Die Gesichter der Toten - Constanze Niess - E-Book

Die Gesichter der Toten E-Book

Constanze Niess

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Beschreibung

Wenn Tote sprechen könnten … Wenn ein Mensch ermordet wird, wollen alle wissen: Wer ist der Täter? Doch manchmal muss die erste Frage lauten: Wer ist das Opfer? Hier kommt Dr. Constanze Niess ins Spiel: Die erfahrene Rechtsmedizinerin hat sich seit Langem auf die Gesichtsrekonstruktion spezialisiert. Nur mithilfe des Schädels, der so einzigartig ist, wie der menschliche Fingerabdruck, gelingt es ihr, die Züge eines Menschen nachzubilden – und den Toten ihr Gesicht wiederzugeben. In diesem Buch erzählt sie von ihren spektakulärsten Fällen, von Mord- und Brandopfern, Kindesmisshandlung und Sexualdelikten … »Sie gibt den Toten ein Gesicht.« Frankfurter Neue Presse Für alle True-Crime-Fans und LeserInnen der Bestseller von Michael Tsokos. In diesem Buch erzählt sie von ihren spektakulärsten Fällen, von Mord- und Brandopfern, Kindesmisshandlung und Sexualdelikten …

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Seitenzahl: 273

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über dieses Buch:

 

Wenn ein Mensch ermordet wird, wollen alle wissen: Wer ist der Täter? Doch manchmal muss die erste Frage lauten: Wer ist das Opfer? Hier kommt Dr. Constanze Niess ins Spiel: Die erfahrene Rechtsmedizinerin hat sich seit Langem auf die Gesichtsrekonstruktion spezialisiert. Nur mithilfe des Schädels, der so einzigartig ist, wie der menschliche Fingerabdruck, gelingt es ihr, die Züge eines Menschen nachzubilden – und den Toten ihr Gesicht wiederzugeben. In diesem Buch erzählt sie von ihren spektakulärsten Fällen, von Mord- und Brandopfern, Kindesmisshandlung und Sexualdelikten …

eBook-Neuausgabe Februar 2026

Copyright © der Originalausgabe 2014 by Bastei Lübbe AG, Köln

Copyright © der überarbeiteten Neuausgabe 2026 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/fmna, Iza Korwell, Baimieng, open.tesm, Sergey Bitos, STILLFX

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (ah)

 

ISBN 978-3-69076-269-4

 

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Constanze Niess

unter Mitarbeit von Stephanie Fey

Die Gesichter der Toten

Meine spannendsten Fälle aus der Rechtsmedizin

 

Für Dorothee und Jonathan, meine Herzblätter.

Vorwort

 

Wie würden Sie eine Freundin beschreiben, die Sie lange nicht gesehen haben? Ihren auffälligen Gang, ihre Art sich zu kleiden, die Form ihrer Hände, wie sie herumfuchtelt, wenn sie erzählt. Das leicht heisere Sprechen, das im Gegensatz zu ihrem hellen Lachen steht. Die Parfümwolke, die zurückbleibt, wenn sie geht, mit einem Hauch Nikotin gemischt. Oder erinnern Sie sich an ihre lange, schmale Nase, die hohen Wangenknochen unter den leicht schräg stehenden Augen, die sie mit viel Schminke betont, und wie sie ihre Augenbrauen mit dunkler Farbe nachzieht?

Meist verblasst ein Gesicht in der Erinnerung, aber sobald wir ein Foto sehen, frischt unser Gedächtnis auf und wir erkennen die Person wieder. Doch was, wenn es kein Foto gibt, wenn das Skelett und der Schädel eines Unbekannten gefunden werden? Wer war dieser Mensch? Die Knochen verraten es, sie zeigen mir alle individuellen Merkmale, ich muss sie nur sichtbar machen.

Knochen faszinieren mich von Kindheit an. Während meine Schwester mit ihren Puppen spielt, streife ich draußen herum, hebe Vogelfedern auf, beobachte eine Weinbergschnecke, die ihre Eier in einem kleinen Loch ablegt und stochere in Resten von toten Tieren. Was ich finde, schleppe ich mit nach Hause, wo ich es allerdings nur im Garten horten darf. Meine Mutter duldet keine Ratten- und Mäuseknochen oder mumifiziertes Gewebe in meinem Zimmer. Als ich einmal den Unterkiefer eines Kaninchens entdecke, suche ich lange nach den weiteren Knochenteilen und probiere den kleinen Tierschädel wie ein Puzzle zusammenzusetzen.

 

Der menschliche Schädel besteht aus 29 Einzelteilen, zusammen mit den winzigen Gehörknöchelchen im Mittelohr, die die Bezeichnungen Hammer, Amboss, Steigbügel tragen und die mechanische Schwingungen an das Innenohr weiterleiten. Wie eine Kuppel wölbt sich die Kalotte über unserem empfindlichsten Organ, dem Gehirn, und schützt unseren Verstand, das Gedächtnis, das Gleichgewicht und unsere Fähigkeit zu träumen.

Jeder Mensch besitzt, vergleichbar mit dem Fingerabdruck, eine einzigartige Gesichtsform. Anfangs glaubte ich, Gesichtsrekonstruktion sei das Fantasieprodukt eines Künstlers, der aus einer Eingebung heraus das Antlitz eines Menschen formt, sich nur ausdenkt, wie derjenige einst ausgesehen haben könnte. Diese Vorstellung hatte für mich etwas rätselhaft Unlösbares, bis ich, als junge Rechtsmedizinerin, im Jahr 2000, an einem Identitätskongress in Washington DC die Vorträge zweier bekannter Gesichtsrekonstrukteurinnen besuchte. Ab da verwandelte sich mein Vorurteil in Neugier, und ich begriff, dass eine Technik dahintersteckt, die sich auf wissenschaftliche Untersuchungen bezieht und die man lernen kann. Das weckte mein Interesse, ich fing an, mich mit den Grundlagen zu beschäftigen. Inzwischen bin ich überzeugt, dass man ein fehlendes Gesicht so präzise nachbilden kann, dass die unbekannte Person wiedererkannt wird. Heute ist die Gesichtsrekonstruktion Teil meiner Arbeit, mit dem Ziel, unbekannten Toten ihr Gesicht zurückzugeben und damit den Hinterbliebenen die Ungewissheit zu nehmen, was mit ihrem Angehörigen geschehen ist. Da Gewalteinwirkung auf den menschlichen Körper mein Fachgebiet ist, werde ich auch von der Polizei gerufen, um Lebende zu untersuchen. Verletzte, Opfer und auch die vermuteten Täter, Menschen also, die in eine Gewalttat verwickelt wurden. Auf diese Weise trage ich auch zur Rekonstruktion der Tatabläufe bei.

Medizinstudenten fragen mich oft, ab wann man weiß, dass man in der Rechtsmedizin arbeiten will. Ob man diesen Beruf ausüben kann, spürt man schon nach zwei Tagen Praxis, spätestens dann, wenn man es mit einem verwesten Leichnam zu tun hat. Aber hinter den Zweifeln steckt eigentlich die Frage, wie man es schafft, sich tagaus, tagein mit dem Tod zu beschäftigen, wie man die Gerüche aushält und die Schicksale der Opfer erträgt. Ich finde, der Tod gehört ins Leben zurück, man sollte kein Tabu daraus machen und alles ansprechen. Deshalb rede ich mit den Angehörigen, nehme mir Zeit, all die drängenden und auch verborgenen Fragen zu beantworten. Ich erzähle, wie ihr Verwandter gestorben ist und woran, erkläre medizinische Fakten und Zusammenhänge und halte auch damit nicht hinterm Berg, ob er gelitten hat.

In diesem Buch stelle ich Ihnen aus all diesen Bereichen meiner Arbeit die spannendsten Fälle vor.

 

Die im Folgenden geschilderten Sachverhalte aus der Rechtsmedizin entsprechen allesamt den Tatsachen. Aus juristischen und persönlichkeitsrechtlichen Gründen wurden allerdings sämtliche Namen und Orte des Geschehens anonymisiert und individuelle Besonderheiten, die Rückschlüsse auf Täter und Opfer geben könnten, durch fiktionales Erzählen unkenntlich gemacht.

Kapitel 1

Einmal Kopf zu verzollen oder Marilyn Monroe auf dem Seziertisch

 

Kleine Stupsnase, lasziver Blick aus stark getuschten Augen, wasserstoffblondes, toupiertes Haar in großen Wellen? Oder eine in Falten gelegte Denkerstirn, dazu abstehende Haare und ein großer Schnurrbart? Die amerikanische Gesichtsrekonstrukteurin Karen Taylor enthüllt während ihres Vortrags stückchenweise die Gesichter bekannter Persönlichkeiten. Erst ein Auge, dann eine Nase oder eine bestimmte Mundpartie. Schnell erraten wir die Namen der prominenten Persönlichkeiten, die sich bei uns allen ins kollektive Gedächtnis gebrannt haben. Schwieriger wird es, als sie uns das Bild einer Frau auf dem Seziertisch zeigt. Ungeschminkt, die Augen geschlossen, die nassen Haare, von undefinierbarer Farbe, kleben der Toten am Kopf. Wessen Gesichtszüge sollen das sein? Die einer amerikanischen Politikerin, die ich nicht kenne, vielleicht? Auch die anderen Zuhörer im Auditorium, die US-Bürger sind, identifizieren sie nicht. Karen Taylor sagt es uns. Wir sind überrascht: Das soll Norma Jeane Baker sein, die als Marilyn Monroe berühmt geworden ist? Was wir sehen, passt einfach nicht zu der Ikone, deren Bild in unseren Köpfen verankert ist. Ich beginne mich zu fragen, woran wir eigentlich unsere Mitmenschen erkennen. Was prägt sich bei uns ein, wenn wir an unsere Nachbarn, Freunde, Verwandte denken? Welche Merkmale lösen eine Erinnerung in uns aus?

Als junge Ärztin am Frankfurter Institut für Rechtsmedizin bilde ich mich fort, so oft es möglich ist. Schließlich ist die Rechtsmedizin für mich ein ganz neues Gebiet und ich interessiere mich für alles. Bereits im letzten Jahr habe ich einen vom FBI organisierten Knochenkurs in Kanada besucht, im nächsten Jahr werde ich mich für eine Blutspurenfortbildung in Las Vegas anmelden. In diesem Jahr reise ich zu einem Kongress der IAI, International Association for Identification, nach Washington DC. Dort geht es um die Identifikation der Opfer von Massenkatastrophen. Als ich dort ankomme, fällt mein Blick auf einen Flyer von Betty Pat. Gatliff (der Punkt hinter ihrem zweiten Vornamen ist genau wie ihre Totenkopf-Gürtelschnalle ihr Markenzeichen) und ihrer beruflichen Ziehtochter, Karen Taylor. Beide Frauen sind Koryphäen auf dem Gebiet der Gesichtsrekonstruktion.

Neugierig geworden, setze ich mich ohne große Erwartungen in den Vortragsraum, wo Karen Taylor zu Beginn die Geschlechtsunterschiede an Totenschädeln erläutert: »Eine Frau besitzt einen kleineren und grazileren Schädel, ein schwächer ausgeprägtes Profil, eine steilere Stirn. Ihr fehlt die Wulst über den Augenbrauen und sie hat kleinere Warzenfortsätze hinter den Ohren, die man an sich selbst ertasten kann. Es ist dieser knöcherne Knubbel hinter und leicht unterhalb des Ohres, wo der Kopfwende- oder Kopfnickermuskel ansetzt. Wenn man den Kopf nach rechts unten dreht und mit der linken Hand an der linken Halsseite tastet, spürt man die Vorderkante dieses Muskels, der zum inneren Schlüsselbein im Bereich der Drosselgrube zieht. Da dieser wie alle Muskeln bei Männern meist kräftiger ausgebildet ist und deshalb mehr Zug aufbringen kann, zieht er auch kräftiger am knöchernen Ansatz, dem Warzenfortsatz in diesem Fall, sodass dieser größer ist.« Danach erklärt sie die Merkmale der Rassen, negroid, also dunkelhäutig, asiatisch und kaukasoid beziehungsweise europid, also hellhäutig. Junge oder Mädchen? Anders als bei Erwachsenen gibt es am kindlichen Schädel kaum Unterscheidungsmerkmale. Der Kopf kleiner Jungen sieht genauso aus wie der kleiner Mädchen. Obwohl ich mich mit Knochen und Muskulatur auskenne, begreife ich plötzlich, dass dem Wiederherstellen der fehlenden Weichteile fundierte, genau berechnete Kenntnisse zugrunde liegen und dass die Gesichtsrekonstruktion keineswegs nur aus künstlerischer Intuition besteht. Mit ihrer Hilfe ist es möglich, einem Verstorbenen sein Antlitz wiederzugeben, so wie es wirklich ausgesehen hat. Als ich am Ende des Vortrags von den neuen Kursen höre, melde ich mich voller Tatendrang zum Anfänger- und gleich auch zum Aufbaukurs im November 2001 bei Betty Pat. an. Ich beschließe, falls ich Talent habe, sogar an einem echten Schädel zu probieren und dafür einen deutschen Totenkopf in die Südstaaten der USA mitzunehmen.

 

Doch wie reist man mit einem menschlichen Schädel im Koffer nach Amerika? Das Versuchsobjekt, dessen menschliche Züge ich nachbilden will, finde ich rasch. Es ist Teil eines Skeletts, das in einem Wald bei Frankfurt gefunden wurde und von dem die Polizei nun wissen will, zu wem es gehört. Wir bekommen oft Knochen von der Kripo, die im Wald oder bei Erdhubarbeiten gefunden werden.

Die Beamten stellen uns gefüllte Papiertüten mit ihren Fundstücken auf den Seziertisch und fragen: »Human oder nicht?« Handelt es sich also um Tier- oder um Menschenknochen? Für den Transport verwendet man Papier, kein Plastik, damit nichts schimmelt und keine DNA zerstört wird. Oberarme, Beine, Becken, Unterschenkel, Wirbel und den Schädel erkenne ich beim Blick in die Tüte an der speziellen Ausformung sofort. Schwieriger wird es bei kleineren Knochen. Eine abgebrochene Rippe, ein Fingerknöchelchen oder ein Teil vom inneren Gesichtsschädel, das kleiner als ein Zweieurostück ist. Bei einem Stück von der Orbita, also der Augenhöhle, reichen jedoch zwei bis drei Zentimeter, um zu sagen-. Das ist menschlich.

 

So ist es auch bei diesem Skelettfund. Nachdem ich die Tüten geleert habe, schüttle ich Erde, Blätter und Wurzelwerk durch das große Hinterhauptloch des Schädels heraus, sortiere Hasen- und Rehknöchelchen und Holzstückchen aus, die leicht einer Rippe ähneln, und säubere alles mit einer Zahnbürste. Ich halte inne, als ich auf den toten Knochen etwas Lebendiges entdecke. Eine kleine Schnecke hangelt sich am Steißbein entlang, ihr winziges Häuschen schwankt. Vorsichtig streckt sie ihre Fühler aus, als sie wieder Luft um sich spürt, wenn auch nur die unseres Sezierkellers.

Auf einem Tuch ausgebreitet, setze ich das Skelett von oben bis unten zusammen. Mithilfe des Schädels und des Beckenknochens bestimme ich das Geschlecht des Toten und anhand der Oberarmknochen seine Körpergröße. Normalerweise kann man dafür auch die Knochen der unteren Extremität (Oberschenkel, Schien- und Wadenbein) verwenden, aber in diesem Fall sind sie durch Tierfraß beschädigt und daher verkürzt. Meine Untersuchung ergibt, dass es sich um einen ausgewachsenen Mann handelt. Er war zwischen 1,77 und 1,87 Meter groß und hatte Verschleißerscheinungen an den Gelenken. Meiner Schätzung nach ist er zwischen 50 und 55 Jahre alt geworden. Dieses Ergebnis leite ich an die Kriminalpolizei weiter. Mit diesen Angaben überprüft sie ihre Vermisstendatei und schickt eine Hundertschaft in das Fundgebiet, um es zu durchkämmen. Und wirklich, sie finden noch ein paar stark verrottete, wurzeldurchwachsene Kleidungsstücke, ein Teppichmesser und ein riesiges Paar Schuhe, in denen noch die Fußwurzelknochen stecken. Die Schuhgröße 49 grenzt die Zahl der vermissten Personen zwar ein, trotzdem bleiben alle Hinweise schwammig, und keiner weiß, wer der Tote aus dem Wald ist.

 

Da die Identität also bisher nicht geklärt ist, erhalte ich die Zustimmung, das Gesicht auf dem Originalschädel wiederherstellen zu dürfen. Doch dann kommt der elfte September, zwei Flugzeuge rasen in die New Yorker Twintowers. Die Welt wird von Angst überflutet, und ich fürchte, dass der Rekonstruktionskurs abgesagt wird. Aber ich habe Glück, er findet trotzdem statt. Vor meiner Abreise fragt mich jeder, ob ich keine Flugangst habe. Der Beruf der Rechtsmedizinerin lehrt mich, die Angst vor dem Tod anzusprechen. Sterben ist kein Ereignis, das einen gewöhnlich am Ende eines langen, erfüllten Lebens erwartet. Jeden kann es plötzlich treffen, was die täglichen Fälle auf unseren Sektionstischen zeigen. Da bricht ein 45-Jähriger im Büro zusammen und stirbt, noch bevor der Notarzt eintrifft, an einer Hirnblutung, weil bei ihm eine kranke Hirnschlagader geplatzt ist. Oder die 39-Jährige, die sich stets gesund ernährt und ein strenges Fitnessprogramm absolviert, frühstückt sonntags noch mit ihrem Mann, danach geht er mit dem Hund spazieren, und als er zurückkommt, liegt sie, im Sportdress, tot auf der Gymnastikmatte. Die Obduktion ergibt, dass sie einen Herzinfarkt erlitten hat, und ihr vernarbtes Herzgewebe verrät uns, dass es nicht der erste gewesen ist. Niemand aus ihrer Umgebung, und vermutlich nicht mal sie selbst, hat bei ihrer gesunden Lebensweise damit gerechnet, dass sie so plötzlich, beim Turnen, sterben könnte.

Um meine persönliche Sicherheit sorge ich mich jedoch nicht, noch bin ich kinderlos, und meine Eltern spreche ich frei. Was ich mir in den Kopf setze, das ziehe ich durch, falls mir beim Fliegen etwas passiert, brauchen sie sich nicht schuldig fühlen, sie hätten es mir nicht ausreden können. Außerdem wurde an den Flughäfen noch nie so viel kontrolliert wie nach den Terroranschlägen von New York. Aber genau dies ist mein Problem. Wird es mir gelingen, den Totenschädel durch den Zoll zu schleusen?

Ich lasse mir mein Vorhaben von der Polizei und der Staatsanwaltschaft schriftlich bestätigen und erhalte ein Zertifikat, mit Aktenzeichen, universitärem Briefkopf meines Chefs und dem Text, dass seine Assistentin zu Lehrzwecken einen Schädel mitnehmen darf. Nur, wie soll ich ihn möglichst unauffällig in meinem Gepäck verstauen? Ich entscheide mich, ihn in drei Teile zu zerlegen: die Kalotte, also das knöcherne Schädeldach, das bei einer Obduktion routinemäßig abgetrennt wird, den Unterkiefer, der sowieso lose ist sowie den übrigen Gesichtsschädel. Ich polstere alles mit Socken und T-Shirts aus und lege die Einzelteile möglichst weit von einander getrennt in meinen Koffer. So hoffe ich, wird keiner der Leute, die am Flughafen an den Scannern stehen, auf dem Röntgenbild erkennen, um was es sich genau handelt. Trotzdem bange ich, womöglich als Mörderin zwischen den Passagieren herausgezerrt zu werden. Auch weiß ich nicht, ob ein Schädel wegen des Verdachts auf Keime oder Ähnliches, als gesundheitsgefährdend gilt. Ein »Infektionsunbedenklichkeitsschreiben« kann ich nämlich nicht vorweisen. Ich nehme mir vor, falls jemand Fragen stellt, sofort alles zu gestehen. Mit Herzklopfen hieve ich meinen Koffer im Frankfurter Flughafen auf das Fließband und sehe ihn durch die Lamellen ins Ungewisse verschwinden.

Die Gedanken rasen in mir. Erinnerungen kommen hoch. Erlebnisse, als ich schon mal Schwierigkeiten mit dem Zoll hatte. Einmal, als Medizinstudentin noch, traf ich nach einem langen Flug kaputt und müde in Jamaika ein und wurde nicht aus dem Terminal gelassen, weil ich keine Hotelbuchung vorweisen konnte. Ich hörte die karibischen Uhren ticken, die sich in diesem tropischen Land besonders behäbig über die Zifferblätter zu schleppen schienen, als wollten sie nicht ins Schwitzen kommen. Die Zollbeamten ließen mich schmoren, obwohl mein Freund Tage vorher ein Hotel für uns gebucht hatte und ich ihnen bedeutete, dass es dieser Mann dort drüben sei, dem ich jetzt winkte und der sogar zurückwinkte, ja, genau der, den auch sie von hier aus, hinter der Schleuse sehen könnten. »Er hat die Buchungsbestätigung für mich«, sagte ich. Doch sie blieben stur und ließen mich nach nervenaufreibend langer Wartezeit erst ins Land, nachdem ich unterschrieben hatte, keinesfalls länger als drei Monate zu bleiben.

Und ich erinnere mich an ein anderes Mal, als ich auf dem Rückflug aus Hongkong war, wo ich zur Famulatur, dem vorgeschriebenen viermonatigen Praktikum während des Medizinstudiums, in einer Klinik gewesen bin. »Passenger Mrs. Niess, please come ... «, ertönte es aus den Lautsprechern. Ich musste meinen Koffer aufmachen, all meine Sachen herauslegen. Ich besaß einen Walkman, den sollte ich öffnen und die Batterien entfernen. Warum, weiß ich bis heute nicht, aber diese Erfahrungen haben sich bei mir eingeprägt. Seither müsste ich auf alle möglichen Schikanen gefasst sein, dennoch ist mir bange, was mir nun bevorsteht.

Durch die Terrorwarnungen dauert das Einchecken in Frankfurt ungewöhnlich lange. Und tatsächlich werde ich aufgefordert, mein Gepäck zu öffnen. Einen Moment bleibt mir fast das Herz stehen. Doch es geht nicht um den großen Koffer, sondern nur um meine Tasche, in der ich immer ein Notfallset dabeihabe. T-Shirt, Zahnbürste und Waschzeug, falls der Flug ausfällt und ich eine Nacht irgendwo überbrücken muss. Die Sicherheitsbeamten beschlagnahmen die kleine Nagelfeile zum Ausklappen und die Nagelschere,- vor dem elften September sind diese Utensilien problemlos mitgereist. Ansonsten geschieht nichts. Auch als ich in den USA lande und zum Weiterflug umsteige, findet es keiner auf den Überwachungsmonitoren merkwürdig, dass ich einen Totenschädel dabeihabe. Bis ich vor dem ICE (United States Immigration and Customs Enforcement) stehe, dem amerikanischen Zoll. Dieses Ministerium ist für Innere Sicherheit verantwortlich. Es enttarnt Grenzverletzungen und Gefährdungspotenziale. Sind mein blinder Passagier und ich solch ein Potenzial? Als Erstes soll ich den Zweck meiner Reise angeben, ich schreibe »Fortbildung« auf das Formular. Der Zollbeamte, in seinem Kasten schräg unter mir, blättert in den Papieren, vor, zurück, vor, zurück. Habe ich etwas falsch ausgefüllt? Werde ich gleich verhaftet? Er sieht zu mir hoch und mustert mich. Obwohl er es auf meinem Ticket gelesen haben muss, fragt er mich nach meinem Reiseziel.

»Norman, Oklahoma«, sage ich und hoffe, dass mein Koffer inzwischen sicher auf das Gepäckband gerutscht ist.

Mit hochgezogenen Augenbrauen sieht er mich an, als hätte er sich verhört: »Was zum Teufel wollen Sie in dieser Pampa?«, stößt er aus. »Außer Kartoffeln, Vieh, Ölfeldern, Hitze und Tornados gibts da doch nichts.« Er fächelt sich mit den Transportpapieren für den Schädel Luft zu.

Ich erzähle, was ich dort vorhabe. Der Beamte, ein typischer Amerikaner, freundlich und neugierig, hört mir interessiert zu und löchert mich anschließend mit Fragen. Würde er nicht beim Zoll arbeiten, wäre er bestimmt Krimiautor, denke ich erleichtert. Am Ende wünscht er uns beiden, dem unbekannten Toten und mir, eine gute Weiterreise. Mein »Knetkurs« kann beginnen.

 

In Norman Oklahoma sitze ich als einzige Europäerin und Ärztin zwischen amerikanischen Polizeibeamten, künstlerisch ambitionierten Hausfrauen, einer Studentin, die etwas in Richtung »Forensic Science« machen will, und einem Maskenbildnerlehrling aus Hollywood. Ich genieße die Atmosphäre zwischen Lehrenden und Lernenden während der Vorlesungen und in der Cafeteria der Universität. Besonders meine Lehrmeisterin Betty Pat. beeindruckt mich. Eine ältere Frau mit Föhnwelle, knallrotem Lippenstift, Cowboystiefeln und einer brotscheibengroßen silbernen Gürtelschnalle mit Schädelmotiv und Federschmuck, an der Skulls (Schädel) hängen. Außerdem trägt sie ein Bolotie, ein schwarzes, von einer Silberbrosche zusammengehaltenes Lederband, das Markenzeichen der Südstaatler, um den Hals. Als anatomische Zeichnerin illustrierte Betty Pat. medizinische Bücher und Anatomie-Atlanten und eignete sich zusammen mit dem Anthropologen Dr. Clyde Snow ihr ganzes Wissen über die Schädelrekonstruktion selbst an. Mein Respekt und meine Bewunderung steigen noch weiter, als sie uns von ihren 120 Rekonstruktionen erzählt, die sie bereits erschaffen hat. Dabei ist es auch ihr wie allen Rekonstrukteuren wichtig, dass die Leute mithilfe der Skulptur identifiziert werden können. Nach einiger Theorie über die Gesichtsknochen und die Muskulatur erhalten wir endlich Modellierwerkzeug, dazu Plastilin und Radiergummistangen aus Hartplastik, um uns Weichteilmarker zurechtzuschneiden, die die Gewebedicke zwischen Schädelknochen und Haut vorgeben. Zu Beginn erhält jeder zum Üben einen Plastikkopf. Unsere Lehrmeisterin verrät uns nur, dass es sich bei dem Abguss eines Originaltotenschädels um das Abbild eines 25-jährigen Mannes handelt. Dann geht es los.

 

Am Anfang der Rekonstruktion steht das exakte Einpassen der Glasaugen in die knöchernen Augenhöhlen. Standen die Augen des Menschen weit auseinander oder nah beisammen? Ob sie einen Millimeter weiter rechts, weiter oben oder unten sitzen, entscheidet, ob es im Gedächtnis des Betrachters rattert und er die Person wiedererkennen wird. Aber auch wie tief ich die Augen in die Höhlen einfüge, beeinflusst später den Gesamteindruck. Wie weit wölbt sich die Hornhaut mit der Iris im Profil betrachtet zwischen dem oberen und unteren Augenlid vor?

Mit einer Schublehre messe ich die knöchernen Begrenzungen der Augenhöhle millimetergenau ab. Wenn ich die Glasaugen im Knochen befestige, quellen sie noch stark hervor und wirken zunächst wie falsch platziert. Dies unterscheidet meine Arbeit von der einer Bildhauerin, mir geht es um wissenschaftliche Genauigkeit. Künstler neigen dazu, ihre Werke von Anfang an mit ästhetischen Maßstäben zu betrachten, versuchen, das Gesicht sofort zu glätten und zu beschönigen, denn so kann es nicht stimmen, so verschoben und auffällig anders kann der Mensch nicht in Wirklichkeit ausgesehen haben. Davon muss ich mich freimachen. Mein persönliches Empfinden beim Betrachten der Skulptur spielt in dieser sehr frühen Phase, in der es erst mal nur um Fakten geht, keine Rolle. Der Knochen ist mein Maßstab, er sagt mir genau, wie ich das Auge einsetzen muss. Meist ändert sich der erste Eindruck eines merkwürdig anmutenden Gesichts, sobald ich die Knetmasse, die das fehlende Weichgewebe ersetzen wird, aufgelegt habe.

Habe ich also die Augen in die Höhlen gesetzt, schneide ich mir mithilfe der Angaben in der Weichteiltabelle die sogenannten Marker zurecht. Dafür benutze ich weiße Radiergummistangen, die ich millimetergenau abmesse und nummeriere. Diese Gummistifte klebe ich dann auf exakt definierte Punkte des Schädels, auf Stirn, Jochbein, Kiefer, Kinn. So weiß ich, wie dick ich das Plastilin auf den Knochen legen muss, um die Gesichtszüge nachbilden zu können. Ich forme den Mund, die Augenlider, die Nase und alle weiteren individuellen Merkmale eines menschlichen Antlitzes. Wenn mir bekannt ist, dass der Tote zu Lebzeiten fettleibig war, lege ich an charakteristischen Stellen mehr Plastilin auf, genauso entferne ich bei einer mageren Person wieder etwas. Die Basis aller gestalterischen Entscheidungen sind die Knochen und die Wissenschaft. Erst ganz am Schluss werde ich auch zur Künstlerin, wenn ich dem Gesicht diesen lebendigen Funken gebe, den es braucht, um eine Erinnerung wachzurufen. Täte ich das nicht, würde nur eine starre Maske entstehen.

 

Natürlich lernen wir in Oklahoma nur die Grundlagen des Modellierens kennen, aber meine Begeisterung ist geweckt. Im Lauf der folgenden Jahre beschäftige ich mich mit sämtlichen Methoden der Gesichtsrekonstruktion. Schon in der Vergangenheit wurden Versuche unternommen, Gesichter zu rekonstruieren. Im 19. Jahrhundert malte man Neandertaler in Ölporträts auf Grundlage ihrer Schädel und verlieh den Urmenschen damit einmal mehr menschliches, mal mehr affenähnliches Antlitz. Anatomen erkannten die Möglichkeit, mithilfe des Schädelknochens die äußere Form eines Gesichts wiederherzustellen. Sie identifizierten historische Persönlichkeiten, wie Raffael, Haydn, Dante und Kant im Vergleich mit ihren Selbstporträts und den gefundenen Schädeln. 1895 beteiligte sich der Anatom Wilhelm His (1831-1904), der sich als Erster mit den Gesetzmäßigkeiten der Weichteildicken auseinandergesetzt hat, an der Zuordnung der Gebeine von Johann Sebastian Bach und rekonstruierte sein Antlitz. Sein Kollege, der deutsche Anatomie-Professor Hermann Welcker (1822-1897) entwickelte ein neues Verfahren der Schädelvermessung, das es ermöglichte, Bilder und Totenmasken von Personen den richtigen Schädeln zuzuordnen.

Welcker wurde auch zurate gezogen, als es darum ging, Friedrich Schillers Schädel zu identifizieren. Und das kam so: Der Dichter war 1805 ohne Pomp und Ehren in einem Massengrab als 52. Leiche beigesetzt worden und sollte zwanzig Jahre später in ein Denkmal überführt werden, doch man konnte seine Gebeine nicht mehr eindeutig zuordnen. In einer geheimen, mitternächtlichen Aktion, ohne die Angehörigen der anderen Toten zu fragen, räumte man einige Särge aus. Die Knochen wurden auf die eine, die Sargreste auf die andere Seite sortiert. Danach bestellte der Bürgermeister von Weimar den Sargtischler und den Diener Schillers zu sich nach Hause, reihte die 23 erbeuteten Schädel auf und bat die beiden, ihm bei der Bestimmung des richtigen Schädels zu helfen. Die Wahl fiel auf denjenigen, der am größten und am edelsten geformt war. Der mit 46 Jahren verstorbene Dichter war tatsächlich groß und stattlich und hatte ein auffallend gesundes Gebiss. Allerdings fehlte bei dem zugeordneten Schädel der Unterkiefer, sodass man die Vollständigkeit des Gebisses nicht überprüfen konnte. Also suchte man nachträglich einen passenden Unterkiefer und Schillers Familie erkannte die Reliquie als echt an. 1826 wurde der Schädel feierlich im Sockel einer lebensgroßen Marmorbüste in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek platziert. Seine Gebeine, die nur noch zur Hälfte auffindbar waren, darunter ein Stück des linken großen Zehs, verwahrte man in einer Kiste im Keller der Bibliothek. Goethe, der den Schlüssel zur Marmorbüste verwaltete, präsentierte auserwählten Besuchern, wie Wilhelm von Humboldt, den Schädel seines Dichterfreundes in seinem Privathaus auf blauem Samt gebettet unter einem Glassturz, bis schließlich das gesamte Skelett einschließlich des Schädels in der großherzoglichen Fürstengruft zu Weimar zusammengeführt wurde. Fünf Jahre später starb auch Goethe und wurde im Sarkophag neben Schiller beigesetzt.

 

Als im Jahr 1883 der Direktor des Anatomischen Instituts in Halle, eben jener Hermann Welcker, diesen Schädel mit Schillers Totenmaske aus Gips verglich, kam er zu dem Schluss, dass er nicht von Schiller stammen konnte. Ein heftiger Streit unter den Anatomen entbrannte. 1911 stieg der Tübinger Anatom August von Froriep erneut in die inzwischen verfallene Gruft auf dem Jacobsfriedhof in Weimar und beförderte weitere Schädel ans Tageslicht. Er präsentierte gleich ein vollständiges Skelett inklusive Schädel: Nummer 34 von 63 sei der richtige, behauptete er. Zwei Schädel, zwei Skelette, welche gehörten zum echten Schiller? Man wusste es nicht, deshalb hängte man kurzerhand einen Vorhang vor den Sarg in der Fürstengruft. Er sollte weitere hundert Jahre den »Unbekannten« verbergen.

Erst 1961 nahm man sich seiner wieder an. Die Deutsche Akademie der Wissenschaften lud einen weiteren Pionier der plastischen Gesichtsrekonstruktion nach Weimar ein, den Russen Michail Michailowitsch Gerassimow (1907-1970). Er sollte herausfinden, in welchem Sarg die sterblichen Überreste des echten Schiller liegen. Gerassimow war durch seine sehr differenzierte Gesichtsforschung bekannt geworden. Er orientierte sich ausschließlich an den Muskeln, Knorpeln und Drüsen des Gesichts und schuf Rekonstruktionen von Urzeitmenschen sowie vermissten Personen aus seiner Umgebung, aber auch von bekannten Persönlichkeiten wie Iwan dem Schrecklichen, was man in seiner Autobiografie »Ich suchte Gesichter« nachlesen kann. Er untersuchte die Inhalte der beiden Schiller-Särge, rekonstruierte die Gesichter zu den Schädeln und stellte seine Vorgehensweise in eindrucksvollen Zeichnungen und Skulpturen dar. Der durch Froriep zugeordnete Schädel stammte von einer jungen Frau, der Unterkiefer dagegen von einem über 60-jährigen Mann mit einem abgenutzten Gebiss. Welcker hatte den zuerst identifizierten Schädel für falsch gehalten, weil die Totenmaske nicht gepasst hatte, jetzt stellte sich heraus, dass es die Totenmaske war, die nicht exakt genug angefertigt worden war. Der Bildhauer hatte Schillers Haar, um es nicht zu beschädigen, mit einem dicken Tuch umwickelt und dadurch die Kopfform verfälscht. Trotzdem blieben Zweifel an der Echtheit des Schillerskeletts und sie dauern bis in die Gegenwart. Vor ein paar Jahren wurde die aus dem Skelett gewonnene DNA mit jener der Nachfahren Schillers verglichen, was die Verwirrung weiter befeuerte, denn es stellte sich heraus, dass die Knochen von mindestens drei Personen stammen, keine jedoch ein Schiller-Gen in sich trägt. Deshalb ist Friedrich Schillers Sarkophag in der Fürstengruft in Weimar heute leer.

Auch andere Wissenschaftler aus vielen Ländern nahmen im 20. Jahrhundert Weichteilmessungen vor und setzten sich mit der Gesichtsrekonstruktion auseinander. Zuerst begann man mit der sogenannten Superimposition zu arbeiten. Dabei wurden Gesichtsaufnahmen auf das Bild eines Schädels gelegt, um festzustellen, ob es sich um eine vermisste Person handeln könnte. Aus den dabei gewonnenen Erfahrungen und in Kombination mit den Weichteilmessungen entwickelten Forscher eine Weichteiltabelle und präzisierten sie nach Typ, Alter und Geschlecht. Amerikanische Wissenschaftler, darunter der Anthropologe Dr. Clyde Snow und die damals noch anatomische Illustratorin Betty Pat. Gatliff griffen diese Methode auf und verfeinerten die Technik.

Prof. Caroline Wilkinson und ihre Arbeitsgruppe in Manchester hingegen bauen auf der »russischen« Methode auf, die von Gerassimow entwickelt wurde. Sie stellen zuerst die Gesichtsmuskeln und alle Knorpel mit Plastilin exakt nach, bevor sie die oberste Schicht Knete, sozusagen die Haut, darüberlegen. Aber sie orientieren sich auch anhand der Weichteilmarker an der »amerikanischen«, ursprünglich deutschen Methode, die die Gewebedicke vorgeben. Alle Arten der Gesichtsrekonstruktion sind eine gelungene Kombination aus präziser Wissenschaft und künstlerischem Geschick, die ich später zu meiner ganz eigenen Technik verschmelzen werde, um immer auf dem wissenschaftlich neuesten Stand zu arbeiten.

 

Von diesen Hintergründen weiß ich noch nichts, als meine Kurskollegen und ich in Norman Oklahoma unseren ersten Kopf gestalten. Vorerst ringen wir noch mit den ganz normalen Anfängerproblemen, wie formt man überhaupt Augenlider, wie die Lippen oder die Ohren? Als die Modelle endlich fertig sind, ergänzt jeder von uns ganz willkürlich das Erscheinungsbild durch eine Perücke oder einen Bart und mancher setzt der Skulptur sogar die eigene Brille auf. Auf den ersten Blick entsteht so ein Dutzend unterschiedlicher Köpfe. Bei genauerem Hinsehen aber erkennen wir, dass Gesichtsform und Proportionen sehr ähnlich sind, denn sie basieren auf ein und demselben Knochengerüst. Erst später, zurück in Deutschland, bei der nächsten vollkommen selbstständigen Rekonstruktion, werde ich erfahren, wie solch übertriebene Ausschmückungen das Wiedererkennen erschweren können.

 

In der zweiten Woche meines amerikanischen Intensivkurses ist »Horst« an der Reihe. Mit diesem für sie typisch deutschen Namen taufen meine Modellierkollegen den mitgebrachten Schädel. Learning by doing, ich strenge mich an, versuche den Menschen aus jenem Schädel herauszuholen, der einst Teil seines Ichs gewesen ist. Die technischen und bildhauerischen Fertigkeiten fordern mich, Zweifel kommen auf. Doch nach und nach begreife ich, dass es tatsächlich so ist, wie Betty Pat. es uns lehrt. Hält man sich an die genauen Abmessungen, kommt ein völlig eigenes Gesicht dabei heraus. Und gleichzeitig ergreift mich die Erkenntnis, dass der Knochen mich leitet, es ist alles da, ich muss nichts erfinden. Wie der Fingerabdruck oder die DNA ist die Kopfform jedes Menschen einmalig. Sie verrät viel über das Gesicht. Eine breite Nasenöffnung lässt auf eine entsprechend breite Nase schließen. Der Nasenstachel, das heißt die knöcherne Spitze, verrät, ob die Nase einem »Himmelschmecker« gehörte oder eher nach unten zeigte. Wenn das knöcherne Nasenbein stark gekrümmt ist, hatte der Mensch vermutlich auch einen Höcker auf der Nase. Deshalb ist es wichtig, einen Kopf nicht nur frontal darzustellen, sondern auch im Profil, ansonsten gehen charakteristische Merkmale verloren, denn eine markante Stirn, eine höckerige Nase oder ein fliehendes Kinn sieht man kaum von vorne.

Ich gebe mir Mühe, all dies zu berücksichtigen. Mit Betty Pat.’s Unterstützung entsteht tatsächlich ein fertiger Kopf mit einem sehr individuellen Gesicht. Staunend und voller Freude stehe ich schließlich dem Porträt eines Mannes in den besten Jahren gegenüber. Er besitzt ein schmales Gesicht und eine lange, schmale Nase. Sein Haar habe ich mit Plastilin und dem Modellierholz nur angedeutet.

 

Natürlich muss »Horst« mit zurück nach Deutschland reisen, denn ich brenne darauf, herauszufinden, ob meine Skulptur jemandem ähnelt. Also verpacken wir den Kopf zuerst in Schaumstoff, dann in einer riesigen Tupperschachtel. Wieder gelingt es, diesmal die sogar noch knetweiche Rekonstruktion im Ganzen über den Ozean zu fliegen.

Zu Hause fotografiere ich meine Gesichtsrekonstruktion von allen Seiten und leite die Bilder an die Polizei weiter. Kurz darauf besucht mich der zuständige Kripobeamte und ich erfahre den neuesten Ermittlungsstand. Während ich in Oklahoma war, hat die Polizei Bekannte aus dem Umfeld des Toten aufgespürt. »Wir haben einige Arbeitskollegen von ihm gefunden«, berichtet der Kommissar. »Der Tote war vermutlich Gabelstaplerfahrer in einer Tischlereibedarfsfirma. Seine Kollegen sagten auch etwas über den ungefähren Zeitraum des Verschwindens aus, und der stimmt mit Ihrer Einschätzung der Liegezeit der Knochen überein.«

In mir beginnt es zu pulsieren, doch ich versuche meine Anspannung noch zu verbergen, höre weiter zu.

»Außerdem lieferten diese Leute ein paar Hinweise. Einer erkannte das Teppichmesser wieder, das wir bei den Skelettteilen im Wald gefunden haben. So eines habe der vermisste Arbeitskollege immer bei sich getragen. Ein anderer beschrieb seine >Quadratlatschen<, Schuhgröße 49. Als wir über die Zeugenbefragung dann auch noch eine Blutsverwandte, angeblich seine Mutter, ausfindig machten und von ihr sogar eine Speichelprobe für einen DNA-Vergleich erhielten, glaubten wir schon an einen Durchbruch. Doch leider stimmte ihre DNA nicht mit der des Toten überein. Ein verwandtschaftliches Verhältnis mit der alten Frau aus Wernigerode wird ausgeschlossen.«