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Der Fund einer Leiche stört die Bergidylle im herbstlichen Oberengadin.
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Seitenzahl: 48
Veröffentlichungsjahr: 2018
Die Ähnlichkeit mit natürlichen Personen ist lediglich mit der Fantasie des Lesers zu erklären.
Die Ähnlichkeit mit der Natur ist in diesem Buch schwer untertrieben. Im Sinne von „Das letzte Wort hat das Bild“ muss jeder das Naturspektakel selber auf sich wirken lassen.
Curry
Rosmarin
Weihrauch
Zitronengras und Grüntee
Kirschen
Vanilla
Zitrone
Marroni
Chocolat
Lärchen
Wahnsinn diese Farben, diese Gerüche, diese Eindrücke! Es ist einer dieser Herbsttage im Oberengadin, welche einfach unvergesslich sind. Frühmorgens, keiner der Gäste so richtig wach, glitzert der Reif noch an den Gräsern; das Tal liegt im Schatten und es herrscht eine bissige Kälte. Doch schon werden die Berggipfel von der Sonne lieblich bestrahlt, dahinter der tiefblaue Himmel, wolkenlos. Der Blick schweift nach unten zu diesem Wunder … die Lärchen … unglaublich das Spiel der Farben hier im Herbst. Einmal goldgelb, dann rotgold, grünlich noch voll im Saft, daneben wieder grüngelb. Wie ein Teppich schmiegen sich die Lärchen an die Hänge im Oberengadin, und es dünkt einen hier ganz besonders schön. Ja, die Lärchen; man entdeckt alle paar Stunden neue Farbkombinationen und Veränderungen; als könnte man den Herbst geradezu beobachten, wie er vor dem schicken Weiss nochmals die ganze Farbpalette runterspielt und sich grandios mit viel Spektakel vor dem Winter verabschiedet.
Die ersten Sonnenstrahlen erreichen nun das Tal, der Boden dampft, der Reif an den Gräsern glitzert wie tausend Diamanten, dahinter der Lärchen-Teppich in seiner Farbenpracht … und ganz, ganz weit weg hört man das einlullende Bimmeln der Kuhglocken. Dazu diese Gerüche; trotz Kälte riecht man den erdigen Boden, das Laub im Garten, schon etwas modrig, und die von der Besitzerin so schön angeordneten Blumen; daneben der bekannte Kräutergarten.
Susanne tut es fast leid, ihre Yogamatte auf die Gräser mit diesem filigranen Reif zu legen. Doch sie weiss auch, dass sie von der Yogamatte beim Sonnengruss einen unglaublichen Blick auf die Schönheit der Reifkristalle werfen kann, welche sich in absoluter Perfektion präsentieren; nur von ganz nah ist dies möglich. Somit geht es vom tiefblauen Himmel runter zu den Reifkristallen, vorbei am Lärchenteppich und nochmals nach vorn zum Lärchenteppich … der Sonnengruss … natürlich heute zur Sonne ausgerichtet, talabwärts, die unglaubliche Weite und Ruhe des Oberengadins um sich. Auf dem Bauch liegend, den Blick wieder zum blauen Himmel gerichtet … weit weg vom Grau von zu Hause, weit weg von Sorgen und Problemen … nur Idylle und Ruhe pur. Langsam steigt Wärme in die durchblutete Muskulatur, welche durch die tiefer kommende Sonne noch verstärkt wird. Wärme und Energie durchfluten Susannes Körper und tanken auf; die Sonnenstrahlen erhellen nun fast den ganzen Garten der Chesa Salis in Bever … und plötzlich das!!! AAAAAAAAAAhhhhhhhhhhhhhhh … ein Schrei, welcher durch Mark und Bein geht, ein Schrei, welcher die ganze Idylle durchbricht, ein entsetzlicher und panischer Schrei; ein Schrei so laut ... unüberhörbar.
Erschrocken fährt Herr Caflisch, der Gemeidepräsident, auf. Was war denn das? In seinem so friedlichen Bever frühmorgens ein so furchterregender Schrei?! Wie jeden Morgen so spaziert auch heute Herr Caflisch mit seinem Hund über den Feldweg ins Gemeidehaus an die Arbeit; das geniesst er, zwar auf eine andere Art und Weise als die Gäste der danebenliegenden Chesa Salis, denn diese werden vom Engadiner Panoramabild wahrlich erschlagen. So viel Schönheit kann man gar nicht speichern und im Detail geniessen.
Da ist Herr Caflisch schon anders; jedes Detail nimmt er in Bever wahr, jede Kleinigkeit am Wegrand schätzt er. Doch auch er hat für die Lärchen-Farben-pracht, wie sie heute wieder strahlt, noch keine Worte gefunden ... oh doch ... Curry, die Lärchen sehen aus wie verschiedenfarbiges Curry: grünes, gelbes, rotes und die Kombinationen, die warmen farbigen Kombinationen aus diesen Gewürzen; das entspricht am ehesten den Lärchenfarben. Warum nur ist er nicht früher darauf gekommen? Gerade heute, kurz vor diesem Schrei, fiel es ihm ein: Wie verschiedene Currys sieht der Wald aus.
Vor lauter Schreck lässt Jon, der Küchenlehrling, seinen handgeflochtenen Korb fallen. Ach nein … all die Kräuter am Boden. Warum schreit die Touristin denn so? Ach, die Kräuter … Schnell macht er sich ans Aufsammeln. Er ist so stolz, dass er jetzt im 2. Lehrjahr die Kräuter im Garten selber sammeln darf; das ganze erste Jahr wurde er noch vom Küchenchef höchst persönlich begleitet, instruiert, angelernt und abgefragt. Aufs Peinlichste genau musste er Nomenklatur von Art, Sorte, Gattung, Pflückart und Verarbeitung der verschiedenen Sorten lernen. Bei Maestro Tüpflischiesser, wie Jon ihn heimlich nannte, gab es kein Pardon. Das war wirklich ein harter Einstieg in die Lehre gewesen, denn neben der normalen Schule und dem Job, wie es seine Kollegen erlebten, musste er sich in der Freizeit noch unzählige Kräuter- und Blumenbücher anschauen.
Doch er war stolz darauf, denn der Küchenchef, von allen lieblich „Maestro“ genannt, wählt seine Lehrlinge selber aus; nur die besten, die fleissigsten und die flinksten dürfen die Lehre bei ihm starten. Viele halten den Druck in Maestros Küche gar nicht aus und geben vorzeitig wieder auf; andere sind zu faul, um sich nach einer anstrengenden Schicht noch hinzusetzen, um sich die Blüten von Majoran und Co. zu merken; ja, nicht nur zu merken, sondern Maestro verlangt, dass alle gängigen Pflanzen auch aufgezeichnet werden können. Nur wer die Pflanze zeichnen kann, verwechselt sie nicht beim Sammeln; so seine Devise. Ja, das Sammeln … da fängt es schon an.
Jon weiss jetzt, an welchen Tagen um welche Uhrzeit wie welche Pflanze gewonnen wird. Jetzt, an diesem trockenen frischen Herbstmorgen, der Reif von der Sonne bereits lieblich verdrängt, pflückt er Rosmarin. Rosmarin mit seinem leicht bitteren, etwas harzigen Geschmack, der auch an Eukalyptus erinnert. Jon schaut akribisch genau, dass er wirklich nur die feinsten, noch intakten Ästchen pflückt.