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´Die Gesellschaft der Schatten´ verbindet explosive Action-Unterhaltung mit aktuellem politischen Weltgeschehen und futuristischer HiTech-Forschung. Elemente des Polit- und Wissenschaftthrillers vereinen sich hier mit kinoreifer Sci-Fi-Action. Ein Roman für alle, die sich gute Unterhaltung in Verbindung mit Anspruch und Spannung wünschen.
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Seitenzahl: 681
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Christian Quaing
Die Gesellschaft der Schatten
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Epilog
Impressum neobooks
Wir existieren seit Jahrhunderten. Wir leben und operieren im Verborgenen. Wir sind eins mit der Dunkelheit und gehen unsichtbar durch die Zeit. Unser Feind ist die Verdorbenheit. Wir bekämpfen sie in allen Winkeln dieser Erde. Wir sind die Schlächter der Schlächter, die Waffe gegen die Ruchlosigkeit des Bösen. Wo immer es die Welt des Guten durchkreuzt, sind wir zur Stelle. Wir sind die Heilung und die Hoffnung, die Zukunft der Tugend und der Ehrlichkeit. Wir sind das Ende der Nacht und der Anfang des Lichts. Wir sind die ´Gesellschaft der Schatten´.
Hamburg (Deutschland)
Langsam aber sicher legte sich das geschäftige Treiben des Tages, und die Stadt kam zur Ruhe. Das stetige Gedröhne der bei Tag hoffnungslos überfüllten Schnellstraßen kam zwar nicht gänzlich zum Erliegen, aber der Lärm ebbte ab, und so etwas wie Abendstimmung machte sich breit. Die Lichter des nahen Containerhafens, in dem der Betrieb die ganze Nacht hindurch weiterging, erhellten den Horizont, und auf der Reeperbahn, dem Rotlichtviertel der Stadt, herrschte nun Hochbetrieb. In den Wohn- und Geschäftsvierteln aber wurden die Jalousien heruntergelassen, Lichter und Fernsehgeräte wurden ausgeschaltet, Autos in Garagen gefahren und betrunkene Kneipengänger nach Hause geschickt. Hin und wieder wehte der Wind die Geräuschkulisse eines im Fußballstadion gerade zu Ende gehenden Rockkonzertes in die offen stehenden Schlafzimmerfenster. Nahe des Flughafens war das allgegenwärtige Pfeifen der Flugzeugturbinen zu hören, und an manchen Hausecken trieben sich noch pöbelnde Jugendliche herum und erschwerten den vom Arbeitstag müden Anwohnern die sehnlichst herbei gewünschte Nachtruhe. Vereinzelt durchdrangen heulende Sirenen die warme Sommerluft, auf der Jagd nach flüchtenden Kleinkriminellen oder um irgendwo irgendwem irgendwie zu helfen. Eine ganz normale Nacht in Deutschlands zweitgrößter Stadt.
Die meisten Einwohner der Stadt würden allerdings wohl mit einem klaren ´NEIN´ antworten, wenn man sie fragen würde, ob Fallschirmspringer in der Hamburger Nacht normal wären. Aber tatsächlich: Hoch über den Dächern der Innenstadt war ein schlanker, wendig anmutender, schwarzer Fallschirm zu sehen. Die Lichter des Hafens ließen ihn immer wieder im noch dunkleren Schwarz des Nachthimmels aufblitzen. Zielstrebig bewegte er sich auf das Banken- und Geschäftsviertel zu, wobei er rasch an Höhe verlor. Wer unter dem Fallschirm hing, war angesichts der Dunkelheit nicht zu erkennen, aber die Person, die ihn steuerte, verstand ihr Handwerk. Geschickt korrigierte sie die vom böigen Wind verursachten Kursabweichungen. Als der Schirm langsam in die Hochhausschluchten des Bankenviertels hinab sank, steuerte er mit wendigen Manövern zwischen den Fassaden der Häuser hindurch und näherte sich dabei langsam dem fünfzehnstöckigen Büropalast der ´M&T-Versicherungs AG´, in dessen gläserner Fensterfront sich die Lichter der Straßen widerspiegelten. ´M&T´ hatte gleich nach seiner Errichtung vor wenigen Jahren mehrere Etagen des imposanten, die Speicherstadt Hamburgs beherrschenden Gebäudes gemietet. Außerdem befanden sich hier noch die Büroräume einer großen Anwaltskanzlei, einer Reederei und einer Baufirma.
´M&T´ war ein international tätiger Kapital- und Risikokreditversicherer, der sich vor allem auf die Absicherung finanziell bedeutsamer, gleichzeitig aber brisanter Exportgeschäfte spezialisiert hatte. Auf diesem Gebiet genoss die Versicherung eine geradezu monopolistische Stellung, die sich in ihrem enormen Einfluss auf das Börsen- und Bankengeschehen in der ganzen Welt niederschlug. Schlagzeilen hatte es dabei unter anderem gegeben, als ´M&T´ inmitten der Euro-Krise einige großvolumige Auslandsgeschäfte der griechischen Staatsregierung versichert und sich damit den Unmut der restlichen EU-Staaten zugezogen hatte. Ebenso war man in die Kritik geraten, als deutsche Waffenlieferungen nach Syrien abgesichert wurden, während der syrische Diktator Assad gleichzeitig seine eigene Bevölkerung abschlachten ließ. Dem Erfolg von ´M&T´ hatte dies jedoch keinen Abbruch getan. Der Konzern schrieb traumhaft gute Zahlen und ließ die Kassen seiner Aktionäre laut klingeln. Geld war nun einmal mächtiger als Moral.
Der Fallschirm hielt genau auf die Fensterfront des Bürogebäudes zu und sank dabei einem der mittleren Stockwerke entgegen. Hätte jemand unten auf der Straße in diesem Augenblick nach oben in den Nachthimmel geschaut, hätte er den nächtlichen Besucher vielleicht sogar erkennen können. In seinem schwarzen, einteiligen Tarnanzug blieb der Fallschirmpilot jedoch nahezu unsichtbar, und da auf der Straße nichts los war, konnte er unbemerkt auf das Bürogebäude zugleiten. Knappe dreißig Meter vor der gläsernen Front zog er mit einer Hand einen pistolenähnlichen Gegenstand aus seinem Gürtel und zielte damit auf eines der Fenster im neunten Stockwerk. Mit einem leisen PLOPP löste sich ein Bündel von Geschossen aus dem Pistolenlauf. Die einzelnen Geschosse – es waren mehrere Dutzend - streuten sogleich kreisförmig auseinander und klatschten einen Augenblick später an das anvisierte Fenster.
FLUPP FLUPP FLUPP ...
Die Geschosse blieben an der Fensterscheibe haften, wobei sie einen Kreis von etwa sechzig Zentimetern Durchmesser bildeten. Zwischen den einzelnen Geschossen blieb ein Abstand von wenigen Zentimetern. Die Person unter dem Fallschirm verlangsamte nun ihren Fall, hielt dabei aber weiter auf das beschossene Fenster zu.
Plötzlich begann die Fensterscheibe leicht zu vibrieren. Die Geschosse sandten einen für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbaren Piepton aus. Seine Frequenz war so hoch, dass das Glas unter den anhaftenden Geschossen aufbrach und ein kreisrunder, millimetergenauer Schnitt entstand. Zwei Sekunden später erreichte der Fallschirm das Gebäude. Mit katzenhafter Anmut landete der Pilot rechts neben dem kreisförmigen Geschossmuster an der Fensterscheibe und blieb daran kleben. Der Fallschirm löste sich im Augenblick der Landung von dem Rucksack auf seinem Rücken und verschwand flatternd im Dunkel der Nacht. Wie Spiderman in seinen Comics hing die Person nun an der gläsernen Front des Gebäudes. Ihre mit an- und ausschaltbaren Saugnäpfen versehenen Handschuhe und die ebenso ausgestatteten Spezialschuhe gewährten einen sicheren Halt. Unter dem hautengen Tarnanzug zeichneten sich die schlanken Körperkonturen einer Frau ab. Direkt neben dem Rucksack auf ihrem Rücken trug sie ein kurzes Ninja-Kommandoschwert, und um ihre Taille herum befand sich ein mit verschiedenen Taschen behängter, schwarzer Werkzeuggürtel. Die Frau ruckelte kurz an ihrer linken Hand, die sich darauf hin mit einem schmatzenden Geräusch vom Fenster löste. Sie griff in eine der Gürteltaschen. Die andere Hand und die Füße klebten weiter am Fenster. Eine Sekunde später führte die Frau etwas zu ihrem von einer Skimaske und einem Nachtsichtgerät verhüllten Gesicht und steckte es in den Mund. Dann begann sie zu kauen. Die freie Hand wanderte erneut zum Gürtel. Hervor kam nun ein mit zwei großen Saugnäpfen versehenes Griffstück. Mit einer gezielten Bewegung drückte sie es in die Mitte des von den Geschossen gebildeten Kreises an das Fenster und betätigte einen Pumpmechanismus. Ein leises SPLINNGG erklang, als sich das kreisrunde Stück Glas aus der Fensterscheibe löste. In einer Hand den Griff mit der daran hängenden Glasscheibe, und mit der anderen Hand und den Füßen am Rest des Fensters klebend, hing die Frau an der Außenfassade des neunten Stockwerks. Sie drehte die Innenseite der Scheibe zu ihrem Gesicht und spuckte den Gegenstand aus ihrem Mund darauf. Geduldig wartete sie. Bei dem nun auf der Scheibe klebenden Gegenstand handelte es sich um eine speziell für die US-Army entwickelte Kaumasse mit extremer Haftkraft. Die Frau keuchte vor Anstrengung, denn die Glasscheibe in ihrer Hand wurde langsam schwer. Schließlich jedoch hob sie die Scheibe über ihren Kopf und drückte sie mit der Innenseite an das Fenster neben sich, wo sie hängen blieb. Mit vorsichtigen Bewegungen kletterte die Frau nun nach links und zog sich durch das kreisrunde Loch im Fenster in das Gebäude hinein.
Völlig geräuschlos schlich die Frau durch den stockfinsteren Korridor. Mit Hilfe ihres Nachtsichtgerätes konnte sie sich leicht zurechfinden. Tänzerisch bewegte sie sich durch die Dunkelheit. Sie kannte den Weg. Tagelang hatte sie sich den Gebäudeplan eingeprägt und war in Gedanken die Flure entlang gelaufen, die sie an ihr Ziel führen würden. Mit wendigen Bewegungen entging sie den überall lauernden Alarmsystemen. Geschmeidig robbte sie unter einer Lichtschranke her, um im nächsten Augenblick in einem waghalsigen Sprungmanöver einen Bewegungsmelder zu umgehen. Durch scheinbar endlose Korridore gelangte sie schließlich in den mit einem Glasdach versehenen Innenhof des Gebäudes. Hier war es etwas heller. Das Licht des Mondes schien durch das sechs Stockwerke über ihr befindliche Dach. Es tauchte den Innenhof mitsamt der an allen vier Seiten angrenzenden Balkone in ein unheimliches, fades Blau. Grazil schwang sich die Frau auf eines der Treppengeländer. Sie schien Spaß daran zu haben, sich abseits der normalen Wege zu bewegen und über die schmalen Geländer der Balkone zu balancieren. Mit katzenhafter Anmut sprang sie ab und klammerte sich an einen Fenstersims. Sie hangelte die Mauer entlang und gelangte zu einem weiteren Balkon, neun Stockwerke über dem Erdboden. Unter dem Anzug der Frau war jede einzelne Rundung und jeder Muskel ihres athletischen Körpers zu erkennen, während sie sich über die Balustrade schwang und vor einer verglasten Tür stehenblieb, die in das Büro hinter dem Balkon führte. Die Frau sah auf ihre Armbanduhr. 23:39 Uhr. Elf Minuten, dann würde der Nachtwächter auf seinem Rundgang hier vorbeischauen. Sie griff in eine kleine Gürteltasche und holte ein silberfarbenes Werkzeug hervor. Mit einem Saugnapf befestigte sie es an der Glascheibe in der Tür. Dann schnitt sie mit dem Werkzeug, dass über eine schmale, ausziehbare Schiene an dem Saugnapf befestigt war, einen großen Kreis über das Glas. Sie zog an dem Werkzeug, und mit einem kleinen Ruck löste sich das ausgeschnittene Glas aus der Scheibe. Beim Verlassen des Büros würde sie das Stück mit einem schnell aushärtenden Spezialharz wieder passgenau in das Fenster einsetzen. Vorsichtig legte die Frau das kreisrunde Stück Glas beiseite, griff mit dem rechten Arm durch das entstandene Loch und öffnete die Tür von innen. Im Schein einer kleinen Taschenlampe betrat sie den Raum und ging zielstrebig auf den Laptop zu, der auf dem riesigen, penibel aufgeräumten Schreibtisch lag. Wieder ein Blick auf die Uhr. Noch sechs Minuten. Die Frau schaltete den Laptop ein und wartete. Auf dem Bildschirm erschien eine Passwortabfrage. Sie tippte eine Kombination aus Buchstaben und Zahlen ein und betätigte die ENTER-Taste. Dank ihrer Handschuhe würde sie keine Fingerabdrücke auf der Tastatur hinterlassen. Auf dem Bildschirm öffnete sich ein neues Fenster. Die Frau entnahm eine Speicherkarte aus einer Kunststoffhülle in ihrer Gürteltasche und führte sie in den Kartenleser des Laptops ein. Dann hackte sie eine Reihe von Befehlen in die Tastatur und wartete, während die Speicherkarte beschrieben wurde. Die Sekunden zogen sich in die Länge. Es vergingen knapp zwei Minuten. Dann war der Kopiervorgang beendet, und die Frau nahm die Karte aus dem Laptop. Sie hatte, was sie wollte. Es war Zeit, zu verschwinden.
Nachdem sie die Glasscheibe wieder in die Balkontür eingesetzt und verklebt hatte, nahm sie den selben Weg durch das Stockwerk, den sie gekommen war. Am Ende kletterte sie durch das Loch in der Fensterscheibe an der Außenwand des Gebäudes nach draußen und heftete sich wieder mit den Händen und Fußspitzen an das Glas. Dann löste sie die neben sich an dem benachbarten Fenster haftende, kreisrunde Glasscheibe mit einem die Klebemasse aufweichenden Säuremittel ab und setzte sie in das Loch ein. Anschließend kam erneut das Spezialharz zum Einsatz und verband das Glas miteinander. Von dem bis eben dagewesenen Loch war nun nichts mehr zu sehen. Mit Hilfe ihrer Saugvorrichtungen an Händen und Füßen kletterte die Frau nun die Fassade hinab bis nach unten auf die Straße und verschwand unbemerkt in der Nacht.
Als der Wachmann des Bürogebäudes zwei Minuten später seinen Kopf durch die Tür des unverschlossenen Büros steckte, sah er im Schein seiner Taschenlampe nichts weiter, als einen aufgeräumten Schreibtisch, einen geschlossenen Laptop und eine ziemlich verschmierte Fensterscheibe. Der Mann beschloss, am Morgen den Fensterputzer zu bestellen.
Name: Julie Orland
SHADOW-Codename: CAT
Alter: 29
Größe: 1,69 m
Gewicht: 56 Kg
Haarfarbe: brünett
Augenfarbe: grün-grau
Herkunft: Australien
Spezialität: Sicherheitsanlagen, Computerhacking, Einbruch
Bevorzugte Waffen: Pistole, Ninja-Schwert, Messer
***
London (England)
Die schwarze Limousine fuhr im Schritttempo auf den nur spärlich beleuchteten Parkplatz am Rande der englischen Hauptstadt. Der Kies unter den Reifen knirschte laut, als der Wagen langsam abbremste und schließlich zum Stehen kam. Der Motor erstarb, und nur das Standlicht blieb eingeschaltet. Nichts rührte sich. Niemand stieg aus. In der Ferne heulte ein Hund, und das Zirpen von Grillen erfüllte die Luft. Die Nacht war mild und trocken. Ein zunehmender Halbmond stand am Firmament, und ein laues, fast sommerliches Lüftchen ließ die Blätter der großen Kastanien, die den Parkplatz säumten, stetig rauschen.
Es vergingen knapp drei Minuten. Dann rollte ein weiteres Auto auf den Parkplatz und blieb einige Meter hinter dem ersten stehen. Der Fahrer des Wagens stieg aus und öffnete die Tür im Fond. Ein hoch gewachsener, schlanker Mann stieg aus. Sein Gesicht war nicht zu erkennen. Ein mit einer Feder verzierter, weißer Hut bedeckte seinen Kopf. Gekleidet war er in einen langen, ebenfalls weißen und sündhaft teuer aussehenden Mantel. Seine Hände waren von schwarzen Lederhandschuhen bedeckt, und in seinem Mund qualmte ein dünner Zigarillo. Langsam ging der Mann auf das vor ihm wartende Auto zu, bei dem sich nun ebenfalls eine Tür öffnete. An der Beifahrerseite stieg ein in eine abgewetzte, speckige Lederjacke gekleideter Mann aus. Er wirkte recht stämmig und hatte den Gang eines Bodybuilders. Sich vorsichtig umschauend, ging er dem in Weiß gehüllten Mann entgegen. In der Hand hielt er einen klobigen Aktenkoffer, der gut zu seinem grobschlächtigen Äußeren passte.
„Dachte schon, Sie würden gar nicht mehr aufkreuzen!“, sprach er den anderen an und hielt ihm den Koffer entgegen.
„Machen Sie sich nicht ins Hemd, Durak“, antwortete der Zigarilloraucher mit unverwechselbar russischem Akzent und streckte die Hand nach dem Koffer aus. „Wenn ich sage, ich komme, dann tue ich das auch!“
ZIUUUNNGG
In diesem Moment schlug eine Gewehrkugel in den Hinterkopf des Russen ein, durchdrang sein Gehirn und trat aus der Stirn wieder aus. Ein dicker Blutschwall schoss hervor und besprenkelte den Kies. Der tote Körper fiel wie ein Sack zu Boden. Der stämmige Mann mit dem Koffer blickte erschrocken auf, konnte aber nicht mehr schnell genug reagieren.
ZIUUUNNGG
Eine weitere Kugel drang ihm mit einem hässlichen Matschgeräusch ins Auge und ließ seinen Schädel förmlich explodieren.
Bei beiden Autos wurden nun hastig die Motoren gestartet. Die Chauffeure der beiden Toten wollten die Flucht ergreifen. Anscheinend wurden sie zu schlecht bezahlt, um ihr Leben zu riskieren und nach ihren Arbeitgebern zu schauen oder sich um deren Mörder zu kümmern. Aber auch sie hatten keine Chance. Zwei gezielte, direkt hintereinander abgegebene Schüsse, die aus dem Nirgendwo zu kommen schienen, durchschlugen die Windschutzscheiben der Fahrzeuge und töteten beide Fahrer auf der Stelle. Ihre Autos rollten noch einige Schritte weiter und blieben dann stehen.
Der Mann schraubte sein Scharfschützengewehr und den aufgesetzten Schalldämpfer auseinander und verpackte die Waffe in eine maßgefertigte Stofftasche. Das selbe tat er mit dem kleinen Kurzwellenempfänger, der neben ihm stand und über den er das Gespräch seiner beiden Opfer belauscht hatte. Das dazu gehörige, am Parkplatz in einem Baum versteckte Mikrofon würde sich in wenigen Minuten selbst zerstören.
Dann verließ der Schütze sein Versteck, dreihundert Meter von den beiden Autos entfernt, die mit laufenden Motoren die Ruhe der Nacht störten.
Name: Michael Barber
SHADOW-Codename: WOLF
Alter: 41
Größe: 1,89 m
Gewicht: 92 Kg
Haarfarbe: blond
Augenfarbe: blau-grau
Herkunft: England
Spezialität: Vefolgung, Ermittlung, Taktik
Bevorzugte Waffen: Scharfschützengewehr, Pistole
***
El Djelfa (Algerien)
Im Zwielicht der aufgehenden Sonne schimmerte die Blutlache im Treppenaufgang des alten, heruntergekommenen Gebäudes unweit des Viehmarktes bräunlich-schwarz. Der Mann, der tot in seinem eigenen Blut lag, hatte keine Chance gehabt. Ohne auch nur das Geringste von dem frühmorgendlichen Eindringling im Haus zu bemerken, war er überwältigt und lautlos von hinten mit einem schnellen Kehlenschnitt getötet worden.
Von oben aus dem ersten Stock waren aufgebrachte Stimmen zu hören. Sie redeten auf Arabisch und schienen sich über irgendetwas oder irgendwen zu beklagen. Im Hintergrund plärrte ein Radio. Der in einen sandbraunen Kampfanzug gekleidete und mit einer schwarzen Sturmhaube maskierte Mann stieg lautlos über die am Boden liegende Leiche hinweg und betrat die wenig Vertrauen erweckende, grob aus bröckeligem Stein gehauene Treppe. Den Kolben seines M4A3-Sturmgewehrs fest an die rechte Schulter gedrückt, schlich er vorsichtig nach oben und achtete penibel darauf, keine Geräusche zu verursachen. Das Stimmengewirr wollte nicht enden. Anscheinend stritten die Menschen hektisch miteinander, während das Radio unentwegt ein typisch orientalisch klingendes, seichtes Gedudel von sich gab. Unten vor dem Haus fuhr ein Bus vorbei. Sein Motor brüllte laut auf, als er Gas gab, um die steil ansteigende Straße hinaufzufahren und dabei eine pechschwarze Abgaswolke ausstieß. Der Bus machte seine allmorgendliche Runde, um die Kinder des Stadtteils aufzusammeln und zur Schule zu fahren. Die Stadt erwachte um diese Uhrzeit langsam zum Leben. Fensterläden wurden knarzend geöffnet, um Betttücher hinauszuhängen und den Geruch der vergangenen Nacht in den staubigen Himmel zu entlassen. Meist waren es Franzosen, die dieses anscheinend sehr europäische Ritual zelebrierten, während die Araber den Muff als von Allah gegeben hinnahmen und sich wichtigeren Dingen zuwandten. Obwohl El Djelfa beiweitem nicht die größte Stadt Algeriens war, litt sie doch ähnlich stark wie die Hauptstadt Algier unter den oftmals unkatalysierten Abgaswolken der veralteten Autos, die sich besonders am Morgen massenweise durch die engen Straßen der alten Stadt quälten.
Das Gebet eines Muezzins aus einem Lautsprecher in irgendeinem Minarett war zu vernehmen, während der Mann das Ende der Treppe erreichte und einen engen Flur betrat. Über ein an seinem Kehlkopf angebrachtes Mikrofon meldete er sich flüsternd zu Wort.
„SHADOW, hier BEAR. Bin jetzt im Obergeschoss. Ziele direkt voraus. Ich vermute vier Personen!“
„Ok, BEAR, verstanden. Weitermachen nach Plan!“, war die Antwort, die durch einen kleinen Ohrstecker kam.
Der Mann schlich weiter vorwärts. An den Flur grenzten drei Zimmer. Die zwei Türen auf der rechten Seite waren verschlossen. Die dritte ging nach links ab und stand einen Spalt offen. Sie gehörte zu dem Raum, aus dem die Stimmen zu kommen schienen. Der Mann wischte sich mit der Hand den Schweiß von der Stirn. Bereits zu dieser frühen Stunde zeigte das Thermometer seiner Armbanduhr siebenundzwanzig Grad Celsius an. Unter seiner Kampfmontur wurde es zunehmend heiß, und im Haus war es unerträglich stickig. Die durch ein Fenster am Flurende scheinende Morgensonne ließ den Staub in der Luft silbern glitzern. Der Mann hatte die offen stehende Tür nun erreicht und drückte sich an die Wand. Die Stimmen im Raum hinter ihm waren leiser geworden. Scheinbar hatten sich die Leute beruhigt und führten nun ein Gespräch in Zimmerlautstärke. Der Mann im Flur konzentrierte sich und schloss die Augen. Er machte vier unterschiedliche Stimmen aus. Eine davon klang weiblich.
„SHADOW, hier BEAR“, raunte er in sein Mikrofon. „Ich bestätige: Vier Personen. Drei männlich, eine weiblich!“
„SHADOW, verstanden!“ Die Stimme im Ohr des Mannes klang beruhigend und konzentriert. „Eliminieren Sie die drei Männer. Die weibliche Zielperson nicht verletzen. Sie ist sehr wertvoll!“
„BEAR, verstanden!“
Der Mann atmete tief durch. Er hängte sich das Sturmgewehr über die Schulter und zog seine MK23 Socom-Pistole. Der aufgesetzte Schalldämpfer würde die Schüsse draußen nicht hörbar werden lassen. Durch den Spalt der Tür versuchte er, seine Ziele zu lokalisieren. Nur schemenhaft konnte er die Personen im Raum erkennen. Sie standen dicht beieinander am Fenster und unterhielten sich. Es würde schwer werden, sie schnell auszuschalten und die Frau dabei nicht zu treffen. Wieder fuhr ein Bus auf der Straße vorbei. Sein lauter Motor übertönte das Gespräch der Zielpersonen. Das war die Gelegenheit. Ohne weiter zu zögern stieß der Mann die Tür zum Zimmer auf. Im ersten Moment bemerkten die Leute darin seine Anwesenheit überhaupt nicht. Als einer von ihnen sich schließlich zur Tür drehte und ihn sah, riss er verschreckt die Augen auf.
PFIUNNGG, PFIUNNGG
Zwei Kugeln aus der MK23 schlugen direkt in sein Herz ein und töteten ihn auf der Stelle.
PFIUNNGG
Ein schneller Schuss in den Kopf des zweiten Mannes tötete auch diesen und ließ eine breiige Mischung aus Blut und Gehirnmasse an das Fenster hinter ihm klatschen. Die Frau schrie auf, und der dritte Mann griff zu einer Waffe auf der Fensterbank. Sein Gegner aber ließ ihm keine Chance. Eine Kugel in die Brust und eine weitere in den Kopf ließen ihn tot neben seinen Kameraden zusammen sinken. Die Frau brüllte nun wie am Spieß und wollte sich zu der am Boden liegenden Pistole bücken. Der Mann in der Tür rief ihr etwas auf arabisch zu und richtete seine Waffe auf sie. Einen Augenblick schrien die beiden sich an und es schien, als würde die Frau doch noch nach der Waffe greifen. Dann aber hielt sie inne und nahm die Hände hoch. Die schwarzen Haare hingen ihr wild in das vor Zorn gerötete Gesicht, und ihre dunklen Augen funkelten bösartig. Mit gefletschen Zähnen und bebenden Lippen trat sie von den drei am Boden liegenden Leichen weg.
Name: Thomas Guteburg
SHADOW-Codename: BEAR
Alter: 30
Größe: 1,88 m
Gewicht: 98 Kg
Haarfarbe: dunkelblond
Augenfarbe: blau
Herkunft: Deutschland
Spezialität: Kampfeinsätze und Rettungsmissionen
Bevorzugte Waffen: Sturmgewehr, Pistole, Messer
***
Turin (Italien)
Vor der Cattedrale di San Giovanni Battista hatte sich bereits der alltägliche Besucherwahnsinn versammelt und drängte ungeduldig auf das massige Bauwerk mit seinem befremdlich wirkenden Campanile zu. Das berühmte, in einer Kapelle des Doms untergebrachte Turiner Grabtuch zog scharenweise Gläubige und Touristen an. Während sie in langen Schlangen auf den Einlass warteten, wurden sie von den in der Stadt allgegenwärtigen Tauben bedrängt, die auf der Jagd nach Brotkrumen zwischen den Beinen der Besucher umherstolzierten und sich an den vielen Füßen um sie herum nicht zu stören schienen. Der Morgen war für die Jahreszeit ungewöhnlich frisch, und der Mann, der im Hintergrund an den Besucherströmen vorbeieilte, zog den Reißverschluss seiner Jacke höher. Er wirkte gehetzt und schaute sich immer wieder nervös um. Bei genauerem Hinsehen fiel auf, dass der Mann hinkte. Er zog sein linkes Bein in einer merkwürdigen Art und Weise nach. In seiner Mimik war starker Schmerz erkennbar. Im Tumult der Touristenmassen auf dem Platz vor der Kathedrale bemerkte niemand, dass der hinkende Mann zudem eine Pistole in der Hand hielt. Sie war blutverschmiert. Eilig humpelte der Mann die Straße entlang. Hinter sich ließ er eine Blutspur zurück. Das Blut tropfte aus seinem linken Hosenbein. Er schien ernsthaft verletzt zu sein. Mit angsterfüllten Augen suchte er die Menschenmenge um sich herum ab. Und dann sah er ihn: Den Mann, der ihn jagte. Er stand inmitten der Touristenmassen und starrte ihn an. Auch er hielt eine Pistole in der Hand. Der Verletzte erhob seine Waffe und feuerte. Der Schuss ließ die Luft wie ein Donnerschlag vibrieren. Die Menschenmasse vor der Kathedrale geriet schlagartig in Aufruhr. Ein zweiter Schuss fiel. Dann ein dritter. Der Mann feuerte nun wild drauflos. Sein Ziel verschwand in der Menge, die nun panisch durcheinander lief. Chaos brach aus. Menschen schrien in nackter Angst und rannten sich gegenseitig um. Einige stolperten und wurden unter den Füßen der Flüchtenden niedergetrampelt. Andere rannten unkontrolliert auf die Straße. Bremsen und Reifen quietschten. Eine Frau wurde angefahren. Wildes Gehupe und wüstes Geschimpfe überall. Schreiende Kinder, die von ihren Eltern getrennt wurden und in der panischen Menge untergingen. Und mittendrin der blutende Mann. Sein Magazin war längst leer geschossen. Hilflos sackte er auf die Knie. Die Blutung war stärker geworden und durchnässte sein linkes Hosenbein. Schluchzend vor Angst sah er sich um. Um ihn herum rannten die Menschen wild umher. Niemand nahm Notiz von ihm. Dann blickte er auf. Vor ihm stand sein Jäger. Ohne auf die Menschen um ihn herum zu achten, hob dieser seine Waffe und hielt sie an den Kopf des knieenden Mannes. Eine Sekunde verging. Dann drückte er ab. Der Kopf explodierte in einem roten Blutball, der den Asphalt bespritzte, während der leblose Körper des Getöteten hinten über kippte.
Im Chaos der flüchtenden Menschenmassen konnte der Schütze unbemerkt verschwinden. Zwei Personen jedoch folgten ihm. Einer von ihnen löste sich aus der panischen Menge. Seine Mimik verriet, dass ihn die Erschießung des Mannes gerade eben nicht unbedingt überrascht hatte. Anders als die umherirrenden Passanten wirkte er überhaupt nicht erschrocken, sondern vielmehr zornig. Anscheinend hatte er das Opfer gekannt. Mit hastigen Schritten heftete er sich an die Fersen des in eine Seitenstraße verschwindenden Flüchtigen. Der andere Mann, der die Flucht des Mörders verfolgte, hatte knappe hundert Meter entfernt von der anderen Straßenseite aus die Szenerie beobachtet. Er hatte gesehen, wie der Attentäter sein Opfer hingerichtet hatte. Ebenso hatte er bereits den ersten Verfolger bemerkt. Während rund um die Kathedrale die Hölle los war und hunderte von Füßen über die am dem Boden liegende Leiche des erschossenen Mannes hinweg trampelten, folgte er den beiden anderen Männern in die kleine Nebenstraße. Der Attentäter hatte scheinbar keinen seiner zwei Verfolger bemerkt und ging ruhigen Schrittes den Bürgersteig entlang. Die Waffe hatte er in seiner Windjacke verschwinden lassen. Stattdessen hielt er nun einen MP3-Player in den Fingern. In seinen Ohren steckten die dazugehörigen Kopfhöhrer. Er sah aus wie ein ganz normaler Passant und schritt zielstrebig die Straße hinab. Anscheinend war er sich sehr sicher, unbemerkt entkommen zu können. Ohne sich umzusehen, wechselte er die Straßenseite und ging, vorbei an den den Gehweg versperrenden Autos, mit schnellem Schritt auf einen am Straßenrand geparkten VW-Minivan zu. Der erste Verfolger blieb auf der anderen Seite der Straße. Er beschleunigte seine Schritte, um zu der Zielperson aufzuschließen. Im Gehen zog er eine Pistole aus seinem Hosenbund hervor. Eine Weile lang schritten die beiden fast parallel zueinander die Straße hinab. Dann aber wechselte auch der Verfolger die Seite. Mit erhobener Waffe betrat er den Bürgersteig und zielte auf den Rücken des Attentäters. Dieser bemerkte immer noch nichts und ging weiter. So entging ihm, wie sein Verfolger, ohne einen Schuss auf ihn abgeben zu können, plötzlich mit durchbohrter Hauptschlagader zu Boden ging. Der dritte Mann im Bunde war wie aus dem Nichts neben ihm aufgetaucht und hatte ihm ohne zu zögern und völlig geräuschlos ein schlankes Stilett in den Hals gestoßen. Während der Mann am Boden nun seine letzten, röchelnden Atemzüge tat und ein dunkelroter Blutstrahl aus seinem offenen Hals hervor schoss, stieg der ahnungslose Attentäter, der von diesem Mord nichts mitbekommen hatte, in den geparkten Minivan und fuhr davon. Wenige Sekunden später setzte sich auch ein zweites, am Straßenrand geparktes Auto in Bewegung und folgte ihm.
Name: Ray Cooper
SHADOW-Codename: EAGLE
Alter: 31
Größe: 1,79 m
Gewicht: 79 Kg
Haarfarbe: schwarz
Augenfarbe: braun
Herkunft: USA
Spezialität: Aufklärung und Taktik
Bevorzugte Waffen: Sturmgewehr, Pistole, Messer
***
Südchinesisches Meer (China)
Der B2-Tarnkappenbomber war eines der modernsten und geheimsten Flugzeuge der Welt. Seine Fähigkeit, auf den Radarschirmen praktisch unsichtbar zu bleiben und aus großer Höhe unter höchster Präzision GPS- oder lasergelenkte Bomben direkt ins Herz des Gegners zu leiten, machte ihn zu einer gefürchteten und effektiven Waffe. Während der US-Kampfeinsätze in Afghanistan und dem Irak bildeten die B2-Bomber ein sicheres Rückgrat für die Luftangriffe auf Talibanstellungen und den Palast von Saddam Hussein.
Die Maschine jedoch, die im Moment in einer Höhe von vierzehntausend Metern über dem chinesischen Meer durch den Himmel schoss, trug keine Bomben in ihrem schwarz lackierten, Radarstrahlen absorbierenden Rumpf. In ihrem Bombenschacht befand sich stattdessen eine knapp zweieinhalb Meter lange und ein Meter breite, stählerne Kiste. Dabei handelte es sich um eine so genannte ´Personal Safety Box´, kurz PSB, eine für den Transport einer Person ausgelegte Kapsel, die dazu diente, ihren Insassen in Gefahrensituationen, beispielsweise bei Bombenexplosionen oder Bränden, zu schützen. Der hochbelastbare Stahl, aus dem die Kapsel bestand, konnte extremsten Temperaturen standhalten und war selbst von panzerbrechender Munition nur schwer zu zerstören. An der im Bombenschacht der B2 hängenden Kapsel waren außerdem noch einige Modifikationen vorgenommen worden. Das normalerweise rechteckige und äußerst plump wirkende Äußere der PSB war durch ein windschnittiges, aerodynamisches Design ersetzt worden. Außerdem waren Seitenruder und eine Art Koffer am Heck der Kapsel angebracht, und der Sehschlitz im Deckel war durch ein großes, getöntes Fenster aus hochtemperaturfestem, transparentem Kunststoff ersetzt worden. Durch das Fenster war zu erkennen, dass sich innerhalb der Kapsel eine Person befand. Sie lag lang ausgestreckt unter einem Gurtsystem, trug eine Sauerstoffmaske mit Taucherbrille über dem Gesicht und war in einen schwarzen Neoprenanzug gekleidet. Die Person sah aus, als warte sie auf etwas.
„SHARK, hier ´Chinabird´“, klang eine Stimme durch einen Kopfhörer an das Ohr der Person in der PSB.
„Haben Zielposition erreicht. Der Fisch ist direkt hinter uns. Bei der derzeitigen Höhe und Geschwindigkeit erfolgt Abwurf in elf Sekunden“
„SHARK verstanden!“
„...8, 7, 6...“
ZISCHHHH
Die Klappe unter dem Bombenschacht wurde entriegelt und öffnete sich. Sie gab den Blick auf den wolkenverhangenen, chinesischen Morgenhimmel frei.
„...3, 2, 1, Abwurf!“
Die Augen hinter der Tauchermaske schlossen sich. Konzentration!
KLONG
Die PSB löste sich aus dem Bombenschacht und fiel sofort wie ein Stein nach unten.
Mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit von mehr als dreihundertfünfzig Kilometern pro Stunde raste die Kapsel dem Meer entgegen. Der Wind peitschte sie scharf hin und her, aber die Person im Inneren korrigierte die Kursabweichungen mit dem am Heck angebrachten Ruder. Über einen Sauerstofftank wurde sie mit Luft versorgt, während sie den stählernen Kasten routiniert nach unten steuerte. Wie ein Pfeil schoss die PSB durch den Himmel und näherte sich dabei unaufhaltsam den Wogen des durch den Wind aufgewühlten Meeres. Vierhundert Meter über den Wellen zog die Person in der Kapsel an einem seitlich in der Kabine angebrachten Hebel. Im selben Augenblick schoss ein Fallschirm aus dem kofferähnlichen Anbau an der Kapsel herausund öffnete sich. Die Geschwindigkeit der Kapsel verlangsamte sich abrupt, als der Fallschirm sie mit einem starken Ruck abbremste.
Noch dreißig Meter bis zur Meeresoberfläche. Mit einem Klicken trennte sich der Fallschirm von der Kapsel.
ZWOOOSCHH
Die PSB stieß in das Meer hinein. Die Strahlen der immer wieder durch die Wolken blinzelnden Sonne tauchten das Wasser in ein kühles, funkelndes Blau. Aufgrund ihrer hohen Geschwindigkeit schoss die Kapsel schnell abwärts und zog dabei eine Blasenspur hinter sich her. Tief unter ihr kam ein riesiger Schatten in Sicht. An der Unterseite der nun langsamer werdenden PSB wurde ein Halogenscheinwerfer eingeschaltet. Er beleuchtete das Geschehen unter der Kapsel und ließ dort die Umrisse eines großen U-Bootes erkennen. Es kroch mit langsamer Fahrt in knapp fünfzig Metern Tiefe durch das schwarze Wasser. Zwanzig Meter über dem Boot kam die PSB zum Stehen, und der Deckel öffnete sich zischend. Die Person im Inneren löste sich aus ihrem Gurt und verließ die Kapsel, die nun still im Wasser schwebte. Ein Bleigürtel um ihre Taille ließ sie weiter in die Tiefe sinken, dem stählernen Ungetüm unter ihr entgegen. In dem engen Neoprenanzug schien eine Frau zu stecken. Ihr schlanker Körper zeichnete sich deutlich im Licht des Scheinwerfers über ihr ab. Auf ihrem Rücken befand sich eine kleine Sauerstoffflasche, die nun, nachdem sie die PSB verlassen hatte, die Luftzufuhr ermöglichte. Die Frau befand sich genau über dem U-Boot. Das langgestreckte Deck mit dem markanten Aufbau und den zwölf Raketenluken hinter dem großen Kommandoturm war nur noch wenige Meter unter ihr. Mit sicheren Handgriffen zog die Frau verschiedene Gegenstände aus den Taschen an ihrem Gürtel und schraubte sie zusammen. Unterdessen setzte sie mit den Füßen auf dem Bootsdeck auf. Aus den zusammengeschraubten Teilen war ein knapp fünfzig Zentimeter langer Stab mit einem rechteckigen Kasten am unteren Ende entstanden.
KLONG
Mit einem an dem Kasten angebrachten Magneten pflanzte die Frau den Stab auf das Deck des U-Bootes. Wie eine Antenne stand der Stab nun auf dem Deck. Die Frau legte ihren Bleigürtel ab und ließ ihn neben sich in die Tiefe sinken. Dann legte sie einen kleinen Hebel an der Sauerstofflasche auf ihrem Rücken um.
WRROOOOM
An der Unterseite der Flasche öffnete sich ein Ventil und ließ die unter Druck stehende Luft ab. Eine dichte Blasenfontäne schoss hervor. Die Wirkung kam einem kleinen Triebwerk gleich und, die Frau wurde ruckartig nach oben katapultiert. Mit geschickten Körperbewegungen gab sie die Richtung vor, genau auf die über ihr ihm Wasser verharrende PSB zu. Schnell hatte sie die Kapsel erreicht, löste die über einen Gurt um ihren Bauch befestigte Sauerstofflasche und zog sich in die PSB hinein. Während die Flasche sprudelnd weiter nach oben getrieben wurde, schloss sich der Deckel der Kapsel. Die Frau gurtete sich im Inneren wieder an, setzte sie dort angebrachte Sauerstoffmaske auf und drückte einen Knopf. In Sekundenschnelle wurde das Wasser aus dem Inneren der Kapsel gedrückt. Der Halogenscheinwerfer erlosch, und ein kleiner, neben dem Scheinwerfer angebrachter Propeller setzte sich in Bewegung. Die PSB glitt der Wasseroberfläche entgegen. Kurz darauf war sie oben. Wie ein kleines Boot lag sie im Wasser und folgte dem Spiel der Wellen. Der Deckel öffnete sich und die Frau atmete dankbar die frische Luft ein. In der Ferne war eine Motorjacht zu erkennen, die genau auf sie zuhielt. Die Frau winkte.
Im Meer unter ihr erklang plötzlich ein tiefes Dröhnen. Gute fünfzig Meter vor der im Wasser schaukelnden PSB wurde eine Unterwasserdruckwelle sichtbar. Die Oberfläche des Meeres wölbte sich auf, und ein weißer Ring kam empor gestiegen. Wie ein Geysir schoss das Wasser mehrere Meter hoch in den Himmel. Die Gischt ging auf die wartende Frau in der offen stehenden Kapsel nieder. Dann beruhigte sich das Meer wieder. Einige Minuten lang stiegen noch große Luftblasen nach oben, bevor es entgültig vorbei war. Die Jacht hatte die Frau unterdessen erreicht und ließ sie an Bord kommen. Anschließend wurde auch die PSB geborgen. Oben an Deck streifte die Frau den Neoprenanzug von ihrem Körper. Nur noch mit einem knappen, schwarzen Bikini bekleidet, trocknete sie ihre durchnässten Haare ab und ging in die Kabine. Dort begrüßte sie mit einem Nicken den Fahrer des Bootes und griff zu einem Funkgerät.
„SHADOW, hier SHARK“, sprach sie mit einer angenehm tiefen Stimme in die Sprechmuschel. „Der Fisch wurde geangelt! SHARK ende!“
Name: Claire Mouraine
SHADOW-Codename: SHARK
Alter: 28
Größe: 1,70 m
Gewicht: 59 Kg
Haarfarbe: blond
Augenfarbe: blau
Herkunft: Frankreich
Spezialität: Unterwassereinsätze und taktische Aufklärung
Bevorzugte Waffen: Harpune, Pistole, Messer
***
CIA-Hauptquartier, Langley (USA)
Fassungslos stand CIA-Direktor Ernest Morrison in dem abhörsicheren Konferenzzimmer im vierten Stockwerk des E-Rings auf der Ostseite des Pentagons. Vor gut einer Stunde war er eingetroffen. Sehr unsanft hatte man ihn aus dem Bett geklingelt. Die Nachrichten, die seitdem auf ihn einprasselten, ließen jedoch jede Müdigkeit schlagartig vergehen. Was Morrison da hörte, war unglaublich. Irgendwo in Algerien war die führende Person einer der wohl gefährlichsten Terrororganisationen der Welt von Unbekannten verschleppt worden, nachdem drei ihrer engsten Mitarbeiter getötet wurden. Die Frau namens Hafsa Al-Gharamh war äußerst wichtig für die CIA. Bereits seit Wochen stand sie unter Observierung. Aber ausgerechnet heute morgen hatte man sie nicht beschattet. Und diesen Fehler hatte irgendjemand eiskalt ausgenutzt. Damit aber nicht genug. In London war ein international gesuchter, hoch einflussreicher russischer Mafiaboss erschossen worden und in Hamburg hatten Unbekannte einer ebenfalls unter der Observierung der CIA stehenden Versicherungsgesellschaft hochbrisante Daten gestohlen. Die Versicherung hatte den Diebstahl aus ihrer gesetzlichen Verpflichtung heraus melden müssen, wollte sich aber nicht dazu äußern, um was für Daten es sich genau handelte. Da M&T aber schon seit Jahren im Verdacht stand, illegale Waffengeschäfte zu finanzieren, war allein die Tatsache, dass es zu dem Datendiebstahl gekommen war, Grund genug für die CIA, die Ermittlungen zu verschärfen.
Und es kam noch dicker:
„Pakistan, sagen Sie?“ Morrison schrie förmlich in das Telefon. Der Mann am anderen Ende der Leitung konnte einem nur leid tun. Er musste Morrisons Wutausbruch über sich ergehen lassen und konnte an dem Inhalt der von ihm lediglich überbrachten Nachricht doch nichts ändern.
„So lauten unsere Informationen, Sir“, bestätigte er leise.
„Wie um alles in der Welt konnte uns das entgehen? Wie zum Teufel sind die anderen dahintergekommen? Und wer zum Geier sind die anderen?“ Morrisons Gesicht war rot vor Zorn.
„Ich weiß es nicht, Sir!“, war die Antwort. „Diese Gruppe ist wahrlich ein Phänomen. Und sie scheinen bestens ausgerüstet zu sein!“
„Sie scherzen wohl!“, brüllte Morrison. „Wer einen scheiß B2-Bomber sein Eigen nennt und nicht unserer Air Force angehört, der ist mehr als bestens ausgerüstet! Das..., das ist ein Skandal!“
„Das mit der B2 ist nicht bestätigt, Sir! Die Vermutung liegt nach der Auswertung der Satellitenbilder aber nahe!“
Resigniert ließ sich der CIA-Direktor auf dem Konferenztisch nieder. Der Tag, wenn man das zu dieser unchristlichen Uhrzeit schon so nennen wollte, begann äußerst mies.
Eine seit vielen Jahren immer wieder in Erscheinung tretende, der CIA und allen Geheimdiensten weltweit aber nach wie vor völlig unbekannte Organisation hatte anscheinend wieder zugeschlagen. Seit Morrison den Chefsessel des US-Geheimdienstes innehatte, war diese Organisation bereits mindestens fünf Mal in sein Visier geraten. Im Grunde war ihre Existenz viele Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte zurückzuverfolgen, und das über den gesamten Erdball. Immer wieder hatten Sicherheitsbehörden und Nachrichtendienste es mit international brisanten Ereignissen zu tun gehabt, bei denen diese unbekannte Organisation involviert gewesen war. Tatsächlich zuzuschreiben war ihr jedoch keine einzige Operation, und im Laufe der jahrelangen Ermittlungen hatte sich nur eine einzige Erkenntnis ergeben: Dass irgendjemand, kein Land, keine politische Partei und keine bekannte Terrorgruppe, sondern irgendwer anderes immer wieder und mit großem Erfolg die Wege der Geheimdienste und Militärs kreuzte und auf Verbrecherjagd war. In der Tat hatten alle ungeklärten Vorfälle, die man, da sie eben ungeklärt waren, der geheimnisvollen Organisation zuschrieb, in irgendeiner Weise mit kriminellen Machenschaften zu tun gehabt. Seien es nun Tötungen bekannter Mafiaführer und Warlords gewesen oder die Überführung korrupter Politiker und Wirtschaftsbosse, alle Aktionen der Unbekannten hatten der Verbrechensbekämpfung gedient. Morrison selbst empfand die Existenz dieser Organsiation daher als weniger bedrohlich, wie so manche seiner Kollegen oder die Regierung. Da die Unbekannten aber nun einmal illegal und unkontrolliert handelten, hatten alle Polizeiapparete der Welt natürlich ihre Ergreifung zum Ziel. Eine Aussicht auf Erfolg schien diesbezüglich jedoch in weiter Ferne.
Und nun hatten die Unbekannten also wieder zugeschlagen und allem Anschein nach mal eben so unter Zuhilfenahme eines B2-Bombers ein chinesisches U-Boot der Jin-Klasse versenkt. Als sei das aber noch nicht genug, war jetzt auch noch bekannt geworden, dass sich an Bord des U-Bootes zwölf JL-2-Atomraketen mit Bestimmungsort Pakistan befunden hatten. Das alles war ein Desaster. Sein Geheimdienst hatte komplett versagt. Atomsprengköpfe in Pakistan! Einfach unvorstellbar! Das Land hatte sich, was seine Terrortätigkeiten anbelangte, seinem Nachbarn Afghanistan gefährlich angenähert. Nirgendwo auf der Welt, außer in Afrika waren die Aktivitäten der CIA konzentrierter und brisanter als in Afghanistan und Pakistan. Und da unterlief ihnen so ein dicker Bock? Unfassbar!
„Also gut!“ Morrisons Ton hatte sich inzwischen in ein verzweifeltes Flüstern gewandelt. „Wissen Sie wenigstens schon etwas mehr über den Vorfall in Turin?“
„Naja, nicht wirklich!“, klang es genauso verzweifelt aus dem Telefonhörer. „Bei dem erschossenen Mann vor der Kathedrale handelt es sich um einen bisher nicht näher bekannten Deutschen. Seine Identifizierung scheint nicht so einfach zu sein, da sein Pass offenbar gefälscht war. Der Tote in der Nebenstraße war ein Russe namens Oleg Markov. Er ist bereits aktenkundig und gehört zur russischen Waffenschieberszene.“
„Was wissen wir sonst noch?“
„Leider nichts weiter!“
Morrison schüttelte den Kopf. Das durfte doch alles nicht wahr sein.
„Haben Sie denn gar nichts Brauchbares für mich?“, fragte er.
„Eigentlich nicht“, war die Antwort. „Interessant ist allerdings, dass der tote Deutsche bereits vor seiner Erschießung Kontakt mit seinem oder seinen Mördern gehabt haben muss. Er war verletzt und hatte sich anscheinend schon einen Kampf mit ihnen geliefert, bevor er vor der Kathedrale erwischt wurde.“
„Ok, das hilft uns zwar auch nicht wirklich weiter, ist aber wenigstens etwas. Sammeln Sie weiter alles, was sie über die beiden Toten finden können und schicken Sie mir ´nen Bericht!“
Ohne ein weiteres Wort beendete Morrison das Gespräch und legte das Mobiltelefon auf den Tisch. Langsam rieb er sich die von Sorgenfalten überzogene Stirn. Der Tag konnte heiter werden. Er hatte keine Ahnung, was da draußen vor sich ging und wohin das alles noch führen konnte. Und zu allem Überfluss hatte der Präsident auch noch eine Sitzung im Weißen Haus einberufen, um die jüngsten Ereignisse zu besprechen. Die ´Einladung´ zu dieser Sitzung kam gerade auf Morrison´s Smartphone an.
***
London (England)
Der Mann in dem sandfarbenen Jacket nahm einen vorsichtigen Schluck aus der heißen Kaffeetasse und blickte dabei kurz von der vor ihm liegenden Zeitung auf. Draußen vor dem Café in der Oxford Street herrschte der übliche Trubel. Trotz des Regens und der noch frühen Uhrzeit waren die Straßen bereits voll von Passanten und Touristen, und die unzähligen Boutiquen, die sich dicht an dicht in der berühmten Einkaufstraße drängten, platzten aus allen Nähten.
Vor dem Café hielt ein Mann an und klappte seinen nassen Regenschirm zusammen. Er trug eine dünne Leinenjacke und eine verschlissene, dunkelblaue Jeans. Nachdem er seinen Schirm etwas ausgeschüttelt und in den Schirmständer neben der Tür gestellt hatte, betrat er das Café und schaute sich um. Der Mann am Tisch vertiefte sich wieder in seine ´Times´. Ein anscheinend äußerst interessanter Artikel über einen Selbstmordanschlag auf das amerikanische Militär in Afghanistan war dort abgedruckt.
„Was für ein bescheidenes Wetter, finden Sie nicht?“
Der Mann schaute auf und blickte in das vorsichtig lächelnde Gesicht des neu angekommenen Gastes.
„Typisch London“, erwiderte er und widmete sich erneut dem Zeitungsartikel. Der andere Mann setzte sich ihm gegenüber und schwieg einige Sekunden.
„Ist der Kaffee hier gut?“, fragte er nach einer Weile. Er schien kein Engländer zu sein, denn er sprach mit einem arabischen Akzent.
„Schwarz würde ich ihn nicht empfehlen“, erwiderte sein Gegenüber ohne aufzublicken, „aber mit ein wenig Zucker ist er durchaus genießbar!“
„Bekommt man einen Keks dazu?“
„Keinen chinesischen Glückskeks, wenn Sie so etwas meinen. Dafür das bröckelige englische Zeugs.“
„Ich glaube, ich bestelle einen Tee!“
„Indisch oder pakistanisch?“
„Welcher ist denn besser?“
„Nun, der pakistanische Tee schmeckt etwas bitter. Aber allemal besser als die indische Plörre!“
Der Kellner kam an den Tisch der beiden Männer und fragte den neuen Gast, was er bestellen möchte.
„Bringen Sie mir einen Cappuccino“, antwortete der Gast ohne zu überlegen. Nachdem der Kellner wieder gegangen war, wandte er sich erneut an den Mann im Jacket.
„Mir steht doch eher der Sinn nach etwas Italienischem, wissen Sie?“
„Wenn Sie meinen...!“
Eine kurze Pause entstand. Argwöhnisch beäugte der Mann in der Leinenjacke sein Gegenüber.
„Können Sie mir vielleicht ein gutes Restaurant hier in London empfehlen?“, fragte er mit vorsichtigem Ton. „So, wie es aussieht, muss ich nämlich wohl ein wenig länger in der Stadt bleiben.“
„Wenn Sie so auf Italiener stehen, dann probieren Sie diesen hier!“
Der Mann griff in seine Hosentasche und schob dem anderen eine Visitenkarte über den Tisch. Dieser nahm sie an sich und stand auf. Dann verließ er ohne weitere Worte zu verlieren das Café. Der Kellner, der ihm gerade den bestellten Cappuccino bringen wollte, schaute ihm verdutzt hinterher.
***
Berlin (Deutschland)
Die Anti-Terroreinheit der deutschen Bundespolizei, die ´GSG 9´, galt international als eines der besten Sonderkommandos überhaupt. Sie wurde nach der Katastrophe bei den Olympischen Spielen 1972 in München gegründet und hat seitdem einige bedeutende Antiterroreinsätze sowohl innerhalb Deutschlands als auch zuletzt im Ausland bei der Operation ´Desert Fox´ in Ägypten und der Piratenbekämpfung vor der somalischen Küste durchgeführt. Anders als das deutsche Kommando Spezialkräfte ´KSK´, welches der Bundeswehr angehörte und somit eine Militäreinheit darstellte, war die GSG 9 vornehmlich als Polizeitruppe für den innerdeutschen Einsatz bei der Terrorbekämpfung und der Geiselbefreiung vorgesehen. So auch heute.
Seit mehr als eineinhalb Stunden schon hielt eine unbekannte Anzahl angeblich russischer Geiselnehmer die fünf Mitarbeiter einer kleinen Bankfiliale im Stadtteil Kreuzberg als Geiseln. Ansich kein Fall für die GSG 9, allerdings waren die Forderungen der Geiselnehmer so außergewöhnlich, dass die Bundespolizei eingeschaltet worden war. Die drei Männer verlangten etwas Unfassbares: Der Direktor der von ihnen überfallenen Bank, der Berliner Sparkasse, die ihren Hauptsitz am Alexanderplatz hatte, sollte sich zu ihnen begeben und sich vor ihren Augen das Leben nehmen. Alle Versuche, sich mit den Russen auszusprechen und ihre Beweggründe in Erfahrung zu bringen, waren gescheitert. Das Ultimatum war gesetzt: Bis 10:30 Uhr hatte sich Dr. Hermann-Josef Fiedler bei ihnen einzufinden und zu erschießen. Ansonsten würde man mit der Hinrichtung der Geiseln beginnen.
Die Sparkassenfiliale war umstellt. Die Beamten der GSG 9 hatten jeden Winkel des Gebäudes im Visier. Mit ihren G36-Sturmgewehren zielten sie auf die Fassade des alten Backsteinhauses. Oben, auf den Dächern der umliegenden Häuser hatten Scharfschützen mit Präzisionsgewehren Stellung bezogen. Durch ihre Schmidt & Bender - Zielfernrohre versuchten sie, zwischen den Lamellen der Raffrollos in die Bank zu spähen. Viel war allerdings nicht zu sehen, und die sommerlich warme Luft rund um die Bank schien vor Spannung förmlich zu knistern.
Eine rasche, ungewöhnliche Bewegung in der Bank erregte plötzlich die Aufmerksamkeit eines der Scharfschützen. Irgendjemand im Inneren der Bank war gerade am Fenster vorbeigehuscht.
„Teamleiter, hier Schütze 3“, meldete er in sein Headset, „ich glaube, in der Bank tut sich etwas!“
„Schütze 3, was sehen Sie?“, kam die Antwort aus dem Ohrhörer des Mannes.
„Ich weiß nicht, da war...“
In der Bank brach die Hölle los.
Die Glasscheiben zerbarsten urplötzlich unter den Einschlägen hunderter von Kugeln. Die Polizisten vor der Bank hechteten hinter ihre Autos. Der Lärm automatischer Schnellfeuergewehre ließ sie in Deckung gehen. In der Bank war anscheinend ein Kampf ausgebrochen. Verwirrung und Chaos machten sich breit.
„Was zum Teufel geht da vor?“
„Ich kriege kein Bild rein!“
„Die Funkverbindung ist abgerissen!“
„Haben wir ein Team in der Bank?“
„Ich will sofort ein Bild haben!“
„Oh mein Gott...!“
Als das Feuer geendet hatte und die Beamten der GSG 9 knapp zwei Minuten später die Bank stürmten, fanden sie die fünf Mitarbeiter gefesselt und geknebelt in einem Abstellraum im hinteren Bereich der Filiale vor. Sie waren bis auf einen kräftigen Schock körperlich unversehrt. Anders die Geiselnehmer. Die waren nämlich nirgendwo aufzufinden. Die Polizisten durchsuchten das ganze Gebäude. Überall herrschte Chaos. Das Mobiliar der Bank glich einem Trümmerfeld. Nichts war im Feuer der Waffen intakt geblieben. Glassplitter, Holz- und Betonscherben sowie Papierfetzen, durchlöcherte Aktenordner und allerlei Schreibtischutensilien übersäten den Boden. Von dem oder den Verursachern des Durcheinanders dagegen fehlte jede Spur.
Name: Sean Elliot
SHADOW-Codename: MONKEY
Alter: 37
Größe: 1,83 m
Gewicht: 80 Kg
Haarfarbe: blond
Augenfarbe: grün-grau
Herkunft: England
Spezialität: Einbrüche und verdeckte Missionen
Bevorzugte Waffen: Sturmgewehr, Pistole, Armbrust, Messer
***
Sierra Nevada (USA)
Die hochmodern ausgestattete Nachrichtenzentrale des SHADOW-Hauptquartiers lag irgendwo in den schneebedeckten Gipfeln des Sierra Nevada-Gebirges im Osten des Bundesstaates Kalifornien. Sie war das Herz der geheimsten privaten Militärmacht der Welt. Der halbrunde, von getönten Glasscheiben eingefasste Raum war mit riesigen Plasmabildschirmen und monoton sirrenden Großrechenanlagen vollgestopft. Überall piepste und blinkte etwas, und Bildschirme zeigten Karten von allen Teilen der Erde. An mehreren im Raum verteilten Terminals saßen in einheitliche, schlichte Uniformen gekleidete Personen und kommunizierten mittels ihrer Headsets mit Außenstellen, Informanten und Agenten. Es herrschte Hochbetrieb. In der Mitte des Raumes befand sich ein etwas erhöhtes, kreisrundes Podest, das in seinem Design der Kommandobrücke eines U-Bootes ähnelte. Ein groß gewachsener, muskulöser Mann mit grau meliertem Haar in olivfarbenem T-Shirt und Tarnhose stand darauf und schaute sich mit nachdenklicher Miene in der Zentrale um.
„Zwischenbericht, Alpha!“, befahl er nach einer Weile.
Eine der Frauen an den Terminals drehte sich zu ihm um.
„Sir, unser Posten in Kabul meldet gerade die Sichtung des Konvois.“
„Anzahl?“
„Drei gepanzerte Jeeps und ein Pritschenwagen.“
„SNAKE soll sich bereithalten!“
„Ja, Sir!“
Die streng geheime, mit modernster Technologie ausgerüstete Organisation SHADOW war selbst den besten Geheimdiensten der Welt unbekannt. Niemand außenstehendes wusste von ihrer Existenz. Dabei blickte SHADOW auf eine mehr als sechshundert Jahre alte Vergangenheit zurück. Gegründet im Jahr 1369 von einer abtrünnigen Gilde des spanischen Ritterordens von Montesa blieb die ´Gesellschaft der Schatten´, wie sich die Organisation bis vor kurzer Zeit genannt hatte, lange eine kleine, unbedeutende Untergrundgemeinschaft, die sich im Widerstand gegen die zunehmende Enteignung des Ritterordens zugunsten des Adels und dem Kampf gegen den Einfluss der zerschlagenen Templer auf den Montesaorden übte. Als dann gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts die spanische Inquisition gegründet wurde und der Adel mit diesem Instrument seine Macht ins Unermessliche steigerte, zog die ´Gesellschaft der Schatten´ in den Krieg. Dieser Krieg sollte niemals mehr enden und die einst unbedeutende und schwache Gilde zu einer über die Grenzen Spaniens und bald sogar Europas hinaus einflussreichen und furchteinflößenden Organisation werden lassen, deren Kampf bis heute andauerte.
Im Zuge ihrer wachsenden Stärke und dem gleichzeitigen Aufstreben Amerikas als Weltmacht hatte die ´Gesellschaft der Schatten´ zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ihr Hauptquartier aus Spanien heraus in die USA verlegt. Dort hatte man sich zunächst in der Nähe von Denver, Colorado niedergelassen, bevor sozusagen als Huldigung an die spanischen Wurzeln der Organisation ein erneuter Umzug in die Berge der Sierra Nevada stattfand. Hier, unweit des Mount Whitney, des höchsten Berges der USA außerhalb von Alaska, war die Organisation, die sich seither SHADOW nannte, nun seit fast zwanzig Jahren zuhause.
Geheimhaltung war seit jeher der wichtigste Schlüssel zum Überleben von SHADOW gewesen. Die über vierhundert Mitglieder der Organisation waren zum großen Teil direkte Nachkommen anderer Mitglieder. Insofern war SHADOW fast eine Art Familienunternehmen. Selbstverständlich war die Technologie, die die Organisation für ihren Kampf gegen das Verbrechen einsetzte, nicht nur über rein familiäre Beziehungen zu bekommen. Über eine Unmenge von Scheinfirmen und Bankzwischenkonten wurden die nötigen Umwege bei der Technologiebeschaffung gegangen, so dass niemand die Spuren bis zu SHADOW zurückverfolgen konnte. Die Operationen, die SHADOW auf der ganzen Welt durchführte, wurden stets durch ausgeklügelte Täuschungsmanöver und falsche Fährten getarnt. Oftmals wurden sogar die Computersysteme der Geheimdienste gehackt, um Spuren zu verwischen und Manöver für die Akten ungeschehen zu machen. Die Regierungen der Welt tappten im Dunkeln und mussten nicht selten als Sündenböcke für die von SHADOW unternommenen Operationen herhalten. Das alles war vielleicht nicht die feinste Art und Weise und brachte so manchen Staatsmann des Öfteren in arge Erklärungsnöte, der Erfolg von SHADOW allerdings sprach für sich. Im Kampf gegen den internationalen Terrorismus, skrupellose Waffenhändler, korrupte Wirtschaftsmagnaten und mächtige Drogenkartelle waren die SHADOW-Operationen die durchschlagendsten Waffen. Dankbarkeit allerdings konnte man dafür nicht erwarten. Im Gegenteil: Die Suche nach den Hintermännern der Operationen stand auf den Prioritätenlisten aller Geheimdienste seit langer Zeit ganz oben. Die Regierungen und Militärs der führenden Industriestaaten setzten alles daran, SHADOW auf die Schliche zu kommen. Sie konnten sich nicht sicher fühlen, wenn eine ihnen unbekannte Macht Militäraktionen auf der ganzen Welt durchführte und dabei die allerneusten, teilweise noch streng geheimen Technologien verwendete. Außerdem waren nicht nur klassische Verbrecher das Ziel von SHADOW. Auch auf den ersten Blick saubere, in Wahrheit aber korrupte und kriminelle Wirtschaftsunternehmen und sogar Politiker wurden von der geheimen Organisation enttarnt und bekämpft. Niemand konnte sich sicher sein, seine verbrecherischen Geheimnisse nicht plötzlich offenlegen und dafür büßen, möglicherweise sogar sein Leben geben zu müssen.
SHADOW war absolut neutral und an keinen Staat und keine Regierung der Welt gebunden. Die Mitglieder der Organisation entstammten den verschiedensten Nationalitäten, waren aber allesamt unabhängig von ihrer Heimat und nur ihrem gemeinsamen Geheimnis treu ergeben. Ausgerüstet mit der modernsten Waffen- und Spionagetechnologie war SHADOW in der Lage, jederzeit und überall auf der Welt zuzuschlagen.
General Francis Clayton, Codename GHOST, war seit nunmehr acht Jahren der Anführer von SHADOW. Er war direkt seinem Onkel Howard Spencer Clayton gefolgt und genoss innerhalb der Organisation den Ruf eines harten, aber fairen und vor allem höchst kompetenten Anführers. Als ehemaliger General der US-Army hatte er herausragende Erfahrungen in der Militärtaktik und der Waffentechnologie der größten Armee der Welt. Hinzu kamen hilfreiche Kontakte bis in die höchsten Führungsebenen des Pentagon. Selbstverständlich wusste niemand über Clayton´s neue Tätigkeit Bescheid. In den Augen der Army war er vor zehn Jahren viel zu frühzeitig in den Ruhestand gegangen. Aber der heute Sechsundfünfzigjährige hatte es sich leisten können, die Army so früh zu verlassen. Er hatte eine beeindruckende Laufbahn genossen, war einer der jüngsten amerikanischen Generäle überhaupt gewesen und hatte ausgezeichnete, mit der Medal of Honor gekrönte Dienste, unter anderem auf den Schlachtfeldern des Balkan und des Irak geleistet. Daher hatte man ihn zwar schweren Herzens, aber mit Verständnis und Dankbarkeit aus dem Dienst scheiden lassen. Clayton hatte seitdem immer noch regelmäßig Kontakt mit der Militärführung der Army, hielt seine Identität bei SHADOW aber erfolgreich geheim und hatte dadurch den Vorteil, immer auf dem aktuellen Stand der Dinge bei der Army zu sein und dieses wertvolle Wissen direkt bei SHADOW verwenden zu können.
„Sir?“
GHOST drehte sich zu der Dame am Kontrollterminal um.
„Der Konvoi erreicht jetzt das Zielgebiet.“
Der General nickte. Es wurde ernst.
„Grünes Licht für Operation ´Schwarzer Afghane´!“
Name: Francis Clayton
SHADOW-Codename: GHOST
Alter: 56
Größe: 1,88 m
Gewicht: 96 Kg
Haarfarbe: grau-schwarz
Augenfarbe: blau
Herkunft: USA
Spezialität: Militärstrategie und -taktik
Bevorzugte Waffen: Sein Verstand
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Kabul (Afghanistan)
In der flirrenden Mittagshitze wirkten die näher kommenden Fahrzeuge wie eine verschwommene Fata Morgana. Während sie rumpelnd über die unebene Sandpiste auf die Stadt zufuhren und sich ihre Motoren die Steigung zum Stadttor hinauf quälten, richtete der in einen sandfarbenen Tarnanzug gekleidete Mann in dem Minarett sein Laserobjektiv neu ein. Unter ihm in den engen, staubigen Gassen der Stadt herrschte die alltägliche Hektik. Für einen Fremden musste das vom Schwarz und Blau der afghanischen Abayas und Burkas bestimmte Treiben zwangsläufig bedrohlich und unheimlich wirken. Das chaotische Stimmengewirr der unzähligen Händler, die auf Holzkarren ihre orientalischen Waren darboten, verursachte Kopfschmerzen. Hupende Autos, wild gestikulierende Militärposten und Polizisten und die überall presente Angst vor neuen Gewaltausbrüchen taten ihren Rest zu dem mulmigen Gefühl, das einen überkam, wenn man Kabul besuchte.
Afghanistan war nach wie vor Kriegsgebiet. Der Einfluss der Taliban war ungebrochen und fast täglich erschütterten Bombenanschläge das ohnehin so arg gebeutelte Land. Die Amerikaner hatten ihre Truppenstärke in den vergangenen Jahren kontinuierlich erhöht, anstatt sie wie geplant zu verringern, konnten aber dennoch keine durchschlagenden Erfolge gegen den Terror der Taliban und ihres Waffenarmes, der Al-Quaida, verbuchen.
Osama bin Laden war zwar tot, der erhoffte Sieg über den Terrorismus war mit seiner Liquidierung allerdings nicht eingetreten. Überhaupt war die Tötung ´Geronimos´, so Bin Laden´s Codename im CIA-Jargon, nur ein symbolischer Erfolg gewesen. Mehr als ein gutes Gefühl und die Verkündung eines endlich geglückten Vergeltungsschlages für die Anschläge auf das World Trade Center im September 2001 hatte man seinem Tod nicht abgewinnen können. Wie auch? Schließlich war das Thema ´Bin Laden´ nie mehr als ein zugegebenermaßen gut gespieltes Theaterstück gewesen:
Ein Sonderkommando der US-Navy Seals hatte den meistgesuchten Terroristen der Welt zur Strecke gebracht. ´Neptune´s Spear´ hatte die Operation geheißen. Allerdings hatte man Bin-laden nicht, wie viele zuvor vermutet hatten, in einem Erdloch oder einer Höhle, irgendwo in den afghanisch-pakistanischen Bergen erwischt, so wie es damals bei Saddam Hussein im Irak gewesen war. Nein, der Schauplatz der gezielten Eliminierungsmission war die pakistanische Stadt Abbottabad, sechzig Kilometer nördlich der Hauptstadt Islamabad gewesen. Dort hatte sich Bin Laden bereits seit mehreren Jahren aufgehalten. Unter den wachsamen Augen des amerikanischen und des pakistanischen Geheimdienstes wohlgemerkt. Die CIA und der ISI hatten genau gewusst, wo sich der Al-Quaida-Führer zu welchem Zeitpunkt aufhielt, und sie hatten seine Anwesenheit und sein Wirken immer geduldet. Für den unbedarften Normalbürger mochte es befremdlich erscheinen, wenn die westlichen Staaten einen Mann wie Osama bin Laden einerseits zum Staatsfeind Nr. 1 erklärten und ihn angeblich händeringend suchten, andererseits seine Aufenthaltsorte aber genau kannten und nichts gegen ihn unternahmen. Aber die Regeln der Politik und der internationalen Handelsbeziehungen waren nun einmal anders, als ein gewöhnlicher Bürger es je verstehen würde. Der Einfluss der Familie Bin Laden war, bedingt durch die Macht des von Muhammad bin Laden gegründeten Kartells ´Saudi Binladin Group´ in der ganzen islamischen Welt enorm. Die politischen Beziehungen des aus dem Jemen stammenden Muhammad hatten seine Sippschaft zu einem starken, kaum antastbaren Pfeiler im Machtgefüge des Königshauses Saud werden lassen. Die Bin Ladens betätigten sich in vielen Bereichen des nah-östlichen Wirtschaftslebens und wurden so nach und nach auch wichtige Handelspartner des Westens. Entsprechend hoch waren die politischen Interessen und die Notwendigkeit der Verständigung mit der kapitalistischen Welt. Von Osama bin Laden selber war daher keine besonders hohe Gefahr ausgegangen, niemals. Auch wenn er im Laufe seines Lebens immer radikaler geworden und schlussendlich der Gründer und lange Zeit der Führer der Al-Quaida gewesen war, das wirkliche Übel hatten immer die geistlosen, vom Fanatismus blind und zornig gemachten Straßenkrieger des Islam verbreitet. Diejenigen, die sich ohne lange nachzudenken einen Sprengstoffgürtel umschnallten, ein Kaufhaus betraten und sich selbst in einen Feuerball verwandelten. Männer und Frauen ohne den Blick für das Wesentliche, der sie von ihren Aufwieglern und Anführern unterschied. Bin Laden dagegen war als Stimmungsmacher und Fürsprecher des Terrors zwar ein Problem gewesen, es zu bekämpfen hätte jedoch mehr Schaden angerichtet, als es der Beendigung des Terrors jemals hätte dienen können. Stattdessen hatte man Bin Laden an die Leine gelegt und gewissermaßen als Zirkusdompteur benutzt. Seine Stellung und sein Ansehen in der Al-Quaida und bei den Taliban hatte seinen Worten immer ein großes Gewicht verliehen, sodass er das Terrornetzwerk zumindest ein Stück weit lenken und vor dem unkontrollierten Ausufern der Gewalt hatte zurückhalten können. Sicher, für viele Menschen auf der Welt war das, was die Terroristen mit ihren regelmäßig verübten Anschlägen anrichteten, bereits blutig und unkontrolliert genug, aber ohne Bin Ladens lenkende Hände wäre die Welt wohl schon lange im Blut eines ´Heiligen Krieges´ ertrunken. Aus diesem Grund ließ man ihn lange Zeit unbehelligt und stellte ihn sogar unter den Schutz der Geheimdienste. Man ließ ihn in einem für pakistanische Verhältnisse äußerst luxeriösen Domizil wohnen – nach seiner ´Entdeckung´ wusste natürlich niemand, wie er dort so lange hatte unentdeckt bleiben können - verschaffte ihm die ein oder andere zusätzliche Annehmlichkeit und erhielt seinen Status als gefürchteter und gesuchter Terroristenführer. Bin Laden, der trotz seines unbestreitbaren Hasses auf den Westen immer noch ein intelligenter Mann mit Prinzipien und politischem Weltverständnis gewesen war, hatte sich dafür mit wichtiger Vermittlungsarbeit zwischen den Allierten und den Taliban revanchiert. Denn neben all den kriegerischen Auseinandersetzungen und den Anschlägen wurden sowohl die westlichen Kräfte, als auch die Taliban letztendlich doch noch von ihren wirtschaftlichen Interessen getrieben. Krieg war nun einmal teuer und Terror ebenso. Der Osten hatte die Bodenschätze, der Westen die Devisen. Man musste also dafür sorgen, dass man sich gegenseitig nicht völlig kaputt bombte. Und um das sicherzustellen, hatte man Osama bin Laden gebraucht.
Dann aber hatte es einen neuen, verheerenden Anschlag nahe Kabul gegeben, bei dem siebzehn amerikanische Zivilisten ihr Leben verloren. Unter ihnen die Nichte eines Regierungsmitgliedes, die als UNICEF-Botschafterin in Afghanistan tätig gewesen war. Die Öffentlichkeit hatte Konsequenzen gefordert. Und so hatte man kurzerhand auf den armen Osama zurückgegriffen und ihn in einer angeblich lange vorbereiteten und natürlich perfekt durchgeführten Aktion liquidiert. Offiziell hatte man hinterher behauptet, man habe den Terroristenführer eigentlich gefangen nehmen wollen und ihn nur aufgrund von Gegenwehr erschossen. In Wahrheit aber war es ein speziell für Tötungsmissionen ausgebildetes Seals-Kommando mit dem Codenamen ´G-Shock´ gewesen, das Bin Laden in seinem Wohnsitz in Abbottabad hingerichtet hatte. Den Plan, den Al-Quaida-Führer gefangen zu nehmen, hatte es nie gegeben. „Geronimo EKIA“, hatte es am Ende geheißen, „Geronimo, Enemy killed in Action“.
Eine Welle der Erleichterung war nach Bin Laden´s Tod um die Welt gerast. Die Nachrichten hatten sich in ihrem Lob auf die CIA und die amerikanischen Streitkräfte nahezu überschlagen, und die jahrelangen vergeblichen Versuche und leeren Versprechungen, die die Amerikaner und ihre Verbündeten der Öffentlichkeit hatten weiß machen wollen, waren mit einem Schlag vergessen gewesen. Nur wenige wussten, dass der Tod des Terroristenführers in Wirklichkeit nur Kalkül gewesen war. Und die meisten, die es wussten, schwiegen selbstverständlich. Darunter die Regierungen der USA, Russlands, Chinas, Frankreichs, Deutschlands und Englands.
Und SHADOW ? Die Augen und Ohren der Organisation waren überall, und natürlich waren ihr der Fall ´Bin Laden´ und die Hintergründe seines Todes bestens bekannt gewesen. Die Liquidierung ´Geronimos´ hatte genau die Folgen gehabt, die man zuvor durch seine Duldung in Pakistan hatte vermeiden können, nämlich das Ausufern der Gewalt. Die Zahl der Selbstmordattentate war seitdem stark angestiegen, vor allem in Pakistan und Afghanistan. Von einem Ende der Al-Quaida konnte nicht die Rede sein, im Gegenteil. Und so durchkämmten fast tagtäglich irgendwelche Spezialeinheiten der USA und der allierten Streitkräfte alle möglichen Schlupflöcher der Welt auf der Suche nach Terroristen und Extremisten. Alle waren sich inzwischen darüber im Klaren, dass ganz andere Leute als bloß ein Osama bin Laden sterben mussten, um etwas wirklich Effektives gegen den Terror der Welt zu unternehmen. Und heute war ein guter Tag dafür.
