Die großen Vier - Agatha Christie - E-Book

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Agatha Christie

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  • Herausgeber: Atlantik
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2015
Beschreibung

Ein Unbekannter taucht bei Poirot auf und bricht vor ihm zusammen. Wer ist der Mann? Und was hat es mit "den großen Vier" auf sich, von denen er murmelt? In einem ihrer schwierigsten Fälle geraten der Meisterdetektiv und sein Kollege Hastings in Lebensgefahr, während sie versuchen, die Machenschaften einer internationalen Verbrecherorganisation aufzudecken.

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Seitenzahl: 289

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Agatha Christie

Die Großen Vier

Ein Fall für Poirot

Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini

Atlantik

1Der unerwartete Gast

Ich bin durchaus schon Leuten begegnet, die eine Kanalüberquerung genießen; Menschen, die bis zum Einlaufen gelassen auf ihren Deckstühlen sitzen und ruhig abwarten können, bis der Dampfer festgemacht hat, ehe sie dann ohne viel Aufhebens ihre Sachen einsammeln und an Land gehen. Mir persönlich gelingt das nie. Vom ersten Augenblick an, da ich an Bord bin, habe ich das Gefühl, die Zeit sei zu knapp, als dass ich mich auf irgendetwas einlassen könnte. Ich schiebe mein Gepäck von einer Ecke in die andere, und wenn ich mich zu den Mahlzeiten in den Salon begebe, schlinge ich mein Essen mit dem unbehaglichen Gefühl hinunter, dass der Dampfer unerwartet Land erreichen könnte, während ich noch unter Deck bin. Vielleicht ist dies das Vermächtnis der kurzen Fronturlaube während des Krieges, als man darauf erpicht war, sich einen Platz in der Nähe der Gangway zu sichern und zu den Ersten zu gehören, die von Bord gingen, damit man möglichst wenige kostbare Minuten seiner dürftigen vier, fünf Tage Urlaub vergeudete.

Während ich an jenem Julimorgen an der Reling stand und die sich langsam nähernden weißen Klippen von Dover betrachtete, staunte ich über die Passagiere, die es schafften, ruhig auf ihren Stühlen sitzen zu bleiben, ohne auch nur einmal aufzuschauen, um den ersten Anblick ihres Heimatlandes zu erhaschen. Doch vielleicht war ihr Fall ja auch anders gelagert als meiner. Ohne Zweifel waren viele von ihnen nur übers Wochenende in Paris gewesen, während ich mich während der letzten anderthalb Jahre auf einer Hazienda in Argentinien aufgehalten hatte. Ich hatte es dort zu etwas gebracht, und meine Frau und ich schätzten die zwanglose Lebensart des südamerikanischen Kontinents. Dennoch spürte ich einen Kloß im Hals, während ich die vertraute Küste immer näher kommen sah.

Zwei Tage zuvor war ich in Frankreich gelandet, hatte einige notwendige Geschäfte getätigt und befand mich nun auf dem Weg nach London. Dort würde ich ein paar Monate verbringen: genügend Zeit, um alte Freunde zu besuchen – und einen alten Freund im Besonderen. Einen kleinen Mann mit eiförmigem Kopf und grünen Augen – Hercule Poirot! Ich wollte ihn regelrecht überrumpeln. Mein letzter Brief aus Argentinien hatte nicht den geringsten Hinweis auf meine geplante Reise enthalten. Tatsächlich hatte ich mich infolge gewisser geschäftlicher Komplikationen sehr kurzfristig dazu entschlossen, und mir seine Freude und Verwunderung bei meinem unerwarteten Anblick auszumalen hatte mir nicht wenige vergnügliche Momente beschert.

Wie ich wusste, würde er kaum allzu weit von seinem Wohnsitz anzutreffen sein. Die Zeiten, als seine Fälle ihn von einem Ende Englands zum anderen geführt hatten, waren vorbei. Inzwischen war er zu Ruhm gekommen, und ein einzelner Fall vermochte nicht mehr seine ganze Zeit zu beanspruchen. Mit den Jahren legte er zunehmend mehr Wert darauf, als »beratender Ermittler« angesehen zu werden, als anerkannter Spezialist auf seinem Gebiet, genau wie irgendein Facharzt von der Harley Street. Für die landläufige Vorstellung vom menschlichen Spürhund, der sich abenteuerlich kostümierte, um Verbrecher zu beschatten, und bei jeder Fußspur innehielt, um sie zu vermessen, hatte er von jeher nur Spott übriggehabt.

»Nein, mein Freund Hastings«, pflegte er zu sagen, »das überlassen wir gern Giraud und Konsorten. Hercule Poirot hat seine eigenen Methoden. Ordnung und Methode – und ›die kleinen grauen Zellen‹. Während wir behaglich in unserem Sessel sitzen, sehen wir die Dinge, die jene anderen übersehen, und vermeiden die übereilten Schlussfolgerungen, zu denen der ehrenwerte Japp neigt.«

Nein, es bestand kaum Gefahr, dass sich Poirot allzu weit entfernt hatte. In London angekommen, hinterlegte ich mein Gepäck in einem Hotel und fuhr geradewegs zu der altbekannten Adresse. Augenblicklich wurden schmerzlich-süße Erinnerungen in mir wach. Ich nahm mir kaum die Zeit, meine alte Zimmerwirtin zu begrüßen, ehe ich zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinaufeilte und an Poirots Tür klopfte.

»Immer herein!«, rief von drinnen eine vertraute Stimme.

Ich trat ein. Poirot stand vor mir. Bei meinem Anblick ließ er den kleinen Koffer, den er mit beiden Händen hielt, los, sodass er mit einem Knall auf dem Boden aufschlug.

»Mon ami, Hastings!«, rief er aus. »Mon ami, Hastings!«

Er stürzte mir entgegen und drückte mich herzlich an seine Brust. Es folgte eine recht wirre und unzusammenhängende Unterhaltung. Ausrufe, neugierige Fragen, unvollständige Antworten, von meiner Frau auszurichtende Grüße, Erklärungen bezüglich des Zwecks meiner Reise mischten sich zu einem bunten Durcheinander.

»Meine alten Räumlichkeiten sind vermutlich belegt?«, fragte ich schließlich, als sich die erste Aufregung gelegt hatte. »Ich würde mich liebend gern wieder bei Ihnen einquartieren.«

Poirots Miene änderte sich schlagartig.

»Mon Dieu! Welch eine chance épouvantable! Blicken Sie um sich, mein Freund!«

Zum ersten Mal nahm ich meine Umgebung bewusst wahr. An der Wand thronte eine Truhe von wahrhaft prähistorischen Ausmaßen. Davor standen, streng nach absteigender Größe geordnet, mehrere Koffer in Reih und Glied. Der Schluss drängte sich mir geradezu auf.

»Sie reisen ab?«

»Ja.«

»Wohin?«

»Nach Südamerika.«

»Was?«

»Was für ein witziger Zufall, nicht wahr? Mein Reiseziel ist Rio, und es verging kein Tag, an dem ich mir nicht sagte: Ich werde in meinen Briefen nichts verraten! Ach, die Überraschung des guten Hastings, wenn er mich erblickt!«

»Aber wann brechen Sie auf?«

Poirot sah auf seine Uhr.

»In einer Stunde.«

»Hatten Sie nicht immer gesagt, nichts würde Sie je dazu bewegen, eine lange Seereise zu unternehmen?«

Poirot schloss die Augen und erschauderte.

»Sprechen Sie nicht davon, mein Freund. Mein Arzt versichert mir, dass man davon nicht stirbt – und es ist nur dieses eine Mal; Ihnen ist doch klar, dass ich diese Reise kein zweites Mal unternehmen werde!«

Er drückte mich in einen Sessel.

»Kommen Sie, ich werde Ihnen erzählen, wie es dazu gekommen ist. Wissen Sie, wer der reichste Mann der Welt ist? Sogar reicher als Rockefeller? Abe Ryland.«

»Der amerikanische Seifenkönig?«

»Exakt. Einer seiner Sekretäre hat sich an mich gewandt. Mit einer großen Firma in Rio scheint es nicht mit rechten Dingen zuzugehen, wie man so schön sagt. Er wünschte, dass ich die Angelegenheit vor Ort untersuche. Ich lehnte ab. Ich erklärte, er möge mir die Fakten vorlegen, dann würde ich meine fachliche Einschätzung dazu abgeben. Dazu erklärte er sich jedoch für nicht befugt. Die Fakten würde man mir erst nach meiner Ankunft in Übersee mitteilen. Normalerweise wäre die Angelegenheit damit für mich erledigt gewesen. Hercule Poirot Vorschriften machen zu wollen ist eine glatte Unverfrorenheit. Doch man hat mir ein derart astronomisches Honorar angeboten, dass ich mich zum ersten Mal in meinem Leben von schnödem Geld verlocken ließ. Es handelt sich um eine Unsumme – ein Vermögen! Und noch ein Zweites lockte mich – Sie, mein Freund. Während der vergangenen anderthalb Jahre bin ich ein sehr einsamer alter Mann gewesen. Ich dachte bei mir: Warum eigentlich nicht? Allmählich bin ich dieses endlose Lösen von albernen Problemen satt. Lorbeeren habe ich zur Genüge gesammelt. Warum nehme ich also nicht einfach dieses Geld und lasse mich irgendwo in der Nähe meines alten Freundes nieder?«

Dieser Beweis von Poirots Wertschätzung ließ mich nicht unberührt.

»Also nahm ich das Angebot an«, fuhr er fort, »und in einer Stunde muss ich aufbrechen, wenn ich den Zug nach Southampton noch erreichen will. Ironie des Lebens, nicht wahr? Aber ich muss gestehen, Hastings, wäre der angebotene Betrag nicht so exorbitant gewesen, hätte ich vielleicht gezögert, denn erst kürzlich habe ich aus eigenem Antrieb eine kleine Privatermittlung begonnen. Sagen Sie mir, was versteht man gemeinhin unter den ›Großen Vier‹?«

»Zunächst bezieht sich der Begriff wohl auf die Pariser Friedenskonferenz, dann gibt es die berühmten ›Großen Vier‹ der Filmwelt, außerdem wird der Ausdruck in vielerlei anderer Hinsicht verwendet.«

»Ich verstehe«, sagte Poirot nachdenklich. »Ich bin auf diesen Begriff, müssen Sie wissen, in einem Zusammenhang gestoßen, in dem keine dieser Erklärungen einen Sinn ergeben würde. Er scheint sich auf eine internationale Verbrecherorganisation oder etwas in der Art zu beziehen; nur …«

»Nur was?«, fragte ich, als er stockte.

»Nur habe ich den leisen Verdacht, dass es sich dabei um etwas wirklich Großes handelt. Nur so eine Ahnung von mir, nichts weiter. Ah, aber ich muss fertig packen. Die Zeit drängt.«

»Fahren Sie nicht«, sagte ich. »Verschieben Sie Ihre Abreise und nehmen Sie dasselbe Schiff wie ich!«

Poirot richtete sich auf und bedachte mich mit einem vorwurfsvollen Blick.

»Ah, Sie verstehen offenbar nicht! Ich habe mein Wort gegeben – das Wort Hercule Poirots. Einzig, wenn es um Leben und Tod ginge, könnte ich es brechen.«

»Und ein solcher Fall liegt kaum vor«, murmelte ich reumütig. »Es sei denn, im letzten Augenblick ›öffnet sich die Tür, und der unerwartete Gast tritt ein‹.«

Kaum hatte ich den alten Spruch mit einem halben Lachen zum Besten gegeben, als in der darauffolgenden Stille aus dem Hinterzimmer ein Geräusch ertönte, das uns zusammenfahren ließ.

»Was war denn das?«, rief ich aus.

»Ma foi!«, erwiderte Poirot. »Es klingt ganz danach, als wäre Ihr ›unerwarteter Gast‹ in meinem Schlafzimmer.«

»Aber wie könnte dort jemand sein? Der einzige Weg hinein führt durch dieses Zimmer!«

»Ihr Gedächtnis ist bewundernswert, Hastings. Und nun zu den Schlussfolgerungen.«

»Das Fenster! Aber dann handelte es sich ja um einen Einbrecher? Nun, es dürfte ein harter Aufstieg für ihn gewesen sein – nahezu unmöglich, würde ich sagen.«

Ich war aufgestanden und ging gerade mit langen Schritten auf die Tür zu, als ein Geräusch wie von jemandem, der sich von der anderen Seite an der Klinke zu schaffen machte, mich innehalten ließ.

Die Tür schwang langsam auf. In der Öffnung stand ein Mann. Er war von Kopf bis Fuß mit Staub und Matsch bedeckt; sein Gesicht war hager und ausgezehrt. Er starrte uns einen Augenblick lang an, dann schwankte er und fiel zu Boden. Poirot stürzte zu ihm, dann blickte er zu mir auf und sagte: »Brandy – rasch!«

Ich goss etwas Brandy in ein Glas und brachte es ihm. Poirot gelang es, dem Mann etwas einzuflößen, und gemeinsam hoben wir ihn auf und trugen ihn zum Sofa. Nach wenigen Minuten schlug der Fremde die Augen auf und sah mit einem starren, fast leeren Blick um sich.

»Was suchen Sie, Monsieur?«, fragte Poirot.

Der Mann öffnete die Lippen und sagte in einem sonderbaren, mechanischen Tonfall: »M. Hercule Poirot, 14 Farraway Street.«

»Ja, ja; der bin ich.«

Der Mann schien nicht zu verstehen, denn er wiederholte im selben Ton: »M. Hercule Poirot, 14 Farraway Street.«

Poirot probierte es mit verschiedenen Fragen. Entweder gab der Mann überhaupt keine Antwort, oder er wiederholte die immer gleichen Worte. Poirot bedeutete mir mit einer Geste, zum Telefon zu gehen.

»Dr. Ridgeway möchte sofort herkommen.«

Glücklicherweise war der Arzt zu sprechen; und da er um die Ecke wohnte, vergingen nur wenige Minuten, ehe er hereinstürmte.

»Was gibt es?«

Poirot erklärte kurz, worum es ging, woraufhin sich der Arzt anschickte, unseren seltsamen Besucher, der sich seiner und unserer Anwesenheit überhaupt nicht bewusst zu sein schien, zu untersuchen.

»Hm!«, sagte Dr. Ridgeway, als er fertig war. »Eigenartiger Fall.«

»Gehirnfieber?«, sagte ich.

Der Arzt stieß ein verächtliches Schnauben aus.

»Gehirnfieber! Gehirnfieber! Gehirnfieber gibt’s überhaupt nicht! Eine Erfindung der Romanschreiber. Nein, der Mann hat einen Schock erlitten. Eine fixe Idee hat von ihm Besitz genommen – unbedingt M. Hercule Poirot, 14 Farraway Street, ausfindig zu machen –, und er wiederholt diese Worte mechanisch, ohne im mindesten zu wissen, was sie bedeuten.«

»Aphasie?«, sagte ich beflissen.

Wieder ließ mein Vorschlag den Arzt schnauben, jedoch nicht so heftig wie mein voriger. Ohne eine Antwort zu geben, drückte er dem Mann ein Blatt Papier und einen Bleistift in die Hand.

»Wollen mal sehen, was er damit anfängt«, sagte er.

Zunächst tat der Mann nichts, dann begann er plötzlich fieberhaft zu schreiben. Ebenso plötzlich hörte er wieder auf und ließ Papier und Bleistift zu Boden fallen. Der Arzt hob beides auf und schüttelte den Kopf.

»Nichts. Nur die Zahl 4, ein Dutzend Mal gekritzelt, jede Ziffer größer als die vorige. Er versucht vermutlich, ›14 Farraway Street‹ zu schreiben. Das ist ein interessanter Fall – äußerst interessant. Wäre es vielleicht möglich, dass Sie ihn bis heute Nachmittag hierbehalten? Ich werde jetzt im Krankenhaus erwartet, aber heute Nachmittag komme ich wieder und leite alles Notwendige in die Wege. Einen so interessanten Fall darf ich unter keinen Umständen aus den Augen verlieren.«

Ich erklärte ihm, Poirot sei im Begriff abzureisen und ich hätte eigentlich vorgehabt, ihn bis nach Southampton zu begleiten.

»Das geht schon in Ordnung. Lassen Sie den Mann ruhig hier. Er wird schon nichts anstellen, so erschöpft, wie er ist. Wird wahrscheinlich acht Stunden am Stück schlafen. Ich werde Ihre ehrenwerte Mrs Funnyface bitten, ein Auge auf ihn zu haben.«

Dr. Ridgeway eilte in seinem gewohnten Tempo aus dem Zimmer. Inzwischen packte Poirot, während er immer wieder einen Blick auf die Uhr warf, zu Ende.

»Ach, die Zeit, sie schreitet mit einer unglaublichen Geschwindigkeit voran. Jetzt kommen Sie, Hastings, Sie können nicht behaupten, ich würde Sie unbeschäftigt zurücklassen. Ein überaus sensationeller Fall. Der Mann aus dem Nichts. Wer ist er? Was will er? Ah, sapristi, ich würde zwei Jahre meines Lebens dafür hingeben, dass dieser Dampfer statt heute erst morgen ablegte! Wir haben es hier mit etwas sehr Kuriosem zu tun – wirklich, sehr interessant. Aber man bräuchte Zeit – Zeit. Es könnte durchaus Tage – ja sogar Monate – dauern, bis er imstande ist, uns zu sagen, was er uns zu sagen hat.«

»Ich werde mein Bestes tun, Poirot«, sagte ich beruhigend. »Ich werde mich bemühen, ein guter Stellvertreter zu sein.«

»J-ja.«

Besonders überzeugt klang das nicht. Ich hob das Blatt Papier auf.

»Hätte ich vor, ein Buch zu schreiben«, sagte ich scherzhaft, »würde ich die Besonderheit dieses Falls mit der Ihres jüngsten Falls verknüpfen und dem Buch den Titel Das Geheimnis der Großen Vier geben.« Während ich sprach, tippte ich auf die Ziffern.

Ich fuhr zusammen, denn unser Invalide erwachte plötzlich aus seinem Stupor, setzte sich in seinem Sessel auf und sagte klar und deutlich: »Li Chang Yen.«

Er hatte die Miene eines Mannes, der gerade aus dem Schlaf aufgeschreckt ist. Poirot bedeutete mir zu schweigen. Der Mann redete weiter. Er sprach mit einer klaren, hohen Stimme, und seine Intonation erweckte den Eindruck, als zitierte er aus einem schriftlichen Bericht oder Vortrag.

»Li Chang Yen kann als das Gehirn der Großen Vier betrachtet werden. Er ist die lenkende und treibende Kraft. Daher bezeichne ich ihn als die Nummer Eins. Nummer Zwei wird selten namentlich genannt. Er wird durch ein ›S‹ mit zwei senkrechten Strichen dargestellt – das Symbol für den Dollar – oder auch durch zwei Streifen und einen Stern. Es kann daher gemutmaßt werden, dass er amerikanischer Staatsbürger ist und die Macht des Geldes darstellt. Es scheint außer Zweifel zu stehen, dass Nummer Drei eine Frau ist, und zwar französischer Nationalität. Es ist möglich, dass sie eine Sirene der demi-monde ist, aber es ist nichts Definitives bekannt. Nummer Vier …«

Seine Stimme stockte und brach.

Poirot beugte sich vor. »Ja?«, sagte er begierig. »Nummer Vier?«

Sein Blick war auf das Gesicht des Mannes geheftet. Ein namenloses Grauen schien sich des Unbekannten zu bemächtigen; seine Züge waren verzerrt und entstellt.

»Der Zerstörer«, ächzte der Mann. Dann ein letztes krampfhaftes Sichaufbäumen, und er sank ohnmächtig zurück.

»Mon Dieu!«, flüsterte Poirot. »Ich hatte also recht. Ich hatte recht.«

»Sie glauben …?«

Er unterbrach mich.

»Tragen Sie ihn in mein Zimmer, und legen Sie ihn auf mein Bett. Ich habe keine Minute zu verlieren, wenn ich meinen Zug noch erreichen will. Nicht, dass ich ihn erreichen wollte … Ah, wenn ich ihn doch nur guten Gewissens verpassen könnte! Aber ich habe mein Wort gegeben. Kommen Sie, Hastings.«

Nachdem wir unseren geheimnisvollen Besucher Mrs Pearsons Obhut anvertraut hatten, fuhren wir los und erreichten mit knapper Not unseren Zug. Poirot war abwechselnd schweigsam und redselig. Mal starrte er wie traumversunken aus dem Fenster und bekam allem Anschein nach kein einziges Wort von dem mit, was ich sagte. Dann wieder, plötzlich erregt, überschüttete er mich mit Anordnungen und Befehlen und betonte, wie wichtig es sei, dass wir ständig in funktelegrafischem Kontakt stünden.

Hinter Woking verfielen wir in eine längere Phase des Schweigens. Der Zug hätte eigentlich bis Southampton durchfahren sollen, doch mit einem Mal wurde er durch ein Signal gestoppt.

»Ah! Sacré mille tonnerres!«, rief Poirot aus. »Was bin ich doch für ein Dummkopf gewesen! Aber jetzt ist mir alles klar. Die Heiligen im Himmel müssen den Zug angehalten haben. Springen Sie, Hastings, so springen Sie doch!«

Im Nu hatte er die Waggontür entriegelt und war auf das Gleisbett gesprungen.

»Werfen Sie das Gepäck heraus und springen Sie dann auch!«

Ich gehorchte ihm. Im buchstäblich letzten Moment. Während ich neben ihm landete, setzte sich der Zug auch schon wieder in Bewegung.

»Und jetzt, Poirot«, sagte ich mit einer gewissen Gereiztheit, »werden Sie mir vielleicht verraten, was das Ganze bedeuten soll!«

»Es bedeutet, mein Freund, dass ich eine Erleuchtung hatte.«

»Aha«, sagte ich, »das ist für mich äußerst erhellend.«

»Das sollte es auch sein«, sagte Poirot, »doch ich fürchte – ich hege die größte Befürchtung, dass es nicht der Fall ist. Wenn Sie zwei Koffer übernehmen können, werde ich, glaube ich, mit dem Rest schon fertig.«

2Der Mann aus dem Irrenhaus

Glücklicherweise hatte der Zug in der Nähe eines Bahnhofs gehalten. Ein kurzer Fußmarsch brachte uns zu einer Garage, wo wir ein Automobil mieten konnten, und eine halbe Stunde später brausten wir bereits wieder gen London. Dann, und erst dann, geruhte Poirot, meine Neugier zu befriedigen.

»Sie begreifen nicht? So ging es mir auch. Aber jetzt ist es mir klar. Hastings, man wollte mich loswerden.«

»Was!«

»Ja. Auf sehr geschickte Weise. Sowohl Ort wie Methode wurden mit großer Sachkenntnis und Klugheit ausgewählt. Sie hatten vor mir Angst.«

»Wer ist ›sie‹?«

»Diese vier Genies, die sich zusammengetan haben, um außerhalb des Gesetzes zu operieren. Ein Chinese, ein Amerikaner, eine Französin und – noch jemand. Beten Sie zum lieben Gott, dass wir rechtzeitig zurückkommen, Hastings!«

»Sie glauben, unser Besucher schwebt in Gefahr?«

»Ich bin mir dessen gewiss.«

Mrs Pearson empfing uns an der Haustür. Wir ignorierten ihre verzückten Bekundungen des Erstaunens wegen Poirots unverhoffter Rückkehr und verlangten stattdessen einen Lagebericht. Er war beruhigend. Niemand war da gewesen, und unser Gast hatte sich nicht gemuckst.

Mit einem Seufzer der Erleichterung begaben wir uns hinauf in die Wohnung. Poirot durchquerte das Vorzimmer und ging dann weiter in sein Schlafzimmer. Kurz darauf rief er mit seltsam erregter Stimme nach mir.

»Hastings, er ist tot!«

Ich rannte zu ihm. Der Mann lag so da, wie wir ihn verlassen hatten, aber er war tot, und zwar schon seit Längerem. Ich stürzte hinaus, um einen Arzt zu holen. Ridgeway würde, wie ich wusste, noch nicht wieder zurück sein. Aber es gelang mir umgehend, einen anderen zu finden, und ich nahm ihn mit zu Poirot.

»Er ist ohne Frage tot, der arme Kerl. Ein Landstreicher, um den Sie sich kümmerten, hm?«

»Etwas in der Art«, sagte Poirot ausweichend. »Was war die Todesursache, Doctor?«

»Schwer zu sagen. Könnte eine Art Anfall gewesen sein. Es gibt Anzeichen von Hypoxie. Kein Gasanschluss hier, oder?«

»Nein, nur Elektrizität.«

»Und beide Fenster außerdem sperrangelweit offen. Exitus vor rund zwei Stunden, würde ich sagen. Sie benachrichtigen die zuständigen Stellen, nicht wahr?«

Nachdem er wieder gegangen war, erledigte Poirot einige dringende Telefonate. Schließlich rief er zu meiner Verwunderung auch unseren alten Freund Inspector Japp an und bat ihn vorbeizukommen.

Kaum war er mit all dem fertig, erschien Mrs Pearson mit weit aufgerissenen Augen.

»Da ist ’n Mann von Hanwell – vom Irrenhaus. Hat man da noch Töne! Soll ich ihn raufbringen?«

Poirot bejahte, und sie führte einen großen, stämmigen Mann in Uniform herein.

»Morgen, die Herrschaften«, sagte er vergnügt. »Ich hab Grund zu der Annahme, dass einer unserer Insassen hier bei Ihnen ist. Letzte Nacht ausgebüxt, der Kerl.«

»Er war hier«, sagte Poirot leise.

»Doch nicht wieder entwischt, was?«, fragte der Wärter mit einer gewissen Besorgnis.

»Er ist tot.«

Der Mann wirkte regelrecht erleichtert. »Ach, das ist ja ein Ding! Tja, für alle Beteiligten das Beste, würd ich mal sagen.«

»War er – gefährlich?«

»Gemeingefährlich, meinen Sie? Ach wo. Völlig harmlos. Verfolgungswahn, und zwar akut. Nix wie chinesische Geheimgesellschaften im Kopf, die ihn in die Geschlossene gebracht haben. Die sind alle gleich.«

Ich schauderte.

»Wie lang war er denn schon bei Ihnen?«, fragte Poirot.

»Werden wohl so zwei Jahre gewesen sein.«

»Ich verstehe«, sagte Poirot leise. »Ist niemandem je der Gedanke gekommen, dass er – geistig gesund gewesen sein könnte?«

Der Wärter gestattete sich ein herzhaftes Lachen. »Wenn der gesund war, warum war er dann wohl in einem Irrenhaus, hm? Die behaupten doch alle, dass sie gesund wären!«

Poirot sagte nichts weiter dazu. Er führte den Mann zu dem Toten. Die Identifizierung bereitete ihm keine Mühe.

»Das ist er – ganz klar«, sagte der Wärter herzlos. »Komischer Kauz, was? Tja, die Herrschaften, dann mach ich mich wohl wieder auf den Weg und leite die erforderlichen Maßnahmen ein. Die Leiche wird Ihnen nicht mehr lange Umstände bereiten. Aber wenn’s ne gerichtliche Untersuchung gibt, werden Sie wohl erscheinen müssen, schätz ich mal. ’n schönen Tag noch, Sir.«

Mit einem unbeholfenen Bückling schlurfte er aus dem Zimmer.

Wenige Minuten später traf Japp ein. Der Scotland-Yard-Inspector machte einen gewohnt forschen und vergnügten Eindruck.

»Da bin ich, Monsjö Poirot. Was kann ich für Sie tun? Dachte, Sie wären längst zu irgendeinem Korallenstrand abgedampft?«

»Mein guter Japp, ich möchte wissen, ob Sie diesen Mann schon jemals gesehen haben.«

Er führte Japp ins Schlafzimmer. Der Inspector starrte mit verdutzter Miene auf die Gestalt, die auf dem Bett lag.

»Lassen Sie mich mal nachdenken – er kommt mir irgendwie bekannt vor –, und ich bilde mir durchaus was auf mein Personengedächtnis ein. Aber ja, herrje, das ist doch Mayerling! Einer vom Geheimdienst – keiner von unseren Leuten. Ist vor fünf Jahren nach Russland gegangen, seitdem nie wieder was von ihm gehört. Dachte immer, die Roten hätten ihn erledigt.«

»Es passt alles zusammen«, sagte Poirot, nachdem Japp sich verabschiedet hatte, »ausgenommen die Tatsache, dass er eines natürlichen Todes gestorben zu sein scheint.«

Mit einem unzufriedenen Stirnrunzeln blickte er auf die reglose Gestalt hinab. Ein Windstoß blähte die Gardinen, und Poirot sah jäh auf.

»Ich vermute, Sie haben die Fenster geöffnet, als Sie ihn auf das Bett gelegt haben, Hastings?«

»Nein, habe ich nicht«, entgegnete ich. »Soweit ich mich erinnere, waren sie geschlossen.«

Poirot hob unvermittelt den Kopf. »Aha, sie waren geschlossen – und jetzt sind sie offen. Was kann das bedeuten?«

»Jemand ist da eingestiegen?«

»Möglicherweise«, sagte Poirot, doch er klang zerstreut und wenig überzeugt. Kurz darauf fügte er hinzu: »Das ist nicht genau das, woran ich dachte, Hastings. Stünde nur ein Fenster offen, würde es mich nicht so sehr verwundern. Es ist der Umstand, dass beide Fenster offen sind, was ich bemerkenswert finde.«

Er eilte ins andere Zimmer.

»Das Wohnzimmerfenster ist ebenfalls offen. Auch das hatten wir geschlossen hinterlassen. Ah!«

Er beugte sich über den Toten und musterte aufmerksam seine Mundwinkel. Dann hob er abrupt den Blick.

»Er wurde geknebelt, Hastings. Geknebelt und dann vergiftet.«

»Gütiger Himmel!«, rief ich schockiert aus. »Aber Genaueres werden wir wohl erst durch die Obduktion erfahren.«

»Wir werden nichts Neues erfahren. Er wurde durch Inhalation von Blausäure getötet. Sie wurde ihm direkt unter die Nase gehalten. Dann riss der Mörder sämtliche Fenster auf. Cyanwasserstoffsäure ist extrem flüchtig, aber sie riecht durchdringend nach Bittermandeln. Ohne den verräterischen Geruch – und ohne einen sonstigen Hinweis auf eine Straftat – hätten die Ärzte zwangsläufig auf eine natürliche Todesursache geschlossen. Dieser Mann war also beim Geheimdienst, Hastings. Und vor fünf Jahren verschwand er in Russland.«

»Die letzten zwei Jahre war er im Irrenhaus«, sagte ich. »Aber was ist mit den drei Jahren davor?«

Poirot schüttelte den Kopf und packte mich dann am Arm.

»Die Uhr, Hastings, sehen Sie auf die Uhr!«

Ich folgte seinem Blick zum Kaminsims. Die Uhr war bei vier Uhr stehengeblieben.

»Mon ami, jemand hat sich daran zu schaffen gemacht. Sie hätte noch drei Tage gehen müssen. Sie hat ein Acht-Tage-Werk, müssen Sie wissen.«

»Aber warum hätte sie jemand anhalten sollen? Vielleicht um eine falsche Spur zu legen – um den Eindruck zu erwecken, das Verbrechen habe um vier Uhr stattgefunden?«

»Nein, nein; bringen Sie Ordnung in Ihre Gedanken, mon ami. Setzen Sie Ihre kleinen grauen Zellen ein. Sie sind Mayerling. Sie hören vielleicht ein verräterisches Geräusch – und wissen, dass Ihr Schicksal besiegelt ist. Ihnen bleibt gerade so viel Zeit, ein Zeichen zu hinterlassen. Vier Uhr, Hastings. Nummer Vier, der Zerstörer. Ah, da kommt mir eine Idee!«

Er stürzte ins andere Zimmer und ergriff das Telefon. Er ließ sich mit Hanwell verbinden.

»Bin ich mit der Irrenanstalt verbunden? Wie ich höre, hat heute Nacht ein Ausbruch stattgefunden? Was sagen Sie da? Einen Moment, bitte. Würden Sie das einmal wiederholen? Ah! Parfaitement.«

Er hängte den Hörer ein und drehte sich um.

»Haben Sie gehört, Hastings? Niemand ist ausgebrochen.«

»Aber der Mann, der hier war – dieser Wärter?«, sagte ich.

»Da habe ich meine Zweifel – meine ernsten Zweifel.«

»Sie meinen …?«

»Nummer Vier – der Zerstörer.«

Ich starrte Poirot wie vor den Kopf geschlagen an. Als ich ein, zwei Minuten später die Sprache zurückgewonnen hatte, sagte ich: »Jedenfalls würden wir ihn jederzeit wiedererkennen. Er hatte eine unverwechselbare Erscheinung.«

»Hatte er das wirklich, mon ami? Er hatte eine korpulente, stämmige Statur, ein rotes Gesicht, einen buschigen Schnauzbart und eine heisere Stimme. Bereits jetzt dürfte er nichts mehr davon haben, und was das Übrige anbelangt, so hatte er durchschnittliche Augen, durchschnittliche Ohren und einen Mund voll makelloser falscher Zähne. Die Identifizierung eines Menschen ist keine so einfache Aufgabe, wie Sie zu meinen scheinen. Das nächste Mal …«

»Sie glauben, es wird ein nächstes Mal geben?«, unterbrach ich ihn.

Poirots Miene wurde sehr ernst. »Es ist ein Duell auf Leben und Tod, mon ami. Sie und ich auf der einen Seite, die Großen Vier auf der anderen. Sie haben den ersten Stich gemacht, das ja; aber ihr Plan, mich loszuwerden, ist nicht aufgegangen, und in Zukunft werden sie mit mir rechnen müssen – mit Hercule Poirot!«

3Wir erfahren mehr über Li Chang Yen

Nach dem Besuch des falschen Irrenhauswärters hegte ich ein, zwei Tage lang die vage Hoffnung, er könnte wieder auftauchen, und weigerte mich, die Wohnung auch nur für eine Minute zu verlassen. Soweit ich es beurteilen konnte, hatte er keinen Grund zu befürchten, wir könnten seine Täuschung durchschaut haben. Also konnte er, dachte ich, durchaus ein zweites Mal kommen und versuchen, den Leichnam fortzuschaffen, aber Poirot lachte nur über meine Überlegung.

»Mon ami«, sagte er, »wenn es Ihnen Freude bereitet, können Sie gern zu Hause darauf warten, dass Ihnen der gebratene Galgenvogel in den Mund fliegt, aber ich für mein Teil werde nicht meine Zeit damit vergeuden.«

»Dann sagen Sie mir aber eins, Poirot«, wandte ich ein, »warum ist er überhaupt das Risiko eingegangen hierherzukommen? Wenn er beabsichtigt hatte, sich hier später wieder einzuschleichen, um die Leiche zu entwenden, hätte sein Besuch zumindest einen halbwegs vernünftigen Grund gehabt. Dann hätte er wenigstens die Indizien, die ihn verraten könnten, beseitigt; aber so hat er doch überhaupt nichts erreicht!«

Poirot zuckte auf seine unverwechselbar gallische Art die Achseln. »Sie sehen ja auch nicht mit den Augen von Nummer Vier, Hastings«, sagte er. »Sie sprechen von verräterischen Indizien, aber was haben wir denn tatsächlich gegen ihn in der Hand? Sicher, wir haben eine Leiche, doch können wir nicht einmal beweisen, dass der Mann überhaupt ermordet wurde – Blausäure hinterlässt, wenn durch die Atemwege aufgenommen, keinerlei Spuren. Zweitens, wir konnten niemanden ausfindig machen, der beobachtet hätte, wie jemand während unserer Abwesenheit in die Wohnung eindrang; und schließlich haben wir nichts über die letzten Tage oder auch nur Stunden unseres verblichenen Freundes, Mayerling, in Erfahrung bringen können …

Nein, Hastings, Nummer Vier hat keine Spuren hinterlassen, und das weiß er auch. Seinen Besuch könnten wir als einen Erkundungsgang bezeichnen. Vielleicht wollte er sich vergewissern, dass Mayerling wirklich tot ist, für wahrscheinlicher halte ich es allerdings, dass er kam, um Hercule Poirot zu sehen und den einzigen Gegner zu sprechen, vor dem er sich fürchten muss.«

Poirots Argumentation klang zwar wieder einmal reichlich selbstgefällig, doch zog ich es vor, ihm nicht zu widersprechen.

»Und wie steht’s mit der gerichtlichen Voruntersuchung?«, sagte ich. »Da werden Sie doch gewiss mit allem, was Sie wissen, herausrücken und der Polizei eine vollständige Beschreibung von Nummer Vier liefern?«

»Und zu welchem Zweck? Haben wir irgendetwas vorzuweisen, was den robusten Verstand eines britischen Geschworenen überzeugen könnte? Hat unsere Personenbeschreibung von Nummer Vier auch nur den geringsten Wert? Nein; wir werden dem Coroner erlauben, ›Tod durch Unfall‹ festzustellen, und vielleicht – wenngleich ich mir nur schwache Hoffnungen mache – wird unser gescheiter Mörder sich selbst auf die Schulter klopfen, weil es ihm gelungen ist, Hercule Poirot in der ersten Runde hinters Licht zu führen.«

Poirot hatte wie immer recht. Der vermeintliche Mann vom Irrenhaus ließ sich nicht wieder blicken, und die Voruntersuchung, in der ich als Zeuge aussagte, während Poirot durch Abwesenheit glänzte, erregte keinerlei öffentliches Interesse.

Da Poirot im Hinblick auf seine geplante Reise nach Südamerika alle laufenden Angelegenheiten vor meiner Ankunft abgeschlossen hatte, hatte er zu diesem Zeitpunkt keine Fälle in Arbeit. Aber obgleich er deswegen fast immer zu Hause war, bekam ich kaum etwas aus ihm heraus. Er rührte sich praktisch nicht aus seinem Sessel und ließ alle meine Versuche, ein Gespräch anzufangen, ins Leere laufen.

Dann, eines Morgens eine knappe Woche nach dem Mord, fragte er mich, ob ich Lust hätte, ihn zu einem Besuch zu begleiten. Das freute mich, war ich doch der Meinung, dass es falsch von ihm sei, alles im Alleingang lösen zu wollen, und ich freute mich darauf, den Fall mit ihm zu erörtern. Ich fand ihn allerdings nicht sehr mitteilsam. Nicht einmal meine Frage, wohin es denn gehe, würdigte er mit einer Antwort.

Poirot liebt es, sich geheimnisvoll zu geben. Erst im allerletzten Augenblick rückt er mit einer Information heraus. In diesem Falle brauchte es erst eine umständliche Fahrt mit dem Bus, dann mit zwei verschiedenen Zügen, um einen der deprimierendsten südlichen Randbezirke Londons zu erreichen, ehe er sich endlich zu einer Erklärung bereitfand.

»Damit Sie es wissen, Hastings, wir statten dem profundesten Kenner der chinesischen Unterwelt von ganz England einen Besuch ab.«

»Tatsächlich! Und wer ist es?«

»Ein Mann, von dem Sie noch nie etwas gehört haben – ein Mr John Ingles. Im Grunde ist er nichts weiter als ein pensionierter Verwaltungsbeamter von mittelmäßiger Intelligenz mit einem Haus voller chinesischer Kuriositäten, mit denen er seine Freunde und Bekannten langweilt. Dennoch wurde mir von mutmaßlich gutunterrichteter Seite versichert, der Einzige, der mir die erwünschten Informationen liefern könne, sei ebendieser John Ingles.«

Schon wenige Augenblicke später stiegen wir die Vortreppe von The Laurels hinauf – wie Mr Ingles’ Domizil hieß. Da ich nirgends einen wie auch immer gearteten Lorbeerstrauch ausmachen konnte, zog ich den Schluss, dass es seinen Namen der schwer nachvollziehbaren Namensgebungs-Systematik der Vororte verdankte.

Ein chinesischer Diener mit steinerner Miene ließ uns ein und geleitete uns zu seinem Herrn. Mr Ingles war ein kräftig gebauter Mann von gelblichem Teint mit tiefliegenden Augen, die einen eigentümlich nachdenklichen Ausdruck besaßen. Bei unserem Erscheinen stand er auf und legte den aufgefalteten Brief beiseite, den er in der Hand hielt. Nachdem er uns begrüßt hatte, spielte er auf das Schreiben an.

»Nehmen Sie doch Platz! Hasley teilt mir mit, Sie benötigten gewisse Informationen, und ich könnte Ihnen vielleicht in der Angelegenheit behilflich sein.«

»So ist es, Monsieur. Ich wollte Sie fragen, ob Sie irgendetwas über einen Mann namens Li Chang Yen wissen.«

»Das ist bizarr – in der Tat sehr bizarr. In welchem Zusammenhang sind Sie auf seinen Namen gestoßen?«

»Sie kennen ihn also?«

»Ich bin ihm einmal begegnet. Und ich weiß einiges über ihn – wenngleich nicht so viel, wie ich gern wüsste. Doch es überrascht mich, dass noch jemand in England von ihm gehört hat. In seiner Heimat ist er durchaus ein bedeutender Mann – ein hochangesehener Mandarin, falls Ihnen das etwas sagt –, aber das ist nicht das Entscheidende. Es besteht guter Grund zu der Annahme, dass er der Mann hinter allem ist.«

»Hinter allem?«

»Ja, allem. Der instabilen Weltlage, den Arbeiterunruhen, unter denen alle Industrienationen leiden, und den Revolutionen, die in manchen von ihnen ausbrechen. Es gibt Leute – keineswegs Panikmacher, sondern Experten mit einem kühlen Kopf –, die behaupten, dass hinter den Kulissen eine Kraft am Werk ist, deren Ziel nichts weniger ist als die Zerstörung der Zivilisation. Es spricht auch einiges dafür, dass Lenin und Trotzki bloße Marionetten in Russland waren, die den Befehlen eines fremden Gehirns gehorchten. Ich verfüge über keine Beweise, aber ich bin davon überzeugt, dass es sich um das von Li Chang Yen handelt.«

»Ach, kommen Sie«, wandte ich ein, »ist das nicht ein bisschen weit hergeholt? Wie sollte ein Chinese in Russland irgendeinen Einfluss haben?«

Poirot warf mir einen gereizten Blick zu. »Für Sie, Hastings«, sagte er, »ist alles ›weit hergeholt‹, was nicht Ihrer eigenen Vorstellungskraft entspringt; ich für mein Teil stimme mit diesem Gentleman überein. Aber sprechen Sie weiter, Monsieur, ich bitte Sie!«

»Was genau er sich von all dem verspricht, kann ich nicht mit Gewissheit sagen«, fuhr Mr Ingles fort. »Doch ich vermute, dass er an derselben Krankheit leidet, die von der Zeit Alexanders und Akbars bis hin zu Napoleon schon immer große Geister befallen hat – der Gier nach Macht und Autokratie. Bis in moderne Zeiten hinein waren Streitkräfte für einen Eroberer unerlässlich, doch in diesem Jahrhundert der Unruhen kann sich ein Mann wie Li Chang Yen anderer Mittel bedienen. Ich weiß, dass er für Bestechung und Propaganda auf unbegrenzte Summen zurückgreifen kann, und Indizien sprechen dafür, dass er über eine Art physikalische Waffe verfügt, die alle bisherigen Erfindungen in den Schatten stellt.«

Poirot folgte Mr Ingles’ Ausführungen mit äußerster Aufmerksamkeit.

»Und in China?«, fragte er. »Ist er dort auch aktiv?«

Der andere bejahte mit einem emphatischen Nicken.

»Was das betrifft«, sagte er, »habe ich zwar keine Beweise, die vor Gericht bestehen könnten, spreche aber aus eigener Erfahrung. Ich kenne jeden, der heutzutage in China etwas gilt, persönlich und kann Ihnen so viel verraten: Die Männer, die in den Augen der Öffentlichkeit das größte Ansehen genießen, sind Figuren praktisch ohne jede Persönlichkeit. Sie sind bloße Marionetten, die ein unsichtbarer, aber übermächtiger und genialer Puppenspieler nach seinen Vorstellungen tanzen lässt, und dieser Puppenspieler ist Li Chang Yen. Er ist der heutige Spiritus Rector des Ostens. Wir verstehen den Osten nicht – werden ihn niemals verstehen; aber Li Chang Yen ist dessen beherrschender Kopf. Nicht, dass er sich ins Rampenlicht stellen würde – oh, ganz im Gegenteil; er verlässt seinen Palast in Peking nie. Aber er hat die Fäden in der Hand – genau, er zieht die Fäden –, und schon geschehen Dinge in der Ferne.«