Die graue Sau der Ostsee - Werner E. J. Schulz - E-Book

Die graue Sau der Ostsee E-Book

Werner E J Schulz

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Beschreibung

Lassen Sie sich diesen spannungsgeladenen Marine-Roman des ehemaligen Minentauchers Werner Schulz keinesfalls entgehen. Erleben Sie die auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte eines jungen Kapitänleutnants auf lebensgefährlicher Mission in der mit Kriegsmunition verseuchten Ostsee! Klappentext: Als das Deutsche Olympischen Komitee die Segel-Olympiade ausgerechnet in einem Munitionsversenkungsgebiet der Ostsee abhalten will, kommen die Minentaucher der noch jungen Bundesmarine zum Einsatz. Ihre Mission: Das besagte Gebiet von bedrohlichen Überbleibseln des Zweiten Weltkrieges freiräumen. So kommt es, dass der frischgebackene Kapitänleutnant Max Berger zusammen mit seinem Schiff, der Hansa, für ebendiese lebensgefährliche Mission ausgewählt wird. Gefahren lauern an jeder Ecke. Jederzeit kann ein korrodierter Torpedo in die Luft fliegen oder eine 1.700 kg-Mine die ganze Hansa erbarmungslos in Fetzen reißen. Bergers Männer finden sich in dem gefährlichsten Einsatz ihres Lebens wieder, der sie erbarmungslos an ihre Grenzen treibt … Der ehemalige Minentaucher und Wahl-Seycheller Werner Schulz verarbeitet in seinem Roman »Die Graue Sau der Ostsee« eigene Erlebnisse und liefert ein Werk voll urwüchsiger Seemannssprache und knackiger Spannung ab. »Die graue Sau der Ostsee – Ein Roman über die Minentaucher der Bundeswehr« ist Pflichtlektüre für Liebhaber originaler Seefahrergeschichten! Wie geht es mit Berger und seinen tapferen Männern weiter? Werden sie Ihren Auftrag erfüllen?

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Die graue Sau der Ostsee

Die Minentaucher der Bundeswehr im Einsatz

 

 

EK-2 Militär

 

 

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Moni & Jill von EK-2 Publishing

Die graue Sau der Ostsee – Ein Roman über die Minentaucher der Bundeswehr

 

Kapitel 1

 

»Wie ich höre, nehmen Sie nicht am Unterricht für Wachoff’ziere teil, Oberleutnant Berger«, sagte Fregattenkapitän Denker, Kommandeur des 4. Minensuchgeschwaders. »Weder Morsen für WOs noch Schiffsführung noch Dienst an Bord und dergleichen.«

Oberleutnant zur See Max Berger stand vor dem Schreibtisch seines Kommandeurs in dessen Büro, Mütze in der linken Hand. Der Kommandeur blickte ihn erwartungsvoll über seinen Brillenrand hinweg an. FKpt Denker war untersetzt, in den Fünfzigern, hatte ein wettergerötetes Gesicht und schüttere, graue Haare.

»Gibt es da eine Erklärung?«, wollte er wissen.

»Jawohl, Herr Kap’tän«, sagte Berger. »Ich kann das alles, Herr Kap’tän.«

FKpt Denker sah wieder auf das Schreiben in seiner Hand. »Ihr Kommandant sagt auch, dass Sie sich als IIIWO weder vom IIWO, noch vom IWO etwas sagen lassen, sondern die beiden einfach übergehen. Haben Sie dafür auch eine Erklärung, Oberleutnant?«

Max Berger räusperte sich. »Jawohl, Herr Kap’tän.« Er machte eine Pause. »Ich habe seit zwei Jahren das Kommandantenzeugnis für KM-Boote. Das Minenjagdboot Fulda ist ein umgebautes KM-Boot. Ich bin in England ausgebildeter Minentaucheroffizier und auf die Fulda als IWO, und nicht als IIIWO, versetzt worden, mit der Aussicht, das Boot als Kommandant und Minentauchereinsatzoffizier zu übernehmen.« Berger wartete auf eine Reaktion seines Kommandeurs. Da kam nichts.

»Soweit mir bekannt ist, Herr Kap’tän,« fuhr Berger fort, »bin ich derzeit der einzige Minentauchereinsatzoffizier mit Kommandantenzeugnis in der Bundesmarine.«

FKpt Denker musterte den jungen Seeoffizier kritisch durch seine dickrandige Brille. Max Berger war groß, schlank, breitschultrig, hatte kurzgetrimmte blonde Haare und blaue Augen. Er hielt dem Blick seines Kommandeurs stand.

»Das ist alles, Oberleutnant Berger«, sagte der Kommandeur nach einer Weile. »Wegtreten.«

Der Bordbetrieb auf der Fulda schlenkerte so dahin, und Max Berger wunderte sich, was er da eigentlich sollte. Nach seiner Ausbildung bei der Royal Navy war er Einsatzoffizier bei der Minentaucherkompanie in Eckernförde gewesen und hatte diverse erfolgreiche Einsätze gefahren. Mit Frau und zweijähriger Tochter bewohnte er eine schöne kleine Dienstwohnung in der freundlichen Küstenstadt. Den Standort der Fulda im 4. Minensuchgeschwader, Wilhelmshaven, hatte er noch nie gemocht. Alles grau. Die Stadt, der Himmel, das Meer, die Menschen.

Nach einem Kurzmanöver des 4. Minensuchgeschwaders im Jadebusen war die Fulda auf dem Rückmarsch nach Wilhelmshaven. Der Kommandeur, Fregattenkapitän Denker, war auf dem Minenjagdboot eingestiegen. Beim Einlaufen in den Marinehafen waren alle Offiziere auf der Brücke. Es herrschte das typische Wilhelmshavener Schmuddelwetter mit einer steifen Brise aus Ost. Der Kommandant fuhr das Anlegemanöver.

»Kilo ins Deck!«, sagte er durch das Mikrofon, das ihn vom Peildeck mit dem Fahrstand eine Etage tiefer verband.

»Besatzung auf Manöverstation!«

Der Kommandeur beobachtete das Treiben von der Geschützfernsteuerung aus.

Das Anlegemanöver ging beim ersten Anlauf total in die Hose. Der Kommandeur wollte die Fulda zwischen zwei Bootspäckchen, die schon an der Pier lagen, bugsiert haben, und das bei stark ablandigem Wind. Der Kommandant tat sein Bestes, aber bevor er eine tragende Leine an Land hatte, war das Boot wieder zu weit abgetrieben.

»Die segelt wie die Gorch Fock«, sagte er mit einem Schafsgrinsen.

Das zweite Manöver war nicht erfolgreicher, und der Kommandant gab dem Schmadding die Schuld. Die Leinen würden zu langsam an Land kommen, meinte er.

»IIIWO!«, wandte sich der Kommandeur von seinem Beobachtungspunkt an Oberleutnant Berger. »Jetzt zeigen Sie mal, was Sie können, Oberleutnant! – IIIWO fährt weiter!«, sagte er zum Kommandanten der Fulda.

»IIIWO fährt weiter!«, sagte der Kommandant durch das Mikro, und von unten kam die Bestätigung.

Max Berger ließ den Schmadding auf die Brücke kommen und besprach mit ihm in einer Minute, wie er das Boot an die Pier legen wollte. Der Hauptbootsmann nickte, grüßte und meldete sich von der Brücke.

Berger sandte ein Stoßgebet gen Himmel, drehte die Fulda auf der Stelle, fuhr gegen den Wind rückwärts in die Lücke zwischen den beiden Päckchen dicht an die Pier heran, ließ die Heckleine mehr oder weniger von Hand zu Hand auf die Pier geben und auf der Fulda belegen. Er stand in der Nock und befehligte die Leinen. Dann kam die Achterspring auf die Pier, und Berger ließ sie so weit wie möglich nach vorne auf die Pier legen. Mit einer Maschine voraus und der anderen zurück zog er das Boot in die Achterspring hinein und ließ gleichzeitig die Heckleine gerade genug schricken, damit das Boot drehen konnte, aber nicht weggetrieben wurde. Er ließ die Kopfleine als nächste auf die Pier geben und die Lose durchholen, bis das Boot auf den Meter genau zwischen den Päckchen lag.

»Vorleine rüber!«, sagte er durch das Oberdecksmikro, und »Maschine beide Steigung Null!« durch das Brückenmikrofon. Er drehte sich um und rief dem Kommandeur zu: »Melde Boot fest!«

FKpt Denker schmunzelte. »Berger«, sagte er, »Wenn sie jetzt schnell Einmal-Lang auf dem Nebelhorn geben müssten, wie würden Sie das tun?«

Max Berger ging am Kommandeur vorbei zum Signalmast, öffnete den kleinen Kasten auf dessen Rückseite und drückte auf den roten Knopf.

»Böööööp!«, machte es.

 

Eine Woche später wurde Oberleutnant zur See Max Berger zum Kommandeur des 4. Minensuchgeschwaders zitiert.

»Berger«, sagte FKpt Denker, »da ist eine Kommandantenstelle frei. A11. Minentaucherboot Hansa. Untersteht der Minentaucherkompanie Eckernförde. Liegeplatz Eckernförde ... wollen Sie?«

»Jawohl, Herr Kap’tän!« sagte Max Berger.

»Gehen Sie zum Spieß und lassen Sie ihn die Papiere fertig machen.«

Berger meldete sich ab und drehte sich um.

»Berger«, sagte der Kommandeur hinter ihm her, »viel Glück!«

Kapitel 2

 

Die Hansa gehörte der Niobe-Klasse an und war zum Minentaucherboot umgebaut worden. Da gab es eine große Gerätelast, eine Sechs-Mann-Druckkammer, Schlauchboote mit Außenbordern und ein großes Arbeitsdeck achtern mit einem Kran, der über eine elektrische Winde betrieben wurde. Max Berger ließ als eine seiner ersten Amtshandlungen eine klappbare Taucherplattform am Heck anbauen. Eine stabile Taucherleiter verband sie mit dem Achterdeck. Eine transportable Einmanndruckkammer stand für etwaige Taucherevakuierungen bereit.

Die Hansa hatte knapp 30 Mann Stammbesatzung, ein 4cm-Geschütz auf der Back, eine Hauptmaschine von über 1.000 PS und zwei Hilfsdiesel. Die Brücke war auf Deckhöhe, aber gefahren wurde fast ausschließlich vom Peildeck darüber, wo auch der Rudergänger meistens saß. Kontakt vom Peildeck zur Brücke geschah über ein System aus »Flüstertüten«, offiziell Sprachrohre genannt: verschließbare, enge Rohre, in die man hineinsprach. Funktionierte immer.

Gewohnt wurde auf der Hansa eher spartanisch. Das Mannschaftsdeck war unter Deck ganz vorne, gleich hinter dem Kettenkasten und der Vorpiek. Dann kam das U-Deck und anschließend die beiden einzigen Kammern, eine backbord für den Leitenden Maschinisten und eine steuerbord für den Kommandanten. Ursprünglich war diese Bootsklasse nicht für Offiziersplanstellen vorgesehen. Die Kommandanten waren meist Stabsbootsleute. Als Minentaucherboot hatte die Hansa eine A11 Planstelle für den Kommandanten bekommen.

Auf dem Hauptdeck, gleich hinter der Brücke, befand sich der Funkraum. Die anschließende Messe für Portepeeunteroffiziere und den Kommandanten war nur ein Tisch mit ein paar Bänken rundum. Als eine von zwei Minentauchereinheiten der Bundesmarine bekam die Minentaucherkompanie öfter hohen Besuch. Der besichtigende Bundespräsident hatte Bergers Einladung, das Mittagessen in der Messe einzunehmen, abgelehnt. Er hatte mit den Mannschaften ganz vorn unter Deck gegessen.

Für Einsätze nahm Berger eine von ihm zusammengestellte Gruppe Minentaucher von der Minentaucherkompanie an Bord. Die war im Wohnschiff Alter Hafen auf der der Hansa gegenüberliegenden Seite der Pier untergebracht.

Max Bergers Familie war glücklich, in Eckernförde bleiben zu können. Bergers Frau hatte zwar den Umzug in die graue friesische Einöde schon vorbereitet, aber es machte ihr »überhaupt nicht das Geringste aus«, wie sie sagte, alles wieder rückgängig zu machen.

 

Besprechung beim Kompaniechef der Minentaucher-kompanie.

»Berger«, begann der Chef. »Zwei Nachrichten für Sie: erstens, meinen Glückwunsch zur Beförderung zum Kapitänleutnant, zweitens, kommen Sie mal mit in mein Büro. - Das ist noch Geheimsache«, sagte er zu den anderen im Raum.

»Setz dich«, sagte der Chef, im Büro angekommen. Er beugte sich unter seinen Schreibtisch, brachte zwei Gläser und eine Flasche hervor und schenkte ein.

»Auf den Kaleu!«

»Auf den Kaleu«, sagte Max Berger.

»Die Idioten vom Deutschen Olympischen Komitee haben für die Segel-Olympiade in Kiel Segel-Revierkarten in alle Welt verschickt«, begann der Chef. »Auf diesen Karten steht in Rot quer über das Revier gedruckt: UNREIN - MUNITIONSVERSENKUNGSGEBIET.« Er ließ seine Worte wirken. »Natürlich schreit alle Welt wie am Spieß. Der Flottenchef hat mich eben angerufen. Wir – das heißt, du – sollst das in drei Monaten freiräumen.«

»Was liegt’n da alles?«, fragte Max Berger.

»Seeminen, Bomben, Luftminen, aber meist Torpedoköpfe. So genau wusste das der Flottenchef auch nicht. Alles altes Zeug aus dem Krieg ...«

»Prost«, sagte Kapitänleutnant Max Berger. Er leerte sein Glas.

Der Chef hatte entschieden, die Hansa von Eckernförde nach Olpenitz zu verlegen. Das war ein neuer Stützpunkt für Schnellboote, und U-Boote legten da auch gelegentlich an.

»Ist näher am Einsatzgebiet, und da hast du auch bessere Versorgungsmöglichkeiten als hier«, sagte der Chef.

»Wann geht’s los?«, wollte Max Berger wissen.

»Gestern«, sagte der Chef.

 

Das Segelrevier für die olympischen Sportsegler lag am östlichen Ausgang der Kieler Förde, eine halbe Meile vom Land entfernt. Kaleu Berger hatte das Revier genauestens auf der Seekarte eingezeichnet. Jeder Quadratmeter auf See zählt. Das heißt, jeder Quadratmeter, den man nicht absuchen muss. Das Suchgebiet hatte eine durchschnittliche Wassertiefe von 15 Metern. Wenn sie das Atemgas für das Mischgasgerät dementsprechend zubereiteten, konnten die Taucher mehrmals täglich ohne Austauchzeiten tauchen. Berger hatte sich seine Tauchertruppe zusammengestellt:

Drei Bootsleute,

Zwei Obermaate,

Ein Maat,

Ein Hauptgefreiter.

Alle hatten den Sprengschein, und jeder von ihnen konnte Schlauchboot fahren und mit dem Suchgerät umgehen. Die Stammbesatzung der Hansa unterstützte die Taucher, wo immer es nötig war.

Max Bergers Leitender Maschinist, Hauptbootsmann Fiedler, war ein alter Hase. Er war mittelgroß, vollschlank, hatte zurückgekämmte, dunkle Haare und helle, wachsame Augen. Wenn er sprach, konnte er seine ostpreußische Abstammung nicht verleugnen. Er war bei Hitlers Kriegsmarine vor Norwegen von den Engländern zweimal versenkt worden. Seine Begeisterung für die Marine war ungebrochen. Die Stammdienststelle hatte ihm angeboten, Fachoffizier zu werden. Berger hatte das auch befürwortet, aber der Hauptbootsmann hatte abgelehnt.

»Was soll’n das«, hatte er gesagt. »Fünfzigjähriger Leutnant ...« Er schniefte durch die Nase. »Als Hauptbootsmann bin ich wer und habe Verantwortung.« Fertig war er mit diesem Thema.

 

»Herhören ...!«, sagte Kapitänleutnant Berger. Haupt-bootsmann Fiedler hatte die Besatzung der Hansa und die ausgewählten Taucher von der Minentaucherkompanie vor dem Schiff auf der Pier antreten lassen. Wie bei jedem Einsatz war auch dieses Mal ein Taucherarzt dabei. Und wie immer hatte Berger einen Pfarrer abgelehnt.

»Jetzt wird’s ernst.« Berger hob seine Stimme. »Wie Sie wissen, verlegen wir nach Olpenitz, bis der Job vor Kiel erledigt ist. Der Plan ist, dass wir von montags bis freitags im Einsatzgebiet bleiben. Jeweils Freitagabend sind wir in Olpenitz. Die Ortsverheirateten können bis Montag früh 7Uhr an Land gehen. Die Übrigen ... Hafendienst wie gewöhnlich.«

Max Berger erklärte die Einzelheiten des Einsatzes. Welche Art Munition er erwarte und wie sie damit umgehen würden. Er sagte, wie immer sei die bevorstehende Arbeit gefährlich, aber wie immer hätten sie alles im Griff.

»Die Welt blickt auf uns. Ohne jeden Einzelnen von uns geht es nicht. Jeder ist gleich wichtig, egal, ob Kommandant oder Smut, Heizer oder Leitender Maschinist.« Berger musterte die Männer vor sich mit ernster Miene. Dann hellten sich seine Gesichtszüge auf.

»Wir haben jetzt Januar. Es ist arschkalt. Im Einsatzgebiet ist alle Anzugsordnung aufgehoben. Jeder kann anziehen, was er will. Das Motto lautet dick und warm, denn was uns unser Dienstherr liefert, ist für Jobs wie die unseren nicht gerade geeignet – Leitender, lassen Sie wegtreten.«

 

Kapitel 3

 

Als die Hansa im Einsatzgebiet östlich vor Stein am Ausgang der Kieler Förde ankerte, schneite es. Die Sicht war miserabel, und es wehte mit vier Beaufort aus Osten. Von den Männern auf der Hansa sah kaum einer wie ein Soldat aus. Alle hatten die Empfehlung des Kommandanten wörtlich genommen. Max Berger selbst trug unter seinem Ölzeug einen dicken weißen Rollkragenpullover, den er von der Royal Navy mitgebracht hatte. Auf dem Kopf trug er eine Russenmütze aus Biberfell. Auf der Stirnseite prangte ein großer roter Sowjetstern mit dem CCCP-Emblem. Die Mütze hatte er bei einer Aufklärungsfahrt entlang der polnischen Hoheitsgrenze aus der Ostsee gefischt.

Berger legte eine Radarboje exakt an die Südwestecke des Suchgebietes. Das war der Referenzpunkt. Von dort ausgehend ließ er mit den Schlauchbooten Bojenstriche legen. Er benutzte dazu ein von ihm und einem anderen Minentaucher-einsatzoffizier entwickeltes Bojenlegesystem. Es bestand aus einer Aluminiumwanne, die auf einem Schlauchboot-schwimmer befestigt wurde. Die Wanne enthielt eine Leinentrommel und mehrere Bleisinker mit jeweils einer Markierungsboje. In Vorausfahrt zog die auslaufende Leine an markierten Stellen die Sinker mit den Bojen mit sich ins Wasser. Eine schnelle Sache und eine schnurgerade Bojenlinie.

»Sieht gut aus, Leichthammer«, sagte KptLt Berger zum Oberbootsmann neben sich, der das Bojen-Legen überwachte. Sie hatten sich angewöhnt, in Einsätzen die Dienstgrade in der Anrede wegzulassen. Nach »oben«, allerdings, wurde »Herr Kaleu« beibehalten. Nur der Leitende war für Berger »Hauptbootsmann Fiedler«, wenn er ihn nicht »Leitender« nannte. Schließlich war der fast doppelt so alt wie der Kommandant. Generell zollte Berger den »alten« Portepeeunteroffizieren aus dem letzten Krieg gebührenden Respekt. Bis auf wenige Ausnahmen – aber das ist eine andere Geschichte.

»Bei der schlechten Sicht unter Wasser fangen wir mit einer Snagline an«, sagte Berger. OBtsm Leichthammer war mittelgroß, schlank, Anfang 30. Auch er hatte einen dicken Pullover unter seiner Parka, und die blaue Wollmütze ließ seine spitze Nase und die braunen Augen gerade mal so herausgucken.

»Fillinger hat die Taucheraufsicht«, sagte Berger. »Er soll sich bei mir melden. Wo ist eigentlich der Doktor?«

»In seiner Kammer und kotzt, Herr Kaleu«, sagte OBtsm Leichthammer und grinste.

Bei der Suchmethode Snagline schwimmen zwei Taucher jeweils an einer von zwei voneinander entfernten parallelen Grundleinen entlang. Jeder der beiden Taucher hält ein Ende der Suchleine in der Hand. Während sie an den Grundleinen entlang schwimmen, ziehen sie die Suchleine über den Meeresgrund. Bei einem Hindernis merken die Taucher, dass die Leine hakt. Dann wird nachgesehen, was es ist. Wenn es das gesuchte Objekt ist, wird es mit einer kleinen Boje, die an die Oberfläche aufsteigt, bezeichnet.

Hauptbootsmann Fillinger war der älteste von den Tauchern. Er war nicht sehr groß, war untersetzt, und hatte kurze blonde Haare und graue Augen. Er war ein schweigsamer Mensch. Max Berger ließ ihm freie Hand bei der Suche, solange ständig zwei Taucher im Wasser waren. Das Suchgebiet war riesengroß, und bei schlechter Sicht unter Wasser deckten sie mit der Snagline die größtmögliche Fläche ab.

 

Das ging ein paar Tage so. Das Wetter hatte sich gebessert, der Wind war weniger geworden, und von Zeit zu Zeit guckte die blasse Januarsonne durch ein Loch in den Wolken hindurch. Die Hansa war eine gute Taucherplattform. Sie hatte niedrige Aufbauten, und alles Schwere war auf oder unter Deckshöhe. Da hielt sich das Rollen vor Anker im Rahmen. Die anfänglich gedrückte Stimmung an Bord war einer positiven Einstellung gewichen, obwohl Kapitänleutnant Berger striktes Alkoholverbot ausgesprochen hatte. Die Stammbesatzung des Schiffes arbeitete gut mit den Tauchern zusammen, und da der Smut, ein wehrpflichtiger Restaurantkoch aus dem Schwarzwald, ein Künstler in seinem Fach war, blieben diesbezüglich keine Wünsche offen. Selbst der Doktor, Stabsarzt und ausgebildeter Taucherarzt, war aus seiner Kammer neben der Druckkammer gekrochen.

Außer etlichen Gesteinsbrocken und dem Angler-sprichwörtlichen verrosteten Fahrrad hatten die Taucher nichts gefunden. KptLt Berger hatte seine Taucher am Plot am Kartentisch in der Brücke versammelt. Das Einsatzgebiet war rot umrandet, und die bereits abgesuchte Fläche grün schattiert. Der Navigationsmaat der Hansa war für die Dokumentierung zuständig.

»Wenn wir so weitermachen, brauchen wir sechs Monate«, sagte Berger. »Wir müssen uns etwas anderes überlegen.«

»Wir haben jetzt ungefähr sechs bis acht Meter Sicht unter Wasser, Herr Kaleu«, sagte HptBtsm Fillinger. »Wenn wir visuell suchen, können wir mit beiden Schlauchbooten gleichzeitig arbeiten.« Die anderen Taucher stimmten zu, nur Oberbootsmann Lehmann, ein mittelgroßer, gedrungener Taucher, der ständig seinen Kopf einzuziehen schien, verzog das Gesicht.

»Was ist los, Lehmann?«, fragte Berger. Er hatte OBtsm Lehmann für diesen Einsatz nicht ausgewählt. Der Chef hatte angeordnet, dass er ihn mitnahm.

»Bei den jetzigen Temperaturen ... am Tampen hängen ...« Er zog ein Gesicht, als hätte ihm jemand einen Eiszapfen in seinen Anorak gesteckt. »Warum machen wir keine kurzen Checks an verschiedenen Stellen, bis wir was finden?«

»Darum geht’s doch nicht«, sagte Obermaat Brose. »Es geht nicht um was finden, sondern um das Gebiet freiräumen.« Jeder gab seinen Senf dazu, aber die meisten waren der gleichen Meinung wie Brose. OMaat Brose hätte schon längst Oberbootsmann sein können. Aber er hatte ein loses Mundwerk und ließ sich von niemandem auch nur die kleinste Ungerechtigkeit gefallen. Wenn es seiner Meinung nach sein musste, teilte er schon mal ein paar Ohrfeigen aus. Da hatte er in der Vergangenheit auch bei Vorgesetzten nicht Halt gemacht. Das hatte ihn ein paar Dienstgrade gekostet. Brose war stämmig, mittelgroß, hatte welliges, blondes Haar, blitzblaue Augen und trug immer ein freundliches Gesicht zur Schau. Er war der erfahrenste Taucher der Truppe, und Kapitänleutnant Berger traute ihm mit seinem Leben.

»Brose hat recht«, sagte Berger.

Die beiden Schlauchboote der Hansa waren, so lange es hell war, ununterbrochen im Einsatz. Jedes schleppte einen Taucher, der mit Sicht auf den Meeresgrund an einer beschwerten Leine hing. Die Schlauchbootfahrer richteten sich nach Bojen, die Berger am Anfang und Ende der jeweiligen Suchstreifen mit der Hansa gelegt hatte. Die Anzahl der grün-schattierten Rechtecke auf Bergers Plot wurden zusehends mehr. Der Signäler der Hansa hatte den Auftrag, das Suchgebiet mit dem Seeglas zu überwachen, und über Oberdeck-lautsprecher zu melden, wenn er eine rote Boje hinter einem der Schlauchboote sah. Das bedeutete einen Fund.

KptLt Berger hatte die Suchobjekte klassifiziert:

»Das kleine Zeug lassen wir liegen«, hatte er gesagt. Alles unter zehn Zentimeter Kaliber ist uninteressant. Es sei denn, da liegt ein ganzer Berg davon. Im Zweifelsfall – markieren«, hatte er ergänzt.

Nach eineinhalb Tagen visueller Suche hatten sie einen Fund. Der geschleppte Taucher war aufgetaucht und hatte eine Markierungsboje gelegt. Max Berger zog sich um, legte sein Fertig-Gas-Tauchgerät (FGT) von Dräger an und ließ sich zum Fundort fahren. Die eiskalte Januar-Ostsee schoss in seinen zehn-Millimeter-Nassanzug wie ein Bündel scharfer Nadeln, als er sich vom Schlauchboot ins Wasser ließ. Nach ein paar Metern bodenlosem Grün sah er die vertrauten Umrisse mehrerer Torpedoköpfe auf dem Meeresgrund. Grau schimmerten sie ihm entgegen. Er näherte sich und untersuchte sie genauer. Bei den meisten war die Außenhaut intakt, aber an manchen Stellen war sie durchgerottet, und man konnte den Sprengstoff sehen – von Algen grün überzogen.

»Sie liegen einzeln – nicht auf einem Haufen«, sagte er, als er wieder an Deck der Hansa stand. »Wir probieren Low Order – da, wo sie liegen. Einen nach dem anderen.«

OBtsm Leichthammer und HptBtsm Fillinger bekamen den Auftrag, die Sprengladungen fertigzumachen. Alles war schon vorbereitet, sie brauchten nur die Einzelteile zusammenzubauen.

Die Methode der sogenannten Low Order-Explosion hatte Berger in der Royal Navy gelernt. Eine sorgfältig berechnete Hohlladung wurde mit einem Dreibein aus Draht über der Wandung des Objektes fest aufgestellt. Der Abstand hing von der Dicke der Wandung ab. Bei der Zündung durchschlug diese Ladung die Objektwandung, öffnete sie und setzte den darunterliegenden, gealterten Sprengstoff in Brand. Davon war an der Wasseroberfläche, außer einem Geblubber, kaum etwas zu merken. Das klappte fast immer. Wenn nicht, gab es eine High Order-Explosion: die gesamte Ladung ging hoch. Und das konnte man weder übersehen noch überhören.

OMaat Brose sollte die erste Ladung anlegen. Gesprengt wurde elektrisch. Gezündet wurde vom Schlauchboot aus, in dem aus sicherer Entfernung die Zündmaschine betätigt wurde.

Brose tauchte ab. Er hatte die Hohlladung mit dem Dreibein in der einen Hand. Die andere brauchte er zum Druckausgleich und um die Zündleitung mit der Zündkapsel mit hinunter-zunehmen. Unter Wasser arbeitete immer nur ein Mann an der Ladung. Wenn der einen Fehler machte, war es sein eigenes Problem, und es gab nur eine Witwe.

Da waren ein paar kleine Fische im Wasser und als passionierter Angler erkannte Brose einen stattlichen Dorsch. Aber vorderhand hatte er andere Dinge im Kopf. Er befestigte das Dreibein mit der Hohlladung auf dem ersten Torpedokopf, arretierte die elektrische Zündleitung mit ein paar Gesteinsbrocken und steckte die Sprengkapsel in die Sprengstoffmasse der Hohlladung. Er prüfte alles noch einmal sorgfältig und schwamm der Wasseroberfläche entgegen.

KptLt Berger war mit dem Bereitschaftstaucher im Schlauchboot. Sie halfen Brose ins Boot und spulten die elektrische Zündleitung bis ans Ende ab. So hatten sie den nötigen Sicherheitsabstand, sollte aus der Low Order eine High Order werden. Berger schloss die beiden Enden der Zündleitung an die Zündmaschine an und spannte die Feder der Maschine.

»Alles klar?«, fragte er ins Boot. Die Taucher lagen auf der Schlauchbootwulst, um eventuelle Stöße abzufangen. Berger legte den Daumen auf den roten Knopf der Zündmaschine.

»Feuer!«, rief er und drückte den Knopf.

Schall rast mit 1.500 Meter pro Sekunde durch Seewasser. Ohne fühlbare Verzögerung machte es unter dem Schlauchboot Pitsch. Über der Stelle, wo die Torpedoköpfe lagen, erhob sich ein flacher Hügel aus mit Gasblasen gefülltem Wasser. Es rauchte, als hätte jemand unter Wasser ein Feuer entzündet. Der Dampf verzog sich, die Oberfläche glättete sich, und das Meer sah aus, als ob nichts gewesen wäre.

Unter Wasser sah es anders aus. Nachdem das elektrische Zündkabel aufgerollt war und KptLt Berger die beiden Enden, die aus dem Wasser kamen, mit einem Kopfnicken geprüft hatte, ließ er den vorgeschriebenen Zeitraum verstreichen, bevor er abtauchte. Der Einsatzleiter musste sich selbst vom Ergebnis der Sprengung überzeugen, das war Prozedere.

Das Gehäuse des Torpedokopfes lag, aufgebrochen und mit scharfkantigen Ecken, etwa einen halben Meter zur Seite geschubst. Eine sternförmige Figur war in den Grund gedrückt, als hätte jemand dem Meeresboden einen übermächtigen Stempel verpasst. Ein paar kleine tote Fische lagen kieloben auf dem Grund, und Berger fiel ein mittelgroßer Barsch auf, der sich taumelnd entfernte.

»Gut gemacht, Brose«, sagte Berger, zurück im Schlauchboot, und: »Auf zum Nächsten ...«

Auf der Hansa hatte niemand etwas von der Sprengung mitbekommen. Nur im Maschinenraum, unter der Wasserlinie, hatten die beiden Heizer, die mit Wartungsarbeiten beschäftigt waren, ein »klirrendes Geräusch« wahrgenommen, wie sie sagten. Das sollte sich bald ändern.

 

Kapitänleutnant Berger teilte die Taucher so ein, dass jeder von ihnen gleich zu Anfang eine Chance bekam, eine Ladung anzubringen. Wer wann an die Reihe kam, war ihm egal. Hauptbootsmann Fillinger hatte, als dienstältester Taucher, die Reihenfolge festgelegt. Auch sollte jeder Taucher seine angebrachte Ladung in Zukunft selbst zünden. Dazu waren alle ausgebildet, außer dem Hauptgefreiten Altmeier, dessen Verwendung auf das Suchen und das Anlegen einer Vernichtungsladung beschränkt war.

 

OBtsm Lehmann, HptGefr Altmeier und KptLt Berger legten mit dem Schlauchboot von der Hansa ab. Lehmann sollte mit dem FGT die Low Order-Ladung anlegen. Altmeier war der Bereitschaftstaucher. Er hatte ein Pressluftgerät angelegt. Berger fuhr das Boot und hielt es bei der Bezeichnungsboje für die Torpedoköpfe auf Position. Es herrschte leichter Seegang, und der Himmel war bedeckt.

Lehmann rutschte vom Rand des Schlauchbootes ins Wasser. Berger gab ihm die Hohlladung und die Sprengkapsel mit dem elektrischen Zündkabel. Nach 20 Minuten kam Lehmann an die Oberfläche und gab das O.K.-Zeichen.

Alles klar.

Sie spulten das Zündkabel ab. Alles schon viele Male praktiziert. Berger gab Lehmann die Zündmaschine. Der schloss die beiden Leitungsenden an, spannte die Feder des Zündmechanismus, fragte: »Alles klar?«, und drückte auf den Auslöseknopf.

Ein messerscharfer Knall, gefolgt von einem Schlag wie von einer Riesenfaust, erschütterte das Schlauchboot. Berger, Lehmann und Altmeier krachten auf den Boden des Bootes. Bevor sie sich besinnen konnten, erscholl neben ihnen ein infernalisches Brüllen. Das Meer öffnete sich und heraus schoss eine Säule aus Wasser, Schlamm, Gestein und zappelnden Fischen. Als ob sie von unsichtbarer Kraft gehalten würde, schien die Wassermasse am höchsten Punkt einen Moment zu verharren. Dann fiel sie mit ohrenbetäubendem, rauschendem Krachen in sich zusammen. Eine meterhohe, brechende Welle wurde aufgeworfen und breitete sich rasend nach allen Seiten aus.

»Volle Deckung!«, rief Berger, als ob die Männer im Schlauchboot eine Wahl hätten. Sie wurden von Wassermassen und Gesteinsbrocken überschüttet, und als die Flutwelle sie traf, bäumte sich das Boot auf wie ein wildgewordener Hengst.

Dann war Ruhe.

HptGefr Altmeier schüttelte das Wasser und den Schlamm aus den blonden Haaren. Er war erst kürzlich von den Kampfschwimmern, dem »Sportverein«, wie Altmeier jene Kompanie nannte, zu den Minentauchern übergewechselt.

»Das war ’ne High Order«, sagte er.

Auf der Hansa waren sämtliche Glühbirnen geborsten, und die Männer der Stammbesatzung, die so etwas noch nie erlebt hatten, guckten mit großen Augen um sich.

»Det hat ja ordentlich jekrrracht«, meinte Hauptbootsmann Fiedler und seine Augen blitzten.

Nachdem KptLt Berger den routinemäßigen Check nach der Sprengung durchgeführt hatte, rief er die Taucher zusammen.

»Herumschließen!« Sie versammelten sich auf dem Achterdeck, und man konnte von dort in einiger Entfernung noch die graue Brühe an der Explosionsstelle erkennen. Da schwamm abgerissenes Seegras, und die weißen, aufgeblasenen Bäuche der toten Fische sahen aus wie kleine Eisberge.

»Das war Scheiße«, sagte Berger, »aber niemandes Schuld. Ich konnte zwar nicht viel sehen in dem aufgewirbelten Dreck da unten, aber die Torpedoköpfe liegen zu dicht zusammen. Da hat einer den anderen mitgenommen. Da sind mindestens drei hochgegangen ...«

»...drei weniger«, sagte OBtsm Leichthammer.

»Lehmann«, fragte Berger den Oberbootsmann, »wo haben Sie die Ladung angelegt ... am Rand von einem Kopf, oder in der Mitte?«

»Also, am Rand war es nicht. Aber in der Mitte auch nicht ... ich weiß das nicht so genau.«

KptLt Berger gab keinen Kommentar.

»Diese sympathischen Sprengungen müssen wir vermeiden«, sagte er. »Irgendwelche Ideen?«

»Als wir die Fächerbomben im Sperrgebiet hochgejagt haben, Herr Kaleu«, sagte OMaat Brose, »waren drei Meter Abstand zwischen den Bomben genug – aber die waren kleiner ...«

»Das Problem ist, dass die Dinger nach 25 Jahren auf dem Grund halb eingespült sind«, sagte Berger. »Wenn wir die voneinander trennen wollen, müssen wir sie ausspülen und wegziehen. Das dauert zu lange und wer weiß was passiert, wenn wir das Zeug über den Grund zerren. Bei der Luftmine vor Timmendorfer Strand war das was anderes ...«

 

Im vergangenen Sommer hatten Touristen beim Schnorcheln vor dem Kurstrand von Timmendorfer Strand eine »Tonne« unter Wasser entdeckt, wie sie bei der Wasserschutzpolizei gemeldet hatten. Die Polizeitaucher hatten das Objekt nicht identifizieren können, stuften es aber als »eventuell gefährlich« ein. KptLt Berger und ein Einsatzteam waren mit einer Sikorsky H-34 des Marinefliegergeschwaders Kiel-Holtenau an den Fundort geflogen und hatten die »Tonne« als eine Luftmine mit 1.700kg Sprengladung identifiziert. Dieser Typ hatte einen Uhrwerkszünder, der offensichtlich nicht funktioniert hatte. Manchmal blieben die Dinger einfach hängen. Später hatten sie mit einem Schlepper einen Rucktest gemacht, um festzustellen, ob der Zündmechanismus durch Bewegung ausgelöst würde. Berger hatte die Luftmine dann in tieferes Wasser schleppen lassen und sie dort mit einer 10kg Vernichtungsladung hochgejagt.

»Da hatten sie den ganzen Strand gesperrt und die halbe Stadt evakuiert«, grinste OBtsm Leichthammer. OMaat Einfeld, der mit in der Einsatzgruppe gewesen war, sagte: »Da habe ich mir fast in die Hose geschissen, als der Zünder anfing zu ticken ...«

»... in’s Neopren«, sagte Maat Wiederholdt. Die beiden waren die besten Freunde und immer zusammen.

Bevor die Luftmine gesprengt wurde, musste der Zünder noch einmal mit einem Stethoskop abgehört werden. Das Uhrwerk hatte wieder zu laufen begonnen, dann aber gestoppt, bevor es die Zündladung aktivieren konnte.

»Das war damals«, sagte KptLt Berger. »Aber an die Geburtstagsfeier können wir uns alle erinnern, Einfeld ...«

 

Die Männer entschieden, die Torpedoköpfe zu belassen, wo sie waren. Die Hohlladungen sollten in Zukunft in solchen Winkeln angelegt werden, dass die durchschlagende Wirkung der Ladung die benachbarten Köpfe nicht traf.

»Wenn wir den Zeitfaktor in Betracht ziehen, müssen wir das Risiko einer möglichen High Order in Kauf nehmen«, sagte Berger. »Schließlich sollen die an Land auch mal merken, was wir hier machen ...«

Die restlichen Torpedoköpfe des ersten Fundes wurden alle per Low Order beseitigt. Dann wurde weiter visuell gesucht. Ohne Ergebnis. Das Wetter verschlechterte sich zusehends, und als die Unterwassersicht unter fünf Meter betrug, brach Kapitänleutnant Berger die Suche ab.

 

Kapitel 4

 

Die Hansa dampfte für ein verlängertes Wochenende in Richtung Olpenitz.

»Hat keinen Sinn«, sagte Berger zum Leitenden der Hansa. »Bei dem Seegang fahren wir uns das Material kaputt, und zu sehen ist eh nichts. Schicken Sie mir mal den Funker auf die Brücke, der Flottenchef will sicher wissen, wie es bei uns läuft.«

Die Hansa stampfte gegen den Nordwestwind an. Die Taucher waren mit Wartungsarbeiten an den Geräten beschäftigt und KptLt Berger gab dem Rudergänger einen neuen Kurs.

»Obermaat Winter, melde mich auf die Brücke!« Der Funker hatte sein Clipboard unter einen Arm geklemmt. In der anderen Hand hielt er einen Eimer.

»Na, immer noch Probleme?«, fragte der Kommandant seinen Funker.

»Immer das Gleiche, Herr Kaleu, aber wenn ich ständig Brot esse, geht’s.« Der Funker stellte den Eimer auf die Gräting und zückte seinen Stift.

Berger diktierte ihm die Schiffsbewegungsmeldung und einen SITREP. Der Funker würde sie an die betreffenden Adressaten schicken.

»Machen Sie den SITREP nur für den Dienstgebrauch, Obermaat Winter«, sagte Berger.

Das Einlaufen in Olpenitz war eine unkomplizierte Angelegenheit, obgleich die Hansa nur eine Schraube hatte. Die Schwimmpiers waren so ausgerichtet, dass die schlecht manövrierbaren U-Boote und die Schnellboote mit ihren zehn Knoten Mindestfahrt lange Anlaufkurse hatten. Nach einem Kurs »auf den Dalben da vorne«, »Maschine Stopp«, und »Maschine zurück halbe«, lag die Hansa mit ihrer Backbordseite an der Pier.

Auf der Schwimmpier gab es Telefonhäuschen. Die Ortsverheirateten organisierten ihren Transport nach Hause. Berger rief seine Frau in Eckernförde ebenfalls an, nachdem er die Wachen für das Wochenende eingeteilt hatte. Da gab es ein paar lange Gesichter bei der Stammbesatzung. Aber Berger hatte noch einige disziplinarische Guthaben bei den Jungs, indem er kleinere Verstöße mit Wochenendwachen ahndete, statt formelle Strafen auszusprechen.

»Das ist ja hier echt am Arsch der Welt«, sagte OMaat Brose. Er stand an der Reling auf dem Achterdeck und musterte die wenigen Hafengebäude.

»Es gibt ’ne Kantine«, sagte Hauptgefreiter Altmeier neben ihm. »Außerdem ... der Wiederholdt kennt Gott und die Welt. Da gibt’s bestimmt irgendwo erreichbar eine Party. Ich red’ mal mit dem.« Altmeier ging nach vorne unter Deck.

Als die Ortsverheirateten von Bord waren, erledigte der Kommandant Papierkram. Der Leitende hatte ihm Berichte über Motorenchecks und mehrere Anforderungsformulare zur Unterschrift in die Kammer gelegt. Die Kommandanten-kammer auf der Hansa bestand aus einer Koje, einem Waschbecken mit Spiegel darüber, einem Klapptisch mit Sofa für zwei Personen, einem Sessel, einem Spind und einem kleinen Geheimschrank mit Safe. Im unteren Teil des Spindes hatte sich Berger einen kleinen Kühlschrank einbauen lassen. Da hatte es bei der Werftbesprechung eine Diskussion gegeben. Die Zivilisten, die die »Kosten im Auge behalten« sollten, hatten den Kühlschrank auf der Werftliste gestrichen. Max Berger hatte ihn mit »für die Sicherheit der Taucher notwendig« verteidigt. Das hatten die Herren in Schlips und Kragen nicht gelten lassen. Erst als Berger sie aufgefordert hatte zu unterschreiben, dass, aus ihrer Sicht, der Kühlschrank für die Sicherheit der Taucher nicht notwendig wäre, hatten sie den Einbau genehmigt.

»Das machen wir jetzt immer so, Herr Kaleu«, hatte der Leitende mit einem Augenzwinkern gesagt. Und so war es. Verantwortung zu übernehmen, stand bei den Herren offensichtlich nicht in der Dienstbeschreibung.

Es klopfte. Der Leitende und der Taucherarzt standen vor der Kammertür.

»Melde mich ab«, sagte HptBtsm Fiedler.

»Gut, Leitender«, sagte Berger. »Heizerwache ... alles eingeteilt?«

»Der E-Maat hat die Wache, Herr Kaleu. Sind auf Landanschluss.«

»Dann schönes Wochenende, Hauptbootsmann Fiedler.«

»Kommen Sie rein, Doktor«, sagte Berger zum Stabsarzt. »Setzen wir uns ... tut mir leid, ist nicht viel Platz bei mir.«

»Mehr als bei mir«, sagte der Stabsarzt. In seinem kleinen Schapp neben der Druckkammer war nicht mehr als eine Koje und ein Spind.

»Ja, die Q. E. II ist das nicht gerade«, lachte Berger. »Ein Bier?«, fügte er hinzu.

Der Doktor lehnte ab. Er sei noch dabei, sich zu erholen. Die Schaukelei sei noch nie sein Ding gewesen, wie er sich ausdrückte. Der Stabsarzt war klein, eher zierlich, hatte für die Marine etwas zu lange dunkle Haare und schwarze Augen. Er lispelte, und um seine schmalen Lippen spielte ein scheinbar chronisches Lächeln. Seine Uniform schien ihm eine Nummer zu groß zu sein, und wo die neuen, zweieinhalb goldenen Ringe seine Jackettärmel offenhielten, schauten zwei dünne Handgelenke heraus.

KptLt Berger bemerkte, dass dem Stabsarzt seine Beobachtungen auffielen.

»Wie sind Sie zur Marine gekommen?«, wollte Berger wissen.

»Ich sollte gezogen werden, und da habe ich mich lieber für die SanTrupp-Laufbahn bei der Marine gemeldet. Noch ein Jahr, dann bin ich frei«, lächelte der Doktor.

Auf der Pier hupte es. Gleichzeitig klopfte der UvD an die Kammertür.

»Herr Kaleu, Ihre Frau.«

Der Stabsarzt verabschiedete sich. Berger nahm seine Mütze vom Haken und verließ die Kammer. An der Stelling winkte er ab, als der UvD Seite pfeifen wollte. Er grüßte kurz die Heckflagge und küsste seine Frau auf die Wange, als er am Steuer seines weißen Austin Healey Platz genommen hatte. Der Motor murmelte im Leerlauf vor sich hin, und als Max Berger in den ersten Gang schaltete, das Gaspedal durchtrat, und der Austin Healey sich mit röhrenden, armdicken Auspuffen und einem Satz nach vorne in Gang setzte, sagte der UvD der Hansa laut vor sich hin:

»Kaleu müsste man sein.«

 

Wäre der Mann ein Prophet gewesen, hätte er das nicht gesagt. Als Kapitänleutnant Berger am frühen Montagmorgen an Bord der Hansa kam, wurde er zum Stützpunktkommandeur geordert. Der war ein griesgrämiger Fregattenkapitän, der offensichtlich ein schlechtes Wochenende hinter sich hatte. Berger meldete sich bei ihm im ersten Stock des Verwaltungsgebäudes.

»Sie sind der Kommandant der ... Hansa, da ...« Er machte eine Kopfbewegung zu seinem Fenster hin, von wo man den Hafen überblicken konnte.

»Jawohl, Herr Kap’tän.«

Pause.

»Ja, ja ...«, sagte der Kommandeur. »Drei von ihren Leuten sitzen in Kappeln auf der Polizeiwache – in Gewahrsam. Die Feldjäger aus Schleswig sind auf dem Weg dahin. Das sieht nicht sonderlich gut aus, Kapitänleutnant ... einen MOVREP hatte ich von Ihnen auch nicht ...«

Max Berger machte Kehrtwendung, stürmte aus dem Raum, raste die Treppe hinunter, sah, dass seine Frau sich noch neben seinem Auto mit Hauptbootsmann Fiedler unterhielt, grüßte seinen Leitenden flüchtig, sagte seiner Frau, er sei gleich wieder da, warf sich hinters Steuer und raste los.

Als er in Kappeln auf die Polizeiwache kam, war der Beamte, der »Bescheid wusste«, gerade nicht anwesend. Berger verlangte, seine Leute zu sehen. Das sei nicht möglich, sagte ein Uniformierter, der aussah, als wäre er aus dem Wikinger-Museum Haithabu ausgerissen.

»Müssen warten«, sagte er, kaum verständlich.

Als der zuständige Polizist kam, erklärte der, dass die drei Minentaucher in einer Kneipe an der Schleibrücke Zoff gehabt hätten, wie er sich ausdrückte. Dabei sei einiges kaputtgegangen, und der Besitzer habe die Polizei alarmiert. Er habe noch keine Vernehmungen gemacht, aber die Feldjäger seien alarmiert worden und würden die drei im Laufe des Tages übernehmen.

»Sind Sie der Disziplinarvorgesetzte?«, fragte der Polizist. Er war ein altgedienter Polizeihauptmeister, der nicht weit vom Ruhestand entfernt schien.

»Ja«, log Max Berger. »Sehen Sie ...«, begann er. Er erklärte dem Polizisten, dass sie auf einem äußerst wichtigen Einsatz seien, bei dem die Taucher täglich ihr Leben aufs Spiel setzten.

»Da kommt es schon mal vor, dass da mal die Luft abgelassen werden muss«, sagte er. »Das sind meine besten Leute, und ich hätte schon längst wieder auslaufen müssen ... Sie waren doch auch mal jung ... haben Sie auch gedient?«

»Gedient?«, fragte der Polizist entrüstet. »U-Boot - vor Gibraltar versenkt und ausgestiegen - in Spanien interniert - dreimal abgehauen!

---ENDE DER LESEPROBE---