2,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 2,99 €
Die Austrian Ghostriders sind drei Jugendliche, die Jagd auf paranormale Phänomene in verlassenen Gebäuden machen. Als ihr Durchbruch auf You-Tube bevorsteht, beschließen sie eine verlassene Klinik im Grenzgebiet zwischen Österreich und Tschechien aufzusuchen, um ihren nächsten Dreh zu absolvieren. Das Vorhaben gerät aus dem Ruder und sie werden in eine Mordserie verstrickt, der sie selbst zum Opfer fallen könnten...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
Florian Wächter
Die Geisterjäger
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
1 Partytime
2 Feuer und Asche
3 Frühling in Prag
4 Paranormal
5 Phantomjagd
6 Heimkehr
7 Die Falle
8 Der Brandanschlag
9 Das Tagebuch
Impressum neobooks
Der Erntewagen zog symmetrische Bahnen in einer langjährig einstudierten Choreografie durch das riesige Rapsfeld. Plötzlich wurde das Gefährt gestoppt. Der Fahrer hatte etwas Ungewöhnliches entdeckt. Eine kreisrund abgebrannte Fläche. Er stieg aus dem Führerhaus, kletterte die Stahlleiter hinunter und schritt auf die Anomalie zu. Was er im Zentrum der Zerstörung entdeckte, ließ sein Blut in den Adern gefrieren. Der Erntehelfer fischte mit zitternden Händen ein Handy aus der Hosentasche und wählte die Notrufnummer der Polizei.
Es dauerte etwa eine halbe Stunde, ehe der erste Einsatzwagen eintraf. Ihm erschien es wie eine Ewigkeit. Eine quälend lange Zeitspanne, in der er den Blick nicht von der verkohlten Leiche abwenden konnte, so sehr er sich auch bemühte. Eine der schwarzen Unterarme ragte nach oben, der Zeigefinger der Hand war ausgestreckt, die anderen Finger gekrümmt, als wollte der Tote eine Botschaft entsenden, auf etwas zeigen, das sich dort oben im wolkenlosen Himmel verbarg. Nach und nach tauchten mehr Menschen in Uniformen auf, stellen ihm Fragen, die er nicht beantworten konnte. Der Mann sah zu, wie provisorische Pfähle eingeschlagen wurden, die abgebrannte Fläche mit Absperrband eingefasst wurde.
Er ließ sich von dem grauenvollen Ort widerstandslos wegführen, fand sich selbst auf der untersten Sprosse des Erntewagens sitzend wieder. Alles lief in Zeitlupe ab. Wie spät war es eigentlich? Zeit? Spielte keine Rolle mehr. Was war mit der Ernte? Würde er das Geld für seine Arbeit erhalten, wenn er jene nicht fortsetzen konnte? Bilder von seiner Frau, den Kindern und den verbrannten Überresten wechselten einander rhythmisch ab.
„Wie lautet Ihr Name?“ Die Frage drang gedämpft an sein Gehör, wurde wiederholt. Der Mann, der sie stellte, trug keine Uniform. Er war mittleren Alters, etwas übergewichtig und schwitzte.
„Jakub Klabusnik“, hörte er sich selbst antworten.
„Kannten Sie den Toten?“
Welchen Toten? Wer konnte behaupten, dass dieses Stück Kohle mitten im Rapsfeld ein Toter war? Ein Mann? Er schüttelte den Kopf. „Wie könnte ich? Da ist nichts, was man erkennen kann.“
Der Kommissar, der ihn befragte, fischte ein Stofftaschentuch aus seinem altertümlichen Jackett und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Das war´s Leute. Für euch unterwegs waren wie immer Mo, Zacko und Yo-Man. Wenn es euch gefallen hat, dann gebt uns gerne ein Like und vergesst nicht unseren Channel kostenlos zu abonnieren, damit die Austrian Ghostriders auch nächstes Mal wieder für euch unterwegs sein können!“ Seine eigene Stimme dröhnte aus den leistungsstarken Boxen, während er eine Nachricht auf seinem Smartphone tippte.
Die Holztür hinter ihm knarrte. Jonas drehte sich in dem zerschlissenen Drehsessel um, damit er sehen konnte, wer den Clubraum betrat. „Mo! Du kommst genau richtig. Ich wollte dir eben schreiben. Du wirst es nicht glauben, aber wir haben die Zehntausend geknackt!“
„Echt jetzt? Kein Scherz?“ Sein bester Freund warf einen Blick auf den Bildschirm.
„Nope, sieh mal über 100.000 Aufrufe für unser letztes Video und wir sind aktuell bei 10.234 Abonnenten. Und die Zahlen steigen immer noch. Das geht echt viral!“ Er hob die rechte Hand hoch.
„Crazy! Das ist der Durchbruch!“ Moritz schlug ein und ließ sich neben seinem Freund auf einem dreibeinigen Schlagzeug-Hocker nieder. Dann beugte er sich vor, widmete sich den Zahlen und grinste breit. „Hätte nicht gedacht, dass es so schnell geht.“
„Bro, jetzt rollt die Kohle! Ich habe es gerade gecheckt. Wir können endlich Werbung dazwischenschalten. Wenn sich die Leute die restlichen Clips auch reinziehen, dann knacken wir vielleicht bei allen die kritische Marke.“ Jonas scrollte durch die Videodateien, die von dem Web-Kanal vorgeschlagen wurden, wenn man Geisterjagd oder verlassene Häuser in die Suchleiste eingab. Das AGR-Logo für die Austrian Ghostriders sprang ihnen förmlich entgegen. Ihre Videos wurden aktuell ganz vorne gereiht.
„Mann, ist das geil! Wir werden berühmt! Sieh mal, überall unser Logo!“ Moritz hatte vor Aufregung rote Wangen bekommen. Kein Wunder. Immerhin arbeiteten sie seit einem Jahr an dem Projekt und endlich schien es Früchte zu tragen. Er zog sein Smartphone aus der Gesäßtasche. „Weiß Sascha schon Bescheid?“
„Nein, bin noch nicht dazu gekommen.“
„Okay, ich ruf ihn gleich an. Alter, der wird vielleicht Augen machen … Hey Zacko, was geht? Hör mal ich bin bei Jonas in der Bude … Wir haben es geschafft. YouTube hat Werbung vor eines von unseren Geister-Videos geschaltet. Das geht gerade ab wie eine Rakete … Okay, bis gleich.“ Moritz legte auf. „Er ist in zehn Minuten da.“
Mittlerweile musste er brüllen, denn Jonas hatte seine Playlist geöffnet und Power von Kanye West röhrte durch den kleinen Schuppen. Die laute Musik verfehlte ihre Wirkung nicht. Es dauerte keine 2 Minuten, ehe Jana und Lisa sich zu ihnen gesellten. Jana war Jonas um ein Jahr jüngere Schwester und Lisa deren beste Freundin. Die beiden hatten sich vor der Hitze in den Pool geflüchtet und auf Luftmatratzen liegend von der Sonne rösten lassen. Träge hatten sie die Ankunft von Moritz beobachtet, der sie auf Grund ihrer Bewegungsarmut gar nicht bemerkt hatte. Wenig später betrat Sascha die Kommandozentrale der AGR mit einer Kiste Bier im Schlepptau. „Jungs, das muss gefeiert werden. Party!“
Die Nachricht verbreitete sich rasch innerhalb ihrer Clique. Am Abend war der Schuppen zum Brechen voll. Immer mehr Freunde hatten sich eingefunden. Jeder hatte etwas zu trinken mitgebracht. Jeder wollte am Erfolg der Geisterjäger teilhaben. Dass die drei Jungs ihre angeblich paranormalen Kontakte an den verlassenen Orten, die sie besuchten, gefaked hatten, wusste niemand der Anwesenden. Im Grunde genommen war dies auch egal, denn die Leute, die ihre Videos anklickten, likten und abonnierten waren offensichtlich leicht zu beeindrucken - oder besser gesagt - leicht zufrieden zu stellen. Das Abo war gratis, also riskierte niemand etwas. Die Austrian Ghostriders zogen jedenfalls ihren Nutzen aus der Sache.
„Wir müssen jetzt dranbleiben, Bro.“
Moritz Stimme riss Jonas aus seinen schwirrenden Gedanken. Mittlerweile ging es auf Mitternacht zu. Er war von dem Trubel und dem ständigen Schulterklopfen in der verrauchten Gartenhütte geflüchtet, hatte es sich auf einer Liege gemütlich gemacht, von wo aus er den Sternenhimmel beobachten konnte. Durch die halboffene Schuppentür drang gedämpft Partymusik und Gelächter heraus, flutete durch den Garten und verhallte in der Dunkelheit jenseits der Hecke. Jonas wendete den Blick auf die verschwommene Silhouette seines Freundes. Die plötzliche Kopfbewegung bewirkte einen leichten Drehschwindel. Offenbar hatte er eine Flasche zu viel erwischt.
„Yo, Mann, dranbleiben“, echote er mit schwerer Zunge und musste kichern, weil ihm eben jene Redewendung seinen Spitznamen eingebracht hatte.
„Ich habe schon eine Idee, was wir als nächstes machen.“
„Echt jetzt, Mo? Ich kann im Moment keinen klaren Gedanken fassen. Hat das nicht Zeit bis morgen?“
„Save. Äh, könnt ich heut Nacht im Clubhaus pennen?“
„Mi casa es su casa“, erwiderte Jonas.
„Danke. Bist echt ein Kumpel.“ Moritz trollte sich, verschwand im vibrierenden Clubhaus.
Jonas blickte wieder zu den Sternen empor, malte sich aus, was er mit Ruhm und Geld anstellen würde. Das restliche Leben eine einzige Party. Seine Lider wurden bleischwer, ihm fielen die Augen zu.
Es war nicht zum ersten Mal, dass Moritz oder Sascha bei ihm im Clubhaus übernachteten. Oder beide auf einmal. Es war allerdings das erste Mal, dass er am nächsten Morgen einen seiner Freunde mit Jana eng umschlungen auf dem speckigen Sofa vorfand, Kleidungsstücke davor auf dem Boden verstreut. Verärgert zog er die alte Wolldecke von den beiden herunter. Seine Schwester war wenigstens noch mit T-Shirt und Slip bekleidet. Moritz trug nur noch Boxershorts.
„He? Was ist los?“ Sein Freund blinzelte ihn verschlafen an.
„Was machst du da?“, fragte Jonas.
„Was soll ich schon machen? Ich penne hier. Bro, gib die Decke her!“
„Und warum ist Jana hier? Mit dir?“
Moritz setzte sich auf, musste wohl erst richtig wach werden. Er guckte zwischen Jana, die ebenfalls ihre Augen aufschlug, und ihrem Bruder hin und her. „Ach Jana! He, Alter, da war nix, echt jetzt.“
Seine Schwester kicherte. „Mach mal kein Theater, Brüderchen. Wir haben nur geknutscht.“
„Nur geknutscht?“ Jonas schluckte schwer. „Verdammt! Wenn unsere Eltern rauskriegen, dass wir hier Sexorgien feiern, dann machen sie uns das Clubhaus dicht“, zischte er.
Moritz sammelte seine Sachen vom Boden auf. „Sex-Orgie? Jetzt krieg dich wieder ein, Meister der Übertreibung! Hier hatte niemand Sex, oder Jana?“ Er drehte sich zu dem Mädchen um, die mit den Schultern zuckte.
„Ich glaub nicht“, sagte sie und gähnte.
Jonas versetzte der leeren Bierkiste einen Tritt, sodass die Flaschen darin klirrend gegeneinanderschlugen. „Ihr macht mich wahnsinnig! Zieht euch an und helft mir hier Ordnung zu schaffen, bevor die Alten aufkreuzen und Terror machen.“
Eine Weile sammelten die drei Jugendlichen schweigsam leere Flaschen von Hochprozentigem ein, kippten Aschenbecher aus, wischten Tische und Stühle ab, fegten den Boden und steckten den Müll in einen großen schwarzen Sack.
„War doch ne fette Party“, meinte Moritz schließlich.
„Okay, Schwamm drüber, Mo.“ Die Freunde schlugen ein. „Wegen gestern … Was hast du gemeint? Du hast eine Idee für unser nächstes Projekt?“
Moritz nahm auf dem Drehstuhl vor dem Computer Platz. „Schau mal. Da gibt es ein verlassenes Irrenhaus gleich hinter der tschechischen Grenze südlich von Budweis.“ Seine Finger flogen über die Tastatur und auf dem Bildschirm erschien ein Ausschnitt von Google Maps, der ein unbesiedeltes Waldgebiet zeigte. „Im zweiten Weltkrieg hat man da noch ein paar Bekloppte eingesperrt, aber seit dem Kriegsende steht das Gebäude leer.“ Moritz berührte den Bildschirm mit dem Finger an einer Stelle, auf dem ein schemenhaftes Rechteck zu erkennen war.
„Eine Klapsmühle? Mitten im Wald?“ Jonas kniff die Augen zusammen. „Also ich kann hier nichts erkennen. Das könnte genauso gut ein Schuppen oder Jagdhaus sein.“
„Ich schwör dir, da ist eine Klapse mitten im Wald. Das sind über 100km² unberührte Natur. Von hier aus“, sein Finger tippte auf eine gestrichelte Linie, die die Staatsgrenze darstellen sollte, „sind es maximal 5 Kilometer bis zu dem Irrenhaus. Da muss es eine alte Straße geben, die nicht mehr benutzt wird und direkt zu der Anlage führt.“ Er öffnete ein neues Fenster im Browser und gab den Begriff Klinikum Theresienfeld ein. Einige abfotografierte Artikel und Bilder wurden zu dem Thema angeboten. Die Artikel schienen alt zu sein, die Fotos waren in Schwarzweiß gehalten.
„Hm, wenn du Recht hast, dann klingt das extrem interessant.“
„He! Das ist mega!“, schaltete sich Jana ein, die sich bis jetzt im Hintergrund gehalten hatte und nun auf der anderen Seite über die Schulter von Moritz linste. „Kann ich mitkommen?“
„Wer sagt denn, dass wir dorthin fahren? Und selbst wenn, halte ich das für keine gute Idee“, entgegnete ihr Bruder. „Das ist äußerst gefährlich. Diese alten Gebäude sind einsturzgefährdet, allzu leicht kann man sich verletzen. Außerdem besteht die AGR nur aus uns drei Jungs.“
„Warum eigentlich nicht? Wir könnten quasi den nächsten Schritt unternehmen, die AGR ausbauen und um ein paar Mädels erweitern“, meinte Moritz, dem dieser Gedanke gefiel. „So ein bisschen weiblicher Aufputz könnte die Anzahl der Klicks schlagartig erhöhen. Stell dir nur mal einen Gruselschocker ohne halbnackte, kreischende Weiber vor. Den würde sich keine Sau reinziehen.“
„Reiß dich zusammen, Mo. Du sprichst von meiner Schwester. Und keiner wird halbnackt herumhüpfen. Schon gar nicht Jana!“
„Sorry Alter. Wer sagt, dass Geisterjagd nur Männersache ist? Vielleicht will Lisa ja auch dabei sein und mal Gespensterluft schnuppern. Ich wette, da gibt es jede Menge verirrter Seelen, die herumspuken ... Huhuuu.“ Moritz riss seine Augen weit auf und vollzog mit ausgestreckten Fingern kreisende Bewegungen in der Luft, was Jana zum Kichern brachte.
„Au ja! Das wäre mega!“ Sie klatschte vor Aufregung in die Hände.
Jonas warf seinem Freund einen vernichtenden Blick zu und schüttelte den Kopf. „Auf keinen Fall! Wir machen aus der Serie keinen Kindergarten. Jetzt, wo wir endlich erfolgreich sind.“
„Kindergarten?“ Jana stemmte die Hände in die Hüften. Ihr Gesichtsausdruck hatte sich schlagartig verändert. „Warum sollt nur immer ihr Jungs euren Spaß haben? … Ach, leck mich doch! Und glaub ja nicht, dass ich lüge, wenn Mama und Papa fragen, wo du steckst und welche Videos ihr wirklich ins Netz stellt!“ Dann stapfte sie davon und schlug die Tür hinter sich zu.
Die Heftigkeit des Ausbruchs hatte Jonas erschreckt. So hatte er seine Schwester selten erlebt. „Was hat sie denn? Es hat sie bis jetzt nicht die Bohne interessiert, wenn wir die verlassenen Häuser und Orte erkundet haben.“
„Na ja, bis gestern waren wir auch mäßig erfolgreich. Ich glaub, sie will einen Teil vom Kuchen abhaben, berühmt werden und so. Die meint es ernst. Schätze, wir werden sie mitnehmen müssen.“
„Verdammt! Und du Intelligenzbestie bringst sie auf die verrückte Idee, dass Lisa auch mitkommen soll. Wie stellst du dir das eigentlich vor? Ich habe keine Lust den Babysitter für zwei Mädels zu spielen, die sich vor lauter Angst einpissen.“
„Bro, chill mal. Vielleicht wird es ja ganz lustig.“
„Klar! Denk mal nach! Wenn die Tussen checken, dass wir alles nur faken und so zusammenschneiden, dass es cool rüberkommt, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Sache mit den falschen Geisterkontakten rumspricht. Dann sind wir am Arsch, Mann!“
„Wir werden ihnen einschärfen, dass sie keine Infos über unsere Videos ausplaudern dürfen. Wir machen das zur Bedingung, sonst nehmen wir sie nicht mit“, stellte Moritz klar. Plötzlich klingelte sein Smartphone. „Das ist Mamsch.“ Er hatte ihren Kontakt mit dem Signalton einer Polizeisirene verknüpft, damit er sofort identifizieren konnte, wenn sie es war, die ihn anrief. „Hi, Mama! … Ja, ich lebe noch … Nein, hänge bei Jonas ab … Okay, bin so gut wie unterwegs.“ Er legte auf. „Ich muss los“, sagte er zu seinem Freund. „Die Frau Oberinspektor wünscht meine Anwesenheit beim Frühstück.“ Moritz stand auf und ging zur Tür.
Jonas nahm auf dem freigewordenen Sessel Platz. „Kein Ding. Und wegen der Psycho-Klinik … das schau ich mir genauer an. Klingt echt gut. Schätze, wir werden es durchziehen.“
„Fix. Und was machen wir wegen der Mädels?“
„Ich werde mit Jana nochmal reden, wenn sie sich beruhigt hat. Lieber wäre es mir, sie würde daheimbleiben, aber du weißt ja, wie sie ist. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann kann man es ihr schwer wieder ausreden.“
„Save. Und sorry wegen des Vorschlags, dass wir Mädels mitnehmen sollten. Wir sehen uns am Abend.“ Moritz verließ den Schuppen und schloss die Tür hinter sich.
Nachdem sein Freund gegangen war, sah Jonas sich nochmals die aktuellen Zahlen auf You-Tube an. Sie kletterten weiter in die Höhe. Langsam, aber stetig. Das Erfolgs-Video aus ihrer Produktions-Reihe riss die anderen Clips nach dem Schneeballprinzip mit. Der Sogeffekt war unübersehbar. Mittlerweile hatte die Webseite vor fast allen ihrer eingestellten Videos Werbung geschaltet. Ab jetzt brachte jeder zusätzlicher Viewer und Abonnent Geld. Vielleicht hatte Moritz Recht und sie bekämen noch mehr Zuspruch, wenn sie Lisa und Jana mit an Bord nahmen. Ihm war nur noch nicht klar, welche Funktion die Mädchen ausüben sollten. Im Grunde genommen waren sie bereits ein eingespieltes Team und brauchten niemanden mehr.
Selbstverständlich hatten sie die Konkurrenz genauestens unter die Lupe genommen und sich das eine oder andere von den erfolgreichen Bloggern abgeschaut, die sich mit derselben Materie beschäftigten. Auch wenn er es nicht gerne zugab, wirkte sich eine weibliche Beteiligung meist positiv auf die Menge der interessierten Zuseher aus. Dabei galt es nach seiner Beobachtung allerdings einige Regeln zu beachten. Die Frauen oder Mädels sollten nicht aufdringlich und billig wirken. Sie konnten durchaus offen Ängste zeigen, durften aber auf keinen Fall hysterisch reagieren. Was ihm allerdings Sorgen bereitete, war der Umstand, dass zu große Gruppen oft den Eindruck einer Jux-Partie erweckten und deshalb nicht mehr ernst genommen werden konnten.
Begonnen hatte alles im Sommer vor einem Jahr. Moritz, Sascha und Jonas waren rein zufällig auf die einschlägigen Geister-Clips gestoßen, als sie auf der Suche nach einem Musikvideo Abandoned in die Suchleiste von You-Tube eingegeben hatten. Erst hatten sie über die Freaks gelacht, die verlassene Häuser durchstöberten, angeblich Beweise für paranormale Aktivitäten fanden. Doch einige der Videos waren wirklich gut und erfolgreich gewesen. Sie hatten über Geister und deren Existenz diskutiert, waren regelrecht in die Sache hineingekippt und hatten schließlich beschlossen, selbst einmal ein verlassenes Gebäude aufzusuchen. Die Wahl war schließlich auf ein aufgegebenes Redaktionshaus einer renommierten Tageszeitung mitten in der Stadt gefallen.
Der Büroturm ragte 12 Stockwerke empor, Wind und Wetter hatten ihm arg zugesetzt, manche der Fenster waren zerborsten. Nässe und Kälte hatten den Zerfall des Gebäudes beschleunigt. Schon bei jenem ersten Versuch waren sie Feuer und Flamme gewesen, hatten den Nervenkitzel genossen und sich derart hineingesteigert, dass ihnen am Ende vor Angst die Knie geschlottert hatten.
