Krieg zu großen Teilen zerbombt worden. Außer den wieder instand gesetzten alten Bauten wie Marktkirche, Rathaus, Oper und Stadtschloss hatte man die allermeisten Gebäude in den zehn Jahren seit Kriegsende schnell und ohne allzu aufwendige Architektur errichtet. Doch auch 1955 erstreckten sich noch vielerorts Brachen, auf denen zwar der Trümmerschutt beseitigt, aber noch keine neuen Häuser gebaut worden waren. An der Hildesheimer Straße, die vom Stadtzentrum nach Döhren zu unserer Mietwohnung führte, fehlte an manchen Stellen jedes zweite Haus, fast immer jedes dritte.

Döhren war kein gehobener Bezirk, und mancher meiner Schulkameraden rümpfte wahrscheinlich etwas die Nase, als er mich das erste Mal besuchte. Der Grund für die Wahl der günstigen Wohnung war sehr einfach: Mutter wollte unbedingt so schnell wie möglich in eigenen vier Wänden wohnen. Bei dem sehr überschaubaren Gehalt eines Oberstudienrats und ohne Kapitalbasis hieß das sparen, wo es nur ging: kein Auto, kein Telefon, keine aufwendigen Urlaube, keine modische Kleidung, keine Mitgliedschaft im Sportclub und so fort. Lediglich zu essen gab es immer reichlich und gut.

Mutter erreichte ihr Ziel: Anfang 1960 zogen wir in ein Drei-Familien-Haus ein, das auf dem mittleren Grundstück eines Dreispänners nach ihren Plänen gebaut worden war. Es lag ganz nah am Maschsee in einem sehr schönen Viertel. Für meine Schwester und mich kam der Einzug ins eigene Haus allerdings zu spät. Gerlinde hatte 1959 Abitur gemacht und ich folgte ein Jahr später nach, wenige Wochen nach dem Einzug.

Im März 1956, kurz nach unserem Umzug nach Hannover, wurde ich in Döhren in der Sankt-Petri-Kirche konfirmiert. Da ich nur die allerletzten Monate des insgesamt auf zwei Jahre angelegten Konfirmationsunterrichts besuchte, kannte ich die anderen Konfirmandinnen und Konfirmanden kaum. Auch hatte ich in der kurzen Zeit keinen engeren Kontakt zur Gemeinde und zum Pfarrer aufgebaut. Ich fühlte mich als „junger Erwachsener“ nicht recht wohl in meiner Haut.

Der liebevolle Brief, den mir mein Vater am Konfirmationstag überreichte, – adressiert: „Mein lieber Junge“ – verschlimmerte mein Unwohlsein eher noch, war ich als Vierzehnjähriger doch von vielen seiner Ratschläge und Forderungen schlicht überfordert. Sätze wie „Der Mensch hat nicht nur Rechte, sondern vor allem Pflichten gegenüber sich selbst und gegenüber seinen Mitmenschen“ oder „Der Sinn des Lebens liegt nicht im Erfolg, sondern im unermüdlichen Bemühen um das Gute“ waren für mich nachvollziehbar und als Richtschnur eigenen Handelns annehmbar. Aber eine Reihe von Aussagen lehnte ich instinktiv ab, zum Beispiel „Das höchste Gut des Mannes ist sein Volk“, „Das höchste Gut des Volkes ist sein Recht“, „Sei bereit, dich stets für das Recht und die Freiheit deines deutschen Volkes einzusetzen“. Alles Völkische war mir schon als Jugendlicher suspekt, und je mehr ich im Laufe der Jahre mit Angehörigen anderer Nationen zusammentraf, desto mehr lehnte ich Deutschtümelei ab.

Ich war Schüler der 9L; das „L“ zeigte an, dass die Klasse schon im ersten Schuljahr am Ratsgymnasium, in der Sexta oder fünften Klasse, mit dem Lateinunterricht begonnen hatte. Die Klasse zählte nur 15 Schüler, und wir waren alle Individualisten. Nach unserer Schulzeit organisierten wir nicht ein einziges Mal ein Klassentreffen. Lediglich 2010 kamen aus Anlass des 50-jährigen Abiturjubiläums acht Ehemalige zusammen. Das war gar nicht so schlecht, wenn man bedenkt, dass mittlerweile schon vier gestorben waren. Und auch 50 Jahre nach dem Abitur hatten sie meinen Spitznamen nicht vergessen: In meiner Schulzeit am Ratsgymnasium hieß ich „Levi“, vielleicht, weil ich am Hebräisch-Unterricht teilnahm.

Bei der Jubiläumsfeier ergriff ich das Wort, um einmal auf die unterschiedliche Ausgangssituation der Abiturienten beim Start ins Leben im Jahr 1960 und 2010 einzugehen. Das Gefühl der Erleichterung, der Freude und des Glücks nach der bestandenen Prüfung war wohl identisch, aber die Ungewissheit, das Bangen und Hoffen waren 2010 wohl deutlich stärker. Die globale Finanzkrise lag erst zwei Jahre zurück. Zwar waren Deutschland und Europa wieder vereinigt, aber „Das Ende der Geschichte“, wie von Francis Fukuyama 1998 in seinem gleichnamigen Buch vorhergesagt, war nicht eingetreten. Konfrontative Spannungen zwischen den USA und Europa einerseits und Russland andererseits bahnten sich an. Die Abiturienten 2010 mussten sich auf schwierige Zeiten in der Finanzwelt einstellen und wegen des Numerus clausus für sehr viele Fächer auf begrenzte Wahlmöglichkeiten im Studium. Wir dagegen starteten 1960 mitten im Wirtschaftswunder ins Leben. Es herrschte Vollbeschäftigung, wir kannten keinen Numerus clausus und standen am Anfang eines stürmischen Integrationsprozesses in Europa – und nicht an einem Punkt, wo erste Auflösungserscheinungen zu entdecken waren.

Die Lehrer des Gymnasiums waren streng, aber fair und korrekt. Zu streng fühlte ich mich allerdings von meinem Vater behandelt, der unsere Klasse ein Jahr lang in Latein unterrichtete. Er wollte sichtlich vermeiden, wegen angeblich zu wohlwollender Behandlung seines Sohnes ins Gerede zu kommen.

Einer meiner Lehrer ermunterte mich, bei der anstehenden Wahl eines Schulsprechers zu kandidieren. Ich hatte zunächst Bedenken, weil ich fürchtete, die Stellung meines Vaters als Mitglied des Lehrerkollegiums könnte mir zum Nachteil ausgelegt werden. Die positive Reaktion der Mitschüler auf meine Ansprache überraschte mich. Gleichzeitig spürte ich das erste Mal in meinem Leben, wie wirkmächtig das gesprochene Wort sein kann, wenn Zeitpunkt und Tonalität stimmen. Ich wurde zum zweiten Schulsprecher gewählt und nahm die Wahl an.

In meiner Freizeit verbrachte ich relativ viel Zeit auf dem Sportplatz, wo ich verschiedene Leichtathletikdisziplinen trainierte. Auch das Rudern auf dem Maschsee war eine willkommene Abwechslung. Mit meinem Mitschüler Michael Baumer verstand ich mich sehr gut. Zu zweit bereisten wir in den Ferien die Nachbarländer, zunächst mit dem Fahrrad, dann per Anhalter. Auf diese Weise lernten wir Westeuropa von Norwegen bis Portugal kennen und sahen 1958 auf der Weltausstellung in Brüssel das Atomium. Mein inniger Wunsch, später in die große weite Welt hinauszugehen, wurde durch diese Reisen immer wieder verstärkt. Auch lernte ich, mit einem extrem knappen Budget auszukommen. Wir übernachteten ausschließlich in Jugendherbergen und wenn wir keine fanden oder es keinen Platz mehr gab, auch im Freien.

Zu Zeiten der Hannoverschen Industriemesse, der weltweit größten ihrer Art, verwandelte sich Hannover in eine internationale Geschäftsstadt. Morgens rollte der Autoverkehr nonstop durch Döhren in Richtung Messegelände, am Abend vom Messegelände stadteinwärts zurück, beide Male auf zu Einbahnen umfunktionierten Straßen. Mutter vermietete zur Messezeit stets ein Zimmer unserer Wohnung an einen Messegast. Das war relativ einträglich. Ich fand es spannend, mich mit den meist ausländischen Gästen zu unterhalten, wann immer es deren Zeitplan zuließ. Auch habe ich selbst alsdoorman oder als Übersetzer auf der Messe mein Taschengeld aufgebessert.

Wir besaßen weder Auto noch Fernseher noch Telefon. Insofern gab es keine Familienausflüge am Wochenende und auch keine Familienabende vor beliebten Fernsehsendungen. Häufig spielten wir alle zusammen die gängigen Gesellschaftsspiele wie Mikado, Halma, Würfel- und einfache Kartenspiele, aber vor allem vergruben wir uns in unsere Bücher. Ich verschlang praktisch alle Karl-May-Bände, wobei mir die Erzählungen, die auf dem Balkan und in der arabischen Welt spielten, besser gefielen als die Indianergeschichten. Faszinierend fand ich die Bücher von Jules Verne und Hans Dominik, weil sie meine Fantasie anregten und ungeahnte Möglichkeiten technologischer Entwicklungen aufzeigten.

Meine Schwester Gerlinde und ich hatten ein gutes geschwisterliches Verhältnis. Ich kann mich an keine großen Streite erinnern. Natürlich fühlte sich mal der eine, mal der andere von den Eltern benachteiligt oder ungerecht behandelt. Im Wesen waren Gerlinde und ich jedoch ziemlich verschieden. Sie war ernsthafter, zielstrebiger und häuslicher. Ich war mehr außer Haus, wenn möglich mit dem Fahrrad, unterwegs und suchte die Gesellschaft anderer Jungs. Wir konnten gut miteinander reden, aber tauschten keine Geheimnisse aus, falls wir überhaupt welche hatten. Eigentlich deutete sich damals schon an, welches Leben wir als Erwachsene führen würden: Gerlinde als Pfarrfrau und Mutter dreier Kinder bodenständig, stark in die Gemeindearbeit eingebunden, stets an der Seite ihres Mannes, immer bemüht, der Umwelt ein gutes Beispiel zu sein. Ich als Hansdampf in allen Gassen, unternehmungslustig, interessiert an fremden Ländern und ihren Menschen.

Gerlinde und ich wuchsen sehr behütet auf, man könnte auch sagen abgeschottet. So hatte ich praktisch keinen Kontakt zu gleichaltrigen Mädchen aus den umliegenden Schulen, obwohl es auf dem Maschsee gelegentlich zu einem kurzen Gespräch mit der Besatzung eines Mädchenbootes kam. Auch in der Tanzstunde war ich noch sehr schüchtern. Ich wagte zwar, eines der hübschesten Mädchen zum Abschlussball aufzufordern – und zu meiner Überraschung nahm es die Einladung auch an –, aber ich hatte nicht den Mut, mich zu weiteren Treffen zu verabreden.

Dass mich meine Eltern schon in jungen Jahren in die Nachbarländer reisen ließen, noch dazu per Autostopp, rechne ich ihnen noch heute hoch an. Diese Reisen haben meinen Horizont erheblich erweitert. Sie ließen mich andere Kulturen, Sitten und Gebräuche kennenlernen und verstärkten meinen Wunsch, später in der „großen weiten Welt“ zu arbeiten und zu leben.

2Studium

Als ich das Ratsgymnasium mit dem Abitur in der Tasche verließ, wusste ich nicht, welchen Berufsweg ich einschlagen sollte. Ich wusste nur, was ich nicht wollte, und zwar um keinen Preis: Ich wollte nicht Beamter werden, schon gar kein Beamter eines Bundeslandes.

Aufgrund meiner breiten Sprachkenntnisse und weil ich als Schulsprecher gelernt hatte zu debattieren und öffentlich aufzutreten, fühlte ich mich für ein internationales Umfeld gut gerüstet. Mein Ziel war ein Beruf, der es mir ermöglichen würde, in verschiedenen Ländern meiner Wahl ohne jeden Nachteil zu arbeiten. Damit schieden Philologie, Theologie und viele andere Studiengänge von vornherein aus; auch Jura, weil ich damals eine falsche Vorstellung vom Jurastudium hatte und dachte, damit ausschließlich als Richter, Staatsanwalt, Rechtsanwalt, Notar oder Regierungsrat arbeiten zu können. Die Welt der Wirtschaft verband ich mit Betriebs- und Volkswirtschaftslehre, Ingenieur- und Naturwissenschaften. Da Mathematik und Naturwissenschaften in der Schule nicht zu meinen Favoriten gehört hatten, fiel meine Wahl auf die Betriebswirtschaftslehre. Für mein Studium suchte ich mir die Hochschule für Welthandel, die heutige Wirtschaftsuniversität, in Wien aus. Damals lebten noch meine Großeltern in der Stadt, die mir bestens vertraut war.

Paris – Savoir-vivre in der Ville Lumière

Der allgemeine Studienbeginn war damals in Wien im Herbst. Da ich im Frühjahr Abitur gemacht hatte, blieben mir rund sechs freie Monate, die ich möglichst gut nutzen wollte – zum Beispiel mit einem Aufenthalt in London oder Paris, um meine Sprachkenntnisse zu verbessern und damit auch in Wien einen leichten Start zu haben. Meine Eltern wollten mir dieses Vorhaben nicht rundherum verbieten, wozu sie das Recht gehabt hätten, da ich damals mit 18 Jahren noch nicht großjährig war. Doch sie versuchten mir den Auslandsaufenthalt mit Hinweis auf mein kleines Budget auszureden.

Mit kreativem Einsatz und viel Glück fand ich jedoch binnen weniger Tage einen Job als Hausdiener bei einem Patentanwalt in Paris, und noch im März machte ich mich in die französische Hauptstadt auf. Monsieur Panel hatte schon vor mir einen deutschen Hausdiener beschäftigt. Der holte mich an der Gare de l’Est ab und wies mich in den wenigen Tagen vor seiner Abreise in die wichtigsten Aufgaben ein. Diese bestanden aus Pflichten eines Butlers und eines Dienstmädchens. Nach ein paar Tagen reiste Monsieur Panels Mutter aus Caen an, um mir in etwa zehn Tagen Grundkenntnisse in Kochen und gezieltem Einkaufen zu vermitteln. Sie führte mich in den einschlägigen Geschäften ein, beim Metzger, im Obst- und Gemüseladen, beim Käsespezialisten, in der Bäckerei und Patisserie sowie im Haushaltswarenladen, wo man das Nötigste für kleinere Reparaturen erwerben konnte.

Monsieur Panel war Mitte 30, arbeitete bei der staatlichen Stromgesellschaft EDF, war liiert, aber nicht verheiratet und schien es damit auch nicht eilig zu haben. Er war mit einem Marketing-Manager des US-Konsumgüterkonzerns Procter & Gamble befreundet, und die beiden gingen regelmäßig mit ihren Freundinnen zusammen aus.

Relativ bald nach meiner Ankunft wollte er herausfinden, wie nachhaltig mich seine Mutter unterrichtet hatte: Er lud seinen Freund und die beiden jungen Damen zu sich zum Abendessen ein. Ich besorgte Salate, Rollbraten, Birnen, verschiedene Käse und Joghurt. Schon Stunden vor dem Essen hatte ich Champagner gekühlt und den Rotwein dekantiert. Zu den Salaten bereitete ich eine Sauce vinaigrette vor, für den Rollbraten eine Sauce blanche. Als alle vier im Salon Platz genommen hatten, legte ich die rote Livree an, die Monsieur Panel für solche Fälle vorgesehen hatte. Im Salon gab es eine Klingel, die mit der Küche verbunden war und abwechselnd von einer der beiden Damen betätigt wurde. Ich wusste dann, dass ich zu erscheinen hatte. Wenn ich den Salon betrat, konnten sich die Damen oft ein Kichern nicht verkneifen.

Für mich war es eine lustige und lehrreiche Zeit, und ich lernte vieles, was mir später zustattenkam. Nicht zuletzt weiß ich seitdem, dass man beim Ausschenken von Champagner mit dem Daumen in die Wölbung am Flaschenboden fasst und nicht die ganze Flasche mit der Hand umgreift.

Ich schrieb mich als Student an der Faculté de Droit et Sciences Économiques ein, besuchte die von mir ausgewählten Vorlesungen allerdings nur so oft, bis mir meine Teilnahme von den Professoren testiert wurde. Somit konnte ich mir später das Semester anrechnen lassen. Tatsächlich war ich ja vor allem nach Paris gekommen, um meine Sprachkenntnisse spürbar zu verbessern. Dafür erschien mir die École supérieure de préparation et de perfectionnement des professeurs de français à l’étranger bestens geeignet. Die Schule hatte als Teil der Sorbonne hervorragende Professorinnen und Professoren verpflichtet und achtete auf eine optimale Klassengröße. Der Unterricht fand ausschließlich auf Französisch statt und führte sehr schnell zur Lektüre französischer Schriftsteller. Mit Gustave Flauberts „Madame Bovary“ tat ich mich allerdings schwer, was aber wohl mehr an meiner mangelnden Reife als an meinen Sprachkenntnissen lag.

Erstes Semester an der Sorbonne in Paris, Frühjahr 1960

Um den Kontakt zu Deutschen nicht ganz zu verlieren, besuchte ich den Gottesdienst der deutschen evangelisch-lutherischen Kirche in Paris. Ich war als Kind fromm erzogen worden. Bei Tisch wurde vor jeder Mahlzeit gedankt. Vor dem Einschlafen ließ ich den abgelaufenen Tag Revue passieren, dankte für alles, was mir Gutes widerfahren war, und bat um Vergebung für meine Verfehlungen. Vor diesem Hintergrund kam mir der regelmäßige Besuch des Gottesdienstes am Sonntagvormittag sehr gelegen. Bereichernd war auch der Kontakt zu vielen deutschen Besuchern, die es aus den unterschiedlichsten Gründen nach Paris verschlagen hatte.

Hier lernte ich Ingeborg Heins kennen, mit der ich in den nächsten Monaten viel Zeit verbringen sollte. Ich verliebte mich unsterblich in die junge Frau aus Hamburg, war aber viel zu naiv und unerfahren, um eine Affäre zu beginnen. Das Taschengeld, das ich von Monsieur Panel bekam, war zufriedenstellend, aber auch nicht so üppig, dass ich Ingeborg zu großen Diners einladen konnte. Großartige Abhilfe bot jedoch ein Angebot, das ich eines Tages am Schwarzen Brett der Universität entdeckte. Ein Cabaret hatte neu eröffnet, und weil es Wert darauf legte, immer bis auf den letzten Platz ausgebucht zu erscheinen, bot es interessierten Studierenden die Möglichkeit, sich kostenlos bei einem Glas Champagner das Programm anzuschauen. Wir nutzten diese Gelegenheit als Claqueure sehr gerne und relativ häufig.

Als Student hatte ich Zugang zur Mensa des Lycée Saint-Louis, in der ich mittags für den Spottpreis von einem Franc ein vorzügliches dreigängiges Mittagessen bekam. Fast noch mehr als das Essen schätzte ich die Gespräche mit meinen Tischnachbarn, die fast ausnahmslos Franzosen waren. 1960 war das Jahr, in dem der Verbleib Algeriens unter Frankreichs Kolonialherrschaft zunehmend fraglich wurde. Das französische Militär behielt in dem seit 1954 tobenden Algerienkrieg zwar die Oberhand, aber die Aktionen der algerischen Nationalen Befreiungsfront FLN (Front de Libération Nationale) verunsicherten zunehmend die französische Gesellschaft. Ich folgte den Diskussionen zu diesem Thema mit großem Interesse und war sehr froh, dass Deutschland keine vergleichbaren politischen und militärischen Probleme hatte.

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