Die Goldene Stunde des Zeppelins - Marcel Rothmund - E-Book

Die Goldene Stunde des Zeppelins E-Book

Marcel Rothmund

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Beschreibung

2. Juli 1900: Tausende Schaulustige beobachten am Bodensee den Aufstieg des ersten Zeppelin-Luftschiffs. Fasziniert verfolgt der kleine Alfred das Spektakel. Mit dem imposanten Luftfahrzeug wird der lang ersehnte Traum vom Fliegen vor seinen Augen wahr. Jahre später arbeitet er selbst beim Luftschiffbau. Bei den ereignisreichen Testfahrten lernt er die hübsche Fotografin Sophie kennen. Er heiratet sie, doch noch am Hochzeitstag verschwindet seine Braut spurlos. Eine verzweifelte Suche beginnt.

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Marcel Rothmund

Die Goldene Stunde des Zeppelins

Historischer Roman

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Zeppelin Museum Friedrichshafen - LZ-Archiv

ISBN 978-3-8392-7514-6

Widmung

Für meine Eltern Elsbeth & Albert

Vorbemerkung

Die geschilderten Ereignisse der Zeppelin-Geschichte mit den zeitgenössischen Personen entsprechen weitgehend der Historie. Die Verbindung zu anderen Figuren des Romans ist fiktiv.

Die traditionsreiche Schmiedefamilie Hofer auf dem Komethof in Neufrach mit ihren Vorfahren ist historisch belegt. Deren Vornamen, Familienverhältnisse und Schicksale wurden dem Roman teilweise angepasst. Das Roß-Artzney-Büchlein von Johann Georg Hofer gab es tatsächlich. Das Gedicht Des Schmieds Gehülff entstand bei der Arbeit an diesem Roman.

Prolog

Blasmusik und laute Gespräche erfüllten den Gastraum. Zufrieden ließ Alfred seinen Blick über die Festgesellschaft schweifen. Die Gäste in der Hochzeitsschenke unterhielten sich angeregt miteinander. Neben ihm setzte sich Sophie an den Tisch. Sie lächelte ihn fröhlich an und gab ihm einen Kuss. In ihrem schwarzen taillierten Brautkleid mit weißem Schleier und dem frühlingshaften Blumenkranz sah sie schöner aus als alle anderen Hochzeiterinnen, die er bisher gesehen hatte.

Besorgt deutete sie zu seiner Mutter. »Meinst du, Luise vermisst deinen Vater? Irgendetwas scheint sie zu bedrücken.«

Alfred sah zum Tisch seiner Familie. Dort saß seine Mutter bei seinen Schwestern Maria und Emilie mit deren Anhang. Er beobachtete sie eine Weile. Tatsächlich schien Luise irgendetwas zu beschäftigen. Der Kummer darüber, dass sein Vater die Hochzeit nicht mehr miterleben konnte, war es nicht. Denn seine Mutter sah anders aus, wenn ihr etwas auf der Seele lag. Es war mehr ein Ausdruck von Wut auf ihrem Gesicht. Aufgebracht diskutierte sie mit Maria.

»Ich denke nicht, dass es wegen Vater ist«, meinte er, zu Sophie gewandt. »Aber ich werde trotzdem kurz zu ihr hinübergehen. Es interessiert mich, was der Grund für ihre Aufregung ist.«

»Ja, schau du mal nach dem Rechten«, pflichtete Sophie ihm bei und wandte sich ihrer Brautjungfer zu.

Während Alfred zu seiner Familie an den Tisch ging, spielte die Musikkapelle zur nächsten Tanztour auf. Mit rund 15 Mann saßen seine Musikkameraden dicht beieinander im Gastraum. Er fühlte sich geehrt, dass sie für ihn und Sophie musizierten. Mit dabei waren seine Freunde Deddo, Hinke und sogar sein Schwager Konrad. Alle feierten gemeinsam mit ihnen. Nur ein Gast fehlte, sein Vater Matthäus. Ihn hätte es sicher mit Stolz erfüllt, die Hochzeit seines Sohnes zu erleben. Zumal er Sophie sehr gemocht hatte. Als Alfred sie ihm das erste Mal vorgestellt hatte, war Matthäus ganz angetan von der jungen Fotografentochter aus der Stadt. Mit der geplanten Vermählung war er sofort einverstanden gewesen. Der Hochzeitstag war ihm allerdings nicht vergönnt. Trotz alledem sollten sie heute fröhlich sein, hatte Luise zu Alfred gesagt. Sein Vater hätte es sicherlich nicht anders gewollt.

Alfred setzte sich zu seiner Familie und blickte seine Mutter fragend an. »Ist irgendetwas passiert?«

Luise schüttelte beschwichtigend den Kopf. »Nein. Was soll schon sein?«

Er musterte sie skeptisch. »Ich sehe doch, dass dich irgendwas wurmt. Das kannst du vor mir nicht verbergen.«

Maria wandte sich an Luise. »Das meine ich auch. So schlimm ist es nicht. Also kannst du es ihm sagen.«

Erwartungsvoll blickte Alfred seine Mutter an. Sie rang sichtbar mit sich. »Was soll schon sein?«, begann sie verlegen. »Die Sailer Agnes hat nichts Besseres zu tun, als euren Gästen alte Schauermärchen aufzutischen. Und das an eurem Hochzeitstag!«

»Wieso? Was erzählt sie denn?«, fragte er neugierig.

»Ach! Irgendeinen Aberglauben!«

Luise sagte nichts weiter, doch Emilie drängte sie. »Er glaubt ja sowieso nicht an solche Geschichten, Mutter.«

Alfred wurde ungeduldig. »Nun erzähl schon!«

Trotz der Musik im Gastraum beugte sich Luise zu ihm über den Tisch und sprach mit gedämpfter Stimme. Niemand anderer der Hochzeitsgäste sollte etwas davon hören. »Ich war vorhin bei Agnes drüben, und da hat sie mir von dem alten Geschwätz ihrer Großmutter erzählt. Die habe gesagt, dass beim Hochzeitsessen nie ein Stuhl frei bleiben dürfe, weil sich sonst der Gevatter Tod darauf setzt. Und weil der Platz von Adelbert während dem Essen verwaist war, hat sie gleich allen anderen Gästen von diesem Unfug erzählt. Die dumme Gans!«

Alfred blickte zum Tisch nebenan, an dem seine jüngste Schwester Irma mit den Kindern saß. Der Stuhl seines Schwagers war immer noch unbesetzt. Alfred scherzte mit seiner Mutter. »Aha! Einer von uns wird also in den nächsten Stunden tot umfallen, weil Adelbert zu seiner kalbenden Kuh in den Stall musste.«

Luise schnaubte verärgert. »Ich weiß auch, dass es nur ein Ammenmärchen ist! Aber Agnes soll so einen Blödsinn für sich behalten und nicht im ganzen Prinz Max herumerzählen. Darüber redet morgen sicher ganz Neufrach!«

Er schmunzelte und versuchte, sie zu beruhigen. »Jetzt mach dir keine Gedanken über dieses Geschwätz. Oder darüber, was morgen im Dorf getratscht wird. Sophie und ich haben heute unseren Ehrentag. Den wollen wir in fröhlicher Stimmung feiern.«

»Hast du es Irma erzählt?«, bohrte Maria bei ihrer Mutter nach.

»Wo denkst du hin!«, entgegnete Luise entsetzt. »Das werde ich ihr sicher nicht sagen. Sonst regt sie sich auch darüber auf!«

»So ist es«, meinte Alfred und nickte. »Adelbert müsste ja sowieso bald zurückkommen. Hoffen wir, dass seine Kuh das Kalb gesund zur Welt gebracht hat und er mit der Arbeit fertig ist. Die Kellnerin hat ihm sicher einen vollen Teller zurückgestellt. Schließlich soll ihm unser Festmahl nicht entgehen.«

»Haben die Gäste im Nebenzimmer denn genug zum Essen bekommen?«, wollte Luise wissen.

»Nur diejenigen, die uns einen Geldschein in die Suppenschüssel gelegt haben«, nahm er sie auf den Arm. »Ich habe vorhin beim Gratulieren genau beobachtet, wer wie viel gegeben hat.«

»Da kannst du lang drauf warten, dass dabei viel Geld rauskommt«, meinte Maria nüchtern. »Bei unserer Hochzeit war nicht so viel drin, wie wir uns erhofft hatten.«

Alfred zwinkerte ihr zu. »Die Leute werden gedacht haben, dass ihr von der Linde schon genug an ihnen verdient habt.«

»Sei bloß froh, dass du die Schmiede von Vater geerbt hast!«, ereiferte sich Maria. »Die wirft sicher mehr Geld ab als unser Wirtshaus.«

Luise fuhr gekränkt dazwischen. »Von euch kann sich sicher keiner beschweren. Euer Vater und ich haben darauf geachtet, dass jeder etwas bekommt, nicht nur Alfred.«

»Ist schon gut, Mutter«, beruhigte Maria sie. »Ich habe es ja nicht ernst gemeint.«

»Das will ich bloß hoffen«, murrte Luise.

»Ich habe meine Schwester schon richtig verstanden«, sagte Alfred und lachte. »So! Jetzt geh ich mal nach nebenan und frag unsere Gäste, ob sie wirklich satt geworden sind.«

»Genau! Lass dich als Bräutigam ruhig mal bei ihnen blicken«, forderte Luise ihn auf.

»Jawohl, Mutter!«, antwortete er in militärischem Ton und schmunzelte dabei. Heute war er besonders gut zu Späßen aufgelegt. Luise schüttelte ohne Worte den Kopf.

Entschlossen stand Alfred auf und ging hinüber. Im Vorbeigehen dankte er seinen Musikkameraden, die eine Pause einlegten. Im Nebenraum des Gasthauses machte er bei den Gästen aus der Nachbarschaft die Runde. Wie es die Tradition verlangt, hatten er und Sophie das ganze Dorf zur abendlichen Hochzeitsschenke eingeladen. Bei Simon von der Mühle blieb er stehen. »Und, was macht die Arbeit?«, fragte er den Müllermeister.

»Mehr schlecht als recht«, antwortete dieser. »Vor einem Monat habe ich geglaubt, wir bekommen ein Hochwasser wie vor sechs Jahren. Damals hat es uns alles fortgerissen.«

»Gott bewahre!«, sagte Alfred. »Ich erinnere mich noch daran. Mein Vater hatte einen ganzen Sack voll Nägel für den Wiederaufbau geschmiedet, gell?«

»Ja, genau. Das Mühlenwehr war kaputt und der ganze untere Stock unter Wasser. Alles war dahin! Ich hoffe bloß, dass uns das nie wieder passiert!«

Alfred pflichtete ihm bei und setzte seine Runde fort. Bei einigen Gästen hielt er einen kleinen Schwatz, bevor er seinen Rundgang beendete. Als er in den großen Gastraum zurückkam, spielte die Musikkapelle wieder auf. Er wollte seine Braut zum Tanz holen, doch Sophie war nicht am Platz. Alfred sah sich um, aber sie war nirgends zu sehen. Er setzte sich zurück an den Tisch und stupfte Karolina. Die Brautjungfer war mit ihrer Mutter im Gespräch und drehte sich zu ihm um.

»Wo ist Sophie hin?«, fragte er.

»Sie musste aufs Klo.«

»Ist sie schon länger weg? Die Musik spielt einen schönen Walzer. Ich würde gern mit ihr tanzen.«

»Sie müsste gleich da sein«, versicherte Karolina und wandte sich wieder ab.

Ungeduldig lauschte Alfred der Musikkapelle. Der Platz des Brautführers neben ihm war frei, denn Utz war beim Tanzen. Neugierig kam Luise herüber und setzte sich auf dessen Stuhl. »Wollt ihr denn nicht tanzen?«, fragte sie verwundert.

»Das würde ich ja gern. Aber meine Braut ist auf dem Klo.«

Sie lächelte verlegen. »Dann leiste ich dir kurz Gesellschaft.« Voller Stolz tätschelte sie seinen Arm. »Ganz vornehm siehst du heute aus, mein Bub!« Sie seufzte. »Wenn dich bloß dein Vater so sehen könnte.« Einen Moment saßen sie wortlos beieinander und beobachteten das heitere Treiben.

»Ich setz mich jetzt zu Richard hinüber«, sagte Luise. »Wenn er und ich schon allein auf der Hochzeit sind, wollen wir wenigstens miteinander reden und fröhlich sein. Dein Vater und Sophies Mutter hätten das bestimmt genauso gesehen.«

»Da hast du sicher recht«, stimmte Alfred ihr zu.

Der Walzer war inzwischen zu Ende, und die Musikkapelle spielte als Nächstes eine Polka. Jetzt wollte er sich nicht mehr länger gedulden und zupfte Karolina abermals am Ärmel. »Kannst du mal nachschauen, wo Sophie ist? Sie müsste doch längst zurück sein!«

Die Brautjungfer ging sogleich hinaus zu den Toiletten. Wenige Minuten später kam sie zurück. Ihr Gesichtsausdruck war ratlos. »Auf dem Klo ist sie nicht. Vielleicht ist sie nebenan?«

Zusammen mit Karolina machte er sich auf die Suche nach seiner Braut. Im Nebenzimmer war sie nicht. In der Küche und draußen im Hof fanden sie Sophie ebenfalls nicht. Sie schien wie vom Erdboden verschluckt. Er ging in die Gaststube zurück und erzählte Richard vom plötzlichen Verschwinden seiner Tochter. Die Hochzeitsgesellschaft war inzwischen bester Laune, und die Musikkapelle spielte weiter zünftig auf. Sein Schwiegervater wurde unruhig. Während Alfred in der Hochzeitsschenke wie auf Kohlen saß, suchten Richard und Karolina zu Hause und auf dem Weg dorthin nach Sophie. Doch sie blieb spurlos verschwunden.

Teil 1

Der Schatz

Neufrach im Juni 1900

»Achtung! Er kommt hoch!«

»Rette sich, wer kann!«

Die Jungen tobten auf dem Baum.

»Alfred! Hört endlich auf mit der Rumturnerei!« Luise Hofer rief wütend aus dem Fenster. »Ihr macht so lang, bis sich einer das Genick bricht!«

Dem kleinen Alfred war es recht peinlich, dass seine Mutter ihn ermahnte. Zusammen mit seinen Schulkameraden Utz, Deddo und Hinke kletterte er auf der alten Dorflinde gegenüber dem elterlichen Hof herum. Mittags nach der Schule spielten sie dort in letzter Zeit oft Fangen. Der Baum war groß gewachsen und mehrere Jahrhunderte alt. Am Stamm konnten die Jungen in das Astwerk hinaufklettern und einander dort oben nachjagen. Die alte Linde war früher der Mittelpunkt im Dorf, das hatte Hauptlehrer Blum ihnen diese Woche im Unterricht erklärt. Während Alfred beschämt vom Baum stieg, erinnerte er sich an die Geschichte, die sein Lehrer der Klasse erzählt hatte. »Kinder, ihr müsst wissen, dass bei unserer alten Dorflinde einst der Pranger stand.« Lehrer Blum hatte mahnend den Finger erhoben. »Ungehorsame Bauern wurden an ihm tagelang zur Schau gestellt. Im Mittelalter, zu Zeiten von Kaiser Friedrich Barbarossa, regierten die herrschsüchtigen Herren von Nüffern über unser Neufrach. Ihre kleine Zwingburg stand im Unterdorf und war von einem Wassergraben umgeben. Die wohlhabenden Ritter hatten das Dorf als Lehen erhalten. Jahrhunderte später starb ihr Geschlecht aus, und das nahe gelegene Kloster Salem übernahm die alleinige Herrschaft über Neufrach. Die Zwingburg wurde im Bauernkrieg von den aufständischen Dorfbewohnern aus Zerstörungswut abgebrannt. Allein der alte Burgkeller blieb erhalten, auf dessen Grundmauern das Kloster später einen Gutshof errichten ließ, den sogenannten Bretthof. Dort wohnen heute die Wickers. Es heißt, die aufrührerischen Bauern hätten bei der Zerstörung versteckte Reichtümer der Ritter gefunden und diese an sich genommen. Doch das scheint wohl nur eine Legende zu sein.«

Lude Wicker hatte in der Reihe vor Alfred in der Schulbank gesessen und beim Namen seiner Familie sich voller Stolz die Brust reckend nach hinten gewandt. Zusammen mit seinen schielenden Augen bot er einen noch komischeren Anblick als sonst. Aber in dessen Gegenwart getraute sich keiner der Schulkameraden, über ihn zu lachen. Sie hatten Angst, er würde sie deswegen verprügeln. Ein bisschen neidisch war Alfred, dass Ludes Eltern die Besitzer vom geschichtsträchtigen Bretthof waren. Die Geschichte der Ritter von Nüffern und ihrer kleinen Burg hatte seit der Erzählung von Lehrer Blum nicht nur ihn, sondern auch seine Schulfreunde begeistert. Deshalb machte er den Vorschlag, statt dem Fangspiel das Dorf zu erkunden und den Schatz der Ritter zu suchen.

In Neufrach bildeten drei Straßen, in Form eines Dreiecks, die wesentliche Grundstruktur: die untere Dorfstraße im Süden, im Westen die Kirchgasse und die sie verbindende obere Dorfstraße. In der Mitte lag, umringt von Bäumen, der sagenumwobene Bretthof. Obwohl der Hof mit seiner Vorgeschichte eine große Anziehung auf die Jungen ausübte, mieden sie ihn. Sie wollten Lude nicht in die Quere kommen. Südlich vom Hof der Wickers, wo die Landstraße von Bermatingen in das Dorf einmündete, standen an der Straßenkreuzung das Gasthaus Zum Prinz Max, der Kaufladen, die Poststation und das kleine Rathaus. An diesem neuen Mittelpunkt des Dorfgeschehens begannen Alfred und seine Schulfreunde mit ihrem Streifzug. Hinter dem Rathaus zweigte die Lockgasse ab. Dort streunten die Jungen als Erstes zwischen den alten Bauernhäusern und den Schöpfen umher. Wie Diebe schlichen sie herum und sammelten sich in der Deckung eines Wagenschopfs. Utz erzählte im Flüsterton von seinem Vorhaben. Alfred mochte seine pfiffige Art.

»So wie der Blum uns erzählt hat, haben die Bauern den Schatz von den Rittern geraubt und auf ihren Höfen versteckt. Wir müssen also jeden Hof durchsuchen.«

Hinke blickte unsicher in die Runde. »Nach was suchen wir denn genau?«

Deddo versetzte seinem pummeligen Freund einen leichten Seitenhieb mit dem Ellenbogen. »Nach Münzen, Gold und Silber, natürlich! Das willst du sicher auch haben, oder?«

»Ja, schon …«, murmelte Hinke kleinlaut.

Voller Tatendrang berichtete Utz weiter von seinem Plan. »Ich würde sagen, wir kontrollieren jeden Hof einzeln. Am besten zu zweit. Einer steht Schmiere, und der andere sucht.«

Hinke ließ in seiner ängstlichen Art nicht locker. »Und wenn uns jemand erwischt?«

»Dann haust du einfach ab«, meinte Utz.

»Aber ich bin nicht so schnell wie ihr«, jammerte Hinke.

Alfred redete ihm gut zu. »Du gehst am besten zusammen mit Deddo. Er sucht, und du passt auf. So kannst du schneller davonrennen. Einverstanden?«

Hinke presste nervös die Lippen zusammen und nickte wortlos.

In Zweiergruppen machten sie sich auf den Weg. Alfred ging zusammen mit Utz los. An diesem sonnigen Nachmittag arbeiteten viele Bauern auf den Feldern und in den Obstgärten. So konnten die Jungen unbehelligt auf den Höfen umherstreunen. Vorsichtig schlich Alfred durch die offenen Hintertüren von einem Haus in das nächste. Meist warf er nur einen hastigen Blick in die Stube. Wenn er bei seinem Rundumblick nichts Verdächtiges entdeckte, kehrte er zu Utz zurück und berichtete ihm. Die Lockgasse war schnell durchsucht, und die vier Jungen zogen weiter. An jener Stelle, wo der Weg zum Weiler Leutkirch anstieg, bogen sie in die obere Dorfstraße ab. Im Oberdorf standen die alte Linde, der Komethof der Hofers, die Bäckerei der Familie Kram und weitere Höfe. Die Jungen durchsuchten die Häuser der Bauern, jedoch ohne Erfolg. Mittlerweile waren sie bis zur Bäckerei an der Straßenecke gekommen. Da der Bäckermeister Kram tagsüber ruhte, schlich Deddo in seiner unbeschwerten Art kurzerhand in die Backstube seines Vaters und stibitzte einen Hefezopf. Hungrig von der Suche, spazierten die Jungen das kleine Gässchen zur Kapelle hinab. Dort setzten sie sich in den Schatten eines Baumes und machten Pause. Die Markuskapelle an der Kirchgasse war das einzige Gotteshaus im Dorf. Sie wurde nur an Feiertagen und zu bestimmten Gelegenheiten genutzt. Die eigentliche Pfarrkirche lag in Leutkirch. Während die Jungen den Hefezopf aßen, verkündete Utz, wie es weitergehen sollte. »Als Nächstes suchen wir die Kirchgasse ab. Treffpunkt ist hinter der großen Scheune vom Gasthaus Grüner Baum. Wenn wir bis dort nichts gefunden haben, gehen wir zu den Stummberghöfen hinaus.«

Deddo dachte laut nach. »Und zur Mühle könnten wir auch noch gehen.«

Die anderen stimmten zu. Nach der Pause suchten Hinke und Deddo auf dem Lattichhof an der Kirchgasse weiter, Utz und Alfred auf dem Hof gegenüber. Alfred öffnete leise die Hintertür und schlich in den Hausgang. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen. Plötzlich schreckte ihn ein unerwartetes Geräusch aus der Küche auf. Sein Puls klopfte ihm bis unter das Kinn. Es war ein seltsamer Laut, ein Geflatter wie von Vögeln. Er horchte einen Moment und rührte sich nicht. Als es ruhig war, blickte er verstohlen in die Küche. Im gedämpften Tageslicht spazierten Hühner auf dem Tisch umher und pickten Reste vom Mittagessen aus den Tellern. Er musste laut lachen. In diesem verkommenen Haus war sicher nichts zu finden. Aber die Geschichte mit den Hühnern würde er sofort Utz erzählen. Erleichtert lief er durch den Hausgang. Plötzlich flog mit Schwung die Tür vom Stall auf, und die alte Bäuerin polterte verärgert los. »Was hast du Rotzbub in meiner Küche verloren? Mach, dass du raus kommst!«

Zu Tode erschrocken rannte Alfred hinaus. Später erzählte er den anderen von seinem Erlebnis, und sie amüsierten sich darüber. Fürs Erste hatten sie genug von der Erkundungstour und gingen zurück zur Dorflinde. Während sie dort das nächste Spiel besprachen, kam ihr Schulkamerad Lude hinzu. Sein richtiger Name war Lothar Wicker. In Anlehnung an die Geschichte des Bretthofs nannten die Leute im Dorf seinen Vater spaßeshalber den Schlossbauern. Alfred konnte Lude nicht leiden. Immer, wenn er auftauchte, gab es Streit. Und wie befürchtet, machte Lude sich sogleich über sie lustig. »Was macht ihr denn da für Kinderkram?«

Die anderen unterbrachen ihr Gespräch. Alfred sah ihn verwundert an. »Wir spielen Räuber und Gendarm. Aber die Gruppen sind schon eingeteilt. Du kannst also nicht mehr mitmachen.«

Lude betrachtete sie abschätzig. »Pah! Das brauch ich gar nicht. Ich hab was viel Besseres. Einen Schatz!«

Die Jungen waren mit einem Mal hellhörig. »Was? Wo denn?«, fragte Deddo wissbegierig.

»Bei uns im Keller.«

»Und was für ein Schatz ist es?«, wollte Alfred wissen.

»Ein wertvoller Silberschatz. Der ist sicher von der alten Burg. Bei uns haben ja früher die Ritter gewohnt«, prahlte Lude.

»Zeig ihn uns!«, forderte Hinke ungeduldig.

»Da müsst ihr schon mitkommen«, meinte Lude und lief davon. Alfred sah seine Freunde an. Nachdem ihre eigene Suche erfolglos gewesen war, würden sie also doch noch einen Schatz aus alter Zeit entdecken. Das wollten sie sich sicher nicht entgehen lassen. Erwartungsvoll liefen sie gemeinsam zum Bretthof. Ludes Eltern waren auf dem Feld, und so konnten die Buben heimlich durch das Haus in den alten Keller hinab schleichen. Es war ein kleiner Gewölbekeller, in dem die Wickers ihren Most, die Kartoffeln und anderes Zeug lagerten. Die Wände waren aus großen Wacken gemauert und hatten kleine Nischen. Lude ging zu einer der dunklen Ecken und holte etwas hervor. »Die habe ich gestern auf dem Boden hinten bei den Kartoffeln ausgegraben«, sagte er verheißungsvoll und hielt den anderen seine geschlossene Faust vor die neugierigen Gesichter. Die Jungen standen drum herum und staunten, als er sie öffnete. In seiner Hand lag eine alte silbern schimmernde Münze.

»Die ist bestimmt vom Schatz der Ritter von Nüffern«, sagte Utz ehrfurchtsvoll.

»Hast du noch mehr davon gefunden?«, fragte Deddo fasziniert.

»Nein, bisher nicht. Aber ihr könnt mir ja helfen.«

»Oh ja!«, rief Hinke voller Begeisterung.

Alfred beugte sich vor und betrachtete die Münze genauer. »Da steht was drauf, oder?«

Lude sah ihn mit seinen schielenden Augen verächtlich an. »Das habe ich auch schon gemerkt, du Schlauberger.«

»Was denn?«, wollte Utz wissen.

»Wenn du mich mal in Ruhe lesen lassen würdest, wüsstest du es schon längst«, fuhr Lude ihn barsch an. Wichtigtuerisch hielt er die Münze vor das fahle Licht am Kellerfenster. Mit gerunzelter Stirn betrachtete er sie und versuchte, die Schrift zu entziffern. »In D… Deo Con… Consil… Consilium …«

»Was heißt das?”, fragte Deddo.

»Weiß ich doch nicht!«, schnaubte Lude ihn an. »Da ist eine Krone drauf und darunter eine große Zehn!«

»Dann muss es ja vom Schatz sein!«, rief Utz begeistert. »Vielleicht haben die Ritter die Silbermünze von Kaiser Barbarossa bekommen?«

»Daneben stehen noch zwei Zahlen«, verkündete Lude und las eifrig weiter. »17 und 74. Und auf der anderen Seite ist ein Kopf mit einem Kranz drum herum und vielen Buchstaben.«

»Was für Buchstaben sind es denn?«, fragte Alfred.

Erneut begann Lude zu entziffern. »D G Max Ios S D PRSRIA… Ach, egal!«, zischte er. »Das ist auf jeden Fall eine wertvolle Silbermünze, und sie gehört mir.«

Hinke sah sich euphorisch um. »Es gibt hier bestimmt noch mehr davon!«

Er wollte schon loslegen zu suchen, da packte Lude ihn am Ärmel. »Das ist unser Keller. Also bin ich der Anführer beim Ausgraben. Und außerdem darfst du nicht mitmachen, weil ich einen Fettkloß wie dich in meiner Gruppe nicht brauchen kann.«

Hinke rief enttäuscht. »Ich will auch beim Graben mithelfen!«

Alfred bemerkte, dass sein Freund den Tränen nahe war. Lude äffte ihn nach. »Geh doch zu deiner Mutter und plärr auf ihrem Schoß, du Wickelkind!«

Bevor Hinke losheulen konnte, ging Alfred dazwischen. »Wenn du ihn nicht mit graben lässt, erzählen wir deinem Vater von der Münze. Und dann musst du sie ihm abgeben!«

Lude sah ihn verdutzt an. Er grübelte nach. »Von mir aus«, sagte er schließlich. »Aber ich bestimme, wo wir suchen.«

Das ließen sich Alfred und die anderen nicht zweimal sagen. Draußen im Schopf holten sie sogleich Pickel und Schaufeln. Eifrig begannen sie, den Keller auf den Kopf zu stellen. Sie gruben wie die Wilden und verwandelten den Kellerboden in kürzester Zeit in einen Acker, der aussah, als wäre er von einer Horde Wildschweine aufgewühlt worden. Nach einer Weile griff Utz zu Boden und zog etwas zwischen den Erdkrümeln hervor. »Ich hab was!«, rief er voller Begeisterung und hielt das münzförmige, von Dreck verkrustete Etwas nach oben.

»Ist es wieder eine Münze?«, freute sich Alfred.

»Ja, bestimmt!«, johlte Utz und begann, den Schmutz davon abzuwischen. Statt einer Münze hielt er einen abgebrochenen Nagelkopf zwischen den Fingern.

»Haha!«, lachte Lude ihn laut aus. »Du Dummkopf! Das ist doch keine Münze. Aber du kannst ja mal versuchen, ob du im Kaufladen etwas dafür bekommst.«

Ein forsches Rufen von oben unterbrach sein spöttisches Lachen. »Lothar! Was machst du da unten?«

Es war Ludes Mutter, die eilig die hölzerne Kellertreppe herunterstieg. Beim Anblick des aufgegrabenen Bodens schlug die Bäuerin ihre Hände über dem Kopf zusammen. »Jesses Maria!«, rief sie entsetzt. »Was habt ihr denn für einen Saustall angerichtet?«

Lude suchte offenkundig nach einer Ausrede. »Aber … ich … wir wollten doch nur den Boden für die Kartoffeln locker machen.«

Seine Mutter packte ihn verärgert an den Ohren. »So einen Käs hab ich ja noch nie gehört!«, keifte sie ihn an. »Ich glaube, dir ist es zu wohl! Du machst das hier sofort eben, sonst schlägt dich dein Vater windelweich. Hast du mich verstanden?«

Die Bäuerin wandte sich zu Alfred und den anderen um. »Und ihr verschwindet! Macht, dass ihr nach Hause kommt!«

Sophie

Sie war ihrem Peiniger hilflos ausgeliefert. Wie ein Tier wurde sie von beiden Seiten festgehalten und in diese erniedrigende Haltung gezwungen. Ihr Körper war hinten entblößt. Er schien sich daran zu ergötzen. Sie konnte nicht sehen, was hinter ihrem Rücken passierte, aber erahnen und vor allem hören. Dieses zunehmend lüsterne Stöhnen. Es war ein süchtiges Wimmern und Keuchen. Sophie wusste, dass er seine Wollust durch ihren Anblick befriedigte. Sie wollte fliehen, ausbrechen aus dieser Knechtschaft, dieser bestialischen Unterdrückung. Aber sie konnte nicht.

Plötzlich war sie frei. Doch es fühlte sich mit einem Mal widerlich an, ihre Kleidung, ihr Körper, einfach alles. Er hatte sie beschmutzt, befleckt mit den Resten seines widerwärtigen Triebes. Sophie fühlte sich unendlich schlecht. Sie fühlte sich geschunden und verstoßen von aller Welt. Um sie herum war nichts. Niemand.

Ein lauter Knall riss sie aus dem Schlaf und beendete diesen furchtbaren Albtraum. Neben ihr schreckte Alfred gleichzeitig auf. Völlig entgeistert saß er wie vom Blitz getroffen im Bett. Er fluchte und freute sich zugleich über die Böllerschüsse zu ihrer Hochzeit, die draußen in den frühen Morgenstunden dröhnten. Mit einem verschlafenen Lächeln sah er sie an, drückte ihr einen Kuss auf die Wangen und schlüpfte eilig in Hose und Hemd. Wenige Minuten später waren sie unten in der Küche und bereiteten die Morgensuppe für die Böllerschützen zu. Eine Zeit lang schwirrten noch Bruchstücke des Albtraums in ihrem Kopf herum. Dann verschwanden sie endlich.

Die Schmiede

Auf dem Weg nach Hause grübelte Alfred über die Münze nach, die Lude im alten Burgkeller gefunden hatte. Es musste ein wertvolles Relikt der Ritter sein, da war er sich sicher. Wenn Frau Wicker sie nicht ertappt hätte, wären sie bestimmt noch mehrmals fündig geworden. Doch es blieb bei seinem Wunschdenken. Als Alfred den elterlichen Hof erreichte, läutete die Glocke der Markuskapelle zum Abend. Der Komethof seiner Familie war eines der stattlichsten Gebäude in ganz Neufrach. Ein großer vierstöckiger Bau, dessen jahrhundertealtes Fachwerk unter Putz lag. Einst war der Hof ein Leiblehen des Klosters Salem gewesen und hatte bis zum Dreißigjährigen Krieg die Gaststätte im Dorf beherbergt. »Unser Haus hieß damals Zur Linde, wo sich so mancher Bauer einen Affen angesoffen hat«, erzählte sein Vater oft und lachte dabei.

Im Hof schöpfte seine Schwester Maria am Brunnen einen Eimer Wasser aus dem länglichen Steinbecken. »Alfred, es ist Zeit zum Vesper«, mahnte sie ihn. »Ich bring den Viechern geschwind das Wasser und danach komm ich rein. Geh du schon mal vor!«

»Ich muss Vater zuerst was Wichtiges fragen«, erwiderte er und ging eilig an ihr vorbei. Beim hölzernen Unterstand, wo Matthäus bei schlechtem Wetter die Pferde beschlug, trat Alfred in die Schmiede ein. Das Nebengebäude war ein ebenerdiger Bau mit Wagenschopf und Werkstatt. Der Raum war gefüllt mit unzähligen Gerätschaften und Werkzeugen. Die Decke und Wände waren schwarz vom Ruß. Ein Geruch von verbrannter Steinkohle hing in der trockenen Luft und fahles Tageslicht fiel durch die Fenster. Voller Begeisterung sprudelte Alfred sogleich los. »Vater, Vater! Lude hat bei sich zu Hause im Keller eine wertvolle Silbermünze gefunden! Die ist bestimmt vom Schatz der alten Ritter von Nüffern. Utz, Deddo, Hinke und ich wollten gemeinsam mit ihm weitersuchen, aber …«

»Eine Silbermünze?«, fiel ihm sein Vater skeptisch ins Wort. Matthäus wendete das Eisen einer Pflugschar in der Esse. Sein Lederschurz war von Kohlenstaub verdreckt. Das Leinenhemd war über seinen kräftigen Armen hochgekrempelt, und sein gerötetes Gesicht mit dem Schnauzbart glänzte im Schein des Feuers. Gegenüber anderen Vätern wirkte Matthäus kleiner, und mit seinen 50 Jahren war er zudem deutlich älter.

»Ja! Da sind eine Krone drauf mit der Zahl Zehn, ein Kopf und so Worte wie Deo con… lum… consilum oder so.«

Matthäus begann zu lachen. »Ich würde sagen, da habt ihr zehn lausige Kreuzer von früher gefunden.«

Sein Vater zog das Eisen aus dem Feuer und begann, es mit kräftigen Hammerschlägen zu schmieden.

»Aber die Münze ist aus dem Keller der alten Burg!«, rief Alfred enttäuscht dazwischen. »Die muss doch von einem Schatz sein!«

Matthäus hielt im Hämmern inne. »So, wie du erzählst, ist es eine gewöhnliche Kreuzermünze. Die gab es früher überall. Und jetzt geh ins Haus. Ich komm auch gleich. Deine Mutter wartet sicher schon.«

Enttäuscht ging Alfred hinaus. Vom Hinterhof gelangte er direkt in die Küche. Luise stand am grauen Schüttstein und wusch sich die Hände. Seine Schwestern waren ihr bei der Küchenarbeit behilflich gewesen und richteten soeben das Vesper auf den Tisch.

»Bub, geh und hol den Most für deinen Vater«, wies seine Mutter ihn an.

Widerwillig nahm Alfred den Krug in die Hand und murrte vor sich hin. »Immer muss ich gehen. Das könnten auch mal die anderen machen.«

Aus dem Keller zurück, stellte er den vollen Krug auf den Tisch und setzte sich zu seiner Familie. Sein Vater war inzwischen hereingekommen und nahm am Kopfende Platz. Nach dem Dankgebet aßen sie zu Abend. Alfred blickte gedankenverloren nach oben zum Regal mit den großen blau verzierten Steinkrügen aus vergangenen Gasthaus-Zeiten. Die Münze aus dem Keller der Wickers wollte ihm nicht aus dem Kopf gehen. Luise zupfte ihn am Ärmel. »Alfred, du sollst essen und keine Löcher in die Luft starren!«

Seine Mutter war fast zehn Jahre jünger als sein Vater. Ihr Haar war kraus und teilweise schon grau. Bei der Hausarbeit trug sie für gewöhnlich eine Kittelschürze und hatte das Haar zu einem Dutt zusammengebunden.

»Studierst du immer noch dem Kreuzer nach?«, fragte Matthäus, während er den Speck auf seinem Brett in feine Streifen schnitt. Alfred fühlte sich ertappt und nickte wortlos.

»Das waren nur zehn Kreuzer und sonst nichts. Das kannst du mir ruhig glauben, Bub.«

»Was hat er denn?«, wollte Luise wissen.

»Ach! Er und die anderen Burschen haben im Keller der Wickers ein Geldstück gefunden. Sie glauben, es sei eine alte Münze aus der Ritterzeit. Dabei sind es nur zehn Kreuzer, so wie er mir das beschrieben hat.«

Alfred blickte seinen Vater fragend an. »Was sind denn Kreuzer, Vater?«

Bevor Matthäus antworten konnte, platzte Irma neckisch dazwischen. »Hättest du mal in der Schule besser aufgepasst, dann wüsstest du, dass Kreuzer wie Pfennige sind, du Siebenschläfer!«

Emilie lachte. Luise warf den beiden einen vorwurfsvollen Blick zu. »In seinem Alter kann er das nicht wissen!«

Seine Mutter nahm ihn zu Recht in Schutz, denn als Jüngster war Alfred erst im vierten Schuljahr. Maria war die ganze Zeit über still gewesen und nutzte den ruhigen Moment. »Darf ich nachher mit dem Fahrrad nach Leutkirch und Josef besuchen?«, fragte sie zaghaft.

»Wenn ihr den Abwasch gemacht habt, kannst du von mir aus gehen«, antwortete Luise.

»Wann ist denn eure Hochzeit?«, bohrte Emilie bei Maria nach.

»Das hat Zeit!«, fuhr ihre Mutter entschlossen dazwischen. »Dafür sind sie noch zu jung.«

Emilie blickte Matthäus skeptisch an. »Wie alt warst du denn bei eurer Hochzeit, Vater?«

»Fast 30. Und mit 36 Jahren habe ich den Hof hier gekauft und gegen das Linsengut im Unterdorf eingetauscht«, verkündete er stolz. »Dort war früher die Schmiede von meinem Vater Wendelin. Von ihm und meinem Großvater Johann-Georg habe ich das Handwerk erlernt.«

Luise schwelgte in Erinnerungen. »Damals waren Maria und Emilie erst fünf und zwei Jahre alt! Wie bloß die Zeit vergeht. Im selben Jahr ist Irma zur Welt gekommen, und vier Jahre später kam unser kleiner Alfred.« Sie lächelte ihn liebevoll an.

Emilie blickte in die Runde. »Ich geh nachher nach draußen zu den anderen an den Brunnen.«

»Ich will auch raus!«, meldete sich Alfred zu Wort.

»Nein«, bestimmte seine Mutter. »Du und Irma, ihr bleibt hier drinnen bei uns.«

Nach dem Vesper räumten die älteren beiden die Küche auf und waren gleich danach verschwunden. Vom Stubenfenster aus spähte Alfred ihnen sehnsüchtig hinterher. Während Maria mit dem Rad die Dorfstraße hinunter verschwand, saß Emilie mit ihren Freundinnen am Brunnen, wo sie von jungen Kerlen aus dem Dorf umlagert wurden. Eine Weile beobachtete Alfred die Gruppe. Schließlich wurde es ihm zu langweilig, und er ging zurück in die Küche. Seine Eltern saßen am Tisch. Luise stopfte Socken, und Matthäus las wie jeden Abend aufmerksam in der Zeitung. Irma stand hinter ihrer Mutter und frisierte eifrig deren Haare. Alfred setzte sich gegenüber von Matthäus und studierte neugierig die Rückseite vom Seeboten, den sein Vater in den Händen hielt. Dort waren Anzeigen mit viel Text und nur wenigen Abbildungen zu sehen. Wobei die Bilder doch am interessantesten waren. Am unteren Rand der Seite entdeckte Alfred eine Anzeige mit zwei gezeichneten Ratten. Er las langsam und laut vor: »Böttgers Rattentod.«

Luise reagierte entsetzt. »Alfred! Was redest du denn da für ein Zeug?«

»Aber das steht hier in der Zeitung, Mutter«, rechtfertigte er sich und las laut weiter. »Zur vollständigen Ausrottung aller Ratten, giftfrei für Menschen und Haustiere, zu 50 Pfennig und einer Mark, in den Apotheken Meersburg und Heiligenberg.«

»Die armen Tiere!«, klagte Irma.

»Die sind nicht arm«, entgegnete Matthäus. »Schon gar nicht, wenn sie einem alle Vorräte wegfressen. Spätestens dann sagt niemand mehr: die armen Tiere.«

»Wo euer Vater recht hat, hat er recht.«

Matthäus deutete interessiert auf die Zeitung. »Aha! Hier steht was zum Luftschiff des Grafen Zeppelin.«

Luise blickte ihn verwundert an. »Was für ein Luftschiff?«

»Der Schönenberger hat mir neulich davon erzählt«, antwortete Matthäus. »Der Graf will am Bodensee einen lenkbaren Ballon bauen und damit in die Luft steigen.«

Alfred rief begeistert auf. »Oh, toll! Was steht denn in der Zeitung?«

Daraufhin begann Matthäus den Artikel aus dem Seeboten laut vorzulesen. »Vom Bodensee, 16. Juni. In einem schwimmenden sehr geräumigen Holzschuppen auf den Fluten des Bodensees geht das lenkbare Luftschiff des Grafen von Zeppelin nunmehr seiner Vollendung entgegen. Es ist das größte Fahrzeug dieser Art, was je gebaut wurde. Der Erfinder geht mit Recht von dem Gedanken aus, dass zum Bewegen und Lenken eines Luftschiffes vor allen Dingen Maschinen solider Bauart erforderlich sind, die notwendigerweise ein gewisses Gewicht besitzen müssen. Der eigentliche Ballon hat die bekannte Zigarrenform und besteht aus einem Gitterwerk aus Aluminium mit einem Überzug von Seide und Pegamoid versehen. Die Länge dieses Zylinders beträgt 416 Fuß bei einem Durchmesser von 38 Fuß. Der Ballonkörper ist der Länge nach in 17 durch Scheidewände getrennte Abteilungen geteilt, von denen jede ihren besonderen Gasbehälter enthält. Es sollen hierdurch die durch das Schwinden beziehungsweise Ausdehnen des Gases erzeugten Stöße gleichmäßig verteilt werden, um dadurch einem Verbiegen des Ballons vorzubeugen. An jeder Seite des Ballons sind zwei Propellerschrauben angebracht, die von zwei Benzinmotoren von zusammen 32 Pferdestärken angetrieben werden. Diese befinden sich in sieben Fuß unter dem Ballon angebrachten Gondeln, die durch eine Aluminiumbrücke von 302 Fuß Länge verbunden sind. Diese Brücke, die ebenso wie die Gondeln durch solide starre Anker mit dem Gitterwerk des Ballons verbunden ist, dient als Aufenthaltsort für die Mannschaft und die Passagiere. Der Ballon umfasst 11.300 Kubikmeter Gas und ist nach der Berechnung im Stande, über 10.000 Kilogramm zu heben. Das zu hebende Gewicht beträgt jedoch mit der Mannschaft nur 9.000 Kilogramm, sodass noch ein Überschuss von 1.000 Kilo verbleibt. Der Ballon ist nach allen Regeln der Kunst und Wissenschaft und nach den neuesten Erfahrungen gebaut, sodass man hoffen kann, dieses Mal ein günstiges Resultat zu erzielen. Natürlich kann man hierüber sich erst ein Urteil nach einer erfolgten Probefahrt bilden.«

Matthäus legte die Zeitung nieder. »416 Fuß Länge und ein Durchmesser von 38 Fuß!«, wiederholte er beeindruckt. »Das ist ja wahnsinnig, was der Graf da zusammenbaut!«

»Wie groß ist das denn, Vater?«, fragte Irma neugierig.

»Hm, das sind mindestens sechs große Lokomotiven hintereinander.«

»Jesses Gott!«, rief Luise überrascht. »Und so ein Monstrum soll am Himmel fliegen können? Wenn das runterfällt, sind sämtliche Leute auf einmal tot!«

Alfred grübelte laut. »Wenn es so groß ist wie sechs Lokomotiven, ist es doch viel zu schwer zum Fliegen?«

Matthäus schüttelte den Kopf. »Nein. Hier steht, dass das Gitterwerk aus Aluminium gefertigt ist. Das ist viel leichter als der Stahl von Lokomotiven. Also könnte es durchaus funktionieren.«

Die Vorstellung von diesem riesigen Luftschiff faszinierte Alfred. »Können wir den Ballon mal anschauen, Vater?«

Matthäus lachte. »Wie willst du ihn denn anschauen? Noch ist er nicht fertig!«

Luise stopfte fleißig. »Wo wird er denn gebaut? Steht das drin?«, wollte sie wissen.

»Nein«, erwiderte Matthäus. »Aber ich weiß vom Schönenberger, dass die Werft am See in Manzell ist.«

»Können wir da hingehen, Vater?«, bettelte Alfred. »Bitte, bitte!«

Matthäus sprach ihm ruhig zu. »Wenn der Termin für die Probefahrt bekannt ist, können wir von mir aus mit dem Fuhrwerk dorthin fahren und uns das anschauen. Es interessiert mich selbst, wie dieses Ungetüm fliegen soll.«

Luise sah Matthäus entsetzt an. »Mein Alfred soll mit? Und wenn euch irgendwas passiert? Das ist sicher nichts für einen kleinen Buben!«

Enttäuscht wollte Alfred seiner Mutter widersprechen, aber sein Vater kam ihm zuvor. »Es ist fraglich, ob ich bei der vielen Arbeit überhaupt aus der Werkstatt weg kann.«

Alfred ließ nicht locker. Der Gedanke an einen so großen Ballon faszinierte ihn. »Ich möchte das Luftschiff unbedingt sehen, Vater! Bitte! Bitte!«

Matthäus sprach das letzte Wort. »Jetzt warten wir erst einmal den Termin für die Probefahrt ab, und danach sehen wir weiter.«

Am nächsten Tag hoffte Alfred gespannt auf die Terminankündigung im Seeboten. Nervös blickte er seinen Vater während dessen Zeitungslektüre an. Aber in der Ausgabe von Dienstag stand nichts drin. Alfred war enttäuscht. Matthäus tröstete ihn. »Das wird schon. Du musst einfach warten können.«

Am Mittwoch schnappte sich Alfred die Zeitung, als sie der Postbote brachte. Tatsächlich war eine kleine Meldung zum Zeppelinschen Ballon in der Zeitung. Aufgeregt las er in der Küche die Nachricht. »Vom Bodensee, 19. Juni. Der Aufstieg von Zeppelins Luftschiff soll unwiderruflich in den letzten Tagen des Juni oder Anfangs Juli erfolgen, und zwar in den frühen Morgenstunden.«

Alfred seufzte laut. »Och! Das dauert ja ewig!«

Luise stand am weißen Emaille-Herd und kochte das Mittagessen. »Was dauert ewig?«

»Die erste Fahrt vom Luftschiff. Hier steht, dass der Termin erst Ende Juni oder sogar Anfang Juli ist.«

»Das wird eben seinen Grund haben«, erwiderte sie. »Du wirst den Riesenballon schon noch sehen. Auch wenn mir dabei nicht ganz wohl ist. Wie dein Vater gesagt hat, musst du nur warten können. So, und jetzt ruf bitte die anderen zum Mittagessen.«

Am Nachmittag spielte Alfred mit Utz und Hinke am Waldrand oberhalb des Dorfes. Auf einer Eiche mit dicken, weit ausragenden Ästen hatten sie sich in den vergangenen Wochen ein Baumhaus zusammengezimmert. Nun bastelten sie an einer Strickleiter, die zum Schutz vor Eindringlingen mit einem Seilzug nach oben gezogen werden sollte. Während Alfred mit seinen Freunden die Leiter aus alten Brettern und Seilen zusammenknotete, redeten sie über das Luftschiff des Grafen. »Ich würde so gern den Ballon sehen«, klagte Alfred. »Aber das dauert noch ewig bis zur Probefahrt!«

»Wenn der über Neufrach fliegt, kann man bestimmt den Leutkircher Wald mit unserem Baumhaus erkennen!«, meinte Hinke begeistert. Er fantasierte weiter. »Wir könnten eine große Flagge zusammennähen und am Baumhaus festmachen, damit die uns von oben sehen können. Meine Mutter hat alte Kleider zu Hause. Da könnten wir sicher was holen.«

Utz bremste ihn in seiner Begeisterung ein. »Woher willst du denn wissen, dass der Ballon überhaupt nach Neufrach kommt? Mein Vater hat gesagt, dass er am See gebaut wird und wahrscheinlich nur dort fährt.«

»Trotzdem kann es doch sein, dass er auch hier vorbeikommt, und dann können wir von unserem Baumhaus aus winken«, meinte Hinke zuversichtlich. »Das wäre sicher toll!«

»Können wir schon machen«, erwiderte Alfred. »Aber ich möchte das Luftschiff von Nahem sehen und nicht nur von hier!«

Die Jungen bastelten die Strickleiter fertig und befestigten sie an einem Seilzug mit schweren Steinwacken. Als die Konstruktion fertig war, ließen sie diese ganz begeistert immer wieder hoch- und runterfahren. Das Vorhaben des Grafen Zeppelin war somit für den Rest des Tages vergessen.

Am darauffolgenden Samstag stand im Seeboten endlich eine konkrete Meldung zur geplanten Probefahrt. Alfred hatte in den vergangenen Tagen das Suchen nach aktuellen Meldungen vernachlässigt. Doch Matthäus machte ihn bei der Zeitungslektüre nach dem Mittagessen darauf aufmerksam. »Hier hast du nun deinen Termin«, verkündete er und las am Tisch laut vor: »Friedrichshafen, 27. Juni. Gestern hatte die von der Feuerwehr zur Hilfeleistung beim Luftschiffaufstieg erbetene Mannschaft erstmals Instruktion, morgen ist Repetition. Im Hafen liegen zwei Pontons mit circa 100 Flaschen, welche wegen stürmischer See nicht nach Manzell befördert werden können. Infolge ungünstigen Wetters ist die Auffahrt selber auf nächsten Samstag verschoben. Offiziere und Mannschaften der Luftschifferabteilungen Berlin und München sind zur Stelle. Das Hotel zum Deutschen Haus ist so überfüllt, dass die Nachbarwirtschaften und Nachbarhäuser requiriert werden mussten.«

Alfred war sogleich wieder Feuer und Flamme für das Luftschiff. »Können wir am Samstag hinfahren, Vater?«, rief er freudig.

Matthäus winkte ab. »Jetzt mal langsam mit den jungen Rössern! Ich weiß noch nicht, wie es nächste Woche mit der Arbeit aussieht.«

Alfred reagierte trotzig. »Dann gehe ich eben mit Utz selbst dorthin!«

Neben ihm lachte Emilie amüsiert. »Haha! Ihr zwei Pimpfe findet allein doch gar nicht den Weg dahin!«

Alfred war vor Wut und Enttäuschung den Tränen nahe. »Den finden wir sehr wohl!«

»Ruhe jetzt!«, rief Matthäus. »Wenn ich nächste Woche Zeit habe, fahren wir hin. Und wenn nicht, geht es eben nicht. Schluss! Aus! Amen!«

Atelier Degenfeld

Friedrichshafen im Juni 1900

Richard mochte die fremde Frau vom ersten Moment an. Sie zählte zu den angenehmen Kundinnen in seinem Atelier. Frau Kober war zurückhaltend, nicht eingebildet und weniger anstrengend als die Damen aus Friedrichshafen, die sich bei ihm porträtieren ließen. Mit der Zeit kannte er die Leute aus der Stadt. Wie viele Bürger war er vor Jahren von Stuttgart nach Friedrichshafen gezogen, in die Sommerresidenz des württembergischen Königs. Er hatte das Haus in der Goldschmiedsgasse gekauft und das Dachgeschoss zu einem Foto-Atelier umbauen lassen. Das Dach und die Seitenwand zur Gasse hin waren komplett verglast, damit genügend Tageslicht zum Fotografieren in den Raum gelangte. Für Porträtfotos hatte er das Atelier mit verschiedenen Möbelstücken eingerichtet, auf denen die Kunden posierten. Als Hintergrund konnten sie zwischen einer geschmeidigen Gardine, einem kleinen Tisch mit Vase, einer Wand mit Gemälden oder einer großen Landschaft auf Leinwand wählen. Frau Kober hatte sich für das Tischchen mit der Vase entschieden, und das passte auch vollkommen zu ihr. Mit einem prüfenden Blick schaute Richard durch die Linse seines Fotoapparates. »Sie müssen einen kleinen Schritt nach rechts machen, damit die Vase nicht verdeckt wird«, wies er sie unter dem Tuch des Fotoapparates an.

Die junge Frau war völlig konzentriert in ihrer stehenden Pose.

»So?«

»Ja, so ist es gut.« Er streckte den Kopf unter dem Tuch hervor. »Ab jetzt sollten Sie sich möglichst nicht bewegen.«

Richard nahm die Lupe aus Messing zur Hand, die an einem Band um seinen Hals hing. Er stülpte das Tuch des Fotoapparates nach oben, sodass im Apparat das kopfüber stehende Abbild von Frau Kober sichtbar wurde. Mit der Lupe fuhr er langsam über die Glasplatte und prüfte die Schärfe des Abbildes. Frau Kober trug eine weiße Bluse und darüber ein dunkelblaues Kostüm mit langen Ärmeln. Ihre Haare hatte sie mit einer Agraffe zu einer Hochsteckfrisur zusammengefasst.

»Das sollte so passen«, murmelte er und verschloss die Linse. Mit geübten Handgriffen schob er die Holzkassette mit einer präparierten Gelatine-Glasplatte darin von oben in den Apparat und öffnete den Lichtschieber der Kassette. Fertig vorbereitet wandte er sich an seine Kundin. »Ich betätige gleich den Auslöser, dann wird das Foto abgelichtet, und danach haben Sie es geschafft. Achtung! Jetzt!«

Frau Kober hielt die Luft an und schien sich keinen Zentimeter zu bewegen. Trotz der Anspannung behielt sie ihr freundliches und liebreizendes Aussehen bei. Sie war Richard sehr sympathisch. Im Ganzen dauerte es nicht einmal eine Sekunde, bis das helle Tageslicht das Abbild der jungen Frau auf die Gelatine-Trockenplatte im Fotoapparat gezeichnet hatte.

»So, das war’s«, sagte Richard mit einem Lächeln und verschloss den Lichtschieber der Kassette.

Die Kundin war erstaunt. »Ist es schon fertig? Ich dachte, ich muss viel länger stillhalten?«

»Nein, nein.« Richard zog die Holzkassette aus dem Fotoapparat. »Früher dauerte eine Fotografie mit dem Kollodiumverfahren tatsächlich länger, ja. Aber dank Herrn Maddox und seiner genialen Trockenplatte, können wir heute so schnell fotografieren, wie ein Augenaufschlag dauert.«

Die junge Dame bestaunte seinen Fotoapparat auf dem Stativ. »Das ist schon eine faszinierende Technologie!«

Richard freute sich über ihr Interesse und teilte sein Wissen mit. »Haben Sie gewusst, dass der Franzose Tiphaigne de la Roche vor über 100 Jahren in seinem Roman Giphantie eine fremde Welt von Geistern beschrieben hat, die mithilfe einer geheimen Substanz in nur einem Augenblick das Abbild von Gegenständen oder Menschen machen konnten?«

Verblüfft sah Frau Kober ihn an. »Nein. Aber demnach hatte der Herr die Zukunft wohl schon damals vorausgesehen?«

»Ja, das kann man so sagen, zumindest, was die Fotografie anbelangt. Ich fotografiere nun schon seit 20 Jahren und bin immer noch bei jedem einzelnen Porträt begeistert, das in meiner Dunkelkammer auf der Glasplatte wie von Geisterhand aus dem Nichts entsteht. Ich stimme Ihnen zu, es ist tatsächlich eine tolle Technologie.«

»Erlauben Sie mir zu fragen, Herr Degenfeld, seit wann Sie hier in der Stadt sind?«

»Gerne«, antwortete er. »Ich bin 1887 von Stuttgart nach Friedrichshafen gekommen und habe kurz danach mein Geschäft eröffnet.«

»Dann sind Sie länger ansässig, als ich dachte«, meinte die junge Frau erstaunt. »Mein Mann und ich sind öfters zu Gast hier in der Stadt, daher meine Neugier.«

Richard begleitete sie vom Atelier ins Erdgeschoss hinunter. »Ich werde Ihr Porträt heute entwickeln, dann können Sie es morgen abholen.«

»Soll ich gleich bezahlen?«

»Aber nein, gnädige Frau, das können wir alles morgen erledigen.«

Die Kundin deutete auf die vielen Fotografien an der Wand. Ganz oben in der Mitte hing neben den Bildern der Schlosskirche und dem eines Dampfschiffs das Porträt von Agatha.

»Ein wunderschönes Foto«, sagte sie.

»Das ist meine Frau.«

Das Gesicht von Frau Kober strahlte. »Ach, wie schön! Ist sie ebenfalls im Atelier tätig?«

Richard wurde ernster. »Nein. Sie ist vor fünf Jahren verstorben.«

Erschrocken hielt sich die Kundin die Hand vor den Mund. »Du meine Güte! Bitte entschuldigen Sie meine Taktlosigkeit, Herr Degenfeld.«

»Es ist alles in Ordnung. Sie können ja nicht wissen, dass ich so jung Witwer geworden bin.« Lächelnd sinnierte er vor dem Bild. »Ich lernte sie an einem herrlichen Sommertag auf dem Haldenberg kennen.«

»Ist das hier am Bodensee?«

»Ja, bei Ailingen. Ich wollte dort Landschaftsaufnahmen fotografieren. Der Haldenberg ist zwar nur ein Hügel, doch von dessen Kuppe aus hat der Betrachter einen herrlichen Rundumblick über den Bodensee und die dahinter liegenden Alpen. Ich hatte meine Kamera dort auf der Wiese aufgestellt und fotografierte die wunderbare Aussicht. Und da sah ich sie zum ersten Mal. In einem Obstgarten nebenan kniete sie unter den Bäumen im Gras und las Äpfel vom Boden auf.«

»Eine Bauerstochter?«, fragte Frau Kober.

»Ja. Eine Schönheit par excellence! Fest entschlossen lief ich zu ihr hinüber und fragte, ob ich ein Foto von ihr machen dürfe.«

»Eine wundervolle Geschichte, Herr Degenfeld!«

Er nickte geschmeichelt. Mit einer höflichen Geste reichte er ihr den Sonnenschirm. Sie sah ihn fröhlich an. »Vielen Dank für dieses außergewöhnliche und zugleich aufregende Erlebnis! Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag.«

»Das wünsche ich Ihnen ebenso.« Er öffnete die Ladentür und sah ihr hinterher. Draußen in der Gasse spannte Frau Kober ihren Sonnenschirm auf und spazierte in Richtung Nikolauskirche. Zufrieden ging Richard hinein und blickte nochmals auf das Porträt seiner Frau. Für ihn war es nicht der Beleg seines fotografischen Könnens, sondern vielmehr eine der schönsten Erinnerungen, die ihm von ihr geblieben waren. Lange stand er vor der Fotografie und betrachtete sie eingehend. Dabei war es ihm, als könne er in der Zeit zurückreisen. In seiner Vorstellung erwachte Agatha wieder zum Leben. Er hörte ihr herzliches Lachen. In ihrer bäuerlichen Kleidung kniete sie unter dem Apfelbaum und blickte ihn mit ihrem magisch leuchtenden Blick an. Die schönen Augen hatte Sophie von ihr geerbt. Wäre sie ihm nicht geblieben, hätte er mit seinem Leben nicht mehr weitergewusst. Mittlerweile war sie sieben Jahre alt und besuchte die Volksschule. Nachmittags spielte sie oft mit ihren Freundinnen. Aber die meiste Zeit verbrachte sie bei ihm im Atelier. Sophie liebte ihn über alles, und das war sein großes Glück. In diese Gedanken versunken ging er die Treppen nach oben in die Küche, wo seine Haushaltshilfe das Mittagessen kochte. Richard schenkte sich ein Glas Wasser ein und leistete Frau Kleinmeier Gesellschaft. Sie schabte Kartoffeln für den Reibekuchen. Die Haushälterin war ein paar Jahre älter als er, trug eine Bluse mit Brosche am Kragen und eine weiße Schürze über dem Rock. »War das Frau Kober?«, fragte sie.

»Ja, warum? Kennen Sie die Dame etwa?«

»Nun ja, nicht direkt. Mein Gatte arbeitet bei Graf Zeppelin. Wissen Sie, Herr Kober ist der Ingenieur, der für den Grafen das Luftschiff konstruiert hat.«

Richard wurde neugierig. »Ach. Ihr Mann arbeitet also am Luftschiff?«

»Ja. Der Graf hatte für sein Vorhaben ein paar Arbeiter aus der Eisenbahnwerkstätte angeworben. Das war vor etwa einem Jahr, und da war mein Gregor auch dabei. So, wie er mir erzählt hat, ist das Luftfahrzeug schon fast fertig.«

»Das ist ja interessant!«, meinte Richard. Wie ein kleiner Junge begann er zu schwärmen. »Ich habe vor ein paar Jahren in Cannstatt ein Luftschiff von einem Herrn Wölfert fahren sehen. Das war äußerst beeindruckend! Ich stelle mir vor, dass man in diesen Schiffen einem Vogel gleich über der Erde schwebt. Das muss ein erhabenes Gefühl sein, als ob Gott einem die Fähigkeit zum Fliegen geschenkt hätte. Meinen Sie nicht?«

Frau Kleinmeier nickte, während sie den Teig für den Reibekuchen in der Schüssel vorbereitete. »Ja, so muss es wohl sein. Das Luftfahrzeug vom Grafen Zeppelin wird anscheinend riesig, wie mein Mann erzählt hat.«

»Und welche Tätigkeit hat Ihr Mann dort, wenn ich fragen darf?«