Die Gwailor-Chronik (2) - Susanne Gavénis - E-Book
Beschreibung

Der Augenblick der Wahrheit rückt unaufhaltsam näher. Dayin, mittlerweile zum jungen Mann herangewachsen, versucht noch immer verzweifelt zu beweisen, dass er kein Mörder ist. Doch das Netz aus Intrige und Verrat zieht sich immer enger um ihn zusammen und mächtige Feinde setzen alles daran, die grausame Prophezeiung Wirklichkeit werden zu lassen. Schließlich muss Dayin erkennen, dass sein Scheitern nicht nur für ihn selbst, sondern auch für die beiden Königreiche Gwailors den Untergang bedeuten würde.

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Susanne Gavénis

Die Gwailor-Chronik

Schicksalspfade

© 2014 AAVAA Verlag

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2014

Umschlaggestaltung: AAVAA Verlag

Coverbild: fotolia, "dark king" von Dusan Kostic, Nr. 60188985

Printed in Germany

AAVAA print+design

eBook epub:   ISBN 978-3-8459-1490-9

eBook PDF:   ISBN 978-3-8459-1491-6

AAVAA Verlag, Hohen Neuendorf, bei Berlin

www.aavaa-verlag.com

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1. Das rastlose Herz

Die Sonne stand im Zenit und brannte heiß vom tiefblauen Himmel herab, als Wendar Dayin zum Strand Shinnors begleitete. Der Prinz schritt schnell aus. Wie so oft hatte er es eilig, zum Wasser zu gelangen. Wendar hielt sich dicht hinter ihm und schmunzelte. Dayin liebte das Meer, die Brandung der Wellen und den salzigen Geschmack der Gischt. Jeden Tag verließ er die Burg, kaum dass er seine Lehrstunden mit seinem Großvater hinter sich gebracht hatte, um sich in die schäumenden Fluten zu stürzen und mit den Fischen um die Wette zu schwimmen. Selbst der Wechsel der Jahreszeiten konnte ihn nicht davon abhalten, nur dass er im Winter nicht so lange im Wasser blieb, wie er es im Sommer tat.

Am Ufer angekommen legte Dayin seine Kleidung bis auf eine kurze Hose ab, dann trat er ohne zu zögern ins Wasser, bis es ihm bis zum Bauch reichte. Die Wellen, die vom Meer her in Richtung Strand rollten, schlugen rauschend gegen seine Brust und spritzten ihm salzigen Schaum ins Gesicht. Die Sonne glitzerte auf den vielen kleinen Tropfen, die Dayins Oberkörper gleich darauf wie winzige Diamantsplitter bedeckten.

Der Prinz wandte sich nicht zu Wendar um, und er sprach kein Wort. Das tat er nie, bevor er nicht aus dem Wasser zurückkehrte. Wendar hatte sich längst daran gewöhnt. Die Zeit in Shinnor hatte ihre ganz eigenen Rituale entstehen lassen.

Als sich vor Dayin der Kamm einer besonders großen Welle erhob, beugte er sich nach vorn und lehnte sich ihr entgegen, als könne er kaum erwarten, in sie einzutauchen. Gleich darauf war er verschwunden. Wendar hielt den Atem an, bis er wenig später Dayins Kopf etwas weiter draußen zwischen den Schaumkronen erspähte. Mit ruhigen, gleichmäßigen Zügen stemmte sich der Prinz den Wellen entgegen und gewann rasch Abstand vom Ufer. Offenbar hatte er vor, heute besonders weit hinauszuschwimmen. Das war allerdings nichts, worüber sich Wendar Sorgen gemacht hätte. Dayin kannte seine Kräfte. Er wusste, wann es für ihn Zeit wurde umzukehren.

Trotzdem wäre es Wendar lieber gewesen, wenn er nicht allein geschwommen wäre. Die Strömung vor Shinnor war stark und mitunter tückisch. Sie konnte selbst einen geübten Schwimmer zuweilen in Gefahr bringen. Zu Beginn von Dayins Schwimmunterricht waren er oder Beilar stets mit ihm ins Wasser gegangen, doch nach einiger Zeit hatte Beilar vorgeschlagen, ihn allein zu lassen. Trotz aller Sorge hatte sich Wendar den Argumenten seines Bruders nicht verschließen können. Es war gut, wenn der Prinz wenigstens einmal am Tag Gelegenheit hatte, etwas ohne ihre Unterstützung zu tun und sich vor sich selbst zu beweisen, etwas, wozu er sonst kaum die Möglichkeit besaß.

Mit einem letzten Blick auf Dayin wandte sich Wendar vom Meer ab. Aufmerksam und mit vor Konzentration zusammengekniffenen Augen ging er die Böschung ab, über die der Strand von Shinnor aus erreicht werden konnte. Er kannte dort jeden Felsen und jede Erhebung, und er kontrollierte sie alle, denn jede von ihnen mochte einem Attentäter als Deckung dienen.

Über ihm zog eine Schar weißer Möwen kreischend aufs Meer hinaus. Wendar sah ihnen nach und warf gleichzeitig einen prüfenden Blick auf Dayin. Er war tatsächlich ungewöhnlich weit hinausgeschwommen, schien inzwischen jedoch umgekehrt zu sein. Ohne Hast hielt er auf eine schmale Landzunge zu, die von kleinen, nur wenig über das Wasser herausragenden Felsen gebildet wurde, deren feuchte Oberflächen im Sonnenlicht wie Glas funkelten.

Als Dayin die äußerste Spitze der Landzunge erreichte, beendete Wendar seinen Rundgang und kehrte zum Strand zurück. Mit gerunzelter Stirn sah er zu seinem Schützling hinüber. Der Prinz hatte sich an dem Felsen, der am weitesten vom Ufer entfernt war, aus dem Wasser gezogen, saß nun im Schneidersitz auf dem warmen Gestein und ließ sich von den Strahlen der heißen Sommersonne trocknen, während er scheinbar geistesabwesend aufs Meer hinausblickte.

Wendar nahm es mit einem unguten Gefühl zur Kenntnis. Natürlich wusste er, dass Dayin ihm vertraute, doch so stolz er auch darauf war, so sehr wünschte er sich, der Prinz würde sich nicht allein auf ihn verlassen.

Andererseits hatte Dayin seinen Platz besonnen gewählt. Die Böschung war zu weit entfernt, als dass ein Bogenschütze von dort aus auf ihn hätte schießen können, und nicht einmal der Bolzen einer Armbrust, der viel weiter flog als der Pfeil eines Bogens, konnte ihn treffen.

Jetzt wandte sich Dayin um, suchte mit den Augen den Strand ab und fand Wendar. Eine Sekunde lang blieb sein Blick auf ihm haften, dann sah der Prinz erneut aufs Meer hinaus. Wendar nickte beifällig. Dayin hatte also doch nicht vergessen, dass es einen vollkommenen Schutz nicht gab. Aber wie hätte er das auch ...

Eine dichte, weiße Wolke schob sich, von der landeinwärts gerichteten Brise getrieben, vor die Sonne und warf einen langen Schatten über die schaumgekrönten Wellen des Meeres und den Strand. Wendar war, als würde er plötzlich von einem Hauch Dunkelheit gestreift; ein Schauder rann ihm den Rücken hinab, und er begann zu frieren.

Wieder sah er in Dayins Richtung, und ein enges Gefühl hielt seine Kehle umklammert. Einmal war es geschehen. Einmal war ein Attentäter dem Prinzen sehr, sehr nahegekommen. Mit Pfeil und Bogen bewaffnet und bekleidet mit einem erdfarbenen Tarnumhang hatte er an der Böschung in einer Felsnische gelauert und sofort geschossen, als sie den Strand betreten hatten.

Wendar verschränkte die Arme vor der Brust und ballte die Hände zu Fäusten. Sie hatten zu zittern begonnen. Der Angreifer hatte auf Dayins Herz gezielt. Als der Pfeil von der Sehne geschnellt war, hatte er ein sirrendes Geräusch verursacht, das war die einzige Warnung gewesen. Wendar hatte es gehört und Dayin zur Seite gestoßen, noch bevor er sah, aus welcher Richtung Gefahr drohte und welcher Art sie war. Hätte er nur eine einzige Sekunde gezögert, wäre Dayin tödlich getroffen worden.

Erst nachdem der Pfeil hinter dem Prinzen in den Boden gefahren war, hatte er den Attentäter entdeckt. Er war so schnell bei ihm gewesen, dass der Mann nicht dazu gekommen war, noch einen zweiten Schuss abzugeben. Er hatte ihn entwaffnet und gefangen genommen, und es hatte ihn eine schier übermenschliche Selbstbeherrschung gekostet, den Kerl nicht auf der Stelle zu töten. Seine Hände zuckten noch heute, sobald er nur daran dachte.

Nie würde Wendar den Ausdruck abgrundtiefer Verzweiflung und Mutlosigkeit in Dayins Augen vergessen, als er, noch immer im Sand liegend, den Pfeil und den Schützen nacheinander angesehen hatte. Der Anschlag hätte ihn um ein Haar zerbrochen. Er war in sein Zimmer geflohen und hatte sich geweigert, es wieder zu verlassen. Nicht einmal zu den Mahlzeiten war er vor die Tür gegangen.

Beilar hatte damals nicht daran geglaubt, dass sich der Junge wieder fangen würde. Stundenlang hatte Wendar bei ihm gesessen und versucht, ihm so gut wie eben möglich die Angst zu nehmen - ohne Erfolg. Manchmal hatte der Prinz starr wie ein Toter in seinem Bett gelegen, den Blick an die Wand geheftet und die Schultern so verkrampft, als fürchte er jede Sekunde einen erneuten Angriff.

Nach einigen Tagen hatte er sich jedoch aus eigener Kraft aus seiner Resignation herausgezogen, und seitdem verfolgte er seine Vorsätze noch energischer als zuvor. Der zweite Attentatsversuch, ein Giftanschlag, der zum Glück von der Seherin Shinnors vorhergesehen worden war, hatte ihn nicht mehr aus der Bahn werfen können.

Dayins ungebrochenen Lebenswillen schätzte Wendar genauso hoch ein wie die Entscheidung, die er hinsichtlich der Attentäter getroffen hatte. Weder den Bogenschützen noch den Giftmischer hatte er hinrichten lassen, obwohl es durchaus im Bereich seiner Möglichkeiten gelegen hätte. Er war ein Prinz Tarells, und damit war er Herzog Beneka in Rechtsangelegenheiten formell übergeordnet. Trotzdem hatte er auf seine Rache verzichtet, sondern die Männer stattdessen auf eine Insel weit vor der Küste verbannt.

Beilar war damals mit dieser Entscheidung ganz und gar nicht einverstanden gewesen. Er hatte tagelang ununterbrochen vor sich hin geschimpft und Dayins Entschluss offen kritisiert. Dabei hatte er nicht erkannt, dass der Prinz gar nicht anders hatte handeln können. Dayin hatte geschworen, niemals zu töten, und er hatte eisern an seinem Eid festgehalten. Beilars heftigem Tadel hatte er ebenso wenig Beachtung geschenkt wie den behutsamer geäußerten Bedenken des Herzogs.

Eine Bewegung am Ende der Landzunge ließ Wendar aufmerken. Dayin stand auf und näherte sich über die Felsen dem Strand. Wendar beobachtete ihn prüfend und lächelte anerkennend. Dayin hatte in den vergangenen sechs Jahren hart an sich gearbeitet. Obwohl er barfuss war, fand er sicher seinen Weg über die Steine, die an vielen Stellen glatt und rutschig, an anderen gefährlich scharfkantig waren.

Das Waffentraining und nicht zuletzt das tägliche Schwimmen hatten ihm seine jugendliche Schlaksigkeit genommen. Sein Körper wirkte athletisch, obwohl er noch immer sehr schlank war, und seine Bewegungen waren geschmeidig und kraftvoll. Er war noch etwas größer geworden, seine Haut von der Sonne gebräunt und seine Haare gebleicht. Sie waren blonder als je zuvor.

Wie so oft empfand Wendar ein tiefes Bedauern, als er Dayin musterte. Der Junge war nicht nur kräftig geworden, sondern er hatte auch Talent. Wäre er wie Prinz Gerrent von Kindesbeinen an trainiert worden, hätte er ein wahrer Meister der Waffen werden können. Das nötige Geschick besaß er ohne Zweifel.

Leider hatte Dayin die Jahre, die verstrichen waren, ohne dass er in der Kunst des Kampfes unterwiesen worden war, nicht mehr aufholen können. Mit dem Schwert würde er niemals besser als mittelmäßig sein, und ähnlich verhielt es sich auch mit dem Stock und der Lanze. In der Defensive war er zwar gut - Wendar kannte nicht viele Menschen, die über so hervorragende Reflexe wie der Prinz verfügten -, vor einem direkten Angriff aber, selbst wenn er nur zum Zweck des Trainings und mit abgestumpften Waffen ausgeführt wurde, scheute er zurück wie ein Tier vor dem Feuer. Damit waren ihm hinsichtlich der typischen Nahkampfwaffen klare Grenzen gesetzt. Etwas besser konnte er mit dem Bogen und der Armbrust umgehen, und am sichersten beherrschte er das Messerwerfen.

Zwei Messer hatte Dayin ständig bei sich. Es waren die einzigen Waffen, die er versteckt tragen und mit denen er üben konnte, auch wenn er sich nicht in der Höhle aufhielt, die ihm als Trainingsort diente. Vermutlich war ihm der Umgang mit ihnen deshalb am vertrautesten. Es war schon ziemlich lange her, dass er einen Gegenstand, den er hatte treffen wollen, verfehlt hatte.

Es war für Wendar kein Geheimnis, welche Gefühle Dayin bewegten, sobald er ein Schwert oder einen Kampfstock führte. Die Sorge, jemanden zu verletzen, nahm seinen Schlägen die Kraft. Wendar konnte das nur zu gut verstehen. Falls Dayin Beilar, der im Training sein Waffenpartner war, durch einen unglücklichen Umstand verwunden oder gar töten sollte, würde sich das kaum geheim halten lassen. Ein Aufschrei der Entrüstung würde durch ganz Tarell gehen.

Manchmal wunderte sich Wendar ohnehin darüber, dass sie Dayins Training bis heute vor den Augen der Bewohner Shinnors hatten verbergen können. Nur die Seherin hatte über verschiedene Visionen davon erfahren, doch sie hatte geschwiegen, so wie der Herzog es ihr aufgetragen hatte.

So sehr es ihn erstaunte, dass ihre Übungsstunden bislang unentdeckt geblieben waren, so froh war er darüber. Die Prophezeiung lastete schwer genug auf Dayin. Falls das Volk Tarells erfuhr, dass er ein Waffentraining erhielt und darüber hinaus das Messerwerfen beherrschte, würde das Gerede über den Vatermörder neue Nahrung bekommen. Attentate wären unweigerlich die Folge.

In einem Anflug von Zorn ballte Wendar die Fäuste. Inständig wünschte er, es gäbe einen Weg, den Schatten der Prophezeiung von Dayin zu nehmen. In den vergangenen zehn Jahren hatte er all seine Fähigkeiten ausschließlich dem Leben des Prinzen gewidmet, und doch hatte er es nicht vermocht, es auch nur einen Deut sicherer zu machen. Die Prophezeiung war zu übermächtig. Wenigstens war der Junge nicht mehr völlig hilflos. Im Fall eines Angriffs konnte er sich zur Wehr setzen.

Wendar sah ihm zu, als er die letzten Meter zum Strand hinter sich brachte. Der Prinz warf einen unruhigen Blick die Böschung hinauf, nachdem er von den Felsen in den Sand getreten war. Die Muskeln seines Körpers waren angespannt wie die einer Katze kurz vor dem Sprung. Leicht geduckt stand er da, und seine Augen huschten aufmerksam hin und her. Wendar kannte ihn nicht mehr anders.

„Ist alles in Ordnung?“

Die Brandung, die sich lautstark am Ufer brach, verschluckte Dayins Worte. Wendar verstand sie dennoch. „Wir sind allein.“

Dayins Anspannung lockerte sich, doch nicht so weit, wie Wendar es gern gesehen hätte. Er richtete sich lediglich ein wenig gerader auf, seine Körperhaltung glich jedoch nach wie vor der eines Tieres, das sich angesichts einer Bedrohung noch nicht für Angriff oder Flucht entschieden hatte. Er schaute sich ein letztes Mal prüfend um, dann blickte er zur Burg hinauf. „Gehen wir nach Shinnor zurück.“

Wendar nickte stumm. Dayin nahm seine Kleidungsstücke auf, die er am Strand abgelegt hatte, und zog sie an. Danach machten sie sich auf den Rückweg.

Während sie den schmalen Pfad zur Burg entlanggingen, herrschte bedrückendes Schweigen zwischen ihnen. Wendar warf Dayin einen betrübten Blick zu. Früher hatte das Schwimmen ihm gut getan. Es hatte ihn entspannt, und anschließend war es ihm für ein oder manchmal sogar für zwei Stunden möglich gewesen, nicht an drohende Attentate zu denken. Seit einigen Wochen hatte sich die beruhigende Wirkung des mittäglichen Bades jedoch verloren. Der Prinz wirkte rastlos, und er hatte Probleme, sich auf sein Waffentraining und den Lernstoff, den sein Großvater ihm vermittelte, zu konzentrieren. In all den Jahren, die er nun schon auf Shinnor lebte, war das nur selten und niemals so gehäuft wie im Augenblick vorgekommen.

Wendar kannte den Grund dafür, natürlich kannte er ihn. Ihm selbst wurde angst und bange zumute, sobald er daran dachte, dass Dayin inzwischen zwanzig Jahre alt war. Damit war die Zeit, von der die Prophezeiung gesprochen hatte, gekommen. Sogar in Shinnor sprachen die Leute wieder öfter von den Worten Lyssil Magets.

Dayin wusste selbstverständlich, wie seine Situation aussah. Je älter er wurde, desto gefährlicher wurde es für ihn und desto drängender musste er sich wünschen, die Prophezeiung abschütteln zu können. Beilar hatte bereits vor Wochen darauf gewettet, dass der Prinz beim erstbesten Anlass nach Treffnor zurückkehren würde. Wendar hatte die Wette nicht angenommen, nicht weil er sie für abwegig hielt, sondern weil sein Bruder die Zeichen richtig erkannt hatte. Lange konnten sie Dayin nicht mehr in Shinnor halten, und sobald er nach Treffnor ging, wäre er in größerer Gefahr als je zuvor. In der Burg des Königs war die Prophezeiung sehr viel lebendiger als hier an der Küste und Attentate wahrscheinlicher.

Hilflos presste Wendar die Lippen aufeinander. Irgendwann würde Dayins Glück enden. Irgendwann würde einer der Anschläge Erfolg haben. Er selbst, Beilar und die Seherin Shinnors waren als Schutz nicht ausreichend, wenn ein fanatischer Mörder nur entschlossen genug versuchen sollte, Dayin zu töten, und der Prinz wusste es. Wendar sah es an seinem Gesichtsausdruck, der stets eine Mischung aus Verwunderung und Angst zeigte: Verwunderung, weil er bislang überlebt hatte, und Angst, weil ihn der Tod in jeder Sekunde ereilen konnte.

Während Dayin schweigend neben Wendar die Böschung hinaufschritt, verspürte er in seinem Rücken ein unangenehmes Kribbeln. Es ließ ihn schaudern, obwohl die Luft warm war. Die Strahlen der Sonne und die laue Brise, die vom Meer her wehte, umschmeichelten ihn, doch er bemerkte es kaum. Die Felsen und Nischen des Hanges und die Schatten, die sie bargen, zogen seine Aufmerksamkeit so vollständig auf sich, dass kein Raum mehr für andere Wahrnehmungen blieb. Er versuchte, sie mit seinen Blicken zu durchdringen, während sich in seiner Körpermitte das dumpfe, pochende Gefühl ausbreitete, das ihn viel zu selten verließ. Er hasste es, aber er konnte nichts dagegen tun. Er konnte nicht einmal verhindern, dass er sich immer wieder umwandte, obwohl er doch Wendar hinter sich wusste.

In einem Anflug von Trotz richtete er seinen Blick starr auf die hellen Mauern Shinnors. Unvermittelt erfasste ihn heftiges Heimweh. Seit sechs Jahren war es sein stummer, unerbittlicher Begleiter. Natürlich war Shinnor schön, und er mochte das Meer, trotzdem wäre er zu gern wieder über die Felder rund um Treffnor gewandert oder durch die üppigen Laub- und Nadelwälder geritten. Es wäre schön, seine Heimat nach so langer Zeit wiederzusehen.

Missmutig ließ er den Kopf hängen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er Treffnor längst besucht. Seit einigen Wochen spielte er immer häufiger mit dem Gedanken, gesprochen hatte er allerdings bislang mit niemandem darüber. Sowohl seine Großeltern als auch seine Leibwächter waren nicht begeistert gewesen, als er früher einmal einen derartigen Wunsch geäußert hatte, und solange das so blieb, war sein Vater die einzige Verbindung, die er nach Treffnor besaß. Der König hatte für die nächsten Tage seinen Besuch angekündigt.

Dayin freute sich darauf, ihn zu sehen. Seit er in Shinnor lebte, hatte sein Vater ihn kaum mehr als ein halbes Dutzend Mal besucht. Dayin wünschte, er fände häufiger die Gelegenheit dazu, aber auch das war, wie so vieles andere, ein vergebliches Begehren.

Die Burg nahm ihn und Wendar auf. Sie durchquerten den Hof, wo die Stallburschen wie jeden Tag damit beschäftigt waren, die Pferde des Herzogs zu striegeln, edle Tiere mit anmutigen Bewegungen und sanftem, geduldigem Temperament. Ihre Hufe klapperten auf dem gepflasterten Boden, und dazwischen mischten sich die hohen, schrillen Schreie der Seemöwen, die sich immer wieder mitten unter den Pferden niederließen und alle Versuche der Stallburschen, sie zu vertreiben, lediglich mit spöttischem Geschnatter beantworteten.

Das fleißige Schaffen blieb ebenso wie das allgegenwärtige Rauschen der Brandung hinter ihm zurück, als Dayin die Vorhalle der Burg betrat. Über die geschwungene Treppe erreichte er den ersten Stock Shinnors und suchte sein Zimmer auf. Während er sich für das Essen umzog, weckte Wendar Beilar, der die Nacht über Wache gehalten hatte. Anschließend begaben sie sich gemeinsam in den Speisesaal, wo das Herzogspaar sie bereits erwartete.

Das Mittagessen verlief ruhig und in gewohnten Bahnen. Seine Großmutter fragte Dayin, wie er den Morgen verbracht hatte. Er antwortete ihr geduldig, obwohl es ihm schwerfiel. Es gab einfach nichts Neues zu berichten. Sein Leben auf Shinnor zeichnete sich durch einen monotonen, stets gleichbleibenden Rhythmus aus. Morgens lernte er mit seinem Großvater, vor dem Mittagessen schwamm er, und nachmittags erhielt er sein Waffentraining. Alles drei tat er mit unverminderter Anstrengung, trotzdem erwischte er sich immer häufiger bei der Frage, wozu er sich eigentlich derart abmühte. Auf Shinnor brauchte er sein Wissen nicht.

Nach dem Essen stand Dayin auf und wollte zusammen mit Wendar und Beilar den Speisesaal verlassen, als sein Großvater die Routine plötzlich durchbrach. Er nahm ihn beim Arm und hielt ihn zurück. „Ich habe eine Nachricht aus Treffnor erhalten.“

Dayin horchte auf. „Hat Vater endlich einen genauen Termin für seinen Besuch genannt?“

Der Herzog schüttelte mit ernster Miene den Kopf und bedeutete Dayin, Wendar und Beilar, ihm in sein Arbeitszimmer zu folgen. Ein ungutes Gefühl beschlich Dayin.

„Ist meinem Vater etwas zugestoßen?“, fragte er besorgt, während er neben seinem Großvater den Gang entlangschritt.

Augenblicklich wurden die Gesichtszüge des Herzogs weicher. „Keine Angst, mein Junge, es geht ihm gut. Allerdings musste er seinen Besuch auf unbestimmte Zeit verschieben.“

Erleichtert atmete Dayin auf, spürte aber gleichzeitig auch Traurigkeit in sich aufsteigen. Er hatte seinen Vater seit über einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Trotzdem versuchte er, seine Enttäuschung zu unterdrücken. „Was ist geschehen?“

Seine Großvater winkte ab. „Du solltest die Nachricht selbst lesen. Das wird dir ein besseres Bild vermitteln, als meine Worte es könnten.“

Als sie im Arbeitszimmer des Herzogs angekommen waren, warf Dayin sofort einen Blick auf den wuchtigen Schreibtisch, der in der Mitte des Raums emporragte. Die Kapsel eines Kurierfalken lag auf der polierten Eichenholzplatte, daneben das Schriftstück, das in ihr verborgen gewesen war. Nachdenklich runzelte er die Stirn. Etwas Unvorhergesehenes musste sich ereignet haben, andernfalls hätte ein Reiter und nicht eine Brieftaube die Botschaft überbracht.

Der Herzog nahm die Nachricht zur Hand und reichte sie ihm. Dayin überflog sie hastig. Je länger er las, desto besser verstand er, warum der Besuch seines Vaters ausbleiben musste. Seine Finger krallten sich in das Papier und hätten es beinahe zerknüllt.

Als er die Botschaft zu Ende gelesen hatte, sah er auf und schaute gedankenversunken aus dem großen Fenster nach draußen. Unter den Strahlen der Sonne glänzte das Meer wie ein Feld kostbarer Diamanten. Es war ein unzweifelhaft wunderschöner Anblick, und doch versetzte er Dayin einen heftigen Stich. Der Schmerz fuhr ihm durch Mark und Bein, erreichte jede Faser seines Körpers, sammelte sich in seinem Magen und schnürte ihn zu einem harten Knoten zusammen. Sein Blick verlor sich in weiter Ferne.

Ein Räuspern versuchte, ihn in die Gegenwart zurückzuholen - ohne Erfolg. Wendars besorgten und Beilars fragenden Blick ignorierte er ebenfalls. Seine Gedanken rasten. Er suchte nach Antworten.

Sein Großvater übernahm es, die beiden Leibwächter über den Inhalt der Nachricht aufzuklären. „In den letzten zehn Tagen sind sieben Dörfer im Grenzgebiet zu Lumaar von einer Räuberbande überfallen worden. Alle Wertsachen und das Vieh wurden gestohlen, die Häuser niedergebrannt und alle Bewohner, die sich den Räubern entgegenstellten, getötet.“

Beilar fluchte heftig. Rote Zornesflecken erschienen auf seinen Wangen. „War es stets die gleiche Bande?“

„Der König schreibt, dass die Angriffe nach einem gleichbleibenden Schema ablaufen, also liegt die Vermutung nahe, dass es sich um eine einzige Gruppe handelt.“

„Dagegen muss unbedingt etwas unternommen werden!“

„Der König hat einen Teil der Reiter Treffnors in die entsprechende Gegend gesandt. Sie sollen versuchen, das Versteck der Bande aufzuspüren.“

„Das ist gut. Ich war selbst ein Reiter, deshalb weiß ich, wozu sie fähig sind. Sie werden die Kerle ganz sicher fassen können.“

„Leider haben sie noch nicht viel erreicht. Die Räuber verwischen ihre Spuren außerordentlich geschickt. Außerdem ziehen sie sich immer wieder über die Grenze nach Lumaar zurück, und dahin können ihnen die Reiter nicht folgen.“

„Sie kommen aus Lumaar?“, rief Beilar mit weit aufgerissenen Augen. „Das wirft ein ganz neues Licht auf die Sache!“

Beschwichtigend hob der Herzog die Hände. „Das ist nicht sicher. Vermutlich stammen sie aus Tarell, nutzen aber die schlechten Beziehungen zwischen den Königreichen aus, um einer Verfolgung zu entgehen. Die Reiter können es sich nicht erlauben, die Grenze zu überschreiten. Vor einigen Generationen hat ein derartiger Zwischenfall zu einem mehrere Jahre andauernden Krieg geführt. Das wäre das Letzte, was der König wollte.“

Dayin schrak aus seinen Überlegungen auf und rieb sich mit einer fahrigen Geste die Magengrube. Der Schmerz in seiner Körpermitte schien heute überhaupt nicht mehr weichen zu wollen. Wenn er nur etwas tun könnte, wenn er ...

„Ich brauche eine Karte Tarells, auf der auch das Grenzgebiet verzeichnet ist“, rief er, einer spontanen Eingebung folgend.

Der Herzog griff sofort nach einer Rolle, die dicht neben dem Schreibtisch in einem besonderen Behälter aufbewahrt wurde. Er entfernte das Band, das sie zusammenhielt, und rollte die Karte auf dem Tisch auseinander. Sie war so groß, dass sie weit über seine Ränder hinaushing.

Dayin beugte sich neugierig vor. Treffnor und der Burgberg Genaiden fielen ihm sofort ins Auge. Sein Blick glitt darüber hinweg und suchte jenen Teil der Karte, der den Grenzbereich zu Lumaar zeigte. Wenig später hatte er die Namen der Dörfer, die in der Nachricht seines Vaters genannt worden waren, entdeckt.

„Diese Orte sind bislang überfallen worden“, murmelte er und wies nacheinander auf die Markierungen, damit auch Beilar und Wendar erfuhren, welche Siedlungen von den Überfällen betroffen waren.

Beilar legte die Stirn in Falten. „Es scheint kein Schema zu geben.“

Dayin nickte versonnen. Das war auch das Erste, wonach er gesucht hatte - vergeblich.

Beilar ließ sich nicht so leicht entmutigen. „Es müssten doch zumindest in einigen Dörfern Seherinnen leben. Hat denn keine von ihnen den bevorstehenden Angriff vorhergesehen?“

„In einigen Dörfern schon“, antwortete der Herzog, „und die Einwohner haben auch versucht, den Räubern Fallen zu stellen, aber es ist nicht gelungen. Die Bande näherte sich zwar dem betreffenden Dorf, ist aber offenbar durch irgendetwas misstrauisch geworden,, denn sie zog sich stets zurück, bevor der Hinterhalt zuschnappen konnte. Wenigstens konnte die Zahl der Überfälle dadurch eingeschränkt werden. Es hätte mindestens zwölf und nicht nur sieben Angriffe gegeben, wenn die Seherinnen nicht gewesen wären.“

„Was ist mit den Reitern?“, fragte Beilar.

Der Herzog zuckte mit den Schultern. „Auch sie haben einen Hinterhalt ausgelegt, nachdem sie von einer Dorfseherin über einen bevorstehenden Angriff informiert wurden, doch auch hier misslang der Plan. Die Räuber näherten sich dem Dorf nur langsam und konnten wie bei den anderen Malen rechtzeitig entkommen.“

„Das kann ich mir kaum vorstellen“, erklärte Beilar ungläubig. „Ich weiß, wie die Reiter ausgebildet werden. Wenn die Dorfbewohner versuchen, eine Falle zu stellen, kann sie erkannt werden, bevor sie zuschnappt, aber die Reiter sind ein anderes Kaliber. Die Bande hätte ihren Hinterhalt nicht bemerken dürfen.“

Dayin kam das ebenfalls sehr seltsam vor. „Ist es möglich, dass die Räuber Kundschafter in das Dorf geschickt haben, bevor sie angriffen?“

„Unwahrscheinlich“, gab der Herzog zurück. „Die Menschen im Grenzgebiet sind seit den ersten beiden Überfällen ziemlich nervös. Fremde wären ihnen mit Sicherheit aufgefallen, und ich kann mir nicht vorstellen, dass die Räuber es geschafft haben, in jedem der Orte einen einheimischen Informanten anzuwerben.“

„Wieso sind sie trotzdem entkommen?“ Angestrengt starrte Dayin auf die Karte. Es musste eine Antwort darauf geben, es musste einfach! Verbissen ging er jedes Wort der Botschaft noch einmal durch. Plötzlich tat sein Herz einen Sprung. „Sie haben davon gewusst!“

Sein Großvater schaute ihn fragend an. „Wie meinst du das?“

„Es geht bei den Überfällen um viel mehr, als es den Anschein hat“, erklärte Dayin aufgeregt. „Kommt es dir denn nicht ziemlich merkwürdig vor, dass sich eine Räuberbande, die den Dorfbewohnern eindeutig überlegen ist und das Überraschungsmoment auf ihrer Seite hat, so langsam und vorsichtig an ein Dorf herantastet, dass sie einer Falle entkommen konnte? Ich bin mir sicher, dass sie von den Hinterhalten gewusst und sich nur zum Schein den entsprechenden Dörfern genähert hat, damit es nicht offensichtlich wurde.“

„Welchen Sinn sollte das haben? Und wie könnten die Räuber von den Fallen erfahren haben? Kundschafter halte ich, wie gesagt, für ausgeschlossen.“

Dayin klopfte mit dem Handrücken heftig auf die Karte. „Es gibt nur eine einzige Möglichkeit: Sie haben eine Seherin auf ihrer Seite!“

„Da geht aber deine Phantasie gehörig mit dir durch, Junge. Wenn tatsächlich eine Seherin mit den Räubern arbeitet, müsste sie eine Falle vorhersehen, die erst aufgrund der Vision einer anderen Seherin gestellt worden ist. Somit bliebe ihr stets nur sehr wenig Zeit, eine entsprechende Vision zu empfangen. Nur eine sehr gute Seherin ist dazu in der Lage, und die besten Seherinnen Tarells befinden sich auf Treffnor.“ Der Herzog schüttelte entschieden den Kopf. „Und außerdem helfen Seherinnen den Menschen und machen keine gemeinsame Sache mit Dieben und Mördern! Vielleicht haben die Räuber einfach bloß Glück gehabt.“

„Glück hat damit nicht das geringste zu tun“, rief Dayin erhitzt und ignorierte den Einwand seines Großvaters. Er traute den Seherinnen alles zu, und er war überzeugt, auf der richtigen Spur zu sein. „Es stimmt zwar, dass sich die besten Seherinnen Tarells in Treffnor aufhalten, aber für die Lumaars gilt das wohl kaum!“

„Du glaubst, die Bande kommt aus Lumaar?“

„Es kann nicht anders sein! Ich glaube nicht, dass es einfache Räuber sind, die die Dörfer überfallen. Schön, sie rauben die Wertgegenstände und das Vieh, aber mittlerweile haben sie sicher längst mehr Beute zusammengetragen, als sie gebrauchen können, und sie haben nur wenig Möglichkeiten, sich damit in Tarell zu verstecken. Zudem wären gewöhnliche Diebe niemals dazu in der Lage, einer Verfolgung, vor allem wenn sie von den Reitern Treffnors durchgeführt wird, auf Dauer zu entgehen. Es ist offensichtlich: Eine ziemlich gute Seherin muss bei ihnen sein und sie unterstützen.“ Dayin machte eine Pause und holte tief Luft. „Es würde mich nicht wundern, wenn es Undrett Onawill, die Oberseherin Grentnors, ist!“

„Aber das würde bedeuten, dass Rohn Lumaar hinter den Überfällen steckt“, schloss der Herzog mit finsterer Miene. „Ich hoffe, du irrst dich, Dayin. Ich traue Rohn Lumaar eine derartige Handlungsweise durchaus zu, aber der Gedanke, dass eine Seherin ihn unterstützt, erscheint mir nach wie vor reichlich abwegig. Selbst in Lumaar dienen die Seherinnen in erster Linie dem einfachen Volk, und erst danach kommt das Herrscherhaus. Vergiss nicht, dass wir hier von geachteten und ehrbaren Frauen reden. Sie haben einen ethischen Kodex, der es ihnen verbietet, ihre Gabe zum Zwecke des Eigennutzes und mit dem Ziel zu gebrauchen, anderen Menschen Schaden zuzufügen. Rohn Lumaar weiß das ebenso gut wie Kronot Tarell. Sollte einer von beiden versuchen, eine Seherin für seine politischen Pläne einzuspannen, um mit ihrer Hilfe Tod und Zerstörung zu verursachen, würde sie ihm sofort den Dienst aufkündigen. Dennoch - wir können es uns zweifellos nicht erlauben, diese Möglichkeit außer Acht zu lassen. Allerdings frage ich mich, was Rohn Lumaar damit gewinnen könnte. Wenn er tatsächlich an den Überfällen beteiligt ist und das herauskommt, würden sich die Beziehungen zwischen Tarell und Lumaar drastisch abkühlen.“

„Vermutlich ist genau das sein Plan. Rohn Lumaar hat eine Tochter, die in meinem Alter ist. Schon bald wird er ihr seinen Platz auf dem Thron überlassen müssen, und das wird er sicher nicht gern tun, da Prinzessin Lilell offenkundig andere Vorstellung vom Herrschen hat als er. Hat sie sich nicht sogar geweigert, ein Waffentraining zu absolvieren?“

Sein Großvater nickte zustimmend.

„Die Nähe zur Grenze spricht für Rohn Lumaars Beteiligung“, fuhr Dayin fort, „doch solange er durch seine Seherin verhindern lässt, dass wir einen der Räuber zu fassen bekommen, werden wir keinen Beweis dafür haben. Damit verschlechtert er das Verhältnis zu Tarell und erschwert es seiner Tochter, offene Beziehungen mit uns anzuknüpfen, ohne gleichzeitig einen Krieg zu riskieren.“

Die Gesichtszüge des Herzogs nahmen einen entschlossenen Ausdruck an. „Dein Vater muss von deiner Vermutung erfahren. Ich werde sogleich eine Botschaft aufsetzen und sie mit einer Taube nach Treffnor schicken!“

Dayin zuckte zusammen, als hätte ihn ein Schlag getroffen. Sein Puls und seine Atmung beschleunigten sich, als er seinen Großvater hastig beim Arm nahm. „Das musst du nicht tun. Ich werde es ihm selbst sagen!“

Die Augen des Herzogs wurden groß. Er starrte Dayin an, aber er sagte nichts.

„Haltet Ihr das für eine gute Idee, mein Prinz?“, mischte sich Beilar ein. Die Rüge schwang so deutlich in seiner Stimme mit, als hätte er sie offen geäußert.

Dayin warf ihm einen ärgerlichen Blick zu. „Ja.“

Beilar verzog unwillig die Lippen. „Es ist völlig überflüssig, dass Ihr Euch auf eine Reise nach Treffnor begebt. Eine Brieftaube kann die Nachricht sehr viel schneller überbringen.“

Bittend sah Dayin zu Wendar hinüber.

„Ich muss Beilar zustimmen. Eine Taube wäre nur einen Tag unterwegs. Ihr würdet für die Reise acht Tage benötigen.“

„Das ist mir klar“, brummte Dayin verschnupft und verschränkte die Arme vor der Brust. Beilar, Wendar und sein Großvater begriffen nicht, worum es ging. Wenn eine Taube die Nachricht nach Treffnor brachte, war es gleichgültig, ob darin stand, dass er die Idee gehabt hatte oder nicht. Niemand würde es glauben, und deshalb musste er den Bewohnern Treffnors und nicht zuletzt seinem Vater und Gerrent persönlich klarmachen, dass er nicht nur eine Last für Tarell war, sondern auch etwas für das Land tun konnte.

„Ich werde dennoch selbst gehen.“ Er hielt einen Augenblick inne. „Es ist notwendig. Bedenkt doch nur, wie schwer es bereits euch fiel, allein die theoretische Möglichkeit einer Beteiligung von Seherinnen an den Überfällen zu akzeptieren. Mein Vater wird es niemals ernsthaft in Erwägung ziehen, wenn er lediglich eine Botschaft von einem Vogel erhält.“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich muss selbst mit ihm und seinen Beratern reden, um seine Augen für das Offensichtliche zu öffnen. Rohn Lumaar spielt das Ansehen, das die Seherinnen in der Bevölkerung genießen, gegen uns aus. Er weiß genau, dass wir nie auf die Idee kämen, eine Seherin könnte aktiv an Plünderungen und Mord mitwirken, und das ist unser wunder Punkt. Aber“ - sein Gesicht wurde hart, und er ballte die Fäuste - „wir dürfen nie vergessen, dass auch Seherinnen Menschen sind. Sie sind nicht unfehlbar, und sie sind keine Götter!“

„In Treffnor werden wir Euch kein Waffentraining geben können“, warf Wendar sachte ein.

„Das weiß ich, aber das ist nicht wichtig. Ich werde ohnehin nur für einen kurzen Besuch bleiben. Ich werde meinem Vater berichten, was ich vermute, eine Weile abwarten, wie sich die Angelegenheit entwickelt, und anschließend nach Shinnor zurückkehren.“

Beilar schüttelte unwirsch den Kopf. „Ihr macht Euch etwas vor! Wenn Ihr jetzt nach Treffnor geht, werdet Ihr nie wieder nach Shinnor zurückkehren.“

„Wäre es nicht mein gutes Recht, dort zu bleiben?“, fuhr Dayin heftig auf. „Die Burg des Königs ist schließlich auch mein Zuhause!“

„Du könntest in Bedrängnis geraten“, hielt sein Großvater ihm besorgt vor Augen.

Dayin stieß verächtlich Luft aus. „Mein Leben ist stets gefährdet. Das wird sich niemals ändern. Diejenigen, die mich für eine Gefahr für meinen Vater halten, werden ihre Überzeugung nicht von meinem Wohnort abhängig machen.“

Der Herzog senkte den Blick. „In Shinnor hat es nur zwei Anschläge gegeben.“

„Zwei oder zwanzig, was spielt das schon für eine Rolle? Ich lebe nur von einer Stunde zur nächsten, solange ich den Menschen Tarells nicht gezeigt habe, dass ich stets auf der Seite meines Vaters stehen werde. Ich muss ihnen klarmachen, dass ich meinem Vater helfen möchte und auch helfen kann. Wenn ich das tue, werden sie vielleicht aufhören, mich mit soviel Hass zu verfolgen.“

Mit bekümmertem Gesicht nahm sein Großvater ihn bei den Schultern. „Sei dir da nur nicht so sicher.“

Dayin schüttelte seine Hände ab. „Ich muss es versuchen. Wenn ich es jetzt nicht tue, werde ich vielleicht nie wieder die Gelegenheit dazu erhalten. Ich musste nach Treffnor zurückkehren und die Last der Prophezeiung abstreifen, bevor Gerrent König wird, oder ich werde Treffnor nie mehr wiedersehen. Nur dafür habe ich gelernt, nur dafür habe ich in den vergangenen sechs Jahren gelebt! Außerdem will ich doch nicht nach dem Thron greifen, ich will bloß nach Hause. Das müssen auch alle anderen erkennen!“

„Das werden sie nicht“, knurrte Beilar grimmig.

Dayin ignorierte ihn. „Ich kann meinen Vater nicht im Stich lassen. Wird es nicht so aussehen, als wäre die Prophezeiung wahr, wenn ich ihm in einer derart schwierigen Zeit nicht zur Seite stehe?“

Beilar musterte ihn mit steinernem Gesicht. „Ihr könnt handeln, wie Ihr wollt, es wird stets den Eindruck erwecken, als wolltet Ihr die Worte der Seherin erfüllen.“

Dayin schlang sich beide Arme um den Leib. Sein Magen schmerzte stärker als je zuvor. „Das muss ich ändern!“

„Das könnt Ihr nicht!“

So heftig hatte Beilar ihm nicht mehr widersprochen, seit er beschlossen hatte, die Attentäter lediglich zu verbannen, statt sie hinzurichten.

Dayin rang verzweifelt die Hände. Beilar, Wendar und sein Großvater waren die einzigen Personen in ganz Tarell, die zu ihm hielten. Er wollte nicht mit ihnen streiten, aber auch sie konnten ihn von seinem Plan nicht mehr abbringen.

„Wenn ich auch nur die geringste Gefahr bemerke, werde ich nach Shinnor zurückkehren“, bot er den einzigen Kompromiss an, den er eingehen konnte.

Beilar bleckte die Zähne. „Wenn Ihr die Gefahr bemerkt, könnte es schon längst zu spät sein.“

Dayin lächelte freudlos. „Wozu gibt es die Seherinnen? Lyssil Maget kann ja nicht immer krank sein.“

Beilar stieß lediglich einen verächtlichen Laut aus, Wendar und der Herzog schwiegen. Ihre betretenen Mienen hatten sich nicht um einen Deut aufgehellt.

Dayin kannte natürlich den Grund. Die Seherin war kein vollkommener Schutz, doch er war bereit, das Risiko auf sich zu nehmen. Ob Wendar und Beilar die Gefahr, die sich für sie aus der Reise ergab, akzeptieren konnten, durfte er hingegen nicht entscheiden. Sie hatten ohnehin schon viel mehr für ihn getan, als er jemals hatte erwarten können.

„Wendar, Beilar, ich werde auf jeden Fall gehen, aber ihr müsst mich nicht begleiten. Ihr habt euch freiwillig als meine Leibwächter gemeldet, deshalb seid ihr nicht verpflichtet, bei mir zu bleiben.“

„Dayin, du kannst doch nicht ...“ setzte der Herzog erschrocken an.

Dayin unterbrach ihn heftig. „Es ist mir ernst damit. Ich weiß, dass ihr meine Entscheidung für falsch haltet. Das mag stimmen oder auch nicht, ich werde euch auf gar keinen Fall zwingen, mit mir zu gehen.“ Die Macht dazu besaß er ohnehin nicht.

Zitternd erwartete er ihre Antwort. Ihm graute davor, ohne sie zu sein, aber noch schlimmer wäre es gewesen, die Möglichkeit, sich der Prophezeiung entgegenzustemmen, ungenutzt zu lassen.

Wendar trat einen Schritt dichter zu ihm. Er wirkte gerührt, und für einen Moment hatte Dayin das Gefühl, sein Leibwächter wolle ihn umarmen. Zu seinem Bedauern tat er es dann doch nicht.

„Ihr habt mich nie zu etwas gezwungen, mein Prinz. Es ist mir eine Ehre, Euch zu begleiten.“

Dayin fiel ein Stein vom Herzen. Er war unsagbar froh, dass Wendar zu ihm stand. Es war ihm allerdings nicht entgangen, dass er nur für sich selbst sprach und seinen Bruder nicht ansah.

Unsicher warf Dayin Beilar einen Blick zu. Er musste damit rechnen, dass sich Wendars Bruder gegen ihn entschied. In den vergangenen sechs Jahren hatte er eine auffällige Distanz zu ihm gewahrt, obwohl er ihn vieles gelehrt hatte. Dayin war nie das Gefühl losgeworden, dass Beilar lieber an einem anderen Ort wäre, und aus eigenem Antrieb wäre er damals sicherlich nicht auf die Idee gekommen, seinen Platz bei den Reitern Treffnors zu verlassen. Das hatte er allein Wendar zuliebe getan.

Als er in Beilars starre Miene sah, hatte Dayin plötzlich das starke Empfinden, ihm sechs Jahre seines Lebens gestohlen zu haben. Im Grunde konnte und durfte er nicht noch mehr von ihm verlangen. „Ich könnte dafür sorgen, dass du deine Stellung bei den Reitern Treffnors zurückbekommst.“

Beilar musterte ihn eindringlich. „Ist das Euer Ernst?“

Dayin hielt seinem Blick stand. „Ja.“

Beilar benötigte mehr als eine Minute, um sich zu entscheiden. Immer wieder sah er von Dayin zu Wendar, dann seufzte er schließlich schwer. „Ihr müsst Euch nicht für mich verwenden. Ich werde Euch begleiten wie mein Bruder. Ich kann ihn nicht allein mit Euch gehen lassen.“

Dayin schluckte hart. Damit waren die Grenzen sehr genau abgesteckt. Verzweifelt wünschte er, es gäbe einen Weg, Wendar und Beilar aus der Gefahr, die ihm drohte, herauszuhalten, doch den gab es nicht. Trotzdem konnte er nicht mehr auf Shinnor bleiben. Schon viel zu lange hatte er sich im Exil verkrochen. Das musste endlich ein Ende haben, andernfalls wären alle Mühen der letzten sechs Jahre umsonst gewesen.

„Wir werden morgen früh aufbrechen.“

Niemand widersprach ihm.

2. Gerrent

Es war noch früh am Morgen, als Gerrent den Pfad zum Übungsplatz entlangschritt. Die erste Rundung der Sonne war gerade am Horizont aufgetaucht und sandte blutrote Strahlen über das tiefblaue Firmament, an dem hier und da noch einer der helleren Sterne funkelte. Obwohl es Sommer war, war die Luft frisch und klar wie an einem kalten Wintertag, und Gerrent zog fröstelnd die Schultern hoch. Erst später am Morgen würde die Hitze des Tages wieder erbarmungslos zuschlagen und die Kühle der Nacht vergessen machen.

Kleinere Tautropfen stoben von den Grashalmen auf, als Gerrent seine Füße hart auf den Erdboden setzte und dabei auch die eine oder andere Blume zertrat, die dreist den schmalen Pfad für sich erobert hatte. Einige von ihnen richteten sich wieder auf, andere nicht. Es war ihm gleichgültig.

Seine Laune war ausgesprochen miserabel, und sie wurde auch nicht besser, als er einen Käfer unter seinem Stiefel zermalmte, der ihm leichtsinnigerweise den Weg versperrte. Er war letzte Nacht erst spät ins Bett gekommen, da er, sein Vater, Thor Zwakeffja und Torelk Medell nach dem Abendessen noch lange darüber beraten hatten, wie sie gegen die Überfälle im Grenzland vorgehen konnten. Sie hatten kein Licht in die Angelegenheit bringen können, und als ob ihre Ratlosigkeit allein nicht schon schlimm genug gewesen wäre, hatten die elenden Grillen mit ihrem ohrenbetäubenden Gezirpe es ihm schwer gemacht, Schlaf zu finden, nachdem er endlich seine Räume hatte aufsuchen können. Eine war sogar durch das geöffnete Fenster in sein Zimmer eingedrungen und hatte ihn immer wieder aus dem Schlummer gerissen, bis er aufgestanden war und den Störenfried energisch beseitigt hatte. Doch da hatte es draußen bereits zu dämmern begonnen, und dementsprechend müde und gereizt fühlte er sich jetzt.

Die Geräusche, die vom Übungsplatz her aufklangen, veranlassten Gerrent zu einem kehligen Knurren. Es würde ihm gut tun, sein morgendliches Training zu absolvieren. Es gab keinen besseren Weg, einen klaren Kopf zu bekommen, als sich mit einem anderen Soldaten in der Waffenkunst zu messen. Die Anstrengung, der Rausch des Kampfes und der Triumph des Sieges hatten ihn bisher noch immer aufgemuntert.

Er warf einen schnellen Blick nach hinten. Tralint Genell folgte ihm. Der Gardist war für heute sein Leibwächter.

Gerrent schnaubte verächtlich und trat noch härter auf. Inzwischen gab es kaum einen Soldaten auf Treffnor, der sich mit ihm im Kampf hätte messen können, schon gar nicht Tralint, der langsam aber sicher alt zu werden begann. Seine Reflexe waren zu gemächlich, sein Armschwung zu kraftlos und seine Deckung geradezu lächerlich ungenügend, um gegen ihn auch nur den Hauch einer Chance zu besitzen.

Mürrisch schüttelte Gerrent den Kopf. Tralint war kein Gegner, der ihm Schwierigkeiten bereitet hätte, und das verlieh jedem Sieg, den er über ihn erringen konnte, einen schalen Beigeschmack. Er würde sich einen anderen, würdigeren Waffenpartner suchen müssen, wenn er seine Gedanken, die wie der Horizont an diesem Morgen mit dünnen Dunstschleiern verhangen zu sein schienen, klären wollte.

Auf dem Übungsplatz angekommen, sah er sich ungeduldig um. Es waren noch nicht viele Soldaten zugegen, und die, die es waren, hatten noch nicht mit ihren Kämpfen begonnen. Drei standen zusammen und unterhielten sich, während vier andere die unterschiedlichen Waffen aus dem Waffenhaus schleppten und sie auf den Ständern und Gerüsten vor der Hütte platzierten, wo sie für jeden jederzeit erreichbar waren.

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