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Anna W. wurde 1923 in die Zwischenkriegszeit im Raum Wien geboren. 92 sehr persönliche Episoden erzählen von Freud und Leid, von raffiniertem Durchwursteln und von der Angst vor der russischen Besatzung, von Armut und von zunehmendem Wohlstand in der Nachkriegszeit. Gemeinsam mit einigen objektiven Einschüben entsteht nicht nur das Bild einer fleißigen und tapferen Frau, sondern mehr noch das einer ganzen Epoche.
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Das Leben nehmen wie es ist. Und trotzdem lächeln.
(Wolfgang N. Kraus)
Auf ein Wort
Prolog
1923
Das Beste, das mir passieren konnte
1927
Lola
1929
Spinat & Co
1929
Vater muss Kohlen tragen
1930
Ein neuer Brunnen
1930
An der Donau
1930
Ferien bei der Anna-Tant’
1930
Die Türmerstube
1931
Die feine Torte
1931
Sauer verdientes Taschengeld
1932
Verletzung meiner linken Hand
1932
Nachspiel
1932
Das neue Kleid von Resi
1933
Ein „Kühlschrank“ und elektrisches Licht
1933
Klein-Anna wäscht für Mutter
1933
Friedhofsbesuch in Enzersfeld
1933
Schuhe und Handschuhe
1933
Mein Arm muss weg
1933
Resi geht ins Ausland
1934
Schokolade
1935
Falsche Töne
1935
Vater nimmt Kostkinder
1936
Mutter kündigt
1937
Luis heiratet
1938
Lehrjahre
1938
Hoher Besuch
1939
Vater wird Geschäftsmann
1940
Polenbesuche
1946
Bruder Franz
1941
Gefallen
1942
Pakete mit unbestimmter Adresse
1943
Der Kuckuck ruft
1943
Zigaretten für Zwangsarbeiter
1945
März: Die Russen kommen
1945
Soldatenleben
1945
Der gestohlene Hase
1945
Vater will Mutter beschützen
1945
Flucht
1945
Mit wunden Füßen
1945
Schützengräben
1945
Kartoffel schälen
1945
8. Mai: Krieg aus!
1945
Erste Nachkriegstage
1945
Nähmaschinen stehlen
1946
Wieder ein Hans
1947
Jänner: Alle Hände voll zu tun
1947
Frühjahr: Elfer-Jause
1947
Das Pfingst-Turnier
1947
Wo können wir wohnen?
1949
Presswurst und Zwetschkenknödel
1950
Keuchhusten
1952
Ingrid hat Hunger
1954
Schwarzarbeit
1954
Anzeige
1955
Besuch bei Franz
1956
Ernst in Wien
1957
Aus Alt mach Neu
1957
Das E-Werk-Bad
1957
Urlaub mit Freunden
1958
Die Puppenfamilie
1958
Hämmern, Sägen und Kleben
1958
Die Jolly-Tant
1959
Waschtag mit Kindern
1960
Dänenbesuch
1960
Die Herrenschneiderei
1961
Die alte Heimat
1962
Die Frau Efferl
1963
Schiunfall ohne Schi
1963
Nass bis auf die Haut
1964
Besuch in Chemnitz
1964
Mama, mir schmeckt’s nicht
1965
Der Obauer Hansl
1965
Lungenriss
1966
Hilfe für Flüchtlinge
1970
Gute Freunde
1973
Wenn Kinder flügge werden
1974
Mein erstes Enkelkind
1974
Ich hab kein Geld
1975
Mutter wartet auf mich
1978
Mein Mann ist krank
1978
Allein gelassen
1998
Ingrid erinnert sich
1979
Auf Kur mit Gisi
1982
Meine Tochter baut ein Haus
1984
Arbeitsteilung
1995
Auf einem Kamel geritten
2000
Ich bin Urgroßmutter
2000
Mai: Ich bin ein Pflegefall
2013
Mischa
2013
Ich, Birgit, gehöre jetzt zur Familie
2013
Ich lebe
2013
Zum runden Geburtstag
Epilog
Die Familie
Diese Geschichten schrieb ich für meine Mutter auf, teils aus meinen eigenen Erinnerungen, teils aus Mutters Erzählungen oder auch aus Mitschnitten von Interviews, die mein Sohn Werner akribisch führte, wofür ich ihm sehr danke.
Der O-Ton ist eine Erinnerung für die Familie und gleichzeitig ein wichtiges Zeitdokument, wie Familien sowohl vor und während des Krieges, als auch in der Nachkriegszeit lebten.
Diese Geschichten der Anna W. erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit und auch nicht auf exakte Wiedergabe ihres gesamten Lebens, sondern sollen vielmehr in chronologisch geordneten Episoden einen weiten Bogen über ihr Leben bis in die Gegenwart spannen.
Auch erhebe ich nicht den Anspruch auf ein literarisch wertvolles Werk, obgleich ich mich um einen niveauvollen Sprachgebrauch bemühte. Ich versuche in diesen Texten verschiedene Personen erzählen zu lassen, damit deren persönliche Blickwinkel das Leben meiner Mutter aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten können.
Im Laufe meines Lebens hat sich mein Bild von meiner Mutter stark gewandelt: Durch die intensive Arbeit an diesem Buch bin ich ihr so nah gekommen, wie ich es als Kind war.
Ein herzliches Dankeschön gilt meinem Freund Wolfgang Kraus, ohne dessen Hilfe dieses Buch wohl nicht zustande gekommen wäre.
Ingrid Hoffmann
Jänner 2024
Nun bin ich neunzig Jahre alt, habe zwei Kinder, zwei Enkel und zwei Urenkel, ich habe viel gesehen, gehört, gefühlt, geschmeckt. Es war nur ein Atemzug. In ihm liegen meine ganzen Lebensjahre, eingebettet in Freud und Schmerz.
Meine Kindheit habe ich in Armut verbracht, aber ich habe nie hungern müssen. Meine Jugend verlief voller Entbehrungen, aber trotzdem gab es heitere Momente.
Wenn man jung ist, hadert man oft mit dem Schicksal, will erzwingen, was nicht geht, ist enttäuscht darüber, wünscht sich dies und das. Erst wenn man älter wird, wird man ruhiger, lernt zu unterscheiden, was wirklich wichtig ist im Leben. Ich habe viel Weisheit anhäufen können und habe gelernt wie es ist, zufrieden zu sein.
Die Wünsche werden kleiner mit dem Alter. Man nimmt vieles nicht mehr so krumm. Nie habe ich aufgehört mir meine junge Seele zu bewahren, offen zu sein für neue Ideen. Und meine Träume habe ich mir erhalten.
Mein Leben war nicht laut aber vielfältig. Mit ein bisschen gutem Willen ist mir doch Einiges gelungen, worauf ich stolz sein kann.
Das Leben ist schön.
DerWienerwald-Boteschrieb im Jahr 1923:
Der Roggen als Hauptbrotfrucht.
Während in England und Frankreich zumeist Weizenbrot gegessen wird, halten wir mit Recht an unserem alten und nährstoffreichen Roggenbrot fest. Zudem gedeiht der Roggen auch auf leichten Sandböden, wo andere Getreidearten versagen. Roggen gedeiht nach Hülsenfrüchten und Klee am besten, kann aber auch nach Hafer und Gerste, selbst nach Roggen, wenn das Feld in gutem Zustand ist, angebaut werden. Zur Winterfrucht gibt man Kalidüngsalz, Superphosphat, Reformphosphat oder Thomasmehl und Kalkstickstoff, etwa 14 Tage vor der Saat. Den Kalkstickstoff kann man auch in zwei Gaben geben.
Quelle: anno.onb.ac.at
Ich wollte dich gar nicht mehr haben, Anna.
Noch ein Kind - das Vierte.
Du warst uns einfach passiert.
Meine Schwangerschaft verlief mit zunehmender Dauer schwieriger. Das Atmen fiel mir schwer. Die Ärzte meinten nur, ich solle durchhalten und mich schonen. Das können vielleicht reiche Leute, aber nicht unsereins. Ich nähte für andere Leute Neues aus alten Kleidern, flickte ihre Wäsche. Den ganzen Tag in gebeugter Haltung vor der Nähmaschine täte meiner Lunge nicht gut, sagte der Arzt. Ich müsse mir eine andere Arbeit suchen. Auch die Schwester im Spital meinte, ich solle durchhalten: „Mit der Geburt Ihres Kindes werden Ihre Beschwerden abnehmen. Sie werden wieder gesund.“ Das stimmte auch. Ein kleines Wunder.
Luis ging morgens in die Schule, da warst du noch nicht da. Die Hebamme holte dich. Als Luis von der Schule kam, warst du schon auf der Welt. Er jedoch war nicht begeistert. Als Nachbarn ihm sagten, er habe ein Schwesterchen bekommen, sagte er nur: „Na, auch schon was.“
Dein älterer Bruder, Franz, blieb nach dem Krieg in Deutschland, deine ältere Schwester Therese ist mit ihrem eigenen Leben beschäftigt. Und Luis, unser Ältester, hat zwar dank Malis Hilfe seinen Jähzorn beruhigt, aber wenn ich von ihm etwas brauche, muss ich wohl ein schriftliches Bittgesuch einreichen. Er ist ja an sich willig, aber bis er wirklich etwas beginnt, muss man viel Geduld aufbringen.
So bist nur noch du da für mich und deinen Vater. Du entschädigst uns für alles. Und dein Mann unterstützt dich großartig. Wie kämen wir zwei sonst über die Runden, wenn wir dich nicht hätten.
Gar nicht haben wollte ich dich, Anna. Aber du bist die Einzige, die für uns da ist. Du kochst, wäschst und putzt für uns. Danach warten dann dein eigener Haushalt, deine Kinder und dein Mann auf dich.
Ich hab dich gar nicht mehr haben wollen, du bist uns passiert.
Doch du bist das Beste, das uns passieren konnte, Anna.
Wer war Lola?
Ihren Kopf schmückten zwei dunkle Zöpfe, eine Haube, wie sie die Frau im 19. Jahrhundert trug: Die Ohren zugedeckt, das Gesicht mit Spitze umrahmt und mit zwei Bändern am Kinn verschnürt.
Sie war so groß wie ich und trug einen Kittel aus dunkelrotem schwerem Stoff, eine weiße Leinenbluse mit Puffärmeln und Spitze besetzt. Ebenso mit Spitze benäht waren die Beine ihrer Unterhose und ihr Unterhemdchen.
Die Füße wurden eingehüllt von fein gestrickten Kniestrümpfen und steckten in hübschen dunkelroten Stoffpatschen, die mit Bändern zugeschnürt und von je einer großen Quaste am Rist geziert wurden.
Ihr leinenblasses ernstes Gesicht hatte rosa Wangen, die Lippen blutrot und die Augen waren wie Sterne, von schwarzen Brauen umrahmt. Die Nase ragte gut gepolstert hervor.
Ihre Hände waren ebenso leinenblass, von zierlicher Gestalt, in vornehmer Haltung, die Finger beisammen, mit abstehenden Daumen. So saß sie da mit den Händen im Schoß, vor der Brust verschränkt, seitwärts herunterhängend oder einen Arm lässig ruhend auf dem Polster, an dem sie lehnte.
Arme und Beine konnten jedoch oft schlenkern, wenn ich sie trug. Die Gliedmaßen waren aneinandergekettet.
Wer war Lola?
Sie war die Puppe meines Lebens, die einzige, die ich mein eigen nennen durfte, und die meine Mutter selbst genäht hatte. Auch meine Tochter spielte noch damit. Doch irgendwann konnte sie keiner mehr brauchen. In unserer schnelllebigen Wegwerfgesellschaft hatte sie keine Daseinsberechtigung. Außerdem waren andere vielleicht schöner als sie. Aber heute tut es uns leid, dass wir sie nicht mehr haben, denn sie wäre eine Zeitzeugin alter Handwerkskunst.
Anna war ein klein und zart geratenes Kind. Was allerdings nicht nur daher rührte, dass ihre Mutter während der Schwangerschaft große Probleme mit Atmung und Lunge gehabt hatte, sondern vor allem darin begründet war, dass Anna nicht alles schmeckte. Sie aß nicht alles, was auf den Tisch kam.
Fleisch gab es wenig, denn das war teuer und musste zugekauft werden. Aber Gemüse und Obst wuchsen so reichhaltig in Vaters Schrebergarten, dass es daran keinen Mangel gab. Er betreute sogar zwei Schrebergärten, den seiner Schwiegermutter Juliane und den eigenen. Luis, der älteste Bruder liebte Mehlspeisen. Also kochte die Großmutter für ihren Lieblingsenkel, was er besonders mochte: Apfelstrudel, Scheiterhaufen, Grießschmarren, Obstknödel, Buchteln usw.
Und damit auch Franz, Annas nur um zwei Jahre älterer Bruder, satt wurde, gab es vorher noch eine wirklich dicke Kartoffelsuppe und eine große Scheibe Brot dazu. Das schmeckte Anna auch. Aber Spinat, zum Beispiel, mochte sie gar nicht. Wenn also die Spinatzeit kam, hatte Anna nie Hunger. Doch Spinat sei gesund, versicherten ihr die Älteren, und müsse unbedingt verzehrt werden:
„Du sollst doch zu Kräften kommen“, sagten sie.
„Der Wasserkübel geht ja mit dir spazieren“, lästerten sie, wenn Anna beim Brunnen Wasser holte.
Da konnte sich die Großmutter, die das Kochen für die Kinder übernommen hatte, weil die Mutter als Wäscherin tagtäglich arbeitete, anstrengen, so viel sie wollte. All ihre Überzeugungskünste und Lockangebote waren Schüsse ins Leere. Anna blieb resistent.
Es half auch nichts, wenn die Großmutter hinter ihr herlief, quer über den Hof mit dem Reinderl in der Hand, und rief:
„Komm Antschi, einen Löffel wenigstens!“
Vater schickt mich eilig zu Mutter. Sie soll rasch in die Fabrik kommen. Was ist geschehen?
In der Schaumannfabrik, in der mein Vater arbeitet, werden Stoffe hergestellt und Kleidungsstücke gefertigt. Mit Genehmigung der Firmenleitung produzieren die Gewerkschaftsmitglieder in freiwilligen Überstunden Stoffe, aus denen Kindermäntel genäht und an Bedürftige verteilt werden sollen. Die Stoffe sind gewebt und liegen bereit.
Heute taucht ein Funktionär auf, Wilhelm Miklas (der 1938 sogar für drei Tage Bundespräsident werden wird). Er teilt mit, dass die Stoffe morgen abgeholt werden. Vater sagt erstaunt: „Aber die Kindermäntel sind ja noch nicht fertig“.
Miklas drauf: „Das werden keine Kindermäntel. Diese Stoffe bekommen die Funktionäre für einen Anzug.“ Vater verschlägt es die Rede.
Meine Mutter übernimmt nun als gelernte Schneiderin das Zuschneiden der Kindermäntel, vier Frauen nähen fleißig die Teile grob zusammen. Die halbe Nacht geht drauf. Aber Anzüge kann man daraus nicht mehr machen.
Vater wird gefeuert. Auch die vier Frauen verlieren ihre Stelle. Nun heißt es Arbeit suchen.
In der Not nimmt Vater eine Stelle als Kohlenträger an. Für ihn eine schwere Arbeit. Sein Körper, durch Ruhr, Typhus und einer aus dem ersten Weltkrieg durch Granatsplitter verursachten Bauchverletzung geschwächt, hält dem kaum stand.
Ein Freund erkennt den Ernst der Lage. Er arbeitet bei MINERVA in Wien. Gleich daneben ist die Batteriefabrik „HYDRA-Werke“. Dort werden Mitarbeiter gesucht. Vater bewirbt sich, einen Brief vom Invalidenamt in der Tasche. Alle Firmen werden aufgerufen, Kriegsversehrte aufzunehmen, um ihnen die dringend nötige Verdienstmöglichkeit zu geben. Vater wird aufgenommen und arbeitet in der Verpackung.
Der Crash kam nicht aus heiterem Himmel:
Als am 24. Oktober 1929 an der New Yorker Wall Street die Aktienkurse abstürzten, befand sich der Dow-Jones-Index schon seit Tagen im Sinkflug. Auf die Ereignisse in New York reagierte man in Europa zunächst relativ gelassen. Gegen Jahresende 1929 prognostizierte mancher Experte sogar einen milden Krisenverlauf und erhoffte sich positive Wirkungen auf den europäischen Kapitalmarkt. Die Wall Street hatte enorme Geldmittel an sich gezogen, nun sollten wieder mehr Kapitalressourcen für den „alten Kontinent“ frei werden. Weit gefehlt; als Taktgeber für Welthandel und internationale Hochfinanz waren die Vereinigten Staaten längst derart bedeutsam, dass die Krise nicht nur dort für Produktionseinbrüche, Industriefriedhöfe und ein Heer von Arbeitslosen sorgte. Sie griff auch auf Europa über, wo sie das Deutsche Reich und Österreich besonders hart traf – zwei Staaten, die sich von den ökonomischen Folgen des Ersten Weltkrieges kaum erholt hatten.
Die junge Republik Österreich fand nach den dramatischen Umwälzungen des Jahres 1918 sehr langsam in die Spur. Nur durch hohe Auslandskredite und unter Aufsicht des Völkerbundes, des Vorläufers der Vereinten Nationen, konnte der massive Währungsverfall gestoppt, der desolate Staatshaushalt saniert werden. Die Wirtschaft blieb zwar ein Sorgenkind, kam in der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre aber allmählich wieder in Schwung. Als nun die „Große Depression“ ab 1930 auch voll auf die Alpenrepublik durchschlug, fiel das mühsam Aufgebaute wie ein Kartenhaus in sich zusammen. In der Landwirtschaft, einem österreichischen Aushängeschild, stürzten die Preise in den Keller. Im Weiteren stark betroffen: Banken und Industrie.
(www.kleinezeitung.at)
Vater war abermals an Typhus erkrankt. Nicht nur er. Einige Hausbewohner wurden ins Truppenspital gebracht. Franz und ich wurden zu Botengängern. Täglich mussten wir fragen, wie es dem Vater ging. Mutter war alle Tage Wäsche waschen.
Wir liefen also zum Spital, wo man uns nicht einließ. In welchem Zimmer Vater untergebracht war, wussten wir aber. Mein Bruder und ich waren nicht besonders groß. Wir schleppten also einen großen Stein heran und stellten uns drauf. Das Fenster erreichten wir dennoch nicht.
Den Anrainern war aufgefallen, dass wir kleine Steinchen an das Fenster warfen, um uns bemerkbar zu machen. Sie entschlossen sich uns ein Holztreppchen zu zimmern. So konnten wir bequem zum Fenster hoch und mit Vater ein paar Worte reden.
Wir riefen hinein: „Vater, die Mutter lässt fragen, wie es dir geht.“ Mit der entsprechenden Nachricht eilten wir zu Mutter und halfen ihr anschließend beim Wäsche Schwemmen.
Wenn so viele Hausbewohner erkrankten, musste das eine Ursache haben. Die war auch bald gefunden: Brunnen und Plumpsklo waren zu dicht beieinander. Das Gesundheitsamt verfügte: Der Hausbesitzer muss in einiger Entfernung einen neuen Brunnen graben lassen, damit wieder alle frisches Wasser trinken konnten.
Bis dahin aber mussten wir unser Wasser stets abkochen, um nicht selbst zu erkranken. Außerdem wurden die Wohnungen ausgespritzt. Das stank fürchterlich, woran wir uns aber bald gewöhnten. Die Leibwäsche, das Bettzeug und die Bezüge wurden mitgenommen und vernichtet. Die Hauptsache war, dass niemand mehr erkrankte.
Den neuen Brunnen gab es, so lange meine Eltern diese Wohnung bewohnten. Als der Hausherr sich entschloss, die ebenerdigen Gebäude zu schleifen, wurde ihnen in derselben Gasse eine andere Wohnung angeboten.
Manchmal ging ein Austrommler durch die Stadt. Eine Zille aus Dettendorf sei angekommen und Äpfel wären an Bord. Franz und ich gingen mit Mutter rasch zur Donau um Äpfel einzukaufen. Obst zu essen, war für uns Luxus und kam nicht so oft vor. Wir hatten zwar auch Obstbäume im Garten, aber schließlich wurde fast alles verkocht. Zu Kompott, zu Mus, zu Marmelade. Denn im Winter brauchte die große Familie auch etwas.
Aber jetzt, wo die Äpfel da waren, gab es welche zu essen. Großmutter machte sogleich einige Apfelstrudel. Einen ganz allein für Franz. Ich mochte besonders gerne Apfelzuckerln. Dazu wurden die Äpfel von Mutter geschält, auf der Reibe fein gerieben, gut gezuckert, dick auf ein Blech geschmiert und im Backofen bei leichter Hitze gedörrt.
Der Zucker karamellisierte, das Pektin gelierte. Noch heiß wurde die Masse kreuz und quer in kleine Stücke geschnitten. Nach dem Auskühlen konnte man sie einzeln abbrechen. War das eine Delikatesse!
Die Donau bescherte uns auch Hochwasser, das oft bis zum Bahndamm reichte. Die Durchfahrt konnte mit schweren Eisentoren auf beiden Seiten verschlossen werden. Dazwischen wurden Sandsäcke gelegt, die das Absaufen der Stadt verhindern sollten, was leider nicht immer gelang.
Im Winter waren wir häufig da – Franz und ich. Da er auf mich aufpassen musste, verbot er mir, aufs Eis zu treten. Ich konnte nicht schwimmen. Er aber schlitterte mit seinen Freunden über die weiße Spiegelfläche. Hatten die eine Freude daran! Für mich war das nicht lustig. Mir war nur kalt und ich weinte.
Mein Bruder Luis lernte Maler und Anstreicher bei Meister Lorenz. Nach der Lehrzeit konnte ihn dieser nicht mehr behalten. Luis war arbeitslos, musste sich um eine neue Stelle umschauen, bewarb sich auch in der Werft. Er saß eine Weile daheim herum, was aber Vater gar nicht gern sah. Luis überlegte schon, mit einigen Freunden auf die Walz gehen, um wenigstens etwas zu verdienen - Geige spielen konnte er ja. Da kam von der Werft der ersehnte Brief, dass er eingestellt war! Luis hatte mit giftiger Minium-Farbe zu tun. Der Arzt riet ihm deshalb, viel Milch zu trinken. Das vermindere die Giftaufnahme im Körper und er könne so viele Abwehrstoffe produzieren, damit er gesund bleibe.
Ich war das letzte der vier Kinder meiner Eltern. Ich war dünn und klein, scheinbar war für mich nicht mehr viel übrig geblieben. Vom Schulbesuch wurde ich um ein Jahr zurückgestellt. Um mich aufzupäppeln, verbrachte ich später meine Sommerferien bei meiner Taufpatin, Tante Anni, der Schwester meines Vaters, die nach ihrer Heirat mit ihrem Franz nach Würmla gezogen war.
Bei ihr waren einige Kostkinder, mit denen ich spielen konnte. Sie sorgte gut für uns. Das Essen war einfach, schmeckte aber gut. Und Gemüse hatte sie aus ihrem eigenen Garten. Die Bewegung in frischer Luft tat uns Kindern gut. Ihre eigenen drei Söhne waren bereits erwachsen und aus dem Haus. Franz arbeitete im Anker-Brot-Werk, Rudi in einer Fabrik. Gusti studierte und war auf dem Weg zum Priesteramt in Volters in Tirol.
Einmal im Monat musste die Tante mit allen Kindern nach Wien in die Fürsorgestelle zur Kontrolle. Um Fahrgeld zu sparen, brachte sie mich im Herbst, kurz vor Schulbeginn, zur Arbeitsstelle meines Vaters, wo ich die Zeit bis zum Abend verbringen musste, ehe ich mit ihm heimfahren sollte. Er arbeitete damals in den HYDRA-Werken, einer Fabrik für Batterien und Taschenlampen in der Zieglergasse Nr. 7. Gleich daneben befand sich die Radiofabrik MINERVA.
Die Arbeit war nicht gut bezahlt, aber fix. Vater konnte nicht gekündigt werden. Das hing mit seiner Verwundung im ersten Weltkrieg zusammen. Es war eine Art Zwangseinstellung für Kriegsopfer, dem sich kein Arbeitgeber widersetzen konnte. Vater pendelte täglich von Korneuburg nach Wien mit dem ersten Zug um fünf Uhr. Er kehrte erst abends wieder heim. Da ging einiges an Fahrgeld drauf.
Im Sommer wartete dann noch der Schrebergarten, den er zu bearbeiten hatte. Mein Bruder Franz und ich mussten Wasser schöpfen, damit Vater alle Pflanzen gießen konnte. Strom gab es im Garten nicht, daher auch keine elektrische Wasserpumpe mit Schlauchanschluss. Das hätten wir uns auch gar nicht leisten können.
