Die Geschichte meiner Zähne - Valeria Luiselli - E-Book

Die Geschichte meiner Zähne E-Book

Valeria Luiselli

0,0
16,99 €

Beschreibung

Gustavo Sánchez hat eine Mission: Jeder seiner hässlichen Zähne muss ersetzt werden. Glücklicherweise ist er Auktionator – der weltbeste Auktionator –, was ihm dabei hilft, Geld für die neuen Zähne zu sammeln. Dabei entdeckt er, dass es entscheidend ist, die Objekte, die er anbietet, mit Geschichten auszustatten. Das steigert ihren Wert immens. Auch wenn er noch ein paar andere Fähigkeiten besitzt, die ihm Geld verschaffen: Nach zwei Gläsern Rum kann er Janis Joplin imitieren, Glückskekse deuten und wie Christopher Kolumbus ein Hühnerei auf den Tisch stellen und beim Schwimmen den Toten Mann machen. Das Geschichtenerzählen aber entwickelt er zur Meisterschaft. Und die Sammlung seiner Zähne berühmter Menschen kann sich sehen lassen: von Plato zu Plutarch, Michel de Montaigne, Virginia Woolf und Enrique Vila-Matas. Sanchez aber will die von Marilyn Monroe … Valeria Luiselli hat mit der Geschichte meiner Zähne ein Buch über den kreativen Prozess, den Wert von Kunst, den Kult um literarische Berühmtheiten geschrieben, eine herrliche Mixtur aus Erinnerung, Erfindung und autobiografischer Reflexion, in deren Zentrum ein Mann mit einem »Mund voller Horror« steht. Eine exzentrische, ganz und gar außergewöhnliche Geschichte, die die Konvention der literarischen Genres sprengt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 148

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Valeria Luiselli

Die Geschichtemeiner Zähne

Aus dem Spanischenvon Dagmar Ploetz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

 

 

 

 

 

Für Álvaro und die drei Garcías

INHALT

BUCH IAnfang, Mitte, Ende

BUCH IIParabolisches

BUCH IIIHyperbolisches

BUCH IVElliptisches

BUCH VAllegorisches (Notizen für einen Spaziergang der Epigonen)

BUCH VIRundgang

 

Epilog

 

 

 

 

 

Der Tod wird kommen, und er wird deine Zähne haben.

ANONYM

But I’m still around. I’ll always be around and around and around.

JOHNNY CASH, Highwayman

BUCH I

Anfang, Mitte, Ende

 

Jeder einzelne Zahn im Schädel eines Menschen ist kostbarer als ein Diamant.

 

Ich bin der beste Auktionator der Welt. Das weiß aber keiner, denn ich bin ein zurückhaltender Mensch. Ich heiße Gustavo Sánchez Sánchez, und man nennt mich, liebevoll, wie ich meine, Carretera.

Nach zwei Cuba Libres kann ich Janis Joplin imitieren. Ich kann Glückskekse deuten und wie Christoph Kolumbus ein Hühnerei auf den Tisch stellen. Ich kann auf Japanisch bis acht zählen: ichi, ni, san, shi, go, roku, shichi, hachi. Ich kann beim Schwimmen den toten Mann machen.

Das hier ist die Geschichte meiner Zähne. Mein Vermächtnis an die Nachwelt, mein Essay über Sammelstücke, Eigennamen und radikales Recycling. Zunächst kommen, wie in jeder Geschichte, der Anfang, die Mitte und das Ende. Danach dann das Parabolische, Hyperbolische, Elliptische und alles Übrige. Und was später kommt, weiß ich nicht. Möglicherweise die Namenlosigkeit, der Tod, und noch später der postume Ruhm; aber darüber werde ich nichts mehr in der ersten Person zu sagen haben.

Es gibt Menschen mit Glück und Menschen mit Charisma. Ich habe ein wenig von beidem. Mein Onkel Solon Sánchez Fuentes, ein Verkäufer italienischer Qualitätskrawatten, pflegte zu sagen, dass Schönheit, Macht und früher Erfolg sich verflüchtigen und eine schwere Last für ihre Träger sind, da kaum einer die Aussicht schultern kann, das alles zu verlieren. Mich plagen solcherlei Sorgen nicht, da ich noch nie flüchtige Eigenschaften gehabt habe, allein dauerhafte. Von Onkel Solon erbte ich das Charisma und eine elegante Krawatte, das ist alles, so meinte er, was man im Leben braucht, um als Mann von Welt dazustehen.

Ich wurde in Pachuca, der Schönen Windreichen, mit vier vorzeitigen Zähnen geboren, und mein Körper war ganz und gar mit einem feinen, schwarzen Flaum bedeckt. Doch dafür bin ich dankbar, denn, wie mein anderer Onkel, Euripides López Sánchez zu sagen pflegte, Hässlichkeit stärkt den Charakter. Als mein Vater mich sah, dachte er, seinen wirklichen Sohn habe sich die Frischentbundene aus dem Nebenzimmer gekrallt. Mit verschiedenen Mitteln – Erpressung, Einschüchterung, Bürokratie – versuchte er, mich der Krankenschwester, die mich gebracht hatte, zurückzugeben. Meine Mutter aber nahm mich mit offenen Armen auf, kaum dass sie mich sah: rot, verquollen und winzig zuckte ich wie eine Venusmuschel in der Decke des Hospitals. Mutter war darin geübt, Dreck als Schicksal anzunehmen.

Die Krankenschwester erklärte meinen Eltern, meine vier Zähne seien eine Seltenheit in unserem Land, aber nicht unüblich bei anderen Rassen. Der Begriff dafür sei Angeborene Pränatale Zahnbildung.

Und bei welchen Rassen beispielsweise?, fragte mein Vater, schon in der Defensive.

Ganz konkret bei den weißen Kaukasiern, Señor, sagte die Schwester.

Aber dieser Junge ist doch dunkel wie Erdöl, erwiderte er.

Die Genetik, Señor Sánchez, ist eine Wissenschaft von vielen Göttern.

Letzteres muss meinen Vater entweder getröstet oder eingeschüchtert haben, jedenfalls ergab er sich darein, mich nach Hause zu tragen, in einem dicken Flanelltuch, eingewickelt wie eine Maistasche.

Ein paar Monate später zogen wir nach Ecatepec. Mutter wusch fremde Wäsche. Vater wusch sich nicht mal die eigenen Hände. Seine Nägel waren derb, rau, schwarz. Er stutzte sie mit den Zähnen. Nicht aus Sucht, eher aus Faulheit und Überheblichkeit. Während ich am Tisch meine Hausaufgaben machte, inspizierte er seine Nägel vor dem Ventilator, fläzte sich dabei in den grünen Samtsessel, den Mutter von Julio Cortázar geerbt hatte, unserem an Tetanus verstorbenen Nachbarn aus dem 4. Stock. Als die Kinder von Señor Cortázar seine Habseligkeiten abholen kamen, überließen sie uns seinen Papagei – Criterio, der seinerseits nach wenigen Wochen, wohl an Trauer, starb – sowie den grünen Samtsessel, in dem es sich Vater dann jeden Nachmittag bequem machte. Gedankenvoll studierte er die Konstellationen der Feuchtigkeitsflecken an der Zimmerdecke und kürzte sich die Nägel, Finger um Finger.

Er begann mit dem kleinen Finger. Er klemmte eine Nagelecke zwischen den oberen und unteren Schneidezahn, löste gerade mal einen kleinen Span und dann mit einem einzigen Ruck die überstehende Sichel. Nachdem sie abgerissen war, behielt er sie einen Augenblick im Mund, formte mit der Zunge eine Startrampe und pustete: Der Nagel zischte ab und fiel auf mein Schulheft. Draußen auf der Straße bellten die Hunde. Ich schaute auf die Nagelsichel, tot und verdreckt lag sie ein paar Millimeter vor der Spitze meines Bleistifts. Ich malte dann einen Kreis drum herum und machte mich wieder an meine Aufgabe, achtete dabei darauf, nicht über den gezogenen Kreis zu schreiben. Weiter fielen, wie Meteoriten vom Himmel, Nagelspäne auf mein breit liniertes Scribe-Heft, angetrieben von der Luft des Ventilators: Ringfinger, Mittelfinger, Zeigefinger und Daumen. Und dann die andere Hand. Ich ordnete die Buchstaben der Schreibübung dergestalt, dass ich damit die kleinen eingekreisten Krater umging, die mit dem fliegenden Unrat meines Vaters auf der Heftseite verblieben. Wenn ich die Übung beendet hatte, schob ich die Nägel zu einem Häufchen zusammen und beförderte sie in die Hosentasche. Später, in meinem Zimmer, steckte ich sie in einen Briefumschlag, den ich unter meinem Kopfkissen verwahrte. Meine Sammlung wuchs im Laufe meiner Kindheit auf mehrere Umschläge an. Ende der Erinnerung.

Vater hat inzwischen keine Zähne mehr. Auch keine Nägel und kein Gesicht: Er wurde vor zwei Jahren verbrannt, und seinem Wunsch gemäß haben meine Mutter und ich seine Asche in die Bucht von Acapulco gestreut.

Meine Mutter habe ich dann neben ihren Schwestern und Brüdern in der Stadt Pachuca, der Schönen Windreichen, begraben. Das war ein Jahr später. Einmal im Monat gehe ich sie besuchen, vorzugsweise sonntags. Fast immer regnet es in Pachuca, und es regt sich kaum ein Lüftchen.

Nie gehe ich bis zum Friedhof, denn ich bin allergisch auf Pollen, und auf Friedhöfen gibt es viele Blumen und Sträucher. Kurz davor steige ich aus dem Bus, bei einer wunderschönen Grünfläche, die mit Skulpturen von Dinosauriern in Lebensgröße bestückt ist. Dort, zwischen den zahmen Glasfaserbestien, bleibe ich stehen und werde fast immer nass geregnet; ich bete Vaterunser, bis mir die Füße anschwellen. Ich werde müde. Ich gehe über die Straße, weiche den Pfützen aus, die rund wie die Krater in meinen Schulheften sind, und warte auf den Bus, der mich zurück zum Bahnhof bringt.

Meine erste Arbeit hatte ich beim Kiosk von Rubén Darío, Ecke Aceites und Metales. Ich war acht Jahre alt und hatte bereits alle Milchzähne verloren. Sie waren von anderen ersetzt worden, breit wie Paddel, die alle in eine andere Richtung zeigten.

Rubén Daríos Frau Azul wurde meine erste Freundin, auch wenn sie gut zwanzig Jahre älter als ich war. Rubén Darío hielt sie im Haus eingesperrt. Um elf Uhr vormittags schickte er mich mit einem Schlüsselbund los, ich sollte nachsehen, was Azul machte und ob sie etwas von draußen brauchte.

Azul lag fast immer in Unterwäsche im Bett, und auf ihr bewegte sich Herr Unamuno. Herr Unamuno war ein schmieriger Alter, der eine Sendung im Erziehungsfunk hatte. Das Programm begann immer gleich: »Bei Ihnen ist Unamuno: auf bescheidene Weise deprimiert, sympathisch eklektisch und vom Gefühl her links.« Blödmann.

Wenn ich ins Zimmer kam, sprang Herr Unamuno auf, zog sein Hemd, das gewöhnlich mit Kaffee oder Sauce – entweder grüner, paprikafarbener oder roter Sauce – bekleckert war, herunter und knöpfte sich unbeholfen die Hose zu. Ich schaute derweil auf den Boden und manchmal aus dem Augenwinkel auf Azul, die weiterhin im Bett lag und an die Decke schaute, während sie mit den Fingerkuppen über ihren halb freigelegten Bauch fuhr. Nun angezogen und mit der Brille auf der Nase kam Unamuno zu mir und gab mir einen Klaps gegen die Stirn.

Hat man dir nicht beigebracht, an der Tür zu klopfen, Kakerlake?

Azul verteidigte mich: Er heißt Carretera und ist mein Freund. Und dann kam ein Gelächter, gleichermaßen tief und einfältig, ihre Eckzähne zeigten sich, bedrohlich lang, aber an den Spitzen abgeflacht.

Wenn Herr Unamuno sich unruhig und voller Schuldgefühle endlich verdrückte, zog Azul das Laken wie das Cape eines Superhelden über sich und forderte mich auf, mich aufs Bett zu setzen. Komm her, wir spielen Taschenbillard. Wenn wir fertig waren, schenkte sie mir ein Stück Brot und einen Wasserbeutel mit Strohhalm und schickte mich zurück zum Kiosk. Auf dem Weg trank ich den Beutel leer und steckte den Strohhalm in die Hosentasche, für später. Ich hatte schließlich an die zehntausend Strohhalme, Ehrenwort.

Was macht Azul?, fragte mich Rubén Darío, wenn ich zurück am Kiosk war.

Ich deckte sie, erzählte ausführlich von irgendeiner unschuldigen Beschäftigung:

Sie versuchte gerade, einen Faden einzufädeln, um das Taufkleid des Kindes ihrer Cousine zweiten Grades zu flicken.

Von welcher Cousine?

Hat sie nicht gesagt.

Das muss die Sandra sein. Oder Berta. Hier ist dein Trinkgeld und jetzt ab in die Schule. Ende der Erinnerung.

Ich absolvierte die Grundschule, die Oberschule, die Leistungskurse und blieb unbemerkt und gut benotet, weil ich zu denen gehöre, die nie Aufsehen erregen. Ich machte nicht einmal den Mund auf, wenn die Anwesenheit geprüft wurde, nicht etwa aus Angst, man könne meine schiefen Zähne sehen, sondern aus Zurückhaltung. Ende des Anfangs.

Als ich einundzwanzig wurde, bekam ich eine Stelle als privater Wachmann bei einer Saftfabrik in der Vía Morelos, und ich glaube, auch diesen Posten hatte ich meiner Zurückhaltung zu verdanken. Dort blieb ich neunzehn Jahre. Wenn man sechs Monate wegen einer Hepatitis abzieht, drei Tage wegen einer ominösen Karies, die zu einer Entzündung des Zahnmarks zweier Backenzähne führte, dazu die Wochen, die ich Urlaub nahm, war ich exakt achtzehn Jahre und drei Monate Wachmann in der Fabrik.

An irgendeinem beliebigen Tag jedoch wendete sich mein Schicksal, wie der Sänger Napoleón es ausdrückt. Salvador Nono, Vorarbeiter bei der Pasteurisierung, bekam eine Panikattacke, als er einen Boten von DHL, einen unauffälligen Mann von mittlerer Statur, abfertigte. Die Sekretärin des Supervisors für Polymere hatte noch nie eine Panikattacke miterlebt, und so dachte sie, dass der mittelgroße Bote Salvador Nono überfallen hatte, da dieser die Hände zum Hals führte, blau wie eine Pflaume anlief, die Augen verdrehte, nach hinten kippte und wie auf Gummibeinen umsackte.

Der Leiter vom Kundenservice rief, ich solle den mittelgroßen Boten aufhalten. Ich folgte dem Befehl und lief zu dem vorgeblichen Übeltäter. Mit der Spitze des Schlagstocks schlug ich ihm auf den Hintern, nicht einmal stark, woraufhin der arme Mann untröstlich zu weinen begann. Während ich den Mann am Ohr zum Ausgang zog, forderte ich ihn, nun schon in freundlicherem Ton, auf, sich auszuweisen. Er hielt die eine Hand hoch, fuhr mit der anderen in seine Tasche und holte eine Geldbörse heraus. Sodann zog er mit der ersten seinen Ausweis hervor: Avelino Lisper. Der Leiter des Kundendienstes befahl mir, sofort zu dem moribunden Kollegen zurückzugehen, denn der Vorarbeiter lag immer noch auf dem Boden und schnappte nach Luft. Ich ließ den Boten von DHL frei – der nicht etwa verschwand, sondern weinend dort stehen blieb, man kann sagen tränenüberströmt – und rannte zu Salvador Nono, mir mit dem Schlagstock den Weg zwischen den Gaffern bahnend. Ich kniete neben ihm nieder, nahm ihn in die Arme, und um eine andere Lösung verlegen wiegte ich ihn schweigend, bis die Panik verebbte. Danach musste ich den Boten trösten, bis auch der sich wieder fing.

Am Tag darauf ließ mich der Geschäftsführer der Fabrik in sein Büro kommen und kündigte mir eine Beförderung an.

Die Wachleute gehören zur zweiten Kategorie, sagte er vertraulich zu mir, aber du gehörst in die erste Kategorie.

Die Führung hatte beschlossen, dass ich von nun an einen eigenen Stuhl und Schreibtisch haben sollte und meine Arbeit darin bestünde, denjenigen vom Personal Trost zu spenden, die dessen bedürften.

Sie werden sich dem Handling der Krisen beim Personal widmen, sagte der Herr Geschäftsführer mit dem leicht unheimlichen Lächeln derer, die sehr oft beim Zahnarzt waren.

Es vergingen zwei Wochen, und da Salvador Nono vorübergehend beurlaubt war, gab es in der Fabrik eigentlich keinen, der Trost nötig hatte. Ein neuer Wachmann war eingestellt worden, ein gefälliges Dickerchen, das sich Hochimín nannte und den Tag damit verbrachte, mit den Leuten zu schwatzen. Zurückhaltung und Diskretion sind Tugenden, die nur wenige schätzen und alle lernen müssten. Eher mit Geringschätzung als Antipathie beobachtete ich ihn von meinem neuen Schreibtisch aus. Man hatte mir einen in der Höhe verstellbaren Drehstuhl hingestellt und einen Schreibtisch mit Schublade, in der eine wunderbare Sammlung von Gummibändern und Büroklammern lagerte. Jeden Tag steckte ich eine Büroklammer und ein Gummiband in die Hosentasche und nahm sie mit nach Haus. Ich bekam eine ordentliche Sammlung zusammen.

Aber nicht alles war Blütenstaub und Eibischduft, wie Napoleón singt. Einige Angestellte, besonders der Leiter vom Kundenservice, begannen sich darüber zu beklagen, dass ich fürs Däumchendrehen bezahlt werde. Ein paar Mitarbeiter entwickelten sogar die Theorie, dass Salvador Nono und ich die Nummer zum Besten gegeben hatten, damit er einen Monat bezahlten Urlaub und ich eine Beförderung bekam. Typische Verleumdungen und Lügen von den Niederträchtigen, die anderen Menschen kein Glück gönnen.

Nach einer Versammlung, zu der ich selbstverständlich nicht geladen war, bestimmte der Geschäftsführer, dass man mich zu einschlägigen Kursen schicken sollte, auf dass ich beschäftigt wäre und dabei die Qualifikation erlangte, um die wiederkehrenden Krisen beim Personal in den Griff zu bekommen.

So begann ich zu reisen. Ich machte meinem Spitznamen Carretera – Highway auf Englisch – alle Ehre. Aus mir wurde ein Mann von Welt. Ich nahm quer durch die Republik, ja sogar durch den Kontinent, an Kursen und Workshops teil. Man könnte sagen, ich wurde zu einem Sammler von Kursen. Erste Hilfe, Kontrolle von Angstzuständen, Ernährung und Essgewohnheiten, Aktives Zuhören und Kommunikation, Photoshop, neue Männlichkeitsbilder, Neurolinguistisches Programmieren, Sexuelle Diversität. Es war eine goldene Zeit. Bis sie ein Ende nahm, wie alles Gute und Schöne.

Der Anfang vom Ende kündigte sich mit einem Kurs an der Philosophischen Fakultät der Autonomen Staatsuniversität von Mexiko an. Den Kurs leitete die Tochter von Don Octavio, dem Geschäftsführer. Ich konnte also nicht die Teilnahme verweigern, ohne meine Anstellung zu riskieren. Der Workshop hieß – oh Schreck und Schande und Verwirrung – »Tanz Contact-Impro«.

Die erste Übung des Kurses bestand darin, dass wir uns eine Choreografie für Paare ausdenken sollten, und zwar zu Jeannettes Lied »Warum Du gehst« – ich habe nie kapiert, ob es sich um eine Frage oder schon um die Antwort handelt. Als Partnerin bekam ich eine gewisse Flaca, sie war nicht hübsch, aber auch nicht hässlich. Die Flaca begann einen Tanz im Stil der einstmals so skulpturalen wie exotischen Künstlerin Togolele, während ich nur mit den Fingern schnipste und dabei versuchte, dem schwierigen Rhythmus des Liedes zu folgen. Sie beachtete den Rhythmus überhaupt nicht. Sie drängte sich an meinen Körper, streichelte mein Haar, war an den Knöpfen zugange. Ich schnipste weiter beflissen mit den Fingern, ohne aus dem Rhythmus zu kommen. Als das Lied endete, war sie in ihrer Weiblichkeit erblüht und ich reichlich entblättert; in einen Tänzer von Contact-Impro verwandelt, stand ich halb nackt auf dem Parkettboden eines Forums der Philosophischen Fakultät, die Hoden groß wie zwei Axolotls. Ende der Erinnerung.

Um meine Ehre zu retten, blieb mir nichts anderes übrig, als die Flaca ein paar Monate später zu heiraten. Undsoweiter, undsoweiter, und dann war sie schwanger. Ich gab meine Arbeit bei der Saftfabrik auf, weil die Flaca meinte, ich dürfe nicht mein angeborenes Talent als Interpret zeitgenössischen Tanzes vergeuden. Die Flaca hatte es in einem Kloster bis zur Novizin gebracht, in der Stunde der Wahrheit jedoch gekniffen und war nach einer Phase der Befreiung in einem Resort in Tepoztlán bei Experimenten mit allerlei Arten Liebe schließlich Zahnarzthelferin geworden. Sie, eine moderne Frau, wollte mich durchfüttern, falls das mit dem Tanz kein Geld einbrachte. Womöglich könnte sie mir sogar selbst eines Tages die Zähne richten. Wir mieteten eine Wohnung in der Calle Farolito 3. Und wie zu erwarten, wurde aus der Flaca eine Gorda, aus der Dünnen eine Dicke. Und das mit den Zähnen hat sie natürlich nie eingelöst.

Trotz allen Elans und aller körperlichen Perfektion bekam ich keine Stelle als Tänzer. Ich bewarb mich bei der Compagnie Gefallener Ikarus, bei Dimensionensprung, Kosmische Rasse, und sogar bei Offener Raum, der, wie schon der Name sagt, sehr offen ist und jedermann aufnimmt. Nichts. Fast hätten sie mich bei Folklor-Arte genommen, aber am Ende bekam ein Knirps mit dem Körper eines Wurms die Stelle, er hieß, so prätentiös wie lächerlich, Brendy.

Eine Weile ging es mir, nach Napoleóns Worten, wie grünem Holz, das kein Feuer fängt, und einem Baum, der keine Wurzeln schlägt. Ich arbeitete als Masseur, dann als Fahrradmechaniker, später als Eisverkäufer vor einem Buchladen mit dem Namen Parnaso. Keine dieser Arbeiten dauerte länger als zwei oder drei Wochen. Sodann beschloss ich, einen Kurs zur Geburtsvorbereitung zu besuchen, um mich für meinen Sohn oder meine Tochter zu wappnen. Ich machte den ganz alleine, weil die Flaca nichts von solchen Sachen hielt. Schließlich ging ich sogar als Gasthörer für klassische Philologie an die Universidad Nacional Autónoma de México, weil mir die Geschichten der Römer immer schon gefallen hatten und ich, wo ich nun Vater wurde, in der Lage sein musste, meinem Sohn oder meiner Tochter die Geschichten von den großen Heroen der Menschheitsgeschichte zu erzählen. Ob ich ein guter Student war, weiß ich nicht, da ich nie irgendeine Benotung bekam, aber ich lernte dabei die Klassiker kennen. Und ich habe sie alle gelesen, Ehrenwort. Mein Lieblingsautor ist bis heute Gaius Suetonius Tranquillus, den ich weiterhin fast jede Nacht vor dem Einschlafen lese.