Die Gwailor-Chronik (1) - Susanne Gavénis - E-Book
Beschreibung

Dayin, dem Sohn des Königs von Tarell, wird bei seiner Geburt eine schreckliche Prophezeiung gemacht: Sein eigener Vater soll durch seine Hand den Tod finden, heimtückisch ermordet, um den Thron des Landes an sich zu reißen. Doch wie kann es geschehen, dass aus einem zarten, mitfühlenden Kind ein kaltblütiger Mörder wird? Dayin weiß, dass er nur eine Chance hat, sich von dem düsteren Schatten zu befreien, der sein Leben bestimmt. Er muss beweisen, dass er die furchtbare Bluttat, die ihm prophezeit wurde, unter keinen Umständen Wirklichkeit werden lassen wird. Doch schon bald muss er erkennen, dass das Schicksal ein Gegenspieler ist, der sich nicht leicht geschlagen gibt.

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Susanne Gavénis

Die Gwailor-Chronik

Im Schatten der Prophezeiung

© 2014 AAVAA Verlag

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2014

Umschlaggestaltung: AAVAA Verlag

Coverbild: fotolia, "fallen angel" von Dusan Kostic, Nr. 49286187

Printed in Germany

AAVAA print+design

eBook epub:  ISBN 978-3-8459-1489-3

eBook PDF:   ISBN 978-3-8459-1343-8

AAVAA Verlag, Hohen Neuendorf, bei Berlin

www.aavaa-verlag.com

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Prolog

Gwailor - im Sommer des Jahres 310

Tarell

„Ich habe Angst“, flüsterte Kronot Tarell. Ein Schauer lief über seine schlanke Gestalt, doch heute war es nicht der Wind, der grimmig und kalt über das Dach des Südturms Treffnors fegte, der ihn frieren ließ. Zitternd zog er seinen schweren, warmen Mantel enger vor der Brust zusammen, während er zur Brüstung des Turms hinüberschritt. Die Hände auf den rauen, von Wind und Wetter zernarbten Stein gelegt, ließ er seinen Blick über das Land schweifen - sein Land - das Königreich Tarell.

Doch heute wog die Krone schwer, schwerer als an jedem anderen Tag zuvor, und er fühlte sich mehr wie ein Ketzer, der auf den Schuldspruch der Inquisition wartete, denn wie ein mächtiger Herrscher. Sein Frösteln wurde heftiger, und sein Blick verlor sich in der Ferne, im düsteren, toten Grau des Horizonts, wo sich gewaltige Wolkenberge finster und bedrohlich wie die Grabsteine gefallener Riesen über die Wipfel der Bäume und die flachen Hügel schoben und die Welt in schattendunkles Zwielicht tauchten.

Der Frühling ließ sich Zeit in diesem Jahr. Es schien, als habe er die große Insel Gwailor vergessen, obwohl der Kalender bereits vor drei Tagen das Ende des langen, harten Winters verkündet hatte und in früheren Zeiten oft schon lange vor dem offiziellen Frühlingsbeginn die Flüsse und Seen von ihrem Panzer aus Eis befreit gewesen und die ersten zarten Blumen aus der vom Schmelzwasser feuchten Erde gesprossen waren.

Doch noch bedeckte Schnee wie ein weißes Totengewand den Burgberg Genaiden, die Ebene Verjaidell, über die sich Genaiden hoch erhob, und die Dächer und Zinnen der Burg Treffnor, und der scharfe Wind ließ noch kein Ende der kalten Jahreszeit erahnen. Kronot lachte kurz und freudlos auf. Wie könnte es auch Frühling werden? Wie könnte das Land in Freude singen, solange er nicht wusste, was das Schicksal für die Zukunft bereithielt? Nicht für ihn selbst, nein, für jemanden, der ihm ungleich wichtiger war: seinen Erstgeborenen.

„Dayin“, hauchte Kronot. Der Wind riss den Namen seines Sohnes von seinen Lippen und wehte ihn über das weite, froststarre Land davon. Drei Tage war er erst alt, geboren am ersten Tag des Frühlings. Tränen traten Kronot in die Augen. Vailia, seine Gemahlin, hätte ihm kein schöneres Geschenk machen können. Dayin war gesund, ein wunderschönes, zartes Kind. Kronot spürte, wie eine einsame Träne langsam seine Wange hinabrann und in der frostigen Luft eine eisige Spur auf seiner Haut hinterließ. Niemals hatte es einen glücklicheren Augenblick in seinem Leben gegeben als jenen, in dem Vailia ihm den Kleinen in den Arm gelegt hatte.

Mit wachen Augen hatte sich das Baby umgesehen und schien die Welt, in die es so unvermittelt geworfen worden war, sogleich kennenlernen zu wollen. Nach dem ersten Schrei, mit dem sein Leben begonnen hatte, war es ruhig geblieben, aber nichts war seinen hellen, strahlend blauen Augen entgangen. Schon jetzt konnte man Geduld und Genügsamkeit als Charakterzüge des Kleinen erkennen. Dayin war ohne Zweifel ein gutes Kind. Doch das allein mochte nicht genügen.

Gefangen im Widerstreit seiner Ängste und Hoffnungen, nahm Kronot kaum wahr, dass jemand zu ihm trat, eine vertraute Präsenz an seiner Seite und eine noch vertrautere Stimme, die zu ihm sprach.

„Es gibt nichts, das Ihr fürchten müsstet, mein König.“

Kronot wandte sich um. Der Sprecher, Thor Zwakeffja, war sein Waffenmeister. Der große, hagere Mann war, ebenso wie alle anderen Soldaten Treffnors, in die traditionelle Uniform der Leibgarde gekleidet. Stiefel und Beinkleider aus dunkelbraunem Leder gehörten ebenso dazu wie das Wams aus gleichem Material und von gleicher Farbe. Auf der Brust leuchtete, mit silbernen Fäden in das Leder eingestickt, das Wappen Tarells. Es zeigte das charakteristische, dreifach spitz zulaufende Blatt und die geflügelte Frucht des Baumes, der in allen Himmelsrichtungen auf Genaidens Hängen wuchs.

Dasselbe Wappen zierte auch die silberne Schnalle des Waffengürtels, den Thor Zwakeffja trug und an dem ein langes Schwert mit kunstvoll geschmiedetem Griff, in eine braune Scheide eingehüllt, befestigt war. Doch obwohl Thor von einem zusätzlichen, sternförmigen Zeichen, das neben dem Wappen auf sein Wams gestickt worden war, als Waffenmeister ausgewiesen wurde, konnte niemand, der ihn nicht schon einmal hatte kämpfen sehen, die Kraft erahnen, die in seinem dürren Körper steckte. Nur seine grauen, stets aufmerksam umherblickenden Augen ließen die Wachsamkeit erkennen, mit der er seine Aufgabe versah.

Auch jetzt spähte er wie ein Falke auf der Jagd über das weite Land, während der Wind ihm jegliche Wärme aus dem Gesicht trieb und es noch hagerer erscheinen ließ, als es ohnehin schon war. Seine dunklen, kurz geschnittenen Haare aber hielten dem Ansturm des Luftelements mühelos stand, und auch seine sehnige Gestalt hatte eine Haltung angenommen, die einer trotzigen Herausforderung an den Sturm gleichkam, einem stummen Schwur, nicht einen Schritt zurückzuweichen.

Kronot kannte ihn nicht anders. Thor war, obwohl er bereits seit zehn Jahren Waffenmeister war, noch jung. Erst fünfunddreißig Sommer hatte er gesehen, trotzdem nahm er es spielend selbst mit weitaus erfahreneren Kämpfern auf. Was ihn auszeichnete, waren sein großes Talent im Umgang mit Waffen aller Art, seine unerschütterliche Beharrlichkeit, mit der er ein Ziel, das er sich einmal gesetzt hatte, verfolgte, und sein Spürsinn im Umgang mit Menschen, der ihn zu einem herausragenden Führer der Soldaten der Leibgarde machte, die ihn trotz seines geringen Alters vom Tag seiner Ernennung an nicht nur als Vorgesetzten akzeptiert hatten, sondern darüber hinaus als Vorbild bewunderten, dem ein jeder von ihnen nachzueifern versuchte.

Aufgrund seiner besonderen Fähigkeiten hatte ihn Mnedeljek, der vorherige König, zum Waffenmeister ernannt, und Kronot hatte niemals auch nur den geringsten Anlass dazu gehabt, die Wahl seines Vaters infrage zu stellen. Thor war damals zwar der jüngste Mann gewesen, der dieses hohe Amt jemals in Tarell bekleidet hatte, doch Kronot war sicher, dass er auch der beste gewesen war, und das galt noch heute. Aber es gab Ereignisse, gegen die auch ein Waffenmeister machtlos war.

„Wisst Ihr, was mein verstorbener Vater stets zu sagen pflegte, Thor?“, fragte Kronot leise.

Natürlich ahnte der Waffenmeister sofort, worauf er hinauswollte. In einer Situation wie dieser war das auch nicht schwer zu erraten. Er nickte. „Nicht die Könige sind es, die in Tarell oder Lumaar die größte Macht besitzen; es sind die Seherinnen. Ihre Prophezeiungen können das Schicksal formen.“

Kronot spürte, wie sich sein Magen bei jedem der Worte mehr zusammenzog und eine kalte Hand langsam sein Rückgrat hinabzustreichen schien. Vor fünf Jahren hatte er den Thron nach dem Tod seines Vaters übernommen, doch dessen Weisheit hatte bis heute überdauert. Gegenüber einer Seherin waren Könige kaum mehr als Kinder. Ohne ihren weisen Rat mussten sie fehllaufen und scheitern, was auch immer sie versuchten. Und so hatte es schon lange keinen König mehr gegeben, dem nicht eine besonders talentierte Seherin zur Seite gestanden hätte.

Auch das gewöhnliche Volk verließ sich ganz auf ihren Rat und ihre sanfte Führung, und so kam es, dass jedes Kind gleich nach seiner Geburt von einer Seherin berührt wurde, damit sie Visionen über seine Zukunft empfangen konnte. Mochte der Weg, der vor ihnen lag, auch gefahrvoll und steinig sein, so würden sie doch stets wissen, wo die Raubtiere und Abgründe in der Dunkelheit lauerten, an welchen schicksalhaften Wendepunkten ihres Lebens sie zu straucheln und abzustürzen drohten.

Kronot schloss die Augen und atmete tief durch, versuchte vergeblich, den stählernen Reif zu sprengen, der seine Brust umschlossen hielt. Denn konnte schon das Leben eines einfachen Handwerkers oder Bauern ohne das gütige Eingreifen der Seherinnen allzu schnell in einer Tragödie enden, wenn das Fallbeil des Schicksals in Gestalt von Krankheiten, Unfällen und anderen Unbilden auf die Ahnungslosen und ihre Familien niederfuhr, so wog die erste Prophezeiung bei der Geburt eines Prinzen noch ungleich schwerer. Sie würde verraten, ob er ein guter König werden würde, ob nicht nur die Träume der Eltern, sondern auch die eines ganzen Volkes durch ihn erfüllt werden konnten.

„Es sind schon drei Tage vergangen“, flüsterte Kronot. „Was macht sie nur so lange?“

Sie – das war Lyssil Maget, die obere Seherin Treffnors. Ohne Zweifel war sie die beste und begabteste Seherin, die es zurzeit in Tarell gab, obwohl sie noch jung war und erst vor einem Jahr die Stellung der Oberseherin Treffnors von ihrer Vorgängerin übernommen hatte. Sie war kurz nach der Geburt zur Stelle gewesen, um die Essenz des Neugeborenen zu berühren.

Das Baby war sehr still gewesen, als die Seherin es auf den Arm genommen und ihm tief in die Augen geblickt hatte, während der Kontakt von ihr hergestellt worden war. Dayin hatte Lyssil angelächelt. Er hatte sie angesehen, als wüsste er, dass sie über sein Leben wachen wollte.

Und das sollte sie. Keine andere als die Oberseherin sollte Dayin jemals berühren, nur sie allein durfte in seine Zukunft schauen und alle Gefahren, die ihm begegnen mochten, melden, damit sie gar nicht erst entstehen konnten. Doch was würde sie sonst noch erkennen?

„Sorgt Euch nicht, mein Gebieter“, mischte sich eine weitere Stimme ein. „Lyssil Maget ist gewissenhafter als jede Seherin vor ihr. Sie weiß sehr genau um die Bedeutung der Aufgabe, die ihr übertragen wurde, und ich bin sicher, dass es einzig die Liebe zu ihrem König und ihre Verantwortung gegenüber Tarell ist, die sie noch immer schweigen lässt. Niemals würde sie riskieren, Euch und Eure Gemahlin mit unklaren oder missverständlichen Andeutungen unnötig in Furcht zu versetzen. Habt noch ein klein wenig Geduld, mein König, und vertraut auf die Fähigkeiten Eurer Seherin. Lyssil Maget wird erst dann zu uns sprechen, wenn sie die Essenz des Prinzen vollständig ergründet und jedes Fleckchen Dunkelheit auf seinem zukünftigen Lebensweg ins Licht geholt hat. Sie wird sich nicht mit weniger zufriedengeben – und Ihr selbst ebenso wenig.“

Kronot wandte sich dem anderen Mann zu. Torelk Medell war in seinem Erscheinungsbild das genaue Gegenteil des Waffenmeisters, obwohl sie im gleichen Alter waren. Er war deutlich kleiner und von rundlicher, gedrungen wirkender Statur. Seine blonden, bereits jetzt dünner werdenden Haare wurden vom Wind heftig zerzaust. Er bemerkte es wohl und versuchte ab und an mit unwilliger Miene, sie wieder zu glätten, ohne jedoch sonderlichen Erfolg zu haben. Er schien zu frieren, denn es geschah nicht nur einmal, dass er den schwarzen, fellbesetzten Umhang, den er trug, enger vor seiner Brust zusammenzog.

Unter dem Umhang war er elegant gekleidet. Heute waren seine Beinkleider in Schwarz und das Hemd in dunklem Blau gehalten. Selbst der Gürtel, der bei ihm lediglich der Zierde diente und sich nicht im geringsten dazu geeignet hätte, eine Waffe zu halten, war schwarz, denn Torelk Medell schätzte keine hellen, bunten Farben. Er hatte einmal bemerkt, sie seien seiner Position nicht angemessen.

Seine Stellung bei Hofe war die eines Beraters und Lehrers. Seine Klugheit und Besonnenheit übertrafen die vieler älterer Männer bei Weitem. Wie Thor Zwakeffja bekleidete er sein Amt seit einem Alter, in dem andere nur davon träumen konnten, ähnlich erfolgreich zu sein. Kronot Tarell war, noch bevor er vor fünf Jahren den Thron von seinem Vater übernommen hatte, von ihm unterrichtet worden und hatte ihm mit Sicherheit einen guten Teil jener Weisheit zu verdanken, mit der er heute sein Königreich zu führen hoffte. Dayin sollte bald in ähnlicher Weise von Torelk profitieren können - falls die Prophezeiung der Seherin das zuließ.

„Es kann so vieles geschehen, Torelk“, erwiderte Kronot bebend und fühlte sich einmal mehr wie ein kleines, verzagtes Kind, das sich zitternd in sein Kissen drückte und mit großen, furchtsamen Augen in die Dunkelheit starrte, ohne Hoffnung, den nächtlichen Schrecken und Ungeheuern zu entfliehen, die nur auf einen Moment der Unachtsamkeit lauerten, um unter seinem Bett hervor in sein finsteres, einsames Schlafgemach kriechen zu können. „Die Prophezeiung kann ... sie kann alles verändern.“

Torelk lächelte. „Es gibt nichts, womit wir nicht fertig werden könnten.“

„So ist es“, erklärte Thor Zwakeffja grimmig. „Welche Gefahren dem jungen Prinzen auch drohen mögen, ich werde mein Schwert und mein Leben für ihn geben, um sie abzuwenden.“

Daran zweifelte Kronot keine Sekunde. Doch die Prophezeiung der Seherin würde nicht nur Gefahren umfassen, die Dayin drohen mochten.

Kronot fühlte Torelks Blick auf sich ruhen. Natürlich erahnte er seine finstersten Gedanken. „Selbst wenn die Obere Seherin verkündet, dass Dayin kein guter König werden wird, so ist doch längst nicht alles verloren. Wir haben alle Zeit der Welt, ihn zu lehren und zu formen.“

„Er muss die Einsicht und Güte erlangen, die unabdingbare Tugenden eines Herrschers sind“, sagte Kronot leise. „Niemand soll jemals unter der Regentschaft eines Erben der Linie Tarell zu leiden haben, und niemand soll je das Joch der Angst verspüren, wenn er zum Burgberg Genaiden hinaufblickt. Treffnor ist seit Generationen der Inbegriff der Sicherheit für unser Volk. Dayin muss diese Tradition fortführen.“

„Das wird er sicher, mein König. Er ist Euer Sohn. Ohne Zweifel wird er Tarell später mit der gleichen Weisheit regieren, wie Ihr es heute tut und es Eure Ahnen vor Euch getan haben.“

Kronot senkte den Blick. Er fuhr sich mit der Zunge über die kalten, rissigen Lippen, wagte kaum, die Hoffnung auszusprechen, die er schon so lange in seinem Herzen trug. „Ich ... ich habe große Pläne mit Dayin, Torelk.“

„Das wissen wir, mein König“, erwiderte Thor Zwakeffja.

Ruckartig blickte Kronot wieder auf. „Ihr wisst es?“, rief er verblüfft. Er hatte zu niemandem über seine Träume gesprochen, nicht einmal mit Vailia.

Thor und Torelk wechselten einen kurzen Blick, dann glitt ein Lächeln über Torelks Gesicht.

„Das war nicht schwer zu erraten, mein König. Eure Hoffnung stand für jeden offen lesbar in Euren Augen, als Ihr die Nachricht aus Lumaar erhieltet, dass Königin Fiéla ebenfalls schwanger geht und bald niederkommen muss.“

„Sollte sie ein Mädchen gebären, ergäbe sich daraus die Möglichkeit, die Länder Lumaar und Tarell zu vereinen“, fuhr Thor Zwakeffja fort. „Der alte Streit könnte endlich beigelegt werden.“ Er hob eine Braue. „Allerdings ist es zweifelhaft, ob Rohn Lumaar einem solchen Ansinnen zustimmen würde. Er ist sehr stolz.“

„Stolz hat das vereinte Königreich Gwailor erst in zwei Länder gespalten“, erwiderte Kronot bitter.

Beide Königshäuser besaßen einen gemeinsamen Ursprung: Mnedeljek Gordenai, der Urvater der Tarells, und Dornaikall Gordenai, der Urahn der Lumaars, waren Zwillingsbrüder gewesen. Das verband die beiden Erblinien, darüber hinaus allerdings hatten im Verlauf der vielen Jahrzehnte, die seit den segensreichen Tagen von Mnedeljek und Gordenai verstrichen waren, nur wenig Gemeinsamkeiten überdauert. Beinahe vergessen war die Zeit, in der es auf Gwailor allein die Familie der Gordenais gegeben hatte. Heute markierten im Osten, mehr als zwölf Tagesreisen von Treffnor entfernt, der breite Strom Fallatroneff, das Gebirge Jidellfa und die Wälder Palonkai die Grenze der Länder.

Judenor Gordenai, der Vater der beiden Zwillingsbrüder, hatte sie gezogen. So hatte er das Dilemma, in dem er sich befunden hatte, als ihm seine Frau nicht nur einen, sondern gleich zwei Söhne geschenkt hatte, zu lösen versucht. Welchem von ihnen sollte er die Thronfolge übertragen? Dem älteren Dornaikall? Doch der war, wenn man der Legende glauben wollte, nur wenige Minuten vor seinem Bruder Mnedeljek zur Welt gekommen, und dieser Unterschied war Judenor nicht groß genug gewesen, als dass er einen von ihnen von der Erbfolge hätte ausschließen wollen.

Aus der Sicht des Königs war es sicherlich eine weise Entscheidung gewesen, Gwailor zu teilen und seinen Söhnen die Herrschaft über je eine Hälfte zu übertragen. Er hatte nicht ahnen können, wie schändlich die Erben der Zwillinge die Macht, die so vertrauensvoll in ihre Hände gelegt worden war, missbrauchen und wie sehr sie alle Ideale, für die ihre Vorgänger mit so viel Hingabe und Opferbereitschaft gekämpft hatten, mit Füßen treten würden.

Bereits die Enkel der stets in friedlicher Eintracht lebenden Brüder Dornaikall und Mnedeljek gerieten in unversöhnlichen Streit. Niemand wusste heute noch, auf welche tieferen Gründe er zurückging, nur der Auslöser war bekannt: Nachdem Dornaikall selbst und auch dessen Sohn verstorben waren, hatte sein Enkel bitter die Ungerechtigkeit beklagt, dass er, der Nachfahre des Dornaikall, der der Erstgeborene der Zwillingsbrüder gewesen war, lediglich über einen genauso großen Teil Gwailors herrschen sollte wie die Söhne und Enkel des Mnedeljek. Er forderte Ländereien von ihnen, wollte die gesamten Wälder Palonkai, die Berge Jidellfa und ein gutes Stück Land diesseits des Fallatroneffs besitzen. Auf der Burg Treffnor, die bereits von Mnedeljek erbaut worden war, war der Forderung mit Ablehnung begegnet worden. Daraufhin war es zum Konflikt gekommen, der nicht wieder hatte beigelegt werden können, sondern schließlich in offene Feindschaft gemündet hatte.

Schon bald schien der Name Gordenai den Streitenden nicht mehr angemessen. Sie benannten sich um, vielleicht, um ihre Eigenständigkeit und Unabhängigkeit voneinander zu demonstrieren. Damit waren die Königreiche Tarell und Lumaar geboren, die bis heute in unveränderter Form erhalten geblieben waren.

So hatte der Entschluss des Königs Judenor, der einen Streit zwischen seinen Söhnen Dornaikall und Mnedeljek hatte verhindern wollen, am Ende zu unversöhnlichem Hass und der Spaltung Gwailors geführt.

Siebzehn Generationen hatten seitdem unter der Teilung Gwailors gelitten, und es waren nicht nur die Königsfamilien, die mit dem Konflikt hatten leben müssen. Es hatte Kriege gegeben, in deren Verlauf viele Menschen Tarells und ebenso viele Untertanen Lumaars getötet worden waren, ohne dass je eine der beiden Seiten einen bleibenden Vorteil für sich hätte gewinnen können. Judenor Gordenai hatte zu sorgfältig darauf geachtet, beiden Söhnen gleiche Ressourcen, Schätze und Güter zu überlassen.

Die Erinnerung an die dunkelsten Zeiten Gwailors entrang Kronot einen schweren Seufzer. „Es hat lange keine Schlachten mehr gegeben. Mein Vater und die vorherige Königin Lumaars haben zum Glück auf Zerstörung und Blutvergießen verzichtet, aber solange die Grenze quer durch unser Land und unsere Herzen verläuft, könnte die Gewalt immer wieder aufflackern. Vielleicht nicht heute, nicht während meiner Herrschaft, doch sie könnte wiederkehren. Es wäre schön, wenn endlich all der Schrecken ein Ende fände.“

Und einzig Lyssil Maget konnte ihm sagen, ob sein Plan gelingen würde. Oder scheitern musste.

Kronot schrak zusammen, als die Flaggen, die rings um den Turm, kaum einen halben Meter unterhalb der Brüstung, angebracht waren, unter einer heftigen Windböe zu knattern begannen. Fast schien es, als wollten sie ihn auslachen, seine Träume verspotten. Kronot presste die Lippen fest zusammen und wandte sich von Torelk und Thor ab. Es war alles gesagt worden. Jetzt konnten sie nur noch warten – und hoffen.

Stunden schienen vergangen zu sein, Stunden, in denen der eisige Wind und die bohrende Angst Kronot an Körper und Geist zermürbten. Er fühlte sich gefangen, gefangen in einem Verlies, das er selbst nicht öffnen konnte. Allein die Seherin vermochte dies, allein sie konnte ...

Ein Geräusch ließ ihn zusammenfahren. Die Tür zum Turmdach öffnete sich, und Wendar Krenn, ein Soldat der Leibgarde, trat heraus. Wendar war nicht einmal zwanzig Jahre alt, hochgewachsen und trotz der Sanftheit, die im Blick seiner dunkelbraunen Augen lag, von großer Kraft und Gewandtheit. So wie jeder andere der mehr als sechzig Männer, die der königlichen Leibgarde angehörten, war er bedingungslos bereit, seine Stärke für jene, die er schützen sollte, einzusetzen. Ihnen oblag die Sorge um das Wohl der Königsfamilie, und jeder von ihnen würde sein Leben dafür geben, um es zu bewahren.

Kronot war darüber im gleichen Maße bekümmert wie erfreut. Inständig wünschte er sich Zeiten herbei, in denen ein Herrscher nicht um sein Leben und auch nicht um das seiner Familie bangen musste, Zeiten, in denen es keine Feindschaften mehr gab, die Attentate, von welcher Seite auch immer, unweigerlich heraufbeschworen. Aber vielleicht war es jetzt soweit. Möglicherweise würde er nun erfahren, dass er der Erfüllung seines Traums näher gekommen war.

Hastig eilte er auf den Gardisten zu. „Wendar, welche Nachricht bringst du mir?“

Aus dem Augenwinkel sah er, dass Thor Zwakeffja und Torelk Medell neben ihn traten.

Der junge Mann verneigte sich tief. „Die verehrte Seherin Lyssil Maget ließ dem Herold ausrichten, dass sie ihre Räume in wenigen Minuten verlassen wird. Derzeit wird im Thronsaal die Zeremonie der ersten Prophezeiung vorbereitet.“

„Endlich“, entfuhr es Kronot, und er musste sich arg zusammennehmen, um dem Überbringer der frohen Botschaft nicht um den Hals zu fallen.

Neben ihm murmelte Torelk Medell etwas von „Das wurde aber auch Zeit“, und selbst Thor Zwakeffja, der sich sonst nur selten seine Gefühle anmerken ließ, stieß einen erleichterten Seufzer aus.

„Kommt“, rief Kronot Wendar und seinen beiden Vertrauten zu. Jetzt hielt ihn nichts mehr auf dem Dach. Er eilte ins Turmzimmer und nahm sich dort lediglich die Zeit, seinen warmen Umhang abzustreifen, dann sprang er wie ein junger Welpe die breite Treppe des Südturms hinab. Er nahm stets zwei Stufen auf einmal. Die verständigen und sicher auch amüsierten Blicke seiner Untergebenen, die er sehr wohl in seinem Rücken wusste, kümmerten ihn nicht. Er konnte gar nicht schnell genug in den Thronsaal gelangen. Endlich sollte Dayins Prophezeiung ausgesprochen werden. Endlich war der große Tag da.

Nach einer scheinbaren Ewigkeit erreichte er das Ende der Treppe und beeilte sich, den nahezu leeren Korridor, der den Turm vom Rest des Südflügels Treffnors trennte, hinter sich zu lassen. Auch als er die erste Tür durchquert hatte und dahinter auf einen Gang gelangte, dessen Decke von geschwungenen, steinernen Bögen getragen wurde, wurde er nicht langsamer. Seine Schritte hallten laut von den Wänden wider, und die seiner Begleiter schufen ein vielstimmiges Echo dazu. Hier und da streckte ein Diener neugierig den Kopf aus einer Tür und verbeugte sich ehrfurchtsvoll, sobald er ihn erkannte. Kronot nahm sich kaum die Zeit, die Grüße zu erwidern. Seine Augen waren ausschließlich auf das große Portal gerichtet, hinter dem sich der Thronsaal befand.

Die hölzernen, mit kunstvollen Schnitzereien verzierten Türflügel standen weit offen. Der königliche Herold hatte sich am Eingang postiert, in Beinkleider aus schwarzem Samt und ein Hemd aus schwarzer Seide gekleidet. Eine gelbe Schärpe aus dem gleichen Stoff reichte von seiner Schulter über Rücken und Bauch bis zu seiner Hüfte und wurde dort von einer silbernen Schnalle mit dem Wappen Tarells zusammengehalten. Sie vervollständigte die traditionelle Uniform des Herolds. Er stand kerzengerade. In der rechten Hand hielt er den Zeremonienstab, den er jetzt laut auf den Boden aufstieß. Dreimal hallte das dumpfe, harte Pochen durch den Bogengang und den Thronsaal.

„Seine Majestät, der König“, rief der Herold mit einer Stimme, die so klar und tragend war, dass jeder Sänger ihn darum beneidet hätte. Gleichzeitig schwang er seinen Stab, ein Zeichen für die Trompeter, die auf den zwei kleinen Balustraden an den Wänden des Thronsaals Aufstellung bezogen hatten.

Helle Fanfarenstöße erschollen, als Kronot in den Saal eintrat. Vor ihm hatten zehn Wachen der Garde ein Spalier gebildet, und als die Trompeten erklangen, streckten sie die Lanzen, die sie bei sich trugen, zum Gruß der Decke entgegen. Ihre Bewegungen waren so fließend und exakt aufeinander abgestimmt, dass man sie für die eines einzigen Mannes hätte halten können.

Kronot schritt durch das Spalier und nahm nur mit einem kleinen Funken seiner Aufmerksamkeit wahr, dass auch Torelk Medell und dem Waffenmeister durch das Zeremoniell die ihnen gebührende Ehre erwiesen wurde. Lächelnd schritt er über die weichen Teppiche dem Thron entgegen. Dort saß Vailia, und sie hielt den kleinen Dayin im Arm.

Als sie sein Lächeln erwiderte, wurde ihm warm ums Herz. Nie zuvor hatte Vailia so schön ausgesehen wie in diesem Augenblick, nie war sie weiblicher und begehrenswerter gewesen. Die Schönheit ihrer Jugend war durch Dayins Geburt tiefer und reifer geworden.

Ihr langes blondes Haar war kunstvoll geflochten, und sie trug ein wallendes, smaragdgrünes Kleid, das die Spuren der erst kürzlich zu Ende gegangenen Schwangerschaft dezent verdeckte. Ihre blauen Augen blickten ihm voller Liebe entgegen, und auf die sonst so blasse Haut ihrer Wangen hatte sich ein Hauch von Rot gelegt. Siebenundzwanzig Jahre war sie alt, doch heute wirkte sie jünger, während ihre Weiblichkeit betörender geworden war als jemals zuvor.

Er trat zu ihr, und sie streckte ihm eine Hand entgegen.

„Komm zu mir, Geliebter, und begrüße unseren Sohn.“

Dayin schlief in ihren Armen. Kronot trat neben seine Frau und blickte auf seinen Sohn herab. Zärtlich ließ er einen Finger über die pausbäckige Wange des schlafenden Säuglings gleiten, strich über das noch dünne, in seidigem Gold glänzende Haar des Jungen, und ebenso sanft berührte er den feingliedrigen Arm seiner Frau. Dayin war sein höchstes Glück, und sie war es gewesen, die es ihm geschenkt hatte. Das Strahlen ihrer Augen wurde noch tiefer.

Kronot nahm auf dem Thron neben Vailia Platz und ließ seine Blicke über die Anwesenden schweifen. Die Soldaten hatten ihren Gruß beendet, und die Lanzen ruhten, mit dem stumpfen Ende auf dem Boden abgestellt, an den Schultern der Gardisten. Thor Zwakeffja hatte seinen Platz links, Torelk Medell den rechts neben dem Thron eingenommen. Es war alles bereit.

Als hätte er dem Herold mit seinen Gedanken ein geheimes Stichwort gegeben, erhob der schlanke Mann erneut seine klare Stimme. „Die verehrte Seherin Lyssil Maget trifft ein.“

Die Trompeter grüßten auch sie, dann wurde es still im Thronsaal. Kronot spürte, wie ihm das Herz bis in den Hals schlug. Vailia legte ihm eine Hand auf den Arm. Sie zitterte leicht. Er drückte die zierlichen Finger seiner Frau, dann sah er der Oberseherin, die eben mit würdevollen Schritten durch das Portal eintrat, mit ungeteilter Aufmerksamkeit entgegen. Lyssil Maget war noch sehr jung, sieben Jahre jünger als Vailia, aber sie wirkte sehr viel ernster und verschlossener. Ihre langen, schwarzen Haare waren streng zusammengebunden.

Die Gestalt der Seherin war für eine Frau ungewöhnlich hochgewachsen, und sie trug die weiße Robe, die sie als Seherin kennzeichnete. Ihre Augen waren dunkel und unergründlich wie ein tiefer Teich in sternklarer Nacht. In den zwei Jahren, die sie bereits auf Treffnor lebte, war es Kronot nicht ein einziges Mal gelungen, einen ihrer Gedanken zu erraten, aber das störte ihn nur wenig. Auch bei den Frauen, die vor Lyssil Maget die Stellung der oberen Seherin Treffnors innegehabt hatten, war es ihm stets schwergefallen, ihre Gedanken und Gefühle zu erahnen.

Vermutlich lag es daran, dass die Seherinnen sich aufgrund ihrer Gabe vollständig dem Dienst an anderen Menschen verschrieben hatten, und für die bedeutsamste Seherin Tarells galt das ganz besonders. Sie diente nicht nur einzelnen Männern und Frauen, die bei ihr um Rat ersuchten, sondern allen Bürgern Tarells, und Kronot hielt es für angemessen, dass sie ihrer Aufgabe mit großem Ernst nachkam. In dieser Hinsicht erwartete er von der Seherin nicht weniger als von sich selbst.

Voller Hoffnung blickte er der jungen Frau entgegen - und bemerkte den Schatten, der sich über ihre Züge gelegt hatte.

Seine Sorge wuchs, und es gelang ihm nicht mehr, sie gänzlich zu ignorieren. Lyssil Maget wirkte zwar niemals sonderlich locker - das war etwas, was die Last der Verantwortung, die mit ihrer Gabe einherging, kaum ermöglichte - doch heute war ihr bleiches Gesicht wie in Stein gemeißelt. Was mochte sie gesehen haben?

Er konnte ein Zittern kaum unterdrücken, als die Oberseherin vor seinen Thron trat und sich tief verbeugte. Auch der Druck von Vailias Hand auf seinem Arm war stärker geworden. Wie er fürchtete sie sich vor dem, was Lyssil Maget zu sagen hatte. Inständig hoffte er, dass sie beide sich irren mochten, dass sie den Gesichtsausdruck der Seherin einfach falsch deuteten, weil sie nervös waren, übernervös vielleicht, schließlich ging es um ihr erstes Kind, ihren erstgeborenen Sohn, der später einmal die Thronfolge antreten sollte.

„Ich hatte eine Vision“, sprach Lyssil Maget die rituellen Worte, die der ersten Prophezeiung über das Leben eines Neugeborenen stets vorausgingen.

Kronot versuchte, seine Furcht zu beherrschen, und antwortete: „Wir wünschen, sie zu hören. Sagt uns, verehrte Seherin, welchen Weg Prinz Dayin in seinem Leben beschreiten wird.“

Auch das waren genau festgelegte Worte, denen wiederum eine bestimmte Antwort der Seherin folgen sollte. Doch sie sprach sie nicht aus. Stattdessen warf sie einen unsicheren Blick auf die Menschen, die im Thronsaal versammelt waren, zögerte, nur um sich gleich darauf ein weiteres Mal tief zu verbeugen.

„Mein König, ich habe eine Bitte. Ich möchte nicht vor so vielen Leuten sprechen. Nur diejenigen, die es betrifft, sollten erfahren, was ich gesehen habe.“

Während sie das sagte, hielt sie den Kopf gesenkt und sah nicht auf. Kronot erstarrte. Niemals zuvor war beim Zeremoniell der ersten Prophezeiung eine derartige Bitte geäußert worden. Wie schlimm musste das sein, was Lyssil Maget in Dayins Zukunft gesehen hatte?

Angestrengt bemühte er sich, seine Furcht im Zaum zu halten. Es konnte nicht so schrecklich sein, wie seine Angst es ihm einzureden versuchte. Selbst wenn Lyssil Maget Dayins frühen Tod gesehen haben sollte - und das war die schlimmste aller Möglichkeiten - war noch nichts verloren. Dazu gab es schließlich die Seherinnen. Sie prophezeiten die Wahrheit, und dadurch erhielt man die Gelegenheit, die Zukunft zu ändern. Nur durch eine Prophezeiung konnte das vollbracht werden, konnte der Pfad, dem ein Leben von Geburt an folgte, verlassen werden. So erschreckend es auch sein mochte, was Lyssil Maget gesehen hatte - gerade weil sie es gesehen hatte, konnte es verhindert werden.

„König Tarell“, sprach ihn eine leise Stimme von der Seite her an.

Kronot wandte den Blick nach rechts, dorthin, wo Torelk Medell stand.

„Ich schlage vor, der Bitte der Oberseherin zu entsprechen.“

Kronot zögerte und schaute fragend zu Vailia hinüber. Sie nickte.

„Lyssil Maget“, sagte er zu der Seherin, die nach wie vor tief gebeugt vor dem Thron verweilte. „Eure Bitte wird erfüllt werden.“

Die Seherin wirkte erleichtert. Langsam verließ sie ihre demütige Haltung und wartete. Thor Zwakeffja gab den zehn Soldaten der Leibgarde ein Zeichen. Sie verneigten sich in Richtung des Throns und verließen den Saal. Thor Zwakeffja wollte ihnen folgen, doch Kronot hielt ihn zurück.

„Thor, du kannst bleiben.“ Danach wandte er sich an seinen Berater. „Torelk, auch du solltest die Prophezeiung anhören. Vielleicht werde ich deinen Rat benötigen.“

Während er sprach, bemühte er sich, nicht auf die Reaktion im Gesicht der Oberseherin zu achten.

Der Herold trieb die Bediensteten, die sich im Raum aufhielten, hinaus, befahl auch den Trompetern auf den Balustraden, sich zurückzuziehen, und schloss hinter sich das Portal, nachdem er selbst den Saal verlassen hatte. Zurück blieben nur Kronot Tarell, seine Frau, Thor Zwakeffja, Torelk Medell, die Oberseherin und natürlich Dayin, der nach wie vor schlafend in den Armen seiner Mutter ruhte.

Mit einem schnellen Blick, in den er alle Hoffnung legte, dass Dayin niemals etwas Schlimmes zustoßen würde, versuchte Kronot Vailia zu beruhigen. Sie war bleich geworden, und er spürte ihre Angst ebenso sehr, wie er sie von ihrem Gesicht ablesen konnte. Sein Erfolg war jedoch nur gering. Er war selbst zu tief erschrocken.

„Sprecht Eure Prophezeiung“, forderte er die Oberseherin auf. Er bekam die Worte kaum heraus, aber ihm blieb keine Wahl. Er musste wissen, welche Fährnisse es in Dayins Leben geben würde, andernfalls würde er seinem Sohn nicht helfen und ihn nicht davor bewahren können.

Lyssil Maget wagte kaum, ihn anzublicken. „Ich bin Seherin, seit ich als Kind eine Vision empfangen habe. Ich habe es stets als Gabe und große Verantwortung empfunden, das Schicksal anderer Menschen vorhersehen zu können, doch manchmal ... manchmal wird die Verantwortung zu einem schweren Joch.“ Ihre Schultern sanken herab. „Ich bin nie gern der Überbringer schlechter Botschaften gewesen, und ich wünschte, ich könnte etwas anderes sagen, aber ...“

„Lyssil Maget, quält uns nicht! Sprecht die Prophezeiung aus“, rief Vailia, Dayin noch fester als bisher in ihren Armen haltend.

Die Seherin verbeugte sich ein weiteres Mal. „Verzeiht, meine Königin, ich wollte Euch kein Harm zufügen. Es fällt mir schwer, das zu berichten, was ich gesehen habe.“ Sie hielt inne, holte tief Luft, und eine seltsame Entrücktheit verklärte mit einem Mal ihre Miene. Es schien, als würde sie die Vision, die sie empfangen hatte, noch einmal vor Augen haben.

Kronot umklammerte mit beiden Händen die Armlehnen des Throns, als sie zu sprechen ansetzte.

„Dayin Tarell, Sohn von Kronot und Vailia Tarell, wird den König, seinen Vater, töten.“

Tiefe Stille folgte ihren Worten. Kronot starrte sie entgeistert an, dann sprang er abrupt auf.

„Das kann nicht sein!“

Er konnte es nicht glauben, nein, er wollte es nicht glauben, obwohl er wusste, dass die Seherinnen stets die Wahrheit sahen. „Wie kann das nur möglich sein? Haben wir gekämpft? War es ein Unfall?“

Lyssil Maget senkte traurig den Kopf. „Es war kein Unfall, mein König, und es war auch kein Kampf. Prinz Dayin wird Euch hinterrücks ermorden.“

Mit einem erstickten Laut fiel Kronot auf den Thron zurück.

„Nein!“

Vailia hatte den Schrei ausgestoßen. Er selbst konnte nicht sprechen.

„Ihr müsst Euch irren, Lyssil Maget“, rief Vailia verzweifelt, während ihr Blick voll Qual zwischen Dayin und der Seherin hin und her wanderte.

„Meine Königin, es tut mir aufrichtig leid, aber ich irre mich nicht. Noch nie hat eine Seherin fehl gesehen. Es gibt keinen Zweifel. So, wie ich es sagte, wird es geschehen, wenn es nicht verhindert wird.“

Unvermittelt wünschte Kronot, er hätte seinen Umhang nicht abgelegt, als er den Turm verließ. Er fror, als habe sich sein Herz plötzlich in Eis verwandelt. „Aber wie können wir es verhindern?“

„Ich weiß es nicht. Ich habe nach Visionen gesucht, die mir zeigen könnten, wie es zu dem grausamen Ereignis kommen wird. Deshalb habe ich so lange in meinen Räumen verweilt, doch bis auf jene eine schreckliche Vision bleibt mir der Lebenspfad des Prinzen im Augenblick noch verschlossen. Ohnehin ist es ein Wunder, dass ich so weit in die Zukunft schauen konnte.“

Kronot hätte am liebsten geschrien. Seine Finger tasteten zu seinem Kragen hinauf und zogen den Stoff seines Hemdes fest um seinen Hals zusammen. „Wann wird sich die Prophezeiung erfüllen?“

„Es wird erst in einigen Jahren geschehen. Ich sah Euch, mein König, als älteren, gereiften Mann. Diesem und anderen Anzeichen nach zu urteilen, wird Prinz Dayin Euch töten, kurz nachdem er erwachsen geworden ist, aber noch nicht das Alter erreicht hat, in dem er den Thron rechtmäßig von Euch übernehmen könnte.“

Das klang so endgültig. Kronot spürte jedes Wort der Seherin wie einen Peitschenhieb, der sich in seine Seele brannte.

Mit einem Mal spürte er Vailias Blicke auf sich ruhen. Sie forderten ihn schweigend auf zu widersprechen. Er blieb stumm. Er konnte die Prophezeiung nicht ignorieren, obwohl sie ihm nicht gefiel und ihn mehr als alles, was er sich vorstellen konnte, schmerzte. Die Worte der Seherin nannten Dayin einen Mörder. Das konnte und das durfte er nicht unbeachtet lassen, schließlich musste er auch an sein Land denken. Von einem König, der seinen eigenen Vater ermordet hatte, würde sich das Volk Tarells nicht freiwillig regieren lassen, und das Letzte, was er wollte, war, dass sein Sohn später eine Schreckensherrschaft führte, um die Menschen unter seinen Gehorsam zu zwingen.

Zutiefst schockiert und traurig sah er Thor Zwakeffja und Torelk Medell an. Sie hatten noch nichts gesagt, doch er kannte ihre Gedanken. Unter der Last der Prophezeiung konnte Dayin niemals König werden, selbst dann nicht, wenn ein Weg gefunden wurde, der das Eintreffen jener Tragödie verhindern konnte. Es gab nur noch eine winzige Hoffnung, den Schaden, den die Vorhersage angerichtet hatte und vor allem in Zukunft noch anrichten würde, einzugrenzen.

Er stand auf und blickte die Anwesenden nacheinander an. „Jeder von euch wird über die Prophezeiung Stillschweigen bewahren. Lyssil Maget, Ihr wisst, was Ihr zu tun habt.“

„Ja, mein König. Ich werde nicht ruhen, bis ich eine Vision empfangen habe, die mir die Gründe für Prinz Dayins Handeln zeigt.“

„Das hoffe ich.“ Seine Worte waren nicht wirklich an die Seherin gerichtet.

„Kronot“, sprach Vailia ihn an.

Er wartete nicht ab, was sie zu sagen hatte. Ohne ein weiteres Wort stürzte er aus dem Thronsaal. Bevor sich das Portal hinter ihm schloss, hörte er, dass Dayin erwacht war und leise zu weinen begann.

Kronot Tarell floh vor der finsteren Prophezeiung auf den Südturm. Während er im Thronsaal gewesen war, war das Wetter umgeschlagen. Dunkle Wolken bedeckten den Himmel dort, wo er vormals in hellem Blau erstrahlt war. Der Wind hatte aufgefrischt und zerrte wie mit tausend unsichtbaren Fingern an Kronot. Die schwarzen Wolkenberge wogten und wallten, als wollten sie sich dem aufgebrachten Element widersetzen, nur um schließlich doch von ihm mitgerissen zu werden. Am Horizont sammelten sie sich zu einer dunklen Front und entledigten sich ihrer schweren Last. Regen ergoss sich dicht wie ein Tuch über das Land. Es schien, als würde die Nacht selbst auf den Boden hinabfallen, und nur der Sturm hielt das Unwetter im Augenblick noch davon ab, auch Treffnor zu erreichen. Blitze leuchteten grell auf, und das ferne Rollen des Donners klang bedrohlich wie das Knurren eines Wolfes auf der Jagd.

Ungeachtet des kalten Windes, der ihm wie mit spitzen Nadeln unter die Kleidung fuhr und in seine Haut stach, stürzte Kronot zur Brüstung, krallte seine Hände um den rauen Stein und schrie. Er brüllte seinen Schmerz heraus, als wolle er mit dem Sturm um die Wette heulen. Tränen flossen ihm über die Wangen, drohten, zu Eis zu erstarren. Nur mit größter Anstrengung konnte er verhindern, dass er in die Knie sackte. Ein gequältes Stöhnen entrang sich seiner Brust, und ihm war, als müsste er innerlich zerreißen.

Dayin - ein Vatermörder. Eine schrecklichere Vorhersage hätte es gar nicht geben können. Wenn Lyssil Maget gesagt hätte, dass er in früher Kindheit sterben würde, wäre das längst nicht so schlimm gewesen. Dayins Tod hätte man verhindern können, diese Prophezeiung aber war unauslöschlich. Sie betraf nicht nur sein Leben, sondern zeigte unmissverständlich, wie es in seinem Herzen aussah. Die Prophezeiung war ein Kainsmal, das Dayin zeit seines Lebens eingebrannt war. Jeder, der von den Worten der Seherin erfuhr, würde es sehen.

Und die Menschen Treffnors würden davon erfahren. Die Geheimhaltung zu befehlen war zwar eine umsichtige, aber dennoch völlig nutzlose Maßnahme gewesen. Natürlich würden Thor Zwakeffja, Torelk Medell und Lyssil Maget schweigen, doch das nützte nur wenig. Die Vorhersage war im Thronsaal laut ausgesprochen worden, und das würde genügen, sie allen Bewohnern Tarells bekannt werden zu lassen, denn in einer Burg wie Treffnor hatten selbst die Wände Ohren. Dayins Prophezeiung würde sich niemals über längere Zeit geheim halten lassen. Er war gezwungen, sich geeignete Maßnahmen zu überlegen, mit denen die Bluttat verhindert werden konnte, und wenn er selbst es nicht tat, würden sich Thor Zwakeffja und Torelk Medell Gedanken darüber machen. Er erwartete ihre Vorschläge schon bald, und ebenso wie er ihren Rat erhoffte, fürchtete er ihn auch. Denn sobald er und seine Berater begannen, Dayin entsprechend der Prophezeiung zu behandeln, würden die Bürger Tarells unweigerlich aufmerksam werden und sich ihren Teil dazu denken.

Schon allein dadurch war eine vollkommene Geheimhaltung nicht zu erreichen, ja nicht einmal eine unvollkommene. Es gab einfach zu viele Wege, auf denen die Bewohner Tarells von der Prophezeiung erfahren konnten, und sei es nur, dass eine Seherin, die mit irgendeinem Menschen verbunden war, in einer Vision sah, dass jener Mensch um seinen König trauerte. Ein Mord, wie Dayin ihn begehen würde, musste einen derartigen Sturm der Entrüstung in Tarell losbrechen lassen, dass er in den Lebenspfaden unzähliger Personen erkennbar wurde.

Auch Rohn Lumaar dürften die Worte der Seherin sehr bald zu Gehör kommen. Kronot wusste, dass der König des Nachbarreichs hin und wieder Spione nach Tarell entsandte, er selbst hielt es schließlich nicht anders, und damit war auch seine Hoffnung, Lumaar und Tarell durch eine Eheschließung zwischen den Königskindern vereinigen zu können, dahin. Rohn Lumaar würde unter den gegebenen Bedingungen niemals einwilligen, seine Tochter - falls er denn eine Tochter bekommen sollte - mit Dayin zu vermählen, und er konnte das sogar verstehen. Es gab niemanden, der sein Kind mit einem potentiellen Attentäter hätte verheiraten wollen. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Prophezeiung sich erfüllte oder nicht, denn jeder wusste, dass sie es täte, falls es nicht von außen verhindert wurde. Das, was Dayin laut der Vision der Seherin zum Mörder machte, war ein unauslöschlicher Teil von ihm.

Eine eiserne Faust schnürte Kronot den Magen zusammen. In einem plötzlichen Anflug von Zorn starrte er nach Norden, dorthin, wo er Tarells Küste wähnte.

„Vater“, erhob er seine Stimme gegen den Sturm. „Warum hast du mich allein gelassen? Warum bist du jetzt nicht bei mir?“ Er schluchzte erstickt. „Was soll ich bloß tun?“

Nur der Wind antwortete ihm. Er riss an seinem Umhang, den Kronot sich wieder um die Schultern geschlungen hatte, an seinem Haar und raunte ihm boshafte Vorschläge zu, Gedanken, die ihm längst selbst gekommen waren und die er doch nicht hatte wahrhaben wollen.

Ein plötzliches Geräusch ließ ihn herumfahren. Vailia trat zu ihm auf das Dach. Ihre Augen waren gerötet, und in ihrem Arm hielt sie, dicht an sich gepresst, Dayin, der wieder zu schlafen schien. Wie erstarrt verharrte Kronot auf der Stelle und blickte ihnen stumm entgegen.

Vailia kam näher, und erst als sie vor ihm stand und er sah, dass sie unter dem eisigen Wind, der sich inzwischen gedreht hatte und das Unwetter unaufhaltsam auf Treffnor zutrieb, zu frösteln begann, sprach er sie an.

„War es klug, Dayin auf den Turm zu bringen?“, fragte er und erschrak zugleich. Seine Stimme hatte selbst in seinen eigenen Ohren abweisend geklungen.

Reue erfüllte ihn. So hatte er das nicht sagen wollen. „Es ist kalt“, fügte er schnell hinzu. „Dayin wird frieren.“

Vailia bemaß ihn mit einem seltsamen Blick. „Ich werde ihn schon wärmen.“

Während sie sprach, schlang sie die warme Decke, in die der Säugling gehüllt war, enger um ihn.

Kronot stand vor ihr, sah ihr zu. Der Wind fuhr ihm eisig in die Kleidung, und auf Vailias Wangen hinterließ er eine spröde Rötung.

Mit Mühe riss er seine Augen von ihr los und schaute über das weite, sturmgepeitschte Land. „Der Frühling lässt lange auf sich warten“, bemerkte er tonlos.

Vailia folgte seinem Blick nicht, sondern sah ihn an. „Glaubst du ihr?“

Kronot starrte an ihr vorbei, nahm den Saum seines Mantels in die Hände und knetete ihn zwischen seinen klammen Fingern. „Ich kenne keine Seherin, die sich jemals getäuscht hätte.“

„Bitte, Kronot!“

„Sie sehen die Wahrheit“, zwang er sich zu sagen. Noch immer schaute er sie nicht an.

„Du weißt, was das bedeutet“, rief Vailia. Heißer Zorn schwang plötzlich in ihrer Stimme mit. „Hätte sie doch nur geschwiegen!“

„Das durfte sie nicht.“

„Tatsächlich nicht? Durfte sie denn Dayins Leben zerstören? Genau das hat sie nämlich getan!“

„Sie wollte mich schützen“, erwiderte er schwach. Sein eigenes Entsetzen war zu groß, als dass ihm dieser Gedanke Trost gespendet hätte.

„Wie soll Dayin mit dieser Bürde leben können?“

Vailias Stimme klang so erstickt, dass er unwillkürlich zu ihr hinsah. Tränen liefen ihre Wangen hinab. Er wollte sie trösten, doch er brachte kein Wort heraus. Stumm und regungslos stand er da, zwei Schritte von seiner Frau und seinem Sohn entfernt, und starrte auf die Tränen, die seine Frau über die finstere Zukunft ihres Sohnes vergoss.

Vailias Trauer ebbte ebenso schnell ab, wie sie begonnen hatte, und Trotz gewann die Oberhand. „Ich glaube Lyssil Maget nicht, und es ist mir gleich, was über die Fähigkeiten der Seherinnen gesagt wird. Dayin ist kein Mörder! Er ist nur ein Kind!“

Gequält presste Kronot die Lippen aufeinander. Wie gern wollte er Dayin mit den gleichen Augen sehen. Wie gern ...

„Er wird kein Kind bleiben.“

Vailias Augen weiteten sich ungläubig. Sie trat dicht zu ihm und hielt ihm Dayin entgegen. „Noch ist er ein Baby. Willst du ihn sein ganzes Leben lang für etwas bestrafen, was er vermutlich niemals tun wird?

Kronot wich ihrem Blick aus und zerrte so fest an seinem Mantel, dass ein reißendes Geräusch aufklang. „Er wird es tun, wenn wir es nicht verhindern.“

„Und wie willst du es verhindern? Willst du Dayin verstoßen oder willst du ...“

Abrupt ließ Kronot seinen Mantel los. „Vailia!“

Er wusste nur zu gut, was sie hatte sagen wollen, aber diese Möglichkeit durfte nicht einmal ausgesprochen werden, auch wenn sie der einfachste Weg wäre, das Eintreffen der Prophezeiung abzuwenden.

Vailia errötete bis zum Haaransatz und senkte den Blick. „Es tut mir leid, Kronot.“

Er straffte seine Gestalt. „Ich weiß noch nicht, wie ich handeln werde. Ich muss darüber nachdenken.“

Augenblicklich hob Vailia ihren Kopf wieder. Ihre Augen funkelten. „Ich bin sicher, Thor Zwakeffja und Torelk Medell werden dir entsprechende Vorschläge unterbreiten.“ Sie trat so dicht an ihn heran, dass Kronot trotz der eisigen Kälte die Wärme spüren konnte, die von ihr ausging, so dicht, dass er den friedlichen Ausdruck im Gesicht des Babys erkennen konnte. „Dayin ist dein Sohn“, beschwor sie ihn.

Dayin erwachte von ihrer Stimme. Seine Lider hoben sich, und für eine Sekunde sah es so aus, als wolle er zu weinen beginnen. Suchend blickten seine klaren, blauen Augen umher und fanden die seiner Mutter. Ein seliges Lächeln erschien auf seinem kleinen Gesicht.

Kronot schluckte hart. „Das weiß ich“, gab er zurück und schlug mit einer Hand unwirsch nach dem Mantel, der ihn im böigen Wind heftig umflatterte. „Ich werde niemals etwas anderes in ihm sehen.“

Ein Hoffnungsschimmer trat in Vailias Augen. „Versprichst du mir das?“

Er nickte stumm und fing den Mantel ein. Frierend zog er ihn vor seiner Brust zusammen.

Erleichtert - so erleichtert, wie sie es im Augenblick zu sein vermochte - wandte sich Vailia zum Gehen. Kronot hielt sie zurück.

„Vailia.“

„Ja?“

„Lass Dayin nicht allein.“

Sie erstarrte, und ihre Augen weiteten sich vor Schrecken. Sie schwankte und sank mitten auf dem schneebedeckten Dach in die Knie. Heftige Weinkrämpfe schüttelten sie.

Erst jetzt gab Kronot seine versteinerte Haltung auf und trat zu ihr. Das Baby in ihren Armen war so klein und schutzlos. Vailias Worte kamen ihm in den Sinn. Wie soll Dayin mit dieser Bürde leben können?

Er wusste, dass die eigentliche Frage eine andere war. Schweigend nahm er seine Frau und Dayin in den Arm.

Nach viel zu kurzer Zeit ließ er sie wieder los. Vailia ging, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Sie hastete vom Dach und ließ sich nicht einmal die Zeit, die Tür hinter sich zu schließen.

Er sah ihr nicht nach. Noch lange blickte er über das Land, doch all das Schöne, das er sonst von hier oben hatte sehen können, war verschwunden. Das Unwetter hatte es verschlungen, und bald darauf prasselten heftige Regenschauer, vermischt mit Hagel, auf das Dach des Südturms herab. Blitze zuckten über den düsteren Himmel, Donnerschläge krachten ohrenbetäubend und hallten grollend von Treffnors Mauern wider.

Kronot zog sich vor dem Gewitter in seine Gemächer zurück. Die Diener, die ihn dort empfingen, schickte er fort. Er wollte niemanden um sich haben. Er musste allein sein, um nachdenken zu können. Erst am Abend verließ er seine selbstgewählte Isolation und suchte die Räume seiner Frau auf.

In dieser Nacht teilte er das Bett mit ihr, doch obwohl er sich etwas anderes einzureden versuchte, geschah es nicht aus Liebe. Er verfolgte nur ein einziges Ziel: Er wollte ein zweites Kind. Ein zweiter Sohn könnte König werden.

Es war ein verzweifelter Wunsch, und er geißelte sich selbst, weil er Vailia benutzte, aber er konnte nicht anders. Seine tiefe Scham war jedoch nicht einmal das Schlimmste. Vailia wusste, welche Gedanken ihn bewegten. Er spürte es daran, wie sie sich ihm hingab. Sie akzeptierte seine Zärtlichkeit, gab selbst jedoch nur wenig zurück. Stumme Tränen begleiteten seine Anstrengung, nicht darauf zu achten.

Lumaar

Es war Frühling im Reich Lumaar, doch der Tag hatte nicht so gut begonnen, wie die Jahreszeit es vermuten ließ. Heller, lichter Sonnenschein fiel durch das große Fenster, das nahezu die gesamte südliche Wand des Studierzimmers einnahm. Er trug die Botschaft des Frühlings in sich, ließ die schweren, kostbaren Teppiche, die den Boden bedeckten, in ihrer ganzen Pracht erstrahlen und vertrieb den Hauch von Kälte, sodass das Feuer, das auf der rechten Seite des Raums neben der Tür in einem gekachelten Kamin brannte, bald überflüssig wurde. Die imposanten Gemälde an den Wänden, die vergangene Schlachten zwischen Tarell und Lumaar zeigten - selbstverständlich nur jene, die mit einem Sieg Lumaars geendet hatten - schienen im klaren Licht des frühen Morgens miteinander um die Aufmerksamkeit eines Betrachters wetteifern zu wollen, so tief und leuchtend waren ihre Farben.

Rohn Lumaar, der einzige, der ihnen eine angemessene Bewunderung hätte schenken können, gönnte ihnen nicht einmal einen beiläufigen Blick. Was ihn anging, verbreitete dieser Frühlingsmorgen eine verlogene, übelkeitserregende Stimmung des Friedens und der Freude, die ihm mächtig am Gemüt kratzte. Missmutig wanderte er im Raum auf und ab. Den aufdringlichen Diener, der in regelmäßigen Abständen alle seine Wünsche, die er haben mochte, aber noch nicht geäußert hatte, zu erraten versuchte, hatte er längst hinausgeworfen.

Seine Laune war wahrlich nicht die beste, und sie verschlimmerte sich noch, sooft er an die Botschaft dachte, die bereits vor dem Frühstück mit einer Brieftaube Tarells angekommen war. Ihm war ohnehin nicht klar, warum diese Art des Kontakts überhaupt noch aufrechterhalten wurde. Wenn es nach ihm allein ginge, hätte er alle Verschläge längst niedergerissen und die Tauben braten lassen. Seine Diener aber hatten nichts Eiligeres zu tun gehabt, als die kleine Schriftrolle aus der Hülse, die die Taube am Bein trug, zu entnehmen und sie ihm vorzulegen.

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