Die gute Schwester - Sarah Bonner - E-Book
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Die gute Schwester E-Book

Sarah Bonner

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Beschreibung

Zwei Schwestern. Ein Mann. Und eine tödliche Wahrheit.

Als Megan auf dem Handy ihres Mannes Chris ein Foto ihrer Zwillingsschwester Leah entdeckt, vermutet sie sofort eine neue, perfide Bosheit ihrer Schwester. Sie beschließt, Leah nach Jahren des Schweigens zu konfrontieren. Doch das Treffen endet mit einem schrecklichen Streit – und einem Mord. In Panik fasst Megan einen Plan: Wenn niemand weiß, dass Leah tot ist, wird es auch keine Ermittlungen geben – schließlich gleichen die beiden sich aufs Haar. Megan beginnt, ein Doppelleben zu führen. Sie taucht in Leahs luxuriöses Leben ein und sieht so die Chance, ihrer toxischen Ehe zu entfliehen. Doch Leahs Intrigen reichen tief – und auch Chris weiß mehr, als Megan ahnen kann …

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Seitenzahl: 456

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Buch

Als Megan auf dem Handy ihres Mannes Chris ein Foto ihrer Zwillingsschwester Leah entdeckt, vermutet sie sofort eine neue perfide Bosheit ihrer Schwester. Sie beschließt, Leah nach Jahren des Schweigens zu konfrontieren. Doch das Treffen endet mit einem schrecklichen Streit – und einem Mord. In Panik fasst Megan einen Plan: Wenn niemand weiß, dass Leah tot ist, wird es auch keine Ermittlungen geben, schließlich gleichen die beiden sich aufs Haar. Megan beginnt, ein Doppelleben zu führen. Sie taucht in Leahs luxuriöses Leben ein und sieht so die Chance, ihrer toxischen Ehe zu entfliehen. Doch Leahs Intrigen reichen tief – und auch Chris weiß mehr, als Megan ahnen kann …

Autorin

Bereits als Jugendliche träumte Sarah Bonner von einer Karriere als Autorin. Doch zunächst wurde sie Buchhalterin. Nach 15 Jahren beschloss sie, sich ihren Jugendtraum zu erfüllen, und schrieb ihren ersten Roman Die gute Schwester. Sarah Bonner lebt mit ihrem Mann und zwei Hunden in Sussex.

Sarah Bonner

Die gute Schwester

Thriller

Aus dem Englischen von Stefanie Retterbush

Die englische Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel »Her Perfect Twin« bei Hodder & Stoughton, London, ein Hachette UK Imprint.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Deutsche Erstveröffentlichung September 2023

Copyright © 2022 by Sarah Bonner

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2023

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Covergestaltung: UNO Werbeagentur, München

Covermotive: Trevillion Images / Silas Manhood

Redaktion: Julie Hübner

ES · Herstellung: ik

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-29916-3V002

www.goldmann-verlag.de

Für Mum und Dad,

die mich in dem Glauben bestärkt haben, alles erreichen zu können

xx

Erster Teil

Megan

Erstes Kapitel

Ich kann mich nicht daran erinnern, wie mein Mann dieses Foto geschossen hat. Es zeigt mich in Unterwäsche auf unserem Bett, die Augen geschlossen, ein kleines Lächeln im Gesicht. Es ist eindeutig unser Bett mit dem ledergepolsterten Kopfende, das ich alle paar Tage abwischen muss, weil es so schnell verstaubt, dass man sonst meinen könnte, ich hätte jahrelang nicht geputzt. Die weiße Bettwäsche mit den kleinen blauen Vergissmeinnicht habe ich letzten Monat im Januar-Sale gekauft. Die Blümchen passen perfekt zu dem neonblauen Unterwäsche-Set, das ich auf dem Foto trage.

Nur habe ich gar keine neonblaue Unterwäsche.

Chris steht noch unter der Dusche. Er summt irgend so einen grässlichen Softrock-Song, während er das Badezimmer unter Wasser setzt. Bei meiner hektischen Suche nach den etwas gewagteren Ensembles durchwühle ich die Untiefen der obersten Kommodenschublade, und es regnet schlichte schwarze und hautfarbene Höschen. Schließlich entdecke ich ein Set aus roter Spitze, das vermutlich schon seit … na ja, bestimmt einem Jahr kein Tageslicht mehr gesehen hat. So lange kann es eigentlich noch nicht her sein. Oder vielleicht doch. Aber ich finde nirgendwo etwas Blaues. Rasch fange ich an, alles wieder zurückzustopfen. Ich spüre jemanden hinter mir und drehe mich um, und da steht er, mein Mann, direkt vor mir, noch nass vom Duschen, die Haare zerzaust im Gesicht.

»Ich mochte das Rote immer.« Träge grinst er mir zu und hält das Handtuch dabei so locker um die Taille, dass es jeden Augenblick herunterrutschen kann. Mit hochgezogenen Augenbrauen sieht er mich an und wackelt fast unmerklich mit den Hüften.

Errötend wende ich mich ab und versuche, ihn zu ignorieren. Unter seinem intensiven Blick räume ich alles hastig zurück in die Schublade.

»Suchst du was Bestimmtes?«, fragt er.

Ich knie vor der Kommode und schüttele den Kopf, ohne ihn anzusehen. »Nichts Wichtiges.«

»Wie immer also«, entgegnet er seufzend, nimmt sein Handy vom Bett und spaziert hinüber in unsere kleine Ankleide-Nische.

Es gab Zeiten in unserer Ehe, da wäre ich in die neckische rote Spitze geschlüpft, die aus dem eintönig schwarzen und hautfarbenen Meer aus Mikrofaser-Baumwoll-Gemisch hervorblitzt, hätte ihm das Handtuch mit einem breiten Grinsen vom Leib gerissen und ihn wild kichernd durchs ganze Haus gejagt.

Heute greife ich nur nach meinem Handy und fange hektisch an, meine Fotogalerie zu durchforsten. Ich mache ständig Fotos. Als Gedächtnisstütze. Als Beweis. Meine Garderobe zu dokumentieren hilft mir, meine Erinnerungen mit dem Gefühl bestimmter Stoffe auf der Haut zu verknüpfen: ob ich Baumwolle getragen habe oder Seide oder einen etwas kratzigen Pullover wie den hellvioletten, den ich mir letztes Jahr gekauft habe und den ich immer noch anziehe, obwohl ich Gänsehaut bekomme, wenn ich mich darin zu schnell bewege.

Ich scrolle rückwärts durch mein Fotoalbum: letzte Woche, letzten Monat. Keine Spur von neonblauer Spitze. Die habe ich ganz bestimmt nicht gekauft. Und ich müsste mich doch daran erinnern, sie getragen zu haben? Daran, wie ich mit einem leichten Lächeln auf den Lippen auf dem Bett gelegen habe, einen Finger kokett unters Bündchen gehakt, während er das Foto von mir schoss.

Womöglich hat Chris das Set ja auch für mich gekauft, und ich habe es angezogen und im Eifer des Gefechts wieder vergessen. In der Aufregung, weil mein Mann mich ausnahmsweise mal beachtet und sich ein bisschen um mich bemüht hat. Aber in den vier Jahren, die wir zusammen sind, hat er mir nur ein einziges Mal Unterwäsche geschenkt. Ein jungfräulich weißes Ensemble für unsere Hochzeitsnacht. Seitdem – nichts.

Es sei denn, er spielt Spielchen mit mir. Mal wieder.

Er hält sich für so clever, aber früher oder später kriege ich ihn. Die Nummer mit dem besorgten Ehemann wird langsam alt. Die kaufe ich ihm nicht mehr ab. Ich weiß ganz genau, dass er hinter einigen meiner »Gedächtnislücken« vom vergangenen Jahr steckt. Ich kann es nur noch nicht beweisen.

Ich höre ihn in der Küche Kaffee kochen. Er hat dabei so eine nervtötend pedantische Art. Alles wird exakt abgemessen und penibel ausgeführt, wie eine Versuchsanordnung im Chemielabor. Er guckt immer ganz entsetzt, wenn ich mir ein paar Löffel lösliches Pulver in den Becher schaufele und kochendes Wasser darüber schütte. Schlimmer ist nur, wenn ich dann auch noch kaltes Wasser hinterherkippe, damit der Kaffee schneller abkühlt.

Vorsichtig spähe ich in seine Schubladen. Er ist ein ordentlicher Mensch, und ich muss vorsichtig sein, nicht alles durcheinanderzubringen. Keine blaue Spitze. Aber so was Kleines lässt sich leicht verstecken, und ich habe keine Zeit, das ganze Haus zu durchwühlen.

Ob er wollte, dass ich das Foto finde? Hat er sein Handy darum so auffällig mitten auf dem Kissen liegen lassen, als er unter die Dusche gegangen ist? Weil er wusste, dass ich der Versuchung nicht würde widerstehen können? Und weil er wusste, dass ich rein gar nichts ausrichten kann? Nicht, nachdem ich letzte Woche so einen Aufriss wegen meiner Privatsphäre gemacht habe. Scheißkerl.

Ich gebe meine Suche auf und tappe hinunter in die Küche. Vielleicht erwische ich ihn ja da bei irgendetwas. Er macht gerade Pfannkuchen – kleine amerikanische Pancakes, die klitzekleine Bläschen werfen, leicht und fluffig – und summt dazu ein Lied. Ich kenne es, weiß aber nicht mehr, woher. Ich erinnere mich vage daran, wie ich in einem Auto sitze und mitsinge, und meine Haare flattern im Wind. Die Luft ist salzig und kühl. 2002. Der Sommer, als Leah und ich auf Klassenfahrt in Dublin waren, ohne Pinkelpause stundenlang in einen überfüllten Bus gepfercht. Am zweiten Abend hatte Leah zwei Jungs aufgegabelt, die uns in Daddys Cabrio herumchauffierten. Wir fuhren hinaus aus der Stadt und über eine Holzbrücke zum endlos langen Sandstrand von Dollymount. Leah machte sich mit einem der beiden Jungs davon und ließ mich mit seinem Freund – vielleicht war es auch sein Bruder, ich weiß es nicht mehr – stehen. Wir Zurückgebliebenen standen dumm herum und unterhielten uns angestrengt, während ich mindestens genauso angestrengt versuchte, nicht darüber nachzudenken, was meine Zwillingsschwester wohl gerade hinter der Männerumkleide trieb.

»Möchtest du vielleicht auch …?«, hatte der, mit dem ich dastand, gefragt und auf die Kabinen gedeutet.

»Ich habe einen Freund«, hatte ich geantwortet. Sauber und anständig. Ich wollte lieber auf den Richtigen warten.

Chris hat den kleinen Tisch in der Küchenecke gedeckt, darauf steht eine French Press neben ein paar weißen Blüten in einer schmalen hohen Vase. Die habe ich am selben Tag wie die Vergissmeinnicht-Bettwäsche gekauft, genau wie die beiden weichen grauen Kissen fürs Wohnzimmer und einen ganzen Stoß neuer Handtücher. Seine Mutter hatte uns welche zur Hochzeit geschenkt, aber die hatte ich leider wegwerfen müssen, nachdem ich sie versehentlich mit Haarfarbe vollgeschmiert hatte und zu feige gewesen war, es ihm zu beichten. Naiv, wie ich war, hatte ich geglaubt, sie einfach eins zu eins ersetzen und in die Wäschekammer schmuggeln zu können, ohne dass er es bemerkte. Aber es war ihm sofort aufgefallen. Natürlich, er merkt es immer, wenn irgendetwas nicht so ist, wie es sein soll. Seit wir zusammenwohnen, schleiche ich wie auf rohen Eiern durchs Haus und versuche alles, damit jedes Ding an seinem Platz ist. Ich vergewissere mich sogar, dass die Klopapierrolle »richtig herum« im Halter steckt, und belade den Geschirrspüler ganz genau nach seinen Anweisungen. Ich weiß nämlich, dass es ihm sofort auffällt, wenn irgendetwas nicht da ist, wo es hingehört, und dadurch die Ordnung, die er der Welt um sich herum aufdrückt, stört. Mir hat er vorgeworfen, schlampig zu sein. Vergesslich. Eine Katastrophe. Genau wie deine Mutter.

Auf den Pattersons lastet nämlich ein Fluch. Aber mich kriegt er nicht. Ich werde mich nicht von ihm runterziehen, mich nicht mit in die Tiefe reißen lassen, in die bodenlose Schwärze, in der alles versinkt. Nicht wie meine Mutter, die meine Schwester und mich hilflos darin treibend zurückgelassen hat, während sie selbst ertrank.

Ich gieße uns Kaffee ein und sehe zu, wie Chris Pancakes auf einen Teller stapelt und Ahornsirup darüber gießt. Er ist heute so beschwingt wie selten und stellt die Pfannkuchen mit großer Geste und Verbeugung vor mir auf den Tisch.

»Ta-da!«, tönt er. »Pancakes für meine wunderschöne Frau!« Er gibt mir einen Kuss auf die Wange und grinst mich an. Dann zieht er zwei Servietten aus der Schublade und legt mir eine davon in den Schoß, und das Grinsen wird noch breiter. Sie ist neonblau. Ich kaue einen Pancake-Bissen und lasse meinen Mann dabei nicht aus den Augen. Die Pfannkuchen sind wie Glassplitter in meinem Mund. Er beobachtet mich mit einem Zucken um die Mundwinkel. Er will mich triezen. Wieder einmal.

»Alles okay, Meggie?« Seine Stimme trieft nur so vor geheuchelter Sorge. »Ist was mit den Pancakes? Du hast sie ja kaum angerührt.«

Der Stapel vor mir scheint im fahlen Sonnenlicht, das durch die Fenster fällt, zu flirren. Die Glassplitter in meinem Mund zerfallen zu Asche. Bilde ich mir den leichten Mandelgeschmack auf der Zunge nur ein?

»Wenn du sie nicht willst, esse ich sie«, sagt er, die Gabel schon über meinem Teller. Ich schiebe sie ihm hin. »Nervös wegen des Besuchs bei deiner Mum?«

Nein, natürlich nicht, möchte ich am liebsten schreien. Warum sollte ich nervös sein wegen eines Besuchs bei Mum? Die keinen Schimmer hat, wer ich bin, und mich immer, wenn ich es über mich bringe, sie zu besuchen, Leah nennt? Aber ich lächele bloß und flüstere: »Ein bisschen.«

»Ich bin doch bei dir, Meggie. Wir schaffen das. Gemeinsam.«

Mum lebt etwas außerhalb des Dörfchens Wotton unweit von Dorking. Das Haus ist traumhaft, mit den North Downs dahinter, einem großen Park voller Obstbäume und versteckten schattigen Sitzplätzen, im Sommer perfekt zum Schmökern. Die reinste Idylle, wären da nicht die anderen Bewohner und der Grund ihres Aufenthalts. Manchmal kann ich mir einreden, es sei alles gut. Dass wir uns nur zu einem Tässchen Tee in einem alten Herrenhaus verabredet haben, wie so viele meiner Freundinnen mit ihren Müttern. Ein kleiner Sonntagsausflug an einen hübschen Ort. Doch die Besuche im Jonas Institute werden meist jäh unterbrochen von den Schreien der Dame nebenan. Meistens wegen des Mannes, der immer an ihr Fenster klopft, um sie zu erschrecken. Oder wegen des Mannes, der sich gern mal auszieht und ungeachtet des Wetters splitternackt auf dem Gelände herumläuft, bis die gestressten Pfleger ihn in aller Eile wieder einfangen und zurück ins Warme bringen.

»Was ist das für ein Lärm, Leah?«, fragt meine Mum mich dann. Sie verwechselt mich immer mit meiner Schwester. Manchmal ignoriere ich es und belasse sie in dem Glauben, sie erzähle sich mit Leah Geschichten von früher. Und dann frage ich mich, ob Leah es bei ihren Besuchen genauso macht. Falls sie sie überhaupt besucht.

Ich wünschte bloß, ich könnte vernünftig mit Mum reden. Ihr alles erzählen. Von meiner Angst, so zu werden wie sie. Vor einer Zukunft mit nichts als einem Zimmer dort in diesem Haus, wo es nach abgestandenem Urin und verkochtem Kohl stinkt. Oder von der Befürchtung, mit meinem Mann könne etwas nicht stimmen.

»Du solltest sie anrufen«, meint Chris auf dem Weg nach Hause.

»Hmmm?«

»Leah. Du solltest sie anrufen.«

Nach jedem Besuch bei Mum sagt er das. Dass sie uns Zwillingsschwestern ein ums andere Mal verwechselt, treibt Chris dazu, mich immer aufs Neue zu einem Wiedersehen zu drängen. Ich habe Leah seit einer Ewigkeit nicht gesehen. Wobei ich natürlich weiß, was sie so treibt. Stalking würde ich das nicht nennen. Stalking – das ist ein starkes Wort. Da denkt man an schmierige Spanner im Trenchcoat, die im Dunkeln durchs Fenster spähen, wenn hübsche junge Mädchen sich im sanften Schein der Nachttischlampe den Rollkragenpulli ausziehen. Nein, stalken tue ich sie nicht. Ich sehe nur nach ihr, vergewissere mich, dass es ihr gut geht. Sie hatte schließlich immer schon eine Neigung zu zweifelhaften Entscheidungen. Und einen grässlichen Männergeschmack. Sie steht auf Männer, die sie wie den letzten Dreck behandeln. Schlimmer, als Dad damals Mum behandelt hat. Sie braucht mich. Irgendwer muss schließlich auf sie aufpassen. Obwohl mein eigener Männergeschmack gelegentlich auch zu wünschen übrig lässt.

Ich weiß nicht, wer von uns beiden als Erste auf die Welt gekommen ist, aber Leah behauptete immer, die Ältere von uns beiden zu sein. Im Krankenhaus haben sie uns schmale Bänder um die mageren, runzeligen Handgelenke gebunden und uns im grellen Licht des Kreißsaals hingelegt wie nackte Hühnchen. Unsere Bettchen waren entsprechend mit Mädchen eins und Mädchen zwei beschriftet. Vor der Entlassung wurden die Bändchen gegen verschiedenfarbige Strampler ausgetauscht. Unser Dad war gerade nicht da, und in dem heillosen Chaos, ganz allein mit zwei kleinen Babys im Schlepptau aus dem Krankenhaus nach Hause fahren zu müssen, vergaß Mum doch glatt, welcher Zwilling welcher war. Dad fand sie später in Tränen aufgelöst, weil sie nicht mehr wusste, wer Megan war und wer Leah. Und er hatte vom tränenüberströmten Gesicht seiner Frau in die sich wie ein Ei dem anderen gleichenden Gesichter seiner Zwillingstöchter geschaut und eine etwas zweifelhafte Entscheidung getroffen: Mit einer Nadel und einer abgebrochenen Kugelschreibermine tätowierte er Leah einen winzigen Punkt auf den Knöchel. Und mir zwei. Ja, mein Vater hat uns tätowiert, als wir gerade mal ein paar Tage alt waren. Was Besseres ist ihm nicht eingefallen, um uns auseinanderzuhalten. Als Mum sich schließlich wieder etwas beruhigt hatte, merkte sie an, er hätte auch einen wasserfesten Marker nehmen können oder so etwas, aber da war es längst zu spät. Wir wissen nicht einmal, ob die Markierungen stimmen. Vielleicht bin ich ja auch die Ältere und habe in den ersten Tagen meines Lebens noch Leah geheißen. Wir werden es wohl nie erfahren.

Mit ungefähr fünf versuchten wir gelegentlich, uns mit Bäumchen-wechsle-dich-Spielen durchzumogeln. Natürlich tauschten wir ständig die Rollen. Das machen Zwillinge nun mal. Beide für etwas zu bestrafen, was nur eine ausgefressen hat, scheint Eltern irgendwie ziemlich schwerzufallen. Aber meistens taten wir das bloß, um nicht für irgendwelche Kinkerlitzchen bestraft zu werden. Ein stibitzter Keks, verschüttete Milch, ein Filzschreiber, der sich durchs Papier gedrückt und einen Strich auf dem Küchentisch hinterlassen hatte. Nur einmal war es etwas Ernsteres. Es ging um einen Fußball und das Gewächshaus der Nachbarn gleich nebenan. Und trotzdem sind wir damit durchgekommen. Mein Vater hatte wohl nicht mit dem Einfallsreichtum zweier frühreifer Früchtchen, wie wir es waren, gerechnet. Früchtchen mit einem Permanentmarker und je zwei kleinen dunklen Punkten am Knöchel.

Mit fünfzehn im Türkeiurlaub schwindelten wir ganz unverfroren und überzeugten einen Tätowierer davon, wir seien schon achtzehn – eine dummdreiste Lüge, unglaublich, dass er darauf hereinfiel –, damit er jeder von uns eine Blume stach, unter der die alten Punkte verschwanden. Jetzt konnte uns niemand mehr auseinanderhalten.

Das war in dem Sommer gewesen, bevor alles anders wurde. Bevor Leah anfing, alles, was meins war, für sich zu beanspruchen. Bis dahin war alles unseres gewesen: unsere Spielsachen, unsere Klamotten, unser Schlafzimmer mit dem Etagenbett und dem allwöchentlich wiederkehrenden Streit darum, wer im heiß begehrten oberen Bett schlafen durfte. Als Dad uns zum zweiten Mal verließ – oder war es das dritte Mal? Wer weiß das schon noch so genau? –, tauschte Mum mit uns das Zimmer und zog in das Kleinere der beiden, damit wir das Stockbett rauswerfen und zwei Schlafsofas mitten in den Raum stellen konnten.

Nichts war vor Leahs langen Fingern sicher: Sie plünderte meine Schminksachen, klaute und versaute mir die Klamotten, die ich mir vom mühsam zusammengesparten Lohn meines Samstagsjobs gekauft hatte, und zerfledderte meine Bücher. Ganz besonders stolz war sie darauf, wenn sie mir meine Freundinnen abspenstig machte. Und natürlich jeden Jungen, der auch nur flüchtig in meine Richtung guckte. Immer mehr trat ich in ihren Schatten und drohte darin zu verschwinden. Zuzusehen, wie ich litt, schien sie nur noch mehr anzustacheln.

»Du solltest wirklich mal mit ihr reden.« Chris redete seit bestimmt zehn Minuten auf mich ein, ohne dass ich auch nur ein Wort davon mitbekommen habe.

»Was?«, frage ich.

»Herrje, Meggie. Hörst du mir überhaupt zu?«

Nur noch fünf Minuten bis nach Hause. Vierzig Minuten sitzen wir schon im Auto, und ich habe es kaum gemerkt. Links von uns ist Stoke Park, wo jedes Jahr die Landwirtschaftsausstellung stattfindet und wo Hannah – meine beste Freundin, die manchmal ein bisschen simpel sein kann – letztes Jahr ziemlich angeschickert versucht hat, einen sehr netten jungen Mann anzubaggern, nur um sich am Ende einen Whirlpool von ihm aufschwatzen zu lassen. Rechts sind Burger King und das Einkaufszentrum. Da haben Chris und ich mal das weltgrößte Softeis gegessen und uns die Köpfe heiß geredet, ob wir wirklich so viel Geld für zwei Wohnzimmersofas ausgeben wollen. Man glaubt es kaum, aber ein Zucker-Flash ist fast wie ein Alkoholrausch. Am Ende kauften wir auch noch ein Sideboard und einen neuen Küchentisch.

»Entschuldige. Ich war gerade meilenweit weg.«

»Um welchen Affront gegen dich und dein Leben kreist du denn diesmal?« Er klingt müde. Als langweile es ihn, schon wieder mit mir über die Sache mit Leah reden zu müssen. Dabei hatte er doch damit angefangen. Machte er das absichtlich? Mich so lange zu triezen, bis ich nachgab, und sich dann wie ein Affenarsch aufzuführen? Mir fällt das in letzter Zeit immer häufiger auf.

»Ich kreise um gar nichts.« Ich klinge wie ein Kind. Ich komme mir vor wie ein Kind. Ich wünsche mir einen ausgewachsenen Trotzanfall mit Schreien und Brüllen und Toben herbei. Wie gut sich das anfühlen würde. Aber natürlich reiße ich mich zusammen. Weil … na ja, wir sind doch schließlich erwachsen, und Erwachsene machen so etwas nicht, oder?

»Du musst endlich loslassen und nach vorn schauen. Sie ist schließlich immer noch deine Schwester.«

»Du verstehst das nicht.« Er ist das älteste, maßlos verwöhnte Kind gut gestellter Eltern, die bis heute miteinander verheiratet sind. Was er unter einer kaputten Familie versteht, ist ein Witz – die schauerlichste Leiche im Keller der Familie Hardcastle ist seine Tante Louise, die erst mit neununddreißig geheiratet hat und beinahe die Gelegenheit verpasst hätte, noch was vom Erbe abzubekommen. Ich habe es bis heute nicht übers Herz gebracht, ihm zu stecken, dass seine geliebte Tante der ganzen Familie etwas vormacht und nur den Schein einer Ehe wahrt, um den Anspruch aufs Erbe nicht zu verlieren, weil im Testament steht, sie müsse verheiratet sein. Und dass die »beste Freundin«, von der sie immer redet, zweifelsohne die Liebe ihres Lebens ist. Na ja, übers Herz würde ich es schon bringen – ich würde zu gern sein dummes Gesicht sehen, wenn ihm aufgeht, dass sein Tantchen doch nicht ganz so brav und prüde ist, wie er immer denkt –, aber er würde es mir ohnehin nicht glauben. Und wenn doch, würde er Louise womöglich das Leben schwer machen, sie vielleicht sogar enterben lassen oder sonst was Fieses. Aber sie weiß, dass ich es weiß, und wir machen uns einen Spaß daraus, uns mit immer weniger verklausulierten Karten und Geschenken zu bedenken. Zu meinem letzten Geburtstag habe ich eine von Louise und Bella unterschriebene Karte bekommen statt wie sonst eine von Louise und Tony. Chris ist es gar nicht aufgefallen.

Jedenfalls glaubt er in seiner kindlichen Naivität, alle Familien seien wie seine. Aber da irrt er sich. Meine ist ein Katastrophenszenario, eine nicht enden wollende Unglücksserie, eine unablässige Abfolge von Desastern. Ich habe Leah früher ein ums andere Mal verziehen, weil sie mich wieder und wieder angefleht hat, ihr nicht böse zu sein, und danach immer versprochen hat, es auch ganz bestimmt nie wieder zu tun. »Hand aufs Herz, ich schwöre«, sagte sie immer. Aber irgendwann hat sie etwas getan, das ich ihr nicht verzeihen und nie vergessen werde. Das war, ehe Chris und ich uns kennengelernt haben. Er ist meiner Schwester noch nie begegnet. Er hat keine Ahnung, wozu sie fähig ist.

Zu Hause angekommen gieße ich mir ein riesengroßes Glas Wein randvoll und trinke rasch, damit es nicht überläuft und alles auf den Boden schwappt. Chris sieht mich an, seufzt und geht dann ins Gästezimmer, wo er sich seine kleine Neandertalerhöhle eingerichtet hat. Er lässt mich allein mit den Gedanken an meine Schwester und unsere Mum und den ganzen Mist, der passiert ist.

Eine Benachrichtigung von Instagram. Leah hat neue Fotos gepostet. Wie haben die Leute das früher bloß ohne soziale Medien angestellt? Ich meine, wenn man wissen wollte, was andere so machen? Ich habe seit fünf Jahren nicht mehr mit ihr geredet – seit sie das Buch rausgebracht hat –, aber ich weiß ganz genau, was sie gestern gefrühstückt hat, mit wem sie ausgeht, an welchen Tagen sie Yoga macht. Und jetzt weiß ich auch, dass sie gestern Abend mit einem Haufen Hühnern im tief dekolletierten schwarzen Kleid »feiern« war. Und in ihrem Ausschnitt blitzt ein neonblauer Spitzen-BH.

Derselbe neonblaue BH, an den ich mich nicht erinnern kann, und auch nicht daran, wie ich mich darin auf der neuen Bettdecke im Schlafzimmer vor Chris’ Kameralinse gerekelt habe.

Denkt Chris, dass ich das war?

Diesmal bringe ich sie um!

Zweites Kapitel

Michael war mein erster richtiger Freund. Ich war sechzehn, als wir uns kennenlernten. Es war kurz vor den Abschlussprüfungen. Gestresst hatte ich in der Bibliothek gesessen und mich mit Trostschokolade vollgestopft, während ich für meine Matheprüfung paukte. Michael war eine Klasse über mir, hatte ein schiefes Lächeln und einen Pony, der ihm ständig ins Gesicht fiel. Schüchtern hatte er mich gefragt, welche von beiden Schwestern ich sei.

»Megan. Sorry.«

»Hatte ich gehofft«, hatte er geantwortet und sich mir gegenüber auf den Stuhl gesetzt.

Von da an waren wir unzertrennlich. Ich konnte gar nicht genug bekommen von diesem Jungen. Endlich jemand, der mich wollte. Der mich und meine Zwillingsschwester gesehen und sich für mich entschieden hatte. Bis dahin war ich immer nur der Trostpreis gewesen für die Jungs, die bei Leah abgeblitzt waren.

Michael und ich warteten bis nach den Prüfungen. Mum musste arbeiten, eine Extraschicht im Pflegeheim, weil Dad mal wieder nicht rechtzeitig gezahlt hatte und wir sonst mit der Miete in Rückstand geraten wären. Leah hatte sich von mir überreden lassen auszugehen, damit Michael und ich das Haus für uns allein hatten. Eine Woche vorher hatte ich es ihr erzählt. Dass ich »es« endlich tun wollte. Es hatte sich fast wieder angefühlt wie früher. Damals, als wir zusammen auf einem der Betten in unserem Zimmer gelegen und uns in der Dunkelheit flüsternd unsere Geheimnisse erzählt hatten, während wir darauf warteten, Mums Schlüssel in der Tür zu hören, die spätabends von der Arbeit kam. Ich hatte Leah gestanden, dass mir das ein bisschen Angst machte. Weil ich nicht wusste, was genau ich tun sollte, oder dass er mich auslachen könnte. Oder schlimmer noch, weil er es in der Schule herumerzählen könnte und die mich dann alle auslachen würden. Sie hatte mir gut zugeredet, mir gesagt, dass es für ihn auch das erste Mal war und dass er bestimmt auch nervös sein würde.

Aber an dem Abend, als wir »es« dann tun wollten – wir glaubten ernsthaft, wenn wir es nicht beim Namen nannten, wüssten unsere Eltern nicht, wovon wir redeten –, wurde ich bei der Arbeit aufgehalten. Ich hatte die Nachmittagsschicht im Restaurant und war für die Übergabe zwischen Nachmittagsmannschaft und Dinnerbesetzung zuständig. Und darum musste ich auch auf eine der anderen Kellnerinnen warten – ein Mädel, das Leah aus ihrer Theatergruppe kannte –, und es dauerte, bis sie endlich auftauchte. Sie kam beinahe eine ganze Stunde zu spät, und ich war fix und fertig mit den Nerven. Ich hatte Michael gesagt, er solle um sieben bei mir zu Hause sein, und weil mein Handy-Akku tot war, konnte ich ihm nicht Bescheid sagen, dass ich mich verspäten würde. Kurz nach acht schloss ich die Haustür auf und rannte die Treppe zwei Stufen auf einmal nehmend hoch, um mein Ladekabel zu holen, das Handy einzustöpseln und ihn anzurufen. Aber er war schon da. In meinem Zimmer. In meinem Bett. In meiner Schwester, der er meinen Namen ins Ohr flüsterte.

Sie hat mir mein erstes Mal genommen, und den Jungen, in den ich verliebt war. An dem Abend hätte ich sie umbringen können. Ich wollte sie aus dem Bett schleifen und ihr ins Gesicht schreien und sie mit dem Kopf auf den Boden schlagen.

Michael hatte geglaubt, sie sei ich, und gedacht, ich sei ein bisschen aufgeregt und darum so »komisch«. Aber als er sich zu mir umdrehte, wie ich da in der Tür stand, in meiner Kellnerinnenuniform, das Namensschild gut sichtbar an die Bluse geheftet, konnte ich mitansehen, wie in diesem Moment des unverzeihlichen Verrats die Liebe in seinen Augen erlosch und Scham und Wut und etwas, das ich gar nicht benennen konnte, sein Gesicht verdunkelten. In fliegender Hast hatte er sich angezogen und war Hals über Kopf aus dem Haus gestürzt. Leah hatte sich aufgesetzt, und die Bettdecke, unter der sie nackt war, war heruntergerutscht. Sie hatte mir geradewegs in die Augen geschaut – »Der war’s nicht wert, Schwesterherz« –, die Haare nach hinten geworfen und leise gelacht. Blanker Hass brodelte siedend heiß in mir. Zu ihrem Glück kam Mum früher nach Hause und zerrte mich von meiner Schwester weg. Beide bekamen wir Hausarrest. Leah, weil sie mit einem Jungen geschlafen hatte, und ich, weil ich es getan hätte, wenn sie mir nicht zuvorgekommen wäre. Zwei Wochen lang durften wir unser Zimmer nicht verlassen und sollten darüber nachdenken, wie durch und durch verdorben wir waren. Meine Wut verrauchte, mein Wunsch, sie umzubringen, verflog, und ich fing an, einen Plan zu schmieden, wegzukommen von diesem Weib, das vor nichts zurückschreckte, um mir alles zu nehmen.

Tja, Chris würde sie mir nicht abspenstig machen. Auch, wenn ich nicht mal mehr wusste, ob ich ihn überhaupt noch wollte.

Ich kann nicht anders, ich muss ständig auf dieses Instagram-Foto starren. Das Foto mit ihr in diesem nuttigen Kleid und dem hervorblitzenden blauen BH, aufgenommen auf den gewienerten Stufen ihres Hauses. Das kenne ich noch aus der Fotostrecke einer Ausgabe des Writing Magazine vor vier Jahren. Nach zwanzig Wochen auf Platz eins der Sunday Times-Bestsellerliste hatte sie sich zur Feier ihres Erfolgs eine überteuerte herrschaftliche weiße Stadtvilla im angesagten Belsize Park gegönnt. Da wimmelt es nur so von Weibchen in Lycra, die mit personalisierten umweltfreundlichen Thermobechern zum Bikram Yoga marschieren. Oder war es Aerial Yoga, das gerade so angesagt ist? Was es auch war, Leah war sicher dabei. Der Artikel mit dem schönen Titel »Die oberen Zehntausend« zelebrierte den unverschämten Reichtum einiger weniger glücklicher Autoren, die in den vergangenen Jahren ganz groß rausgekommen waren. Leahs Haus war geschätzte zwei Millionen Pfund wert. Beinahe sieben Mal so viel wie die gammelige kleine Maisonettewohnung, für die ich vor einigen Jahren alle meine Kröten zusammengekratzt hatte und trotzdem noch eine fette Hypothek hatte aufnehmen müssen. Die lag mir genauso schwer im Magen wie das ungute Gefühl, es könne jeden Augenblick was ganz Grässliches passieren, wie, dass die Decke über mir einstürzte oder der Warmwassertank explodierte. Leah hatte bar bezahlt, und ihr Haus war in tadellosem Zustand. Nur drei Tage nach Erscheinen des Artikels hatte Chris vorgeschlagen, wir könnten doch zusammenziehen und zusammenlegen, um uns gemeinsam was Besseres leisten zu können. Ich hatte nicht lange nachdenken müssen.

Das Buch, das Leah reich und berühmt gemacht hatte, war die Geschichte unserer Kindheit und Jugend als eineiige Zwillinge. Das Buch, das wir uns geschworen hatten gemeinsam zu schreiben. Mit dem wir unsere Beziehung wieder hatten kitten wollen. Ich hatte meinen Job gekündigt, und wir hatten uns über den Winter in einer kleinen Hütte mitten im Nichts eingenistet. Tagsüber schrieben wir, nachts tranken wir. Wir lebten von Baked Beans und dem gelegentlichen Sonntagsbraten im örtlichen Pub. Aber das Geld, das wir für dieses kleine Abenteuer zurückgelegt hatten, schmolz schneller dahin, als wir gucken konnten. Weshalb ich mir schließlich widerstrebend einen Job suchen musste, während Leah allein in der kleinen Hütte blieb, um das Manuskript fertig zu tippen und es dann einem Agenten schmackhaft zu machen. Aber während ich mir den Buckel krumm schuftete, die Buchhaltung für eine Holzfirma in Reading machte und in einer feuchten WG hauste, um die Miete für die Hütte bezahlen und Leah regelmäßig Carepakete schicken zu können, führte sie ganz anderes im Schilde. Entgegen allen Abmachungen schrieb sie die Geschichte auf, die wir, wie wir uns versprochen hatten, nie erzählen wollten, löschte meinen Namen aus dem Impressum und verhökerte das Buch auf eigene Faust. Sie hat Millionen damit gescheffelt. Geschichten über die Kapriolen zweier Zwillingsschwestern und das Doppelleben ihres Vaters scheinen eine breite Leserschaft anzusprechen.

Wir – sprich Leah, Mum und ich – waren die »Zweitfamilie« unseres Vaters, sein schmutziges kleines Geheimnis, das er seiner »anderen Familie« mit einer bildhübschen Frau und zwei rugbyverrückten Söhnen verheimlichte. Wir waren schon zehn, als Mum schließlich offiziell davon erfuhr. Wobei sie es schon viel früher geahnt haben musste. Leahs Buch gab Mum dann den Rest, und eine Woche nachdem sie es gelesen hatte, mussten wir für sie einen Platz im Pflegeheim suchen. Das Leben der Menschen um uns herum zu zerstören liegt uns Pattersons wohl im Blut. Das Erbe unseres Vaters.

Das Erbe meiner Mutter dagegen ist eine Mischung aus Selbstverleugnung und Selbsttäuschung. Die erste Hälfte unseres Lebens hat sie sich eingeredet, alles sei in bester Ordnung, und die zweite war sie überzeugt, jemand oder etwas habe es auf sie abgesehen, weshalb sie sich ständig nach jedem Geräusch und jedem Schatten umdrehte. Sie hatte schon eine ganze Weile Probleme, schaffte es aber irgendwie, den Kopf über Wasser zu halten. Bis dann das Buch herauskam, die Presse sich darauf stürzte und auf dem kleinen struppigen Rasenfleckchen kampierte, das Mum ihren Vorgarten nannte. Als »Zweitfrau« wurde sie genüsslich ausgeweidet und auf dem Scheiterhaufen der öffentlichen Meinung verbrannt. Unsere süße kleine Mum, die unseren Dad mit gerade einmal dreiundzwanzig kennengelernt und sich Hals über Kopf verliebt hatte in den Mann, der versprach, ihr die Welt zu Füßen zu legen. Wann sie wohl das erste Mal vermutet hatte, dass er nicht der war, als der er sich ausgab? Als er die Geburt seiner Zwillingstöchter verpasste? An einem der vielen Geburtstage, Feiertage, Weihnachten, zu denen er fehlte? Oder als er ihr erzählte, er habe weder Geschwister noch Tanten, Onkels oder Cousins? Dass seine Eltern, wie er ohne die leiseste Gefühlsregung erzählte, beide umgekommen seien, als er noch ganz klein gewesen war?

Die Reporter der Schmutzpresse mit ihren Teleobjektiven und ihrem unersättlichen Appetit auf Skandale hatten sie zum Feindbild erkoren und verfolgten sie erbarmungslos. Sie hielten ihr vor, nicht gemerkt zu haben, dass etwas nicht stimmte mit dem Mann, den sie geheiratet hatte. Es hätte ihr doch etwas auffallen müssen, so schrieben sie, und wer so blind sei, den treffe fast genauso viel Schuld. Wie leicht es doch ist, jemanden zu verteufeln, mit dem Finger auf ihn zu zeigen und »selber schuld« zu sagen, dabei einfach zu übersehen, wie jung, naiv und verliebt sie gewesen war. Und dann war sie plötzlich Mutter von zwei kleinen Zwillingsmädchen, die Windeln brauchten und Feuchttücher und Strampler. Nie im Leben hätte sie die allein durchbringen können. Sie machten aus ihr ein billiges Flittchen und stellten sie öffentlich an den Pranger. Ich kann mich noch gut an die Schlagzeilen erinnern, einschließlich der, in der sie als Hure bezeichnet wurde. Und an einen besonders bösartigen Artikel, daneben ein grottenschlechtes Foto mit einem gephotoshoppten scharlachroten »A« auf ihrem weißen Sommerkleid.

Dieses vermaledeite Buch und diese verfluchten Journalisten. Und meine verdammte Schwester, die meine Mutter um den Verstand gebracht und sie den Wölfen zum Fraß vorgeworfen hat, um sich davon ein schickes Haus zu kaufen. Am liebsten würde ich sie umbringen.

Bei unserem einzigen Gespräch nach Erscheinen des Buches hat sie mir gesagt, sie hätte es nicht des Geldes wegen getan. Dass sie genauso erstaunt sei wie ich, wie viel sie damit verdient habe. Wir waren uns an dem Tag ganz zufällig über den Weg gelaufen – sie stand in der Kaffeeschlange in Kew Gardens, in Skinny Jeans, rehbraunen knöchelhohen Stiefeletten aus butterweichem Leder und einem schlichten weißen T-Shirt, die Haare zu einem strengen Pferdeschwanz frisiert. Sie war die personifizierte Lässigkeit, wie ich sie einfach nie hinbekam, obwohl sie mein Spiegelbild war. Wobei, das stimmt so gar nicht. Manche Zwillinge sind wirklich spiegelverkehrt: einer Linkshänder, einer Rechtshänder, eine mit Sommersprossen auf der rechten Wange und eine auf der linken.

Aber Leah ist ich.

Mein perfekter Zwilling.

Dabei sind wir grundverschieden in unserer Art zu denken und in dem, was wir tun. Aber so unterschiedlich unsere Geschmäcker auch sein mögen, immer hatten wir am Ende dieselbe Frisur. Aus Trotz hatte ich mir nach dem Zwischenfall mit Michael einen Bob schneiden lassen. Und just in dem Augenblick hatte Leah bei einem Friseur am anderen Ende der Stadt gesessen und genau dasselbe getan. Um es den Leuten leichter zu machen, uns auseinanderzuhalten, wie sie meinte. Und damit sich so was wie mit Michael nie wiederholen konnte.

Ob Chris gedacht hat, ich sei das in der blauen Unterwäsche?

Ganz bestimmt müsste mein eigener Ehemann doch gemerkt haben, dass ich es nicht war? Bestimmt konnte Leah sich doch nicht vor dem Mann, den ich geheiratet hatte, für mich ausgeben? Vor dem Mann, der mir vor der ganzen Welt gelobt hatte, er liebe mich bis zum Mond und zurück?

Aber wenn er gewusst hatte, dass ich es nicht war …

Warum hätte er das tun sollen? Und wie? Die beiden kennen sich nicht, mein Mann und meine Zwillingsschwester. Ich hatte Chris erst ein paar Monate nach der Veröffentlichung des Buches kennengelernt. Er hatte mich im Zug auf dem Heimweg von der Arbeit angesprochen.

»Sind Sie die, die ich glaube, dass Sie es sind?«, hatte er gefragt. Und ich hatte nur den Kopf geschüttelt, mich abgewendet und an meinem lauwarmen Dosen-Gin-Tonic genippt. Den hatte ich mir nach dieser Höllenwoche mehr als verdient.

»Dann sind Sie die andere?«, hatte er nachgehakt und dabei geflissentlich übersehen, dass ich eigentlich nur meine Ruhe haben wollte.

Ich hatte dann schließlich klein beigegeben und ihn angesehen. Schokoladenbraune Augen mit kleinen Fältchen drum herum, wenn er lächelte. Ich hatte eigentlich etwas Unhöfliches sagen wollen, aber unvermittelt ertappte ich mich bei der Suche nach einer schlagfertigen Antwort, während mein verräterischer Mund den Fremden doch tatsächlich anzulächeln begann. »Erwischt«, sagte ich und hätte im Boden versinken wollen, weil es so lächerlich klang.

»Dabei, Ihre Familie nicht der Klatschpresse zum Fraß vorwerfen zu wollen?« Er schlüpfte auf den Platz mir gegenüber und griff mit einer Hand in den Rucksack, aus dem er zwei etwas teurere Gin-Tonic-Dosen zog.

»Schlückchen?«, fragte er und hielt mir eine davon unter die Nase. Chris hat die Angewohnheit, Dinge in einem Wort zusammenzufassen: So ist jedes alkoholische Getränk ein »Schlückchen«, dessen genaue Zusammensetzung jeweils von Tageszeit, Ort und Gesellschaft bestimmt wird. Dabei gelten strenge Regeln, die allerdings nur einigen wenigen Eingeweihten bekannt sind. »Häppchen« ist der Sammelname für alles Herzhafte, das man abends vor dem Fernseher konsumiert – wenn es nicht herzhaft ist, gilt es nicht. Jede Mahlzeit mit Bacon ist »Frühstück«, ungeachtet der Tageszeit, es sei denn, es handelt sich um einen Burger, weil der eindeutig kein Frühstück ist. Im Laufe der Jahre sind immer mehr neue Wörterbucheinträge dazugekommen. »Glotze« ist alles Hirntötende, womit man sich berieseln lassen kann, und »Trips« sind Urlaube, bei denen es weniger um das Ziel an sich als vielmehr um das unbegrenzte Vorhandensein von Sonne und Cocktails geht. Anfangs fand ich das noch ganz süß: Hand in Hand durch das Terminal in Gatwick zu schlendern und von unserem Zimmer direkt am Wasser im All-inclusive-Resort in der Türkei zu träumen, während er ein Liedchen über unseren »Trip« trällerte und wie toll das alles werden würde. Jetzt kriege ich bei dem Wort eine Gänsehaut, wenn ich ganz ehrlich bin.

Chris hatte bei dieser Zugfahrt jedenfalls reichlich Erfrischungsgetränke dabei, und bei der Einfahrt in Guildford hatte ich drei doppelte Gin Tonic intus und war ein bisschen angeglimmert. Ich erinnere mich verschwommen an ein Abendessen in einem kleinen italienischen Bistro an der Hauptstraße und einen unschuldigen Kuss vor meiner Wohnungstür. Er hatte mit hereinkommen wollen, woraufhin ich entsetzt getan und lautstark verkündet hatte, »so eine« sei ich nicht.

Nur zur Information, ich war überhaupt keine, weder »so eine« noch eine andere. Zumindest nicht so richtig. Ich hatte in meinem Leben schon so einiges angestellt, was mir hinterher leidgetan hatte. Mal mehr, mal weniger. Aber irgendetwas schrie mich an diesem Abend durch den Gin- und Weinnebel an, ihn bloß nicht in meine Wohnung zu lassen.

Am nächsten Morgen wachte ich auf mit hämmernden Kopfschmerzen und einer Handvoll Nachrichten auf dem Handy mit der flehentlichen Bitte um ein Wiedersehen. Damals dachte ich noch, die unüberhörbare innere Stimme sei mein Schutzengel, der mich an die Drei-Dates-Regel erinnern wolle. Dachte, dieser Mann könne vielleicht »der Richtige« sein und ich dürfe mir nicht einfach so von ihm an die Wäsche gehen lassen, weil er mich sonst für ein billiges Flittchen halten könnte oder so einen Quatsch.

Womöglich war es wirklich mein Schutzengel, der mich aus Leibeskräften anbrüllte, ihn NIEMALS zur Tür hereinzulassen.

Chris arbeitete sich rasch hoch, vom Fremden in der Bahn zum festen Freund, dann Verlobten und schließlich Ehemann. Nie drängte er mich, von meiner Familie zu erzählen, oder verlangte, sie kennenzulernen. Mum ausgenommen. Er wusste, was für ein Haufen verkorkster Idioten sie alle waren, und ließ mich sie weiter wie Luft behandeln.

Wie also hatten er und Leah sich ohne mein Zutun kennengelernt? Wie lange kannten sie sich schon? Wie oft war sie hier gewesen, in meinem Haus, hatte auf meinem Sofa gesessen, auf meinem Bett gelegen? Ich sage »auf« statt »in«, denn Chris ist keiner, der sich dabei unter der Bettdecke verkriecht. Er ist mehr so der »Scheinwerfer an, und bestenfalls ist irgendwo noch ein Spiegel«-Liebhaber. Früher hat mich das noch angetörnt. Jetzt komme ich mir vor wie ein dressierter Zirkus-Seelöwe, der einfach bloß mit einer heißen Schokolade ins Bett gehen und romantische Geschichten über anderer Leute turbulentes Liebesleben lesen will.

Hatte Chris sich an sie rangemacht, nur um seine Spielchen mit mir zu spielen? Oder war Leah die Jägerin gewesen? Insgeheim habe ich mich wohl immer schon gefragt, wozu Leah fähig wäre, wenn es darum ging, meine Welt zu zerstören. Ich muss die Wahrheit herausfinden.

Ihr Instagram-Profil wimmelt von Fotos von Brunchbüfetts, dem Interieur schwarzer Taxis und wie sie über den Rand ihrer Brille guckt – bestimmt nur Requisite, sicher sieht sie noch genauso gut wie ich –, versehen mit Hashtags wie #workinggirl, #schaffeschaffe und #businessbitchesbeimbrunch und jeder Menge banalem Blödsinn. Ich kann diesen Quatsch nicht ertragen und habe Mühe, den endlos aneinandergereihten Buchstabensalat zu sinnvollen Wörtern zusammenzufügen. Meine Zwillingsschwester verdient mit so etwas ihre Brötchen. Was sie »Business Bitches« nennt, sind Frauen wie sie, die den ganzen Tag geschäftig herumscharwenzeln, ohne irgendetwas zu tun. Und trotzdem scheint sie ständig erschöpft und gestresst und #musseinfachmalabschalten. Ihr letzter Post endet mit einer Entschuldigung. Sie wolle sich eine kleine Auszeit nehmen zum #ausatmen und #sichfinden und werde eine Weile nichts mehr posten. #homeiswheretheheartis. Das ist ihr letztes Status-Update. Ich weiß ganz genau, wo sie sich versteckt.

Zum Glück komme ich am Montagnachmittag zeitig aus dem Büro. Für die Fahrt im dichten Verkehr bis zur Hütte brauche ich trotzdem gut zwei Stunden. Gereizt und brodelnd vor Wut schneide ich andere Autos und fluche wie ein Bierkutscher, wenn die anderen das bei mir tun. Meine Laune wird minütlich schlechter. Wieder und wieder stelle ich mir vor, wie ich sie zur Rede stelle, und jedes Mal ist sie in meiner Fantasie unerträglicher, süffisanter, fieser und gemeiner, bis sie schließlich zur Parodie ihrer selbst verkommt. Endlich biege ich von der Landstraße ab auf den kleinen Parkplatz des National Trust. Hier parke ich mein Auto und gehe den Rest zu Fuß. Weit ist es nicht, und ich kann mich wieder ein bisschen beruhigen, ehe ich sie mir vorknöpfe.

Chris habe ich gesagt, dass ich in London übernachte. Ich werde zu Hause also nicht erwartet. Vor der Hochzeit haben wir uns darauf geeinigt, nicht »so ein altes Ehepaar« werden zu wollen, das ständig wissen muss, wo der andere ist und was er gerade macht. Wir sagen einander Bescheid, wenn einer von uns beiden es nicht zum Abendessen nach Hause schafft, und melden uns kurz, falls es mal später wird. Und jeden zweiten Freitag ist »Date Night«. Es funktioniert. Vor allem, weil wir beide beruflich viel unterwegs sind. Mein Datenvolumen kostet mich ein Vermögen, aber wenigstens können wir so regelmäßig facetimen. Einmal hat Chris es nicht geschafft – er musste einen seiner Kollegen, bei dem eine größere OP anstand, bei einer Konferenz vertreten – und hat sich dafür so wortreich entschuldigt, dass ich fast glaubte, er habe selbst ein Aneurysma. Wie selbstverliebt und selbstzufrieden wir damals waren, in unserem ersten Jahr als Mr und Mrs Hardcastle.

Und doch habe ich mich immer gefragt, ob ich ihm nicht zu viele Möglichkeiten zum Fremdgehen gebe. Ob ich die vielen Nächte, die er allein in seelenlosen Hotels zubringt, mit keiner anderen Beschäftigung, als auf Spesenrechnung die Hotelbar leer zu trinken, zu leichtfertig abtue. Ich habe ihn noch nie betrogen. Obwohl man mir mit schönster Regelmäßigkeit ein bisschen »Trost« oder »Ablenkung« oder Ähnliches anbietet. Nur ein einziges Mal habe ich ernsthaft darüber nachgedacht – nachgedacht, wohlgemerkt, mehr nicht –, und das war bei einem erfrischend unverblümten Angebot.

»Komm, wir gehen auf mein Zimmer, bestellen uns was beim Zimmerservice, trinken die Minibar leer und tun es.« Sein Akzent klang fast wie meiner.

»Du bist bestimmt auch zweiunddreißig?«, hatte ich lachend zu ihm gesagt. Wie sich herausstellte, waren wir beide zur selben Zeit auf verschiedene Schulen in verschiedenen Städtchen in Wiltshire gegangen und sagten beide »es tun«, als müssten wir es noch immer vor unseren Eltern verheimlichen. Er hatte genickt und gelacht.

»Und wenn ich …?« Er machte eine Geste, die wir für Oralsex benutzt hatten.

Ich lehnte dankend ab, aber wir saßen noch eine ganze Weile in der Hotelbar und redeten über unsere Schulzeit, die Spielsachen, die wir als Kinder gehabt hatten, und die Musik, die der Soundtrack unserer Jugend war. Vielleicht hätte ich das Angebot annehmen sollen. Vielleicht wäre mein Leben dann anders verlaufen. Vielleicht wäre ich dann jetzt nicht auf dem Weg zu einer Hütte im Wald, um meine Schwester zur Rede zu stellen, weil sie mit meinem Mann geschlafen hat.

Ich sage Hütte, aber inzwischen ist es kaum mehr als ein hölzernes Gerippe. Wir haben sie damals entdeckt, als Dad mit uns angeln war. Da müssen wir acht gewesen sein. Ein verlassenes altes Bauernhaus mit kleiner offener Herdstelle und einem Baum mittendrin, der aus der ehemaligen Wohnstube wuchs. Im Garten gab es einen zugenagelten Brunnen. Das Holz war so morsch und vermodert, dass ich schon beim Hinschauen Herzrasen bekam. Wie in einem Albtraum sah ich mich stolpern, über einen Stein oder einen Ast, und kopfüber durch das verfaulte Holz krachen, das splitternd nachgab, während ich in den feuchten Brunnenschacht stürzte. Leah lachte nur über meine Angst und erklärte das Haus zu unserem »Zuhause«. Wir nisteten uns in dem kleinen ummauerten Garten ein, den Leah eines Tages wiederherrichten und wie in Der geheime Garten mit einer Tür versehen wollte. Ein Zufluchtsort für zwei kleine Mädchen, die nicht so recht wussten, wo sie hingehörten.

»Hier gehören wir hin«, hatte meine Zwillingsschwester erklärt. »Wir beide.«

Vor ungefähr drei Jahren hat sie die vier Hektar Wald rund um die Ruine gekauft. Dort gab es einen kleinen See, an dessen Ufer sie ein Blockhaus hat bauen lassen, mit einer riesengroßen Veranda ringsherum.

Das Häuschen liegt in hellem Abendsonnenlicht, als ich jetzt darauf zusteuere. Sieht aus, als sei sie allein. Sie trägt Leggings und einen Hoodie, die Haare sind zu einem unordentlichen Dutt hochgesteckt, das Gesicht, sonst meist mit voller Kriegsbemalung, ist ungeschminkt. In dem Aufzug sieht sie aus wie ich. Ich ducke mich hinter die Büsche und sehe zu, wie sie zwei Familienpackungen Schokoladenkonfekt in eine Schüssel kippt und beinahe eine halbe Flasche Weißwein in ein großes Glas leert. Definitiv allein.

Ich sage es nur ungern, aber wir Pattersons haben das Mager-Gen. Wir können essen, so viel wir wollen, und nehmen trotzdem nicht zu. Wir können nichts dafür, bitte hasst uns nicht. Dafür haben wir Schnittlauchhaare, die schon seit Teenie-Tagen immer grauer werden. Sie ständig nachzufärben kostet ein Vermögen. Dazu eine Monobraue, die sich nicht darum schert, wie oft man sie zupft. Falls euch das irgendwie tröstet. Mir wird bitterkalt, jetzt, wo ich so reglos hier herumstehe. Ich will eigentlich nur noch auf die Veranda, auf der so ein schicker Heizpilz steht, wie in einem Nobel-Biergarten. Und ja, ich weiß, wie umweltschädlich die sind. Aber ich zwinge mich zu warten, bis sie es sich auf dem ausladenden Weidensofa bequem gemacht, die Decke über den Beinen drapiert hat und nach dem Weinglas greift. Dann trete ich aus den Schatten.

Sie schreckt nicht hoch, zuckt nicht zusammen. Hebt bloß die Decke ein bisschen an, damit ich darunterschlüpfen kann, und reicht mir das Glas. Zwei Beutel Schokolade in der Schüssel. Zwei Gläser Wein in einem. »Ich habe mich schon gefragt, wann du hier aufkreuzt«, sagt sie.

Ich trinke einen großen Schluck Wein und gebe ihr das Glas zurück. »Woher wusstest du, dass ich komme?«

»Ich wusste, dass du irgendwann in sein Handy gucken und das Foto sehen würdest.«

»Weiß er Bescheid?«

»Dass ich das Foto eingeschmuggelt habe?«

»Wer du bist?«

»Dass ich eigentlich Leah bin?« Sie kichert, kein Schüchternes-Mädchen-macht-auf-kokett-Kichern, mehr ein Wenn-du-wüsstest-Kichern. »Wie lange seid ihr beiden jetzt verheiratet?«

»Drei Jahre.«

»Und da meinst du, er würde es nicht merken? Herrje, er ist dein Mann, verdammt noch mal. Er würde es ja wohl mitbekommen, wenn du plötzlich ein ganz anderer Mensch bist.«

Ich nicke. Natürlich weiß Chris Bescheid. Er ist schließlich kein Teenager kurz vor dem ersten Mal, blind und taub vor Liebe und Aufregung. Er ist ein erwachsener Mann, mit dem ich seit vier Jahren das Bett teile. »Warum, Leah?«

Sie trinkt einen großen Schluck Wein und nimmt sich eine Handvoll Schokolade, die sie sich schulterzuckend in den Mund stopft, als inhaliere sie das Zeug, statt es zu kauen. Dann rutscht sie herum und sieht mich an. »Er hat so was … ich weiß auch nicht … irgendwas stimmt da nicht, Megs.«

»Also dachtest du, du vögelst ihn? Nur um zu … was eigentlich genau?«

»Du bist meine kleine Schwe…«

»Drei Minuten, Leah. Vermutlich.«

»Garantiert. Er hat sich an mich rangemacht, Megs. Ich schwöre. Wir haben im selben Hotel gewohnt. Und er hat mit keinem Wort erwähnt, wer er ist.«

»Ach, ich bitte dich! Als wärst du nicht auf Facebook? Als hättest du meine Hochzeitsfotos nicht gesehen?«

»Ich habe zu spät geschaltet. Ich hatte schon ein, zwei Gläser Wein getrunken, und er sieht ja wirklich verteufelt gut aus. Ich glaube, irgendwas hat bei mir geklingelt. Als müsste ich ihn irgendwoher kennen. Aber ich bin nicht darauf gekommen, dass er der Mann meiner Schwester ist, zu der ich seit Jahren keinen Kontakt mehr habe. Er wusste ganz genau, wer ich bin.«

»Natürlich wusste er das! Wir sehen uns zum Verwechseln ähnlich, verdammt noch mal.«

»Ich kann doch auch nichts dafür, dass dein Mann ein mieser kleiner Ehebrecher ist, Megs.«

»Wann hast du kapiert, wer er ist?«

Zumindest hat sie den Anstand, ein bisschen betreten aus der Wäsche zu gucken, als sie mir gesteht: »Als er mich Megan genannt hat.«

Stöhnend nehme ich ihr das Glas aus der Hand und trinke es halb leer.

»Er hat sich verplappert. Ist ihm so rausgerutscht. Er hat den Kopf eingezogen und sich nicht mehr gerührt. Wie ein Hund, den man beim Klauen am Katzennapf erwischt. Stocksteif ist er geworden und hat mich angestarrt, was ich jetzt wohl mache.«

»Ich nehme doch an, du hast ihm eine schallende Ohrfeige verpasst und bist gleich zum Telefon gestürzt, um deiner Zwillingsschwester brühwarm zu erzählen, dass ihr Mann ein fremdgehender Scheißkerl ist? Komisch nur, dass ich mich an den Anruf gar nicht erinnern kann.«

»Ich … Er … Ich …« Sie räuspert sich. »Er hat mir erzählt, es laufe gerade nicht so gut bei euch. Im Bett, meine ich. Und dass es ja eigentlich gar nicht als Fremdgehen zählt. Er hat mich in der Bar gesehen und gedacht, das wäre doch genau wie zwischen dir und ihm. Wie früher, bevor du so komisch geworden bist, so verspannt und frigide.«

»Ich bin nicht frigide.«

»’kay.«

’kay. Ich hasse es, wenn meine Schwester das sagt. ’kay. Als seien wir noch Kinder. ’kay. Als hätte sie nicht meinen Ehemann gevögelt.

»Er ist echt gruselig, Megs.« Sie sagt das, als meinte sie es ernst.

»Er zieht einen voll rein.«

Ja, ja, das tut er. Ich merke es ja selbst. Sosehr ich mich auch von ihm freizuschwimmen versuche. Und dann: »Eigentlich will ich nur noch weg, aber ich komme einfach nicht von ihm los.«

Ich weiß, mir geht es genauso. »Er ist mein Mann, Leah. Nicht irgendein Freund, den du mir abspenstig gemacht hast.«

»Liebst du ihn, Megs?«

»Ich weiß es nicht.« Meine Stimme ist leise, verliert sich in den Bäumen hinter uns, spiegelt sich im Mondlicht auf dem See.

»Er liebt dich, Megs. Das weißt du, oder?«

Ich nicke. Und es macht mir Angst.

»Er liebt dich unheimlich.«

Ich weiß. Mir graut davor.

»Was würde er wohl tun, was meinst du? Wenn er wüsste, dass du es weißt?«

Ich schlucke. Ich weiß es nicht. Ich will es nicht wissen.

»Soll ich es ihm sagen?« Sie greift nach ihrem Handy. »Ihn schon mal warnen, dass seine Frau Bescheid weiß über seine kleine außereheliche Affäre und womöglich ein klitzekleines bisschen sauer auf ihn ist? Dass sie vielleicht sogar ihre Sachen packt und ihn verlässt?«

Ihr Handy erleuchtet das Dunkel, das uns umgibt. Das Herz schlägt mir bis zum Hals, als sie in ihren Kontakten nach ihm sucht.

»Ach, Chris. Da ist er ja.«

Die schwere Weinflasche trifft sie mit voller Wucht. Ich staune, dass sie beim Aufprall gegen ihren Schädel nicht in tausend Scherben zerspringt. Stattdessen hallt nur ein dumpfes »Klonk« durch die Abendluft. Das Handy rutscht ihr aus der Hand und landet klackernd auf den Holzplanken, um dann mit einem Klatscher ins Wasser zu plumpsen.

Mehr Blut als erwartet. Nicht, dass ich erwartet hätte, meine Schwester umzubringen. Ganz gleich, wie oft ich es mir auch gewünscht habe.

Drittes Kapitel

Wie begeht man den perfekten Mord?

Googeln kann man das nicht unbedingt.

Ich brauche einen Plan.

Mist, Mist, Mist.

Das Handy vibriert in meiner Hoodie-Tasche: Wo steckst du, Megs?

Es ist Chris.

Kalter Schweiß rinnt mir den Rücken herunter, und ich schaue mich hektisch um, ob ich ihn irgendwo sehe. Aber natürlich kauert er nicht in den Büschen und beobachtet mich.

Er tut nur, was er auch sonst immer tut. Er will wissen, wo ich bin und was ich gerade mache. Gibt den treusorgenden Ehemann. Will sich vergewissern, dass ich nicht bei einem anderen Mann bin. Ich schließe die Augen und atme tief durch, aber sein Gesicht verschwimmt in meiner Erinnerung. Nicht das von Chris, das von dem Mann aus dem Hotel.

Was, wenn ich damals Ja gesagt hätte? Wenn ich mit ihm aufs Zimmer gegangen wäre und mit ihm geschlafen hätte?

Man kann sich so leicht in »Hätte, wäre, könnte« verlieren.

Was, wenn Chris nicht mit meiner Schwester geschlafen hätte?

Was, wenn ich eine nette, normale Zwillingsschwester gehabt hätte, wie ich sie mir all die Jahre so sehnlich gewünscht habe?

Was, wenn sie mich gemocht und unterstützt hätte, statt bei jeder sich bietenden Gelegenheit meine ganze Welt in Schutt und Asche zu legen?

Was, wenn sie nicht gedroht hätte, Chris anzurufen und zu petzen, dass ich alles weiß?

Was, wenn ich sie nicht umgebracht hätte? Mitten auf der Veranda ihres Blockhauses.

Was, wenn ich auch nur einen Schimmer hätte, was zum Teufel ich jetzt tun soll?

Ich muss irgendwie Zeit schinden, Platz im Kopf schaffen zum Nachdenken. Ich schreibe Chris irgendeinen Quatsch von wegen Überstunden. Meine Arbeit wird grundsätzlich nicht hinterfragt. Immerhin ein schwacher Trost.

Im Weinglas in meiner Hand schwebt ein winzig kleiner scharlachroter Blutstropfen. Ich sehe zu, wie er träge umhertrudelt, unbeschwert und frei. Kurz stelle ich mir vor, genauso schwerelos in einer eiskalten Flüssigkeit zu treiben. Es ist nur ein Schritt von der Veranda ins trübe Wasser darunter. Einfach nur willenlos versinken im ewigen Vergessen. Es ist Februar, es wäre ganz leicht. Aber nein, ich trinke den Wein. Blut von meinem Blute.

Manche Menschen segeln mit einer Landkarte im Kopf durchs Leben, die ihnen stets zur rechten Zeit den rechten Weg weist. Ich nicht. Ich brauche Zeit und Ruhe und Raum zum Nachdenken. Ohne Ablenkung. Meine tote Zwillingsschwester ist eine Ablenkung. Ich kann sie schlecht ignorieren, wie sie da auf dem Rattansofa liegt, mit Blutpfütze unter dem Kopf und glasigen Augen im flackernden Schein der Sturmlaterne. Sie sieht aus wie eine Wachsfigur von Madame Tussauds. Perfekt, und doch nicht perfekt. Das Gesicht bis ins kleinste Detail nachgebildet, und doch schreit mein Reptilienhirn, dass da irgendetwas nicht stimmt. Schreit, dass ich laufen und mich nicht umdrehen soll.

Ich kann nicht weglaufen. Ich kann nirgendwo hin, kann mich nirgends verstecken, habe niemanden, der mir hilft, einen Ausweg aus diesem Schlamassel zu finden. Ich brauche Zeit. Und wenn es bloß ein paar Stunden sind.