Verlag: Sternensand Verlag Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Die Greifen-Saga - C. M. Spoerri

Die sechzehnjährige Mica ist es gewohnt, für das zu kämpfen, was sie zum Überleben auf der Straße braucht. Sie steht am Rande der Gesellschaft von Chakas. Ihr Leben ist geprägt von Armut, Hunger und Angst, doch nicht zuletzt dank ihrer magischen Kräfte, die nach und nach in ihr erwachen, kann sie es meistern. Alles, was ihr etwas bedeutet, ist ihr jüngerer Bruder Faím. Das Schicksal stellt sie jedoch auf eine harte Probe, als Faím von ihr getrennt wird, während sie selbst dem geheimnisvollen Dieb Cassiel in die Hände fällt, der sie in seine Gilde mitnimmt. Ist es der Beginn eines besseren Lebens? Wird es Mica gelingen, sich in den Kreisen der Diebe eine Stellung zu erkämpfen? Und wie soll sie ihren Bruder wiederfinden, der gerade selbst das Abenteuer seines Lebens erfährt?

Meinungen über das E-Book Die Greifen-Saga - C. M. Spoerri

E-Book-Leseprobe Die Greifen-Saga - C. M. Spoerri

Inhaltsverzeichnis

Titel

Impressum

Zitat

Landkarte Altra

Karte Region Chakas

Karte Stadt Chakas

Vorwort

Kapitel 1 – Mica

Kapitel 2 – Mica

Kapitel 3 – Mica

Kapitel 4 – Mica

Kapitel 5 – Faím

Kapitel 6 – Mica

Kapitel 7 – Mica

Kapitel 8 – Faím

Kapitel 9 – Faím

Kapitel 10 – Mica

Kapitel 11 – Mica

Kapitel 12 – Mica

Kapitel 13 – Mica

Kapitel 14 – Néthan

Kapitel 15 – Néthan

Kapitel 16 – Faím

Kapitel 17 – Faím

Kapitel 18 – Mica

Kapitel 19 – Mica

Kapitel 20 – Mica

Kapitel 21 – Néthan

Kapitel 22 – Néthan

Kapitel 23 – Mica

Kapitel 24 – Mica

Kapitel 25 – Mica

Kapitel 26 – Mica

Kapitel 27 – Faím

Kapitel 28 – Faím

Kapitel 29 – Faím

Kapitel 30 – Néthan

Kapitel 31 – Mica

Kapitel 32 – Néthan

Kapitel 33 – Mica

Kapitel 34 – Mica

Kapitel 35 – Mica

Kapitel 36 – Faím

Kapitel 37 – Néthan

Glossar

Dank

Über die Autorin

 

C. M. SPOERRI

 

 

Die Greifen-Saga

 

Band 1

Die Ratten von Chakas

 

http://cmspoerri.ch

info@cmspoerri.ch

 

1. Auflage, Juli 2015

© Sternensand-Verlag GmbH, Zürich 2015

Umschlaggestaltung: Tara | fantasiafrogdesigns.wordpress.com

Landkarten: C. M. Spoerri 2015

Lektorat / Korrektorat: Wolma Krefting | bueropia.de

Satz: Sternensand Verlag GmbH

 

 

Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Manchmal sind die Wege der Götter unergründlich

und manchmal scheint es, als sei es Bestimmung

 

C.

Altra

Region Chakas

Stadt Chakas

Vorwort

 

Diese Geschichte spielt in einer Welt, die längst vergessen ist. Als noch Drachen, Zwerge und Elfen unsere Erde bevölkerten und Magie das Land beherrschte.

Wir schreiben das Jahr 11 251 der ersten Epoche. Es ist eine Zeit voller Umbrüche, denn es gibt eine neue Herrscherin, neue Strukturen und neue Gefahren.

Doch das ist für den Verlauf dieser Saga vorerst unerheblich. Die Geschichte, die ich Euch erzählen möchte, spielt in Chakas, einer unwirtlichen Region inmitten von Altra, die von Hitze und Sand geprägt wird. Genauer in deren Hauptstadt, die auf einer westlichen Landzunge am Meer liegt und auch die ›Stadt der Sonne‹ genannt wird.

Ich wünsche Euch viel Vergnügen auf Eurer Reise.

 

Eure Corinne

Kapitel 1 – Mica

Es gab in dem Tunnelsystem mehr Löcher als in einem Kaninchenbau und dennoch fand sich die kleine Gestalt mit erstaunlicher Sicherheit darin zurecht, während sie in der Dunkelheit von einem Gang in den nächsten hetzte. Der dünne Junge hielt sich nicht damit auf, zu lauschen, ob seine Verfolger ihm noch auf den Fersen waren, sondern rannte, als sei der Totengott persönlich hinter ihm her.

Erst als er sich durch ein weiteres Loch in einer Wand gequetscht hatte, durch das kein erwachsener Mann hindurchpassen konnte, hielt er an, ließ sich keuchend auf den harten Steinboden fallen und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Ein starker Hustenanfall war die Folge, von dem er sich erst nach ein paar Minuten erholte.

Mit zitternden Fingern suchte er nach dem Gegenstand in seiner Hosentasche und spürte erleichtert das kühle Metall, das sich vom ersten Moment an so richtig in seiner Hand angefühlt hatte. So sehr, dass er die Kostbarkeit unbedingt haben musste und nicht mehr hatte hergeben wollen. Vorsichtig holte er seine Beute heraus und fuhr zusammen, als plötzlich vor ihm eine Fackel aufflammte.

»Da bist du ja endlich wieder!«, erklang die Stimme eines Mädchens, dessen schmutziges Gesicht im Schein des Feuers auftauchte. Sie hatte schwarze, kurze Locken, die ihr knapp über die Augen fielen, welche von langen Wimpern umrahmt waren. Ihre Gesichtszüge waren schmal, genau wie ihr Körper, der dort, wo keine sandfarbenen Lumpen ihn verdeckten, von der Sonne gebräunt war. Ein vorübergehender Passant hätte sie vielleicht auf fünfzehn Jahre geschätzt, wenn er in ihre klugen Augen sah, womöglich etwas älter, aber durch ihr geringes Gewicht war es schwer, ihr Alter auszumachen.

Der schmächtige Junge beeilte sich, die Beute hinter seinem Rücken zu verbergen, als das Mädchen auf ihn zukam.

»Was versteckst du da, Faím?«, fragte sie argwöhnisch und hielt die Fackel etwas höher.

»Nichts«, erwiderte der Junge, immer noch heftig atmend. Auch er hatte, wie nun im flackernden Licht zu erkennen war, dunkle Locken, schwarze Augen und überall an seinem mageren Körper traten die Knochen unter seiner Haut hervor. Sein Gesicht war blass und er wirkte kränklich. Die dünnen Arme verschränkte er hinter dem Rücken und bemühte sich, einen weiteren Hustenanfall zu unterdrücken.

»Gib das her«, befahl das Mädchen und streckte die freie Hand aus.

Faím schüttelte den Kopf mit Nachdruck, aber seine Augen sahen sie ängstlich an. Sie war zwar nur zwei Jahre älter als er, überragte ihn jedoch um mehr als einen Kopf. Und er wusste, wie gut sie mit dem Messer umzugehen verstand, das an ihrem Gürtel befestigt war und nach dem sie nun griff.

»Du weißt, dass wir uns alles teilen?« Das Mädchen klang jetzt energischer. »Unsere Beute, unser Leben, unser Schicksal. Schon vergessen?« Mit der Hand machte sie ein Zeichen, das sie und Faím sich zusammen ausgedacht hatten. Dabei formte sie die Handfläche wie eine Schale und führte sie dann zu ihrem Herzen.

»Wir sind Kanalratten. Wir müssen uns nicht an das Kredo der Diebe halten.« Die Stimme des Jungen wurde mit jedem Wort leiser.

»Wir sind zwar keine Mitglieder einer Gilde, trotzdem müssen auch wir uns an Gesetze halten«, antwortete das Mädchen in festem Tonfall. »Und jetzt gib her!« Sie war mit einem raschen Schritt bei ihm und packte ihn am Oberarm, sodass er leise aufschrie.

»Au, du tust mir weh, Mica!«

»Nager wird dir noch viel mehr wehtun, wenn er herausfindet, dass du etwas gestohlen hast, das du nicht mit uns anderen teilen willst!« Das Mädchen hielt ihn erbarmungslos fest und drehte den Arm nach vorne, sodass Faím seine Hand zeigen musste. »Bei den Göttern …« Ihre Augen weiteten sich und sie senkte die Fackel. »Woher hast du das?!« Sie ließ ihn los und starrte entgeistert auf den Gegenstand in Faíms dünnen Fingern.

Der Junge trat von einem Fuß auf den anderen und umfasste sein Handgelenk mit der anderen Hand, als wolle er es davor bewahren, unter dem Gewicht der Beute abzufallen. »Ich …«, begann er und senkte den Blick.

»Ja?« Mica nahm ihm den Gegenstand aus der Hand und betrachtete ihn im Licht des Feuers. Er war etwa so groß wie eine Faust, glich rein äußerlich einem Ei und schien aus purem Gold gefertigt zu sein. Zumindest war er schwer genug dafür. Mehrere wertvoll anmutende Steine waren seitlich eingelassen und glänzten verführerisch. In der Mitte schien ein Mechanismus das Ei zusammenzuhalten. Als Mica daran herumdrückte, ließ es sich jedoch nicht öffnen.

»Ich …« Faím biss sich auf die Unterlippe, bevor er fortfuhr: »… ich habe ihn aus dem Tempel des Wassergottes.«

»Du hast die Götter bestohlen?!« Mica nahm den Blick von dem goldenen Ei und sah stattdessen fassungslos den Jungen an.

»Nun ja …«

»Du weißt, dass das Unglück bringt?! Wie bei allen …« Mica senkte ihre Stimme zu einem Raunen, »wie konntest du so etwas nur tun?!«

»Ich … ich konnte nicht anders.« Faím hob den Blick und sah sie gequält an, sodass sie fast Mitleid mit ihm bekam.

»Du bringst das zurück. Sofort!« Das Mädchen legte das goldene Ei mit Nachdruck in seine Handfläche. »Wir sind zwar Kanalratten, aber nicht einmal wir beklauen die Götter. Halte dich endlich an unser Kredo! Du kannst von Glück sagen, dass Nager das nicht mitbekommen hat.«

»Nager weiß nichts über wahre Beute«, murmelte Faím trotzig, dem sein zurückerlangtes Diebesgut neues Selbstbewusstsein zu geben schien. »Wenn wir in der Diebesgilde wären …«

»Sind wir aber nicht!«, unterbrach ihn Mica schroff. »Wir sind gildenlos und das ist auch gut so. Wir brauchen keine Gilden. Weder die der Elemente noch die der Diebe!«

»Sari sagt aber …«

»Sari sagt viel, aber sie ist auch eine dumme Gans. Wir führen doch ein gutes Leben hier in den Kanälen. Was willst du noch mehr?«

»Etwas zu essen vielleicht? Und ein warmes Bett? Sari sagt, dass man das in der Diebesgilde bekommt.«

»Dann geh doch! Geh in die Diebesgilde!«, fuhr Mica den Jungen an, sodass dieser zusammenzuckte. »Die werden dich aufknüpfen, noch ehe du deinen Namen nennen konntest. Sie halten nichts von Kanalratten – wir sind für die nicht mal den Dreck unter ihren Schuhen wert! Aber wenn du es unbedingt ausprobieren willst, bitte, ich steh dir nicht im Weg! Sei dir aber im Klaren darüber, dass Nager dich jagen wird und du froh sein kannst, wenn du von den Dieben und nicht von ihm getötet wirst!«

Faím sah das Mädchen mit großen Augen an, erwiderte jedoch nichts mehr. Er wusste, dass er ohne sie keine Chance hatte, hier in den Tunneln unter Chakas zu überleben. Er war immer schon kränklich und schwach gewesen. Mica hatte ihn von Anfang an beschützt, ihn großgezogen und vor den anderen Kanalratten verteidigt. Er war zu schmächtig, um dies selbst zu tun und sie war gleichzeitig Schwester, Freundin und Mutter für ihn. Aber irgendwann, so hatte er sich einmal geschworen, würde er ein Meisterdieb werden. Eine Meisterratte, wie sie hier in Chakas noch keiner gesehen hatte. Und dann würde er sie beschützen.

»Tut … tut mir leid«, murmelte Mica und sah den blassen Jungen entschuldigend an. »Ich will dich nicht loswerden, ganz bestimmt nicht. Du bist das Einzige, was mir von unserer Familie noch geblieben ist. Bitte verzeih, dass ich dich so angefahren habe …«

»Schon gut«, nickte Faím und verbarg seine Beute wieder in der Hosentasche. »Ich weiß ja, dass du alles dafür tust, dass es uns gut geht.«

Mica seufzte und sah ihren kleinen Bruder traurig an. »Manchmal denke ich auch, es wäre das Beste, wenn wir einfach zu der Diebesgilde gehen und sie bitten würden, uns aufzunehmen und vor Nager zu beschützen. Aber du weißt doch, was sie von uns halten. Wir tragen keine Ringe, wurden nicht in eine Elementgilde aufgenommen, obwohl wir die Elemente in uns tragen. Du das Wasser, ich das Feuer. Wie Mutter und Vater …« Ihre Stimme versagte und sie fuhr sich mit der Hand über die Augen.

Nein, sie würde nicht weinen. Sie hatte das letzte Mal geweint, als sie den schwärzesten Tag ihres Lebens erlebte und danach hatte sie sich geschworen, nie wieder zu weinen. Nie mehr. Wegen niemandem. Doch jedes Mal, wenn sie an den Tag zurückdachte, an dem ihre Eltern gestorben waren, vermischten sich Traurigkeit und Wut gleichermaßen in ihrer Brust.

Sie waren mitten in der Nacht von einer Bande Schläger überfallen worden, die auf Beutezug durch die Stadt zogen. Nur Mica und ihr kleiner Bruder hatten sich vor ihnen in Sicherheit bringen können, indem sie in die Kanalisation geflohen waren. Ihre Eltern hatten versucht, ihr Zuhause zu verteidigen.

Als sie am nächsten Morgen zurückgekehrt waren, hatten ihre Mutter und ihr Vater blutüberströmt und mit gebrochenen Augen in der heruntergekommenen Holzbaracke gelegen, in der Nähe des Hafens, wo sie zu viert gelebt hatten. Ihr ganzes Hab und Gut, das ohnehin schon kläglich gewesen war, war gestohlen worden, sodass Mica und Faím nichts anderes übrig blieb, als betteln zu gehen.

Das war nun zehn Jahre her und Mica war damals gerade mal sechs Jahre alt, ihr Bruder knapp vier. Sie hatten noch eine Weile in der Baracke gewohnt, bis sie von anderen Bettlern vertrieben worden waren. Danach waren sie in die Gänge unterhalb der Stadt gezogen, die normalerweise von den Dieben bewohnt wurden. Jedoch hatten sie rasch gemerkt, dass sie dort ebenfalls nicht willkommen waren.

Nur Nager, einem hochgewachsenen Jungen, hatten sie es damals zu verdanken, dass sie nicht ohne ein Dach über dem Kopf schlafen mussten. Er hatte sie in seine Bande aufgenommen, die mehrheitlich aus Waisen bestand. Als Voraussetzung dafür, dass sie bleiben durften, mussten sie sich seinem Kredo anschließen, das ihnen unter anderem auch verbot, mit dreizehn Jahren in die Elementgilden einzutreten. Wahrscheinlich hatte Nager das verlangt, weil er selbst nicht in eine Gilde aufgenommen worden war. Er trug zumindest keinen Gildenring am Finger. Mica hatte sich nie getraut, nach dem Grund dafür zu fragen.

Darauf zu verzichten, in eine Elementgilde aufgenommen zu werden, war eine harte Entscheidung gewesen. Vor allem, als Faím vor einem Jahr ebenfalls das dreizehnte Lebensjahr erreichte. Mica und er hatten von Weitem aus einem Versteck in der Nähe des Gildenplatzes zugesehen, wie die anderen Dreizehnjährigen in der alljährlichen Gildenzeremonie ihre Elementringe erhalten hatten und damit zu vollwertigen Erwachsenen wurden.

Als Gildenlose waren sie vollkommen von Nager, der eigentlich Renschir hieß, abhängig. Doch sich dem Kredo von Nagers Bande zu unterwerfen, war damals die einzige Möglichkeit gewesen, die ihnen geblieben war. Nager hatte das gewusst und ausgenutzt. Immerhin bot er Essen und den Schutz seiner Bande, ohne die sie wohl kaum drei Tage in den Elendsvierteln der Stadt überlebt hätten.

Außerdem, so hatte Mica immer gehofft, würden sie irgendwann aus der Bande aussteigen und doch noch einen richtigen Beruf erlernen, ein besseres Leben führen können. Dann könnte sie ihrem Bruder Medikamente kaufen und ihn vielleicht sogar zu den Heilern in den Magierzirkel schicken, damit diese seine Krankheit heilen konnten.

Diese Hoffnung hatte sich leider als unsinnige Tagträumerei herausgestellt, wie sie in den letzten Jahren mit trauriger Gewissheit hatte feststellen müssen. Nager ließ sie nicht mehr gehen, denn er sah in Mica eine seiner besten Kämpferinnen, und seit sie zusätzlich zum Feuerelement auch noch Magie in sich entwickelte, ließ er sie kaum mehr aus den Augen. So wie jetzt, als er mit einem Mal hinter ihr auftauchte.

»Was lungert ihr hier herum?«, erklang seine finstere Stimme.

Mica fuhr zusammen und wandte sich ihm zu. Er war in den letzten Jahren noch muskulöser geworden und zu einem stattlichen Mann herangereift. Im Gegensatz zu seinen Bandenmitgliedern war er nicht dünn und schmächtig, sondern breitschultrig und wirkte gut genährt. Kein Wunder, er bekam ja auch von all seinen ›Untertanen‹ das Essen auf dem Silbertablett serviert, wie Mica wieder einmal bissig feststellte.

Ein Gedanke, den sie jedoch niemals laut und schon gar nicht vor Nager ausgesprochen hätte. Zu groß war ihre Angst vor ihm, obwohl sie, im Gegensatz zu ihrem Anführer, Magie wirken konnte. Da ihr jedoch niemand die Beherrschung ihrer Kräfte beibrachte, waren die Zauber eher zufällig und hielten sich auf das Entzünden einer Fackel oder eines kleinen Feuers beschränkt. Sie hatte Jahre gebraucht, um alleine dieses Kunststück zu lernen und obwohl sie versuchte, besser darin zu werden, hatte sie nur mäßigen Erfolg und zitterte jedes Mal vor Kälte, wenn sie einen Zauber wirkte.

Wäre sie Mitglied in der Feuerelementgilde gewesen, hätte ihr dort ein Magier all das beibringen können – oder vielleicht hätte sie sogar genug Magie gehabt, um in den magischen Zirkel von Chakas zu gehen, um dort die wirklich wirkungsvollen Zauber zu erlernen. So aber blieb ihr nur, neidisch den vorbeigehenden Jungmagiern in ihren schwarzen Umhängen hinterherzusehen, wenn sie sie in der Stadt erblickte.

Sie konnte die Nächte nicht mehr zählen, in denen sie wachgelegen und Pläne geschmiedet hatte, wie sie Nager entkommen konnten. Doch immer wieder musste sie sich eingestehen, dass sie keine Chance hatten. Nager kannte die Stadt besser als seine Hosentaschen und würde sie beide töten, noch ehe sie die Stadtmauern oder ein Schiff im Hafen erreicht hätten. Sie alleine hätte es vielleicht geschafft, aber ihr kleiner Bruder war einfach zu schwach, um vor Nager zu fliehen. Vielleicht, in ein paar Jahren, würde sich das ändern. Aber bis dahin blieb ihr nur, sich möglichst unauffällig zu verhalten und Nagers Zorn nicht auf sich oder ihren Bruder zu lenken.

Nun stand ihr Anführer hinter ihnen und verschränkte die Arme vor der breiten Brust. Seine hellblauen Augen waren misstrauisch auf die zwei erbärmlichen Gestalten vor ihm gerichtet und das schmutzbraune Haar fiel ihm lang und ungepflegt bis über die Schultern. Seit einiger Zeit ließ er sich einen stoppeligen Bart wachsen, was ihm ein noch wilderes Aussehen verlieh. Wie immer trug er seine grauen Leinenhosen und das schwarze Lederwams, darunter ein verschwitztes Hemd. An seinem Hüftgürtel hatte er links und rechts je einen Dolch befestigt, mit denen er meisterhaft umzugehen verstand.

Mica spürte, wie immer bei seinem Anblick, eine Gänsehaut an ihrem ganzen Körper. Sie hatte Angst vor diesem finsteren Kerl, der schlimmere Grausamkeiten auf Lager hatte, als sie sich vorstellen konnte, und mit nichts und niemandem Erbarmen oder gar Mitleid kannte. Mehr als einmal war er kurz davor gewesen, seine Wut und seinen Zorn, die manchmal so plötzlich ausbrachen, dass es zu spät war, vor ihm zu fliehen, an ihrem kleinen Bruder auszulassen.

Und jedes Mal hatte sie ihn nur beruhigen können, indem sie ihm Dinge versprochen hatte, für die sie sich im Nachhinein zutiefst schämte. Dinge, die eine Frau nur einem Mann, der sie aufrichtig liebte, gewähren sollte. Dinge, die … sie fröstelte bei dem Gedanken daran, wie seine schwieligen Hände sich auf ihrer Haut anfühlten und Ekel stieg ihr die Kehle hoch.

Doch sowohl die Abscheu als auch die Angst würde sie nie vor ihm zeigen, da sie wusste, dass das ihm nur noch mehr Macht über sie verlieh.

»Nun?« Nager hob eine seiner dunklen Augenbrauen und musterte sie abschätzig.

»Tut uns leid. Faím hat nur versucht, etwas zu essen zu klauen und musste vor einer Bande Bäckergesellen fliehen«, antwortete Mica rasch und trat vor ihren Bruder, sodass dieser vor dem Blick ihres Anführers geschützt war.

Nager ließ ein Knurren hören und kam einen Schritt auf Mica zu. Sie nahm seinen fauligen Atem und den abgestandenen Schweißgeruch seines Körpers wahr und musste sich zusammenreißen, um sich vor Abscheu nicht zu schütteln.

»Vergiss nicht, dass ich das Luftelement in mir trage und genau weiß, wenn du mich belügst, kleine Ratte«, sagte Nager gefährlich leise.

Mica sah ihm fest in die Augen und hielt seinem Blick stand. »Du kannst mir glauben«, versicherte sie ihm und war selbst erstaunt, wie einfach ihr diese Lüge über die Lippen kam – wie jedes Mal, wenn sie ihren Bruder vor ihm verteidigte.

Nager sah sie forschend an und nickte dann kaum merklich. »Hat er wenigstens etwas mitgebracht?« Seine Stimme klang noch dunkler als die Nacht.

Mica schüttelte leicht den Kopf. »Leider nicht, er wurde überrascht, ehe er etwas mitgehen lassen konnte. Sie hätten ihn fast erwischt.«

»Wäre nicht schade um ihn, er taugt ohnehin zu nichts anderem, als einen Köder zu spielen.« Nager zuckte mit den Schultern und Mica fühlte kalten Zorn in sich hochsteigen, den sie jedoch mit aller Kraft unterdrückte. »Wenn ihr hier nichts mehr zu tun habt, kommt mit in die Halle. Beli hat eine neue Beute entdeckt, die wir uns ansehen sollten.« Der junge Mann wandte sich zum Gehen, ohne sich zu vergewissern, ob die zwei ihm folgten.

Mica tauschte einen raschen Blick mit Faím und hielt den Finger kurz an die Lippen. ›Kein Wort‹, hieß das und ihr Bruder verstand sofort, dass sie damit das goldene Ei meinte, welches er geklaut hatte. Er nickte und machte das Zeichen, das er und seine Schwester sich ausgedacht hatten. Sie erwiderte die Geste mit der nach oben offenen Hand, die zum Herzen geführt wurde, ehe sie Nager zum Versteck der Kanalratten folgten. Ihrem Zuhause.

Kapitel 2 – Mica

Der Unterschlupf der Kanalratten bestand aus einer kleinen, verlassenen Lagerhalle und lag am Rande des Hafens von Chakas, von wo aus man direkt in die unterirdischen Gänge der Stadt gelangen konnte. Ein ehemaliger Brunnen, der sich im hinteren Bereich der Halle befand, war einer der vielen geheimen Zugänge zu dem Tunnelsystem, das in jeden Winkel der Stadt führen konnte. Vorausgesetzt, man kannte sich so gut darin aus wie die Diebe oder eben die Kanalratten.

›Kanalratten‹ war ein Begriff, der sich für all jene eingebürgert hatte, die auf den Straßen und in den Kanälen von Chakas lebten. Dies, weil sie entweder keiner Gilde angehörten oder keinen Beruf hatten und daher auf das Betteln und Stehlen angewiesen waren. Kanalratten unterschieden sich grundlegend von den Dieben, den eigentlichen Ratten der Stadt, welche allesamt einer der vier Elementgilden für Feuer, Wasser, Luft oder Erde angehörten und damit auch die Elementringe an ihren rechten Ringfingern trugen.

Die Diebe wurden von den Einwohnern ›Ratten‹ genannt, weil sie geschickt und flink waren und ebenso wie die kleinen Nagetiere nicht aus der Stadt vertrieben werden konnten. Sie hatten vor Menschengedenken eine eigene Gilde gegründet, in die jedoch nur auserwählte Mitglieder aufgenommen wurden. Voraussetzung war, neben der Mitgliedschaft in einer Elementgilde, Geschick im Umgang mit Waffen, Schleichen und Gedankenlesen, die Verwendung von Pfeil und Bogen oder andere Fähigkeiten, die einem die Elemente verleihen konnten und die in der Gilde gezielt gefördert wurden.

Ein Dieb, oder eben eine ›echte‹ Ratte zu sein, war nicht das Schlechteste, was einem in Chakas passieren konnte. Da gab es weit Schlimmeres, zum Beispiel, das Leben als Kanalratte zu fristen, die nicht wussten, ob sie den nächsten Tag noch erleben würden, da sie der Stadt und ihren Bewohnern schlichtweg gleichgültig waren und meist Schlägern oder Raubmördern zum Opfer fielen.

Daher hatte es für Mica und Faím fast an ein Wunder gegrenzt, als sie damals auf Nager gestoßen waren und er ihnen den Schutz seiner Bande angeboten hatte.

Nun hatten sie sich gemeinsam mit den anderen Bandenmitgliedern in der kleinen Lagerhalle versammelt. Es roch wie immer nach faulem Fisch und Urin, dessen beißender Gestank aus der Gerberei herüberzog, die sich ein paar hundert Schritt weiter weg befand. Da die Dämmerung bereits die Nacht ankündigte, hatten einige der Mitglieder Laternen dabei, um nicht in vollkommener Dunkelheit dazustehen.

Insgesamt zählte Nagers Bande siebzehn Kanalratten, die ungefähr im Alter von Mica und Faím waren. Eine Handvoll war so alt wie Nager selbst und hatte damit das zwanzigste Lebensjahr bereits hinter sich – ein stolzes Alter für eine Kanalratte. Neben Mica waren noch fünf weitere junge Frauen dabei, zwei davon hatten kleine Kinder, die sie in den Armen wiegten. Etwas, das Mica bisher zum Glück erspart geblieben war. Sie konnte sich nicht vorstellen, auch noch auf einen Säugling aufzupassen, da ihr Bruder bereits all ihre Aufmerksamkeit beanspruchte.

»Damit sind wir vollzählig.« Nager sah aufmerksam in die Runde und fixierte jeden Einzelnen seiner Gefolgschaft. Er stand auf einer Kiste, obwohl er auch ohne sie alle überragt hätte. »Beli, erzähl ihnen, was du mir erzählt hast.«

Ein mittelgroßer, junger Mann trat vor und drehte sich zu den anderen um. Er hatte einen drahtigen Körperbau, den er seinen täglichen Schwertübungen verdankte. Im Gegensatz zu den anderen trug er eine kaum löchrige Lederrüstung und ein rostfreies Schwert. Beides hatte er vor einigen Monaten einem seiner Opfer abgenommen.

Neben Mica war Beli einer der besten Kämpfer und für die Bande unverzichtbar. Wie die meisten Einwohner von Chakas hatte auch er schwarzes Haar und eine bronzefarbene Haut, die durch die Sonne, die hier jeden Tag schien, einen noch dunkleren Ton erhalten hatte. Seine grünen Augen blickten stets wachsam und unruhig, so, als vermute er hinter jeder Ecke einen Hinterhalt.

Mica mochte den Kämpfer zwar gerne, vertraute ihm jedoch ebenso wenig wie den anderen Kanalratten. Sie hatte gelernt, dass allein auf sich selbst Verlass war, denn wenn es hart auf hart kam, dachte jede Kanalratte nur an das eigene Wohl, das hatte sie mehr als einmal erleben müssen. Ein weiterer Grund, warum Nager wahrscheinlich so sehr darauf pochte, dass alle seine Bandenmitglieder das Kredo der Diebe einhielten.

»Ich war vor einigen Stunden in der Innenstadt, in der Nähe des Gildenplatzes, und habe zufällig ein paar Ratten belauscht, die sich über eine Beute von großem Wert unterhielten.« Belis Stimme klang wie ein Scharnier, das lange nicht mehr geölt worden war.

»Was für eine Beute?«, wollte einer der jüngeren Kanalratten wissen.

»Einen Dolch, der der Herrscherin von Altra gehört haben soll. Ein Geschenk ihres Gemahls, das jedoch lange Zeit verschollen war. Die Klinge wurde von den Zwergen geschmiedet und die Legende besagt, dass sie pures Eis versprüht, wenn man sie einsetzt. Der Dolch wurde bei einem toten Gorka in der Nähe des Westendwaldes entdeckt und ist derzeit im Besitz eines Händlers namens Terkan, der in den Palmenhainen lebt.«

Mica schnappte leise nach Luft. ›Die Palmenhaine‹ wurde eine Gegend in Chakas genannt, die am Rande der Stadt lag und wo nur die Reichen lebten. Überall gab es weitläufige Parkanlagen mit schattenspendenden Palmen, die dem Bezirk den Namen verliehen, und die prachtvollen Villen, die dazwischen standen, galten als äußerst streng bewacht. Niemand wagte, dorthin zu gehen, um etwas zu stehlen, denn die vermögenden Bewohner bezahlten unter anderem sogar Kampfmagier als Bewacher ihres Hab und Guts.

»Was sollten wir mit einem solchen Dolch anfangen? Fleisch schneiden, das wir nicht haben?«, warf einer der älteren Kanalratten ein, was leises Gelächter zur Folge hatte.

»Still!«, brüllte Nager und sofort kehrte Ruhe ein. »Ich kenne jemanden, der Verwendung für solche Waffen hat, und kann sie ihm für einen hohen Preis verkaufen. Damit hätten wir für den Rest des Jahres ausgesorgt und könnten außerdem unser Versteck ausbessern sowie Waffen kaufen.«

»Aber in die Palmenhaine zu gehen, ist glatter Selbstmord!«, rief Dal, ein jüngerer Kämpfer.

»Der Dolch soll morgen Abend den Besitzer wechseln. Die Übergabe findet nicht in den Palmenhainen, sondern in der Nähe des Marktplatzes, in der Schenke ›Zum satten Kelmen‹ statt«, antwortete Beli ruhig.

»Die Ratten werden ebenfalls dort sein«, ergänzte Nager. »Das heißt, wir werden den Dolch vor ihnen klauen müssen.«

»Aber … das ist unmöglich. Die Diebesgilde hat viel besser ausgebildete Leute als wir«, warf Mica ein und biss sich sofort auf die Zunge.

Es war unklug, Nager zu widersprechen und die Strafe dafür kam sofort, denn der Anführer verließ seine Position auf der Kiste und war mit drei Schritten bei ihr, um mit schmalen Augen auf sie hinabzustarren. »Du findest also, ich bilde meine Leute zu schlecht aus?«, fragte er mit drohendem Unterton.

»Ich … nein, natürlich nicht«, ruderte Mica zurück und versuchte, dem bohrenden Blick von Nager standzuhalten.

»Gut, dann wirst du auch nicht widersprechen, wenn ich dich zusammen mit Beli, Dal und drei weiteren Kämpfern losschicke. Wenn du mir den Dolch nicht bringst, werde ich ihn«, er deutete mit dem Finger auf Faím, ohne den Blick von Mica zu nehmen, »persönlich töten. Hast du verstanden?«

In Mica brodelte es und am liebsten hätte sie Nager hier und jetzt ihr Messer ins Gesicht gerammt, doch sie wusste, dass sie es dann auch mit den anderen Kämpfern der Bande aufnehmen musste, die ihrem Anführer treu ergeben waren und ihn bewunderten. Und dafür war sie nicht stark genug.

Nur mit größter Anstrengung gelang es ihr, nicht nach der Klinge an ihrer Hüfte zu greifen und mit noch viel größerer Anstrengung brachte sie ein knappes Nicken zustande.

»Gut.« Auf Nagers wildem Gesicht erschien ein triumphierendes Lächeln. »Dann werdet ihr morgen Abend losgehen und mir den Dolch bringen.«

 

Mica wälzte sich in der Nacht unruhig hin und her. Sie konnte nicht schlafen und das lag nicht an dem harten Steinboden der Lagerhalle, dem Gestank oder den Hafengeräuschen. Nein, es lag daran, dass sie Angst hatte. Eine Regung, die sie sich nur selten eingestand und nur, wenn sie alleine war. So wie jetzt.

Die meisten Kanalratten schliefen schon lange, nur zwei waren zur Wache abkommandiert worden. Neben sich hörte sie Faím leise im Schlaf husten und ihr Herz wurde schwer. Sie wusste, dass Nager seine Drohung, Faím umzubringen, wahrmachen würde, sollten sie und die anderen diesen verfluchten Dolch nicht vor den Dieben klauen. Doch diese Aufgabe war kaum zu bewältigen.

Wie auch? Die Diebe hatten teilweise sogar magische Kräfte und waren jahrelang ausgebildet worden. Sie verfügten über die raffiniertesten Waffen und kannten allerlei Tricks, welche sie Mica und den anderen Kanalratten haushoch überlegen machten. Wie sie es bewerkstelligen sollten, den Dolch an sich zu bringen, war ihr ein Rätsel und sie verfluchte Nager für seine Arroganz und Grausamkeit. Aber ihr würde keine andere Wahl bleiben, als mitzuspielen und es zumindest zu versuchen.

Immer stärker wurde ihre Befürchtung, dass ihr Bruder mit dem Stehlen dieses goldenen Eis den Zorn der Götter auf sie beide gelenkt hatte. Sie war zwar nicht abergläubisch, doch sie glaubte fest an die Götter, die den Menschen vor langer Zeit die vier Elemente und die Magie geschenkt hatten. Allein diese Begabungen waren Grund genug, nicht an ihrer Existenz zu zweifeln und sie zu verehren. Früher, als ihre Mutter noch gelebt hatte, war sie einmal im Monat mit ihr in die Tempel mitgegangen, um den Göttern Opfer darzubringen und sie milde zu stimmen.

Jedes Mal wurde Mica von Ehrfurcht ergriffen, wenn sie vor dem Altar gekniet hatte. Sie spürte, dass eine höhere Macht in den Tempeln anwesend war und ihre Nackenhaare sträubten sich, wenn sie die heiligen Hallen wieder verließ. Außerdem war hier der einzige Ort, an dem alle Menschen gleich waren – sobald man die Stufen der Tempel wieder hinunterging, nahm man seinen Platz innerhalb der Bevölkerung wieder ein. Ein weiterer Grund, warum Mica die Tempel mochte.

Doch in den letzten Jahren war sie nicht mehr dort gewesen, sie hatte sich zu sehr geschämt, in ihren zerrissenen Kleidern und mit den abgetretenen Schuhen den heiligen Boden zu berühren. Etwas, was sie nun bedauerte, während sie wach lag und ein stilles Gebet zu den Göttern schickte, mit der Bitte, dass sie das Leben ihres Bruders verschonen sollten.

 

Als der Morgen anbrach, hatte Mica immer noch kein Auge zugetan. Alles in ihr sträubte sich, den kommenden Tag zu begrüßen und trotzdem blieb ihr nichts anderes übrig, als zusammen mit Faím sowie den anderen Kanalratten und unter strenger Aufsicht von Nager zum Marktplatz aufzubrechen, um dort zu betteln und den einen oder anderen Apfel zu stehlen.

Die Sonne brannte wie immer heiß auf sie herab und trieb ihnen den Schweiß aus den Poren. Hunderte von Menschen drängten sich zwischen den Marktständen und machten es Mica und den anderen Kanalratten leicht, ungesehen etwas Essbares und sogar die eine oder andere Kupfermünze zu stehlen.

Es war stickig und laut, aber Mica war es gewohnt, die Geräusche zu ignorieren und sich nur auf das Wesentliche zu konzentrieren: die Soldaten, die patrouillierten und die unachtsamen Verkäufer, die ihre Ware nicht immer im Blick hatten. Micas Augen glitten über die Stände, zu den Menschen, die etwas kaufen wollten und ihre Geldbeutel lockerten, zu den Händlern, die die Kassen schlossen und zu dem vielen Essen, das nur darauf wartete, gestohlen zu werden. Mica studierte jede einzelne Person, wie sie es immer tat, um die beste Gelegenheit zu finden, etwas zu klauen.

Der Marktplatz lag in der Nähe des Magierzirkels, der auf einem Hügel über der Stadt thronte. Ein sandiger Pfad führte hinauf zu den massiven, weißen Mauern, die den Zirkel umschlossen. Es ging das Gerücht, dass diese Mauern in den nächsten Jahren eingerissen werden sollten, da die neue Herrscherin dies befohlen habe.

Seit sich die Menschen erinnern konnten, waren die Magier von den nichtmagiebegabten Menschen getrennt gewesen. Dies wollte die Herrscherin, die seit ein paar Jahren an der Macht war, nun ändern. Aber um eine solche tief greifende Veränderung durchzuführen, brauchte es vor allem eines: Zeit.

Doch das waren Dinge, die Mica nur am Rande mitbekommen hatte und sie noch weniger interessierten. Sie war zeit ihres Lebens noch nie außerhalb der Stadt gewesen und hatte genug Sorgen in ihrem kleinen, armseligen Alltag, als sich auch noch um irgendwelche Dinge den Kopf zu zerbrechen, die sie ohnehin nicht beeinflussen konnte.

Der Tag strich vorüber und je näher der Abend kam, desto nervöser wurde Mica. Sie hatte mit den anderen auserwählten Kämpfern die Gegend um die Schenke, in der die Übergabe des Dolches stattfinden sollte, ausgekundschaftet. Dabei hatten sie natürlich auch nach den Dieben Ausschau gehalten, jedoch glücklicherweise keinen von ihnen entdeckt.

Vielleicht, so hoffte Mica inständig, hatte Beli sich verhört und die Diebe wollten dieses Artefakt gar nicht klauen. Doch ein winziger Teil in ihr wusste, dass sich die Ratten eine solche Beute niemals entgehen lassen würden.

Beli hatte in Erfahrung gebracht, wie der Händler namens Terkan aussah, den sie suchten. Er und Dal wollten sich in der Nähe des Zugangs zu der Schenke aufhalten, während Mica dazu bestimmt wurde, den Dolch zu stehlen, da sie die schnellste Läuferin war und außerdem klein genug, um rasch in der Menge unterzutauchen. Wie genau sie das tun sollte, war ihr schleierhaft, aber sie würde sich etwas einfallen lassen. Die anderen drei Kämpfer sollten nach den Dieben Ausschau halten und die Kanalratten rechtzeitig warnen, wenn sie auftauchten.

Soweit der Plan. Dass die Umsetzung gelang, konnten sie alle nur hoffen.

 

Als die Dämmerung hereinbrach, war jede Faser von Micas Körper zum Bersten angespannt. Nager war mit den anderen Bandenmitgliedern und Faím wieder zurück in den Unterschlupf gegangen, wo er auf sie warten wollte. Zu viele Kanalratten, die sich am Abend auf dem Marktplatz herumtrieben, würden nur unnötige Aufmerksamkeit erregen und die Soldaten anlocken.

Nager hatte Mica zum Abschied nochmals eingebläut, dass er – sollte sie nach Einbruch der Nacht nicht mit dem Artefakt zurück sein – ihren Bruder auf qualvolle Weise töten würde. Sie hatte ihn nur wütend angestarrt und auf den Boden gespuckt, was er mit einem fiesen Grinsen quittierte.

Ihr Bruder hatte den ganzen Tag keine Gelegenheit gehabt, unauffällig zu verschwinden, um das goldene Ei zurück in den Tempel zu bringen, da Nager ihn nicht aus den Augen ließ. Aber Mica wusste, dass Faím es bei sich trug. Die beklemmende Angst, den Zorn der Götter damit auf sich gezogen zu haben, verringerte Micas Nervosität kein bisschen, als sie auf den Händler wartete, der diesen ach so wertvollen Dolch an jemanden verkaufen wollte.

Beli und Dal hatten sich etwas entfernt von der Schenke in Stellung gebracht. Sie verbargen sich hinter mannshohen Fässern am Rande der sandigen Straße, die der Händler passieren musste, wenn er in die Schenke gehen wollte. Mica hatte sich vor der Taverne auf eine der Treppenstufen gesetzt und versuchte, so unauffällig wie möglich zu wirken.

Wie immer war hier gegen Abend viel los. Betrunkene, die die Mischung aus der heißen Sonne und dem Alkohol nicht vertragen hatten, lagen schnarchend oder lallend auf dem staubigen Boden, Kartenspieler hatten Stühle und Tische nach draußen gebracht, da drinnen kein Platz mehr war, und mehrere Gruppen von Menschen unterhielten sich angeregt. Ein Barde versuchte, mit seiner angenehm klingenden Stimme, den Lärm der Schankgäste zu übertönen, um ein paar Kupfer oder Silberlinge zu verdienen.

Mica lauschte dem Lied, das eine Mischung aus Wehmut und Trauer war und von einer verlorenen Liebe handelte. Sie konnte den Barden nicht genau erkennen, er stand etwas weiter entfernt bei einer lachenden Männergruppe, aber die Stimme schlich sich in ihr Herz und rührte mit brennendem Finger in der Sorge um ihren Bruder. So lange, bis sie sich die Ohren zuhalten wollte, um den traurigen Gesang nicht mehr hören zu müssen.

Gerade als sie überlegte, ob sie nicht einen Platz etwas weiter entfernt von dem Sänger suchen sollte, sah sie, dass Beli ihr ein Zeichen gab. Sie stand unauffällig auf und ging langsam in Richtung der Gasse, die Beli und Dal bewachten. Mehrere Menschengruppen drängten sich an ihr vorbei und sie hatte Mühe, die anderen Kanalratten im Blick zu behalten. Mica versuchte, so auszusehen, als würde sie sich auf den Heimweg machen und schlenderte betont gelassen zu einem der Fässer, hinter dem Beli stand.

»Wo ist er?«, raunte sie so leise, dass nur er sie hören konnte.

»Noch etwa zehn Schritt entfernt, dort drüben«, erklang die rostige Stimme des Kämpfers. »Dal und ich werden ihn hinter das Fass ziehen und du nimmst den Dolch und rennst los, verstanden?«

Mica nickte und spürte, wie ihr Herz schneller zu schlagen begann. Sie versuchte, in der Menschenmenge den Händler auszumachen, hatte aber keine Chance. Erst, als sie Dal hinter dem Fass hervorhuschen sah, erkannte sie ihn.

Der Beschreibung nach musste es eindeutig Terkan sein. Er hatte langes, schwarzes Haar, das bereits von grauen Strähnen durchzogen war, und trug einen schlichten, braunen Umhang. Mica vermutete, dass er diesen absichtlich gegen seine ansonsten sicherlich prunkvollen Kleider getauscht hatte, um nicht sofort erkannt zu werden. Darunter war ein Rucksack verborgen, in dem er wahrscheinlich den Dolch aufbewahrte. Zudem hatte er eine auffällige Hakennase und wurde von zwei Männern begleitet, die in ihren schwarzen Umhängen wie Kampfmagier aussahen.

Mica holte tief Luft, als sie sah, wie Dal einen der Magier anrempelte, sodass dieser stolperte, während Beli dasselbe mit dem zweiten tat. Die Magier bildeten sofort Schutzschilde, welche ihnen die beiden Kanalratten vom Leib hielten. Terkan schien einen Moment überrascht zu sein und blieb stehen.

Jetzt galt es, keine Zeit zu verlieren. Mica preschte vor und rammte dem Händler ihren Ellbogen in den Magen, was diesen laut aufstöhnen ließ. Gleichzeitig entriss sie ihm den Rucksack, indem sie geschickt die beiden Bänder durchschnitt. Er war schwerer, als sie erwartet hatte, aber das hinderte sie nicht daran, ihn sich über die Schultern zu werfen und so schnell sie konnte die Gasse entlangzurennen.

Hinter sich hörte sie die Magier und den Händler fluchen und spürte, wie ihre Zauber haarscharf an ihr vorbeizischten, die die Nacht um sie erhellten. Doch sie schlug Haken wie ein Hase und wurde ein ums andere Mal von den magischen Geschossen verfehlt.

Sie legte alle Kraft in ihre Beine, bog in eine Seitengasse, kletterte flink über eine Mauer und rannte, bis jeder ihrer Muskeln schmerzte. Ihr Ziel war einer der geheimen Eingänge des Tunnelsystems. Wenn sie ihn erreichte, wäre sie vor ihren Verfolgern sicher.

Als sie keine Geräusche mehr hinter sich vernahm, wagte sie es, anzuhalten und zurückzublicken. Sie befand sich in einer verlassenen Sackgasse, in der Nähe eines der Eingänge, der in Form einer Holztür in einer Mauer nur für eingeweihte Augen zu erkennen war, gut verborgen hinter Blätterranken. Mica trennten bloß ein paar Schritte davon.

Heftig atmend ließ sie den Rucksack von ihren Schultern gleiten und öffnete ihn mit fahrigen Fingern. In den unterirdischen Gängen war es zu dunkel, daher musste sie sich hier draußen vergewissern, dass sie den Dolch hatte. Ihr ganzer Körper pulsierte und ihre Lungen brannten. Doch sie musste wissen, ob sich der Dolch in dem Sack befand. Denn falls nicht, hätte sie soeben ihren Bruder getötet.

Vor Angst und Nervosität wurde ihr fast schwarz vor Augen und sie musste sich hinknien, damit sie nicht taumelte. Hektisch durchwühlte sie den Inhalt der Beute, bis sie auf eine hölzerne Schatulle stieß, die etwa die Länge eines Unterarmes hatte. Sie holte sie heraus und betrachtete sie im Sternenlicht, zögerte jedoch, sie zu öffnen. Wenn sich darin nicht der Dolch befand, würde Nager ihren Bruder töten, das wusste sie.

Mit einem Mal war die Luft um sie herum mit Nebelschwaden verhangen und sie hustete, als sie keine Luft mehr bekam. Jemand riss ihr die Schatulle aus den Händen, ehe sie es verhindern konnte, da der grauweiße Nebel ihr die Sicht nahm. Aber sie hörte, wie dieser jemand verschwinden wollte, und sprang auf.

Nein, sie konnte nicht zulassen, dass der Dolch entwendet wurde! Das Leben von Faím hing davon ab!

Kapitel 3 – Mica

Ohne etwas Genaues zu erkennen, hechtete Mica in die Richtung, aus der sie die Schritte gehört hatte – und prallte gegen etwas Hartes. Ein Keuchen war zu hören, als sie mit der Person, die ihr die Schatulle entrissen hatte, zusammen zu Boden fiel. Augenblicklich fuhren ihre Finger an die Hüfte zu ihrem Messer, wurden jedoch von zwei starken Händen daran gehindert. Zugleich wurde sie durch das Gewicht einer Gestalt, die plötzlich auf ihr lag, zu Boden gedrückt.

»Du kleine Rotznase!«, fluchte eine männliche Stimme und Mica hielt einen Moment inne. Diese Stimme kannte sie von irgendwoher … doch ehe ihr einfiel, warum sie ihr bekannt vorkam, spürte sie eine Klinge an ihrer Kehle. »Ich hätte dein erbärmliches Leben nicht verschonen sollen!«

»Nein, tu das nicht, bitte!«, entfuhr es Mica und sie hörte selbst, wie erbärmlich sie klang. Aber sie hatte nichts mehr zu verlieren, außer dem Leben ihres Bruders. Und das bedeutete im Moment die Welt für sie.

Der Nebel, der ihr die Sicht genommen hatte, lichtete sich und sie erkannte nach und nach die Umrisse des Fremden über ihr. Er hatte langes, schwarzes Haar, das ihm in glatten Strähnen ins Gesicht fiel, und trug eng anliegende, schwarze Lederkleider, die von einem weiten, dunkelgrauen Umhang größtenteils verhüllt wurden. Ein dunkles Tuch war um seinen Hals geschlungen – wozu bei den Göttern brauchte jemand hier, in der heißesten Region von Altra, ein Halstuch?

Ebenso befremdlich war, dass seine linke Hand, mit der er ihre Schulter auf den Boden presste, von einem schwarzen Handschuh verborgen wurde. Sein Körperbau war muskulös, er hatte eine schmale Taille und breite Schultern – wie Nager.

Mica stellte mit Erleichterung fest, dass es sich um keinen Magier handelte. Denn diese trugen schwarze Gildenringe an ihrer rechten Hand, ihr Gegner über ihr, der mit seiner unbehandschuhten Hand den Dolch an ihre Kehle hielt, jedoch einen goldenen, wie ihn alle Nichtmagier bei der Aufnahmezeremonie erhielten. Außerdem konnte sie eine grüne Luftrune in seinem Ring leuchten sehen. Er trug also das Luftelement in sich – wie Nager.

Mit jeder Sekunde wurde er ihr unsympathischer.

Die Kapuze seines Umhanges war etwas nach hinten gerutscht, sodass das Licht des inzwischen aufgegangenen Mondes seine Gesichtszüge erahnen ließ. Er mochte ein paar Jahre älter sein als sie, vielleicht Anfang zwanzig und hatte einen stoppeligen Dreitagebart, der jedoch nicht über seine kantigen Züge und die Narbe an seiner Oberlippe hinwegtäuschen konnte.

Ihr Blick blieb an seinen Augen hängen, die nicht schwarz, sondern von einer hellen Farbe zu sein schienen. Die Art, wie er sie musterte, verwirrte sie. In seinem Blick lagen sowohl Erstaunen als auch eine versteckte Wärme. Außer manchmal bei Faím hatte sie solch einen Blick noch nie bei einem anderen Menschen gesehen – und schon gar nicht einen, der ihr galt.

Die Kanalratten duldeten sich zwar, mochten sich im Grunde aber nicht leiden und beäugten einander stets mit Misstrauen – was auch angebracht war. Und wenn Mica anderen Menschen auf der Straße begegnete, so hatten diese bestenfalls mitleidige, wenn nicht eher angeekelte Blicke für sie übrig.

»Du bist ja ein Mädchen!«, entfuhr es dem Fremden, der damit ihre Gedanken unterbrach.

Er lockerte seinen Griff etwas und Mica versuchte augenblicklich, sich unter ihm zu winden, um ihn von sich herunterzubekommen. Doch er war zu stark für sie. Außerdem saß er mit seinem ganzen Gewicht auf ihrem schmächtigen Körper und sie hatte keine Möglichkeit, an ihr Messer zu gelangen, da seine Knie ihre Unterarme festhielten. So blieb ihr nur, ihn trotzig anzustarren.

»Warum wolltest du den Dolch stehlen?«, fragte der Fremde sie energisch, ohne die Klinge von ihrer Kehle zu nehmen.

Mica presste die Lippen aufeinander und weigerte sich, ihm zu antworten.

»Du solltest dir gut überlegen, ob du wirklich nichts sagen willst. Ich könnte auch versuchen, deine Gedanken zu lesen.« Ein strenger Zug erschien um seinen Mund.

Mica wusste, dass jeder, der das Luftelement in sich trug, die Gedanken und Gefühle der anderen besser erahnen konnte als Menschen, die eine andere Elementbegabung hatten. Magier, die luftbegabt waren, konnten sogar richtig Gedanken lesen und noch weit größere Zauber wirken, wie beispielsweise Luftpfeile zu schießen, dem Wind Befehle zu geben oder sogar Luftelementare zu beschwören. Wahrscheinlich hatte der Nebel, den der Fremde gewirkt hatte, ebenfalls etwas mit seiner Luftbegabung zu tun.

»Na? Was überlegst du so fieberhaft?« Die Stimme des Fremden wurde etwas weicher.

Jetzt wusste Mica mit einem Mal, woher sie diese Stimme kannte. Es war die des Barden in der Schenke. Aber … was machte der hier, in einem weit entlegenen Winkel der Stadt? Warum war er ihr gefolgt?

»Nun gut, du willst mir nichts sagen.« Der Fremde zog die schwarzen Augenbrauen zusammen. »Aber ich erkenne deine Fragen auch so in deinen Augen und werde sie dir gerne beantworten: Ich bin kein Barde, sondern ein Dieb und ich will das Artefakt. Und nun zu dir: Du bist eine Kanalratte, oder wohl eher ein Kanalmäuschen, wenn man dich so ansieht.« Sein Blick glitt über ihren dünnen Körper. »Was will ein Mäuschen wie du mit einem Artefakt wie diesem?« Er nickte zu der Schatulle hinüber, die ein paar Fuß entfernt auf dem schmutzigen Boden lag.

»Lass mich aufstehen, dann sage ich es dir«, zischte Mica.

»Oh nein, auf solch einen Trick falle ich bestimmt nicht rein, Mäuschen.« Auf dem Gesicht des Fremden erschien ein Lächeln und Mica musste widerwillig feststellen, dass es aus ihm einen gut aussehenden, jungen Mann machte. »Du sagst mir entweder hier und jetzt, warum du den Dolch wolltest, oder ich werde dich mit meiner Klinge bekannt machen.« Er umfasste den Griff seines Dolches wieder fester.

Auch wenn das Lächeln um den Mund des Fremden blieb, so sah Mica doch in seinen hellen Augen, dass jedes Wort ernst gemeint war. Aber wenn er sie töten sollte, würde auch ihr Bruder sterben, so viel war gewiss.

Zähneknirschend gestand sie sich ein, dass sie keine andere Wahl hatte, als auf die Frage des Diebes zu antworten. »Ich brauche sie für meine Bande«, sagte sie gepresst.

»Du hast eine eigene Bande?« Das Lächeln des Fremden wich einem ungläubigen Ausdruck, was Mica fast schon bedauerte. Etwas in ihr wollte ihn abermals lächeln sehen, und sie schalt sich auf der Stelle für diesen kindischen Gedanken. »Ich dachte, ihr Kanalratten seid Einzelkämpfer?«

»Nicht alle«, erwiderte Mica kurz angebunden.

»Und wozu braucht ihr den Dolch? Um Karotten zu köpfen?«

In jeder anderen Situation hätte Mica vielleicht über den Scherz geschmunzelt, aber nun, da das Leben ihres Bruders in Nagers Händen lag, fühlte sie mit einem Mal eine brodelnde Wut in sich, die immer stärker wurde.

Sie brauchte diesen verdammten Dolch, um Faíms Leben zu retten! Warum konnte dieser arrogante Dieb nicht einfach von dannen ziehen und ihn ihr überlassen? Warum musste er sie auch noch mit solch dummen Sprüchen aufziehen und sich über sie lustig machen?!

Ehe sie es sich versah, schoss eine Feuerkugel aus ihrer Handfläche und verfehlte nur haarscharf den Rücken des Fremden, der augenblicklich aufsprang und seinen Dolch auf sie richtete, als sei er ein Schild, der sie ihm vom Leibe hielt.

»Du bist eine Magierin!«, rief er überrascht. In seinen Augen war für die Dauer eines Herzschlags Entsetzen zu erkennen, das jedoch sofort wieder erlosch.

»Nein, bin ich nicht!«, knurrte Mica, die die Gelegenheit ergriff, und sich aufrappelte. Sie spürte Kälte in sich, wie immer, wenn sie Magie gewirkt hatte. Dieses Mal war die Kälte allerdings noch stärker als sonst und sie zitterte unwillkürlich, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen. »Ich bin eine Kanalratte, wie du schon richtig festgestellt hast. Und jetzt hau ab und überlass mir den Dolch! Sonst werde ich dich verbrennen!« Sie hatte zwar keine Ahnung, wie ihr das Kunststück mit der Feuerkugel geglückt war, da sie so etwas bisher noch nie zustande gebracht hatte, aber das musste der Dieb ja nicht wissen.

Leider schien er um einiges besser im Gedankenlesen zu sein als Nager, denn er nahm eine entspanntere Körperhaltung ein und sah lächelnd auf sie hinunter, da er sie um fast einen Kopf überragte. »Du willst mir also weismachen, dass du als Gildenlose deine Magie genügend im Griff hast, um mir ernsthaft gefährlich zu werden?« Sein Lächeln wurde breiter. Offenbar hatte er bemerkt, dass sie keinen Gildenring trug. »Nun, wenn dem so ist, dann wiederhole doch deinen Trick mit dem Feuerball und ich überlasse dir gerne den Dolch.«

Auch wenn Mica nichts lieber getan hätte, als ihm eine weitere Feuerkugel mitten ins Gesicht zu schleudern, so brachte sie keine mehr zustande, das wusste sie – und er leider auch, wie sie seinem amüsierten Blick entnehmen konnte.

Da sie nicht wusste, was sie sonst tun sollte, schnaubte sie wütend durch die Nase und griff nach ihrem Messer.

»Mäuschen, lass die Klinge stecken. Ich will dich nicht töten müssen«, meinte der Dieb mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Nenn mich nicht Mäuschen! Ich heiße Mica!«, fuhr sie ihn an, während ihre Hand am Messergriff verharrte.

»Hübscher Name.« Der Dieb verlagerte sein Gewicht und bückte sich, um die Holzschatulle aufzuheben. Dabei hielt er mit der anderen Hand seinen Dolch weiterhin auf Mica gerichtet. »Sehr erfreut, ich bin Cassiel, Freunde nennen mich auch Cass.«

»Gib mir die Schatulle!«, verlangte Mica abermals.

Cassiel sah sie abschätzend an, während er die Holzschachtel in seiner Hand wog. »Dir scheint ja wirklich viel an dem Artefakt zu liegen. Wenn du mir sagst, warum, werde ich es mir überlegen. Ich kann es ja jederzeit wieder von dir stehlen.« Sein Mund verzog sich zu einem verschlagenen Grinsen.

»Hör verdammt noch mal auf, Witze darüber zu machen! Es geht um Leben und Tod!« Mica spürte langsam wieder diese verzweifelte Wut in sich kochen und bemühte sich, ihre Gefühle niederzuringen. Einen weiteren Feuerball würde sie wohl kaum überstehen, ohne vor Unterkühlung ohnmächtig zu werden.

»So ernst ist es also?« Cassiel begann, die Schatulle zu öffnen.

Anscheinend war sie durch einen Mechanismus verschlossen, der seine gesamte Aufmerksamkeit erforderte. Mica nutzte die Gelegenheit und sprang vor, um ihm das Artefakt aus den Händen zu reißen. Leider hatte Cassiel damit gerechnet, denn er wich zur Seite und Mica prallte gegen die gegenüberliegende Hauswand. Mit einem raschen Schritt war er bei ihr, schlug ihr das Messer aus der Hand, das sie gezogen hatte, und drückte seinen Unterarm quer über ihren Brustkorb, sodass ihr die Luft aus den Lungen getrieben wurde. Keuchend versuchte sie, zu atmen und gleichzeitig mit beiden Händen seinen Unterarm loszuwerden, mit dem er sie an der Hauswand festgenagelt hatte. Jedoch erfolglos.

»Mach sowas nicht noch einmal.« Die Stimme von Cassiel war leise, aber nicht minder drohend. »Das nächste Mal werde ich dich töten müssen. Wäre schade um ein Mäuschen wie dich.«

Mica warf ihm einen glühenden Blick zu, nickte dann aber kaum merklich.

Cassiel lockerte seinen Griff, sodass sie wieder atmen konnte. »Gut, und jetzt hör endlich auf mit der Geheimniskrämerei und erklär dich!«, befahl der Dieb.

»Ich …« Mica hustete und stützte sich an der Wand hinter sich ab.

Mit einem Mal wich alle Kraft aus ihrem Körper und sie fühlte nur noch die brennende Sorge um ihren Bruder in ihrem Herzen. Ihre Stimme versagte, als sie weitersprechen wollte und sie rutschte an der Hauswand herunter.

Sie war schon viel zu lange weg, die Nacht war längst hereingebrochen und vielleicht hatte Nager Faím bereits umgebracht, da er glaubte, sie sei mit dem Artefakt geflohen. Bei dem Gedanken daran, dass sie womöglich gerade ihren Bruder verloren hatte, wurde ihr übel.

»Ist das eine neue Masche, um Mitleid zu erhalten?«, fragte Cassiel ungerührt, der immer noch die Schatulle in der Hand hielt und sie nun endlich geöffnet hatte.

Mica wich seinem forschenden Blick aus und schüttelte schwach den Kopf. »Es ist wahrscheinlich ohnehin schon zu spät«, murmelte sie.

»Warum?« Cassiel holte einen länglichen Gegenstand aus der Kiste, der in Seide gehüllt war. Vorsichtig wickelte er ihn aus dem edlen Stoff und betrachtete die freigelegte Klinge, die wie flüssiges Eis glühte, im Sternenlicht. »Nicht schlecht«, meinte er und pfiff anerkennend durch die Zähne. »Sowas hätte ich auch gerne.«

Mica hob den Blick und sah den Eisdolch ohne großes Interesse an. Cassiel schien dies aufzufallen, denn er ging vor ihr in die Hocke, während er die Klinge wieder in den Stoff wickelte. »Dir geht es nicht um den Dolch, oder?«, fragte er. Seine Stimme hatte wieder diesen warmen Klang, der sich schon bei der Taverne in Micas Herz geschlichen hatte.

Sie wandte den Kopf ab und fuhr sich mit der Hand über die Augen. »Es ist … mein Bruder. Ich sollte den Dolch für den Anführer meiner Bande besorgen, um meinem Bruder das Leben zu retten. Aber ich habe kläglich versagt«, flüsterte sie. »Jetzt ist er wahrscheinlich tot, denn ich bin schon viel zu lange weg.«

Cassiel hielt inne in seinen Bewegungen und warf ihr einen forschenden Blick zu. »Du lügst nicht, das erkenne ich«, sagte er dann langsam. »Warum meinst du, dass es zu spät ist, deinen Bruder zu retten?«

»Weil …« Mica sah ihm in die Augen und erkannte Mitleid darin.

Eine Regung, die sie bei allen Menschen hasste, führte es ihr doch nur jedes Mal wieder vor Augen, wie erbärmlich ihr Leben war. Doch bei Cassiel war es irgendwie anders. Es war nicht nur Mitleid, sondern auch … sie konnte es nicht genau benennen. Es war eher so, als könne er sich wirklich in sie hineinfühlen und sehe nicht bloß von einem hohen Thron auf sie herunter. So, als betrachte er sie auf Augenhöhe.

Sie seufzte und atmete tief durch. »Nager, der Anführer, ist ein grausamer Mann. Er hat schon lange damit gedroht, meinen Bruder umzubringen und wird keine Sekunde zögern, es zu tun, da er ihm ein Dorn im Auge ist. Mein Bruder ist schwach und kränklich – und Nager hat mir immer wieder vorgeworfen, dass er uns die ohnehin karge Nahrung wegisst.« Sie brach ab und spürte, wie sich ein Kloß in ihrer Kehle bildete.

Nein, sie würde nicht weinen, das hatte sie sich geschworen. Trotzdem … sie hatte noch nie so offen mit jemandem über Nager oder ihren Bruder gesprochen. Und dann ausgerechnet noch mit einem Dieb … aber sie konnte den Redefluss nicht stoppen, auch wenn sie gewollt hätte. Es war, als wollten diese Worte endlich aus ihr raus, als suchten sie sich einen eigenen Weg in die Freiheit.

»Ich halte es nicht mehr aus dort«, fuhr sie leise fort. »Aber mein Bruder und ich, wir können nicht fliehen – er ist einfach zu schwach und Nager würde uns beide töten.«

»Das klingt nach einem harten Schicksal«, meinte Cassiel nach einer Pause. »Gut, du hast mich überzeugt. Ich werde dir den Dolch leihen. Aber nur, damit du deinen Bruder retten kannst – falls es nicht schon zu spät ist. Danach will ich ihn wiederhaben. Wir brauchen das Artefakt in der Gilde.«

Mica sah den Dieb argwöhnisch an. Machte er sich etwa wieder lustig über sie? Keiner tat so etwas, ohne selbst einen Nutzen davonzutragen. Und vor allem nicht ein Dieb.

Aber die Augen von Cassiel wirkten aufrichtig und sein Blick strahlte Wärme aus. Diese Wärme … sie verbrannte ihre Seele und ihr Herz gleichermaßen und Mica hielt es kaum aus, seinem Blick standzuhalten. Noch nie hatte jemand ihr etwas Gutes getan und dann kam es ausgerechnet von einem Dieb.

»Du vertraust mir nicht, das würde ich an deiner Stelle auch nicht tun«, meinte Cassiel schulterzuckend. »Aber hier, nimm.« Er streckte ihr die Holzkiste mit dem Dolch entgegen. »Ich leihe ihn dir. Wenn du ihn mir nicht mehr zurückgibst, muss ich ihn selbst holen kommen. Nur …« er grinste schief, »dann kann ich nicht dafür garantieren, dass dieser Nager das Zusammentreffen mit mir überleben wird.«

Mica zögerte einen Moment, ehe sie die Schatulle ergriff. »Danke«, hauchte sie.

»Keine Ursache. Dann werde ich dich mal in dein Versteck zurückkehren lassen – sei jedoch gewarnt, ich werde dich verfolgen, damit ich weiß, wohin du den Dolch bringst.«

»Und wie soll ich ihn dir wiedergeben?«, fragte Mica, die sich vom Boden erhob.

Cassiel stand ebenfalls auf und legte den Kopf schief. »Sagen wir, du bringst ihn mir morgen Abend zur schwarzen Kreuzung. Du weißt, wo das ist?«

Mica nickte. So wurde eine bestimmte Kreuzung im Tunnelsystem genannt, welche sich direkt unterhalb des magischen Zirkels von Chakas befand.

»Und bring deinen Bruder mit«, fuhr Cassiel fort. Als Mica ihn erstaunt ansah, lächelte er. »Du und dein Bruder werden wohl kaum bei den Kanalratten bleiben können, wenn ihr diesen Nager bestohlen habt. Sieh es als Einladung, euch mal bei uns in der Diebesgilde umzusehen.« Er zwinkerte ihr zu. »Du bist mutig, flink und mit deinen magischen Kräften könntest du uns nützlich werden. Auch wenn wir an deinen Kampfeskünsten noch etwas arbeiten müssen … und du solltest dringend regelmäßigere Mahlzeiten bekommen, so abgemagert, wie du bist. Aber ich glaube, es wird mir gelingen, die anderen davon zu überzeugen, dass wir euch bei uns aufnehmen, obwohl ihr gildenlos seid.«

Mica starrte ihn ein paar Sekunden lang sprachlos an, ehe sie in die Richtung davonrannte, wo sie die Holztür unter den Blätterranken in die vertrauten Gänge führte.

Kapitel 4 – Mica