Verlag: Blanvalet Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

Die Hand des Teufels E-Book

Diana Gabaldon  

4.57142857142857 (28)

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Sicherung: Wasserzeichen E-Book-Leseprobe lesen

E-Book-Beschreibung Die Hand des Teufels - Diana Gabaldon

Brillant erzählt, temporeich und von gewohnt hinreißendem Humor – typisch Gabaldon!Den Millionen Fans von Diana Gabaldons Highland-Saga ist Lord John Grey seit langem bestens bekannt. Von den Lesern als treuer Freund des Helden Jamie Fraser geschätzt und geliebt, werden seine Auftritte in jedem neuen Roman mit Begeisterung erwartet. Doch auch zwischen seinen Erlebnissen in der Welt von Jamie und Claire führt der englische Offizier im London des 18. Jahrhunderts ein faszinierendes Eigenleben! – In diesen drei fesselnden Kurzromanen hat Lord John wieder einmal eine Reihe von dramatischen Abenteuern zu bestehen – und sieht sich schließlich sogar mit einer übersinnlichen Mordserie konfrontiert...

Meinungen über das E-Book Die Hand des Teufels - Diana Gabaldon

E-Book-Leseprobe Die Hand des Teufels - Diana Gabaldon

Buch

Den Millionen Fans von Diana Gabaldons Highland-Saga ist Lord John Grey seit langem bestens bekannt. Bei den Lesern als faszinierend facettenreiche Persönlichkeit und als treuer, geistreicher Freund des Helden Jamie Fraser beliebt, werden seine Auftritte in jedem neuen Roman mit Begeisterung erwartet. Doch auch zwischen seinen Erlebnissen in der Welt von Jamie Fraser und Claire Randall führt der englische Offizier im London des 18. Jahrhunderts ein ereignisreiches und bisweilen gefährliches Eigenleben!

In diesen drei spannenden Kurzromanen hat Lord John eine Reihe von dramatischen Abenteuern zu bestehen – und sieht sich schließlich sogar mit einer übersinnlichen Mordserie konfrontiert…

Erstmals hat Diana Gabaldon diese drei Kurzromane um den schillernden Lord John in einem Band zusammengestellt: Höchstes Lesevergnügen von einer der beliebtesten und erfolgreichsten Bestsellerautorinnen historischer Romane! Nervenkitzel und wohlige Gänsehautspannung garantiert…

Autorin

Diana Gabaldon war früher Honorarprofessorin für Tiefseebiologie und Zoologie an der Universität von Arizona, bevor sie sich hauptberuflich dem Schreiben widmete. Bereits ihr erster Roman »Feuer und Stein« wurde international zu einem riesigen Erfolg und führte dazu, dass Millionen von Lesern zu begeisterten Fans der Highland-Saga wurden. Zuletzt belegten in Deutschland der Lord-John-Roman »Das Meer der Lügen« und – im Herbst 2005 – der sechste Roman der Highland-Saga »Ein Hauch von Schnee und Asche« Spitzenplätze auf allen deutschen Bestsellerlisten. In der Zwischenzeit liegt allein die deutsche Gesamtauflage von Diana Gabaldons Büchern bei fast 8 Millionen Exemplaren! Diana Gabaldon lebt mit ihrem Mann in Scottsdale, Arizona, und schreibt nicht nur am siebten Roman der Highland-Saga mit Claire Randall und Jamie Fraser; sie setzt auch die mit »Meer der Lügen« begonnene Romantrilogie um Jamies treuen Freund Lord John Grey fort!

Inhaltsverzeichnis

BuchAutorinDie Flammen der Hölle
KAPITEL EINSKAPITEL ZWEIKAPITEL DREI
Lord John und der magische Pakt
KAPITEL EINS - Der SchimmelreiterKAPITEL ZWEI - Aber was genau tut ein Sukkubus?KAPITEL DREI - Ein Mittel gegen die SchlaflosigkeitKAPITEL VIER - Die KanoniereKAPITEL FÜNF - Dunkle TräumeKAPITEL SECHS - HokuspokusKAPITEL SIEBEN - HinterhaltKAPITEL ACHT - Die HexeEPILOG - Sooft die Trompete erklingt
Lord John und der Geistersoldat
KAPITEL EINSKAPITEL ZWEI - FamilienangelegenheitenKAPITEL DREI - Die Rückkehr des Helden
Copyright

Die Flammen der Hölle

KAPITEL EINS

LONDON, 1756. Die Gesellschaft zur Wertschätzung des englischen Beefsteaks, ein Herrenclub

Lord John Grey riss seinen Blick von der Tür los. Nein, nein, er durfte sich nicht umdrehen, nicht dort hinstarren. Da er einen anderen Fixpunkt für seinen Blick brauchte, heftete er ihn stattdessen auf Quarrys Narbe.

»Trinkt Ihr ein Glas mit mir, Sir?« Kaum hatte der Steward des Clubs seinem Begleiter eingeschenkt, als Harry Quarry seinen Becher Rotwein auch schon leerte und ihn zum Nachfüllen hinhielt. »Und vielleicht noch eins, zur Feier Eurer Rückkehr aus dem frostigen Exil?« Quarry grinste, wobei die Narbe seinen Augenwinkel zu einem anzüglichen Zwinkern verzog, und hob erneut sein Glas.

Lord John nahm das Prosit entgegen, indem er seinen eigenen Becher neigte, doch er schmeckte den Inhalt kaum. Mit Mühe hielt er seinen Blick auf Quarrys Gesicht gerichtet und zwang sich, sich nicht umzudrehen und dem feurigen Blitz nachzustarren, der ihm im Korridor ins Auge gefallen war.

Quarrys Narbe war verblichen, sie hatte sich zusammengezogen und war zu einem dünnen, weißen Schlitz geschrumpft, dessen wahren Ursprung man nur noch an seiner Position erkannte, denn er zog sich im spitzen Winkel über seine rote Wange. Unter anderen Umständen hätte er sich unter den Linien eines harten Lebens verlieren können, doch stattdessen blieb er als das Ehrenmal sichtbar, als das ihn sein Besitzer eindeutig betrachtete.

»Es ist ausgesprochen freundlich von Euch, von meiner Rückkehr Notiz zu nehmen, Sir«, sagte Grey. Das Herz hämmerte ihm in den Ohren und dämpfte Quarrys Worte – kein großer Verlust für die Unterhaltung.

Es ist nichts, erinnerte ihn sein Verstand. Es kann nicht sein. Doch war nichts Verständiges an dem Aufruhr seiner Emotionen, diesem Gefühl, das über seinen ganzen Rücken brandete, als wollte es ihn hochheben und ihn mit Gewalt umdrehen, um dem rothaarigen Mann zu folgen, den er nur so kurz erspäht hatte.

Quarry stieß ihn unsanft mit dem Ellbogen an, ein gar nicht so unwillkommener Ruf, der ihn in die Gegenwart zurückbrachte.

»… bei den Damen, was?«

»Häh?«

»Ich sage, Eure Rückkehr ist auch an anderer Stelle bemerkt worden. Meine Schwägerin bittet mich, Euch Grüße auszurichten und Euren gegenwärtigen Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen. Bewohnt Ihr ein Regimentsquartier?«

»Nein, im Augenblick wohne ich im Haus meiner Mutter auf der Jermyn Street.« Grey stellte fest, dass sein Becher immer noch voll war. Er hob ihn und trank in vollen Zügen. Der Rotwein im Beefsteak war exzellent, doch er nahm sein Bouquet kaum zur Kenntnis. Draußen im Flur erklangen Stimmen, die sich im Disput erhoben hatten.

»Ah. Dann werde ich sie davon unterrichten; Ihr könnt davon ausgehen, dass Ihr in der Morgenpost eine Einladung vorfinden werdet. Lucinda hat Euch für eine ihrer Cousinen im Visier, fürchte ich – sie verfügt über eine ganze Horde armer, aber gut bestückter weiblicher Verwandter, für die sie gute Ehemänner zu finden beabsichtigt.« Quarrys Zähne blitzten kurz auf. »Seid gewarnt.«

Grey nickte höflich. Er war an solche Annäherungsversuche gewöhnt. Als jüngster von vier Brüdern konnte er nicht auf einen Titel hoffen, doch der Name seiner Familie war alt und ehrbar, seine Person und Erscheinung nicht unansprechend – und er bedurfte keiner Erbin, da er selbst über hinlängliche Mittel verfügte.

Die Tür flog auf, und es entstand ein Luftzug im Raum, der das Feuer im Kamin aufflackern ließ wie die Flammen des Hades, so dass die Funken nur so über den türkischen Teppich stoben. Grey war dankbar für die Hitzewelle, denn sie entschuldigte die Farbe, die er in seinen Wangen aufsteigen fühlte.

Überhaupt nicht ähnlich. Natürlich ist er ihm nicht ähnlich. Wer könnte das schon sein? Und doch war das Gefühl, das ihm die Brust erfüllte, genauso sehr Enttäuschung wie Erleichterung.

Der Mann war groß, ja, aber nicht auffallend. Leicht gebaut, fast zerbrechlich. Und jung, fast zehn Jahre jünger als er selbst, schätzte Grey, der Mitte dreißig war. Aber das Haar – ja, das Haar war sehr ähnlich.

»Lord John Grey.« Quarry legte dem jungen Mann die Hand auf den Ärmel und drehte ihn herum, um ihn vorzustellen. »Darf ich Euch mit meinem angeheirateten Vetter bekannt machen? Mr. Robert Gerald.«

Mr. Gerald nickte knapp, dann schien er sich unter Kontrolle zu bekommen. Was auch immer es war, das ihm das Blut unter seiner hellen Haut aufsteigen ließ, er unterdrückte es und verbeugte sich. Dann heftete er den Blick auf Grey und erwiderte höflich dessen Gruß.

»Euer Diener, Sir.«

»Ebenso.« Nicht Kupfer, nicht Karotte; ein tiefes Rot, fast rotbraun, mit Schlaglichtern und Strähnen in Zinnober und Gold. Die Augen waren nicht blau – Gott sei Dank –, sondern von sanftem, leuchtendem Braun.

Greys Mund war trocken geworden. Zu seiner Erleichterung bot Quarry ihnen etwas zu trinken an, und als Gerald zustimmte, schnippte er mit den Fingern nach dem Steward und führte die Dreiergruppe zu einer Ecke mit Armsesseln, wo der Tabakdunst wie ein schützender Vorhang über den weniger geselligen Mitgliedern des Beefsteak-Clubs hing.

»Wer war das, den ich da im Flur gehört habe?«, wollte Quarry wissen, sobald sie sich gesetzt hatten. »Das war doch Bubb-Dodington, oder? Der Mann hat eine Stimme wie ein Straßenhändler.«

»Ich … er… ja, so war es.« Mr. Geralds blasse Haut, die sich von der vorausgegangenen Aufregung noch nicht ganz erholt hatte, blühte zu Quarrys unverhohlener Belustigung erneut auf.

»Oho! Und was für einen perfiden Antrag hat er dir gemacht, mein lieber Bob?«

»Gar keinen. Er… eine Einladung, die ich nicht anzunehmen wünschte, das ist alles. Musst du so brüllen, Harry?« In dieser Ecke des Zimmers war es kühl, doch Grey glaubte, sich an dem Feuer in Geralds glatten Wangen die Hände wärmen zu können.

Quarry prustete amüsiert und warf einen Blick auf die umstehenden Sessel.

»Wer soll es denn hören? Der alte Cotterill ist stocktaub, und der General ist halb tot. Und was kümmert es dich überhaupt, wenn die Angelegenheit so harmlos ist, wie du vorgibst?« Quarry ließ den Blick – plötzlich intelligent und durchdringend – zu seinem angeheirateten Vetter schweifen.

»Ich habe nicht gesagt, dass sie harmlos war«, erwiderte Gerald trocken. »Ich sagte, ich habe es abgelehnt, darauf einzugehen. Und mehr, lieber Harry, bekommst du nicht zu hören, also lass die durchdringenden Blicke. Sie mögen ja bei deinen Untergebenen funktionieren, aber nicht bei mir.«

Grey lachte, und einen Augenblick später fiel Quarry ein. Er klopfte Gerald auf die Schulter, und seine Augen funkelten.

»Mein Vetter ist die Diskretion in Person, Lord John. Aber so sollte es ja auch sein, nicht wahr?«

»Ich habe die Ehre, dem Premierminister als zweiter Sekretär zu dienen«, erklärte Gerald, der wohl das Unverständnis in Greys Gesicht sah. »Und Regierungsgeheimnisse mögen zwar langweilig sein – zumindest für Harrys Verhältnisse« – er warf seinem Vetter ein boshaftes Grinsen zu –, »doch es steht mir dennoch nicht zu, sie auszuplaudern.«

»Na ja, sie würden Lord John sowieso nicht interessieren«, sagte Quarry philosophisch und stürzte sein drittes Glas alten Rotweins mit einer respektlosen Hast hinunter, als hätte er es mit Portwein zu tun. Grey sah, wie der Chefsteward in stummem Entsetzen über dieses Sakrileg die Augen schloss, und lächelte vor sich hin – und zwar nicht als Einziger, denn er fing einen Blick von Mr. Gerald auf, der ihn mit seinen sanften, braunen Augen ansah und ein ähnliches, komplizenhaftes Lächeln auf den Lippen trug.

»Solche Dinge sind für niemanden von großem Interesse, außer denen, die direkt davon betroffen sind«, sagte Gerald, der Grey immer noch anlächelte. »Wisst Ihr, die heftigsten Schlachten werden über Dinge ausgefochten, bei denen nur wenig auf dem Spiel steht. Aber wo liegen denn Eure Interessen, Lord John, wenn nicht bei der Politik.«

»Oh, es mangelt mir nicht an Interesse«, erwiderte Grey und sah Robert Gerald direkt in die Augen. Oh, nein, es mangelt mir wirklich nicht an Interesse. »Sondern eher an Information. Ich bin eine ganze Zeit nicht in London gewesen; ich habe völlig … den Anschluss verloren.«

Ohne es zu wollen, umschloss er sein Glas mit einer Hand, und sein Daumen wanderte langsam aufwärts und strich über die glatte, kühle Oberfläche, als wäre sie die Haut eines Menschen. Hastig stellte er das Glas ab und sah dabei den Saphirring an seiner Hand blau aufblitzen. Er hätte das Feuer eines Leuchtturms sein können, sinnierte er voller Ironie, eine Warnung vor rauer See in der Zukunft.

Und doch verlief die Unterhaltung weiterhin reibungslos, trotz Quarrys scherzhafter Erkundigungen nach Greys jüngstem Posten in der schottischen Wildnis und seiner Spekulationen über die weitere Offizierslaufbahn seines Bruders. Da Ersteres Terra prohibita und Letzteres Terra incognita war, hatte Grey nur wenig zu erwidern, und das Gespräch ging zu anderen Dingen über: Pferden, Hunden, Armeegerüchten und ähnlichen, harmlosen Männerthemen.

Allerdings spürte Grey dann und wann die braunen Augen auf sich ruhen. Sie trugen einen Ausdruck der Spekulation, den Anstand und Vorsicht ihm zu interpretieren verbaten. Es überraschte ihn jedoch nicht, dass er sich nach dem Verlassen des Clubs mit Gerald allein im Vestibül wiederfand – Quarry war von einem Bekannten aufgehalten worden, dem sie im Vorübergehen begegnet waren.

»Es ist aufdringlich von mir, Sir«, sagte Gerald und trat so nah an ihn heran, dass der Türsteher seine leisen Worte nicht verstehen konnte. »Doch ich würde Euch gern um einen Gefallen bitten, wenn Euch das nicht allzu sehr widerstrebt.«

»Ich stehe ganz zu Eurer Verfügung, das versichere ich Euch«, sagte Grey und spürte, wie die Wärme des Rotweins in seinem Blut dem Ansturm einer tieferen Hitze wich.

»Ich möchte… das heißt, ich hege Zweifel bezüglich eines Umstandes, auf den ich aufmerksam geworden bin. Da Ihr gerade erst nach London gekommen seid – das heißt, Ihr habt den Vorteil der Perspektive, die mir aufgrund meiner Vertrautheit mit den Dingen hier fehlen muss. Es gibt niemanden…« Gerald suchte nach Worten, dann sah er Lord John an, und sein Blick war plötzlich zutiefst unglücklich. »Ich kann mich niemandem anvertrauen!«, sagte er in plötzlichem, leidenschaftlichem Flüsterton. Mit überraschender Kraft ergriff er Lord Johns Arm. »Vielleicht ist es nichts, gar nichts. Aber ich brauche Hilfe.«

»Wenn es in meiner Macht steht, sollt Ihr sie bekommen.« Greys Finger berührten die Hand, die seinen Arm umklammerte; Geralds Finger waren kalt. Quarrys Stimme hallte laut und jovial hinter ihnen durch den Flur.

»Die ›Change‹ in der Nähe der Arkade«, sagte Gerald rasch. »Heute Abend, gleich nach Anbruch der Dunkelheit.« Der Griff ließ von Greys Arm ab, und Gerald verschwand. Sein locker fallendes Haar hob sich lebhaft von seinem blauen Umhang ab.

Grey verbrachte den Nachmittag mit notwendigen Besuchen bei Schneidern und Anwälten, dann mit Höflichkeitsbesuchen bei lange vernachlässigten Bekannten, um die Stunden zu füllen, die bis zum Anbruch der Dunkelheit leer vor ihm gähnten. Quarry, der nichts Besseres zu tun hatte, hatte ihm angeboten, ihn zu begleiten, und Lord John hatte keine Einwände gehabt. Quarry hatte ein gutmütiges, joviales Temperament, und seine Gesprächsthemen beschränkten sich auf Karten, Zechgelage und Huren. Er und Grey hatten wenig gemeinsam, abgesehen von ihrem Regiment. Und Ardsmuir.

Als er Quarry im Club wiedersah, war sein erster Gedanke gewesen, dem Mann aus dem Weg zu gehen, weil er es für das Beste hielt, diese Erinnerungen ruhen zu lassen. Und doch – konnte man eine Erinnerung wirklich ruhen lassen, solange ihre Verkörperung noch lebte? Einen Toten hätte er vielleicht vergessen können, nicht aber einen Mann, der einfach nur nicht anwesend war. Und Robert Geralds flammendes Haar hatte eine Glut neu entfacht, die er sicher erstickt geglaubt hatte.

Vielleicht war es ja unklug, diesen Funken zu nähren, dachte er, während er seinen Soldatenumhang aus der Umklammerung eines lästigen Bettlers befreite. Offenes Feuer war gefährlich, das wusste er so gut wie jeder andere Mann. Ungeachtet dessen – die Stunden, in denen er sich durch das Gedränge Londons gekämpft hatte, gefolgt von Stunden gezwungener Geselligkeit, hatten ihn mit solch unerwarteter Sehnsucht nach der Stille des Nordens erfüllt, dass er sich plötzlich von dem Verlangen erfüllt fand, wenigstens von Schottland zu sprechen.

Sie waren im Lauf ihrer Erledigungen an der Royal Exchange vorbeigekommen; er hatte einen verstohlenen Blick auf die Arkade mit ihrem schrillen Anstrich, ihren ramponierten Plakaten, den lauten Straßenhändlern und herausgeputzten Bummlern geworfen und ein leises Ziehen der Vorfreude gespürt. Es war Herbst; die Dunkelheit kam früh.

Jetzt waren sie in der Nähe des Flusses; die lauten Rufe der Muschelverkäufer und Fischhändler drangen durch die gewundenen Gassen, und ein kalter Wind, der den anregenden Geruch von Teer und Sägespänen mit sich brachte, blähte ihre Umhänge wie Segel auf. Quarry drehte sich um und deutete mit einem Wink seiner Hand über die Köpfe der Menschenmenge in ihrem Weg auf ein Kaffeehaus; Grey nickte als Antwort, senkte den Kopf und machte sich mit den Ellbogen den Weg bis zur Tür frei.

»Was für ein Gewühl«, sagte Lord John, als er sich hinter Quarry in den relativen Frieden des kleinen, nach Gewürzen duftenden Raumes schob. Er nahm seinen Dreispitz ab und setzte sich. Dabei zupfte er sacht die rote Schleife wieder gerade, die durch den Kontakt mit der Menge verrutscht war. Grey, der fünf Zentimter kleiner war als der Durchschnitt, befand sich im Gedränge im Nachteil.

»Ich hatte ganz vergessen, was für ein wimmelnder Ameisenhaufen London doch ist.« Er holte tief Luft – Augen zu und durch. »Was für ein Kontrast zu Ardsmuir.«

»Ich hatte ganz vergessen, was für ein unerträglich einsames Rattennest Schottland ist«, erwiderte Quarry, »bis Ihr heute Morgen im Beefsteak aufgekreuzt seid, um mich daran zu erinnern, wie gut ich es habe. Auf die Ameisenhügel!« Er hob das dampfende Glas, das wie von Zauberhand vor ihm erschienen war, und verneigte sich förmlich vor Grey. Er trank und erschauerte, vielleicht, weil er sich an Schottland erinnerte, vielleicht aber auch als Reaktion auf die Qualität des Kaffees. Er runzelte die Stirn und griff nach dem Zuckerschälchen.

»Gott sei Dank, dass wir das beide hinter uns haben. Sich drinnen wie draußen den Arsch abzufrieren, während der verdammte Regen durch jede Ritze und jedes Fenster kommt…« Quarry zog seine Perücke ab, kratzte sich ganz unbefangen den zunehmend kahlen Schädel, dann setzte er sie wieder auf.

»Und keine Gesellschaft außer den griesgrämigen Schotten; ich bin da keiner einzigen Hure begegnet, die mir nicht das Gefühl gegeben hat, dass sie ihn mir genau so gut abschneiden wie es ihm besorgen könnte. Einen Monat länger, und ich hätte mir eine Kugel in den Kopf gejagt, wenn Ihr nicht zu meiner Ablösung gekommen wärt, das schwöre ich, Grey. Welcher arme Tropf ist denn Euer Nachfolger?«

»Niemand.« Grey kratzte sich seinerseits geistesabwesend unter seinem blonden Haar, von Quarrys Kopfjucken angesteckt. Er blickte nach draußen; die Straße war immer noch belebt, doch der Lärm der Menge wurde dankenswerterweise durch die Bleiverglasung gedämpft. Zwei Sänften waren zusammengestoßen, als die Menge ihre Träger aus dem Gleichgewicht brachte. »Ardsmuir ist kein Gefängnis mehr; die Gefangenen sind deportiert worden.«

»Deportiert?« Quarry spitzte überrascht die Lippen, dann nippte er an seinem Kaffee, diesmal vorsichtiger. »Na ja, geschieht ihnen recht, den elenden Hurensöhnen. Hm!« Er grunzte und schüttelte den Kopf über den Kaffee. »Die meisten von ihnen haben es verdient. Nur schade um Fraser – Ihr erinnert Euch doch an einen Mann namens Fraser, einen großen, rothaarigen Kerl? Einer von den jakobitischen Offizieren – ein Gentleman. Hatte ihn wirklich gern«, sagte Quarry, und seine raue Fröhlichkeit wurde ein wenig nüchterner. »Schade. Hattet Ihr Gelegenheit, mit ihm zu sprechen?«

»Dann und wann.« Grey spürte, wie eine vertraute Anspannung ihm den Magen zusammenballte, und wandte sich ab, um sich nichts anmerken zu lassen. Die Sänften standen jetzt beide auf dem Boden, und ihre Träger brüllten und schubsten einander an. Die Straße war schon eng, wenn sie nur durch den normalen Verkehr der Händler und Laufburschen verstopft war; jetzt machten die Passanten, die stehen blieben, um sich den Streit anzusehen, sie noch unpassierbarer.

»Dann kanntet Ihr ihn gut?« Er konnte nicht anders; ob es ihm nun Trost oder Schmerz brachte, ihm blieb jetzt keine andere Wahl mehr, als von Fraser zu sprechen – und Quarry war der einzige Mensch in London, mit dem er über ihn sprechen konnte.

»Oh ja – oder jedenfalls so gut, wie man jemanden in dieser Situation kennen lernen kann«, erwiderte Quarry beiläufig. »Ließ ihn jede Woche in meinem Quartier zu Abend essen; sehr höfliche Ausdrucksweise, gutes Händchen beim Kartenspiel.« Er hob die fleischige Nase von seinem Glas; seine Wangen waren durch den Dampf noch mehr als sonst gerötet. »Natürlich war er kein Mann, der dazu einlud, ihn zu bemitleiden, doch man konnte kaum umhin, seine Lebensumstände mit Mitgefühl zu betrachten.«

»Mitgefühl? Und doch habt Ihr ihm seine Ketten gelassen?« Quarry blickte scharf auf, denn er hörte den gereizten Unterton in Greys Worten.

»Mag ja sein, dass ich den Mann mochte, aber vertraut habe ich ihm nicht. Nicht nach dem, was einem meiner Sergeanten zugestoßen ist.«

»Und was war das?« Lord John schaffte es, nicht mehr als geringes Interesse in der Frage mitklingen zu lassen.

»Missgeschick. Bei einem Unfall im Wasser am Boden des Steinbruchs ertrunken«, sagte Quarry, während er mehrere Teelöffel Kandiszucker in eine frische Tasse fallen ließ und heftig darin rührte. »Das habe ich zumindest in meinem Bericht geschrieben.« Er sah von seinem Kaffee auf und zwinkerte Grey auf seine typische anzügliche, schiefe Weise zu. »Ich mochte Fraser. Hatte nichts für den Sergeanten übrig. Aber haltet einen Mann niemals für hilflos, Grey, nur weil er in Eisen liegt.«

Grey suchte verzweifelt nach einer Möglichkeit, weiter nachzufragen, ohne sich sein leidenschaftliches Interesse anmerken zu lassen.

»Also glaubt ihr…«, hub er an.

»Da«, sagte Quarry, der sich plötzlich erhob. »Da! Wenn das nicht Bob Gerald ist!«

Lord John fuhr auf seinem Stuhl herum. Natürlich, die Nachmittagssonne schlug Funken auf einem flammenden Kopf, dessen Besitzer gerade einer der festsitzenden Sänften entstieg. Gerald richtete sich auf, das Gesicht zu einem fragenden Stirnrunzeln verzogen, und fing an, sich zwischen den Knoten der streitenden Träger zu schieben.

»Was hat er wohl vor, frage ich mich? Sicherlich… Heh! Halt! Halt, du Lump!« Achtlos ließ Quarry seine Tasse fallen und eilte unter Gebrüll zur Tür.

Grey, der um ein oder zwei Schritte zurücklag, sah nicht mehr als ein Aufblitzen von Metall in der Sonne und den kurzen, erschrockenen Blick in Geralds Gesicht. Dann wich die Menge unter entsetzten Aufschreien zurück, und ein Gewühl wogender Rücken verstellte ihm den Blick.

Ohne Zögern kämpfte er sich durch den kreischenden Pöbel und hieb sich rücksichtslos mit dem Schwertgriff den Weg frei.

Gerald lag in den Armen eines seiner Träger; das Haar war ihm nach vorn gefallen und verbarg sein Gesicht. Der junge Mann hatte schmerzerfüllt die Knie angezogen und presste die geballten Fäuste auf den Fleck, der sich auf seiner Weste ausbreitete.

Quarry war schon dort; er schwang sein Schwert gegen die Menge, bellte Drohungen, um sie auf Abstand zu halten, dann sah er sich mit wilden Blicken nach einem Feind um, auf den er einhauen konnte.

»Wer?«, rief er den Trägern zu, das Gesicht vor Wut verzerrt. »Wer hat das getan?«

Der Kreis weißer Gesichter wandte sich hilflos fragend um, einander zu, doch er fand keinen Fixpunkt; der Feind war geflohen und seine Träger mit ihm.

Grey kniete in der Gosse nieder, ohne auf den Schmutz zu achten, und strich das rote Haar mit seinen Händen zurück, die steif und kalt geworden waren. Blutgestank lag heiß und schwer in der Luft, dazu der Fäkalgeruch durchbohrter Eingeweide. Grey hatte genug Schlachtfelder gesehen, um die Wahrheit zu kennen, noch bevor er die brechenden Augen, das leichenblasse Gesicht sah. Bei dem Anblick spürte er einen tiefen, scharfen Stich, als sei auch sein Inneres durchbohrt worden.

Aufgerissene braune Augen fixierten die seinen, und tief unter dem Schrecken und dem Schmerz blitzte Erkennen auf. Er ergriff die Hand des Sterbenden und rieb sie, obwohl er wusste, dass es eine vergebliche Geste war. Geralds Lippen arbeiteten geräuschlos. In seinem Mundwinkel bildete sich eine rote Speichelblase.

»Sagt es mir.« Grey bückte sich drängend zum Ohr des Mannes und spürte, wie das Haar sanft über seinen Mund strich. »Sagt mir, wer es gewesen ist – ich werde Euch rächen. Das schwöre ich.«

Er spürte, wie ein leichter Krampf die Finger in den seinen durchlief, und drückte fest zurück, als könnte er Gerald mit Gewalt ein wenig von seiner Kraft abgeben; genug für ein Wort, einen Namen.

Die sanften Lippen waren erbleicht, die Blutblase wurde immer größer. Gerald zog die Mundwinkel zurück, ein heftiger Krampf, der seine Zähne bloßlegte, die Blase zum Platzen brachte und Greys Wange mit Blut besprühte. Dann zogen sich die Lippen zusammen und spitzten sich, als wollten sie jemanden zum Kuss einladen. So starb er, und jeder Ausdruck wich aus seinen großen, braunen Augen.

Quarry verlangte lauthals Auskunft von den Trägern. Weitere Rufe hallten von den Häuserwänden der Straße und der nahen Gassen wider, und die Neuigkeit verbreitete sich vom Tatort wie ein Lauffeuer.

Grey kniete allein in der Stille, die den Toten umgab, im Gestank nach Blut und entleerten Eingeweiden. Behutsam legte er Geralds erschlaffte Hand auf dessen verwundete Brust und wischte sich geistesabwesend die blutige Hand an seinem Umhang ab.

Eine Bewegung erregte seine Aufmerksamkeit. Harry Quarry kniete an der anderen Seite der Leiche nieder. Sein Gesicht war so weiß wie die Narbe auf seiner Wange geworden, und er öffnete ein großes Klappmesser. Mit größter Vorsicht durchsuchte er Geralds loses, blutverklebtes Haar und zog eine saubere Locke hervor, die er abschnitt. Die Sonne ging unter; ihr Licht fing sich in dem Haar, als es herabfiel, eine Locke aus lebendem Feuer.

»Für seine Mutter«, erklärte Quarry. Er hatte die Lippen fest zusammengepresst, als er die glänzende Strähne zusammenrollte und sie sorgfältig verstaute.

KAPITEL ZWEI

Die Einladung kam zwei Tage später, zusammen mit einer Notiz von Harry Quarry. Lady Lucinda Joffrey erbat sich Lord John Greys Gegenwart bei einem Abendempfang im Hause Joffrey. Quarrys Notiz lautete schlicht: »Kommt. Ich habe Neuigkeiten.«

Und das nicht zu früh, dachte Grey und warf die Notiz beiseite. Die zwei Tage seit Geralds Tod waren von hektischer Aktivität erfüllt gewesen, von Nachfragen und Spekulationen – doch es hatte zu nichts geführt. Jeder Laden, jeder Straßenhändlerkarren in der Forby Street war gründlich auf den Kopf gestellt worden, aber man hatte keine Spur von dem Angreifer oder seinen Helfershelfern gefunden; sie waren in der Menge aufgegangen, so anonym wie Ameisen.

Das bewies zumindest eines, dachte Grey. Es war eine geplante Attacke gewesen, keine zufällige Gewalttat auf der Straße. Um so schnell verschwinden zu können, musste der Angreifer aussehen wie das gemeine Fußvolk; ein reicher Kaufmann oder ein Adliger wäre durch seine Haltung und Kleidung aufgefallen. Die Sänfte war gemietet gewesen; niemand erinnerte sich an das Aussehen des Fahrgastes, und der angegebene Name war – wenig überraschend – falsch.

Rastlos blätterte er den Rest der Post durch. Alle anderen Nachforschungen hatten sich bis jetzt als fruchtlos erwiesen. Man hatte keine Waffe gefunden. Er und Quarry hatten nach dem Portier im Flur des Beefsteak gesucht, weil sie hofften, dass er vielleicht die Unterhaltung zwischen Gerald und Bubb-Dodington mitgehört hatte, doch der Mann war eine vorübergehend eingestellte Kraft gewesen. Er hatte nur den einen Tag im Club gearbeitet und war schon lange ausbezahlt worden und verschwunden, zweifellos, um das Geld zu vertrinken.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!