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Was wie ein normaler Tag begann, entwickelt sich für den deutschen Architekten Frank Roland zu einem nicht enden wollenden Albtraum. Er erfährt, dass ihn sein Bruder Rolf in den Ruin getrieben hat, ermordet ihn und flüchtet nach Mombasa. Dort kommt er in Kontakt mit einer Verbrecherorganisation und soll Diamanten aus dem Herzen Afrikas schmuggeln. Die Reise durchquert den großen afrikanischen Graben, bis zum Tanganjikasee. Es treten immer mehr Ungereimtheiten auf, die in einer Vorhersage eines alten Afrikaners, eines Manga, gipfeln: Frank wird auf seiner Reise einen farblosen Mann begegnen, der ihn ins Unglück stürzt. Aufgewühlt sucht er das Büro seines Mittelsmannes. Als ihm der junge Afrikaner Jumbe als Begleitung zur Seite gestellt wird, scheint der Rest eine Kleinigkeit zu sein. Doch was abenteuerlich beginnt, wird für Frank zu einer emotionalen Achterbahnfahrt. Auf dem Rückweg wird Jumbe ermordet. Nach dessen Tod versucht Frank alleine das Land zu verlassen. Überall stößt er auf Ablehnung und ungewöhnliche Transportbedingungen. Auf den Matatus drängen sich Kleinbauern und stillende Mütter eng zusammen, gackernde Hühner und Trockenfisch sammeln sich dort an. Er versucht mit letzter Kraft zurückzukehren, bis ihm der vorhergesagte Albino über den Weg läuft. Damit beginnt eine dramatische Entwicklung, bis die Rückreise ein jähes und unerwartetes Ende nimmt.
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Seitenzahl: 281
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Karl Dorsch
Die Gier des Mzungu
DIE GIER DES MZUNGU
oder
1
Der weiße Leib schimmert blass auf der linken Seite des holprigen Ackerweges. Aus dieser Entfernung kann man sich nicht vorstellen, dass die Figur mannsgroß ist. Ein zur Kugel geschnittener Buchsbaum und die hölzerne Bank darunter sind um diese Tageszeit nicht mehr zu sehen, nur die schwarze Silhouette des Waldes hebt sich noch klar vom Himmel ab. Dort, wo der Weg durch die Bäume ins kleine Tal führt, ist ein noch schwärzeres Loch, eine Art Tunneleingang zu erahnen. Seitlich davon die Figur, inzwischen schon größer. Die Gedanken sind bei seinem Plan, trotzdem signalisiert in ihm etwas, wer weiß, vielleicht die Seele, das zum Anhalten rät. Der Kopf wehrt sich, es hat ja alles keinen Sinn. Seine Schritte werden langsamer, die Augen sind starr nach vorne gerichtet, auf den Weg zum dunklen Durchgang des Waldes. Er bleibt ruckartig stehen, links von ihm der bleiche Leib in zwei Meter Höhe, fährt mit den Fingern durch sein Haar und schaut verstohlen zu den nackten Zehen hinauf, ja nicht ins Gesicht.
Es ist still, ganz still.
Sein Atem ist flach, dann ein Seufzer, die Augen feucht und warum soll er nicht mit ihm sprechen? Es ist egal, ob er fünf Minuten früher oder später ankommt. Seine Blicke tasten sich ruckweise, wie eine Fliege am Fenster, von den Füßen bis zum Antlitz.
Dann nimmt er im Inneren einen Anlauf.
„Jesus!“, sagt er leise und sucht die schwarzen Pupillen unter den niedergeschlagenen Augen der Figur, will ihn dadurch zwingen zuzuhören.
Dann der nächste Anlauf.
„Jesus, Gott“, wiederholt er deutlich und laut, „du hast versagt, wie ich!“ Er sammelt sich. „Wie oft habe ich mit dir hier gesprochen, wie oft habe ich dich um Hilfe gebeten?“, klagt er an. „Und jetzt? Meine Frau hat einen Anderen, ich habe nichts mehr und bereue meinen Diebstahl zutiefst. Ich bin in einer Sackgasse, nein, einer Einbahnstraße die am Abgrund endet.“
Er wartet kurz und schnaubt wütend durch die Nasenlöcher, wie ein Stier in der Arena. „Was ist?“, zischt er. „So rühre dich oder gib mir einen Einfall!“
Hermann Purecker lauscht und hofft auf einen Einfall, ein Wort Gottes oder ein Wunder. Hofft seit Jahren ohne Erfolg. In seinem fünfundsechzigsten Lebensjahr muss er erkennen, dass sein Fleiß, seine Arbeit, am Ende zu nichts geführt haben. Er ist alleine. Seinen Lebensabend wird er zuerst in einer Zelle, später irgendwo in einer schäbigen Wohnung verbringen, mit abgetragener Kleidung, so wie jetzt.
„Nein, das ist nichts für mich“, beschloss er vor einer Stunde, „lieber mache ich Schluss.“
In einem halben Jahr hätte er Rente bezogen, er, der gesittete Leiter einer österreichischen Bankfiliale, ohne Vermögen, ohne Frau.
„Du hilfst mir also nicht“, sagt er ruhig und nickt bedächtig. „Gut, ich habe verstanden und werde dich auch nicht bitten, mir die nächste halbe Stunde zu helfen. Es wäre leichter, aber ich schaffe es auch ohne dich.“
Er presst die Lippen aufeinander, schnaubt nochmals trotzig aus und geht weiter. Tränen kullern über seine Wangen, es werden mehr, der Rotz rinnt aus der Nase und er beginnt lauthals zu Heulen. Traurigkeit, Verbitterung, Hass und Wut auf sich selbst, kommen zum Vorschein, schlüpfen durch ein Ventil, eine Öffnung seines lang unterdrückten Kummers, ins Freie.
„Das hätte ich früher machen sollen“, stellt er fest, „mir wird dabei besser und ich weiß jetzt, dass ich es schaffe, ohne diesen Gott.“
Der Weg ist abschüssig.
In seiner Hosentasche fühlt er die kleine metallenen Taschenlampe und holt sie heraus. Das wenige Licht reicht, um die nächsten Schritte vor ihm zu erhellen. Der Pfad durch den Wald mündet nach zweihundert Meter in einen quer verlaufenden, befahrbaren Flurweg. Er schaltet die Taschenlampe aus, das Restlicht des Himmels lässt den Schotter hell genug erscheinen. Hermann Purecker biegt rechts ein und geht weiter leicht bergab, bis der Weg eben verläuft. Das kleinen romantischen Tal führt durch fruchtbare Felder und Hänge mit Wald der Bauern.
Rentner haben vor vielen Jahren an einer Böschung eine Bank zum Verweilen errichtet. Alte Balken als Sitzfläche, darüber ein luftiges Dach aus Brettern, ein idealer Platz für ihre Treffen. Er setzt sich und holt aus der linken Hosentasche eine schmale Taschenflasche, einen Flachmann, öffnet und trinkt die hochprozentige Flüssigkeit ohne abzusetzen aus. Ein Versuch den Hustenreiz zu unterdrücken endet in heftigem Räuspern und Schlucken. Der Platz ist idyllisch und über dem Hügel auf der anderen Seite des Tales schimmert der Himmel, die Reflexion der Lichter seiner Geburtsstadt. Er hört leise das Rollgeräusch und weiß, dass es innerhalb der nächsten fünfzehn bis zwanzig Sekunden seinen Höhepunkt erreicht.
Als Kind liebte er dieses Brausen und Dröhnen, jetzt steht er dort und erinnert sich an früher. Es wird laut, durchbricht zunehmend die Stille und die Lichter rasen auf ihn zu, dann zehn Meter an ihm vorbei, zur nächsten Stadt. Die vier Waggons sind beleuchtet, nur ein einziger Fahrgast sitzt darin. In etwa zehn Minuten kommt der nächste Zug von der anderen Seite, bis dahin hat er noch Zeit. Die Wirkung des Alkohols wird das Vorhaben erleichtern. Hermann Purecker wirft die leere Flasche weg und hört ein Klirren.
„Das wollte ich nicht“, sagt er, schaltet die Taschenlampe ein und leuchtet nach dem zerbrochenen Glas. Er steht auf, geht hin und sieht, dass es auf dem groben Schotter des Gleises liegt. „Hier stören sie nicht“, denkt er und schlendert zurück. Das Sitzen ist angenehm, der Schnaps entspannt, lässt es zu, an nichts zu denken.
Nach geraumer Zeit sagt ihm sein Gefühl, dass er aufstehen muss. Die Taschenlampe legt er auf die Bank, vielleicht braucht sie jemand, Ordnung muss sein. Er durchsucht seine Taschen, findet nichts Wertvolles und steigt auf das Gleis. Der Spaziergang zwischen den Schienen wird kurz sein, der Zug soll ihn von hinten erfassen. Die Schritte sind wie die eines Greises, aber das Herz schlägt schnell, wie das eines Läufers, kurz vor dem Ziel. Ein feines Vibrieren überträgt sich auf seine Beine, dann hört er das Rauschen des Zuges. Es wird lauter, sein Körper wirft einen langen, diffusen Schatten, der wird kürzer und deutlicher und er schreit: „Herr, lass mich nicht allein!“
2
Sie geht ins Umkleidezimmer und er folgt ihr.
„Was soll ich anziehen, Mike?“, fragt Anna Purecker ohne eine Antwort zu erwarten.
Michael hebt nur kurz die Schultern, nimmt seine auf einem Hocker abgelegte Kleidung und zieht sie an. Sie fingert einen knallroten Slip aus einer Schublade, eine Jeans vom Bügel und schlüpft in eine Bluse, drückt wie automatisch mit nachdenklichem Blick ihren Busen nach oben. Socken und Tennisschuhe dazu gefallen ihr am besten.
„Siehst toll aus“, sagt er. „Die schönste Witwe Österreichs. Und erst vierzig!“
Sie huscht an ihm vorbei und geht ins Bad, wo sie ihre schulterlangen, leicht gewellten, dunkelbraunen Haare in Form bringt. Dezent roter Lippenstift betont ihre unglaublich vollen Lippen, passend zu den hohen Wangenknochen.
„Und was denkst du, wo wir mit der Suche beginnen?“, fragt sie durch die offene Tür, mustert ihn dabei von oben bis unten und fühlt sich von dem muskulösen Körper angezogen. „Er würde zu mir passen, hat fast dasselbe Alter“, überlegt sie, „wenn nicht …“
„Keine Ahnung. Wo hatte sich dein Mann noch gerne aufgehalten? Wo konnte er Privatsachen verstecken?“
„Verstecken? Hermann hatte keine Geheimnisse“, sie stockt, „also dachte ich.“
„Was ist mit dem Dachboden?“
„Gute Idee“, antwortet sie und führt ihn hinauf, mit einem flauen Gefühl im Magen. Als sie die Hälfte der schmalen Treppe gegangen ist, will sie umkehren, ihren Plan aufgeben, aber Mikes Schritte hinter ihr, seine Nähe, sein lauter Atem lassen sie mutig werden.
„Komm!“, ruft Anna, greift nach seiner Hand und steigt weiter nach oben.
„Na, hier sieht es aus“, bemerkt er, als die Tür offen ist.
Sie geht hinein, macht Licht, hebt eine große Plastikplane an, unter der ein Schreibtisch zum Vorschein kommt, und schiebt sie zur Seite. Staub fliegt auf. Gemeinsam durchwühlen sie systematisch die vielen kleinen Fächer und Schubläden des schweren Pults, voll bis oben hin mit vergilbten Rechnungen, Plänen von Häusern, Notizen über Gespräche, Zetteln, sauber chronologisch geordnet, alles übersichtlich platziert.
„Wir sollten dort suchen, wo wenig Schmutz ist. Ich denke, dein Mann wird die Barren öfter verstohlen betrachtet und die Schwere des Goldes verspürt haben.“ Er steht vor einem Stapel mit Kisten, nimmt die oberste mit Zeitungen und Illustrierten und leert sie mit einem Schwung auf den Boden.
„Wie groß sind eigentlich Goldbarren?“, fragt sie.
„Je nach momentanem Wert“, antwortet er und durchsucht mit seinen Schuhen den Papierhaufen am Boden, „und Gewicht. Ein Kilo Gold hat etwa die Größe eines Fünf-Euro-Scheines und ist einen Zentimeter hoch. Und kostet über dreißigtausend Euro! Er kann sie in jeden Schlitz gesteckt haben.“
„Das glaube ich nicht, Hermann war zu ordentlich und gewissenhaft. Sie sind bestimmt alle zusammen in einem guten, leicht zugänglichen Versteck.“
Anna geht zu einem Bücherregal, zieht ein Exemplar heraus und durchblätterte es. Sie nimmt das nächste, hält es am Umschlag fest, dreht es so, dass die offenen Seiten nach unten zeigen und schüttelt.
„Was wird das?“
„Vielleicht ist ein Hinweis darin versteckt.“
„Ein Hinweis versteckt?“, äfft Mike ihr nach.
„Ich bin eben neugierig und wir haben viel Zeit.“
Er dreht sich um und entdeckt einen alten Schrank. „Du meine Güte! Das ist ja eine Antiquität.“
„Stimmt, ein Küchenschrank von seiner Mutter. Mir hatte er nie gefallen und ich finde ihn heute noch hässlich, deshalb ist er hier oben gelandet. Aber gute Idee, durchsuche ihn!“
Das Möbelstück ist aus massivem, dunkelbraunem Holz und hat eine Vitrine als Hochschrank, darunter zwei Reihen mit gleich großen Schüben. Mike zieht den ersten mühelos heraus und blickt ins Leere. Beim zweiten entsteht ein helles, klickendes Geräusch.
„Schau mal“, meint er leicht belustigt, „die sind kaum von dir.“
Anna legt ein Buch zur Seite, geht zum Schrank und schaut in Mikes Gesicht, mit nach unten verzogenen Mundwinkeln und Augenbrauen, die Mimik eines schlechten, traurigen Clowns. Beide stieren zugleich in den Schub, neigen ihre Köpfe zueinander, um den Blick des anderen zu finden, und sehen sich fragend an.
„Eine ist noch halb voll. Willst du einen Schluck?“, fragt er spöttisch.
„Ich hätte nie gedacht, dass mein Mann heimlich Alkohol trinkt. Nur, jetzt ist mir einiges klar. Er hatte in letzter Zeit häufig einen Kaugummi im Mund, für seine Zähne, angeblich. Ich verstand das nie, seine Besuche beim Zahnarzt waren regelmäßig und ohne schlechten Befund. Im Gegenteil!“
Sie dreht sich im Kreis, um alles aufzunehmen. Ein neues Gespür, eine Vorahnung steigt in ihr auf, hält sie fest, hier in der geheimen Welt ihres verstorbenen Mannes, eines Partners, der im Laufe ihrer Ehe völlig anderen Regeln gefolgt ist. So wie sie.
„Wir sind richtig“, äußert sie und nickt.
„Glaubst du?“
Systematisch und mit viel Ruhe öffnen beide jeden Schub, jedes Türchen und sind sich im klaren, dass sich der Erfolg nicht leicht einstellt. Sie nehmen jeden Schub nochmals heraus, drehen und wenden ihn und legen ihn zur Seite.
„Wir sind dumm“, bemerkt er, „wir denken zu kompliziert.“
Sie antwortet nicht darauf, oder nicht sofort. Anna strafft sich und blickt am Schrank vorbei zur Wand. Sie schiebt die untere Lippe über die obere, hält etwas zurück und ist unsicher, ob sie es sagen soll. Sie streicht über das linke Seitenteil des Möbels und wackelt mit dem Kopf hin und her.
„Mike, er hat es hinter dem Schrank versteckt. Wetten?“
„Um was wetten wir?“, fragt Mike und zieht die Augenbrauen zusammen.
„Nichts. Ich bin mir sicher.“
Sie fasst ihn mit beiden Händen an den Schulten und blickt in seine Augen: „Wir Frauen sind schlauer als ihr Männer. Er hatte öfter schmutzige und ausgebeulte Knie, das fiel mir auf.“
„Ja und?“
Sie antwortet nicht, geht neben den Schrank, kniet sich nieder und tastet mit einer Hand in den breiten Schlitz zwischen Mobiliar und Wand.
„Da!“, schreit sie fast und zieht ein gelb glänzendes Metallstück heraus. „Die Rückwand hat genügend Platz.“
„Du bist verrückt“, sagt Mike und kratzt sich am Hinterkopf.
Sie reicht ihm den Goldbarren und sucht sofort weiter. „Ich habe mehrere“, antwortet sie und legt, Stück für Stück, vierzehn Edelmetallblöcke nebeneinander auf den Boden. Sie steht auf, wischt ihre Knie ab und ist sprachlos.
„Wie viel ist das, Herr Sparkassenstellvertreter?“
„Etwa eine halbe Million.“
„Dollar?“
„Mehr! Euros.“
„So viel? Und wie können wir die einlösen?“
„Komm, setzen wir uns“, schlägt er vor und deutet zum Schreibtisch.
Sie sitzen auf der Arbeitsfläche und halten sich die Hand. Mike beißt sich mehrmals auf seine Unterlippe und schürzt nervös seinen Mund. Anna blickt ihn von der Seite an und schweigt. Was liegt da in der Luft, oder bildete sie sich das nur ein? Anna entzieht ihm langsam die Hand.
„Was ist?“
„Du hast wieder so etwas Dunkles in deinen Augen, Mike.“
„Nein, nein, ich habe Angst! Jetzt haben wir den Schatz und dürfen ihn nicht heben.“
„Was heißt das?“
„Die Barren sind nummeriert. Hier eintauschen ist unmöglich. Die Polizei wird früher oder später dahinterkommen, dass ich bei diesem Spiel nicht ehrlich war und deinen Mann gedeckt habe. Ich bin überzeugt, dass sie Spezialisten einsetzen werden. Und dass du einen Abschiedsbrief in deiner Aufregung verbrannt hast, glauben sie doch auch nicht.“
„Nummeriert?“ Ihr Atem geht schneller und das Gesicht wird blass. „Kann man das Gold im Ausland verkaufen?“, fragt Anna plötzlich zuckersüß und streichelt über seinen Oberschenkel. „Irgendwie?“
„Du meinst mich damit und hast Recht.“ Mike nimmt wieder ihre Hand und spürt, dass sie feucht geworden ist und kalt. Zweifel überkommen ihn, Zweifel über sie, und er kann es nicht in Gedanken oder Worte fassen. „Egal“, beginnt er, „ich werde verreisen, bevor mich die Polizei erneut ausfragt, mit zwei, drei Barren, den Rest versteckst du. Nicht im Haus, hörst du! Suche dir ein gutes Versteck aus. Meine Reise geht nach Mombasa, ein Urlaubsticket und von dort weiter in den Kongo.“
Sie blickt ihn unverstanden an, geht zum Dachgiebel und schaut durch das kleine, runde Fenster. „Da ist jemand im Garten.“
Mike geht ihr nach und stellt sich neben sie. Das Licht der Straßenlaterne reicht kaum bis zum Haus.
„Wo? Ich erkenne nichts.“
„Ich habe gesehen, wie jemand durch die Büsche streifte. Ganz links, in Richtung der Garagen.“
„Vielleicht eine Lichtspiegelung oder der Wind.“
„Nein. Eine Gestalt, nicht groß.“
Er sieht immer noch nichts. „Bestimmt ein Kind“, meint er schließlich und hofft, dass es stimmt. „Oder ein neugieriger Nachbar oder schon wieder jemand von der Presse.“
„Ein Kind um diese Zeit? Die Polizei hat dich vernommen und die Reporter sind abgezogen.“ Sie spitzt die Lippen. „Gibt es viele Gläubiger in Österreich, außer der Bank?“
„Das weiß ich nicht. Ich musste nur ab und zu als Stellvertreter unterschreiben.“
Anna beginnt zu zittern und blickt ihm in die Augen. Sie hat sich immer etwas Mädchenhaftes bewahrt, aber jetzt sieht Mike in ihr eine schnell gealterte Frau. Das Gesicht eingefallen, Falten um den Mund und eine graugelbe Haut.
„Was ist los mit dir?“, erwidert er in barschem Ton.
„Wie kommst du auf Mombasa?“, fragt sie ungläubig.
„Weil ich in Wirtschaftsjournalen gelesen habe, dass in den konfliktgeladenen Zonen der Republik Kongo Gold gefunden und geschmuggelt wird. Man kauft das wertvolle Metall von Händlern und Bergarbeitern aus kongolesischen Dörfern, die von Rebellen beherrscht werden. Sie verstecken das Gold und schaffen es in benachbarte Länder wie Kenia oder Tansania. Und dort werden die wertvollen Klumpen zertifiziert und zusammen mit anderem Gepäck in Richtung Naher Osten und Asien auf den Weg gebracht. Und ich bringe auch Gold, noch dazu in Barrenform. Das Umändern der Nummern ist für solche Leute eine Kleinigkeit.“
„Du bist ja erstaunlich gut informiert.“
„Gott sei Dank!“, entgegnet Mike, „sonst hätten wir ein riesiges Problem.“
Sie schweigen eine Zeit lang.
„Darauf hat mich dein Mann gebracht“, er wartet, „‚hatte‘ mich gebracht, muss ich jetzt sagen. Er ist tot, vom Zug überfahren und kommt nie wieder.“
„Ja“, sagt sie leise.
Sie wird nachdenklich. „Aber wieso er?“
„Weißt du, Anna“, beginnt Mike bedächtig und ist froh, ihr erzählen zu können, „weißt du, er war sich im klaren, dass du ihn verlässt. Da begann er zu überlegen, wie er zu Geld kommt, heimlich, ohne dein Wissen. Wenn wir uns in letzter Zeit unterhielten, dann fast nur noch über Goldanlagen. Seine Begeisterung war wie bei einem Jungen, der von einem Rennrad träumt. Alles darüber interessierte ihn, vor allem, wo das Edelmetall herkommt. Er sprach oft von Geldwäsche in afrikanischen Länder, das machte mich stutzig. Und dann war die Gelegenheit für ihn da, die Umschichtung in der Wiener Zentralbank. Sein Plan war mir schnell klar, er wollte das Haus verkaufen und mit Barren aus dem Depot abhauen. Vielleicht wusste er, wie man sie nach Afrika bringen kann. Du warst ihm als Gegner viel zu groß, deshalb die Flucht.“
Mike schaut sie an und fährt fort: „Und zu berechnend. Das kann ich sogar verstehen.“
„Du?“, fällt sie ihm ins Wort. „Was willst du damit sagen?“
„Du bist eine hübsche Frau, Anna, und intelligent. Davor hat jeder vernünftige Mann Angst. Ich glaube manchmal, du hast deine eigenen Pläne, ohne mich.“
„Aber Mike!“, schreit sie. „Wieso sagst du das? Du tust mir weh!“ Sie geht von ihm weg und gräbt ihr Gesicht in ihre Hände.
Mike geht ihr nach, hält sanft ihre Schultern und umklammert sie langsam. „Verzeih mir, du hast Recht. Es ist die Aufregung, sonst nichts. Ich habe eine Lösung, nur, ich muss dafür weg. Nicht lange. Verzeih!“
Sie gehen zurück zu dem kleinen Fenster und schauen Hand in Hand in die Nacht. Ein beruhigendes Gefühl stellt sich ein, als das Licht eines Flugzeugs den schwarzen Himmel durchkriecht. Die Straßenlaterne taucht den Vorgarten in ein mystisches, kaum wahrnehmbares Gelb. Eine Katze springt erschrocken aus den Büschen, drückt sich zwischen den Zaunlatten durch, bleibt unter der Laterne stehen und blickt zurück zum Garten. Beide beobachten das Tier, sehen ihren erschreckten Gesichtsausdruck und suchen nach dem Grund.
„Was hat das Tier?, sorgt sich Anna. „Es ist aus der Nachbarschaft und wird von mir ab und zu gefüttert.“
„Es hat Angst.“
„Das weiß ich, nur wovor?“
„Gut, ich habe schon verstanden“, sagt Mike und geht zur Treppe. „Du bleibst heroben und lässt das Licht an.“
Mike steigt die Treppen hinab, schließt die Tür zum hinteren Garten so leise als möglich auf und geht hinaus. An der Abbiegung zum Vorgarten hält er an und streckt seinen Kopf um die Ecke, wie ein Fischreiher bei der Jagd. Das fahle Licht ist günstig, er kann kaum entdeckt werden, aber selber auf die wenige Meter entfernte Straße sehen. In den Büschen rührt sich nichts und die Katze ist weg. Links von ihm parken in einhundert Meter Entfernung zwei Autos hintereinander, ansonsten sieht er nichts. Als Mike zurück will, kommt ein Mann von mittlerer Größe hinter den Autos zum Vorschein, blickt lange in seine Richtung und steigt in das vordere Fahrzeug. Mike wartet, dass der Motor anspringt und weggefahren wird. Aber es geschieht nichts. Er geht auf die Straße, um das polizeiliche Kennzeichen lesen zu können. Das Auto startet und fährt weg. Hinter ihm raschelte es. Mike dreht sich erschrocken um, sieht einen Schatten neben der Garagenmauer und rennt los.
„Anna! Verdammt noch mal, was machst du hier?“
„Ich habe ihn gesehen!“, entgegnet sie ganz aufgeregt.
„Wen?“
„Den Mann! Er ging nach links die Straße entlang.“
„Aha. Und hast du gesehen, ob er aus einem Garten kam?“
„Nein, nur dass er auf der Straße war.“
„Das gibt uns keine Gewissheit. Ich habe jemanden mit dem Auto wegfahren sehen. Aber vielleicht ist alles Zufall und ein Marder hatte zuvor die Katze erschreckt“, meint Mike unsicher.
„Und der Marder ist dann mit dem Auto weggefahren, oder?“, erwidert sie spitz.
Sie gehen hinein, machen Pläne über ihre Zukunft und sind sich im klaren, dass viele Schwierigkeiten zu überwinden sind. Anna kann nicht glauben, dass alles so einfach ist, wie Mike es vorhat. „Und wieso nach Afrika?“, fragt sie, „und wieso so schnell?“
3
Anna öffnet das schwarze, schmiedeeiserne Tor so sanft wie möglich, um das Quietschen der Scharniere auf ein Minimum zu beschränken. Nach ihrem letzten Besuch hatte sie sich vorgenommen Öl mit zu bringen und in diese Drehgelenke zu träufeln. Nur, wie würde das aussehen, wenn jemand beobachtet, wie eine trauernde Witwe die Arbeiten der Friedhofsverwaltung übernimmt und vor allem, wieso stört sie dieses leicht schneidende Geräusch?
Mike würde diese Arbeit für sie übernehmen, wenn er noch da wäre. Seit zwei Wochen ist er in Kenia und telefoniert selten mit ihr.
Für sie ist es wichtig, hier nicht gesehen zu werden, zumindest nicht so oft. Natürlich könnte sie sagen, die Trauer zwingt sie dazu, dennoch ist es auffällig, wenn ständig das Grab gerichtet wird. Anfangs hatte sie oft einen Mann mittleren Alters in ihrer Nähe gesehen und dachte, es wäre ein Angehöriger einer Verstorbenen. Er kam nach ihr und ging erst, als sie den Friedhof verließ. Beim dritten oder vierten Mal merkte sie sich den Platz an dem er stand und tatsächlich war er beim nächsten Besuch eine Reihe weiter. Zufall oder nicht? Sie ist sich nicht sicher, ob er sie beobachtete und kommt deshalb nachts, kurz bevor die Ruhestätte geschlossen wird.
Anna dreht sich um und schließt das Tor so behutsam wie sie geöffnet hat. In dem Augenblick unterbricht ein lauter, dröhnender Klang der Turmuhr den Frieden dieses Ortes. Sie zuckt zusammen und fühlt sich wie benommen. Sie versucht sich zu sammeln und geht weiter. Der runde Kies unter ihren Schuhen macht bei jedem Schritt ein dumpfes, knirschendes Geräusch und passt gut zur Stimmung um diese Zeit. Die kleine Kirche wird von kräftigen Strahlern illuminiert und leuchtet in einem warmen, gesättigten Gelb, dahinter der schwarze Kontrast des Schatten. Viele Gräber gibt es nicht, die meisten sind um die alte, hohe Friedhofsmauer verteilt. Es sind schöne, verwitterte Natursteine, direkt romantisch. In Richtung des kleinen Kirchenportals führen links und rechts schmale Wege zu den Plätzen, an denen die Verstorbenen liegen. Vereinzelt brennen Kerzen darauf, wie gestern und die Tage zuvor, rot und warm. Es ist keiner mehr da, sie ist die Einzige. Bevor sie den Hauptgang verlässt, um in die richtige Gräberreihe einzubiegen, bückt sie sich, geradeso, als ob Interessantes auf dem Boden läge und blickt sich unauffällig auf beide Seiten.
„Es ist totenstill“, denkt sie und muss schmunzeln. „Still wie die Toten. Gott sei Dank habe ich mir den Humor bewahrt, denn wer weiß, was noch alles auf mich zukommt. Das Versteck ist gut, da bin ich mir sicher, wenn nur dieser Mann nicht gewesen wäre.“
Sie geht zum Grab ihres verstorbenen Gatten und seiner Eltern und sucht im reflektierten Licht der Kirchenmauer als erstes nach Spuren von umgegrabener Erde. Es wäre eine Katastrophe, wenn der schwarze Boden nicht mehr glatt gestrichen oder die Blumenschale darauf verschoben ist. Alles ist wie gestern. Sie senkt den Kopf, so als ob ihre Gedanken bei dem Verstorbenen sind, sie Zwiesprache hält und die Welt dabei ausblendet. Keiner soll merken, dass ihre Ohren nach Knirschen im Kies oder Hüsteln, nach jedem kleinsten Geräusch ausgerichtet sind. Manche Grabsteine haben die Größe, um sich dahinter zu verstecken. Anna versucht ihre Aufregung in Grenzen zu halten und atmet zehn Mal langsam durch.
Diesen Trick hatte ihr Mann empfohlen, wenn man aus irgendwelchen Gründen Ruhe bewahren musste. Da war sie gerade erst zwanzig und nahm noch jeden Rat von ihrem fast fünfundzwanzig Jahre älteren, gut situierten und höflichen Ehegatten an. Die Ruhestätte passt voll und ganz zu seinem Auftreten, zu seiner Erziehung und seinen Eltern: Protzig.
Was war sie naiv. Der Schwiegervater, ein ehemaliger Direktor einer großen Bank, sein Sohn Hermann in seinen Fußstapfen, korrekt und langweilig. Wenn man in einem kleinen Dorf wie sie aufgewachsen ist und die Möglichkeit hat in eine andere, höhere gesellschaftliche Schicht zu kommen, lässt man sich leicht blenden. Das erkannte sie zu spät. Ihr Mann war ein verzogener Sohn und hatte es nur durch die Hilfe seines mächtigen Vaters zur Leitung einer Filiale in einer österreichischen Kleinstadt gebracht. Seine Eltern mussten von seiner Spielsucht gewusst haben, denn ihr Erbe ging zu Gunsten seiner älteren Schwester. Sie war schlauer und hatte bei Zeiten den Kontakt mit ihm abgebrochen und auch, weil sie in Frankreich wohnt.
Anna beugt sich und tastet nach der kleinen Grabschaufel unter dem geschnittenen Buchsbaum. Sie liegt auf dem alten Platz. Vor dem Deponieren wirft sie jedes Mal Erde weg, ungefähr dasselbe Volumen, wie das eines Barren. Außerdem muss sie zuerst einige Zentimeter tief graben, um an das versteckte Gold unter der kleinen Steinplatte zu kommen. Darauf eine Blumenschale, schon war ihr Depot fertig.
Diese Idee hatte sie, nachdem Spuren im Garten waren. Spuren aus Lehm. Mike sagte ihr, das Gold nicht im Haus zu lassen, was sie verstand, doch die Angst zwang sie einen Ort nicht weit weg zu suchen. Der Garten war groß genug, aber kein gutes Versteck, das wusste sie von Anfang an.
Der Kies auf dem Hauptgang knirscht. Es ist noch jemand da.
Anna bückt sich noch tiefer, bringt Erde schnell in Unordnung und tut, als ob ein erneutes Glätten und Verteilen nötig wäre. Als dieses Geräusch nahe ist, dreht sie den Kopf zur Seite und sieht eine große Frau, zwanzig Meter an ihr vorbei in Richtung des Ausganges gehen. Sie hat einen vom Alter und Mühe gekrümmten Rücken, der Mantel ist stark abgetragen und der Kopf mit einem schwarzen Tuch bedeckt. Aber wieso hat sie den Stoff extrem weit ins Gesicht gezogen und bleibt häufig stehen? Ihr Gang ist komisch und hat Anna scheinbar nicht bemerkt. Die Schuhe sind groß und gepflegt, fällt ihr auf. Es ist zu dunkel um mehr zu erkennen. Ist es wirklich eine Frau?
„So möchte ich nicht werden“, sagt sie zu sich, „auf keinen Fall. Wenn ich an meine Mutter und meine Tanten denke, deren einfaches und erlebnisloses Leben im Dorf, dann werde ich geradezu panisch. Ich will leben und erleben, egal mit welchen Mitteln. Aber was rege ich mich auf, meine Chancen für die Zukunft sind gut, wenn ich es nur schlau genug mache. Das Gold ist erst der Anfang, es reicht noch nicht für den Rest und Mike brauche ich dort wo er ist.“
Sie stellt die Blumenschale zur Seite, verrückt die kleine Steinplatte, räumt Erde über den Barren weg, greift in die Handtasche und legt den letzten auf die bereits versteckten darauf.
„Elf Stück“, überlegt sie, „drei hat Mike mit nach Afrika genommen. In vier Wochen fliege ich nach und nehme fünf mit. Für die ersten hat er fünfundsiebzigtausend Dollars erhalten, vielleicht wird bald mehr bezahlt, hat er am Telefon gesagt. Ob das alles stimmt?“
Sie macht das Loch zu, stellt die Platte auf den richtigen Platz, die Schale obenauf und richtet das Grab. Weiße Rosen, nicht ihr Geschmack. Die Verkäuferin machte sie auf diese Farbe bei Trauer aufmerksam. Na gut.
„Ich weiß nicht wieso, aber im Augenblick empfinde ich Trauer für meine Mann. Was haben wir falsch gemacht?
Der Altersunterschied alleine war es nicht. Hat er sich zurückgezogen, weil ich keine Kinder gebären kann? Hat er deshalb immer mehr Geld verspielt? Ich weiß es nicht. Nur Hausfrau sein und repräsentieren, wenn wir Gäste hatten, war mir zu wenig. Dir geht es zu gut, sagte er. Zu gut, was heißt das schon. Ich wollte selbständig sein, ohne sein Geld leben können. Dieser Alltag ging mir auf die Nerven. Aufstehen, einkaufen, kochen, essen und abends ins Bett. Widerlich. Ich bin vierzig und habe die Hälfte meines Lebens damit verbracht. Es kotzt mich an. Mike ist seit zwei Jahren meine einzige Abwechslung.“
Sie hört das Quietschen des eisernen Tores.
„Kommt noch jemand oder ist die alte Frau hinaus? Und wieso war sie noch so lange auf dem Friedhof?“
Anna legt die kleine Schaufel unter den Buchsbaum und geht in Richtung Ausgang. Auf halben Weg biegt sie ab, betritt eine Gräberreihe, versteckt sich hinter einem hohen Gebüsch und beobachtet ihr Familiengrab aus der Ferne.
„Ich kann mich von dieser Angst nicht lösen. Mein Leben hängt von diesem Gold ab, zumindest empfinde ich es so. Wenn das Haus verkauft ist, wird für mich nicht all zu viel übrig bleiben. Wo soll ich hin und wo soll ich arbeiten? Mein Mann wollte nicht, dass ich als einfache Friseuse tätig war. Und jetzt? Von morgens bis abends Haare waschen, schneiden, föhnen bei geringer Bezahlung … ohne mich!
Mike hat gesagt, dass ein Schließfach auf keinen Fall in Frage kommt. Mir wäre es lieber, aber er ist lange genug Bankangestellter gewesen, um es beurteilen zu können. Nur, hier am Friedhof werde ich noch verrückt. Bilde ich mir ein, dass mich jemand beobachtet oder gibt es wirklich Zusammenhänge? Bei dieser Geldsumme muss die Bank einen Detektiv einschalten, zumindest wird die Polizei eine Kommission zusammenstellen. Mir geht zu viel im Kopf herum. Ich habe Angst.“
Sie wartet einige Minuten, wird ruhiger und geht durch das Tor hinaus. Links davon ist an der Friedhofsmauer ein geteerter Parkplatz eingerichtet worden. Niedrige, zur Form geschnittene Hecken umgeben ihm. Viele Abstellmöglichkeiten sind es nicht, der Ort ist klein, so wie der Friedhof. Neben ihrem Kleinauto parkt eine weiße Limousine. Sie hat dasselbe Kennzeichen wie bei ihren letzten Besuchen und war vorher nicht da. Hat da jemand besonders leise geparkt? Es sind die einzigen Fahrzeuge weit und breit. Anna öffnet, setzt sich hinein, startet den Motor, legt den ersten Gang ein und fährt los. Als sie etwa fünfzig Meter weg ist und in den Rückspiegel schaut, geht ein Mann zu dem weißen Auto. Es ist zu dunkel um Genaueres erkennen zu können. Ist es derselbe wie immer? Der Friedhof liegt nicht weit außerhalb der Ortschaft. Während ihrer Fahrt nach Hause kontrolliert sie die Straße hinter ihr, entdeckt nichts Verdächtiges.
4
Das Dorf in Österreich hat etwa sechshundert Einwohner, vielleicht sind es weniger, wäre gut möglich, und als Anna noch zu Hause wohnte, waren es fast eintausend. Aus dieser Zeit stammt das Lebensmittelgeschäft, der Fleischhauer, die Wirtschaft und, man kann es kaum glauben, der Frisör. Am Rande der Republik, einen Kilometer von der Grenze zu dem jahrzehntelang ungeliebten Nachbarstaat entfernt, fristet die Gemeinde ihr Dasein, in ihrer Mitte die Kirche.
Mit sechs wurde das dunkelhaarige Mädchen der alleinerziehenden Mutter Elisabeth eingeschult und lernte, dass es nicht nur das Jesuskindlein gibt, sondern einen richtigen Gott. Mathematik, Rechtschreibung und andere Fächer musste sie sich natürlich auch aneignen. Als das Schulfräulein nach ihrem Vater fragte, sagte Anna: „Ich habe keinen.“
Die junge Lehrerin errötete, streichelte über ihren Kopf und bekam glasige Augen. Daheim erzählte sie der Mutter diese sonderbare Gebärde des Fräuleins.
„Der Papa ist gestorben“, entgegnete die Mutter, „das habe ich dir schon gesagt.“
„Ja, das weiß ich schon, aber warum?“, antwortete das Mädchen.
„Das habe ich dir auch erklärt, es war ein Unfall, mit dem Auto.“
„Aber die Marianne, die neben mir sitzt, hat gesagt, ihre Mutter erzählt, vielleicht hat er sich selbst ermordet“, sagte die kleine Anna unbedacht, freimütig und ohne Angst. Geradeso, als ob es um einen Unbekannten ginge, denn den Vater kannte sie nicht, sie war damals zwei. Die Mutter antwortete nicht, sonder drehte sich weg.
„Stimmt das so, Mama?“, setzte Anna nach. „Sag's mir halt!“
„Geh', was du alles wissen willst!“, sagte die Mama.
Als Witwe eines Eisenbahners, der auf dem Dienstweg verunglückte, bezog sie eine kleine Rente und war froh darüber, denn Arbeit gab es in der Nähe kaum. Sie half abends in der Wirtschaft, in der Küche, beim Putzen oder als Bedienung. Da gab es genug Interessenten für die junge, schüchterne Frau mit ihrem kleinen Mädchen. Aber Elisabeth mochte keinen davon als Ersatzvater für ihr Kind. Und so war sie geprägt von der Angst, dass sie ständig bei der alleinigen Erziehung beobachtet wird. Die Dorfgemeinschaft war ihr wichtig, zu wichtig.
„Ich habe niemanden, bei dem ich sonst noch aufgehoben bin“, sagte sie, „und deshalb dürfen wir nicht auffallen.“
Als Anna größer war fragte sie ihre Mutter, warum es keinen neuen Papa gibt, die Freundin hätte jetzt wieder einen, er wohnt bei ihnen und ist nett. „Warum du nicht, Mama?“, hakte sie nach.
„Geh', was du alles wissen willst!“, war wie so oft die Antwort.
So war es auch, als sie wissen wollte, wie die Kinder gemacht werden.
„Geh', was du nicht alles wissen willst!“
Nach dem einfachen Schulabschluss interessierte sich der Friseurmeister für Anna als Lehrmädchen, später interessierte ihn an der gut entwickelten Anna noch anderes. Sie war hübsch geworden, hellwach und umgänglich. Mama sagte zu, sie lernte das Friseurhandwerk. Der Herr Chef hatte nicht viel zu tun, denn die jungen Männer des Dorfes ließen ihre Haare lieber in der Stadt schneiden, modern halt. Und so half er den alten Damen in ihre Jacken, den etwas jüngeren aus den Jacken, heimlich, zu Hause, wenn die Chefin voll beschäftigt war.
Mit achtzehn war auch Anna bei ihm zu Hause, zum einem Teil aus Neugierde, denn er war sehr nett, zum anderen und größeren Teil, weil sie sich Vorteile davon versprach. Sie verstand ihren Friseurmeister irgendwie, denn es war ihm mit seiner dicken Gattin schon lange langweilig, so wie es Anna in ihrem Ort langweilig war. Die jungen Burschen empfand sie als rüpelhaft und außerdem wollte sie was ganz Anderes, etwas Besonderes. Die seltenen, privaten Beziehungen zu ihrem Chef brachten ihr die Vorteile, von denen sie gehofft hatte.
„Ich habe Kopfschmerzen“, sagte sie zu ihm und er schickte sie nach Hause. Die Chefin schimpfte und der Herr Friseurmeister entgegnete: „Das hast du doch auch, öfter als mir lieb ist, immer dann, wenn es mir nicht lieb ist.“
Die Frau verstand und schwieg.
Dann passierte das Wunder.
Die eine Hälfte des Dorfes atmete auf, die andere war skeptisch. „Was sollen die bei uns?“, sagten die einen, die sich nichts versprachen. „Wir brauchen diese Leute“, sagten diejenigen, die bereits ihr Bankkonto anschwellen sahen.
Ja, und die Arbeitsplätze!
