Die Geisha - Arthur Golden - E-Book
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Beschreibung

"Die Geisha", das faszinierende Asien-Epos von Arthur Golden, wurde mit Lob über- häuft. "Eine wahrhaft magische Geschichte!" schrieb die Washington Post.

Und die deutschen Leser schlossen sich an: Wochenlang auf der "Spiegel"-Bestsellerliste, über 100.000 verkaufte Exemplare im Hardcover. Jetzt endlich kommt die Geschichte des Fischermädchens Chiyo als eBook.
Nach dem Tod ihrer Mutter wird Chiyo in ein Geisha-Haus nach Kyoto verkauft. Nach leidvollen Lehrjahren wird sie in die hermetische Gesellschaft der Geisha aufgenommen und ist bald die begehrteste und mächtigste von allen. Doch ihr Traum vom privaten Glück erfüllt sich erst nach jahrelangen Wirren und dem Untergang der alten Geisha-Kultur gegen Ende des verlorenen Zweiten Weltkrieges.

Arthur Golden öffnet die Tür zu einer geheimnisvollen Welt und läßt den Fremden etwas spüren von jenen gefährlich-schönen und machtvoll stilisierten gleichwohl versklavten Frauen, wie es sie in dieser Art und Weise nur in Japan gab.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:936

Sammlungen



Arthur Golden

Die Geisha

Roman

Deutsch von Gisela Stege

Copyright

Die amerikanische Originalausgabe erschien 1997 unter dem Titel »Memoirs of a Geisha« bei Alfred A. Knopf, New York

PeP eBooks erscheinen in der Verlagsgruppe Random House

Copyright © 1997 by Arthur Golden

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1998 bei C. Bertelsmann Verlag GmbH, München

ISBN 3-89480-955-8

www.pep-ebooks.de

Inhaltsverzeichnis

Anmerkungen des Übersetzers1. KAPITEL2. KAPITEL3. KAPITEL4. KAPITEL5. KAPITEL6. KAPITEL7. KAPITEL8. KAPITEL9. KAPITEL10. KAPITEL11. KAPITEL12. KAPITEL13. KAPITEL14. KAPITEL15. KAPITEL16. KAPITEL17. KAPITEL18. KAPITEL19. KAPITEL20. KAPITEL21. KAPITEL22. KAPITEL23. KAPITEL24. KAPITEL25. KAPITEL26. KAPITEL27. KAPITEL28. KAPITEL29. KAPITEL30. KAPITEL31. KAPITEL32. KAPITEL33. KAPITEL34. KAPITEL35. KAPITELDanksagungÜber das BuchÜber den AutorCopyright

Für meine Frau Trudy

und meine Kinder Hays

und Tess

Anmerkungen des Übersetzers

An einem Abend im Frühling 1936, als ich ein Knabe von vierzehn Jahren war, nahm mich mein Vater zu einer Tanzvorstellung in Kyoto mit. Von diesem Ereignis sind mir nur noch zwei Dinge in Erinnerung: Erstens, daß wir die einzigen Europäer im Publikum waren – wir waren erst einige Wochen zuvor aus unserer Heimat in den Niederlanden herübergekommen, so daß ich mich noch nicht an die kulturelle Isolation gewöhnt hatte und sie sehr stark empfand –, und zweitens, wie sehr ich mich darüber freute, daß ich nach monatelangem intensiven Studium der japanischen Sprache endlich etwas von den Gesprächen rings um mich verstehen konnte. Was die jungen Japanerinnen betraf, die vor mir auf der Bühne tanzten, so habe ich nur noch eine verschwommene Erinnerung an leuchtend bunte Kimonos. Damals hätte ich mir nicht träumen lassen, daß eine von ihnen mir – in einer so großen räumlichen und zeitlichen Distanz wie New York fünfzig Jahre später – eine gute Freundin werden und mir ihre außergewöhnlichen Memoiren diktieren würde.

Als Historiker betrachte ich Memoiren als Quellenmaterial. Memoiren bieten Informationen – allerdings nicht so sehr über den Schreiber selbst als vielmehr über seine Welt. Sie unterscheiden sich von der Biographie insofern, als Memoiren natürlich niemals die Perspektive bieten können, die einer Biographie ganz von selbst zufällt. Eine Autobiographie – falls es so etwas denn wirklich gibt – gleicht dem, was uns ein Hase erzählen würde, sollte er beschreiben, wie er aussieht, wenn er durch eine Wiese hoppelt. Woher sollte er das schließlich wissen? Wenn wir dagegen etwas über die Wiese erfahren wollen, könnte uns niemand besser Auskunft geben als dieser Hase – solange wir uns darüber klar sind, daß dabei all jene Dinge fehlen werden, die der Hase aus seiner Position unmöglich beobachten konnte.

Ich behaupte dies mit der Gewißheit eines Akademikers, der seine Karriere auf solch feinen Unterschieden aufgebaut hat. Dennoch muß ich gestehen, daß die Memoiren meiner lieben Freundin Nitta Sayuri mich dazu bewogen haben, meine Auffassung zu revidieren. O ja, sie klärt uns über die verborgene Welt auf, in der sie gelebt hat – die Wiese aus der Hasenperspektive, wenn Sie so wollen. Es könnte gut sein, daß es keine bessere Schilderung des seltsamen Lebens einer Geisha gibt als jene, die Sayuri liefert. Doch darüber hinaus hinterläßt sie uns eine Lebensbeschreibung, die weitaus vollständiger, weitaus präziser und weitaus spannender ist als das weitschweifige Kapitel in der Monographie Glittering Jewels of Japan, das ihrem Leben gewidmet ist, oder die verschiedenen Artikel über sie, die im Lauf der Jahre in Zeitschriften erschienen sind. Wie es scheint, hat zumindest im Fall dieser einen, höchst ungewöhnlichen Persönlichkeit kein Mensch die Memoirenschreiberin so gut gekannt wie die Memoirenschreiberin selbst.

Daß Sayuri so bekannt wurde, hatte sie weitgehend dem Zufall zu verdanken. Andere Frauen haben ähnliche Lebensläufe zu verzeichnen. Das Leben der berühmten Kato Yuki – einer Geisha, die das Herz George Morgans eroberte, eines Neffen von J. Pierpont, und während des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts seine Ehefrau-im-Exil wurde – war in mancher Hinsicht vielleicht noch außergewöhnlicher als das von Sayuri. Doch nur Sayuri hat ihre eigene Geschichte so vollständig dokumentiert. Lange war ich der Meinung gewesen, daß dies einem glücklichen Zufall zu verdanken sei. Wäre sie in Japan geblieben, wäre ihr Leben so ausgefüllt gewesen, daß an Memoiren überhaupt nicht zu denken gewesen wäre. Aber im Jahre 1956 sah sich Sayuri durch die Umstände gezwungen, in die Vereinigten Staaten zu emigrieren. Während der restlichen dreißig Jahre ihres Lebens wohnte sie im Waldorf Towers in New York, wo sie sich im einunddreißigsten Stock im eleganten japanischen Stil einrichtete. Aber selbst da verlief ihr Leben auch weiterhin in rasendem Tempo. In ihrer Suite gingen japanische Künstler, Intellektuelle und Industrielle ein und aus, sogar Kabinettsminister und ein oder zwei Gangster. Im Jahre 1985 machte uns ein Freund miteinander bekannt. Als Japankenner war ich schon hier und da auf Sayuris Namen gestoßen, wußte aber kaum etwas über sie. Unsere Freundschaft wuchs beständig, ebenso wie ihr Vertrauen zu mir. Eines Tages fragte ich sie, ob sie mir gestatten würde, ihre Geschichte zu erzählen.

»Nun, Jakob-san, sehr gern – solange Sie es sind, der sie aufschreibt«, antwortete sie.

So begannen wir mit unserer Aufgabe. Sayuri zog es vor, ihre Memoiren zu diktieren, statt sie selbst aufzuschreiben, denn, so erklärte sie mir, sie sei so an ein Gegenüber gewöhnt, daß sie kaum wüßte, wie sie zurechtkommen sollte, wenn niemand dabei sei, der ihr zuhöre. Ich stimmte zu, und so wurde mir das Manuskript im Verlauf von achtzehn Monaten diktiert. Nie fiel mir Sayuris Kyoto-Dialekt – in dem Geisha geiko heißt und Kimono mitunter obebe – stärker auf, als wenn ich mir den Kopf zerbrach, wie ich die feinen Nuancen in eine andere Sprache hinüberretten könnte. Doch von Anfang an verlor ich mich in ihrer Welt. Meist trafen wir uns abends, da Sayuris Geist aufgrund lebenslanger Gewohnheit um diese Zeit am lebhaftesten war. Normalerweise zog sie es vor, in ihrer Suite im Waldorf Towers zu arbeiten, von Zeit zu Zeit trafen wir uns auch im separaten Gastraum eines japanischen Restaurants in der Park Avenue, wo man sie gut kannte. Unsere Sitzungen dauerten gewöhnlich zwei bis drei Stunden. Obwohl wir jede Sitzung mit einem Kassettenrecorder aufzeichneten, war überdies noch ihre Sekretärin dabei, um alles mitzuschreiben, was diese auch gewissenhaft tat. Aber Sayuri sprach niemals für den Kassettenrecorder oder die Sekretärin, sie sprach immer nur für mich. Wenn sie nicht genau wußte, wo sie anknüpfen sollte, war ich es, der ihr weiterhalf. Ich betrachtete mich als das Fundament, auf dem das ganze Unternehmen ruhte, und war überzeugt, daß ihre Geschichte niemals erzählt worden wäre, hätte ich nicht ihr Vertrauen gewonnen. Inzwischen denke ich, daß es auch anders gewesen sein kann. Gewiß, Sayuri hatte mich zu ihrem Amanuensis erkoren, doch möglicherweise hatte sie nur darauf gewartet, daß der richtige Kandidat dafür auftauchte.

Womit wir bei der zentralen Frage wären: Warum wollte Sayuri, daß ihre Geschichte erzählt wurde? Für Geishas gab es zwar keine offizielle Schweigepflicht, doch ihre bloße Existenz gründet auf der sehr japanischen Überzeugung, daß das, was vormittags im Büro vorgeht, und das, was sich abends hinter geschlossenen Türen abspielt, nichts miteinander zu tun hat und stets voneinander getrennt zu halten ist. Geishas erzählen einfach nicht in aller Öffentlichkeit von ihren Erlebnissen. Genau wie eine Prostituierte – ihr Gegenstück auf einem niedrigeren gesellschaftlichen Rang – sieht sich eine Geisha in der außergewöhnlichen Situation, genau zu wissen, ob diese oder jene Persönlichkeit des öffentlichen Lebens ihre Hose tatsächlich so anzieht wie alle anderen, nämlich ein Bein nach dem anderen. Vermutlich kommt es ihnen selbst zugute, daß diese bezaubernden Nachtfalter ihre Rolle als eine Art öffentlichen Vertrauensposten ansehen, doch wie dem auch sei, jede Geisha, die dieses Vertrauen mißbraucht, bringt sich in eine unhaltbare Position. Die Umstände, unter denen Sayuri ihre Geschichte erzählte, waren insofern ungewöhnlich, als damals in Japan niemand mehr Macht über sie hatte. Die Verbindungen zu ihrem Heimatland waren gelöst. Diese Tatsache erklärt uns vielleicht wenigstens zum Teil, warum sie sich nicht mehr zum Schweigen verpflichtet fühlte, erklärt uns aber immer noch nicht, warum sie sich zum Sprechen entschloß. Ich selbst wagte ihr diese Frage nicht zu stellen, denn was wäre, wenn sie ihre Skrupel hinsichtlich dieses Themas noch einmal überdachte und ihren Entschluß revidierte? Selbst als das Manuskript vollständig war, zögerte ich noch zu fragen. Erst als sie ihren Vorschuß vom Verlag erhalten hatte, hielt ich es für ungefährlich, die Sache anzusprechen. Warum wollte sie, daß ihr Leben dokumentiert wurde?

»Was soll ich dieser Tage sonst mit meiner Zeit anfangen?« lautete ihre Antwort.

Ob ihre Gründe wirklich so simpel waren, wie sie vorgab – das zu entscheiden überlasse ich den Lesern und Leserinnen.

Obwohl ihr sehr viel daran lag, ihre Biographie geschrieben zu sehen, stellte Sayuri mehrere Bedingungen. Das Manuskript sollte erst nach ihrem und dem Tod mehrerer Männer veröffentlicht werden, die eine wichtige Rolle in ihrem Leben gespielt hatten. Wie sich herausstellte, starben sie alle vor ihr. Es war Sayuri überaus wichtig, daß niemand durch ihre Enthüllungen in Verlegenheit gebracht wurde. Wann immer möglich, habe ich die Namen unverändert gelassen, obwohl Sayuri die Identität gewisser Herren sogar vor mir verbarg, indem sie sich an den unter Geishas weitverbreiteten Brauch hielt, ihren Kunden Beinamen zu geben. Der Leser, dem eine Person wie Herr Schneegeriesel begegnet – dessen Spitzname von seinen Kopfschuppen herrührt – und der glaubt, Sayuri wolle nur unterhalten, mißversteht möglicherweise ihre wahre Absicht.

Als ich Sayuri um Erlaubnis bat, einen Kassettenrecorder zu benutzen, verstand ich das anfangs nur als Schutz gegen eventuelle Übertragungsfehler seitens der Sekretärin. Seit ihrem Tod im vergangenen Jahr frage ich mich allerdings, ob ich dafür nicht auch noch einen anderen Grund gehabt hatte, ob ich nicht ebenfalls ihre Stimme, die eine Ausdrucksfähigkeit besaß, wie ich sie kaum jemals erlebt habe, hatte konservieren wollen. Gewöhnlich sprach sie in sanftem Ton, wie man es von einer Frau, die es sich zum Beruf gemacht hat, Männer zu unterhalten, vermutlich erwarten kann. Doch wenn sie eine Szene für mich zum Leben erwecken wollte, verstand sie es, mir das Gefühl zu vermitteln, es befänden sich sechs bis acht Personen im Zimmer. Manchmal spiele ich abends in meinem Arbeitszimmer noch immer die Kassetten ab, und es fällt mir sehr schwer zu glauben, daß sie nicht mehr am Leben ist.

Jakob Haarhuis

Arnold Rusoff

Professor of Japanese History

New York University

1. KAPITEL

Mal angenommen, Sie und ich säßen in einem stillen Raum mit Blick auf einen Garten, tränken grünen Tee, plauderten über lang vergangene Zeiten, und ich sagte zu Ihnen: »Der Nachmittag, an dem ich den-und-den kennenlernte… das war der beste Nachmittag in meinem Leben, und zugleich der schlimmste.« Vermutlich würden Sie Ihre Teetasse absetzen und fragen: »Also, was denn nun? War es der beste oder der schlimmste? Beides auf einmal ist ja wohl kaum möglich!« Normalerweise hätte ich dann über mich selbst lachen und Ihnen beipflichten müssen. Doch der Nachmittag, an dem ich Herrn Tanaka Ichiro kennenlernte, war tatsächlich der beste und zugleich der schlimmste meines Lebens. Er wirkte so faszinierend auf mich, und sogar der Fischgeruch an seinen Händen kam mir wie Parfüm vor. Hätte ich ihn nicht kennengelernt, wäre ich bestimmt keine Geisha geworden.

Es war mir nicht von Geburt bestimmt, Geisha in Kyoto zu werden. Nicht einmal geboren bin ich in Kyoto. Ich bin die Tochter eines Fischers aus einem Dorf namens Yoroido am Japanischen Meer. In meinem ganzen Leben habe ich nicht mal einer Handvoll Menschen irgend etwas von Yoroido erzählt, oder von dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, oder von meinen Eltern, oder von meiner älteren Schwester, und ganz gewiß nicht davon, wie ich Geisha wurde und wie es war, eine zu sein. Die meisten Leute würden die Vorstellung vorziehen, daß meine Mutter und meine Großmutter Geishas gewesen wären, daß ich mit dem Tanztraining begann, als ich kaum abgestillt worden war, und so weiter. Vor vielen Jahren schenkte ich einmal einem Mann Sake ein, als dieser ganz nebenbei erwähnte, er sei erst in der vorangegangenen Woche in Yoroido gewesen. Nun ja, ich kam mir vor wie ein Vogel, der einen ganzen Ozean überflogen hat, um auf der anderen Seite ein Wesen zu treffen, das sein Nest kennt. Ich war so erschrocken, daß ich unwillkürlich sagte:

»Yoroido! Aber da bin ich ja aufgewachsen!«

Der arme Mann! Sein Gesicht machte eine ganze Skala von Verwandlungen durch. Er gab sich die größte Mühe zu lächeln, doch es gelang ihm nicht besonders gut, weil er den Schock nicht aus seiner Miene verbannen konnte.

»Yoroido?« fragte er. »Das kann doch nicht dein Ernst sein!«

Ich hatte mir schon lange ein stereotypes Lächeln angewöhnt, das ich als mein »No-Lächeln« bezeichne, weil es einer No-Maske ähnelt, deren Gesichtszüge zu Eis erstarrt sind. Der Vorteil dieses Lächelns ist, daß die Männer hineinlesen können, was sie wollen – Sie können sich sicher vorstellen, welch gute Dienste es mir schon geleistet hat. Auch in jenem Moment entschloß ich mich, darauf zurückzugreifen, und es funktionierte natürlich. Er stieß den Atem aus, kippte die Tasse Sake, die ich ihm eingeschenkt hatte, und brach in ein enormes Gelächter aus, das wohl, wie ich meinte, seiner Erleichterung entsprang.

»Allein schon die Vorstellung!« keuchte er in einem weiteren Lachanfall. »Du – in einem Kaff wie Yoroido aufgewachsen! Das wäre, als wollte man in einem Nachttopf Tee aufbrühen!« Nachdem er abermals gelacht hatte, sagte er zu mir: »Deswegen macht es so großen Spaß, mit dir zusammenzusein, Sayuri-san. Manchmal bringst du es tatsächlich so weit, daß ich glaube, deine kleinen Scherze seien Ernst.«

Ich halte nicht viel davon, mich als Tee zu sehen, der in einem Nachttopf aufgebrüht wurde, aber vermutlich trifft der Vergleich irgendwie zu. Schließlich bin ich in Yoroido aufgewachsen, und bestimmt würde kein Mensch behaupten wollen, das sei eine besonders vornehme Ortschaft. Von Fremden wird sie so gut wie nie besucht. Und was die Menschen betrifft, die dort leben, so haben sie kaum einen Grund, das Dorf zu verlassen. Nun fragen Sie sich vermutlich, wie es kam, daß ich es dennoch verlassen habe. Und damit fängt meine Geschichte an.

In unserem kleinen Fischerdorf Yoroido lebte ich in einer Hütte, die ich als »beschwipstes Haus« bezeichnete. Sie stand dicht an einer Klippe, wo ständig der Wind landeinwärts pfiff. Als Kind schien es mir, als wäre das Meer schrecklich erkältet, da es beständig ächzte und keuchte und zuweilen einen kräftigen Nieser losließ, das heißt einen Windstoß mit einem dicken Schwall Gischt. In meiner Vorstellung war unsere winzige Hütte tief gekränkt, weil das Meer ihr immer wieder ins Gesicht nieste, und hatte sich, um dem zu entgehen, soweit wie möglich zurückgelehnt. Vermutlich wäre sie zusammengebrochen, wenn mein Vater nicht einen Balken von einem gestrandeten Fischerboot geholt hätte, um damit das Dach zu stützen – woraufhin unser Haus einem beschwipsten alten Mann glich, der sich auf seine Krücke stützt.

In diesem beschwipsten Haus führte ich so etwas wie ein windschiefes Leben, denn von frühester Kindheit an sah ich meiner Mutter sehr ähnlich, meinem Vater und meiner älteren Schwester hingegen fast gar nicht. Meine Mutter sagte, das komme daher, daß wir genau gleich gemacht seien, sie und ich – und das traf zu, denn wir hatten beide die gleichen seltsamen Augen, wie man sie sonst in Japan fast nirgendwo sieht. Statt dunkelbraun wie die aller anderen waren die Augen meiner Mutter von einem durchsichtigen Grau, und die meinen sehen genauso aus. Als ich noch sehr klein war, erzählte ich meiner Mutter, daß ich glaubte, jemand hätte ihr ein Loch in die Augen gebohrt und die ganze Tinte sei herausgeflossen. Sie hielt das für ziemlich komisch. Die Wahrsager behaupteten, ihre Augen seien so hell, weil ihre Persönlichkeit zuviel Wasser enthalte, so viel, daß für die anderen vier Elemente so gut wie gar kein Platz mehr übrig sei – und deswegen, meinten sie, paßten auch ihre Gesichtszüge so schlecht zusammen. Die Leute im Dorf sagten oft, sie hätte eigentlich sehr attraktiv sein müssen, weil ihre Eltern attraktiv gewesen waren. Nun, ein Pfirsich schmeckt ganz wunderbar, und ein Pilz auch, aber man kann die beiden nicht zusammen essen – und genau diesen gemeinen Streich hatte ihr die Natur gespielt. Sie besaß den kleinen Schmollmund ihrer Mutter, aber das kantige Kinn ihres Vaters, was an ein zierliches Bild in einem viel zu schweren Rahmen denken ließ. Und ihre schönen grauen Augen waren von dicken Wimpern umrahmt, die bei ihrem Vater eindrucksvoll gewirkt haben mußten, ihr jedoch einen ständig erschrockenen Gesichtsausdruck verliehen.

Meine Mutter sagte immer, sie habe meinen Vater geheiratet, weil sie zuviel Wasser in ihrer Persönlichkeit habe und er zuviel Holz. Menschen, die meinen Vater kannten, begriffen sofort, wovon sie sprach. Wasser fließt schnell von einem Ort zum anderen und findet immer einen Spalt, durch den es sickern kann. Holz dagegen ist fest in der Erde verankert. Im Fall meines Vaters war das auch gut so, denn er war Fischer, und ein Mann mit Holz in der Persönlichkeit fühlt sich auf dem Wasser wohl. Tatsächlich fühlte sich mein Vater auf dem Meer wohler als anderswo und entfernte sich nie weit von ihm. Selbst wenn er gebadet hatte, roch er nach Meer. Wenn er nicht fischen ging, saß er an dem kleinen Tisch in unserem dunklen Vorderzimmer und flickte Fischernetze. Wenn ein Fischernetz ein schlafendes Wesen wäre, hätte er es bei seinem Arbeitstempo nicht mal geweckt. Er machte alles so gemächlich. Selbst wenn er konzentriert dreinblicken wollte, konnte man hinauslaufen, das Bad ablassen und zurückkehren, ehe er seine Gesichtszüge entsprechend geordnet hatte. Sein Gesicht war von sehr tiefen Falten durchzogen, und in jeder Falte hielt er die eine oder andere Sorge verborgen, so daß es gar nicht mehr wie sein Gesicht aussah, sondern eher einem Baum glich, in dessen Ästen überall Vogelnester hängen. Mit diesem Gesicht fertig zu werden war ein ständiger Kampf, und man sah ihm die Anstrengung an.

Als ich sechs oder sieben war, erfuhr ich etwas Neues über meinen Vater. Eines Tages fragte ich ihn: »Papa, warum bist du so alt?« Daraufhin zog er die Brauen hoch, so daß sie kleine Schirme über seinen Augen bildeten. Er stieß einen langen Seufzer aus, schüttelte den Kopf und antwortete: »Ich weiß es nicht.« Als ich mich an meine Mutter wandte, warf sie mir einen Blick zu, der bedeutete, daß sie mir die Frage ein andermal beantworten werde. Am folgenden Tag führte sie mich, ohne ein Wort zu sagen, den Hügel hinab zum Dorf und bog in einen Pfad ein, der zu einem Friedhof im Wald führte. Sie zeigte mir drei Gräber in einer Ecke, mit drei weißen Holztafeln, die mich um einiges überragten. Sie waren von oben bis unten mit streng wirkenden schwarzen Schriftzeichen bedeckt, aber ich hatte die Schule in unserem kleinen Dorf nicht lange genug besucht, um zu erkennen, wo das eine endete und das andere begann. Meine Mutter zeigte auf eine Tafel und sagte: »Natsu, Ehefrau von Sakamoto Minoru.« Sakamoto Minoru hieß mein Vater. »Gestorben im Alter von vierundzwanzig Jahren im neunzehnten Regierungsjahr des Meiji.« Dann zeigte sie auf die nächste. »Jinichiro, Sohn von Sakamoto Minoru, gestorben im Alter von sechs Jahren im neunzehnten Regierungsjahr des Meiji.« Und auf die nächste, deren Text genauso lautete, bis auf den Namen, Masao, und das Alter, drei Jahre. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, daß mein Vater vor langer Zeit schon einmal verheiratet gewesen und seine ganze Familie gestorben war. Kurze Zeit darauf kehrte ich noch einmal zu diesen Gräbern zurück, und als ich dort stand, mußte ich feststellen, daß Trauer eine sehr schwere Bürde war. Mein Körper wog doppelt soviel wie einen Moment zuvor, fast so, als zögen die Gräber mich zu sich herab.

Bei soviel Wasser und soviel Holz hätten die beiden zu einem schönen Gleichgewicht kommen und Kinder mit der angemessenen Verteilung von Elementen produzieren müssen. Bestimmt waren sie sehr überrascht, als sie letztendlich von jedem eins bekamen. Denn es war nicht nur so, daß ich meiner Mutter glich und sogar ihre auffallenden Augen geerbt hatte, nein, meine Schwester Satsu war meinem Vater so ähnlich, wie ein Mensch es nur sein kann. Satsu war sechs Jahre älter als ich, und da sie älter war, konnte sie natürlich Dinge tun, die ich nicht tun konnte. Aber erstaunlicherweise wirkte alles, was Satsu tat, als geschähe es aus reinem Zufall. Wenn man sie zum Beispiel bat, aus einem Topf auf dem Herd eine Schale mit Suppe zu füllen, tat sie das, aber auf eine Art, die es aussehen ließ, als hätte sie die Suppe mit sehr viel Glück in die Schale praktiziert. Einmal schnitt sie sich sogar an einem Fisch, und damit meine ich nicht das Messer, das sie benutzte, um den Fisch zu schuppen. Sie kam mit einem in Papier gewickelten Fisch den Hügel vom Dorf herauf, als der Fisch herausrutschte und so gegen ihr Bein schlug, daß sie sich an einer der Flossen schnitt.

Unsere Eltern hätten außer Satsu und mir vielleicht noch andere Kinder bekommen, vor allem, da sich mein Vater einen Sohn wünschte, der mit ihm fischen gehen könnte. Doch als ich sieben war, erkrankte meine Mutter schwer an einem Leiden, das vermutlich Knochenkrebs war, obwohl man damals noch keine Ahnung hatte, was mit ihr los war. Erleichterung fand sie nur, wenn sie schlief, und das tat sie allmählich fast so wie eine Katze, also mehr oder weniger ununterbrochen. Im Lauf der Monate verschlief sie immer mehr von ihrer Zeit, und sobald sie aufwachte, begann sie zu stöhnen. Ich wußte, daß sich irgend etwas in ihr rasend schnell veränderte, aber weil sie soviel Wasser in ihrer Persönlichkeit hatte, schien mir das nicht sehr besorgniserregend zu sein. Manchmal magerte sie innerhalb weniger Monate ab, nahm aber ebenso schnell wieder zu. Doch als ich neun geworden war, begannen sich die Knochen in ihrem Gesicht immer mehr abzuzeichnen, und von da an gewann sie nie wieder ihr altes Gewicht zurück. Mir war nicht klar, daß die Krankheit das ganze Wasser aus ihrer Persönlichkeit sog. Genau wie Seetang, der von Natur aus naß ist, beim Austrocknen brüchig wird, verlor meine Mutter immer mehr von ihrer Substanz.

Als ich dann eines Nachmittags auf dem unebenen Boden in unserem dunklen Vorderzimmer saß und einer Grille, die ich am Morgen gefunden hatte, etwas vorsang, ertönte an der Haustür eine Stimme.

»Oi! Aufmachen! Hier ist Dr. Miura!«

Dr. Miura kam einmal pro Woche in unser Fischerdorf, und seit der Erkrankung unserer Mutter hatte er es sich angewöhnt, den Hügel heraufzukommen, um nach ihr zu sehen. Mein Vater war an jenem Tag zu Hause, weil sich ein furchtbares Gewitter zusammenbraute. Er saß an seinem gewohnten Platz am Tisch und hatte seine großen, spinnenartigen Hände tief in einem Fischernetz vergraben. Jetzt hielt er einen Augenblick inne, um mich anzusehen und einen Finger zu heben. Das bedeutete, daß ich die Tür öffnen sollte.

Dr. Miura war ein äußerst wichtiger Mann – jedenfalls glaubten wir das in unserem Dorf. Er hatte in Tokyo studiert, und man erzählte sich, daß er mehr chinesische Schriftzeichen kannte als jeder andere. Er war viel zu stolz, um von einem Geschöpf wie mir Notiz zu nehmen. Als ich die Tür öffnete, schlüpfte er aus seinen Schuhen und ging wortlos an mir vorbei ins Haus.

»Also wirklich, Sakamoto-san«, sagte er zu meinem Vater, »ich wünschte, ich hätte es so gut wie Sie, den ganzen Tag draußen auf dem Meer beim Fischen! Wie wundervoll! Und bei schlechtem Wetter ruhen Sie sich dann aus. Wie ich sehe, schläft Ihre Frau immer noch«, fuhr er fort. »Wie schade. Ich dachte, ich könnte sie untersuchen.«

»Ach?« sagte mein Vater.

»Ich kann nächste Woche nicht kommen. Würden Sie sie vielleicht für mich wecken?«

Es dauerte eine Weile, bis mein Vater seine Hände aus dem Netz befreit hatte, aber schließlich erhob er sich doch noch vom Tisch.

»Chiyo-chan«, wandte er sich an mich, »bring dem Doktor eine Tasse Tee.«

Damals hieß ich Chiyo. Meinen Geisha-Namen Sayuri bekam ich erst viele Jahre später.

Mein Vater ging mit dem Arzt ins andere Zimmer, wo meine Mutter schlief. Ich versuchte an der Tür zu lauschen, hörte jedoch nur meine Mutter stöhnen und nichts von dem, was gesagt wurde. Ich brühte den Tee auf, und bald darauf kam der Doktor zurück. Er rieb sich die Hände und machte ein sehr ernstes Gesicht. Er und mein Vater setzten sich an den Tisch.

»Es wird Zeit, daß ich mit Ihnen spreche, Sakamoto-san«, begann Dr. Miura. »Sie müssen unbedingt mit einer der Frauen im Dorf reden, vielleicht mit Frau Sugi. Bitten Sie sie, für Ihre Frau ein schönes neues Nachthemd zu nähen.«

»Dazu fehlt mir das Geld, Doktor«, sagte mein Vater.

»Wir sind in letzter Zeit alle ärmer geworden. Ich verstehe, was Sie sagen wollen. Aber Sie sind es Ihrer Frau schuldig. Sie sollte nicht in dem zerrissenen Hemd sterben, das sie jetzt trägt.«

»Dann wird sie also bald sterben?«

»Sie hat vielleicht noch ein paar Wochen. Sie leidet furchtbare Schmerzen. Der Tod wird eine Erlösung für sie sein.«

Von da an konnte ich nichts mehr hören, denn ich hatte ein Geräusch wie von den Flügeln eines in panischer Angst flatternden Vogels in den Ohren. Vielleicht war das ja mein Herz. Ich weiß es nicht. Aber wenn Sie jemals einen Vogel beobachtet haben, der in der großen Halle eines Tempels gefangen ist und den Weg nach draußen sucht – na ja, so ähnlich reagierte damals mein Verstand. Es war mir nie in den Sinn gekommen, daß meine Mutter nicht einfach weiterhin krank sein würde. Ich will nicht sagen, daß ich mich niemals gefragt habe, was wohl geschähe, wenn sie starb – das habe ich mich des öfteren gefragt, genau wie ich mich gefragt habe, was wohl geschähe, wenn unser Haus von einem Erdbeben verschluckt würde, und es kam auch das gleiche heraus: Nach einem solchen Ereignis konnte es kein Weiterleben geben.

»Ich dachte, ich würde zuerst sterben«, sagte mein Vater.

»Sie sind ein alter Mann, Sakamoto-san, aber bei guter Gesundheit. Sie haben möglicherweise noch vier oder fünf Jahre. Ich werde Ihnen noch ein paar von den Pillen für Ihre Frau dalassen. Falls nötig, können Sie ihr jeweils zwei davon geben.«

Eine Weile unterhielten sie sich noch über die Pillen, dann verabschiedete sich Dr. Miura. Mein Vater saß noch lange schweigend da, mit dem Rücken zu mir. Er trug kein Hemd, nur seine schlaff herabhängende Haut. Je länger ich ihn betrachtete, desto stärker kam er mir vor wie eine seltsame Sammlung von Formen und Strukturen. Seine Wirbelsäule war ein Pfad aus Buckeln. Sein Kopf mit den bräunlich verfärbten Flecken hätte eine angeschlagene Frucht sein können. Seine Arme waren in altes Leder gewickelte Stecken, die von zwei Buckeln herabhingen. Wenn meine Mutter starb – wie konnte ich weiter mit ihm zusammenleben? Ich wollte nicht von ihm weg, aber ob er nun da war oder nicht, nach dem Tod meiner Mutter würde das Haus auf jeden Fall leer wirken.

Schließlich flüsterte mein Vater meinen Namen. Ich ging hinüber und kniete mich neben ihn.

»Etwas sehr Wichtiges«, sagte er.

Sein Gesicht wirkte viel schwerer als sonst. Er rollte die Augen, als hätte er die Kontrolle über sie verloren. Ich dachte, er mühe sich ab, um mir zu sagen, daß meine Mutter bald sterben werde, aber er meinte nur:

»Geh ins Dorf hinunter und hol mir Weihrauch für den Altar.«

Unser winziger buddhistischer Altar stand auf einer alten Kiste neben der Küchentür und war das einzig Wertvolle in unserem beschwipsten Haus. Vor der groben Skulptur von Amida, dem Buddha des westlichen Paradieses, standen winzige schwarze Totentafeln mit den Buddhistennamen unserer Ahnen.

»Aber, Vater – war da nicht noch etwas?«

Er machte eine Handbewegung, die mir befahl, endlich zu gehen.

Der Pfad von unserem beschwipsten Haus folgte dem Klippenrand, bevor er vom Meer landeinwärts in Richtung Dorf abbog. Ihn an einem Tag wie diesem zu benutzen war schwierig, doch ich erinnere mich, wie dankbar ich war, daß der heftige Wind meine Gedanken von den Dingen ablenkte, die mich bedrückten. Das Meer war aufgewühlt. Die Wellen sahen aus wie zu Klingen geschliffene Steine, scharf genug, um zu verletzen. Mir schien, die ganze Welt leide an den gleichen Gefühlen wie ich. War das Leben nichts weiter als ein Sturm, der ständig alles davonfegte, was gerade noch dagewesen war, und nichts als etwas Dürres und Unerkennbares hinterließ? Derartige Gedanken waren mir bis dahin noch nie gekommen. Um ihnen zu entfliehen, rannte ich den Pfad hinab, bis unter mir das Dorf auftauchte. Yoroido war eine winzige Ansiedlung an einer kleinen Bucht. Normalerweise war das Wasser mit Fischerbooten gesprenkelt, heute aber konnte ich nur ein paar Kähne auf dem Heimweg entdecken. Wie immer sahen sie für mich aus wie Wasserkäfer, die über die Oberfläche hasten. Das Unwetter kam jetzt mit voller Wucht. Ich hörte sein Brüllen, und die Wolken vor mir waren so schwarz wie Holzkohle. Die Fischer in der Bucht verschwammen vor meinen Augen, als sie in einen Regenvorhang hineinfuhren, und waren gleich darauf ganz verschwunden. Ich sah, wie das Gewitter den Hang emporklomm und sich mir näherte. Nach den ersten schweren Tropfen, die mich wie Wachteleier trafen, war ich innerhalb von Sekunden so naß, als wäre ich ins Meer gefallen.

Yoroido hatte nur eine Straße, die direkt vor die Tore der Fischfabrik führte und von einer Anzahl Häuser gesäumt war, deren Vorderzimmer als Läden benutzt wurden. Ich lief über die Straße zum Okada-Haus hinüber, wo Textilien verkauft wurden, aber dann stieß mir etwas zu – etwas Triviales, das, wie so oft, gewaltige Folgen hatte, etwa so, wie wenn man den Halt verliert und vor einen fahrenden Zug fällt. Da der Regen die unbefestigte Straße schlüpfrig gemacht hatte, geriet ich ins Rutschen und fiel hin. Dabei schlug ich mit einer Gesichtshälfte auf den Boden. Vermutlich war ich davon kurzfristig bewußtlos geworden, denn ich erinnere mich nur noch an eine Art Benommenheit und das Gefühl, etwas im Mund zu haben, das ich gern ausgespien hätte. Was dann geschah, nahm ich nur verschwommen wahr. Ich hörte Stimmen und fühlte, wie ich auf den Rücken gedreht wurde, dann wurde ich aufgehoben und getragen. Daß sie mich in die Fischfabrik brachten, erkannte ich an dem Geruch um mich herum. Ich hörte ein klatschendes Geräusch, als sie eine Ladung Fisch von den Holztischen auf den Boden schoben. Dann legten sie mich auf die schleimige Fläche. Ich wußte, daß ich naß, blutverschmiert und schmutzig war, daß ich Bauernkleider und keine Schuhe trug. Was ich nicht wußte, war, daß dies der Augenblick sein sollte, der alles für mich veränderte. Denn in diesem Zustand blickte ich ins Gesicht von Herrn Tanaka Ichiro.

Ich hatte Herrn Tanaka schon oft in unserem Dorf gesehen. Er wohnte in einem weit größeren Dorf in der Nähe, kam aber tagtäglich herüber, denn die Fischfabrik gehörte seiner Familie. Er trug keine Bauernkleider wie die Fischer, sondern einen Herrenkimono und eine Kimonohose, womit er aussah wie ein Samurai. Seine Haut war glatt und straff wie ein Trommelfell, seine Wangenknochen waren glänzende Hügelchen und glichen der knusprigen Haut eines gegrillten Fisches. Ich hatte ihn schon immer faszinierend gefunden. Wenn ich auf der Straße mit den anderen Kindern das Bohnensäckchen hin und her warf und Herr Tanaka zufällig aus seiner Fischfabrik kam, hielt ich jedesmal mit allem, was ich gerade tat, inne, um ihn genau zu beobachten.

Während ich da auf dem schleimigen Tisch lag, untersuchte Herr Tanaka meine Lippe, zog sie mit den Fingern herunter und drehte meinen Kopf hierhin und dorthin. Plötzlich entdeckte er meine grauen Augen, die so fasziniert auf ihn gerichtet waren, daß ich nie hätte bestreiten können, ihn angestarrt zu haben. Er grinste mich nicht hämisch an, wie um zu sagen, ich sei ein unverschämtes Kind, und er wandte auch nicht den Blick ab, als spielte es keine Rolle, daß ich ihn anstarrte oder was ich von ihm dachte. Wir sahen einander lange an – so lange, daß es mir dort, in der stickigen Luft der Fischfabrik, eiskalt über den Rücken lief.

»Ich kenne dich«, sagte er schließlich. »Du bist die Kleine vom alten Sakamoto.«

Selbst als Kind konnte ich erkennen, daß Herr Tanaka die Welt um sich herum so sah, wie sie wirklich war. Nie entdeckte ich an ihm den abwesenden Ausdruck meines Vaters. Für mich war es, als sähe er den Saft aus den Stämmen der Kiefern laufen und den hellen Kreis am Himmel, wo sich die Sonne hinter den Wolken versteckte. Er lebte ganz in der realen, greifbaren Welt, auch wenn es ihm dort nicht immer gefiel. Ich wußte, daß er die Bäume wahrnahm, den Schlamm und die anderen Kinder auf der Straße, aber ich hatte keinen Grund zu der Annahme, daß er jemals von mir Notiz genommen hätte.

Vielleicht stiegen mir deshalb heiße Tränen in die Augen, als er mich ansprach.

Herr Tanaka richtete mich zum Sitzen auf. Ich dachte, er werde mir befehlen zu gehen, statt dessen sagte er jedoch: »Versuch mal, möglichst kein Blut zu schlucken, Kleine. Sonst kriegst du einen Stein im Magen. An deiner Stelle würde ich es auf den Boden spucken.«

»Das Blut eines Mädchens, Herr Tanaka?« fragte ihn einer der Männer. »Hier, wo sie den Fisch hinbringen?«

Fischer sind nämlich überaus abergläubisch. Vor allem mögen sie es nicht, daß Frauen irgend etwas mit dem Fischfang zu tun haben. Ein Mann aus unserem Dorf, Herr Yamamura, fand seine Tochter eines Morgens, wie sie in seinem Boot spielte. Er schlug sie mit dem Stock und reinigte dann sein Boot mit Sake und so starker Lauge, daß sie ganze Farbstreifen aus dem Holz herausbleichte. Aber selbst das genügte ihm nicht, er ließ auch noch einen Shinto-Priester kommen, damit er das Boot segne. Und all das nur, weil seine Tochter dort spielte, wo Fische gefangen wurden. Und hier machte Herr Tanaka nun den Vorschlag, ich solle mein Blut auf den Boden des Raumes spucken, in dem die Fische gesäubert wurden!

»Wenn ihr befürchtet, ihr Speichel könnte ein paar von den Fischinnereien davonspülen«, sagte Herr Tanaka, »nehmt sie doch einfach mit nach Hause. Ich habe noch jede Menge davon.«

»Es geht nicht um die Innereien, Herr.«

»Ich möchte annehmen, daß ihr Blut das Sauberste ist, was diesen Boden seit unserer Geburt berührt hat. Nur zu«, sagte Herr Tanaka, diesmal zu mir. »Spuck’s aus!«

Da saß ich nun auf diesem schleimigen Tisch und wußte nicht, was tun. Herrn Tanaka einfach nicht zu gehorchen hielt ich für unmöglich, aber ich weiß nicht, ob ich den Mut gefunden hätte, auszuspucken, wenn nicht einer der Männer sich das Nasenloch mit einem Finger zugehalten und sich auf den Boden geschneuzt hätte. Nachdem ich das gesehen hatte, konnte ich nichts auch nur eine Sekunde länger im Mund behalten und spie das Blut aus, wie Herr Tanaka mir geraten hatte. Alle Männer verließen angewidert den Raum – bis auf Herrn Tanakas Assistent Sugi. Herr Tanaka befahl ihm, Dr. Miura zu holen.

»Ich weiß nicht, wo ich ihn suchen soll«, behauptete Sugi, aber ich glaube, im Grunde meinte er damit, daß er keine Lust hatte, mir zu helfen.

Ich erklärte Herrn Tanaka, der Doktor habe unser Haus vor wenigen Minuten verlassen.

»Wo liegt euer Haus?« erkundigte sich Herr Tanaka.

»Es ist das kleine, beschwipste Haus oben auf der Klippe.«

»Was meinst du mit ›beschwipstes Haus‹?«

»Das Haus, das sich zur Seite neigt, als hätte es ein bißchen zuviel getrunken.«

Herr Tanaka schien nicht zu wissen, was er davon halten sollte. »Nun, Sugi, du gehst jetzt einfach hinauf zu Sakamotos beschwipstem Haus und suchst dort nach Dr. Miura. Du wirst ihn sicher mühelos finden. Geh einfach den Schreien seiner Patienten nach, wenn er sie untersucht, dann wirst du ihn schon finden.«

Ich dachte, nachdem Herr Tanaka Sugi fortgeschickt hatte, würde er wieder an seine Arbeit gehen, doch statt dessen blieb er noch lange am Tisch stehen und sah mich an. Ich spürte, wie mein Gesicht zu brennen begann. Schließlich sagte er etwas, was ich für außerordentlich clever hielt.

»Du hast eine Aubergine im Gesicht, kleine Tochter von Sakamoto.«

Er ging zu einer Schublade, holte einen kleinen Spiegel heraus und zeigte ihn mir. Meine Lippe war genau wie er gesagt hatte, dick angeschwollen und blutrot.

»Was ich jedoch wirklich wissen möchte«, sagte er zu mir, »das ist, woher du diese außergewöhnlichen Augen hast und warum du deinem Vater nicht mehr ähnelst.«

»Die Augen hab’ ich von meiner Mutter«, antwortete ich. »Aber was meinen Vater betrifft, der ist so verrunzelt, daß ich gar nicht weiß, wie er wirklich aussieht.«

»Eines Tages wirst du auch verrunzelt sein.«

»Aber ein paar von den Runzeln sind so, wie er eigentlich aussieht«, behauptete ich. »Sein Hinterkopf ist genauso alt wie sein Gesicht, doch der ist so glatt wie ein Ei.«

»Es ist nicht sehr respektvoll, so etwas von seinem Vater zu sagen«, ermahnte mich Herr Tanaka. »Aber ich glaube, du hast recht.«

Dann jedoch sagte er etwas, was mich so rot werden ließ, daß meine Lippen dagegen mit Sicherheit blaß wirkten.

»Wie kommt es nur, daß ein verrunzelter alter Mann mit einem Kopf wie ein Ei eine so wunderschöne Tochter hat?«

In all den Jahren, die seither vergangen sind, hat man mich viele Male als schön bezeichnet. Obwohl Geishas natürlich immer schön genannt werden, auch jene, die alles andere als gut aussehen. Aber als Herr Tanaka das zu mir sagte, bevor ich von Geishas überhaupt gehört hatte, konnte ich fast glauben, daß es stimmte.

Nachdem Dr. Miura meine Lippe versorgt und ich den Weihrauch für meinen Vater geholt hatte, kehrte ich in einem so hochgradig erregten Zustand nach Hause zurück, daß ich glaube, selbst wenn ich ein Ameisenhügel gewesen wäre, hätte nicht mehr Aufruhr in mir herrschen können. Mir wäre wohler gewesen, wenn mich meine Gefühle alle in dieselbe Richtung gezogen hätten, aber so einfach war das nicht. Ich war umhergewirbelt worden wie ein Papierfetzen im Wind. Irgendwo zwischen den Gedanken an meine Mutter und über die Schmerzen in meiner Lippe hinaus nistete ein angenehmer Gedanke, den ich immer wieder ans Licht zu fördern versuchte. Er galt Herrn Tanaka. Auf den Klippen blieb ich stehen und blickte aufs Meer hinaus, wo die Wogen selbst nach dem Unwetter noch aussahen wie geschliffene Steine, während der Himmel die bräunliche Tönung von Schlamm angenommen hatte. Ich vergewisserte mich, daß mich niemand beobachtete, drückte den Weihrauch an meine Brust und sprach Herrn Tanakas Namen in den Wind, immer wieder, bis ich die Musik in jeder Silbe vernahm. Ich weiß, das klingt töricht – und das war es natürlich auch. Aber ich war ja nur ein kleines, verwirrtes Mädchen.

Nachdem wir das Abendessen beendet hatten und mein Vater ins Dorf gegangen war, um den anderen Fischern beim Schachspiel zuzusehen, räumten Satsu und ich schweigend die Küche auf. Ich versuchte mich an das Gefühl zu erinnern, das Herr Tanaka in mir geweckt hatte, doch in der eisigen Stille des Hauses schien es mir entglitten zu sein. Statt dessen überkam mich bei dem Gedanken an meine kranke Mutter ein bohrendes, eiskaltes Grauen. Ich ertappte mich dabei, daß ich mich fragte, wie lange es noch dauern würde, bis sie da draußen auf dem Dorffriedhof neben der anderen Familie meines Vaters begraben sein würde. Was sollte dann nur aus mir werden? Nach dem Tod meiner Mutter würde vermutlich Satsu ihren Platz einnehmen. Ich sah zu, wie meine Schwester den Eisentopf scheuerte, in dem wir unsere Suppe gekocht hatten, aber obwohl er direkt vor ihr war und sie ihn direkt anschaute, merkte ich, daß sie ihn eigentlich gar nicht wahrnahm. Sie scheuerte auch dann noch, als er schon längst sauber war. Schließlich sagte ich zu ihr:

»Ich fühle mich nicht wohl, Satsu-san.«

»Geh hinaus, das Bad heizen«, wies sie mich an und strich mit einer ihrer nassen Hände das widerspenstige Haar aus den Augen.

»Ich will aber nicht baden«, protestierte ich. »Mama wird sterben, Satsu…«

»Der Topf ist kaputt. Sieh nur!«

»Er ist nicht kaputt«, sagte ich. »Dieser Riß war schon immer da.«

»Aber wie ist dann das Wasser abgelaufen?«

»Du hast es ausgeschüttet. Ich hab’s gesehen.«

Einen Moment lang sah ich, daß Satsu irgend etwas sehr stark empfand, was sich auf ihrem Gesicht als äußerste Verwirrung niederschlug – wie bei so vielen ihrer Gefühle. Aber sie sagte nichts weiter. Sie nahm wortlos den Topf vom Herd und ging zur Tür, um ihn hinauszustellen.

2. KAPITEL

Um mich von meinen Sorgen abzulenken, ging ich am folgenden Morgen in dem Teich schwimmen, der von unserem Haus aus gesehen ein Stück landeinwärts in einem Kiefernwäldchen lag. Sobald das Wetter entsprechend war, gingen die Dorfkinder fast jeden Morgen dort baden. Auch Satsu kam zuweilen mit; sie trug ein kratziges Badekleid, das sie sich aus alten Arbeitskleidern unseres Vaters genäht hatte. Es war kein besonders gutes Badekleid, denn wenn sie sich vorbeugte, hing es an der Brust durch, und sofort kreischte dann einer der Jungen: »He! Ich kann den Fujiyama sehen!« Aber sie trug es trotzdem weiter.

Gegen Mittag beschloß ich, nach Hause zu gehen, um etwas zu essen. Satsu war schon einige Zeit zuvor mit dem Sugi-Jungen weggegangen, dem Sohn von Herrn Tanakas Assistenten. Sie verhielt sich ihm gegenüber wie ein Hund. Wenn er irgendwo hinging, warf er einen Blick über die Schulter, um ihr zu bedeuten, daß sie ihm folgen sollte, was sie auch jedesmal gehorsam tat. Ich erwartete nicht, sie vor dem Abendessen wiederzusehen, doch als ich mich unserem Haus näherte, sah ich sie vor mir auf dem Pfad an einem Baum lehnen. Wenn Sie gesehen hätten, was da geschah, hätten Sie es womöglich sofort verstanden, aber ich war ja noch ein kleines Mädchen. Satsu hatte sich das Badekleid von den Schultern gezogen, und der Sugi-Junge spielte mit ihren zwei »Fujis«, wie die Jungen das damals nannten.

Seit unsere Mutter krank geworden war, hatte sich die Figur meiner Schwester gerundet, und ihre Brüste waren nicht weniger widerspenstig als ihre Haare. Was mich jedoch am meisten wunderte, war die Tatsache, daß es gerade diese Widerspenstigkeit zu sein schien, die den Sugi-Jungen faszinierte. Er ließ sie auf seiner Hand hüpfen oder schob sie weit nach einer Seite, um zu beobachten, wie sie zurückschwangen und sich wieder auf ihre Brust legten. Ich hätte nicht spionieren dürfen, das war mir klar, aber ich wußte nicht, was ich sonst anfangen sollte, nachdem der Weg vor mir derart blockiert war. Dann hörte ich plötzlich hinter mir eine Männerstimme.

»Chiyo-chan, warum hockst du hier hinter dem Baum?«

Da ich ein kleines Mädchen von neun Jahren war, vom Schwimmen kam und noch keinerlei Körperformen entwickelt hatte, die ich hätte verstecken müssen, ist es wohl nicht schwer zu erraten, was ich trug. Als ich mich umdrehte – immer noch auf dem Weg hockend und meine Blöße, so gut es ging, mit beiden Armen bedeckend –, stand Herr Tanaka vor mir. Ich schämte mich fürchterlich!

»Das da drüben muß euer beschwipstes Haus sein«, sagte er. »Und der da drüben sieht aus wie der Sugi-Junge. Der ist wirklich sehr beschäftigt! Wer ist das Mädchen da bei ihm?«

»Also, äh… das könnte meine Schwester sein, Herr Tanaka. Ich warte darauf, daß die beiden weggehen.«

Herr Tanaka hob beide Hände an den Mund und rief etwas, worauf ich den Sugi-Jungen den Weg hinabrennen hörte. Meine Schwester schien ebenfalls weggelaufen zu sein, denn Herr Tanaka sagte, jetzt könne ich nach Hause gehen und mir etwas anziehen. »Wenn du deine Schwester siehst«, sagte er zu mir, »möchte ich, daß du ihr das hier gibst.«

Er reichte mir ein in Reispapier gewickeltes Päckchen von der Größe eines Fischkopfes. »Das sind chinesische Kräuter«, erklärte er mir. »Wenn Dr. Miura behauptet, sie taugen nichts – hört nicht auf ihn. Deine Schwester soll Tee davon kochen und ihn deiner Mutter geben, damit ihre Schmerzen gelindert werden. Es sind sehr kostbare Kräuter. Sieh zu, daß ihr sie nicht verschwendet.«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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