Die Grausamkeit der Katzen - Johannes Albendorf - E-Book
Beschreibung

Carla Mann wollte nie ein Schatten sein! In bis dato nicht gekannter Tiefe, temporeich und unkonventionell meldet sich die jüngere Schwester der Manns zu Wort, die in den Biographien über ihre Familie bisher wenig Beachtung gefunden hat. Inspiriert vom Erfolg ihrer Brüder Heinrich und Thomas will die Schauspielerin Carla Mann in der Welt des Theaters das erreichen, was sich ihre Brüder in der Literatur erschrieben haben. Von der Kindheit in Lübeck über die Jugend in München bis hin zu ihren Gehversuchen als Schauspielerin erzählt Johannes Albendorf in dieser virtuosen Romanbiographie den Lebensweg von Carla Mann. Es ist nicht leicht, eine Mann zu sein! Mutig und modern setzt sich Carla über die Konventionen ihrer Zeit und ihrer Gesellschaftsschicht hinweg. Ihre atemlose Suche nach Freiheit und Erfüllung hat bis heute nichts von ihrer Brisanz und Anziehungskraft verloren.

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Seitenzahl:302

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Johannes Albendorf

Die Grausamkeit der Katzen

© 2018 AAVAA Verlag

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2018

Umschlaggestaltung: AAVAA Verlag

Coverbild: Fashion portrait of beautiful woman in a long pink dress

© lostproject / Fotolia Datei: #11639569

Printed in Germany

Taschenbuch:  ISBN 978-3-8459-2538-7

Großdruck:   ISBN 978-3-8459-2539-4

eBook epub:  ISBN 978-3-8459-2540-0

eBook PDF:   ISBN 978-3-8459-2541-7

Sonderdruck  Mini-Buch ohne ISBN

AAVAA Verlag, Hohen Neuendorf, bei Berlin

www.aavaa-verlag.com

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Was heut müde gehet unter,

Hebt sich morgen neugeboren.

Polling, Juli 1910

Mein Vater existierte nur noch auf schwarzweißen Photographien hinter milchigem Glas. Als ich noch jung war habe ich diese Bilder heimlich von der Wand genommen, sie lange in meinen Händen gehalten und versucht, in die Schatten seiner strengen Augen zu tauchen, ihre Tiefen zu ertasten. Damals war ich dort harrender Schätze gewiss, die zu finden nur ich in der Lage war, ich, seine jüngste Tochter.

Ich hinterließ Fingerabdrücke auf glänzendem Holz und niemand verlor darüber ein Wort. Ich wunderte mich nicht, dass mein Vater auf allen Bildern dieselbe Haltung einnahm, sein Kinn zurückpresste – und schwieg.

Nach seinem Tod konnte nichts mehr meine Mutter in Lübeck halten, auch das blaue Meer vor Travemünde vermochte die mit Kaufmannslust gepaarte protestantische Enge unserer Heimatstadt in keinster Weise frei zu spülen, nein, meine Mutter zog es nach München, in den Süden, nach Schwabing - eine gehobene Wohngegend zwar, dennoch vibrierend vor lauter Kunst und Geist. Aus allen Ecken des Deutschen Reiches, ja, aus ganz Europa kamen Künstler und Philosophen nach München; lang schlummernde Triebe jedweder Kunstrichtung vermochten dort aufzuplatzen und in nie gekannter Vielfalt zu erblühen.

Meine Mutter hatte all das auf früheren Reisen nach München bereits erahnen dürfen und die Sehnsucht nach solch einem Leben hatte sie all die Jahre in Lübeck nicht mehr losgelassen.

Wir lebten uns gut ein in Schwabing, verleugneten spöttisch lächelnd unser gehobenes Bürgertum, dachten aber überhaupt nicht daran, es konsequent abzulegen.

Wir waren so eigentümlich kalt, wir sprachen nicht mehr von unserem Vater. Es war, als hätte es ihn nie gegeben. Nur seine Photographien hingen immer noch in unserem Münchener Salon, ein verblassender Geist in schwarzweiß, bedroht von wuchtigem Deckenstuck, geblendet von lübischen Kandelabern, golden und verschnörkelt.

Je älter ich wurde, desto seltener sollte ich die Photographien von der Wand nehmen.

Wir sind vier Geschwister. Eigentlich sind wir zu fünft, doch der jüngste Bruder, Vicko gerufen, ist neun Jahre jünger als ich und auf seine bescheidene und ursprüngliche Weise zwar durchaus reizend, hat aber noch nie viel hergegeben.

Von uns vier älteren Geschwistern also gibt es eine Photographie aus Kindheitstagen, die lange neben den Bildern meines Vaters gehangen hat: Mein ältester Bruder und ich bilden eine Einheit auf der rechten Seite der Photographie, als einzige darf ich ihn Hinz nennen. Er hält mich in den Armen, lehnt sich sitzend zu mir, schirmt uns so von meinem zweiten Bruder Thos und meiner Schwester Lula ab – und er und ich, wir beide strahlen. Er aus Liebe zu mir und ich aus Vertrauen zu ihm.

Damals war mein Haar noch blond.

Erfüllt von dem Bedürfnis Prinz zu sein, steht Thos aufrecht hinter uns. Er sieht verkleidet aus in seiner Uniform und die Mütze ist ihm zu groß. Lula sitzt am linken Bildrand zu Thos' Füßen und hält ein mädchenhaftes Körbchen mit ihrer kleinen Faust umklammert, krampfhaft.

Sie lächelt nicht.

In München lebten Hinz und Thos schon nicht mehr bei uns. Wie es sich für einen jungen Mann gehört, bewohnte Thos wechselnde Zimmer in der Stadt ... gab es für ihn doch allerlei zu entdecken und mit sich selbst auszumachen. Er erschien nur zu den Mahlzeiten oder abendlichen Zusammenkünften in unserem Salon.

Hinz dagegen reiste ruhelos durch die Welt, schrieb Romane und gelegentlich lange Briefe an mich. In dieser Zeit wurden sie zu meiner wichtigsten geistigen Nahrung. Wie sehr wollte ich ihm nacheifern, in denselben Kreisen wie er verkehren, dieselben Städte sehen und in ferne Länder reisen, alle Eindrücke durch das Auge meiner Kunst filtern und wie er nur für die Kunst leben!

Unser ganzes Leben war von Kunst durchtränkt, die Kunst war uns heilig, eine Art von Religion, nur um das Diesseits kreisend: Literatur überall, die herrlichen Münchener Theater und Museen, natürlich die Oper und nicht zuletzt der Gesang und das Klavierspiel meiner Mutter. Nahezu jeden Abend setzte sie sich an den Flügel im Salon und sang ihre melancholischen Lieder. Silbrig dünn und fein war ihre Stimme, doch der kernige Hauch in ihrem Timbre entsprang ungestillter Sehnsucht und kam direkt aus ihrem Herzen. Nur durch die Kunst des Gesangs war sie, die sonst so sprachlos, in der Lage, sich zu offenbaren, mit jedem Ton ein eigenes, kleines Universum zum Schwingen zu bringen, nachhallende Weiten zu eröffnen. All ihre Klanguniversen strebten danach, zu einem einzigen Ton zu verschmelzen, den wir nicht ergründen wollten, den außer ihr selbst wohl niemand zu verstehen in der Lage war.

Meine Mutter liebte den Mond. Oft saß sie am Fenster, sah hinaus und sagte zu allen und zu niemandem: „Am liebsten ginge ich noch spazieren...“

Sie tat es nie.

Obwohl sie sich damals schon stark ihrem fünfzigsten Geburtstag näherte, schimmerten ihre Augen immer noch ausdrucksvoll und groß und in ihrer Haltung lag eine gewisse Erhabenheit, wie ich ungern zugeben muss. Denn diese Erhabenheit verlor sich bei uniformiertem Herrenbesuch allzu flink in profanem Geschwätz und geziertem Gekicher, wovon meine Schwester Lula und ich wenig angetan waren - galten doch zumindest einige der Herrenbesuche eigentlich uns. Voller Pein verstummten wir angesichts meiner koketten Mutter, deren Fächer nicht aufhören wollte, aufgeregt zu wedeln oder spielerisch schockiert vor ihren girrenden Mund gepresst zu werden. Sie, die Senatorenwitwe, konnte es nicht ertragen, von ihren Töchtern in den Schatten gedrängt zu werden.

Ich schämte mich für sie, Lula noch viel mehr.

Jeder in unserer Familie schrieb, außer Vicko: Meine Mutter, meine älteren Brüder, meine Schwester – und ich. Ja, auch wir beiden Mädchen schrieben in einem Maße, welches über die betulich-gezierten Gewohnheiten höherer Töchter weit hinausging. Ich schrieb Novellen, tastete ehrgeizig nach meinem eigenen, skurrilen Stil, trachtete danach, mich von den Sentimentalitäten meiner Mutter und den kunstgewollten Büchern meiner bereits erfolgreichen Brüder ganz und gar abzugrenzen. So wie Hinz und Thos hatten auch Lula und ich hochfliegende Pläne und Visionen, Lula verfasste Lyrik. Gehemmt wurden wir eines Tages ohne besondere Vorwarnung durch unsere Mutter: „Für die Welt werden eure Brüder schon genügend Schönes veröffentlichen!“ - ein Satz, den Klein-Vicko zeitlebens wiederholen sollte. Ich nehme ihm das immer noch übel und werde ihn in diesen Aufzeichnungen nur sporadisch erwähnen.

Unsere Ambitionen, die ebenso wie die der Brüder durch unseren familiären Hintergrund in Lübeck und durch die künstlerische Atmosphäre in unserem Münchener Haushalt genährt wurden – gleichwohl alles fein von bürgerlichen Schranken und materieller Sicherheit umgeben – also, die Ambitionen von Lula und mir konnten nach Ansicht unserer Mutter und der ganzen Welt nicht den gleichen Anspruch auf Respekt erheben wie die literarischen Versuche meiner Brüder. Meine nur zu ihrem eigenen Vergnügen und Erbauen schreibende Mutter erwartete von uns, es ihr gleichzutun und so ließen Lula und ich unsere selbstverfassten Werke in untersten Schubladen verschwinden.

Wir Schwestern waren wohl beide noch zu wenig gefestigt, um gegen diesen mütterlichen Bann anzuschreiben, höhere Töchter taten so etwas nicht. Obwohl es sich falsch anfühlte, glaubten Lula und ich nicht mehr daran, eine literarische Berechtigung zu haben. So legten wir unsere Federn nieder, denn wenn man etwas zu Papier bringt, will man auch gelesen werden.

In meinem Kopf haben sich seitdem Unmengen von ungeschriebenen Romanen angesammelt.

Was für einen Sinn haben dann diese Aufzeichnungen, welche ich heute, am 26. Juli 1910, beginne? Erwartet man von einem Menschen, der an seinem Lebensende Rückschau hält, nicht einen klaren und gereiften Blick auf Vergangenes, damit einhergehend allerlei Einsichten, geschlossenen Frieden und vielleicht eine ungefähre Erwartung all dessen, was da kommen mag?

Nichts von alledem trifft auf mich zu. Und schließlich, was hat schon Sinn?

Mein Tod streift auf samtenen Pfoten um mich herum. Seit vielen Monaten, ja, Jahren habe ich ihn gefühlt, zuweilen bin ich seiner Anwesenheit gewisser gewesen als in anderen Lebenssituationen. Ich meinte allerdings, dass ich dann, sollte er konkret beginnen in mich einzudringen, nichts mehr fühlen, nichts mehr wünschen, mich nur ergeben würde.

So ist es nicht, noch nicht.

Ich bin erst neunundzwanzig …

Heute oder in den nächsten Tagen werde ich meinem Leben ein Ende setzen, es scheint ganz gewiss. Ausweg kann es keinen mehr geben und genügend Gift ist in meinem Besitz, und dennoch - hier muss ich laut auflachen! - kommt dieser Trieb zum Schreiben in mir hoch, zum ersten Mal seit sovielen Jahren, sodass ich mich, während ich auf die Ankunft meines Geliebten warte, an den kleinen Tisch in meiner Stube gesetzt und zu Feder und Papier gegriffen habe.

Ich schreibe meinen Brüdern hinterher, immer noch. Sobald ich anfange, etwas zu Papier zu bringen, ist dieses Gefühl wieder da und es lacht über mein Tun. Sie schauen über meine Schulter und mit ihnen schaut die Welt über meine Schulter.

Aber wer wird eines fernen Tages sonst noch etwas von mir wissen? Ich werde eine Fußnote in den über meine Brüder verfassten Biographien sein, höchstens in den angefügten Registern mit einigen, vermutlich auch noch falsch angegebenen Seitenzahlen aufgelistet werden. Anhand der geringen Anzahl der Ziffern hinter meinem Namen wird jedermann sofort erkennen, wie kurz und unbedeutend mein Leben gewesen ist.

Ich muss Vorkehrungen für diese Aufzeichnungen treffen, muss verfügen, was mit ihnen geschehen soll. Ansonsten werden meine Brüder sie wiederum in ihren Werken zu verwursten suchen, wie sie das so oft mit meinen Briefen und Erzählungen, ja, mit meinem ganzen Leben getan haben – zwar ist dies stets mit meiner ausdrücklichen Billigung geschehen (wie hätte ich es ihnen verwehren können!), aber es fühlte und fühlt sich für mich doch unbefriedigend an, schlussendlich nur für die Novellen, Romane und Dramen meiner Brüder gelebt zu haben – und nun für sie zu sterben.

Dabei hätte ich, und dies ist mein allersehnlichster Wunsch gewesen, eine eigenständige Künstlerin sein wollen! Immer habe ich davon geträumt, meinen Erfolg, meinen Ruhm, meine ganze Daseinsberechtigung nicht aufgrund der großen Namen meiner Brüder zu erringen, sondern es ihnen aus eigener Kraft gleichzutun.

Hätte ich einst die von Kabalen und Liebe geplagte Luise Millerin mit soviel tödlicher, trauriger und hoffnungsvoller Energie gegeben wie ich sie in diesem Moment empfinde, wo ich meine Feder in atemberaubendem Tempo tintige Spuren in die weichen Papierbögen ritzen lasse – wer weiß, was dann geschehen, wer auf mich aufmerksam geworden wäre, wo ich überall gespielt hätte und was die Kritiker geschrieben hätten ... –

Ach, es ist überaus müßig, solche Überlegungen anzustellen, denn es ist nicht so gekommen und nun möchte ich mit dem Theaterleben, mit dem ganzen Kunstbetrieb, nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun haben, vorbei, vorbei, finito.

All so: Ich werde ausschließlich in den Werken meiner Brüder überleben und irgendwann, eingepresst zwischen Buchdeckeln und auf diese Weise unfreiwillig mit der ganzen Familie vereint, in staubigen Bücherregalen vermodern, meiner literarischen Gruft in alten Bibliotheken.

Keinen Blick habe ich für die sommerliche Schönheit dort draußen … den blendend blauen Himmel über Polling und die nickende Pracht der Blumen, kein Gehör für das Singen der Vögel ... das Gurren der Tauben, die Sehnsuchtsmelodien der Amseln, das zärtliche Zwitschern der Rotkehlchen, die Warnrufe der Meisen, das brutale Krächzen der Raben, kein Gehör für das Rauschen des Baches, für seine über die bemoosten Steine spülenden Wasserschleier oder für den Klang des Glocken von St. Salvator, kein Gespür mehr für die Anmut der alten, ehemaligen Klostergebäude, die sich so vertraut in die bayerisch sommerliche Landschaft schmiegen - welche für sich allein wiederum schon so wunderschön ist …

Ach, ein Mensch muss sich mit seinen Nöten und Krisen angesichts der Vollkommenheit der Schöpfung unbedeutend vorkommen und als Störenfried fühlen. Alles scheint so perfekt und phantasievoll geschaffen, was beflecke ich diese Schönheit mit meinen dunklen Problemen, Wünschen und Begierden, mit meiner Existenz?

Keinen Gedanken verschwende ich an meine Mutter; wie immer sitzt sie draußen vor dem Haus auf einer Bank und plaudert mit vorbeiziehenden Bewohnern Pollings, belangloses Zeug!, keinen Gedanken mehr an meinen in Florenz weilenden Lieblingsbruder Hinz, so oft hat er mich benutzt und im Stich gelassen, keinen Gedanken gar an meine anderen Geschwister und ihre Ehepartner, die immer noch in München leben, Thos und Lula.

Und Vicko? Nun ja.

München, 1896

Als Schulmädchen habe ich Nathanael einst während einer Besichtigung aus einem Laboratorium mitgehen lassen, so um die sechzehn Jahre bin ich damals alt gewesen. Ich liebte derlei Skurilitäten. Zum Entsetzen meiner Mutter und meiner Schwester, zum beifälligen Grinsen meiner Brüder – welche ihn ‚künstlerisch‘ fanden - und zum Gruseln meiner Freundinnen und der Hausmädchen wollte ich mein Zimmer mit diesem Schädel schmücken – und habe es getan. Immerhin konnte ich mich auf Goethe berufen, hatte er nicht einige Jahre lang den vermeintlichen Schädel Schillers auf seinem Schreibtisch platziert? Nun gut, zwar mochte der Wunsch zur Weltliteratur in mir erloschen sein, der Wunsch zum Repräsentieren und zur Attitüde jedoch in keinster Weise. Vermutlich ist letzterer wiederum dafür verantwortlich, dass ich heute überhaupt noch etwas zu Papier bringe.

All die Jahre hat Nathanel mich begleitet, von einem Ort zum anderen. Manchmal habe ich mich gefragt, zu was für einem Menschen dieser Schädel wohl gehört hat, ob Mann oder Frau, wann genau und wo und wie und überhaupt. Aber eigentlich ist es mir einerlei, denn nur darauf kam es an:

Nur er war mir treu – und ich ihm.

Ja, ich gab ihm einen Ehrenplatz in meinem Zimmer, tat von nun an alles unter dem zunächst etwas ungemütlich erscheinenden, dann jedoch immer vertrauter werdenden Blick seiner leeren Augenhöhlen, in denen ich nicht die Tiefen der Hölle, sondern die Weite des Himmels vermutete. Meine Lieblingsfarbe war schwarz und ich drapierte entsprechende Stoffe rund um Nathanael, erzielte einen hinreißenden Schauder-Effekt.

An ein befremdliches Ritual allerdings hatte er sich zu gewöhnen, aber nach all den eintönigen Jahren auf seinem vergessenen Regalbrett in einem düsteren Labor dürfte er nicht allzuviel dagegen einzuwenden gehabt haben, sofern überhaupt noch etwas von seinen Sinnen und seinem Bewusstsein übrig geblieben sein mochte: Nach anfänglichem Gegrusel und Gekreische angesichts dessen, was einst Teil eines Menschen gewesen, pflegten ihn meine Gäste zu ergreifen, seinen kahlen Kiefer mit spitzen Fingern aufzuklappen, angesichts des puren Knochens zu erschaudern und ihn dennoch oder eben deswegen hoch in die Luft zu halten und mit aufgesetztem Pathos „Seiiin oder Nichtseiiin?!“ zu rufen, natürlich. Überaus originell, nicht wahr?!

Aber wir lachten jedesmal, als ob es kein Morgen gäbe.

Meine Mutter missbilligte derlei Extravaganzen und je mehr ich diese Missbilligung spürte, desto exzessiver wurde meine Beschäftigung mit Nathanael. Ich zündete Kerzen an, stellte ihn auf meinen Schreibtisch oder vor meinen Spiegel, legte ihn gar auf mein Kopfkissen.

Dennoch schien das Leben damals vor mir zu liegen, in all seiner Weite und Pracht und Fülle, oh, wie jung ich war, wie ahnungslos – und wie schön, trotz der Ähnlichkeiten mit meiner Mutter. Weder in meinen Gesichtszügen, noch in meinen Bewegungen, oder, bewahre!, in meinem Fühlen und Denken habe ich es jemals ertragen können, Ähnlichkeiten mit meiner Mutter zu entdecken. Je älter ich wurde, desto stärker aber traten diese Merkmale zu meiner Verärgerung und zu meinem Widerwillen hervor und ich suchte sie auszumerzen. Ausgerechnet ihre wundervollen, schwarzprächtigen Haare aber hat sie mir nicht vererbt, als hätte sie es mir nicht vergönnt.

Dass ich aber wirklich schön war, weiß ich erst jetzt, wo ich es nicht mehr bin.

Stunden verbrachte ich damals vor dem Spiegel in meinem Zimmer, unter den anerkennenden Augen(höhlen) Nathanaels, ja, ich bin attraktiv und verführerisch gewesen, entweder durch meine bloße Jugend oder durch die Sorgfalt, mit der ich mich aufbrezelte: Hoch- und wohlgewachsen, blitzende Augen, prustendes Lachen, feinste Haut und schmiegsame Gliedmaßen, blonde und immerhin weiche, wenn auch nicht füllige Haare, die sich mit den Jahren leider Gottes immer dunkler und alltäglicher zu verfärben begannen.

Meine Schönheit ist auch meinen Brüdern nicht verborgen geblieben und bald fand ich Eingang in ihre Arbeiten:

Einmal trug Thos die noch unausgegorene Idee einer Novelle mit sich herum. Dem geplagten Poeten fehlte offenkundig noch ein entscheidender Blick auf das, was er zu beschreiben gedachte und er war von dieser drängenden Unruhe erfüllt, die nur einen Künstler befallen kann, der sein Inneres in die Außenwelt stülpen und es in dieser mit Schreibfeder, Pinsel oder Meißel zu manifestieren hat. Eines Abends waren er und ich allein zuhause und da bat er mich flüsternd, ihm einen Gefallen zu tun. Ich kicherte zunächst ungläubig, aber seine Augen schauten irritiert und ich begriff, dass es ihm durchaus ernst mit seinem Anliegen war.

„Ich helfe dir!“, versprach ich und ging in mein Zimmer, um alles vorzubereiten.

So löschte ich das Licht, nur um Nathanael herum flackerten einige Wachskerzen, ihre Flämmchen erreichten die Ecken des Raums nicht und die Dunkelheit kroch aus ihnen hervor.

Ich wartete auf Thos.

Als er das Zimmer betrat, erkannte ich in diesem diffusen Kerzenlicht auf einmal gleißend klar, wie kindhaft sich seine noch ungefestigten Züge und seine schmalen Schultern ausnahmen. Seine breite, hochgewölbte Stirn schob er nach vorn wie ein Widder sein Geweih, doch wurde diese Wucht von seinem sauber gestutzten Schnurrbärtchen und den sorgfältig zurückgekämmten, dunkelblonden Haaren ausgebremst, er schien keinen festen Halt auf dem Boden zu finden.

Ich genoss die verboten anmutende Atmosphäre und da er etwas von mir wollte und brauchte, berauschte ich mich an dem Gefühl, ihm überlegen zu sein, ja.

„Ich tue es jetzt!“, sagte ich und glitt aus meinem Morgenmantel. Ich sah meinen Körper sanft und jungfräulich weiß im Spiegel glimmen, dem Kopf eines Schwans gleich, der in dunkelgrünen Wasserfluten nach Nahrung taucht.

Es war so still. Nur die Kerzen knisterten und von der Straße drang kein Geräusch herauf. Es gefiel mir, die Kerzenflammen auf meiner Haut tanzen zu sehen und zu spüren, wie laue Luft meinen ungeschützten Körper umwehte und meine Brustwarzen erhärtete.

„Geh zum Schrank“, sagte Thos.

Ich ging zum Schrank, öffnete dessen knarrende Türen und drehte mich um, verführerisch, ganz langsam, und verharrte in dieser Pose, so wie Thos mich darum gebeten hatte. Mit einer Hand griff ich nach diesem Ding, wo sich die Schranktüren einzuhaken pflegen und ich blickte meinen Bruder provozierend an und warf mein Haar zurück, es kitzelte auf meinen Schultern und ich lachte.

„Setz dich“, sagte Thos und seine Stimme klang fremd. Da wurde auch ich befangen.

Ich setzte mich auf die untere Innenkante des Schranks und begann zu frieren und so zog ich meine Beine an, legte den Kopf auf die Knie.

„Schau, Thos, wie schön geformt meine Knie sind! Du hast es bestimmt noch nicht gemerkt, du musst das in deiner Novelle schreiben!“

„Schweig!“, donnerte er mich an und ich verbarg mein Gesicht vor ihm und meine Haare fielen schützend vor meine Nacktheit.

Thos aber stellte sich vor mich hin, seine Zunge zwischen den Zähnen, sein Notizbuch in der Hand, er schrieb und schrieb und ich hörte seinen Stift kratzen und er sah mich an, nein, eher durch mich hindurch; er mochte zwar meine Haut und Haare, Arme und Hände, Beine und Füße, Schultern und Brüste mit seinem kalten, sezierenden Blick erfassen, aber er sah nicht mich in ihnen leben, nein, für ihn waren das alles nur Hüllen oder Vasen, die er mit seiner Literatur füllen, ihnen ein Eigenleben geben würde.

Das gefiel mir nicht, ich wollte gesehen werden und gemeint sein.

„Gib mir meinen Mantel!“, sagte ich.

„Moment“, murmelte er und schrieb und schrieb.

Ich stand leise auf und wollte zu meinem Mantel huschen, doch da sah er auf und blickte auf meine mit dem Ellenbogen zusammengequetschten Brüste, meine notdürftig bedeckte Scham und meine eng aneinander gepressten Beine und etwas zuckte in seinem Gesicht und ich weiß bis heute nicht, was es gewesen sein mag, Missbilligung, Ekel, Furcht, Anerkennung, Erregung, Pein, Verlegenheit? Befielen ihn Skrupel, sah er erst in diesem Augenblick mich, seine Schwester Carla?

Schnell schlüpfte ich in meinen Mantel. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, verließ Thos den Raum ich blickte ihm mit hängenden Armen nach. Zu Weltliteratur geworden.

Im folgenden Juni wurde die aus dieser Begebenheit gespeiste Novelle in einer Münchener Zeitung erstmalig veröffentlicht und mir, der „Schwester Carla“, gewidmet.

Ob Thos je auf den Gedanken gekommen war, angesichts dieser Widmung könne jeder Leser versucht sein, die geheimnisvolle Schöne im Schrank mit eben dieser Schwester Carla gleichzusetzen?

Ich aber hatte mein leichtes Unwohlsein darüber bald erfolgreich verdrängen können und war überaus stolz, „der Kunst“ ihren Tribut gezollt zu haben und es erfüllte mich mit einem wohligen Schauer, meinen Namen in der Zeitung gedruckt zu sehen, ab und an gar darauf angesprochen zu werden.

„Was sind wir nur für eine Familie“, sagte Lula, als sie die Geschichte las. Sie schüttelte betrübt ihr wohlfrisiertes Haupt und faltete die Zeitung mit gezierten Bewegungen akkurat zusammen.

Ach, meine Schwester, meine geliebte Lula. Sie hielt sich in Auftreten und Benehmen mehr zurück als ich es je vermochte und mit den Jahren wurde sie sich ihres und unseres Standes immer mehr bewusst, erwartete dies im gleichen Maße auch von uns. Die Vorliebe meiner Mutter für die leichte Bohême war Lula ein Gräuel und der arme Vicko,  zu jung, um sich wehren zu können, kam in den zweifelhaften Genuss ihrer lübischen Erziehungsversuche. Für Lula hatte alles perfekt auszusehen, nicht nur sie selbst, nein, alles und jeder in unserer Wohnung hatte gutsituiert zu wirken und gediegen zu glänzen.

Rituale waren peinlichst genau einzuhalten.

Puppig wirkte Lulas wohl artikulierte Sprechweise und wie Porzellan ihre gezierten Gesten. Dennoch wehte um ihre unergründlichen Augen stets ein Hauch von innerem Leid und allgemeiner Betrübnis. Alles an ihr war filigran und matt, nur ihre Nase nicht. Deren höckrigen Ausmaße versuchte meine Schwester durch gepolsterte Frisuren und kunstvoll arrangierten Haarschmuck auszugleichen - was ihr nur bis zu dem Zeitpunkt gelingen wollte, an dem sie sich in einem Moment der Selbstvergessenheit zu ihrem und des Betrachters Unglück doch ins Profil wendete.

Ich wünschte, wir wären uns immer so nah geblieben, wie wir es damals noch waren.

Ich konnte also im Schreiben nicht mehr zu mir selbst finden. Dennoch: Es wollte etwas raus aus mir und da das Flusstal der höchstselbst produzierten Literatur für mich ausgetrocknet zu sein schien, suchte ich nach einem anderen Ventil für meine Kreativität und fand es - im Theater.

Ich wollte eine Schauspielerin werden und sonst gar nichts - und wenn es das Letzte sein sollte, was ich tat!

Es würde das Letzte sein, aber das konnte ich damals natürlich noch nicht ahnen.

Es gab kein Damaskus-Erlebnis, nein, meine Berufung geschah ganz leise, war in ihrer Gesamtheit nicht mehr als eine Kette von verschiedenen Erlebnissen und Eindrücken, aus denen ich aber, wie alle Künstler es zu tun pflegen, Eingebungen machte.

Ich verliebte mich in einen sehr prominenten Münchener Schauspieler, Lützenkirchen hat er geheißen. Er schien all das zu verkörpern, was ich mir von einem Mann in meinen innersten Träumen erhoffte. Stand er auf der Bühne, hatte er mich in seiner Hand, ich hing an seinen Lippen, verfolgte seine Gesten und jedes Zucken seiner Mimik, badete berauscht im Klang seiner Stimme. Eigentlich hätte er ein mittleres Erdbeben verursachen müssen, weil nicht nur ich, sondern nahezu alle weiblichen Wesen im Publikum höchst erregt vor sich hin bibberten und jede von uns nahe daran war, aufschluchzend alle (eh nur mühsamst bewahrten) Hemmungen mitsamt Stock und Hut (und Rock) über Bord zu werfen und sich dem Akteur auf offener Bühne hinzugeben, sich auf diese Weise selbstverständlich nicht mit einem durchschnittlichen Erdbeben zu begnügen, sondern es, befeuert vom Neid der verschmähten und ausgestochenen Konkurrentinnen, zu einem hysterischen Vulkanausbruch ungeheuerlichen Ausmaßes kommen zu lassen.

So sehr ich den unerreichbaren Lützenkirchen vergötterte, so eifersüchtig war ich auf seine jeweiligen Bühnenpartnerinnen und allmählich kristallisierte sich in meinem Inneren die Gewissheit, dass ich doch tatsächlich an ihrer statt spielen könne.

Um Himmels willen, warum eigentlich nicht?

Ich gehörte nicht mehr in den Zuschauerraum, nicht mehr ins Dunkel, nein, ich gehörte auf die andere Seite des Vorhangs, ins Licht, ich war dazu bestimmt, die herrlichen Kostüme zu tragen, mich in den Kulissen zu bewegen, in eine andere Welt einzutauchen und aller Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, Maßstäbe zu setzen für die Unwissenden im Publikum.

Ich wollte das Leben in mir spüren – und sei es nur auf offener Bühne, wo ich meine eigenen, vielleicht verborgenen Schmerzen und Freuden anderen Menschen lieh, meine nicht ausgelebten Gefühle heraus- und mich dafür beklatschen und feiern ließ. Ein Werkzeug der Dichter und Regisseure wurde.

Ich wollte dazugehören.

Was meine Brüder auf dem Felde der Literatur schafften, das wollte ich auf den Bühnen der Theater und damit der ganzen Welt tun.

Wehmütig erinnere ich mich daran, wie mein Leben so verheißungsvoll vor mir lag, mich diese heiligen Gewissheiten einst durchströmten: Ich will Schauspielerin sein! Ich will Kunst machen!

Ich konnte nicht anders -

Selbst im Rückblick, und dies befremdet mich nicht wenig, gelange ich bei allem Überlegen immer noch zu diesem Resultat voller Aberwitz.

Was gab es schon für andere Möglichkeiten? Sollte ich mein Leben etwa als zölibatär lebende Lehrerin oder als unglücklich verheiratete Bürgerfrau über mich ergehen lassen? Meinen schriftstellerischen Bemühungen war der Garaus gemacht worden und ansonsten gab es für eine Frau außer den soeben genannten Wegen keine Möglichkeit, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen – und etwas Besonderes zu sein.

Nun aber hatte ich mich zunächst mit ganz praktischen Dingen zu beschäftigen. Ich musste Schauspielunterricht nehmen und hierzu brauchte ich die Erlaubnis meiner Mutter und um diese zu erlangen, benötigte ich wiederum die Unterstützung meiner Brüder.

Ich wendete mich an Hinz und an Thos. Hinz war mit dem Theater bestens vertraut und dennoch schrieb er mir, er wolle mir gern behilflich sein, legte allerdings immerhin dar, wie gnadenlos die Konkurrenz in diesem Milieu sei: Dort würde mit für mich unvorstellbaren Mitteln und Kniffen gekämpft, so behütet und wohlerzogen wie ich aufgewachsen war. Trotzdem aber wolle er sich für mich verwenden, denn ich, sein ‚geliebtes Kind‘, solle ja beileibe kein Philisterin werden, nein! Ja, so schrieb er.

Thos hingegen pflegte stets unwillig seinen Kopf zu schütteln, sooft ich von meinen Wünschen und Plänen zu sprechen begann, er kanzelte sie rundweg als Backfischträumereien ab. Ich hatte mir von ihm mehr erhofft, denn schließlich liebte er das Theater in dem Maße, wie ich es tat und wir hatten es oft genossen, uns bei gemeinsamen Opernbesuchen populär zu machen. Auf seine Hilfe konnte ich folglich nicht zählen und auf Lulas auch nicht, ich versuchte es gar nicht erst.

Aber auf Hinz war Verlass, er erinnerte unsere Mutter daran, dass auch sie als junges Mädchen eine Theaterdame hatte werden wollen und dass es ihr rundweg verboten worden war - ob sie denn nun die Fehler ihrer Erzieherinnen wiederholen wolle? So listig trieb er sie in die Enge und so bekam ich die Erlaubnis, mir einen Lehrer zu suchen.

Ich begann mich umzuhören und geriet an einen gewissen Herrn Schneider, Schauspieler und Regisseur des Königlichen Hoftheaters in München. Sogleich räumte er mir einen Vorsprechtermin ein. Denn zuerst, so schrieb er, wolle er die junge Elevin begutachten und ihr dann – bei Gefallen – Schauspielunterricht angedeihen lassen.

Ich musste nicht lange überlegen, mit welcher Rolle ich den Mann für mich einnehmen wollte: Es sollte Goethes „Gretchen“ sein, ansonsten kam für meine Schönheit und für das in mir schlummernde Talent selbstverständlich überhaupt keine andere Rolle in Frage!

Und so studierte ich diese schwierigen Texte – sowohl die Gartenszene als auch Gretchens Gebet vor dem Andachtsbild der Mater Dolorosa.

Es gelang mir sogar, wie auf Knopfdruck zu weinen … was mich selbst zu dem damaligen Zeitpunkt am allermeisten beeindruckte, unwissend wie ich war. Ich hielt das für große Schauspielkunst.

Am Morgen des Prüfungstages tat ich etwas, was ich vorher noch nie getan hatte. Ich sah Nathanel in die Höhlen, wo früher seine Augen gewesen, und sagte: „Dies ist der Anfang meiner Karriere!“

Dann musste ich kichern, weil ich mir etwas albern vorkam und dennoch beschlich mich das eigenartige Gefühl, etwas Unaussprechliches sei zwischen ihm und mir geschehen; fortan fühlte ich mich ihm innerlich verbunden, er war nicht mehr einfach ein schauerlicher Nippesgegenstand in meinem Zimmer, sondern in spiritistischer Form real geworden : In der Art eines übersinnlichen Haustiers, das, in seinem skelettartigen Käfig gefangen, stets auf meine Heimkehr, meine Erzählungen und meine Zuwendung zu warten schien.

Der Türklopfer riss mich aus dieser eigentümlich verharrenden Starre. Meine Freundin Lani, eine zukünftige Opernsängerin, sollte mich zum Vorsprechen begleiten und die Stichwörter einlesen. Ich wurde von Schüttelfrost gepackt und als Lani in all ihrer aufgeputzten Schönheit in mein Zimmer trat, konnte ich nur schwer atmend hervorbringen:

„Ich bin gewiss schon ganz grün im Gesicht und hässlich, er wird mich auf keinen Fall nehmen!“

Solche Panik war mir neu, sie überschritt das herkömmliche Maß an Lampenfieber auf ungebührliche Weise, wo in meinem Inneren mochte sie mit einem Mal entspringen? Schließlich gelang es Lani mit allerlei Klapsen, Beschwichtigungen, Aufmunterungen und Drohungen mich erstens aus dem Zimmer und zweitens aus der Wohnung zu bugsieren. Meine Mutter kam herbeigeeilt und musterte mich sorgenvoll, doch als wir im Treppenhaus waren, konnte ich hören, wie sie bereits wieder begonnen hatte, das ewig gleiche Nocturne von Chopin zu spielen.

Ich glaubte nicht, überhaupt bis zum Hoftheater gelangen zu können. Lani schob mich voran, mal energisch, mal behutsam, sprach mir Mut zu, gab mir Tips, ich solle mir Herrn Schneider einfach nackt vorstellen.

Am Bühneneingang war der Treffpunkt mit den (hoffentlich angezogenen) Herrn Schneider verabredet worden, unzählige Male hatten Lani und ich bereits an diesem Ort gestanden und auf die von uns angebeteten Schauspieler gewartet, vom Olymp des Theaterhimmels sollten sie durch diese unscheinbare Paradiespforte zu uns herabsteigen. Wir erkannten die meisten gar nicht, so fremd und blass und gewöhnlich sahen sie ohne Maske, Kostüm und Lampenlicht aus, ich muss es gestehen. Aber wir stellten ihnen keine Fragen – und uns selbst schon gar nicht.

An diesem Tage nun aber sollten wir selbst durch diese Türe schreiten dürfen und die dahinter liegenden heiligen Hallen der Kunst betreten, es war nicht zu fassen.

Herr Schneider ließ auf sich warten und immer wieder flüsterte ich den Monolog vor mich hin, so dass er immer mehr zu meinem eigenen Stoßgebet wurde: „Ach neige, Du Schmerzensreiche, Dein Antlitz gnädig meiner Not...“.

Endlich tat sich die Türe auf und Herr Schneider, klein und dick und lauernd, weißbelockt und mit tomatenroter Gesichtsfarbe versehen, trat heraus und besah uns mit trocken zwinkernden Augen – welche von den beiden Damen denn vorsprechen wolle?

„Sie“, sagte Lani und schob mich vor.

„Ach“, sagte Herr Schneider und hörte für einen kurzen Moment zu zwinkern auf.

Ich war zur Gänze verstummt.

Wir schritten durch die Pforte ins verheißende Paradies - in dem allerdings alles ein wenig schäbig und abgenutzt wirkte. Billige Statistenkostüme hingen an riesigen Kleiderständern, es roch nach frisch gesägtem Holz und nach Kohl aus der Kantine – und dennoch fühlten Lani und ich uns auserwählt und fanden alles „himmlisch“, gerieten spätestens, als wir die Namen der von uns verehrten Künstler an den Garderobentüren lasen, in eine betäubend ehrfurchtsvolle Stimmung.

Als wir um eine Ecke bogen, starrte uns ein ganzes Regal voll gesichtsloser Holzköpfe mit pompösen Perücken missbilligend an und ich war nicht in der Lage, ein hysterisches Kichern zu unterdrücken und schämte mich, noch während ich es tat, über die Maßen ob dieses unprofessionellen Verhaltens.

Durch viele Korridore ging es hinter dem mittlerweile schwer schnaufenden Herrn Schneider her, Treppen rauf und Treppen runter. Ich lief direkt hinter Herrn Schneider und stellte ihn mir bereits nackt vor und wurde wider Willens erneut von einem nicht zu unterdrückenden Kichern gepeinigt.

Endlich betraten wir die Probebühne:

 „Was höre ich?“, keuchte Herr Schneider.

„Ich habe das Gretchen vorbereitet“, erklärte ich, nun wieder gänzlich verschüchtert, hielt meine weißen Hände züchtig vor dem Bauchnabel verschränkt.

„Ach“, rief Herr Schneider – und zwinkerte.

„Ich werde die Stichworte einlesen“, ergänzte Lani.

„So lang Sie sie nicht singen!“, erklärte Herr Schneider.

Wir begriffen zunächst nicht, dass er einen Witz gemacht hatte - und erst als er dröhnend zu lachen begann und seine trockenen Äuglein hinter welkem Fleisch verschwanden, wagten auch wir es, zaghaft zu schmunzeln.

Immer noch befangen betrat ich schließlich die Bühne. Ich arrangierte mich innerlich mit den fremden Kulissen und Kreidemarkierungen, atmete mich in meine Rolle hinein und prompt geschah etwas Sonderbares mit mir, etwas, das mir, bei allem Zynismus, auch heute noch nahezu magisch anmutet: Ich promenierte auf und ab und täuschte nicht mehr nur vor, meine Hand auf den Arm eines unsichtbaren Faust zu legen, nein, ich tat es wirklich und wahrhaftig, ich spürte ihn neben mir und ich war das Gretchen-

„Ich fühl' es wohl, dass mich der Herr nun schon...“, so begann ich.

Und es war, als ob ich außerhalb meines Körpers getreten wäre, mich aber gleichzeitig auch noch in ihm befand, ein Paradoxon, ich weiß. Aber so läuft es eben am Theater, welches in seinem Wesen an und für sich nur paradox ist: Ich konnte mich von außen, von schräg oben beobachten und war dennoch innerlichst von den Gefühlen Gretchens durchströmt. Alle meine Ängste waren verflogen, der Schüttelfrost dahin und mir war, als ob nichts Schweres mehr auf der Welt und in meinem Leben vorhanden sei, ja, ich wusste, dass ich mich niemals zuvor so vollkommen, so leicht, so wertvoll gefühlt hatte wie in diesem Moment.

Lani bemühte sich redlich, die Sätze Faustens mit einem gewissen Gehalt zu füllen, aber für mich waren sie trotz ihres Ungenügens die Sätze Faustens, ja, ich kann nicht umhin zu sagen: Dieses Vorsprechen ist mein künstlerisches Erweckungserlebnis gewesen. Es zählte nur das Hier und Jetzt. Auf der Bühne.

„Auf baldig Wiedersehen“, so schloss die Szene und als ich nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu tun hatte, da verflog allmählich der Zauber und ich fand mich auf der staubigen Probebühne zwischen den Kreidemarkierungen wieder.

Herr Schneider zwinkerte und sagte zunächst einmal gar nichts. Schließlich erhob er sich und eilte bedächtigen Schrittes zur Bühne. Sein Gesicht leuchtete in anerkennendem Tomatenrot.

„Das hat mir sehr gefallen, Fräulein!“, sagte er.

Heute noch möchte ich ihm diesen Satz gern glauben, immer noch hoffe ich, die Einzigartigkeit dieses für mich so bedeutenden Moments möge sich auf ihn als Zuschauer wirklich und wahrhaftig übertragen haben. Trotzdem könnte ich mir denken – und dies schreibe ich nach jahrelanger Erfahrung mit den Gepflogenheiten am Theater – dass wahrscheinlich Schneiders Miete noch ausgestanden und er deswegen eine neue Schülerin gebraucht hatte, die ordentlich für die reichlichen Stunden bei ihm, dem Hoftheaterspieler, bezahlen würde.

„So natürlich, so pur und dabei so innig“, murmelte er leise in seinen weißen Bart.

„Was haben Sie denn noch vorbereitet? Die Gebetsszene? Dann legen Sie los, bitteschön!“

Ich trat an die Rampe und tat, als ob ich imaginäre Blumen in ebenso wenig vorhandene Vasen zu Füßen einer unsichtbaren Muttergottes-Statue stellen würde. Ich kniete nieder und begann zu sprechen, mein Gesicht vertrauensvoll in den Raum gewandt:

„Ach neige, Du Schmerzensreiche, Dein Antlitz gnädig meiner Not!“

Damals konnte ich mich noch ohne Vorbehalt öffnen. Natürlich rannen stille Tränen meine geweißten Wangen herab und tropften auf meine gefalteten Hände, so gerührt war ich von Gretchens Schmerz - und von mir selbst. Unglaublich erhaben und ebenso wahrhaftig kam ich mir vor, weil ich just in diesem Moment auch noch die Worte: „Ich wein, ich wein,ich weine!“ sprach … ist es zu glauben ?!?

Auf der Bühne hatte sich ein unsichtbarer Mantel um meine Schultern gelegt, Gefühle, Gesten, Sprache und Mimik reduzierte er auf ein Minimum und adelte somit Gretchens Gebet, er ließ mich nicht allzu übertrieben agieren, trotz der Tränen.

Herr Schneider, ebenfalls nicht unergriffen, murmelte etwas von Donnerwetter, Hochachtung und Kruzitürken – und mochte seine Miete gesichert sehen.

„Überraschend viel Gutes“ habe er „erblicket“, so verkündete er dem langsam wieder zu Carla werdenden Gretchen.

„Was haben Sie noch?“