Die Geschichte von Romana - Sofia Andruchowytsch - E-Book

Die Geschichte von Romana E-Book

Sofia Andruchowytsch

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Beschreibung

Romana ist eine Frau, die Geschichten zusammensetzt und Erinnerungen sammelt: eine Archivarin. Sie glaubt, in einem namenlosen Soldaten, der 2014 schwerverletzt aus dem Krieg im Donbass zurückkehrt, ihren verschollenen Ehemann Bogdan zu erkennen: Der Mann ist zu verstümmelt, um identifiziert zu werden, und zu traumatisiert, um sich zu erinnern. Romana versucht, Bogdan erzählend Gedächtnis und Identität zurückzugeben. Einst hat er ihr einen geheimnisvollen Koffer mit Fotos und Dokumenten übergeben. Dieser Koffer wird zum Ausgangspunkt einer Suche nach der gemeinsamen Vergangenheit. Vielleicht ist Romana aber nur eine unzuverlässige Erzählerin, die einem fremden Soldaten eine Biografie anbietet…

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Sofia Andruchowytsch

Die Geschichte von Romana

Sofia Andruchowytsch

DIE GESCHICHTE VON ROMANA

Amadoka-Epos 1

Aus dem Ukrainischen übersetzt von Alexander Kratochvil und Maria Weissenböck

Residenz Verlag

© 2023 Residenz Verlag GmbH

Salzburg – Wien

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

www.residenzverlag.com

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.

Keine unerlaubte Vervielfältigung!

Umschlaggestaltung: Boutiquebrutal.com

Typografische Gestaltung, Satz: Lanz, Wien

Lektorat: Jessica Beer

ISBN ePub:

978 3 7017 4695 8

ISBN Printausgabe:

978 3 7017 1763 7

INHALT

DER MANN

BOHDAN

DER PROFESSOR

IHR MANN

Da ist er: ihr Mann. Da sind die dunklen Abdrücke seiner Finger auf ihrem Unterarm. Die Blutergüsse an Gesäß und Oberschenkeln. Frische Schürfwunden an ihren Knien. Da sind die Schmerzen in der Wirbelsäule, bei dem Versuch, ihren Körper am Boden zu halten, hat er sie auf den durchgescheuerten Teppich geworfen und niedergedrückt. Eine leichte Verrenkung der Schulter schränkt nun ihren Bewegungsspielraum ein und verleiht ihrer Lust eine eigene Note.

Seine Finger liegen fest um ihre Handgelenke, bringen ihren Körper in eine angenehm offene Position, der heftige Druck seines Leibes weicht vorsichtigen Berührungen, die Stellen, an denen er sie geschlagen hat, bedeckt er mit Küssen.

Da ist er, ihr Mann, so geht er mit ihrem Körper um, sodass anstelle des Ausatmens ein fremder Schrei ihrer Kehle entweicht. Die Gefühle, die Stimme, sogar die Farben des Zimmers und das Schaukeln der Fichtenzweige vor dem Fenster, alles hat er für sie verändert. Verwundert mustert sie die Welt um sich, ihre Finger krallen sich begierig in seinen Rücken, treffen auf die Vertiefung einer Narbe. Mach die Augen nicht zu, sagt er streng, schau mich an, schau mir in die Augen.

Der ausgeleierte Halsausschnitt des verblichenen T-Shirts gibt seinen muskulösen Nacken preis. Sie geht hinter ihm, tritt in seine Spur, sinkt ein in den weißen Sand. Weiche Ströme von Körnchen gleiten in den Spalt zwischen Fußsohle und Schuh. Die Füße brennen, die Muskeln wie versteinert, Müdigkeit und Schwere im ganzen Körper.

Im Gehen dreht er sich zu ihr um, zeigt mit ausgestrecktem Arm aufs gegenüberliegende Ufer des Sees, versucht, etwas zu sagen. Sie kann nicht erkennen, worauf er zeigt, macht nur unscharfe Wolkenfetzen aus, feine Falten, die der Wind übers Wasser treibt, das Reiben des Schilfrohrs an der verrosteten Konstruktion der Kläranlage, den intensiven Geruch von Schlamm und Froschlaich und das Kreisen eines Vogels. Viel mehr interessiert sie seine Haut, am Ellenbogen faltig und spröde, die Muskeln trainiert und angespannt, Härchen, die zum Daumen hin streben. Sie erinnert sich an diese Stelle am Unterarm, als er ihn gegen ihr Gesicht gepresst hat, gegen Mund, Nase, Zähne und Zunge.

Sie überqueren einen Sumpf, steigen auf Ziegelbrocken und Holzstücke, unachtsam rutscht sie in die lehmige Schwärze des Wassers und bekleckert seinen Unterschenkel mit schmierigen Spritzern. Seine Aufmerksamkeit gilt allein der Landschaft: Er mag den Hainbuchenwald auf der anderen Seite des Sees und die Radwege, er interessiert sich für den Weg auf den Nowa Hreblja. Sie erzählt, dass sie früher immer hierhergekommen sind. In der gleißenden Sonne sind sie Sonnenblumenfelder entlanggefahren, vorbei an Kartoffeln und roter Bete. Er erinnert sich nicht.

Sie erzählt, dass es jenseits von Poroskoten rund um die Försterei gute Wege gibt, dort waren sie oft mit dem Fahrrad unterwegs. Auf der anderen Seite, näher bei ihrem Haus, ist der alte Teil des Waldes mit den höchsten Föhren und den Haselsträuchern gerodet worden, dort lagen sie früher auf einer Decke, von Mücken zerstochen, zwischen Ameisenhaufen und samtigen Mooskugeln, die aussahen wie abgeschlagene Köpfe. Er kann sich an nichts erinnern.

Sie erreichen das Wasser. Hier gibt das Schilf einen Platz zum Baden frei. Der grasbewachsene Boden geht über in Sand, der Sand verschwindet im Wasser. Im seichten Wasser wimmelt es von durchscheinenden Jungfischen, die man leicht mit Reflexionen des Sonnenlichts oder mit Lichtspiegelungen verwechseln kann.

Sie setzt sich ans Ufer, legt sorgfältig ein Handtuch auf ihre Knie. In einem Schwung zieht ihr Mann sein T-Shirt aus, schlüpft aus der Hose. Als er bis zu den Knöcheln im Wasser steht, erstarrt er kurz.

Später erinnert sie sich an seine regelmäßigen Kraulbewegungen, die sich einfügen in den morgendlichen Rhythmus des vibrierenden Schranks über ihren Körpern, ins Knarren der Bodendielen unter dem Muster des abgewetzten Teppichs, ins bedrohliche Schwanken der Bücherregale rund um sie, von deren Last sie hätten erschlagen werden können. Aber nicht erschlagen wurden.

Jetzt hört sie das Wasser an die Schilfwand schlagen – Variationen des Aufeinanderklatschens von Haut auf Haut, des Reibens angespannter Schenkel am Gesäß. Als er hinter dem linken Schilfstreifen verschwindet, legt sie sich rücklings in den Sand, spürt die schwere, dichte Feuchtigkeit in Kleidung und Haare kriechen. Sie hört, dass der Mann zum Ufer schwimmt. Spürt die Vibration seiner Schritte im seichten Wasser. Stellt sich vor, wie sich die feuchten Härchen an seine Haut legen.

Er nimmt das Handtuch von ihren Knien, versprengt Tropfen auf ihrer Stirn, ihren Wangen, ihrem Hals, schnaubt laut, während er sich abtrocknet, dann lässt er sich neben sie fallen. Eine Zeit lang liegen beide stumm da, die Augen geschlossen. Später dreht sie den Kopf und betrachtet ihn, an ihm kleben Grashalme und Sand, ein paar rote Fichtennadeln unterhalb seines verkrüppelten Ohrs. Sein großer Körper und sein Gesicht sind entstellt, von tiefen Narben zerfurcht: rosa, rot, braun, violett. Er sieht aus wie ein Tier, das im Schlachthof von Fleischern zerteilt wurde, dessen einzelne Stücke aber dann aus irgendeinem Grund wieder zusammengewachsen sind. Sein Gesicht hat wenig Ähnlichkeit mit dem Gesicht eines Menschen: die Gesichtszüge unstimmig und zusammenhanglos, die Nasenlöcher verdreht, die Konturen von Kiefer und Schädelknochen zeichnen sich unnatürlich unter der Haut ab, dunkle eingefallene Stellen bedecken Wangen und Stirn.

Sie zittert, während sie ihn betrachtet. Das ist ihr Mann. Das ist ihr persönliches Monster.

DER MANN

Anfangs war er sich sicher gewesen, dass in dem Hundert-Liter-Aquarium nur ein einziger Neonfisch lebte. Winzig und unscheinbar: ein silberner Körper, ein schwarzer Streifen von Kopf bis Schwanz. Schwerelos. Der Neonfisch flatterte zwischen den dünnen Stängeln der Crassula umher, beschrieb Schlingen und Zickzacklinien, umkreiste eine verzweigte Wurzel mit schwarzem Bart, tauchte ab in Spalten und Muschelhöhlen. Als suchte er beharrlich und unermüdlich nach jemandem.

Das Aquarium war schlecht gepflegt. Das Wasser schimmerte grünlich. Die Crassula wucherte und nahm beinahe die Hälfte des Behälters ein. An Kieseln und Muscheln saßen schwarze Seidenbartschweife, die sich kaum merklich im Kohlendioxid-Strom wiegten. Oberhalb der Wasserlinie war das Glas von einem milchigweißen Belag überzogen. Das Wasser wirkte dickflüssig. Der Neonfisch bewegte sich langsam darin, als hätte er einen beachtlichen Widerstand zu überwinden.

Das Aquarium stand in einem der Räume, die ursprünglich wohl dafür bestimmt gewesen waren, Ruhe zu finden, zu beobachten, zu meditieren, um allein mit sich in der Stille zu sein, in sich zu gehen. Das Zimmer befand sich am Ende eines langen Flurs im sechsten Stock, der durch den weiter entfernt gelegenen Trakt des Krankenhauses führte. Dieser war nach der Renovierung entweder noch nicht in Betrieb genommen oder einst aufgrund der Renovierung, die nie zu Ende geführt worden war, geräumt worden.

Vom dritten Stock, wo sich die Wirbelsäulenchirurgie befand, nahm der Mann den Lift nach oben. Der Lift bewegte sich so langsam, als hinge er knarrend fest und schaukelte nur leicht am Seil hin und her. Die großen Fensterflächen dort oben waren mit Kalkspritzern bedeckt und gingen auf einen Teil des verwilderten Parks hinaus, der sich stellenweise in einen Obstgarten mit Bänken, Mülleimern und geweißten Bordsteinen verwandelt hatte, und auf die Dächer rostiger Garagen, auf Lagerhallen und Betonmauern, um die träge Rudel von Hunden mit verkrüppelten Beinen und leicht deformierten Wirbelsäulen streunten. Der Mann wusste, dass genau solche Schäden auf »seiner« Station behandelt wurden.

Zum ersten Mal begab er sich auf diese kräftezehrende Reise, nachdem die Stationsschwester, deren Körper aussah, als wäre er mit warmer, unter ihrer Haut glucksender Brühe gefüllt, ihm von dem Aquarium erzählt hatte. Davor hatte er nur kurze Strecken überwunden: zur Toilette seines Stockwerks, links drei Zimmer weiter, manchmal zur manuellen Therapie oder Diagnostik, oder in den Aufenthaltsraum, in dem die Patienten Fußball oder Zeichentrickfilme über Pinguine schauten. Die Krankenschwester meinte, dass die Implantate ihm schon weitere Strecken erlaubten. Dass er sich die exotischen Fische dort oben ansehen könne. Es würde wehtun, klar, es würde unerträglich sein, aber es sei an der Zeit, mit der Rehabilitation zu beginnen, den Kontrakturen entgegenzuwirken, es sei an der Zeit, dem medizinischen Personal zu helfen, das so viel für ihn getan habe. Doch sie seien nicht allmächtig, sie seien keine olympischen Götter, von ihm, dem Patienten, erwarte man mehr Verständnis, eine größere Bereitschaft, mit ihnen zusammenzuarbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Das Aquarium mit den exotischen Fischen im sechsten Stock des entlegenen Trakts. So ein Ausflug wäre zweifelsohne gut für ihn.

Er machte sich also auf den Weg, beim ersten Mal kehrte er nach einem Drittel der Strecke um. Die hoch stehende Sonne schien hell durch die Scheiben und durchflutete den Gang mit trockenem Licht. Dem Mann wurde so schlecht, dass er sich auf einen Heizkörper setzen und schweißüberströmt eine halbe Stunde rasten musste. Er war überzeugt, dass alle Nähte geplatzt waren, dass die Knochen und Wirbel der Belastung nicht standgehalten hatten. Er spürte sogar, dass aus seinem Bauch Blut in die Leistengegend rann. Später stellte sich allerdings heraus, es war nur Schweiß gewesen.

Zwei Wochen später, an einem düsteren Regentag, wiederholte er seinen Versuch. Es war um nichts leichter, aber er hielt oft an, ruhte sich aus, um dann wieder ein paar Schritte zu machen.

Schließlich erreichte er das Zimmer mit dem Aquarium. Auf dem Betonboden lag ein abgewetzter Läufer mit geometrisch gemustertem Rand, um einen lackierten Couchtisch standen ein paar mit braunem Plüsch überzogene Polstersessel, in den Ecken Plastikpalmen, um die Gasleitungen schlangen sich Plastiklianen. Die Luftpumpe brummte kaum hörbar und betonte die leere Stille.

Die »exotischen Fische« entpuppten sich als ein winziger Neonfisch, ganz alleine in hundert Litern zähflüssigem, infiziertem Wasser. Von den unerklärlichen Bewegungen und dem Spiel der Schatten an den Aquariumswänden erschreckt, schoss er wie ein verrückter Pfeil zwischen den Stängeln der Crassula herum.

Der Mann setzte sich in einen Sessel vor dem Aquarium und wartete, bis sich der Neonfisch beruhigt hatte. Dieser zog nun wieder bedächtig seine Kreise. Die unerklärlichen Bewegungen und das Spiel der Schatten existierten für ihn nicht mehr, nicht einmal in der Vergangenheit. Der Neonfisch lebte im Hier und Jetzt.

Der Mann saß einige Stunden lang reglos da. Nur seine Augen folgten der Route des Neonfischs. Sein Brustkorb hob und senkte sich. Die Härchen in seiner verformten Nase bewegten sich. Von Zeit zu Zeit zuckten ein paar Muskeln oder Sehnen, worauf der Körper mit schneidenden Schmerzen antwortete. Oder aber seine inneren Organe zogen sich krampfhaft zusammen.

Zwischen glitschigen, grünen Fäden sah er das unscharfe Spiegelbild des Zimmers: Plastikpalmen, in nutzlose Regale gepferchte Sonnenblumen aus Papier; ein Kalender vom vorletzten Jahr, der Januar aufgeschlagen, ein in die Unendlichkeit führender Flur; kurze Haarbüschel, die aus dem engen Verband um den unebenen, beuligen Schädel ragten; unnatürlich hervortretende Stellen an den Backenknochen, schwarze Flecken und Mulden an Stirn und Wangen, rippenförmige Streifen, die dunkle, gebrochene Kontur der schiefen, eingedrückten Nase.

Erst später entdeckte der Mann zwischen den Verzweigungen der dunklen Wurzel einen Sterndornwels, bis zur Hälfte im feinen Kies vergraben. Der Wels lag reglos da, doch der Mann wusste, dass er lebte. Vielleicht hatte es hier früher mehr Neonfische gegeben. Einen Sterndornwels durfte man nicht mit Neonfischen zusammensetzen.

Nun überlegte der Mann jedes Mal, wenn er seine Wallfahrt in den sechsten Stock antrat, ob er den letzten Neonfisch im Aquarium noch antreffen würde. Während der langen Stunden im Bett oder am Fenster des Krankenzimmers stellte sich der Mann – das Gebrabbel der mit Beruhigungsmitteln niedergespritzten Bettnachbarn im Ohr – das winzige silberne Fischlein vor, das im Wissen, dass der unsichtbare Tod seinen Blick nicht von ihm abwandte, verzweifelte Kreise zog.

Der Mann kam ein zweites, drittes, viertes Mal; beide Fische blieben, wo sie waren. Offensichtlich wurden sie gefüttert, denn sie waren noch nicht verendet. Der Neonfisch beschrieb unsichtbare Figuren im grünlichen Wasser. Den mit Sternbildern besprenkelten Wels musste der Mann stets erst suchen, er musste seine Augen anstrengen: Der abgeflachte Welskörper schmiegte sich an die gewölbte Seite einer großen gehörnten Stachelschnecke oder er verlängerte einen Wurzelfortsatz, indem er seine Flossen zwischen die Fäden des schwarzen Wurzelbartes absenkte.

An jenem Tag nickte der Mann mit offenen Augen ein, nachdem er einige Stunden lang auf das Glas gestarrt hatte. Der Wels griff plötzlich an, er setzte dem Neonfisch mit erprobter Präzision nach. Der Neonfisch schoss nach unten und versteckte sich im Dickicht der Wasserpflanzen. Mit einem Ruck erhob sich der Mann, stieß ungeschickt die Krücken zur Seite und tauchte seine Hand ins Wasser, spürte den Schleim auf den Fingern, fuhr durch das glatte, seidige Geflecht und hob den kaum spürbaren silbernen Fisch mit dem schwarzen Streifen auf seiner offenen Hand aus dem Wasser.

Der Wels sank wie ein Stein zu Boden und erstarrte, er zuckte nicht einmal mit den Barteln.

Unter dem Tisch lag ein weißer, gerillter Plastikbecher. Der Mann schöpfte Wasser in den Becher und ließ den Fisch hineingleiten.

An Krücken gehend ist es fast unmöglich, einen Becher zu tragen und dabei kein Wasser zu verschütten. Der untere Rücken schmerzte, Schultern und Gesäß wurden taub, sein Kopf schien zu platzen. Wieder hatte er das Gefühl, irgendetwas in seinem Körper kaputtgemacht zu haben. Der Neonfisch, dieser wendige Winzling, flitzte wie verrückt in dem engen Gefäß herum.

Gegenüber der Intensivstation an der Wand saß eine Mutter mit einem verweinten Jungen auf dem Schoß. Der Junge weinte nicht mehr, aber sein Gesicht war feucht und sein Kehlkopf bebte noch vom krampfhaften Schluchzen.

Der Mann hielt dem Jungen den Becher hin.

»Das ist ein Neonfisch«, sagte er. »Er braucht Neon-Freunde, Schwertträger, Zahnkarpfen, kleine, ungefährliche Fische. Setze ihn ja nicht mit Fischen zusammen, die ihn fressen könnten.«

*

Es tat gut, wenn ihn die Frau mit dem durchsichtigen Flaum im runden Gesicht dadurch weckte, dass ihre fülligen Brüste seine Wangen streiften, wenn sie sich nach der Ampulle auf dem Nachtkästchen streckte. Die Berührungen ihrer weichen Hände taten gut. Gut tat der Schmerz der Nadel, die sie in sein Fleisch oder in eine Vene stach, gut tat das Brennen der Wunden vom Desinfektionsmittel, ihr Jucken unter dem Verband, das Spannen und Reißen der Haut, wenn die weiche Pfirsichfrau die verklebten Binden mit einem Ruck löste.

Wenn die Luft schon am frühen Morgen von der Sonne aufgeheizt wurde, öffnete eine freundliche Frau im fliederfarbenen Kittel das Fenster. Die Härchen auf ihren mit Sonnensprossen übersäten, schwingenden Unterarmen waren dann vom Sonnenlicht durchtränkt. Manchmal, wenn man einen Teil des Körpers ins Wasser hält, sind alle Härchen mit winzigen Sauerstoffbläschen besetzt.

Es war angenehm, zu den Geräuschen auf dem Flur – den gedämpften Frauenstimmen, dem Klirren von Reagenzgläsern, dem Quietschen der Rädchen des Arzneimittelwagens – langsam aus dem Schlaf aufzutauchen. Es war gut zu wissen, dass man noch lange dösen konnte. Man konnte sogar noch weiterdösen, nachdem sie den Morgenharn abgeholt, Blut abgenommen, Temperatur und Blutdruck gemessen hatten.

Auch gefiel es ihm, nachts von aufgeregten Stimmen, von Hektik und Gerenne auf dem Gang aufzuwachen. Jemand wurde eilig irgendwohin gebracht, offensichtlich zu spät, etwas Unwiderrufliches, Endgültiges geschah, aber es war dort, hinter der Wand, hinter der geschlossenen Tür. Er konnte wieder eintauchen in den Schlaf, im Wissen, dass ihn all das nicht betraf.

Vor dem Fenster schaukelten frühlingsnass klebrige, glänzende Zweige. Ihre schwarze Rinde verströmte einen kaum wahrnehmbaren, herben Geruch.

Jeden Morgen wischte eine Putzfrau im Krankenzimmer den Boden. Gierig und ausgehungert verfolgte er dieses Ritual: Sie tauchte den Wischmopp in einen länglichen, rechteckigen Eimer, drückte das überschüssige Wasser sorgfältig aus, presste den Mopp in eine Ecke und zog von dort aus regelmäßige Bahnen, verwandelte die matte Oberfläche für wenige Minuten in eine feierlich glänzende. Das kräftige, nasse Quietschen des Schaumstoffs auf dem dunklen Linoleum, schlierige Streifen, die immer mehr Raum einnahmen. Sich überlagernde Schichten. Schmale, Striche dazwischen, nicht gewischt, die Unruhe hervorriefen, das Gefühl alarmierender Unvollendetheit. Er beobachtete, wie die Feuchtigkeit verdampfte, die Oberfläche verblasste, verblich, sodass von der eben da gewesenen Verwandlung nichts mehr zu erkennen war.

Als der Mann sich im Zimmer bewegen konnte, als er auf Krücken gestützt stehen konnte, fesselte die Arbeit des Gärtners seine Aufmerksamkeit: das gleichmäßige Weißen der Bäume, die rhythmischen Bewegungen des breiten Pinsels, das kaum merkliche Ergrauen der Stämme, das mit jeder Minute deutlicher wurde. Oder das Zusammenrechen von Müll, Zweigen, alten Blättern, die sich über den Winter angesammelt hatten. Das Aufschichten zu Haufen. Die dann in die Schubkarre geladen wurden. Er dachte nicht darüber nach, ob ihm der Mann sympathisch war, ebenso wie er nicht darüber nachdachte, ob ihm die Pflegerinnen oder Krankenschwestern sympathisch waren. Er dachte überhaupt nicht über sie nach. Ihn beruhigten einfach ihre Gesten, ihr Tun, die Symmetrie ihrer Gewohnheiten, die brüchigen Falten in ihren Gesichtern.

Er kannte die Rückensilhouette des Gärtners, wusste, dass dieser den Kopf zwischen die Schultern zog, wenn er sich hinunterbeugte. Dass er große Ohren hatte, um die herum in festen Büscheln sein graues Haar abstand. Manchmal sah er die tiefen, schwarzen Poren auf seiner fleischigen Nase, die roten Äderchen der Nasenflügel. Doch sofort trübte sich sein Blick wieder – wie Glas im Badezimmer vom Dampf beschlägt – und ein stechender Schmerz durchfuhr seine Schläfen (Stich, Stich, Krampf, Zittern der Gefäße, Engegefühl im Schädel, Druck); danach konnte er lange nichts erkennen, selbst in der Nähe. Musste sich hinlegen, um nicht zu stürzen. Konnte sich nicht bewegen.

Er fühlte sich die ganze Zeit müde, unausgeschlafen, obwohl er das klare Gefühl hatte, dass er erst vor Kurzem aufgewacht, aus dem dichtesten Schlamm am Grund aufgetaucht war, zu dem kein Lichtstrahl durchdrang, wo die Geräusche vollständig von einer schweren Decke der Ungewissheit bedeckt waren. Dieser namenlose Schlaf dauerte viel zu lange, einige Monate, vielleicht sogar einige Jahreszeiten lang. Bis allmählich der Geruch der jungen Zweige und der nasse Wind, die schwachen, zartgelben Sonnenstrahlen und das Quietschen der Räder der überladenen Gärtnerkarre bei ihm anzuklopfen begannen, an seiner Dunkelheit, zu vibrieren begannen, Wellen zu schlagen, ihn anzustoßen, zu wiegen, ihn an die Oberfläche zu tragen, wo das trübe Wasser nicht ganz so trübe war. Die Membran, die ihn von der Welt trennte, wurde durchlässiger.

Doch ganz verschwand sie nicht. Sie schützte ihn zuverlässig. Übermäßige Schmerzen, unerwünschte Hektik, Berührungen von Händen in Latexhandschuhen, die Kälte von scharfen medizinischen Instrumenten, ein auf die Augen gerichteter Lichtstrahl, Ultraschalluntersuchungen, Sonden, Abtasten, Kardiogramme – all das traf ihn unerträglich intensiv. Über ihn gebeugte Köpfe, aufmerksame Augen, Stimmen, die sich nicht weniger schmerzhaft in ihn bohrten als Finger und Instrumente. Sofort sank er wieder auf den Grund, ließ sich in der Dunkelheit nieder.

Mit der Zeit jedoch beruhigten ihn einige der Prozeduren, sodass er nicht nur aufhörte, vor ihnen zu fliehen und in eine komplette Lähmung zu verfallen, sondern Dinge vorausahnte und genau in sich hineinhorchte, denn wie sich herausstellte, gab es so etwas wie Gefühle. Er hörte auf die einfachsten Reaktionen seines Körpers. Hörte in das hinein, was sein Körper sein könnte. Obwohl er das Objekt, das er spürte, nicht sofort mit dem Wort »Körper« in Verbindung brachte, denn Wörter drangen lange überhaupt nicht zu ihm durch. Er hörte sie, aber sie bedeuteten nichts. Er reagierte ebenso wenig auf sie, wie er auf das Quietschen der Fensterflügel reagierte.

Obwohl er auf das Quietschen der Fensterflügel, ehrlich gesagt, eigentlich doch reagierte; das Fenster gab knarrende Laute von sich, es antwortete damit auf den Luftzug. Der Mann lauschte diesen Geräuschen genauso wie dem eigenen Puls oder Herzschlag. Worte aber waren viel zu sperrig, sie zeugten von nichts und ließen sich weder mit den Reaktionen seines Körpers noch mit dem Mopp noch mit den Ohren und Augen des Gärtners in Verbindung bringen.

Sie drehten ihn von einer Seite auf die andere, öffneten Verbände, bohrten in ihm herum, bedeckten ihn mit Salben und Tinkturen. Eine füllige Schwester malte mit einer braunroten Flüssigkeit sorgfältig Muster auf ihn, tränkte Tupfer mit dem Inhalt einer Flasche aus dunklem Glas. Ein Chirurg mit tief eingefallenen Augen zog Fäden, die sich in schwarze Drähte verwandelt hatten, aus seiner Haut. Die Instrumente klirrten. Manche Fäden lösten sich mit der Zeit von selbst im Organismus auf.

Nach und nach begann er Wörter mit Vorgängen oder Gegenständen zu verbinden, obwohl es ihm so vorkam, als würden die Wörter mit chirurgischen Fäden an den Dingen festgenäht, denn er spürte nicht, dass Wörter und Bedeutungen zueinander gehörten. Er fügte sich, weil Pflegerinnen, Krankenschwestern und Ärzte die Wörter brauchten, und diese Menschen führten bei ihm Behandlungen durch, die er mochte. Die Pflegerinnen, Krankenschwestern und Ärzte machten seinen Körper zum Körper.

Er gab sich in ihre Hände, wie man ein Ding, das einem wichtig ist, in gute Hände gibt, mit jener lakonischen Dankbarkeit, zu der er fähig war. Aus einer gewissen Distanz oder Tiefe verfolgte er, wie man mit diesem Objekt umgehen konnte.

*

Von Zeit zu Zeit brachte ihn die füllige Krankenschwester ins Behandlungszimmer der Psychiaterin Slonowa. Es war eine lange und kraftraubende Reise. Sie ermüdete ihn durch ihre Bedeutungsleere, sie dauerte Jahre. Langsam, mit quälender Anstrengung, löste er seinen rechten Fuß vom Boden, spannte ausnahmslos alle Muskeln an, sogar die Sehnen am Hals, sogar den Kiefer – und er hatte jeden einzelnen dieser Schritte bereits dermaßen satt, dass er dann und wann von seinem bewährten Fluchtmechanismus Gebrauch machte: Er verlor das Bewusstsein. Und trotzdem – aus unergründlichen und irrationalen Gründen – überwand er sich die folgenden Male, ertrug die Jahre, diese Jahrhunderte, ganze vorzivilisatorische Epochen, erfüllt von Einsamkeit und ohne jeden Sinn. Obwohl er wusste, dass das Ziel dieser absurden Qualen ein langes und leeres Beisammensein mit einer Frau über fünfzig sein würde, die sich so kleidete, dass niemand ihre weiblichen Reize übersehen konnte. Manchmal weckte ihr klar gezeichneter, roter Mund, der rege und rhythmisch seine Form änderte und die ebenmäßigen Zähne sowie die makellos saubere Zunge entblößte, für einige Augenblicke seine Aufmerksamkeit. Oder der kurze, geradlinige Haarschnitt, das helle, gefärbte Haar, der ausrasierte Nacken mit den weichen kurzen Härchen, die ein wenig an das Nackenfell einer Katze erinnerten. Oder die Falten auf ihrer Stirn, um die Augen und neben dem Mund. Oder die müde Haut. Oder ein dünner Träger, der unter der Bluse hervorschaute und irgendwohin führte, zu dem, was unter dem Stoff verborgen war. Oder der Widerspruch zwischen dem entspannten, wohlwollenden Gesichtsausdruck, der leisen Stimme, dem gemächlichen Ton und dem – durch einen dunklen, lackierten Tisch mit Stößen von Karten, Formularen und Bescheinigungen abgeschirmten – heftigen Zucken des Fußes, der in einem hochhackigen Schuh steckte, einem unwillkürlichen Wippen.

Lange Zeit hätte man diese Treffen als Mondlandschaft nachbilden können. Es versteht sich von selbst, dass er kaum Anstrengungen unternahm, doch diese minimalen Anstrengungen schwächten ihn immens, da er nicht verstand, worauf er sie lenken sollte. Die Psychologin Slonowa sagte Wörter, viele Wörter, die sich zu einem weißen Rauschen formten, zu einem Sandsturm, einer Naturgewalt, gegen die er machtlos war und völlig ungeschützt, und deren Bestimmung er nicht verstand. Er wusste nur, dass er an den Treffen teilnehmen musste, dass sie unumgänglich waren. Er konnte jeden Moment in die Ohnmacht abtauchen. Diese rettende Einsicht erlaubte es ihm zu bleiben.

Slonowa setzte sich neben ihn und zeigte ihm Bilder. Höflich sah er sich alles an, tauchte manchmal ein in das Grün der Tannennadeln oder in den auf dem Foto festgehaltenen Flug eines Balls, von dem ein loses Lederstück abstand. Der Geruch dieser Frau beruhigte ihn. Der Geruch war fein, wie ein hoher Ton. Vielleicht wie das Klirren von Kristallgläsern.

Doch wenn sie hartnäckig Wörter aussprach, sie betonte, den richtigen Akzent setzte, ihnen eine unverständliche Färbung verpasste, kam er durcheinander. Er wusste nicht, was er tun sollte.

»Nein?«, fragte sie.

»Nein?«, wiederholte er, in der Hoffnung, dass sie genau das von ihm erwartete.

»Erinnert Sie das an nichts?«, hakte sie geduldig nach und bremste das Zucken ihres Beins, das über das andere geschlagen war.

»Nein?«, wieder landete sein Finger auf dem Himmel. Slonowa nickte, wohlwollend imitierte der Mann ihre Geste. Sie zuckte mit den Schultern, er machte es ihr nach. Sie lächelte traurig und enttäuscht, und trotz der Schmerzen in seinem Schädel und dem Knirschen irgendwo zwischen den Ohren zuckte sein Mund armselig mit.

Später begriff er, dass »Hand« Hand bedeutete, und »Bein« Bein. Mit imaginären medizinischen Fäden brachte er die Wörter »Schmerz«, »Wunde«, »Krücke«, »Krankenschwester«, »Buchweizen«, »Toilette« und »Müdigkeit« an jenen Objekten und Begriffen an, mit denen sie am ehesten zu tun hatten. Er beobachtete, und sukzessive öffnete sich ihm die Welt der menschlichen Beziehungen. Er konnte bereits Dialoge führen. Konnte sagen, was ihm wehtat. Konnte sagen, wenn er Hunger hatte. Auf die Frage der Psychiaterin: »Schauen Sie, ein roter Kran. Erinnert er Sie an nichts?«, antwortete er: »Der Kran erinnert mich an einen Kran.« Und lächelte.

Es war nicht so, dass das Aussprechen von Wörtern ihm Genuss verschaffte. Es war einfach ein Mittel zur Interaktion, das er brauchte, um an der Oberfläche zu bleiben.

*

Mit seinen Zimmerkollegen wollte der Mann lieber nichts zu tun haben. Es waren drei. Der, dem das rechte Auge fehlte und der nun wie zufällig seine lockige Mähne über die von einem weißen Verband bedeckte Gesichtshälfte kämmte, konnte sogar schon ohne Krücken gehen. Er machte seine Übungen am fleißigsten, wiederholte sie fast stündlich neben seinem Bett, er konnte die Beine schon ziemlich gut beugen, klagte aber weiterhin über Schmerzen im Nackenbereich.

Die beiden anderen Zimmerkollegen reagierten unterschiedlich auf die Gymnastik. Der zarte Kontrabassist, dessen Beine oberhalb des Knies amputiert worden waren (sein Vater, ein Dirigent, hatte dem Jungen bei einem der ersten Besuche sein Instrument gebracht und im Instrumentenkoffer unter das Bett gelegt), konnte den Blick nicht von den langsamen, sich wiederholenden Bewegungen losreißen. Der noch vorhandene Unterschenkel des einäugigen Burschen beschrieb einen Halbkreis in der Luft: einmal, zweimal … zehnmal. Die widerspenstigen Sehnen dehnten sich. In dem grauen, länglichen Gesicht des Kontrabassisten spiegelten sich die Anstrengungen des Bettnachbarn wider. Sein Gehirn führte jede Bewegung aus, er spürte die Anspannung, Erschöpfung, die Unbeweglichkeit der atrophierten Gliedmaßen. Schweißtropfen traten auf seine Schläfen, Tränen in seine Augen. Kein einziges Mal streifte ihn auch nur der Gedanke, dass ihm Tränen in beide Augen traten. Er nahm nur die Anstrengung seiner beiden fehlenden Beine wahr, das Brennen und Zittern der Muskeln. Einmal bekam der Kontrabassist einen Krampf in seiner nicht vorhandenen linken Wade. Er schrie so lange, bis eine zänkische Krankenschwester ihm zornig und entrüstet über seine Hysterie Magnesium und Vitamin B6 spritzte. Es war wohl weniger die Wirkung der Injektion, die ihn beruhigte, als der harte Stoß der Nadel in sein dünnes, angespanntes Gesäß. Daraufhin kam er zu sich. Beziehungsweise überkam ihn die Erschöpfung, er starrte mit geröteten, häufig zwinkernden Augen an die Decke.

Der dritte Bursche schloss während der Gymnastik die Augen und hörte scheinbar auf zu atmen. Er war von der Hüfte abwärts gelähmt. Er lächelte viel, dieser sommersprossige, hübsche Junge, zeigte seine schönen, großen Zähne. Seine Augen sprühten Funken. Er flirtete mit allen Schwestern, die für Behandlungen zu ihm kamen, den Stomabeutel reinigten oder wechselten.

Frauen verschiedenen Alters besuchten ihn. Sie kamen einzeln oder in Gruppen. Eine Frau streichelte schweigend seinen Unterarm, er lächelte dabei, erzählte Witze und sagte, dass er sicher gewesen sei, sie würde ihn jetzt verlassen. Eine andere, sehr junge Frau mit langen, blonden Haaren dagegen erzählte ihm ohne Pause hunderte verworrene Geschichten über irgendwelche ruchlosen jungen Menschen, die nach einer Party in fremden Lofts erwachen und den Ausgang nicht finden, oder in der Küche eines koreanischen Restaurants in eine unangenehme Situation geraten oder auf dem Motorboot eines bekannten ITlers oder Start-up-Gründers unterwegs sind, plötzlich trifft diesen erfolgreichen, vor Kraft strotzenden Mann der Schlag (du kennst ihn, er hat uns auf der Truchaniw-Insel mit Crystal bewirtet und von seiner Idee erzählt: Stoff für Asexuelle). Der Start-up-Typ geht fast über Bord, er muss erbrechen, er krampft, ein Gast übernimmt das Steuer. »Stell dir vor, der kann nicht Auto fahren, nicht mal Rad fahren kann er!«, rief die junge Frau mit feiner, klangvoller Stimme, schob mit ihren zarten Fingern wellige, flachsfarbene Haarsträhnen zur Seite, ihre Backenknochen strahlten vor Frische, sie roch nach Flockenblumen und Wind, das ganze Leben lag vor ihr, ein herrliches Leben, ähnlich einem Festtagsmarkt mit frischem Fisch oder einem Boulevard in einer europäischen Hauptstadt. Ein Leben, das ihr die besten Möglichkeiten bieten würde, aus denen sie sich wiederum die angenehmsten auswählen würde. Das Mädchen wusste, dass alle Anwesenden das wussten, und dass die Anwesenden sich aufrichtig mit ihr freuten und keinerlei Zweifel an der Richtigkeit der Situation hatten. Man musste sie einfach bewundern, ihr das Beste wünschen. Sie war eine schöne, zarte Frau, liebte Sex und Reisen, hatte die Egon-Schiele-Ausstellung in Wien besucht, der Künstler Rojtburd kommentierte auf Facebook ihre Fotos.

»Ich habe gedacht, du verlässt mich.« Die makellosen Zähne des gelähmten, sympathischen Kerls leuchteten. Die junge Frau beugte sich ganz nah über ihn. Ihre filigrane Nase berührte seine Brauen, seine Nase, die Wärme ihrer Lippen ging auf seine gebräunte Haut über.

»Ich werde dich nie verlassen, nie«, flüsterte sie und stieß ihn mit ihrem Fuchsschnäuzchen an. An ihren Schläfen lockte sich flaumiges Haar wie der Qualm von Zigaretten. »Du weißt doch, dass ich dich nie verlassen werde, ich werde immer bei dir sein, egal, was passiert. Ich komme morgen zu dir, oder nächste Woche. Aber wenn ich mit den Jungs nach Odesa fahre, komme ich erst Ende des Monats. Und wenn sie mich in der Firma, die Start-Up-Gründungen unterstützt, als Assistentin nehmen, werde ich sehr beschäftigt sein. Aber ich stelle ständig Fotos auf Insta, folge meinem Kanal, Bärchen, und du wirst über alles Bescheid wissen: meine Brunches, meine Unter- und Bettwäsche, die gekühlten, prickelnden Getränke, die ich abends an der Obolonska-Uferpromenade trinke, und die alten Käsesorten, die ich mit Aprikosenmarmelade und Himbeeren esse. So wirst du immer bei mir sein, immer in meiner Nähe, okay?«

*

Unser Protagonist, der Vierte im Zimmer, bevorzugte die Gesellschaft des Sterndornwelses. Er hatte sich mit der fülligen Krankenschwester Ljubow abgesprochen, jeden zweiten Tag brachte sie ihm ein Päckchen mit rubinroten, sich schlängelnden Mückenlarven.

Nicht nur er reagierte auf den Wels, der Wels reagierte vermehrt auch auf ihn. Auf irgendeine Weise spürte er das Kommen seines Futtergebers, denn kaum begann der Mann nach dem Schließen der Aufzugstür seinen leidvollen Gang, füllte sich der gesamte, lange Flur mit einem energischen Klacken und Knacken. So begrüßte ihn der Sterndornwels mit seiner harten Brustflosse, nachdem er an die mit einem Film bedeckte Oberfläche der Brühe gestiegen war.

Wenn der Mann das rote Knäuel aus dünnen, zappelnden Fäden, das an eine lebendige Himbeere erinnerte, ins Wasser warf, klappte der Sterndornwels seine Flossen kampflustig um und stürzte sich auf seine Beute. Später, satt und zufrieden, folgte er sogar dem Finger des Mannes. Es ähnelte einem gemächlichen Spaziergang zweier Freunde nach einer reichlichen Mahlzeit. Das Vertrauen wuchs in ihrem schweigsamen Bund, der von keinerlei Ansprüchen, Enttäuschungen und Illusionen beeinträchtigt wurde.

Wegen seiner Begeisterung für den Fisch begann der Patient Sitzungen bei der Psychiaterin Slonowa zu versäumen. Einmal stellte der Mann fest, dass das Aquarium tadellos geputzt worden war: keine Spur von einem Film oder Belag mehr, die überschüssigen Wasserpflanzen waren verschwunden, dafür war ein Palast dazugekommen aus kleinen, aneinandergeklebten Muscheln und ein zusätzliches Gerät zur Reinigung des Wassers. Slonowa saß neben dem Aquarium auf dem Couchtisch. Ihre von einer dünnen, hautfarbenen Strumpfhose überzogenen Knie wiesen skeptisch nach vorne.

»Sprechen wir über Fische«, sagte die Psychiaterin, als der Mann in ihre Parfumwolke eintauchte und den Geruch unbewusst, mit einem lauten Pfeifen durch die Nase einsog. »Wissen Sie, wie dieser Fisch heißt?«

»Kammdornwels«, antwortete der Mann folgsam. »Oder Sterndornwels. Agamyxis pectinifrons.«

Der Wels kam unter der Wurzel, die ihm als Versteck diente, hervor, schwamm an die Wasseroberfläche und heftete sich mit seinem flachen, schuppigen Körper ans Glas.

»Sieht so aus, als hätte er Sie liebgewonnen«, sagte Slonowa mit heiserer Stimme und betrachtete den Fisch mit seltsam glänzenden Augen. Im nächsten Moment wandte sie sich dem Mann zu und lächelte. »Setzen Sie sich neben mich«, dabei klopfte sie mit der Hand auf die Tischplatte.

Gehorsam setzte er sich zu ihr.

Die Frau holte ihr Telefon hervor und zeigte ihm das Bild eines roten Fischs, der aussah, als wäre er gleichmäßig mit aquamarinblauen Fäden umwickelt.

»Das ist ein Zwergfadenfisch, ein beliebter, pflegeleichter Aquarienfisch.«

»Und das?«, die Psychiaterin vergrößerte das Bild.

»Das ist eine Teufelskopfschmerle, ein Geflecktes Dornauge. Diese Art wurde erstmals 1846 beschrieben, sie kommt ursprünglich aus Sumatra, Borneo und Java. Das Gefleckte Dornauge lebt in Flüssen mit geringer Strömung und in Gebirgsbächen, deren Grund dicht mit Laub bedeckt ist. Die tiefhängenden Äste der Bäume werfen einen schützenden Schatten auf das Wasser.«

»Woher wissen Sie das alles?« Slonowas Gesicht hatte sich dem des Mannes genähert, ihr Blick hing an seinen Lippen. Er hätte annehmen können, sie betrachte seine Narben und Wunden, studiere, wie gut sie heilten, wie sich die oberste Schicht der Epidermis regenerierte, so wie es die behandelnden Ärzte machten, oder er könnte annehmen, sie beobachte, wie er mühsam Wörter aus seinem Mund hervorholte, sie mit der Zunge aus seiner Mundhöhle stieß, denn die Wörter gehorchten ihm nicht, lösten sich im Speichel auf, verteilten sich auf der Schleimhaut wie ein alter Kaugummi – es war nicht genug, seine Sprache zu hören, man musste sie auch sehen. Er hätte annehmen können, die Ärztin wollte etwas von ihm, erwarte konkrete Handlungen, doch der Mann wusste, dass das Verstehen ihrer Wünsche weit außerhalb seiner Möglichkeiten lag, deshalb zog er es vor, ihren unfokussierten Blick nicht zu bemerken, ihren dumpfen, beschleunigten Atem, ihre erhöhte Temperatur, ihren süßlichen Schweißgeruch, ihre dahinschmachtende Nervosität. Sie war so erwachsen und streng, diese Psychiaterin Slonowa, doch in diesem Moment war sie unschlüssig und verwirrt, und der Mann hatte Mitleid mit ihr.

»Es ist mir bekannt«, antwortete er.

»Warum haben Sie einen Fisch aus dem Aquarium geholt? Was haben Sie gespürt, als Ihre Hand das Wasser berührte? Welche Gefühle löst der Geruch eines vernachlässigten Aquariums bei Ihnen aus? Der glitschige Fischkörper auf der Haut? Das nasse Zappeln zwischen den Fingern? Warum haben Sie den Fisch einem Jungen geschenkt? Erinnern Sie Fische an irgendetwas? Oder an jemanden? An einen Menschen? An eine Berührung? Fällt Ihnen vielleicht etwas über sich ein, wenn Sie eine Berührung spüren?« Slonowas Hand war kalt und feucht, die Glieder ihrer Finger legten sich zärtlich auf seinen Nacken. Sie sah ihm fragend in die Augen, in ihrem Blick erkannte er eine unausgesprochene Frage – es war unerträglich und unverständlich zugleich. Sie hörte nicht auf, Fragen zu stellen, aber was sie sagte, interessierte sie selbst nicht: Etwas anderes interessierte die Frau, etwas, das sie nicht preisgab.

Diese Unstimmigkeit machte den Mann so böse, erfüllte ihn mit einem solchen Zorn, einer derart mörderischen Wut, dass er ihre Hand schnappte und wie besinnungslos zudrückte, die Frau stieß einen gellenden Vogelschrei aus, beherrschte sich jedoch ungeachtet der Schmerzen und des fatalen Knackens sofort, sammelte sich wieder, brach den Schrei ab, ohne ihn zu vollenden.

*

Eben dieser abgebrochene Schrei, aber wahrscheinlich auch die indischen Beruhigungsmittel, die offiziell noch nicht zugelassen waren, jedoch schon seit einigen Wochen vorsichtig an den Patienten erprobt wurden, waren Auslöser für die nächtlichen Fantasien des Mannes. Diese Fantasien erfassten in einer kollektiven Halluzination alle Bewohner des Zimmers.

Der Mann lag am Grund, zwischen Schichten von Blättern, die im Laufe vieler Jahre von den herabhängenden Ästen der Bäume ins Wasser gefallen waren. Der Mann war vergraben in der untersten Blätterschicht, die seit langem keine Ähnlichkeit mehr mit Blättern hatte; es war Schlamm, eine ölig-braune Pampe, zähe Melasse. Er wollte schlafen, sein einem glatten Torpedo gleichender, stromlinienförmiger Körper mit einer Haut wie nasser Satin war schwer und ungelenk. Doch die langsame Strömung nahm an Kraft und Sog zu, die Flossen fanden nicht genug Halt im Boden, konnten dem Fließen des Wassers nichts entgegensetzen.

Also nahm die Strömung den Mann mit, wurde von Augenblick zu Augenblick stärker und er spürte, dass es am besten war, sich zu entspannen, sich der Bewegung zu unterwerfen, dem Wasser zu erlauben, seinen scheckigen Schwanz herumzuschleudern, seine Kiemen gegen Steine und Wurzeln zu schlagen, seine Augen, Nase und Mund mit Schlamm zu füllen, ihn mit dem Bauch nach oben zu drehen wie eine Wasserleiche und wie eine Wasserleiche an die Oberfläche zu tragen, wo die Luft, der Wind mit kalter Zunge über seinen Bauch leckten, dann erfasste ihn eine noch größere Welle, zog ihn in einen Strudel, wirbelte ihn herum zwischen Plastiktüten, Spritzen und Schläuchen, bis seine Kiemen so eingekeilt waren, dass sie nicht mehr atmen konnten und seine schwarzen, kalten Lippen immer schneller die Blutpfropfen des Schreckens abhusteten.

Als seine flache, breite Stirn mit Wucht gegen etwas Hartes stieß, begriff der Mann nicht sofort, dass es sich um einen Sarg handelte. An seinem trägen Bewusstsein zog das Bild eines Kontrabasskoffers vorbei, beklebt mit bunten Festivalstickern, aber woher kam am Grund eines Gebirgsbaches in Borneo ein Kontrabasskoffer, dachte der Mann. Bestimmt war es ein Sarg mit einem Leichnam darin. Offensichtlich gab es am Festland keinen Platz mehr für Friedhöfe, und nun ließ man die Särge hinab zum Grund der Gewässer. Der Mann saugte sich mit seiner glatten Unterseite am Sargdeckel fest und konnte so der starken Strömung trotzen, woher auch immer sie in diesem gemächlichen Bach kam.

Nun fuhr er auf dem Sarg wie auf einem Unterwasserboot, er konnte sein Boot sogar lenken. Dort, unter dem Sargdeckel, lag ein Körper. Und dem Mann schien, als wüsste er genau, wessen Körper das war, als läge dieses Wissen unter einer dünnen Membran verborgen, die es von seinem Bewusstsein trennte.

Der Mann wusste, dass er den Sarg an eine sichere Stelle lenken musste. Wo er den Körper zurücklassen konnte, um ihn später zu besuchen. Um sich an ihn zu erinnern.

Der Mann wurde das hartnäckige Gefühl nicht los, dass er selbst irgendwie aus dem Körper im Sarg hervorgegangen war. Dass er ihm entwachsen, ihm entsprungen war. Und nun bestand seine Verantwortung und Pflicht darin, diesen Körper wieder in den Boden zu bringen, wie man einen Samen in die Erde eines Gemüsebeets pflanzt.

Der Mann kannte die genaue Lage dieses Gartens, dieses Friedhofs. Er war schon oft dort gewesen, auch wenn er nicht wusste, warum und unter welchen Umständen.

*

Die Grabhügel waren umzäunt, eingefasst wie Beete. In seiner Erinnerung spross der Mai, von überall kroch üppige Vegetation hervor, die Gräber waren umrankt von Efeu und wildem Wein. Die zarten, hellgrünen Blätter der jungen Brennnesseln schimmerten schüchtern zwischen den Grashalmen. Auf Friedhöfen waren die Pflanzen immer so ungestüm und fröhlich. Stängel und Blätter fleischig, die Blüten kräftig und aromatisch. Er war hier zu dieser Jahreszeit wie betäubt: Blütenstaub, Pappelwolle, herbe und süße Gerüche, Sonnenlicht. Er knöpfte den Kragen seines Hemds auf und suchte sich eine Bank, die nur wenig im Schatten stand, dann hielt er Gesicht, Kopf und Hals in die Sonne. Er erfreute sich an der Luft, dem Aroma von aufgeheizten Tannennadeln und Rinde. Seine Hände kneteten Stängel, bis die Fingerkuppen grün wurden vom Saft. Er leckte den Saft ab. Kaute Blütenblätter von der Kirschpflaume. Lutschte an dünnen Weinranken, sie schmeckten sauer.

Gegenüber stand eine alte Akazie, verwachsen mit den engstehenden Stäben der Umzäunung, die dem Gitter eines Kinderbettes glich. Der Stamm war dick und mächtig, doch wie weich seine deformierte Seite den Zaungürtel umschlang. So weiblich, so aufopfernd, ähnlich weichem Gewebe, das auf einen kräftigen Strunk gespießt wurde. Das Grab vor ihm war alt, abgesackt und verwahrlost. Offensichtlich gab es seit langem keine Verwandten mehr, sie ruhten selbst sanft auf anderen Friedhöfen. Statt der Verwandten war da die Umarmung von Eisen und Holz über den beigesetzten Knochen, und eine Welle frischen, dichten Immergrüns, das wie unterirdisches Fruchtwasser einen Damm durchbrach.

Als sich der Mann wieder überlegte, in was er sich früher oder später verwandeln, wie er unter Tonnen von Erde im Finstern verfaulen würde, und in Gedanken die nicht allzu angenehmen Prozesse überflog, die einhergingen mit Zersetzung und Verwesung, den Veränderungen des Gewebes, der Umwandlung von Stoffen in andere, mit Verflüssigung, Blubbern, der Entwicklung von Gasen, dem Gewimmel von Würmern und Insekten und mit der Ausweglosigkeit, dieser engen, endgültigen und unwiderruflichen, bemerkte er überrascht, dass er in Fantasien geriet, die ihm spürbare innerliche Linderung verschafften.

In diesen Fantasien wuchs eine Pflanze aus seinem Körper: Ein Samenkorn bricht schüchtern auf. Ein Spross, blind und blass, sucht unbeirrt seinen Weg ans Licht. Chlorophyll wuchert in den elastischen Zellen. Die Blätter rauschen im Wind. Die Wurzeln umflechten mit sanften, kräftigen Fingern seine Rippen, umschließen die Wirbel, dringen in die Öffnungen seines Schädels ein, halten fürsorglich die Knochen seiner Arme und Beine – er findet sich in einer Wiege wieder, in der zuverlässigsten Gefangenschaft. Er tränkt die Pflanze mit seinem Körper, nährt sie, hält sie am Leben; sie nimmt nicht nur die nahrhaften Stoffe seines Körpers auf, nicht nur Stickstoff und Phosphor, nicht nur Dung und Kompost, sondern auch seine Gefühle und Gedanken, seine Träume und sein Gedächtnis, den Geschmack seines Schweißes, das Fallen einer Gabel, das Explodieren von Schrapnellen, die feinen, langen, parallel verlaufenden, kiemenähnlichen Schnitte auf seiner Haut, die von einer scharfen Klinge stammen, die Stimmen und das Lachen der Menschen, die ihm nahestanden und doch eigentlich fern waren, die Tränen und die heftigen Schmerzen im Zwerchfell, seine Tage: sein ganzes Menschenleben.

Er will, dass aus ihm ein Walnussbaum wächst. Ein starker, reiner Baum mit glatter, heller Haut. Ein egozentrischer Baum, der andere Pflanzen unter seiner Krone vertreibt. Der Nussbaum nimmt sich bequem so viel Platz wie möglich, richtet sich zu seinem Vorteil ein, reckt sich und bleibt einsam. Andere Pflanzen ertragen ihn kaum: Der Nussbaum reichert die Erde mit für sie unverträglichen Stoffen an. Der Raum unter seinen Zweigen riecht herb, wie frisch gewaschen. Sein kühler Schatten verschafft Erleichterung, wie Aspirin bei Fieber.

Er wünscht sich, dass Frauen seine Früchte essen. Dass sie die jungen Nüsse mit Stöcken von seinen Ästen