Die gefallenen Herrscher - Christian Hellwig - E-Book

Die gefallenen Herrscher E-Book

Christian Hellwig

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Beschreibung

In den Augen eines geheimen Bündnisses führender Politiker und Unternehmer sowie einflussreicher Privatpersonen hat die Demokratie, wie wir sie kennen, ausgedient. An ihre Stelle soll vielmehr die Herrschaft des totalen, auf grenzenlose Profitmaximierung ausgerichteten Kapitalismus treten. Mittendrin: Die Kervielia Group, der größte und mächtigste Rohstoffkonzern der Welt. Dessen unstillbare Gier nach uneingeschränktem Wachstum droht der Natur auch die letzten Rückzugsnischen zu rauben. Unterstützt wird das weltumspannende Unternehmen von einer skrupellosen Beratungsfirma, die sich auf das Krisenmanagement für Mandanten mit besonders zwielichtigen Geschäftspraktiken spezialisiert hat. Die Ermordung eines hochrangigen Vertreters der Kervielia Group führt schließlich unerwartet die Schicksale unterschiedlichster Protagonisten zusammen, die in einem beispiellosen Wettlauf gegen die Zeit gemeinsam den Kampf gegen die dunklen Machenschaften des Konzerns aufnehmen. Doch der schier übermächtige Gegner scheint der Gruppe um den Interpolagenten Hudson und die Umweltwissenschaftlerin Dr. Bleriott stets einen Schritt voraus zu sein.

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Seitenzahl: 477

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Über den Autor:

Christian Hellwig, geboren 1986 in München, ist als erfahrener Kommunikator und (geo)politischer Risiko- & Policy-Analyst eng vertraut mit komplexen Themen an den Schnittstellen zu Politik, Umwelt, Gesellschaft, Medien und Wirtschaft. Zu seinen Arbeits- und Themenschwerpunkten gehören unter anderem das Entwerfen & die Umsetzung von Konzepten zur Meinungsführerschaft, die Entwicklung von Unternehmens- & Kommunikationsstrategien, strategischen Positions- & Grundsatzpapieren sowie die Durchführung interdisziplinärer Risiko- & Trendanalysen.

Christian Hellwig ist Absolvent der britischen Universität London School of Economics & Political Science (LSE) und erlangte seinen Masterabschluss (Master of Science) in International Relations. Seine Schwerpunkte lagen hierbei auf Außenpolitikanalyse und Wirtschaftsdiplomatie. Zuvor absolvierte er seinen Bachelor of Arts in Governance & Public Policy an der Universität Passau und Malmö University in Schweden. Nach ersten praxisrelevanten Stationen im Deutschen Bundestag, Bayerischen Wirtschaftsministerium und bei der Deutschen Handelskammer in Österreich folgten Tätigkeiten bei einer internationalen Anwaltskanzlei, einem Münchner Start-up sowie verschiedenen führenden Unternehmensberatungen aus den Bereichen Strategische Kommunikation, Public Affairs, Risikoanalyse und Strategische Voraussicht. Aktuell arbeitet Christian Hellwig bei Deloitte als Senior-Berater für die Bereiche Strategic Risk, Geopolitik, Resilience und Krisenmanagement.

Wenn Sie mit dem Autor in Kontakt treten wollen, dann schreiben Sie gerne eine E-Mail an [email protected] oder besuchen entweder die Webseite www.die-gefallenen-herrscher.de oder den Instagram-Account unter https://www.instagram.com/chrisbavmc/.

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um einen Polit-Thriller zu den eng miteinander verflochtenen Themengebieten Umweltkriminalität, Rohstoffpolitik und Unternehmensverantwortung. Die Handlungsstränge an sich und die Namen der Protagonisten sind frei erfunden. Die Geschichte basiert jedoch in hohem Maße auf realen Auswüchsen der anthropogenen Umweltzerstörung und greift aktuelle Entwicklungen sowie Ereignisse der internationalen Rohstoffindustrie auf.

Inhalt

Prolog

Erstes Kapitel: Das Anthropozän

Zweites Kapitel: Interview

Drittes Kapitel: Der Auftrag

Viertes Kapitel: Manifestation

Fünftes Kapitel: Kreuzzug

Sechstes Kapitel: Die erste Schlacht

Siebtes Kapitel: Krieg

Achtes Kapitel: Lysis

Neuntes Kapitel: Reinigung

Epilog

Glossar

Protagonisten

Blanco und James

Arbeiter in der Mine von La Guajira Nueva

Dr. Maven Bleriott

Leiterin der Forschungsabteilung des Ocean & Climate Change Institute, das zur weltweit renommierten Woods Hole Oceanographic Institution gehört; externe Beraterin des kalifornischen Umweltschutzministeriums; ehemalige Doktorandin unter Professor William Scott Scolvus an der Harvard University

Blochin

Angestellter von Charon Jove & Associates LLP

Bolivar und Trinidade

Angehörige einer Spezialeinheit des kolumbianischen Militärs

Antonio Canaris

Interpolagent, Kolumbien

Bill A. Charon

Managing Partner und Mitgründer von Charon Jove & Associates LLP

Charon Jove & Associates LLP

Kurz CJA; britische Unternehmensberatung, deren Hauptklient die Kervielia Group ist. Der Beratungsschwerpunkt von CJA liegt dabei vorranging auf Krisen- & Disputmanagement, Lobbying & Public Affairs sowie Reputationsschutz und Litigation PR im Rahmen besonders delikater Fälle

Al lister Dehms

Amerikanisch-deutscher Industriemogul, Mitgründer von D&H Industries plc.

Dr. Simon de Santisim

Kolumbianischer Umweltforscher und Aktivist

Die Templer des Vierten Ordens

Geheime Gesellschaft an der Harvard University mit einem Ableger an der St. Benet's Hall der University of Oxford im Vereinigten Königreich. Sie hat einen religiösen Ursprung sowohl in der puritanischen, harvardschen als auch zisterzienserschen, oxfordschen Bewegung. Die Zisterzienser sind eine Abspaltung des Benediktinerordens, deren wichtigster Vertreter, Bernhard von Clairvaux, Schutzherr des Templerordens gewesen war. Die Templer des Vierten Ordens wurden gegen Ende der Großen Depression 1938 von protestantischen und katholischen Studenten zur Erneuerung des Kapitalismus und Überwindung der konfessionellen Spaltung des Christentums gegründet. Ihre Vision des totalen Kapitalismus wurzelt in Max Webers Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus", das die Ursprünge des modernen Kapitalismus in der protestantischen Verpflichtung eines jeden Gläubigen verortet, zum Ruhme Gottes und zur Milderung der eigenen Angst von Gott nicht zum ewigen Leben auserwählt worden zu sein, weltlichen materiellen Reichtum durch rastlose Arbeit konstant zu vermehren. Der Vierte Orden ist eine Weiterentwicklung des Dritten Ordens, einem Verbund von Männern und Frauen, die zwar nach den Idealen und dem Geist der katholischen und protestantischen Lehren leben, jedoch keine religiösen Gelübde schwören. Stattdessen erachten sie das Streben nach dem totalen Kapitalismus als höchste Priorität im Leben

Joseph Eris

Stellvertretender Direktor der Environmental Protection Agency (kurz EPA)

Montgomery Hallheim

CEO und Miteigentümer der Kervielia Group Ltd.

George Heyessen

Ehemaliger Leiter der Abteilung Globale Strategie & Sonderaufgaben der Kervielia Group Ltd.

Julius Heyessen

Sohn von George Heyessen und Hedgefondmanager

Leonrod Hudson

Hauptkommissar und Leiter der Abteilung Umweltverbrechen bei Interpol in Lyon und London

Gregory Jove

Managing Partner und Mitgründer von Charon Jove & Associates LLP

Gordon Kaleval

Gründer und Miteigentümer der Kervielia Group Ltd.

Kervielia Group Ltd.

Größter, nicht börsennotierter Rohstoffkonzern der Welt mit Sitz in der Schweiz

Bryson Meyer

Stabschef von Pierce Tartaris Sr.

Miranda und Osorio

Wissenschaftliche Mitarbeiter und Assistenten von de Santisim

David H. Philipps

Republikanischer Präsidentschaftskandidat und ehemaliger Vorstandsvorsitzender der GS Virgin Materials Group Inc.

Lucian Rallier

Vorsitzender Richter des Internationalen Strafgerichtshofs

Grace Reberger, Calbert M. Heckler und Martha Westmarrero

US-Senatoren des 114. Amerikanischen Kongresses

Carl Remmel

Vice President (Deutsch: Direktor) bei Charon Jove & Associates LLP für globales Krisenmanagement und Sonderaufgaben

Andrew Schulz

Mitarbeiter von Carbacal Industries Inc., eine 100%ige Tochter der Kervielia Group Ltd.

Nathan Sciusa

Junior Associate bei Charon Jove & Associates LLP

Professor William Scott Scolvus

Universitätsprofessor an der Harvard University, University of Oxford, London School of Economics & Political Science und TU München; weltweit führender Forscher auf den Gebieten der Wirtschaftsphilosophie, Public Economics und des nachhaltigen Ressourcenmanagements; Doktorvater von Maven Bleriott

Pierce Tartaris Sr.

US-Senator aus Michigan und Vorsitzender des Geheimdienstausschusses des Senats

Samuel E. Wisser

CEO des US-amerikanischen Hightech-Konzerns Blue Horizon Informatics Solutions

Prolog

17.04.2013

Die dunkle Nacht im Nirgendwo menschlicher Existenz neigte sich langsam ihrem Ende zu. Nur die sanften Klänge verschiedener Tier- und Insektenarten, die in der Dämmerung allmählich zu neuem Leben erwachten, durchbrachen die Stille. Ein leichter Windhauch setzte ein und begann, die Pflanzenblätter des tropischen Regenwaldes kaum wahrnehmbar zum Tanzen zu animieren. 1

Amaru wachte auf. Mal wieder, denn er hatte ohnehin die ganze Nacht hindurch sehr unruhig geschlafen. Der ständige Halbschlaf der letzten Tage erschöpfte ihn mehr und mehr. Das spürte er gerade in diesem Moment. Zudem schmerzte sein Rücken. Der karge und harte Untergrund, auf dem er tagtäglich schlief, war jedes Mal eine Herausforderung, vor allem wenn man immer wieder dazu gezwungen war, erneut einschlafen zu müssen. Da half auch die dicke Schicht an Blättern nichts. Amaru begab sich in eine aufrechte Sitzposition, um sich seinen unteren Lendenwirbelbereich reiben zu können. Mit der linken Hand fuhr er sanft seine Haut entlang, als er glaubte, etwas außerhalb seiner Hütte gehört zu haben. Vorsichtig drehte er sich dorthin um, wo er das Geräusch vermutete.

Plötzlich vernahm er ein Knacken. Scheinbar entfernt. Dann ein weiteres Knacken. Und noch eines. Das Intervall zwischen den Tönen, die die Stille der Nacht durchbrachen, wurde durchweg kürzer.

Dann ein lautes Bellen. Die Sekunden vergingen für Amaru wie in Zeitlupe. Dem Bellen folgte kurz darauf ein nicht zu überhörendes Jaulen, dann ein leidendes Wimmern. Auf einmal ein lauter Knall. Ein zweiter. Dann ein dritter.

Amaru war mit einem Mal hellwach. Er wusste nicht, was los war. Das nächste, was er hörte, war der unvermittelte Klang einer Gewehrsalve.

Was geht hier vor?, rauschte es durch den Kopf des jungen Eingeborenen.

Er ahnte nichts von der Bedrohung und dass alles ihm Vertraute gerade im Begriff war, unwiederbringlich vernichtet zu werden. Bruchteile von Sekunden zogen sich endlos in die Länge. Amaru spürte das Blut gegen seine Schläfen pochen, konnte sich aber nicht mehr bewegen. Sein Herz raste, Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn. Seine Atmung beschleunigte sich, unnatürlich schnell. Er versuchte sich innerlich zu fangen, was ihm zunächst nicht gelang. So angestrengt Amaru darum kämpfte, seine Wahrnehmung zu schärfen, so ungewöhnlich lange dauerte es, bis er die Geschehnisse um sich herum wieder klar umriss.

Wie aus dem Nichts schrien Menschen. Die Schreie wirkten wie abgehackt. Dann schien es, als würden diese Schreie um ihn herum in Zahl und Frequenz immer stärker zunehmen. Auch kamen sie stetig näher und so fühlte er sich nach kürzester Zeit wie umzingelt.

Amarus Körper war angespannt und verkrampft. Er musste etwas tun und schnellte ruckartig hoch, um sich umgehend den Umrissen einer schier übergroßen Gestalt in der Mitte seiner Hütte gegenüberzusehen. Er hatte sie schlichtweg nicht kommen hören. Das Licht der Morgendämmerung war zu schwach, um im ersten Moment Genaueres ausmachen zu können. Amaru formte seine Augen deshalb angestrengt zu Schlitzen. Das Erste, was er dann erkannte, war der Lauf eines Gewehres, das auf ihn gerichtet war.

Amaru blickte nervös in das Gesicht des Unbekannten, der ihm wie ein Geist vorkam. Dieser erweckte den Anschein, keine Augen, keine Gesichtszüge, kein menschliches Antlitz zu haben. Amaru hatte in seiner Bewegung angehalten. Er rührte sich nicht. Eine bedrohliche Ruhe erfüllte den Raum, losgelöst von allem, was sich um ihn herum abspielte.

Die Gestalt bewegte sich ohne Vorwarnung ruckartig auf ihn zu. Im fahlen Licht der Morgendämmerung offenbarte sich das Gesicht als hässliche Fratze eines großen, überbreit wirkenden Mannes. Er trug eine Uniform und Mütze.

»Raus!«, hallte es mehrmals donnernd durch die kleine, spärlich eingerichtete Hütte. Der Fremde war überaus aggressiv.

Amaru verstand nicht, was dieser von ihm wollte. Er sprach eine andere Sprache. Seine Augen folgten aufmerksam der Bewegung des Gewehres, das in Richtung des Eingangs zeigte. Bevor er jedoch reagieren konnte, packte ihn eine kräftige Hand am rechten Oberarm und zerrte ihn mit brachialer Gewalt hinaus. Er wehrte sich, aber der Griff des Mannes war so stark, dass sich dessen Finger wie Nägel in seinen Arm bohrten. Er schrie vor Schmerzen und versuchte gleichzeitig dagegen mit aller Macht anzukämpfen.

Als er den Eingang seiner Hütte passiert hatte, ergriff ein zweiter Mann Amarus anderen Arm, so dass er nicht mehr auszukommen imstande war. Amaru brüllte die fremden Männer an und wehrte sich weiter nach Kräften. Doch er konnte sich in dieser Sekunde nur seinem Schicksal fügen. Die beiden Männer schleiften ihn ohne Umwege zur zentralen Feuerstelle in der Mitte des Dorfes. Dort schmiss man ihn hart zu Boden. Viele seiner Stammesmitglieder, darunter seine Eltern und jüngeren Geschwister, kauerten schon an dieser Stelle. Sie blickten völlig verstört drein. Manche weinten, andere schluchzten vor sich hin, während sie sich in den Armen lagen. Amarus Augen wanderten zu seinem Vater. Ihm strömte Blut aus der linken Schläfe. Vom Kampf gezeichnet, sackte er immer wieder leicht in sich zusammen. Dazwischen stöhnte der alte Mann leise auf.

Wie in Trance schweifte Amarus Blick umher. Sein Zeitgefühl war vollends verschwunden. Er sah Angehörige seines Volkes davonlaufen, die direkt wieder eingefangen und erbarmungslos getreten und verprügelt wurden. Er hörte verzweifelte Schreie sowie ständig wiederkehrende Gewehrschüsse und war doch dazu verdammt, mitanzusehen, wie einige seiner Stammesmitglieder blutüberströmt zu Boden stürzten. Andere waren bereits tot. Es war ein entsetzliches Schauspiel.

Es müssen Minuten vergangen sein, bis er seine Sinne aufs Neue beisammen hatte. Ohne darüber nachzudenken, versuchte er sich mit einem Mal aufzurichten, allerdings erhielt er von der Seite sofort zwei heftige Schläge ins Gesicht. Etwas Hartes, Metallisches traf ihn zunächst am Ohr. Der zweite Schlag gegen sein Kinn knockte ihn um ein Haar aus. Benommen fasste er sich an seine Lippe. Er schmeckte warmes Blut. Es war widerlich, so dass er es ausspucken musste. Aus seinem linken Ohr dröhnte ein hoher Piepton, der immer mehr in ein pochendes Rauschen überging.

Amaru tat sich daraufhin schwer, seine Umgebung genau zu erfassen. Zu stark war seine Wahrnehmung getrübt. Er kippte mehrmals zur rechten Seite um und war nur im allerletzten Moment in der Lage, seine Balance wiederfinden, um so nicht erneut auf dem ausgetrockneten Untergrund aufzuschlagen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis er sich langsam von den heftigen Schlägen erholt hatte.

Die Zeit war wie stehengeblieben. Die Silhouetten fremder, menschlicher Körper huschten, beinahe tanzend, hektisch, aber dennoch zielstrebig durch die Gegend. Die Fremden waren gekommen, um eine der letzten noch unberührten Bastionen menschlicher Existenz zu erobern. So lange Amaru denken konnte, war sein Zuhause ein sicherer Rückzugsort gewesen. Ein Ort der Unbekümmertheit und des Friedens. All das verschwand nun unmittelbar vor seinen Augen – ohne dass er etwas dagegen hätte tun können.

Das Chaos lichtete sich ein wenig und dank des Morgenlichtes erkannte Amaru, dass eine armeeartige Gruppe von bewaffneten Männern sein Dorf umstellt und eingenommen hatte. Niemand hatte sie kommen hören und niemand vermochte vor ihnen zu fliehen. Sie schienen überall zu sein. Wie Geister in der Dunkelheit ergriffen sie Besitz von der friedvollen Stille und strebten nach grenzenloser Eroberung. Gleitend hatten sich anfangs ihre Schatten durch das Dorf bewegt und vorsichtig jede Hütte umkreist; wie Löwen, die sich im Schutze der Nacht an ihre Beute heranschlichen. Nichts hatte ihre Ankunft und das Unheil, das sie bringen würden, erahnen lassen.

Was geht hier nur vor?, schoss es ihm erneut durch den Kopf. Ziellos ging sein Blick vom einen Ende des Dorfes zum anderen. Dabei entdeckte er, dass vor dem Eingang seiner Nachbarshütte zwei weitere leblose Körper lagen: Es waren zwei seiner Freunde. Um Gottes Willen, das sind doch nicht ...? Amaru starrte wie gebannt in Richtung der Leichen. Er fühlte sich machtlos, so machtlos wie noch nie zuvor in seinem Leben. Tränen schossen in seine Augen und kullerten seine Wangen hinunter. Sind beide wirklich tot? Wie kann das nur ...?

Eines der toten Gesichter war zu ihm geneigt. Die leeren, erloschenen Augen von einem seiner Freunde sahen ihn wie Boten aus dem Jenseits an. Es hatte den Anschein, als wollte der Tote mit Amaru sprechen. Amaru erschrak innerlich, als er plötzlich glaubte, dass sich die Lippen seines Freundes bewegten: Sie werden dich holen, wenn nicht heute, dann morgen. Rette dich, las er von diesen ab.

Amaru konnte seine Augen nicht abwenden von dem Gesicht, das am vorherigen Tag pausenlos gelacht hatte und voller Leben gewesen war. Er versuchte intuitiv nach den toten Körpern zu greifen, doch sie waren für ihn unerreichbar weit weg und für alle Zeit verloren.

Ihn überkam eine enorme Wut, die er so seit einer Ewigkeit nicht mehr gespürt hatte. Amarus Augen wanderten weiter, weg von seinen toten Freunden. Hilflos musste er es erdulden, wie zu allen Seiten Freunde, Verwandte, Brüder und Schwestern unsägliches Leid zu ertragen hatten. Manche der Mitglieder seines Stammes hatten den Angriff am Ende mit ihrem Leben bezahlt. Aber wofür nur?

Das Geschehen ereignete sich quälend langsam. Eine abermalig einsetzende Apathie erfüllte seinen Körper und Geist und triumphierte über den Drang nach Ausbruch und Befreiung. Wie lange Amaru regungslos vor sich dreinschaute, ließ sich später nicht mehr sagen. Es mussten wie zuvor einige Minuten vergangen sein, ehe er sich daran machte, den Stimmen der Fremden vertraute Worte zu entlocken. Deren Zahl, die in den schwer zugänglichen Regenwald des peruanisch-brasilianischen Grenzgebiets einmarschiert war, wuchs unaufhörlich an. Sie trugen Militäruniformen, jedoch keine einheitlichen.

Wie die Boten einer anderen, düsteren Welt begutachtete Amaru sie von Kopf bis Fuß. Anhand mancher Mimik konnte er ablesen, dass viele seiner Freunde und Verwandten wohl ähnliche Gedanken hatten wie er. Es war eine Mischung aus Abscheu und Neugierde zugleich.

Amarus Vater, Ama Titu, Häuptling des Volkes der Asháninka, blickte erschöpft auf den Boden, so, als ob er sich seinem Schicksal ohnehin ergeben hätte. Ama Titu war bereits über 60 Jahre alt. Die tiefen Furchen in seinem Gesicht zeugten von einem großen Erfahrungsschatz und den bewegten Jahren seiner langen Regenschaft über die Asháninka. Trotz seines Alters war er von kräftiger Statur – wie die meisten seiner männlichen Stammesmitglieder. Narben zeichneten seinen schlanken, gut definierten Oberkörper, die noch von kriegerischen Auseinandersetzungen aus vergangenen Zeiten herrührten. Sein Atem ging langsam und schwerfällig. Seine Nasenlöcher bewegten sich angestrengt auf und zu und sein ganzer Körper schmerzte offensichtlich.

Amaru wusste, dass sein Vater seinen Untergebenen in dieser schrecklichen Situation eigentlich etwas Aufmunterndes zurufen, ihnen Mut machen und ihnen zeigen wollte, dass er weiterhin ihr starker Führer war. Doch er brachte keinen Laut mehr heraus.

Nachdem sich das unübersichtliche Durcheinander gelegt hatte, trat zu Amarus Überraschung ein Mann aus den Reihen der Soldaten hervor, die sich mehrheitlich um die Mitte des Dorfes versammelt und die Eingeborenen umzingelt hatten. Der Mann passte für Amaru nicht wirklich ins Bild.

Er beobachtete jeden Schritt des Fremden, der plötzlich direkt vor ihm stehen blieb. Amaru musterte den Mann eindringlich. Er schätzte ihn mindestens auf das Alter seines Vaters, wahrscheinlich war er älter. Der Mann war ein Riese, aber von hagerer Statur. Er war größer als jeder Mensch, den Amaru je zuvor gesehen hatte – mindestens zwei Köpfe größer als er selbst. Seine Hautfarbe war blass, sein Gesicht eingefallen. Der Weiße hatte einen grauweißen Vollbart, sein volles Haar versteckte er unter einem beigefarbenen Hut. Er war der einzige Weiße unter all den Eindringlingen, die heute in das Dorf gekommen waren. Seine bewaffneten Begleiter hatten alle eine dunklere, den Asháninka ähnliche Hautfarbe. Er erweckte den Eindruck eines steifen Bürokraten. Der Mann war spürbar verunsichert, seine Mimik angespannt, das war unübersehbar.

»Solis!«, brüllte der weiße Mann, während er mit seinen stechend blauen Augen die vor ihm zusammengetriebene Menschenmenge eine Zeit lang geprüft hatte. Seine Stimme war unüberhörbar zittrig und wirkte dem Versuch, besonders bestimmend zu klingen, klar entgegen. »Übersetzen Sie, da ich ja annehmen muss, dass immer noch keiner der Stammesangehörigen in der Lage ist, entweder Spanisch oder Portugiesisch zu verstehen, geschweige denn zu sprechen. Sagen Sie ihnen, dass das gewaltsame Einschreiten hätte verhindert werden können, wenn die Stammesältesten das großzügige Angebot meines Arbeitgebers und das der peruanischen Regierung vor zwei Monaten angenommen hätten.«

Solis, ein unauffälliger, kleiner Mann mittleren Alters, begann zeitlich leicht versetzt hastig in der Sprache Asheninka Pichis, einem Arawakdialekt, in Richtung von Amarus Vater zu übersetzen. Solis' Aussehen ähnelte sehr dem der Asháninka, allerdings gehörte er einem benachbarten Stamm an. Amaru konnte den ihm vertrauten Dialekt sofort zuordnen. Solis' tiefe Stimme dröhnte durch die Siedlung, die aber nicht so ganz zu seinem untersetzten, eher gebrechlichen Erscheinungsbild passen mochte.

Nachdem er fertig war, fuhr der weiße Fremde fort: »Da das Volk der Asháninka sich dazu entschlossen hat, den Weg der Zwietracht zu gehen, anstatt der Vernunft zu folgen, war der heutige Tag leider unausweichlich. Dass unsere Soldaten Waffengewalt einsetzen mussten, bedauere ich zutiefst, doch ich hoffe, dass die von der Regierung erlassene Zwangsumsiedlung nun friedlich und zügig vonstattengehen wird. Wir sind Ihnen daher für eine entsprechende Kooperation äußerst dankbar.« Nach einem nicht zu überhörenden, tiefen Durchatmen und einem darauffolgenden resignierten Kopfnicken wandte er sich dem Mann zu seiner Rechten zu: »Guzmán, Sie wissen, was zu tun ist und wofür Sie von meinem Arbeitgeber bezahlt werden. In Phase eins erwarte ich eine reibungslose Räumung des Dorfes binnen der nächsten 30 Minuten. Im Anschluss wird das Dorf dem Erdboden gleichgemacht, um die Grundlage für die künftige Rohstoffgewinnung zu schaffen. Wir haben nicht viel Zeit. Meine Assistenten und ich werden den Aufbau des Basislagers am südlichen Ende des Dorfes überwachen.«

Nach einem schnellen Blickkontakt mit Guzmán, ein beleibter, vielleicht nur 170 cm großer Mestize und den augenscheinlich jeder weitere Atemzug näher an den bevorstehenden Herzinfarkt zu bringen schien, verschwand der Weiße wieder in den Reihen der Soldaten. Amaru starrte Guzmán an. Im Gesicht des hässlich anmutenden Zwerges machte sich daraufhin ein hämisches Grinsen breit. Dann fuhr er mit der Zunge an seiner Oberlippe entlang. Immer wieder, von links nach rechts, rechts nach links. Dabei berührte sie auch seinen dicken, schwarzen Schnauzer. Zweifellos freute er sich auf die weitere Abfolge der Ereignisse. Gefolgt von einer befehlshaberischen Geste sagte er abfällig: »Gebt den Urwaldmenschen zehn Minuten, damit sie ihr Hab und Gut zusammenklauben können. Brennt danach alle Hütten nieder und beginnt, die größten Bäume zu fällen. Vor der ätzenden Tageshitze will ich hier raus sein.« Abschließend fügte er nüchtern an: »Bei jeglicher Form von Widerstand, erschießt sie einfach. Die braucht ja sowieso keiner.«

Sobald Guzmán seinen Satz beendet hatte, packten jeweils zwei Soldaten einen Ureinwohner an seinen Schultern und schleiften alle Männer nacheinander gewaltsam zu ihren Hütten zurück. Gleiches geschah mit den Frauen und Kindern, auf die je ein Bewacher kam. Die Asháninka wehrten sich so gut sie konnten, das zeigten die tiefen Furchspuren, die ihre Füße im Boden hinterließen. In derselben Art und Weise wurde Amaru von zwei Männern an seinen Armen hochgehoben und in Richtung seiner Hütte geschubst. Er wusste, dass jegliche Gegenwehr sinnlos war. Würde er auf die Fremden losgehen, würden sie ihn wie seine beiden Freunde direkt erschießen. Einfach so. Und niemanden würde es interessieren.

Kurz bevor er zu seiner Hütte kam, schaute Amaru zuerst nach links, anschließend nach rechts. Da er gezögert hatte, erhielt er umgehend einen heftigen Tritt von hinten in seinen Rücken, so dass er nach vorne in den Eingangsbereich fiel und sich an Knien und Händen die Haut aufriss. Er spürte einen brennenden Schmerz, doch war es ihm in diesem Moment egal.

Einer der zwei Männer ging achtlos an ihm vorbei und blieb in der Mitte der Hütte stehen. Er brüllte Amaru an, der jedoch nichts davon verstand. Die ungeduldigen Gesten des Fremden machten ihm allerdings unmissverständlich klar, dass er seine Sachen zusammensuchen sollte. Er hatte dafür nur wenige Minuten Zeit.

Derweil er, wie alle anderen Stammesmitglieder auch, sein wenig Hab und Gut suchte und nach draußen trug, begannen die Fremden mit dem Aufbau ihrer Basis mitten im Dorf. Soldaten liefen im Eilschritt mit Kisten und allerlei Gerät, das weder Amaru noch andere Asháninka kannten, an ihm und seinen Stammesangehörigen vorbei, schubsten sie, so dass sie auf den Boden knallten und sich wieder mühselig aufrichten mussten.

Durch die angewandte Härte der Soldaten vollzog sich die Räumung des Dorfes sehr schnell. Die Asháninka waren ein friedliches Volk, das Waffen traditionell nur zur Jagd und zur Selbstverteidigung einsetzte. Dies beeinflusste entscheidend ihre Reaktion auf die unerwartete Aggression von Menschen, denen sie noch nie begegnet waren. Da es nämlich schon seit einigen Jahrzehnten nicht mehr zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit verfeindeten Stämmen gekommen war, waren sie von dem feindlichen Verhalten der Fremden schlichtweg überfordert und konnten darauf nicht angemessen reagieren.

Über einen Indio, der als Vermittler fungiert hatte, hatten die Stammesältesten der Asháninka unter Führung von Ama Titu erstmals vor knapp zwei Monaten eine Delegation der Fremden außerhalb des Dorfes in Empfang genommen gehabt. Damals hatten ebenfalls schwer bewaffnete Männer die Gruppe begleitet, an deren Spitze derselbe weiße Mann gestanden hatte, der heute die Operation leitete. Im Laufe des Treffens waren die Ureinwohner mit einem für sie unverständlichen Angebot konfrontiert worden: So sollten sie ihr Dorf gegen eine bestimmte Geldsumme aufgeben und man würde sie anschließend im Rahmen eines speziellen Förderprogramms der peruanischen Regierung in moderne Häuser in der nächstgrößten Stadt umsiedeln, hatte es zu jener Zeit geheißen.

Für die Ureinwohner jedoch konnten die Natur, Pflanzen oder Böden keinem Besitzanspruch unterliegen. Alles, was sie umgab, gehörte allen Menschen zu gleichen Teilen. Geld als Zahlungsmittel und Instrument zur Absteckung territorialer Ansprüche war ihnen vollkommen fremd. Sie entnahmen ihrer Umgebung nur das, was sie zum Überleben benötigten. Jegliche Vorstellung exzessiver Ausbeutung natürlicher Ressourcen lief dem Kern ihrer Existenz zuwider. Da ihnen der wissenschaftlich-technologische Fortschritt fremd war, hatten sie auch keinerlei Vorstellung davon, dass die umliegenden Boden- und Gesteinsareale möglicherweise wertvolle Bodenschätze beherbergten. Somit war den Asháninka bis zu demjenigen Zeitpunkt, als sie zum ersten Mal auf die Fremden getroffen waren, nicht bewusst gewesen, dass sie ihre Siedlung an einem so strategisch günstig gelegenen Stützpunkt für eine mögliche Rohstoffexploration angelegt hatten.

Das Dorf grenzte nämlich im Süden an einen großen Fluss, der aufgrund seiner Lage als Wasserroute für den Transport von Rohstoffen bestens geeignet war. Einige hundert Meter von der Siedlung entfernt hatten die fremden Männer anlässlich ihres ersten Besuchs Bodenproben entnommen, die auf für sie wichtige Rohstoffe Rückschlüsse zuließen. Nachfolgend hatten sie den Indianern das Angebot unterbreitet, die Siedlung gegen eine finanzielle Kompensation mit sofortiger Wirkung aufzugeben. Andere indigene Völker in der Region, ebenso auf brasilianischer Seite und in Ecuador, erlagen zunehmend diesen verlockenden Angeboten vor allem westlicher Industriekonzerne, die in Zusammenarbeit mit nationalen Regierungsbehörden Perus, Ecuadors oder Brasiliens die Erschließung entlegener Regionen entschieden vorantrieben. Bis zuletzt hatten sich Amarus Vater und sein engster Führungskreis jedoch geweigert, das Angebot anzunehmen.

Ohne es in irgendeiner Form voraussehen zu können, marschierten dann die Soldaten unter Führung des weißen Mannes am heutigen Tag in das Dorf ein und ließen dieses nun gewaltsam auslöschen. Die alte Welt der Asháninka lag von der einen auf die andere Sekunde in Trümmern. Sah Amaru im Hier und Jetzt direkt in ihre Augen, und hierbei vorrangig in die der älteren Stammesangehörigen, so erkannte er ein tiefes Gefühl der Resignation, Verbitterung und Trauer, aber auch der Ungewissheit darüber, was zukünftig aus ihnen würde. Der Schmerz über die verlorene Heimat und die Angst vor der anderen, sogenannten modernen Welt waren für sie kaum zu ertragen.

Mit der Zeit hatten die Tumulte der vergangenen Stunde deutlich abgenommen und unter Zwang versammelten sich mehr und mehr Stammesmitglieder auf dem zentralen Platz des Dorfes. Unter strenger Bewachung der Soldaten, die ihre Schusswaffen stets im Anschlag hielten, trauten sie sich nicht mehr, sich zu bewegen. Schluchzte eine Person zu laut oder wehrte sich noch auf dem Weg zur Hütte und zurück, schlugen die Soldaten wahllos mit ihren Gewehrschäften auf die wehrlosen Männer, Frauen und Kinder ein.

Nachdem knapp 250 Asháninka in der Dorfmitte auf engstem Raum zusammengepfercht worden waren, fingen die Soldaten an, die Menschen wie Sklaven mit Seilen an den Fußgelenken miteinander zu verbinden. Die Indianer schauten sich dabei gegenseitig an und waren zutiefst verstört. Wie versteinert ließen sie alles über sich ergehen. Als einer der Soldaten mit dem letzten Stück Seil das rechte Ende der Gruppe erreicht hatte, trat erneut Guzmán vor die Indianer, klatschte zweimal in die Hände und begann auffordernd zu gestikulieren. Nachfolgend sagte er in einem sarkastischen Unterton: »So, meine lieben Untermenschen, ab in diese Richtung, da geht's für euch in die zivilisierte Welt. Ihr freut euch doch sicherlich drauf, oder?«

Keiner der Indianer reagierte. Ohne groß abzuwarten, machte Guzmán ein schnelles Handzeichen und einige Soldaten schlugen mit voller Härte von hinten mit ihren Gewehren auf die Menschen ein, um sie von ihrer Lethargie zu befreien. Die Soldaten gingen abermalig äußerst brutal vor. Dies zeigte Wirkung und langsam, aber sicher stellten sich die Stammesangehörigen in einer langen Reihe auf. Nach einem Befehlsruf machten sie sich im Anschluss daran, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Der weiße Fremde, der all dies mitverantwortete, betrachtete die gesamte Szenerie aus sicherer Distanz. Er war angewidert. Von sich selbst und seiner Arbeit. Für ihn glichen die Bilder, die er gezwungen war, sich zu Gemüte zu führen, in erschreckendem Maße mehr dem Auszug aus einer Sklavereiepisode aus längst vergangenen Zeiten, als dem behutsamen Umgang mit Menschen, die gerade im Begriff waren, alles zu verlieren. Sie offenbarten für ihn einmal mehr die schonungslose Fratze des menschlichen Fortschritts und dessen Macht gegenüber denjenigen, die von der Moderne nach wie vor unberührt waren oder sich ihrer zu erwehren versuchten. Doch der Eroberungsfeldzug der Moderne kannte keine Gnade für die Lebenswirklichkeit indigener Völker.

Für die Asháninka war es eine Reise ins Ungewisse, die mit Beschreiten des breiten Trampelpfades am südlichen Teil der Siedlung ihren Anfang nahm. Am Ende des Pfades warteten bereits kleine Schiffe, auf die die Asháninka dann umsteigen mussten, um ihre Reise in ein neues Leben anzutreten. Tränen der Angst, vor der Zukunft und der Ungewissheit, was sie erwarten möge, ließen die einst fröhlichen Gesichter zu Abbildern von Leid und Trauer verkommen. Der schleichende Tod, anfänglich mental, begann sein Werk. Für die Asháninka endete hier nun das Leben in Freiheit.

Als das Dorf am Horizont verschwand und sich die Silhouetten der umringenden Bäume nur noch schemenhaft abzeichneten, drehte sich Amaru ein letztes Mal um. Es war mittlerweile vollständig hell geworden. Rauchwolken stiegen aus der Ferne auf, der Geruch von brennendem Holz bahnte sich seinen Weg durch die unberührte Schönheit der Natur. Vögel entflohen eilig den Baumwipfeln jahrhundertealter Bäume, die unzähligen Arten seit jeher einen Lebensraum boten. Affen und viele andere Tiere schrien um ihr Leben. Motorsägen kreischten und Amaru konnte beinahe spüren wie die Fremden langsam, aber beständig wie mit einem Skalpell die Lebensadern der zuvor noch emporragenden Bäume durchschnitten.

Amaru wandte sich daraufhin ein letztes Mal in Richtung seines Vaters. Er suchte den direkten Augenkontakt, um ihm etwas Aufmunterndes oder Hoffnungsvolles entlocken zu können. Er hoffte auf einen Anker der Zuversicht, allerdings vergebens. Die Augen seines Vaters wirkten erloschen. Apathisch wanderte dessen Blick auf dem Boden vor sich umher. Es fiel ihm sichtlich schwer, einen Fuß vor den nächsten zu setzen. Nach einigen Schritten begann er für Amaru unverständliche Worte zu murmeln, die der junge Indianer nicht zuzuordnen imstande war. Er flehte seinen Vater eindringlich an, aber trotz alledem erhielt er keine Reaktion.

Bevor die Auswüchse der lärmenden Kettensägen, Baggermotoren und Menschenstimmen endgültig in der Dichte des Urwaldes untergingen, konnte Amaru die letzten Sätze seines Vaters endlich verstehen: »Sie haben die Dunkelheit über uns und die ganze Welt gebracht. Die Natur wird sich daran erinnern und wird es uns nicht verzeihen. Zuerst verschwinden die Bäume und die Tiere, dann das Wasser und zuletzt der Mensch.«

***

Baar, 22.03.2014

»Der Durst des Menschen nach Macht ist unauslöschlich. Dieser Macht hat sich alles zu beugen, ebenso die Natur.«

Julius Heyessen blickte verwundert auf die Überschrift eines mehrseitigen Briefes, der sich in einem alten Notizbuch seines Vaters befand. Dieser war an niemanden adressiert und beinhaltete eine Aneinanderreihung teils philosophisch angehauchter Phrasen. Zuerst zweifelte er angesichts der ersten Sätze, dass dieses Buch und der dazugehörige Brief seinem Vater, George Heyessen, gehörten.

Heyessen kam in diesem rauen Märzwinter in das verschlafene Baar in der Schweiz, um das Haus seines kürzlich überraschend verstorbenen Vaters aufzulösen. Dieser hatte sich auch nach dem Ende seiner Tätigkeit für die Kervielia Group, dem größten Rohstoffkonzern der Welt, vor vier Monaten dazu entschieden gehabt, in der beschaulichen Provinz im mitteleuropäischen Nirgendwo zu verweilen, anstatt in die alte Heimat nach Boston, Massachusetts, zurückzukehren. In seinem spartanisch eingerichteten Arbeitszimmer, welches nicht ansatzweise den Reichtum widerspiegelte, den sich sein Vater über die Jahrzehnte hatte erarbeiten können, suchte er zunächst nach brauchbaren Dokumenten über die genauen Finanzen seines Vaters. In dem Moment, als er das Zimmer betreten hatte, erschien es ihm jedoch aufgrund des neurotischen Ordnungssinns seines Vaters ungewohnt unordentlich.

Als ob jemand nach etwas gesucht hätte, dachte er sich intuitiv. Der Rest des Hauses war in einem einwandfreien Zustand, nichts Ungewöhnliches war ihm bis zum Betreten des Arbeitszimmers aufgefallen.

Er hatte seinen Blick durch den kleinen Raum schweifen lassen und entschied sich dazu, den Schreibtisch näher zu begutachten. An dieser Stelle war ihm gleich in der ersten Schublade des alten, aus Ahornfaser gefertigten Arbeitstisches eben dieses Notizbuch in die Hände gefallen. Die Handschrift seines Vaters, dem ehemaligen Leiter der Abteilung Globale Strategie & Sonderaufgaben der Kervielia Group, war leicht zittrig, nicht klar definiert, wie sie Julius Heyessen eigentlich sonst kannte. Sein Vater musste diese Zeilen augenscheinlich in einem sehr aufgewühlten, verunsicherten Zustand geschrieben haben. Er hatte die erste Seite eher desinteressiert überflogen. Als er weiterlas, verspürte er auf einmal eine ungewohnte innere Anspannung. Er konnte das Gefühl kaum beschreiben. Unbewusst begann er, die nachfolgenden Zeilen laut vorzulesen: »Was wir im Namen unserer scheinbar überlegenen Wertvorstellungen taten, läuft den Grundüberzeugungen meines Wertekanons zuwider und kommt einer Moralapostasie des Teufels gleich.«

Julius Heyessen kannte seinen Vater, doch dieser Brief beschrieb eine Person, die er nicht wiederzuerkennen vermochte. »Wir töteten, obgleich nicht nur durch direkte physische Gewalteinwirkung, sondern vor allem durch eine seelische mittels Worten. 17.04.2013: Wir rückten mit unseren schwer bewaffneten Begleitern in das Dorf der Asháninka im frühen Morgengrauen vor ... die Stammesältesten hatten einige Wochen zuvor das von der peruanischen Regierung mitunterstützte Abkommen zur friedlichen Umsiedlung unter Maßgabe des Kompensationsprimats abgelehnt. Trotz meiner Anweisungen, zu keinem Zeitpunkt Gewalt anzuwenden, eskalierte die Operation zu Anfangs unerwartet. Mehrere Stammesmitglieder wurden ohne ersichtlichen Grund einfach niedergemetzelt. Guzmán wollte ich als militärischen Leiter eh nicht dabei haben – so ein dummer, primitiver Fettsack. Das einzige, zu was der fähig war, war essen, saufen und rauchen. Und er hatte immer dieses masochistische Funkeln in seinen Augen, wenn er die Gelegenheit sah, andere Menschen zu erniedrigen. Lag wohl daran, dass der dicke Volltrottel selbst früher in der Opferrolle gesteckt haben musste. Zudem sind kleine Männer gefährlich. Das bewahrheitet sich andauernd. Leider zwang mich die peruanische Regierung am Ende fast dazu, ihn mitzunehmen, da er stets zur vollen Zufriedenheit aller Beteiligten seine Aufgaben zu erledigen wusste. Für die Regierung war der Auftrag enorm wichtig und mein Arbeitgeber verdiente daran prächtig. Das lag gleichermaßen an dem Umstand, dass die peruanische Staatsregierung auf dem Siedlungsgebiet der Asháninka und anderer indigener Völker an den Ländergrenzen zu Ecuador und Brasilien kürzlich zahlreiche Rohstoffexpeditionen durchgeführt hatte. Alle Aufträge wurden ausschließlich an meinen Arbeitgeber vergeben. Diese Expeditionen dienten einzig und allein dem Zweck, einerseits unsere Marktstellung als größter Rohstoffkonzern der Welt zu zementieren und andererseits die Regierung mit ausländischen Direktinvestitionen in die Infrastruktur und den Rohstoffabbau zu versorgen. Alles andere spielte keine Rolle. Sollte sich jemand in den Weg stellen, so wurde er einfach sprichwörtlich plattgemacht. Was mit den Indios im Rahmen der Umsiedlungsprogramme geschah, interessierte alle Beteiligten am allerwenigsten. Was für ein Irrsinn!

Ich trat meinen Job bei Kervielia gleichwohl nicht unter der Prämisse an, Teil eines subversiven Mordkommandos zu werden, das gewillt war, wahllos wehrlose Menschen ihrer vollständigen Existenz zu berauben oder gar zu töten. Mir blieb nichtsdestotrotz als Leiter der Abteilung für Sonderaufgaben, unter welche diese Aktivitäten eben fielen, keine andere Wahl. Auch vor dem Hintergrund all der schrecklichen Dinge, von denen ich über die Jahre hinweg Zeuge geworden war, war ich selbst längst zum elendigen Mittäter verkommen. Ich sah wie Menschen starben, ob physisch durch Gewaltanwendung oder seelisch durch den Schmerz über den Verlust ihrer Heimat. Die Übermoral des ach so großen Westens, unserer zivilisatorischen Heimat, zur Eroberung der letzten Bastionen vermeintlicher Ignoranz und Barbarei stand dabei stets an vorderster Front. Diese Übermoral war im Kern immer nur darauf ausgerichtet, die Sättigung unseres schier endlosen Rohstoff- und Wachstumshungers zu befriedigen. Der Motor musste unentwegt weiterlaufen. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Was für eine Unfreiheit! Und dennoch sind, wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, diese unberührten Stämme, nicht nur in Südamerika, sondern weltweit die letzten wahrhaftig freien und im Einklang mit der Natur lebenden Menschen auf diesem asozialen Planeten! Ich will und kann das nicht mehr länger stillschweigend dulden.«

Sein Vater hatte nie von diesen „Sondereinsätzen" erzählt. Stattdessen hatte es sich fortlaufend nur um Tätigkeiten zur Geschäftsakquise gehandelt. Sein Vater war viel unterwegs gewesen, das war sicher. Wo er sich auf dem Globus herumtrieb und welchen Geschäften er konkret nachging, hatte ihn damals nur wenig interessiert. Die Arbeit seines Vaters hatte ihr beider Verhältnis, seitdem er denken konnte, belastet, da er sich eben einen Vater gewünscht hatte, der für ihn da sein und ihn beim Älterwerden mit seiner Vorbildfunktion unterstützen würde. Seinen Vater nur alle paar Wochen ein Mal zu sehen, darunter hatte Julius Heyessen als Kind und Jugendlicher sehr gelitten. Er war oftmals auf sich alleine gestellt, da er keine Geschwister hatte und seine Mutter mit der Situation gänzlich überfordert war. Als er bereits erwachsen war und sein Studium aufgenommen hatte, war das Verhältnis zu seinem Vater anhaltend schwierig, doch es hatte sich über die vergangenen zehn Jahre deutlich gebessert. Gerade die letzten zwei Jahre waren von einem besonders engen Austausch geprägt gewesen, da sein Vater immer seltener arbeitete und ihn so mehrmals im Jahr besuchen kam. Dass er seinen Vater genau an diesem Punkt im Leben verlieren würde, war für ihn ein großer Schock. Und nun stand er verloren inmitten des luxuriösen Hauses seines Vaters, ohne diesen je wirklich kennengelernt zu haben.

Julius Heyessen konzentrierte sich wieder auf die Schrift seines Vaters, die in den folgenden Zeilen immer unklarer und hektischer wurde. Es fiel ihm zunehmend schwerer, diese zu entziffern. Seine Neugierde, weiterzulesen, stieg allerdings parallel hierzu ins Unermessliche. Seine Augen weiteten sich, sein Herz begann schneller zu schlagen. Er biss sich unbewusst immer wieder mit seinen Schneidezähnen leicht auf die Unterlippe. Es tat weh, aber er ignorierte es. Mit jeder weiteren Zeile, die er las, überkam ihn jedoch die Angst, ungewollt eine völlig unbekannte Seite seines Vaters zu entdecken.

»19.04.2013: Rückkehr nach Lima. Meine Assistenten, Lynar-Mertz und Hagen, sind mit der finalen Durchführung der Bestandsprobenentnahme vor Ort betraut. Mit dieser entsetzlichen Tropenhitze kamen sie besser klar. Und ich konnte ihnen absolut vertrauen. Hatte sie ja auch immerhin selbst angestellt.

Gleicher Tag, Mitternacht: Mir ist schlecht. Kotzübel. Ich gehe daher nach ein paar Drinks an der Hotelbar ausgelaugt auf mein Zimmer und übergebe mich mehrere Male in die Toilette. Was für ein Gestank. Ich sehe mich im Spiegel an. Ekel. Was für ein Widerling ich tatsächlich geworden bin.

20.04.2013: Ich fühle mich irgendwie beobachtet. Es scheint so, als wäre heute jemand in meinem Hotelzimmer gewesen, als ich beim Mittagessen war. Ich werde wohl langsam paranoid. Später klopfte plötzlich jemand an der Tür. Ich schreckte auf. Mein Herz stand kurz still ... Nur eine persönliche Nachricht zum Glück. Die Dokumente sind unzureichend. Plutarch, stand da geschrieben. Verdammt nochmal. Das Risiko war ohnehin außerordentlich hoch. Ich muss das alles beenden, bevor sie dahinter kommen. Jetzt ...«

Wie aus dem Nichts endete der Brief, die letzten zwei Seiten waren blank.

»Das kann doch nicht alles gewesen sein!«, tönte es entnervt aus Julius Heyessens Mund. Der Text endete exakt an dieser Stelle. Er wollte aber mehr über seinen Vater erfahren. Und dieser Brief schien der Schlüssel dazu gewesen zu sein.

Er begutachtete den Brief näher und strich mit seinen Fingern vorsichtig entlang des Papiers. Es fühlte sich rau an, war aber sehr dünn. Er wurde ungeduldiger. Dann kam ihm eine Idee. Vielleicht verbarg sich eine Botschaft in dem Brief, die mit dem bloßen Auge so nicht zu sehen war. Er konnte nicht näher erklären, wieso er darauf kam, aber seine Intuition sagte ihm, dass er nicht sofort aufgeben sollte. Er hielt infolgedessen die einzelnen Seiten abwechselnd gegen das Licht der hell leuchtenden Deckenlampe. Er kniff seine Augen angestrengt zusammen und suchte gründlich die leeren Seiten ab. Auf der letzten Seite kam ihm auf einmal etwas ungewöhnlich vor.

Was in Gottes Namen?

Durch die Lichteinwirkung wurden wie von Geisterhand am untersten Ende kleine Schriftzeichen in ihren Umrissen erkennbar. Julius Heyessen drehte und wendete mehrfach hektisch die Seite. Dabei fielen ihm gleich mehrere Initialen in Verbindung mit jeweils einer Zahlenkombination auf: LH-L-GB (628453070244), WS-Plutarch-CAM (3325947161) und MB-JeanneDarce-WH-MAS (12279538191).

Was bedeutet das alles nur? Wer zum Teufel ist Plutarch? Der hatte doch schon an vorheriger Stelle meinem Vater geschrieben. Und wen meint mein Vater bloß mit „sie"? Julius Heyessen legte den Brief konsterniert wieder beiseite und nahm die Schublade genauer in Augenschein, in der er die Sachen gefunden hatte. Er kniete sich hin und begann, den Boden abzutasten. Da muss noch etwas zu finden sein!

Er erkannte, dass die Oberfläche nicht geradlinig verlief und klopfte in kleinen Kreisen das schwere Holz ab. Die widerhallenden Töne waren zunächst so, wie man sie erwarten konnte: Tief und dumpf. Anschließend vernahm er einen komischen Zwischenton. Hohl? Das kann doch nicht sein, schoss es ihm durch den Kopf.

Aufgeregt richtete er sich auf und suchte nach etwas, um den Boden der Schublade aufbrechen zu können. Er nahm einen umherliegenden Brieföffner, ging ein weiteres Mal in die Hocke und stemmte sich leicht gegen den Schreibtisch, um den Boden mittels einer Hebelwirkung anheben zu können. Der Öffner rutschte ab, allerdings brach er ein Stück des Oberbodens heraus, sodass Julius Heyessen sehen konnte, dass sich darunter ein Gegenstand befand. Er trug die restliche Bodenplatte Schritt für Schritt ab, nur um zu seiner Überraschung festzustellen, dass sich in dem Hohlraum sowohl eine kleine Schachtel als auch ein altes Nokia Handy befanden. Nach letzterem griff er zuerst. Als er es in seinen Händen hielt, entdeckte er einen kleinen Zettel, der auf der Rückseite des Geräts angeklebt war. Er löste diesen vorsichtig ab, klappte ihn auf und fand eine vierstellige PIN-Nummer sowie den Hinweis vor, Plutarch und Jeanne Darce müssten sofort kontaktiert werden, sobald das Handy gefunden worden sei. Dann zog er die Schachtel heraus und öffnete sie ohne zu zögern. Darin lagen eine weitere, zusammengeknüllte Notiz und ein Schlüssel. Er entwirrte das Papier und stieß völlig verdutzt auf ein in der Handschrift seines Vaters verfasstes Gedicht:

„Ich bin getrost nicht frei,

sondern wart' ob der Tyrannei,

auf des Erlösers endlich Ruf.

Findest du mich anheim,

wirst du sein des Rettungs Keim.

Scheiter nicht! Das ist mein Tod.

Ob des Geheimnis Ort verrat ich dir,

schau gen des Römers nördlichst große Stadt,

wo des Königs Kreuz den Heilig hat.

In Worten schweig und lös das Schloss,

das verbarg sich hinter Bücherlist,

am Fuß der großen Statu Christ.

Das Rad geschwind sich dreht,

wenn du nur nicht zu spät,

Dann versiegt der Bäume Quell.

Des Platon Nomoi Werk dir wird zeigen,

daß Zahl und Wort einand nicht schweigen,

ob der Lösung Freund im Titel liegt.

Seneca

Stirnrunzelnd wandte sich Julius Heyessen von dem Brief ab und fokussierte sich auf den Schlüssel. Dieser war klein. Sehr klein. Und dünn. Sieht aus wie ein Schließfachschüssel, dachte er sich. Er bewegte den Schlüssel zwischen den Fingern seiner linken Hand hin und her und starrte ihn unbeirrt an, so als könnte dieser irgendwann zu sprechen beginnen und ihm sein Geheimnis verraten. Seine Stirn verzog sich zu großen Falten. Er wusste einfach nicht, was er damit und mit der gesamten Situation anfangen sollte.

Mit einem intensiven Durchschnaufen steckte er den Schlüssel in seine Hosentasche und ließ seinen Blick wieder über den Schreibtisch wandern, als ihm auffiel, dass die unterteste linke Schublade Bruchstellen aufwies. Das hatte er zuvor ganz übersehen.

Was ist hier nur passiert? Jemand war in diesem Zimmer und musste etwas Wertvolles gesucht haben. Nur was? Vielleicht hatte derjenige oder hatten diejenigen nach eben dieser Schachtel gesucht, die mir nun zufällig in die Hände gefallen ist.

Julius Heyessen schaute sich noch einmal schnell um und packte hastig die Schachtel und das Notizbuch mit dem Brief seines Vaters ein. Es war Zeit zu gehen.

***

Cambridge, Massachusetts, ein Tag später

»Der Mensch ist das einzige Lebewesen unseres blauen Planeten, das dazu auserkoren wurde, die Welt zu beherrschen. Nicht der Elefant, nicht der Tiger oder das Meerschweinchen. Aus diesem Postulat lässt sich eine Verantwortungs- sowie Schutzfunktion des Menschen gegenüber allen anderen Lebensformen ableiten. Diese Funktion bedingt jedoch in der Praxis keinerlei rational übergeordnetes, normativ-konkludentes Verhaltensmuster, das der uns zugewiesenen Rolle in irgendeiner Form gerecht werden würde. Einfacher gesagt: Auf globaler Ebene gibt es keine dem Menschen übergeordnete, zentrale Autorität, die ihn für sein potenziell unmoralisches beziehungsweise verantwortungsloses Handeln sanktionieren könnte.

Meine Damen und Herren: Was ich Ihnen hiermit sagen möchte ist, dass die Menschheit, vor allem die sogenannten politisch-wirtschaftlichen Eliten, im modernen Zeitalter des Kapitalismus außer Stande scheinen, sich in zentralen Politikfeldern auf ein international kodifiziertes Regelwerk mit bindendem und sanktionierendem Charakter zu einigen, solange es keinen entsprechenden Souverän gibt. Im Bereich des Umweltschutzes scheinen die Vereinten Nationen dieser Rolle augenscheinlich nicht gewachsen zu sein.

Seit Menschengedenken wird unserer Spezies allerdings eine höhere Vernunft attestiert, der wir unsere gesetzesmäßige Machtposition verdanken. Welcher wir im Kern aber nie gerecht geworden sind. Unser Planet ist, und das wird er für einige Zeit im Übrigen noch bleiben, unser aller einziger Zufluchtsort. Daher erscheint es umso sonderbarer, dass angesichts der nahenden vollkommenen Erschöpfung unserer natürlichen Ressourcen, der totalen Vermüllung unserer Ozeane, des irreversiblen Umkippens pivotaler Ökosysteme, der vollständigen Ausrottung hunderttausender Arten oder der unaufhaltsamen Abholzung unserer Regenwälder die Menschheit nicht fähig scheint, die Augen zu öffnen und die Realität der eigenen Radikalität anzuerkennen. Man muss nicht notwendigerweise an den anthropogen verursachten oder auch nur verstärkten Klimawandel glauben, um diese unnachgiebige Zerstörungswut als das zu erkennen, was sie ist: Amoralische Assozialität. Wirtschaftsunternehmen, egal welcher Branche, müssen endlich die Bereitschaft zeigen, die letzten entscheidenden Schritte zu gehen. Insbesondere in den Bereichen des Umweltschutzes und der nachhaltigen Ressourcennutzung ist ein bahnbrechender Fortschritt hin zu einer globalen Kreislaufwirtschaft ohne den dauerhaften und substanziellen Beitrag dieser Unternehmen, als technologische Innovatoren und finanzstarke Investoren zugleich, unmöglich.

Sind die Würfel daher nun schon endgültig gefallen und weigern wir uns nur, die gefallene Formation anzuerkennen? Oder kann der drohenden Implosion der Umwelt noch entschieden entgegengetreten werden? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Und dieser Kurs, meine Damen und Herren, wird Ihnen hierauf keine zufriedenstellende Antwort liefern können. Unsere heutige Vorlesung „Nachhaltigkeit und Greenwashing als Farce unternehmerischer Profitmaximierung?" soll Ihnen dabei helfen, die Kernparameter eines idealtypischen Verhaltenskodex für Unternehmen zu definieren und deren praktische Umsetzbarkeit zu testen. Diesem Kodex sind jedoch nicht nur Unternehmer und Konzerne, sondern wir alle als mündige Weltbürger unterworfen. Zumindest in der Theorie.

Als einen letzten Gedanken möchte ich Ihnen Folgendes mitgeben: Der aesopische Wertekanon definiert Vernunft als die stärkste aller menschlichen Eigenschaften. Können wir ob dieses Anspruches unserem eigenen Handeln noch gerecht werden? Ich möchte es so sagen: Die gegenwärtige Untätigkeit zeigt, dass die Antwort auf diese Frage der Mehrheit von uns am Arsch vorbeigeht.«

Professor Scolvus musterte die Studenten vor sich, ging von Reihe zu Reihe durch. Sie alle hatten sich für seine Spätvorlesung des BWL-Mastermoduls „Ethik & Unternehmerisches Handeln – Zwei Seiten der gleichen Medaille?" in der altehrwürdigen Burden Hall der Harvard Business School eingefunden. Wie in jeder seiner Vorlesungen sollte immer ein Student am Ende das letzte Wort haben. Professor Scolvus prüfte daher schnell die heute unüblich lichteren Sitzreihen und suchte den direkten Augenkontakt, dem viele gezielt auswichen.

»Was denken Sie, junger Mann? Wie ich sehe, waren Sie in Oxford, Sie tragen heute ja den Pullover des Ruderteams der Universität. Der Dekan der Said Business School, den ich als Kollegen sehr schätze, vertritt im Hinblick auf die Moralität unternehmerischen Handelns weitaus radikalere Ideen, als die, die ich Ihnen heute dargelegt habe. Einen Artikel hierzu finden Sie auch auf der Literaturliste der heutigen Vorlesung.«

Professor Scolvus fragte einen großen, athletisch wirkenden Mann, der einen dunkelblauen Kapuzenpullover trug. Er hatte fülliges, dunkelblondes Haar, das mit einem rechten Scheitel locker zur Seite gekämmt war. Die Seiten waren kürzer geschnitten. Die Gesichtszüge des Studenten wirkten weich, beinahe jugendlich. Seine blau leuchtenden Augen waren auf den Professor gerichtet. Er war ihm in den vergangenen Sitzungen mehrmals positiv aufgefallen, da er sich allen voran durch sein proaktives Interesse und Nachfragen profilierte. Zudem schien er über ein außergewöhnlich breites Allgemeinwissen zu verfügen. Zwischen beiden entstand so meist ein dynamischer Dialog, bei dem selbst er nach wie vor etwas lernen konnte.

»Ja, Sie in der zweiten Reihe. Was ist Ihre Einschätzung?«

Nach einem kurzen Zögern antwortete dieser: »Ich glaube, dass der Imperativ in dieser gesamten Debatte der Vereinbarkeit von Ethik und kapitalistischem Unternehmertum Empathie lauten muss. Niemand, nicht Sie, Herr Professor, ohne Ihnen nahe treten zu wollen, ein Ethikrat in einem Unternehmen oder eine Bildungsinstitution wie Harvard kann einem Menschen diese Charaktereigenschaft anerziehen, sondern ausschließlich ihren potenziellen Mehrwert darlegen. In der praktischen Geschäftsphilosophie des modernen Unternehmertums wird Empathie als Schwäche gedeutet. Daher geht es allen, wie Sie selbst treffend sagten, sprichwörtlich am Arsch vorbei. Wenn wir diese Einstellung umpolen könnten, dann könnten wir einen echten gesellschaftlichen und somit politischen Umbruch bewirken.«

Es war ein betretendes Schweigen im Raum zu vernehmen, bis Professor William Scott Scolvus ein leichtes Schmunzeln über die Lippen kam und er zustimmend zu nicken begann: »Wie mir scheint, bin ich zumindest in diesem Kurs auf dem richtigen Weg. Meine verehrten Damen und Herren, dieser Verweis ist der vielleicht wichtigste Gedanke, den Sie während Ihres gesamten Studiums in Harvard mitnehmen können: Empathie ist keine Schwäche, sondern gerade diejenige charakterliche Stärke, die den exzellenten, unersetzlichen Geschäftsmann von dem guten und ersetzbaren unterscheidet. Damit entlasse ich Sie. Ihnen einen schönen Abend!«

Professor Scolvus war eine beeindruckende Erscheinung, die nicht nur von seiner Körpergröße von 1,95 m und seiner kräftigen Physis herrührte, sondern in erster Linie seiner Ausstrahlung und Aura entsprang. Man sah ihm sein tägliches Workout zweifelsfrei an, denn seine gut definierten Brustmuskeln hoben sich deutlich unter seinem engen Hemd ab, welches er heute ohne Sakko trug. Sein volles und beinahe vollständig ergrautes Haar trug er kurz. Sein Gesicht war vom letzten Urlaub in Australien noch braunverbrannt, was dazu führte, dass seine ohnehin bereits sehr weißen Zähne deutlich heller leuchteten, sobald er etwas sagte oder lachen musste. Seine leicht grünlichen Augen hoben sich in diesem Kontrast noch einmal zusätzlich stärker hervor und rundeten das Bild eines adretten, älteren Herren, der er es stets verstand, sich jedem Anlass gemäß stilvoll zu kleiden, passend ab. Doch sein Aussehen spiegelte sein wahres Alter in keinster Weise wider. Denn Professor Scolvus war 65 Jahre alt und plante, bald in Rente zu gehen. Davon wusste aber bis dato niemand Bescheid – weder seine Studenten, seine Arbeitskollegen noch der derzeitige Präsident der Universität.

Man konnte sich zudem nicht des Eindruckes erwehren, dass er etwas Unvergleichliches in seiner Mimik und Gestik hatte. Was im Speziellen durch seine außergewöhnliche rhetorische Begabung maßgeblich verstärkt wurde. Seine Vortragsweise war intellektuell anspruchsvoll und in der stilistischen und analytischen Tiefe scharfsinnig und einzigartig zugleich. Es fiel niemandem schwer, ihm vom ersten Moment an wie gebannt zuzuhören.

Professor Scolvus war aufgrund seiner herzlichen Art nicht nur bei seinen Kollegen, sondern besonders bei seinen Studenten überaus beliebt. Er gehörte zu den weltweit produktivsten und renommiertesten Forschern auf den Gebieten der Wirtschaftsphilosophie und Public Economics einerseits und des nachhaltigen Ressourcenmanagements andererseits. Er lehrte als Lehrstuhlinhaber an der Harvard Business School sowie als Gastdozent an den britischen Eliteuniversitäten Oxford und London School of Economics and Political Science und an der deutschen Technischen Universität München. Darüber hinaus war er über 20 Jahre als externer Berater bei der OECD, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen und bei der Weltbank angestellt. Er galt als einer der glühendsten Verfechter eines globalen zwischenstaatlichen Abkommens, das nicht nur die Eindämmung der Folgen der Klimaerwärmung, sondern alle Facetten des Umweltschutzes umfassen sollte. Wegen seiner radikalen Forderung der Beschneidung wirtschaftskapitalistischer Aktivitäten und seines Einflusses als angesehener Experte bei internationalen Institutionen war er in der Vergangenheit oftmals starken Anfeindungen von Wirtschaftsverbänden und Unternehmern ausgesetzt, die hauptsächlich aus der Rohstoff- und Finanzindustrie stammten.

Nach der Vorlesung verließ er an diesem winterlich grauen Märztag den Hörsaal über einen Seiteneingang. Um zu seinem Büro zu gelangen, musste er das Gebäude verlassen und quer über den Campus in Richtung des Verwaltungsgebäudes für Wirtschaftswissenschaften laufen. Es war ein ungewöhnlich kalter Abend. Circa ein halber Meter Schnee säumte links und rechts den Weg, den er gerade entlanglief. Man hörte jeden seiner Schritte schon aus weiter Ferne durch das laute Stapfen seiner Schuhe. Er beeilte sich, um schnell ins Warme zu kommen.

Als er das Gebäude erreicht hatte und im Begriff war, die breite Eingangstür des Verwaltungsgebäudes zu öffnen, bemerkte er, dass sich hinter ihm etwas bewegte. Bevor er reagieren konnte, wandte sich wie aus dem Nichts eine tiefe, männliche Stimme an ihn: »Professor Scolvus? Professor William Scolvus?« Dieser drehte sich langsam um und entdeckte einen Schwarzafrikaner, der sich lässig gegen die große Seitensäule rechts vom Haupteingang lehnte. Der Mann ging dem Professor nur knapp bis zur Nase, sprach mit einem eindeutig britischen Akzent und trug unter seinem beigefarbenen Wintermantel einen dunklen Anzug und dazu eine locker gebundene rote Krawatte. Viel mehr gab das schwache Licht der Außenbeleuchtung des Gebäudes nicht preis.

»Wer will das wissen?«, raunte Professor Scoluvs in Richtung des Mannes. Er hatte überhaupt keine Lust, bei dem Wetter auch nur eine Sekunde zu lang im Freien zu verbringen.

»Mein Name ist Leonrod Hudson. Ich bin von Interpol.« Die Person griff in eine Seitentasche, holte die Marke hervor und machte zwei große Schritte auf den Professor zu. »Es ist sehr kalt hier draußen, Herr Professor, daher würde ich ein Gespräch im Warmen bevorzugen. Wir müssen uns über Ihren langjährigen Freund George Heyessen unterhalten.«

Hudson erkannte sofort, dass sich Professor Scolvus plötzlich unwohl fühlte und diese Frage nicht antizipiert hatte.

»Worum geht es denn genau?« Seiner Stimme konnte man einen erkennbar argwöhnischen Unterton gegenüber dem ihm fremden Mann entnehmen. »Ich war erst vor zwei Wochen auf seiner Beerdigung. Ich bin etwas in Eile, wissen Sie.«

Professor Scolvus wollte sich kurzerhand wegdrehen, als Hudson ihn fest an seinem rechten Oberarm packte und ruhig, aber bestimmend entgegnete: »Hierfür sollten Sie sich in jedem Fall Zeit nehmen. Interpol untersucht, in Zusammenarbeit mit lokalen Polizeibehörden in der Schweiz, unter anderem eine mögliche Ermordung Ihres Freundes. Ich muss Ihnen nur ein paar Fragen stellen.«

Er schritt daraufhin in Richtung Tür und öffnete diese mit einem starken Ruck. Mit einer auffordernden Handbewegung machte er dem Professor unmissverständlich klar, dass ein Ausweichen nicht akzeptiert würde: »Nach Ihnen!«

1 Bitte beachten Sie das Glossar mit den beigefügten Erklärungen und Übersetzungen von Fachbegriffen am Ende des Buches.

Erstes Kapitel: Das Anthropozän

Boa Vista, Kap Verde, 13.05.2014

Die nackten Hände gruben sich immer tiefer in die nassfeuchte Schatzkammer, die nur widerwillig ihr wertvollstes Gut, den Sand, preisgab. Wie Messer schnitten sie kleine Wunden in ihre Opfer, indem sie kleine Partikel aus dem großen Ganzen einfach herausrissen. Das Opfer blutete entlang der gesamten Strandlinie. Nur die Hände derer, die der Versuchung, den Schatz zu heben, nicht widerstehen konnten, spürten, dass der Strand- und Meeresboden unter ihnen mit jeder zusätzlich vergehenden Minute ein winziges Stückchen weiter absackte.

Sie alle standen kurz vor der totalen physischen Erschöpfung. Egal ob Mann, Frau oder Kind – alle kämpften sich hastig Meter um Meter voran. Denn es musste in dieser Nacht alles sehr schnell gehen. Extrem schnell. Jede Minute, gar jede Sekunde war von entscheidender Bedeutung. War der eine Eimer voll, so reichte einem eine fremde Hand bereits den nächsten und der bis oben hin gefüllte Eimer wanderte entlang einer meterlangen Menschenkette zur Ladefläche eines Lkw. Für Außenstehende hätten die Vorkommnisse dieser noch so jungen, warmen Mainacht mitten im atlantischen Ozean etwas Befremdliches gehabt. Wohl gar etwas Schockierendes. Doch diese Geschehnisse hatten ohne Zeugen auszukommen. Denn was die Menschen genau in diesem Moment in Form des Sandraubs 2 taten, stand mittlerweile unter Strafe.

Hier auf Boa Vista, der drittgrößten kapverdischen Insel, erschien die Welt tagsüber in einem anderen Licht als bei Nacht. Während sich am Mittag Touristenscharen an den längsten und schönsten Stränden von Kap Verde vergnügten, machten sich wenige Stunden später zerstörerische Kräfte daran, eben dieses bestehende Naturparadies Stück für Stück auseinanderzunehmen. Die meisten, die sich dieses Verbrechens schuldig machten, wollten das eigentlich nicht. Nichtsdestotrotz hatten sie keine andere Wahl, als sich jede Nacht beinahe zu Tode zu schuften. Denn zu groß war ihre Armut, zu erschöpfend ihre Perspektivlosigkeit und dementsprechend zu reizvoll der Ausblick auf rasch verdientes Geld.

In zwei Stunden würden die Händler kommen, um das wertvolle Gut abzuholen, welches sie dann später mit hohen Gewinnmargen in alle Winkel der Erde verkaufen sollten.

Nach mehreren Stunden des Schuftens ohne Pause musterte Césaria ihre Hände das erste Mal. Sie schmerzten enorm. Die scharfen Kanten einiger Muscheln und Steine hatten zahlreiche oberflächliche Kratzer, aber auch tiefergehende Wunden in ihre zarte Haut gerissen, die nicht wirklich für diese schwere Arbeit gemacht war. Doch sie musste gegen die pochenden Schmerzen ankämpfen. Sie musste einfach durchhalten. Wie jeder andere in der heutigen Nacht. Denn jeder Einzelne wurde nur an der Zahl der am Ende gefüllten Eimer gemessen. Einen Stundelohn gab es nicht.

Eine Schaufel und andere Utensilien hätten ihre Strapazen mit Sicherheit lindern können, sie hatte dafür jedoch kein Geld. Mit dem heutigen Verdienst, so schwor sie sich im gnadenlosen Krieg gegen die Zeit, würde sie sich für den kommenden nächtlichen Raubzug im Norden ihrer Heimatinsel, die zu der berühmten Inselgruppe Ilhas de Barlavento gehörte, eine Schaufel und weiteres Equipment leisten. Und irgendwann, so hoffte Césaria, könnte sie ihrer Heimat, die den Touristen aus Europa und Nordamerika nur als ein Paradies auf Erden in Erinnerung bleiben würde, in naher Zukunft den Rücken kehren. Sofern bis dahin noch etwas von den unberührten Sandbeständen des Meeresgrundes und der Küstenlinien, die es abzutragen galt, übrig bleiben sollte.

***

Kalifornien, 31.07.2014

»Ich weiß beim besten Willen nicht, wie es weitergehen könnte. Meine gesamte Existenz steht nicht nur auf dem Spiel, sie schwebt schon mit einem Bein über dem Abgrund, wie man ja sehen kann. Und am zweiten Bein nagen ebenfalls die Ratten unserer Zeit.«

Glenn Kremer blickte verzweifelt auf das vollkommen ausgedorrte Land, das sich vor seinen mit Tränen befeuchteten Augen zu endlosen Weiten auszudehnen schien. Der Kampf der letzten 15 Jahre hinterließ nicht nur unübersehbare Spuren in der kargen, beinahe toten Landschaft Kaliforniens, sondern auch in den Gesichtern derer Menschen, die ohne Aussicht auf Erfolg versuchten, der apokalyptischen Dürre der letzten Jahre Herr zu werden. Die Jahre 2012 und 2014 waren in der Geschichte des sonnigen US-Bundesstaates die trockensten seit mehr als 1200 Jahren. Hier, im nördlich gelegenen Richvale, waren nur die Ausläufer einer Katastrophe zu vernehmen, die bereits auf kurzfristige Sicht das Leben aller Menschen, nicht nur in ganz Kalifornien, sondern im gesamten Westen und Süden der USA zu Fall zu bringen drohte. 3

Kremer verkörperte den Idealtyp eines bis dato erfolgreichen Landwirts, der sein Glück in Kalifornien gesucht und gefunden und seinen Betrieb erfolgreich zu einem industriellen Großkonzern ausgebaut hatte. Diese Reise hatte vor mehr als 20 Jahren begonnen. Jetzt, so mutete es an, war der glänzende Lebensfunke in seinen Augen erloschen. Seine Körpersprache war träge geworden von den Entbehrungen und Durchhalteparolen, die ihn täglich unaufhaltsam plagten. Die letzten extremen Dürreperioden seit 2012 drohten seinem Geschäftstrieb nun endgültig das Ende zu bereiten. Für viele Landwirte in der Region, aber auch in anderen Bundesstaaten des Mittleren Westens und Südens, stand die gesamte Existenz auf dem Spiel. Denn ihre Ernteerträge gingen von Jahr zu Jahr überproportional stark zurück, ohne jegliche Entspannungstendenz. Gleichzeitig stiegen die Preise für Wasser, das für die Bewässerung unerlässlich war, ins Unermessliche.