Die Hände des Pianisten - Yali Sobol - E-Book

Die Hände des Pianisten E-Book

Yali Sobol

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Beschreibung

Tel Aviv, nach dem nächsten Krieg. Die Stadt hat schwer gelitten, überall sind die Zerstörungen der Raketenangriffe zu sehen, Tausende haben ihr Leben verloren. An der Spitze des jüdischen Staates steht ein starker Mann, ein General, der nach einem Anschlag auf den Generalstab die Zügel in die Hand genommen und den Sicherheitsbehörden eine nie dagewesene Machtfülle beschert hat. In die zerstörte Stadt kehren Joav und Chagit Kirsch zurück, während des Krieges haben sie sich auf dem Land in Sicherheit gebracht. Joav ist Pianist, Anfang dreißig, ein unpolitischer Schöngeist und Opportunist, der große Schwierigkeiten hat, sich in der neuen Zeit zurechtzufinden. Chagit arbeitet als Cutterin bei einem großen Fernsehsender. Als sie von dem Starreporter des Senders einen USB-Stick zugesteckt bekommt, den sie für ihn verstecken soll, und kurz darauf die Redaktion von der Polizei durchsucht wird, finden sich die beiden plötzlich im Zentrum eines politischen Skandals, der bis in die höchsten Ebenen der Macht reicht … "Die Hände des Pianisten" ist nicht nur ein brillanter und brisanter Roman über Israel, sondern auch eine tiefschwarze Parabel über allzu menschliche Abgründe, Macht und Moral in einer aus den Fugen geratenen Zeit.

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Yali Sobol

DIEHÄNDEDESPIANISTEN

Roman

Aus dem Hebräischenvon Markus Lemke

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

 

 

 

TEL AVIV,NACH DEM NÄCHSTEN KRIEG

1

IM LETZTEN MOMENT ENTSCHIED ER, die Stücke, die er spielen wollte, zu ändern. Dieses Recital, das erste nach dem Krieg, sollte auf dem lächerlichen Anspruch eines »Wir-müssen-weiter-Musik-machen« basieren, und als er es eingeübt hatte, war er überzeugt gewesen, Chopins Polonaisen mit ihrem heroischen Ton würden gut hineinpassen. Aber jetzt, schon im Saal, änderte er seine Meinung.

Bei einer kurzen Probe, für die gerade noch Zeit war, bevor das Publikum eingelassen wurde, hatte er festgestellt, dass der eiligst in den Saal geschaffte Flügel von sehr mittelmäßiger Qualität war. Die Polonaisen drohten, darauf seicht, bemüht, ja sogar lächerlich zu klingen. Lieber etwas Minimalistisches. Etwas, das dem Instrument nicht zu viel abverlangte. Und dem Publikum, genau genommen, auch nicht. Am besten Satie.

In all den Jahren als Solopianist hatte er noch nie gewagt, eine solche Entscheidung unmittelbar vor einem Auftritt zu treffen, aber diesmal, auch weil der ganze Abend ohnehin auf die Schnelle improvisiert worden war – erst vor einer Woche hatte man sich an ihn gewandt, ein Programmheft gab es nicht und niemand im Publikum wusste, was man zu hören bekommen würde –, fühlte er sich berechtigt, seine Auswahl zu ändern. Satie konnte er auch unvorbereitet fehlerlos spielen. Vor einigen Jahren, als er noch als junger, vielversprechender Pianist gegolten hatte, hatte er sich, gegen den Rat seines Lehrers am Konservatorium, der das Werk des französischen Komponisten für ein Kuriosum ohne jegliche Tiefe hielt, intensiv mit Satie befasst. Jetzt konnte er seine Werke jederzeit hervorziehen – es war alles dort, für immer, in seinen Fingerspitzen.

Der Augenblick war gekommen. Joav Kirsch betrat unter verhaltenem Beifall die Bühne und nahm auf seinem Stuhl Platz.

Während er spielte, musste er an eine Szene denken, die er auf seinem Weg hierher gesehen hatte. Am unteren Ende des Chen-Boulevards stand ein Gebäude, dessen Vorderfront eine Rakete, die in der Nähe eingeschlagen war, komplett abrasiert hatte, ein Bild, das wie aus dem Album eines Kriegsfotografen entnommen schien und fast zu steril wirkte, um echt zu sein. Nur die Fassade war eingestürzt und verschwunden, als hätte jemand mit einem riesigen Brotmesser von dem Haus eine Scheibe abgeschnitten, und das Innenleben der Wohnungen bot sich dem Auge dar wie in dem Ameisenbau, den er in einem Terrarium in seinem Kinderzimmer gehabt hatte. Er hatte die freigelegten Eingeweide des Hauses betrachtet. Die leeren Wohnungen erzählten mit ihrer Einrichtung von der Geschichte ihrer Bewohner: ein riesiger Flachbildfernseher, der an einer Leichtbauwand in einer weißen, frisch renovierten Wohnung hing, altes, schweres Holzmobiliar in einer anderen Wohnung, eine große, vollgestopfte Bibliothek in einer dritten. Er war stehen geblieben und hatte das Gebäude betrachtet wie ein unverständliches Kunstwerk – mit einer Art dümmlichem Staunen, vermischt mit Neugier, als wartete man auf eine Eingebung. Am Ende hatte er, ehe er weitergegangen war, sein Mobiltelefon aus der Tasche gezogen und das Gebäude fotografiert. Möglich, dass er sich das Foto nie wieder ansehen würde, möglich aber auch, dass er es am Abend seiner Frau zeigen und ein erstauntes Murmeln ernten würde. So oder so, das rasierte Haus würde in den Tiefen seines Fotoordners bleiben, bis es eines Tages gelöscht würde, um Platz für andere Dateien zu schaffen.

Er war bereits in Begriff, seinen Weg zum Konzertsaal fortzusetzen, als er eine ältere Frau im Wohnzimmer einer der Wohnungen im ersten Stock bemerkte. Sie fegte den Boden in ihrer fassadenlosen Behausung. Ihre Anwesenheit in dem leeren Gebäude, dessen Bewohner, wahrscheinlich wegen der Einsturzgefahr, evakuiert worden waren, hatte etwas Paradoxes. Die alltägliche Verrichtung, die sie ausführte, weckte Unbehagen bei ihm. Jetzt fühlte er sich wie ein Voyeur, wie jemand, der sich unerlaubt Zutritt verschafft hatte. Schnell ließ er das Telefon in die Tasche gleiten und ging weiter.

Der Krieg hatte keine tiefen Narben bei ihm hinterlassen. Noch ehe die Kampfhandlungen wirklich begonnen hatten, war er mit Chagit zu ihren Eltern gefahren, die in einem kleinen Moschaw zwischen Tel Aviv und Jerusalem wohnten, und war die ganze Zeit über dort geblieben. Die eigentlichen Nöte, mit denen er hatte fertig werden müssen während des einen Monats, in dem Tel Aviv jede Nacht nach Raketentreffern gebrannt hatte, waren ein altes, verstimmtes englisches Klavier, auf dem er üben musste, und die ständige Gegenwart von Chagits Eltern. Normalerweise, wenn man sich bei Familienfesten traf, kam er bestens mit ihnen aus und genoss sogar ihre unverhohlene Bewunderung, aber mit ihnen unter einem Dach zu leben – das war eine ganz andere Geschichte. Nun gut, immerhin waren sie nicht gezwungen gewesen, alle zusammen in einem Luftschutzraum zu hocken.

Der Krieg hatte in großem Maße seinem Übungspensum gutgetan. In den letzten drei Jahren, seit er die dreißig überschritten hatte und damit aus dem Zyklus von Wettbewerben mit Altersbegrenzung herausgefallen war, hatte seine Disziplin gelitten. Die großen Anlässe, für die er intensiv übte, waren seltener geworden und die Übungsroutine geriet damit zu einem tagtäglichen Kampf. Es gab peinigende Phasen, in denen ihn innere Leere und Tatenlosigkeit befielen. Die Wohnsituation bei seinen Schwiegereltern aber, wo die Alternative zum Üben eine deprimierende Unterhaltung in der Küche gewesen wäre, über den Krieg und die Lage des Landes, ließ ihn stundenlang am Klavier sitzen und entfachte allmählich die alte Disziplin neu. Eine E-Mail, die er von Paolo, seinem italienischen Agenten, erhalten hatte und in der von der Möglichkeit einer kurzen Tournee im Frühjahr durch Italien und die Schweiz die Rede war, ließ die neu entzündete Flamme noch größer werden. Chagit gegenüber gestand er sogar mit einem Lächeln, die Raketen, die auf Tel Aviv niedergingen, würden ihn sehr viel mehr anspornen als sein schlechtes Gewissen oder die tadelnde Stimme seiner Mutter in seinem Kopf.

Die E-Mail, die er von Paolo bekommen hatte, trug entscheidend dazu bei, dass er sich heute Abend unentgeltlich für dieses Recital zur Verfügung gestellt hatte. Zwischen den Zeilen war ihm angedeutet worden, diese »Rekrutierung« würde von den zuständigen Stellen mit Wohlwollen betrachtet, und so hoffte er, das Ganze würde ihm bei einer Aufgabe helfen, die seit Kriegsende einigermaßen schwierig geworden war – eine Ausreisegenehmigung zu bekommen. In der Vergangenheit eine banale Routineprozedur, erforderte dies jetzt komplizierte Manöver. Nach wie vor herrschte Ausnahmezustand, und das Übergangsoberkommando, das ÜOK, wie es in den Medien genannt wurde, hatte es nicht eben eilig, Ausreisegenehmigungen zu erteilen, schon gar nicht an Tel Aviver Künstler. Noch belastender war, dass niemand wusste, ob sich die Lage wieder normalisieren würde, und wenn ja, wann.

Nach dem Waffenstillstand und ihrer Rückkehr nach Tel Aviv fühlten sie sich ein bisschen wie Touristen. Wie viele andere Tel Aviver, die geflüchtet waren, gehörten auch sie zu den Schaulustigen, die durch die Straßen der Stadt streiften und einen Schauplatz der Verwüstung nach dem nächsten besuchten – den relativ neuen Vorplatz des Nationaltheaters Habima, der zu einer Trümmerwüste geworden war, die Akirov-Towers, von denen einer einen Volltreffer bekommen hatte und eingestürzt war, und den Krater vis-à-vis zum städtischen Museum, vor dem Verteidigungsministerium. So wie er heute vor jenem Haus am Chen-Boulevard gestanden hatte, standen sie vor der Zerstörung und warteten darauf, dass die Schutthügel ihnen etwas erzählten, das sie nicht wussten. Doch die blieben stumm. Sie waren während des Infernos nicht hier gewesen, und das war gut so.

Niemand von seinen Verwandten oder engen Freunden war durch den Krieg ernsthaft zu Schaden gekommen. Zwar war dieser verheerender als alle seine Vorgänger ausgefallen – allein im Großraum Tel Aviv waren Tausende von Toten zu beklagen –, dennoch hatte der Tod, aus irgendeinem Grund, den Kreis der ihm wirklich nahestehenden Menschen nicht berührt. Er kannte flüchtig zwei Orchestermitglieder, die bei den Raketenangriffen ums Leben gekommen waren; und von dem Tod eines anderen Bekannten aus seinem Stammcafé, in dem er jeden Morgen zu sitzen pflegte, hatte er durch Dritte erfahren. Der Tod einer Klavierlehrerin, bei der er für kurze Zeit Unterricht hatte, hinterließ einen stärkeren Eindruck bei ihm, und doch war noch immer etwas Unfassbares an all diesen Toden, wie beim Anblick der Gebäude, an denen er vorüberkam, wenn er durch die Stadt ging. All das berührte ihn nicht wirklich, nicht in seinem tiefsten Inneren, sondern bestärkte ihn nur in seinem Entschluss, so bald als möglich von hier zu verschwinden. Über Menschen, die auf dem Schlachtfeld gefallen waren, gab es ohnehin nichts zu reden. Es waren viele Soldaten in diesem Krieg gestorben, aber er kannte keine Soldaten.

Er hätte dies nicht offen eingestanden, aber der Verlust, den er in diesem Krieg am meisten bedauerte, war der Tod eines Baumes. Eines Baumes und einer Bank, um genau zu sein. Das war ihr Ort gewesen, und es schmerzte sie wirklich, ihn so zu sehen – ein zerklüfteter Bombenkrater. Jedes Mal, wenn er im Mann-Auditorium gespielt hatte, hatten sie sich im nahe gelegenen Yaakov-Park getroffen, auf einer verborgenen Bank unter einem uralten Maulbeerfeigenbaum. Es war ihre eigene romantische Tradition geworden – »Wir treffen uns am ›Halt-die-Klappe-Baum‹«. Seinen Namen hatte der Baum bei einem ihrer ersten Treffen bekommen. Nach einem Kinobesuch hatten sie unter dem betagten Maulbeerfeigenbaum gesessen, und die Anspannung in Erwartung eines möglichen Kusses, zu dem es noch nicht gekommen war, hatte Joav zu schaffen gemacht. Vor lauter Verlegenheit fing er an, dämliches Trivial-Pursuit-Wissen über diesen Baum vor Chagit auszubreiten, Dinge, die er von einer Geigerin aus der Jungen Philharmonie erfahren hatte, beim geräuschvollen Kauen eines Sandwichs während der Mittagspause.

»Weißt du, dieser Baum ist der letzte Überlebende eines Sykomorenhains, der hier mal stand«, erzählte er ihr. »Als der Kulturpalast gebaut wurde, hat man alle gefällt. Erst vor Kurzem ist er behandelt worden, sie haben die ganze Fäulnis aus dem Stamm geschabt. Wenn du genau hinguckst, der untere Teil des Stammes ist mit Beton und Eisenschienen verstärkt, während der obere Teil mit Kunstharz ausgegossen ist …«

»Joav?«

»Ja?«

»Halt die Klappe.«

Sie lächelte ihn an. Die Vertrautheit zwischen ihnen war in jenem Moment geboren, unter dem Halt-die-Klappe-Baum.

Ein paar Tage nach ihrer Rückkehr in die Stadt waren sie dort vorbeigekommen. Hatten minutenlang Arm in Arm am Rand des gähnenden Kraters gestanden. Den knorrigen, gewundenen Stamm hatte man schon weggeschafft, und in dem Loch waren nur noch Überreste abgerissener Wurzeln zurückgeblieben, die mit faserigen Mündern nach Luft schnappten.

Jetzt, da er spielte, ging ihm dieses Bild durch den Kopf und jagte ihm einen Schauder über den Rücken. Im selben Augenblick entschied er, er habe genug gespielt. Das letzte Stück, den zweiten Teil von Saties préludes flasques pour un chien, würde er weglassen. Es würde ohnehin niemand merken.

Von der Bühne eilte er zum Ankleideraum, um seine Sachen zu holen, und stahl sich dann durch den Künstlereingang nach draußen. Er hatte keine Lust auf deprimierenden Small Talk, auf Leidensvergleiche und vor allem nicht darauf, vor Bekannten die Geschichte seiner Flucht aus der Stadt und des Sich-Versteckens im Moschaw zum Besten zu geben. Das war es, worüber alle sprachen – geheuchelte Beileidsbekundungen und falsche Bestürzung, die im Grunde genommen nichts anderes als ein hässliches Feiern des eigenen Überlebens waren. Die Davongekommenen genossen es, einander detailliert von den Wundern zu erzählen, die ihnen geschehen waren. Wie sie gerettet worden waren dank eines sich verspätenden Busses oder einer im Café vergessenen Sonnenbrille, die zu holen sie noch einmal umgekehrt waren, genau zu dem Zeitpunkt, als ihr Haus zu Staub wurde. Die allen gemeinsame Auffassung, die unter diesen Worten raunte, die mit Bedauern oder Ergriffenheit ausgesprochen wurden, lautete: Wir sind auserwählt. Wir sind die wenigen Gescheiten, die auf die Arche durften, um nach der Sintflut noch einmal neu anzufangen. All die teuren Toten waren, das musste man eingestehen, ein bisschen kurzsichtig und naiv, ja vielleicht sogar dumm.

Draußen wartete ein kühler Abend, und ein angenehmer Herbstwind strich ihm übers Gesicht. Die Straße war menschenleer. Er marschierte los und summte gedankenverloren das Stück vor sich hin, mit dem er geendet hatte, der erste Teil der préludes flasques pour un chien, ein Stück, das er beim Spielen insgeheim dem Funktionär gewidmet hatte, der ihn vor einer Woche mit dem Recital beauftragt hatte. Ein dünnes Lächeln spielte noch um seine Lippen, als er ein älteres Paar bemerkte, ein Mann und eine Frau, das aus dem Schatten des Gebäudes trat und auf ihn zukam.

»Ich hatte gehofft, Sie würden auch die zweite prélude pour un chien spielen. Warum haben Sie nur die erste gespielt?«, fragte der Mann.

Er blieb stehen, verlegen durch die sonderbare Eröffnung. Vor ihm stand ein beeindruckender Mann, groß, breitschultrig und durchtrainiert für sein reifes Alter. Weißes Haar, sonnengegerbtes Gesicht und ein kräftiges, kantiges Kinn. Die schmalen, hellen Augen des Mannes, mit großen Tränensäcken darunter, waren mit prüfendem, halb drohendem und halb amüsiertem Blick auf ihn gerichtet.

»Verzeihung?«

»Wie ich sagte«, wiederholte der Mann, »ich habe auf den zweiten Teil gewartet.«

Eine schnelle, innere Revision brachte Joav zu einem sofortigen Schuldeingeständnis. Er hatte keine Rechtfertigung. Das Ganze war eine leichtfertige, ja sogar anmaßende Entscheidung gewesen. Die beiden préludes hätten als eine Einheit gespielt werden müssen. Er rekonstruierte sein Kalkül, erinnerte sich an das Bild ihres »Halt-die-Klappe-Baums« und an den Gedanken, der ihm dabei durch den Kopf gegangen war: Er hatte sein Pensum erfüllt, niemand würde die Auslassung bemerken.

Er wollte sich schon bei dem Fremden entschuldigen – denn irgendwie spürte er, dass nichts außer der Wahrheit den Mann zufriedenstellen würde, oder, schlimmer noch, ahnte mit einiger Bestürzung, dass sein Gegenüber genau wusste, was er zu sagen in Begriff war –, doch bevor er dazu kam, eine Entschuldigung auszusprechen, unterbrach ihn die Frau. Sie legte ihre Hand auf den Arm des Mannes, eine Geste, die irgendwo zwischen Zuneigung und der schnellen Bewegung eines Menschen lag, der seine Bulldogge am Halsband packt, um sie davon abzuhalten, einem anderen Hund an die Kehle zu gehen, und sagte: »Was Usi zu sagen versucht, ist, dass wir Ihr Spiel sehr genossen haben. Es hat uns berührt. Schon lange waren wir nicht mehr so bewegt, wir beide.«

Joav musterte sie schnell. Helles, dünnes Haar, ein von Falten zerfurchtes Gesicht, überzogen von Pigmentflecken. Eine Frage drängte sich auf, die nach sofortiger Beantwortung verlangte: Hatte sie als junge Frau gut ausgesehen? In seiner Wahrnehmung vollzog sich in Sekundenbruchteilen ein Prozess aus Taxierung, Klassifizierung und elektrischen Impulsen und ergab ein eindeutiges Urteil: Sie muss zweifelsohne eine Schönheit gewesen sein.

Er besann sich und lächelte ihr verlegen zu. »Danke«, sagte er und fügte dann wie entschuldigend hinzu: »Das ist mein erster öffentlicher Auftritt seit dem Krieg. Ich freue mich sehr, dass es Ihnen gefallen hat, insbesondere, da Sie Satie so gut kennen.«

»Der Flügel hat Ihnen keinen Gefallen getan«, sagte der Mann. »Sie müssten eine Tapferkeitsmedaille dafür bekommen, dass Sie überhaupt eingewilligt haben, vor Publikum darauf zu spielen.«

Abermals fühlte er sich verwirrt. Die Worte des Mannes und vor allem seine tiefe Stimme brachten ihn durcheinander. Machte er sich lustig oder verteilte er Komplimente? In aller Regel führte er mit Leichtigkeit solche Unterhaltungen nach Konzerten. Seine Bewunderer überhäuften ihn mit Lobeshymnen, was sogar ganz angenehm war, wenn es nicht zu lange dauerte, und er setzte ein herzliches, leicht überhebliches Lächeln auf, hörte geduldig zu und murmelte ab und an ein Wort des Dankes. Wenn sie sich als intelligent oder als echte Musikfreunde herausstellten, gewährte er ihnen eine kurze Anekdote über eines der Stücke, das er gespielt hatte, was sie begierig aufnahmen, um sich dann zu entschuldigen, er müsse gehen. Immer verstanden sie und beeilten sich, ihn mit einer Entschuldigung ihrerseits freizugeben. Der Maestro durfte nicht länger aufgehalten werden.

Hier aber war etwas anders, nicht wie gewöhnlich. Von dem Augenblick an, da das Paar aus dem Dunkel aufgetaucht war, hatte er es gespürt. Das war keine Überhäufung mit Huldigungen, sondern eine Art Prüfung. Sie durchleuchteten ihn, und er empfand nicht einmal Empörung darüber.

»Eigentlich hatte ich geplant, Chopins Polonaisen zu spielen«, hörte er sich gestehen. »Und tatsächlich, wegen des Flügels habe ich meine Meinung geändert. Ich hatte das Gefühl, er würde das nicht stemmen.«

Der Mann quittierte das Eingeständnis mit einem zufriedenen Lächeln. »Eine gute Entscheidung. Das ist weder der richtige Flügel noch die richtige Zeit«, betonte er in seinem geheimnisvollen und irritierenden Ton. »Sie werden die Polonaisen sicher noch oft spielen, in besseren Zeiten und an schöneren Orten.«

Abermals diese Mehrdeutigkeit. Für einen Moment war er unschlüssig. Ein kleiner Fisch zappelte in seiner Kehle, schlug mit der Schwanzflosse und stieß nach oben, und plötzlich hörte er sich freimütig sagen: »Ich hoffe sehr. Die Wahrheit ist, es gibt einige Konzerte, die für den weiteren Verlauf des Jahres geplant sind. Nicht hier, im Ausland. Aber Sie wissen ja, die Situation ist zurzeit nicht einfach. Es ist nicht sicher, ob man mich lässt.«

Er registrierte eine unmerkliche Bewegung der Hand der Frau, die noch immer auf dem Arm des Mannes lag. Ein ganz leichtes Drücken, eine winzige Kontraktion der Finger auf dem kräftigen Arm.

Der Mann schob seine Hand in die Hosentasche und förderte sein Portemonnaie zutage. Er zog eine Visitenkarte hervor und reichte sie Joav. Auf der Karte stand »Usi Segal«. Und darunter eine Mobiltelefonnummer.

»Rufen Sie mich an«, sagte der Mann. »Vielleicht kann ich Ihnen helfen.«

2

ALS ER EINTRAT, WARTETEN auf dem Küchentisch eine mit einem Teller abgedeckte Schüssel, ein Weinglas und eine Flasche Rotwein auf ihn. Das war seine feste Belohnung, die ihm serviert wurde, wenn er von einem Auftritt nach Hause kam. Er war keine Primadonna, zumindest galt er unter seinen Kollegen nicht als verwöhnt. Er bemühte sich, sein Leben als Pianist zu führen, ohne Chagit zu stören oder übertriebene Forderungen an sie zu stellen. Man schrieb das einundzwanzigste Jahrhundert, mithin nicht die beste Zeit für klassische Konzertpianisten, königliche Capricen zu entwickeln. Auch die sehr Talentierten waren jetzt Arbeiter in einer riesigen Fabrik, an deren Tore immerzu Zehntausende mit gut ausgebildeten Fingern klopften, Arbeiter, die jeden Augenblick ausgetauscht und vergessen zu werden drohten. Und dennoch, dieses kleine Ritual behagte ihm und flößte ihm Sicherheit ein. Vladimir Horowitz hatte einen Privatkoch gehabt, der mit ihm durch die ganze Welt gereist war und ihm seine Kalbsknödel zubereitet hatte, Arthur Rubinstein hatte Unmengen wohlhabender Bewunderer, die um das Vorrecht stritten, ihn zu Kaviar und Champagner einzuladen, und Joav Kirsch hatte eine kleine Schüssel mit Pasta, die auf dem Küchentisch auf ihn wartete, und eine Flasche Rotwein, nicht der teuerste, aber auch nicht der schlechteste.

Chagit saß auf ihrem Bürosessel und bearbeitete irgendetwas am Computer. Er trat zu ihr, beugte sich über sie und küsste sie auf den Kopf. »Hi, Jojo«, sagte sie, ohne sich umzudrehen. »Ich mache das hier noch fertig und setze mich dann zu dir.« Er schaute über ihre Schulter: Auf dem Bildschirm war eine grazile Tänzerin eingefroren, die Knie gebeugt und die Arme über dem Kopf ausgestreckt aneinandergelegt, als wollte sie einen Kopfsprung ins Schwimmbecken machen.

»Was machst du?«

»Bloß was Kleines. Ein Gefallen für Inbar, für ihre neue Arbeit. Das soll auf den Bildschirmen im Foyer laufen.«

Er war fertig mit essen und blieb sitzen. Das war ihre Stunde und ihr Refugium – am roten Resopaltisch unter dem großen Fenster, von dem aus man auf den Wipfel der hohen Zypresse im Hinterhof sah. Hier fanden sie wirklich zueinander. Hier luden sie den gewesenen Tag ab und nahmen ihn gemeinsam in Augenschein. In ihren nächtlichen Gesprächen unter dem Fenster befreiten sie einander von den kleinen Sorgen und Nöten, wie ein Schimpansenpärchen im Dschungel, das sich behutsam und liebevoll gegenseitig die Läuse aus dem Fell holt. In dieser Stunde stritten sie niemals. Dinge, die geschaffen waren, sie zu anderen Zeiten des Tages aufzuregen, wurden hier geduldig erörtert, und wenn es am Morgen über irgendetwas zum Streit zwischen ihnen gekommen war, wenn er versuchte, sich aufzuraffen und mit dem Üben anzufangen, und sie gestresst war, es rechtzeitig zu ihrer Schicht im Schneideraum des Studios zu schaffen, dann versöhnten sie sich nachts wieder, hier, am Tisch, nachdem sie einen ganzen Tag gehabt hatten, die Gemüter abzukühlen und ihre Dummheit zu erkennen.

Aber das kam selten vor. Zumeist diente ihnen ihr nächtliches Eckchen dazu, blinde Flecken zu beleuchten. Er sah Dinge, die ihr Blickfeld nicht erfasst hatte, und sie Sachen, die ihm entgangen waren.

Obschon er nie in einem Büro gearbeitet hatte, war er mit einer gewissen Verschlagenheit gesegnet, einer nicht zu leugnenden Begabung für Politik im Kleinen, und er genoss es, in ihrer Gegenwart die Impulse und Motive der Menschen zu analysieren, mit denen sie zusammenarbeitete. Manchmal hatte er das Gefühl, als würde er die Leute, die in ihrer Nachrichtenredaktion arbeiteten und von denen er die meisten noch nie getroffen hatte, besser kennen als die, mit denen er selbst beruflich zu tun hatte.

Was jedoch auch in die Gegenrichtung funktionierte. Er neigte dazu, Menschen seiner Umgebung vorschnell zu beurteilen, tendierte dazu, Freunde mit Feinden zu verwechseln, während ihr ein Blick auf seine Körpersprache genügte, während er sprach, um festzustellen, ob von einem echten oder nur einem eingebildeten Ärgernis die Rede war. Mit leichter, geübter Bewegung nahm sie ihm die Schleier von den Augen, mit ihrer nächtlichen Stimme, die immer ein wenig heiser war, müde nach einem Tag aus Zigarettenqualm und Klimaanlagenluft in geschlossenen Räumen.

Ihre Stimme hatte eine beruhigende, schmerzstillende Wirkung auf ihn. Schon als Kind war er mit einem außergewöhnlich fein entwickelten Gehör gesegnet gewesen, ein Filigraninstrument, das ihm gleichermaßen intensivste Freude und heftigste Schmerzen bereitet hatte, und auch jetzt, als Erwachsener, wurde seine Stimmung entscheidend über das Gehör beeinflusst. Er brauchte ihre Stimme wie andere Menschen ein Glas Whiskey vor dem Schlafengehen.

Im Grunde genommen hatten sie sich über ihre Stimmen kennengelernt, bei einem Telefonat. Sie hatte damals für das Schulfernsehen recherchiert, und er war mit noch ein paar anderen »vielversprechenden musikalischen Hoffnungen« zu einem Panel eingeladen worden. Ihre Stimme hatte ihm auf Anhieb gefallen: ein bisschen sonor, entschieden, aber nicht aggressiv. Ihr erstes Gespräch war kurz – er hatte es beendet, weil er zurück in den Proberaum musste –, aber am nächsten Tag, als sie die Befragung bei einem weiteren Telefonat fortsetzten, hatte sie einiges Wissen zu klassischer Musik offenbart, und er wagte sie zu fragen, ob sie selbst ein Instrument spiele oder vielleicht singe, wobei er ihr gleich noch schnell ein Kompliment für ihre schöne Stimme machte. Sie lachte. Nein, sie habe keinerlei Verbindung zu diesem Bereich. Leider sei sie völlig unmusikalisch, was aber nichts daran ändere, dass Musik in ihren Augen die wunderbarste aller Künste sei. Klassische Musik kenne sie wegen ihres Vaters, der in seiner Freizeit Cello spiele. Die musikalischen Gene aber habe sie nicht geerbt.

In jenem Augenblick hatte er einen für ihn eher untypischen Geistesblitz. Er entschuldigte sich, dass er das Telefonat erneut beenden müsse, wieder wegen einer Probe. Er wisse, dass sie die Befragung bis zum nächsten Tag abgeschlossen haben müsse, sagte er und schlug vor, sich nach der Probe auf einen Kaffee zu treffen und das Ganze »wie es sich gehört« über die Bühne zu bringen.

Zu seiner Freude willigte sie ein. Das war ein hervorragendes Arrangement. Sollte das Treffen wenig erfolgreich verlaufen oder er herausfinden, dass die bezaubernde Stimme zu einer weit weniger bezaubernden Person gehörte, wäre kein Schaden entstanden. Es wäre bloß ein Arbeitstreffen, genau was es sein sollte. Aber falls die Stimme zu einer netten jungen Dame gehörte, wie er sie sich vorstellte, könnte es interessant werden.

Als er in dem Café eintraf, wartete sie bereits auf ihn. Sie stand auf und winkte ihm mit einem Lächeln zu, erkannte ihn von dem Foto, das sie mit ihren Unterlagen bekommen hatte. Sie gefiel ihm sofort. Knabenhafter Körper, braune, ein wenig schräg stehende Augen, die ihn faszinierten, und ein verbindlicher Händedruck. Vom ersten Augenblick an strahlte sie angenehme Selbstsicherheit aus.

Die Tatsache, dass sie ihre erste Stunde zusammen mit einer Unterhaltung über ihn und seine berufliche Welt verbrachten, ermutigte ihn sogar noch mehr. Sie stellte intelligente Fragen und er ließ sich von seinen Geschichten mitreißen, bis er für Augenblicke sogar vergaß, dass sie nur ihre Arbeit machte.

Als er das Gefühl hatte, ihr Gespräch neigte sich allmählich dem Ende zu, lenkte er die Unterhaltung auf sie. Der Cello spielende Vater war ein guter Vorwand. Wo hatte er spielen gelernt? Warum war er nicht Berufsmusiker geworden? Sie erzählte von ihrem Vater, der Ingenieur war, und über ihre Mutter, die als Psychologin arbeitete. Über die Ausbildung zur Cutterin, die sie bald beenden würde, und über die Wohnung im Süden der Stadt bei einer langjährigen Freundin ihrer Großmutter, einer alten Frau, die allein lebte. Im Grunde genommen, erklärte sie, kümmere sie sich als Gegenleistung für die Unterkunft ein wenig um die alte Dame. Ein paar Minuten später, als die Kellnerin die leeren Kaffeebecher abräumte, bestellte er ein Glas Rotwein und schlug Chagit auch eines vor. Sie willigte ein.

Chagit ließ sich am Küchentisch nieder und goss sich aus der Weinflasche ein.

»Und, wie war’s?«

»Autopilot«, sagte er. »Das ist einfach Mist, so zu kommen und zu spielen, das verdirbt einen. Aber diesmal hatte ich wirklich keine Wahl. Ich wollte es mir mit dem Beamten vom Kulturministerium nicht verderben.«

»Nein, das ist keine gute Zeit, es sich mit den Herren vom Amt zu verscherzen. Uns haben sie auch so einen Neuen ins Haus geschickt …«

»Am Ende habe ich beschlossen, Satie zu spielen. Ich dachte, das würde leichter zu verdauen sein. Der Flügel dort war grausam, und ich wollte Chopin darauf nicht massakrieren …« Plötzlich hielt er inne. »Wen, hast du gesagt, haben sie euch ins Haus geschickt?«

»Wie hat Jochanan ihn bezeichnet? Ein Themenberater. Ein Themenkontrolleur, genau genommen. Ich glaube, er ist von der Militärzensur.«

»Was ist dann Neues dabei? Ihr musstet doch bis jetzt auch alle sicherheitsrelevanten Themen durch die Armeezensur bringen, oder?«

»Das ist etwas vollkommen anderes. Ihm muss alles vorgelegt werden. Wirtschaft, Auslandsnachrichten, selbst Klatschreportagen über Fotomodelle. Ja, sogar Sport. Daniel hat mir gesagt, wegen der Lage habe alles, was ausgestrahlt wird, Einfluss auf die Moral der Zuschauer. Und die Moral des israelischen Volkes ist, offenkundig, eine sicherheitsrelevante Angelegenheit.«

»Nicht zu glauben, wie weit es mit diesem Staat gekommen ist.« Er goss sich noch etwas Wein nach.

»Du klingst wie meine Mutter.«

Er grinste. »Nein, wirklich, man muss hier weg. Ich warte auf eine Mail von Paolo. Er hat mir geschrieben, er wird versuchen, bezüglich der Tournee im April ein offizielles Ersuchen über die Botschaft einzureichen. Und er will versuchen, sich an den Zuständigen für kulturelle Kontakte im Außenministerium zu wenden, vielleicht hilft das. Bei dem ganzen Chaos, das zurzeit herrscht, ist er noch dabei zu verstehen, an wen man so ein Ersuchen überhaupt richten muss. Sag mal, hast du diesen Themenkontrolleur schon getroffen?«

»Eine Sekunde nur. Hi, hallo in der Kaffeeecke. Er wirkt eigentlich ganz nett. Hat sich einen Tee gemacht wie ein echter Beamter. So ein rundlicher. Hat sogar Glatze mit Überbleibseln an den Seiten.«

»Klingt übel.«

»Warum? Glaub mir, ich kenne viele Mistkerle mit komplett rasierter Glatze.«

Sie nahmen beide einen Schluck Wein und betrachteten den Wipfel der Zypresse, der im Fenster seicht hin und her schwang.

»Hast du mir noch etwas zu erzählen?«

»Woher weißt du das?«

Sie lächelte. »Rück endlich raus damit.«

»Am Saalausgang hat mich ein sonderbares Paar abgepasst.«

Sie horchte auf. Die unmerkliche Veränderung seiner Stimmlage signalisierte ihr eine Angstschicht, die unter dem letzten Satz waberte.

»Was für ein Paar denn?«

»Ich weiß nicht. So ältere Leute. Schienen mir gut betucht zu sein. Aber solche, die was von Musik verstehen. Zumindest der Mann. Er hat gemerkt, welches Stück von Satie ich weggelassen habe. Ich hatte richtig das Gefühl, er rügt mich deshalb.«

»Haben sie etwas von dir gewollt?«

»Nein. Du weißt schon, mir erzählen, wie sehr sie es genossen haben. Aber das war sehr sonderbar. Ich hatte so ein Gefühl, als wollten sie mich prüfen. Schlimmer noch, ich habe gespürt, dass sie genau wissen, was ich sagen würde.«

Sie setzte ihre Füße auf die Stuhlkante und stützte den Kopf auf die Knie.

»Du hast ihnen irgendetwas gesagt, dass du hinterher bereut hast.« Das war keine Frage.

»Wie kannst du das wissen?«

»Ich kenne dich eben. Was war es?«

Er zögerte einen Moment. »Bevor sie gegangen sind, hat der Mann gemeint, er wünsche mir, ich würde Chopin noch an anderen, schöneren Orten spielen. Und mir ist rausgerutscht, das sei in Planung, aber dass es schwer sei, zurzeit außer Landes zu kommen. Ich weiß auch nicht, warum ich das gesagt habe.«

An ihrem Gesichtsausdruck konnte er ablesen, dass er einen Fehler gemacht hatte. Sie seufzte. »Jojo, ich weiß, es fällt dir schwer das zu verstehen, aber die Welt ist nicht nur bevölkert von deinen Bewunderern. Was, wenn er die Absicht hatte, dir eine unbedachte Äußerung zu entlocken?« Sie hielt kurz inne. »Vielleicht ist das genau wie bei mir? Vielleicht ist er so ein Themenkontrolleur für Pianisten? Vielleicht sieben sie euch jetzt durch, erstellen Listen von Schielern?«

Die Bezeichnung »Schieler« war in letzter Zeit gang und gäbe geworden. Ein namhafter Publizist hatte sie geprägt für illoyale Bürger, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit versuchten, außer Landes zu flüchten. »Menschen, die alles unternehmen würden, um uns ausgerechnet in dieser unserer schwersten Stunde im Stich zu lassen, schielen unentwegt nach draußen.« Der Ausdruck hatte eingeschlagen. Bald waren die Internetforen voll von Anschuldigungen über »Schielen«, »schweres Schielen« und »unheilbares Schielen«.

Der blinde Fleck war erhellt. Und das machte Angst.

»Denkst du, er ist so was in der Art?« Er geriet richtig in Panik.

»Ich weiß nicht. Sicher ist gar nichts. Aber du musst in deinen Kopf rein bekommen, dass man zurzeit vorsichtig sein sollte. Nimm von Fremden keine Süßigkeiten an, Jojo.«

»Er hat mir tatsächlich etwas gegeben«, fiel Joav ein. Er wühlte in seiner Tasche und fischte die Visitenkarte heraus. »Er hat gemeint, vielleicht kann er mir helfen.«

Sie nahm ihm die Karte aus der Hand, betrachtete sie einen Augenblick, sprang dann auf und eilte zum Computer.

Joav blieb erstarrt auf seinem Stuhl sitzen. Nach einer Weile kam sie zurück.

»Okay, ich habe ihn gegoogelt. Aber so gut wie nichts über einen Usi Segal gefunden. Sag mal, kann es sein, dass er in der Reedereibranche ist? Das ist das Einzige, was es hier gibt. Andererseits, wer weiß? Es gibt ja Gerüchte, dass sie sich auch schon das Internet vorgenommen haben.«

3

OBERINSPEKTOR ITZIK LEVI saß einer alten, überspannten Lyrikerin gegenüber, die ihm lang und breit die letzten Tage der Weimarer Republik schilderte. Ungeachtet aller vehementen Dementis des Vizekommandanten spürte er es deutlich – man begrub ihn bei lebendigem Leibe.

Das war das zweite Mal in diesem Jahr, dass sie ihn beerdigten. Beim ersten Mal hatten sie ihn aus der landesweiten Ermittlungseinheit für Betrugsfälle geworfen. Hatten es mit Verstößen gegen Dienstvorschriften begründet, aber er kannte die Wahrheit. In einem der Fälle, in denen er ermittelt hatte, war er drauf und dran gewesen, die krummen Geschäfte eines langjährigen Knessetabgeordneten aufzudecken, hatte gewühlt und zu viel Dreck aufgewirbelt. Der Mann war aber, wie ihm zu spät aufging, bestens mit der Polizeispitze vernetzt. Hatte seine Leute, die dafür sorgten, dass Oberinspektor Levi aus der Einheit flog und wieder bei den Routineermittlungen auf dem Revier landete. Wobei er noch Glück gehabt hatte, dass man ihn nicht gleich ganz aus dem Polizeidienst entließ. Die Ironie war, dass jetzt, nach dem Krieg und den Veränderungen im Machtgefüge, der Mann zusammen mit dem Oberbefehlshaber der Polizeikräfte, der ihn geschützt hatte, abgesetzt worden war und seinen politischen Einfluss verloren hatte. Vielleicht würde er sogar noch den Weg hinter Gitter finden. Aber für Itzik Levi kam das alles zu spät. Man hatte ihn auf dem kleinen Revier im Zentrum von Tel Aviv vergessen. Vielleicht hatten sie ihn aber auch nicht vergessen, vielleicht gab es immer noch jemanden, der sich weiter die Mühe machte, ihn zu peinigen.

Denn jetzt hatten sie ihm sogar die eigentliche Ermittlungsarbeit genommen und ihm dafür eine kurzfristige Aufgabe aufgebürdet, die in seinen Augen überhaupt nicht in den Zuständigkeitsbereich der Polizei fiel. Man hatte ihn zu demjenigen Polizeioffizier gemacht, der innerhalb des Distrikts zuständig sein sollte für Ermittlungen »zur Verhinderung umstürzlerischer Umtriebe und der Beschädigung von Werten des Staates und seiner Symbole«. Irgendjemand von oben, sicher irgendein Politiker, hatte sich diesen Blödsinn ausgedacht, und gelandet war die Sache bei ihm. Hinter der monströsen Bezeichnung stand im Wesentlichen eine ermüdende Serie von Befragungen linker Künstler, die meisten von ihnen Greise, und die Dokumentation ihrer Antworten in einer Akte, die schon bald irgendwo vor sich hin stauben würde.

Der Vizekommandant hatte versucht, ihn zu überzeugen, es sei von einer Beförderung die Rede; dass man ihn, gerade weil man ihn schätze, mit dieser Aufgabe betraut habe; dass dies eine Gelegenheit sei, zurück ins Geschäft zu kommen; dass die Sache im Augenblick zwar noch abwegig wirke, aber den Beginn eines Pilotprojektes darstelle, das in mehreren Distrikten parallel anlaufe, wobei, naturgemäß, Tel Aviv der wichtigste sei. Das könne sich in Zukunft absolut entwickeln, hatte der Vizekommandant erklärt, vielleicht sogar zu einer landesweiten Ermittlungseinheit, wer weiß? Auf jeden Fall sei, wie er klarstellte, die Anweisung, diese Aufgabe von nationaler Tragweite ausgerechnet ihm zu übertragen, von ganz weit oben gekommen. Diese Angelegenheit, so sei ihm angedeutet worden, werde sich ausweiten, und es gäbe Leute, die seine Vorgehensweise aus nächster Nähe verfolgten.

Fürs Erste war ihm für diese »Aufgabe von nationaler Tragweite« noch nicht einmal ein neues Zimmer zugeteilt worden. Er hockte noch immer in diesem vollgestopften Eckkämmerchen, das er bei sich »das Grab« nannte. Aber schon bald, hatte man ihm gesagt, würde er zwei Polizisten unterstellt bekommen, die ihn unterstützen sollten.

»Wenn Sie in dieser Sache Erfolg haben, glauben Sie mir, dann steht Ihrem Weg zurück nach oben nichts mehr im Wege«, hatte Vizekommandant Weinstein zu ihm gesagt. »Sie begreifen überhaupt nicht, wie glücklich Sie sich schätzen sollten, dass man ausgerechnet Sie ausgeguckt hat, das Ganze einzustielen.«

Doch Oberinspektor Itzik Levi tat sich schwer, dem rosigen Bild Glauben zu schenken, das der Vizekommandant zu zeichnen versuchte. Seit seinem Rauswurf bei der Landesermittlungsgruppe Betrugsverbrechen hatte er das Vertrauen in seine Vorgesetzen verloren, und Vizekommandant Weinstein mochte ihn nicht einmal. Er war zu begabt und zu helle. Der Vizekommandant mochte Leute dieser Art in seiner näheren Umgebung nicht.

»Das sieht mir einfach nicht nach Polizeiarbeit aus«, hatte der Oberinspektor versucht, Einwände geltend zu machen. »Warum wird der Schabbak nicht damit betraut? Die haben doch schließlich als Inlandsgeheimdienst die Kenntnisse, beschäftigen sich traditionell mit so was. Sagen Sie mal, ist das überhaupt legal, diese Stelle? Hat jemand sich die Mühe gemacht, das zu überprüfen?«

»Das ist nicht nur legal«, hatte der Vizekommandant erwidert. »Die haben extra einen Paragrafen in die Notstandsverordnungen aufgenommen, um genau diese Art von polizeilicher Arbeit zu ermöglichen. Kriegen Sie das endlich in Ihren Schädel – jetzt entscheiden die, was legal ist und was nicht. Nicht der Oberste Gerichtshof oder sonst irgendjemand. Mag sein, das ist ein bescheidener Anfang, aber ich weiß, dass sie dem beim ÜOK Bedeutung beimessen. Man fängt an mit einem Experiment im Kleinen, aber der Planung nach soll etwas Großes daraus werden. Meiner Ansicht nach ist das sogar klug, es so zu machen. Es sorgfältig aufzubauen, von unten nach oben. Wie auch immer, die wollen nicht, dass das Ganze eine Aura von Geheimhaltung bekommt, wie wenn sich der Schabbak darum kümmern würde. Im Gegenteil, es soll möglichst behördlich und offiziell sein. Das ist eine wichtige und erzieherische Aufgabe für den Staat, auf die man stolz sein sollte. Die wollen, dass die Schieler und Verräter sich schämen. Dass sie sich verkriechen. Und keinen, der versucht, sie in Schutz zu nehmen. Daher ist das eine Aufgabe für die Polizei. Hier ist nicht von Geheimdienstarbeit oder Ähnlichem die Rede.«

Das genau war aus Oberinspektor Levis Sicht das Problem. Er verstand nicht, welche Vergehen er aufdecken sollte. Doch hatte er das Gefühl, dass auch der Vizekommandant keine wirkliche Vorstellung hatte, weshalb er auf die Frage verzichtete und nur abschließend bemerkte: »Sie wissen, dass ich nicht dafür zur Polizei gekommen bin.«

Eine Bemerkung, die der Vizekommandant ebenfalls nicht mochte. »Gut, Levi, ich habe Ihre Einstellung satt. Keinen Pieps mehr will ich von Ihnen hören. Sie machen das und Schluss.«

Und jetzt machte der Oberinspektor das. Er saß der verrückten Dichterin gegenüber und ließ einen Bleistift durch die Finger wandern. Insgeheim gab er seinen Jugendsünden die Schuld. Ein Jahr auf der Schauspielschule von Nissan Nativ und noch mal drei Jahre an der Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Tel Aviv hatten ihn in den Augen irgendeines hohen Tiers, das sich seine Personalakte angesehen hatte, zum Experten für Künstler und Linke gemacht. Nur dass der junge Mann, der einen Bachelor in Literaturwissenschaften gemacht und vom Theater geträumt hatte, jemand war, der sich schon vor Langem aufgelöst hatte. Zwar war die Idee, zur Polizei zu gehen, irgendwann während des Studiums, nachdem er Simenon gelesen hatte, in seinem Gehirn aufgeblitzt, aber Simenons Oberinspektor Maigret hatte niemals dasitzen und sich solchen Blödsinn anhören müssen.

Er legte die Listen der Leute, die zu Hintergrund- oder Klärungsgesprächen einbestellt wurden, nicht selbst fest. Er bekam sie vom Vizekommandanten, und der bekam sie von weiß der Teufel wem. Fürs Erste war das die Arbeit. Er war nicht gebeten worden, irgendjemanden festzunehmen, sondern nur eine Akte anzulegen, ein bisschen in diesen verängstigten Seelen zu graben. Da war nichts zu machen. Seine schöngeistige Vergangenheit verfolgte ihn. Doch siehe da, ungeachtet aller Abscheu gegenüber der Tätigkeit war er nach einiger Zeit gezwungen, sich selbst einzugestehen, dass ein Teil der Begegnungen, die ihm dieser sonderbare Job bescherte, nicht völlig uninteressant war. Es gab sogar einige bewegende Augenblicke.

Eines Tages tauchte auf der Liste der Name eines Schauspielers auf, den er in seiner Jugend verehrt hatte. Der Mann hatte allem Anschein nach aus Engagement und unentgeltlich bei zu vielen fragwürdigen Auftritten mitgewirkt. Oberinspektor Levi war ein bisschen aufgeregt, als der Mime mit seiner weißen Mähne zögernd das kleine Büro betrat, und konnte sich nur mit Mühe davon abhalten, irgendeine Floskel über die sonderbaren Umstände ihres Zusammentreffens oder wenigstens eine kleine Ehrfurchtsbekundung wie »ich bin mit Ihnen groß geworden« loszuwerden. Er hielt sich an seine Papiere und Standardfragen, bemühte sich aber trotzdem, das Ganze in sanfterem Ton als gewöhnlich über die Bühne zu bringen. »Würden Sie sich selbst als Zionisten definieren?« »Haben Sie Kontakt zu Nichtjuden?« »Haben Sie im letzten Jahr an irgendeiner Protestaktion teilgenommen?« »Und in den letzten fünf Jahren?«

Er hatte eine feste Vorgehensweise: Zunächst die offiziellen Fragen, die man ihm diktiert hatte, und wenn die abgearbeitet waren, noch ein kurzes, weniger förmliches Gespräch nach eigenem Ermessen. Und am Ende schrieb er seinen Bericht.

Obgleich er sich alle Mühe gab, behutsam vorzugehen, zitterte der ältliche Schauspieler vor Angst. Die meisten waren so, zu Tode verängstigt. Und die meisten hatten in ihrem Leben noch nie ein Verhörzimmer von innen gesehen. Er hatte bereits eine goldene Regel formuliert – je weniger eingeschüchtert der Mensch vor ihm wirkte, umso mehr Anlass bestand, ihn gründlich zu vernehmen und im Zweifelsfall sogar eine weitere Observierung anzuordnen. Aber das kam selten vor. Zumeist waren sie wie dieser Schauspieler, versuchten in seinen Augen zu lesen, was die richtige Antwort war, was er hören wollte. Bei der ersten Frage war das leicht. Noch nie hatte er so bewegte Liebeserklärungen an die zionistische Idee gehört wie zu Beginn dieser Gespräche. Sie ergingen sich in begeisterten Erklärungen, in der herzergreifenden Hoffnung, sich so einen Versicherungsschein auszustellen. Erzählten ihm Geschichten von ihren Tagen im Kibbuz, in der Armee, von pausenlosen unentgeltlichen Auftritten im Dienst für das Vaterland. Bei den folgenden Fragen fingen sie schon an durcheinanderzugeraten. Gestanden verschreckt murmelnd alle möglichen Demonstrationen und Ereignisse, an denen sie teilgenommen hatten, suchten wie Pennäler nach Entschuldigungen. Wegen der Frauen waren sie dort gewesen, es gab so schöne Frauen bei den Linken. Sie hatten sich mitschleppen lassen. Waren an jenem Abend betrunken gewesen, erinnerten sich an gar nichts mehr. Sie waren rein zufällig dorthin geraten, oder man hatte sie unter falschem Vorwand hingelockt.

Sie gestanden ihm, süchtig nach dem Publikum zu sein, sprachen von ihren verlöschenden Karrieren, von der Gelegenheit, die solche Ereignisse boten, noch einmal, für einen Moment nur auf einer Bühne zu stehen. Ja, dieses Der-Bühne-verfallen-Sein war schuld an allem, jämmerliche Junkies.

Es gab auch andere, wenige, die mit sicherem Schritt ins Zimmer kamen und ihn mit unverhohlener Verachtung ansahen. Die seine Fragen kühl und knapp beantworteten. Nicht kooperierten. Ihm erklärten, es gehe ihn nichts an, wie sie sich selbst definierten, oder ob sie sich als Zionisten betrachteten. Sie ließen ihn wissen, die Arbeit, der er nachgehe, sei schändlich und nicht im Mindesten polizeilich (er verzog keine Miene, wenn sie so etwas sagten), dass er Teil eines Apparates sei, der jegliche moralische Berechtigung verloren habe, und dass der Tag nicht fern sei, an dem er auf der anderen Seite dieses Tisches und echte Polizisten auf der seinen sitzen würden.

Er vermied die Konfrontation mit ihnen, hielt ihnen keine Moralpredigten. Ihre Äußerungen notierte er wie das Protokoll eines Verkehrsunfalls. Sicher, in gewissem Maße schätzte er sie für ihren Mut, betrachtete sie aber dennoch als Dummköpfe. Menschen, die sich aus Gewissensgründen mit Politik befassten, waren in seinen Augen Narren. Man nutzte sie im Namen hehrer Ideale aus, und sie merkten es noch nicht einmal. Seine Auffassung war, dass ein Mensch sich mit dem beschäftigen sollte, worin er gut ist, wonach seine Natur strebt, und sich dem ganz und gar widmen. Schauspieler sollten spielen, Sänger singen, und ja, das musste er insgeheim einräumen, Ermittler sollten mit Kriminalfällen befasst sein und nicht mit solchem Unsinn.

Dennoch erledigte er seine Arbeit streng nach Vorschrift. Seine Berichte waren klar und geordnet. Auch wenn sie jene betrafen, die ihn beschimpft hatten.

Einen Fall hatte es indes gegeben, bei dem er ein wenig von seiner üblichen Marschroute abgewichen war. Das war, als ein Literaturprofessor, den er an der Universität gehabt hatte, in sein Zimmer gekommen war. Er erinnerte sich noch gut an den alten Mann, ein abstoßender Mensch, der nicht nur Studenten schikaniert, sondern überdies seine Stellung schamlos ausgenutzt hatte, um den Versuch zu unternehmen, junge Studentinnen in sein Bett zu lotsen. Der Professor hingegen hatte natürlich keinerlei Erinnerung mehr an ihn.

Bei seiner Vernehmung hatte der betagte Gelehrte eine Doppelstrategie gewählt – etwas, was Oberinspektor Levi verabscheute. Zum einen hatte er versucht, Haltung zu bewahren und dem Oberinspektor den fundamentalen Fehler und die Abweichung von allen demokratischen Normen zu erläutern, die seiner Funktion innewohnten, um gleichzeitig die Bedeutung der eigenen politischen Handlungen und Aktivitäten nach Kräften herunterzuspielen. Als der Herr Professor versuchte, von der abgedroschenen Phrase der »schönen Frauen bei den Linken« Gebrauch zu machen, verlor Oberinspektor Levi zum ersten Mal etwas von seiner bekannten Selbstbeherrschung. Er kam von seinem Stuhl hoch, brachte sein Gesicht ganz nah an das des Professors und erklärte ihm, er ertrage faule Witze dieser Art nicht. Einmal in Schwung eröffnete er dem Professor, er stehe schon seit geraumer Zeit unter Beobachtung, zumal die Verdachtsmomente gegen ihn zu den gravierendsten gehörten, mit denen er es bisher zu tun bekommen habe, und dass Sexualstraftäter in den Gefängnissen nicht gern gesehen seien, insbesondere, wenn sie dort wegen schweren Schielens und umstürzlerischer Umtriebe landeten, die an Hochverrat grenzten. Er verspürte große Lust, die Befragung noch weiter fortzusetzen, da er sah, wie der Professor vor seinen Augen zu einem Häufchen verstörten Gestammels zusammenfiel, und als er ihn schließlich rauswarf, hatte er einen kleinen Urinfleck vorne an der dunklen Anzughose bemerkt.

In diesem Fall war er wirklich ein wenig von der Norm abgewichen. Aber nur ein wenig.

4

JOAV HASSTE DIE FAHRTEN AUF DIESER LINIE. Jahre hatte er im Bus nach Tel Aviv und zurück verbracht. Dabei hatte er als Kind die Strecke gemocht, hatten die Fahrten Zeit zum Ausruhen und für Tagträumereien geboten. Jetzt aber fühlte er sich falsch unter all den Soldaten, den alten Leuten, Russen und Äthiopiern, die den Bus füllten. Die Fahrten weckten bei ihm eine stärkeres Gefühl persönlicher Niederlage als jede Absage, die er von einem Orchester bekam, oder sämtliche ermüdenden Privatstunden, die er talentfreien Kindern gab. Denn hier saß er nun, ein Mann von dreiunddreißig Jahren, an den schwabbeligen Oberschenkel einer jungen Unteroffizierin von der Erziehungskompanie gedrängt, während er sich der Planung nach bereits auf einem Platz in der Businessklasse rekeln sollte, auf dem Weg zum nächsten Konzert in Berlin oder New York.

Seine Mutter hatte ihn einbestellt. In den letzten Jahren war der Kontakt zwischen ihnen loser geworden, aber alle paar Wochen pflegte seine Mutter sich einen Vorwand auszudenken, der sein sofortiges Erscheinen erforderlich machte. Widerstand war zwecklos. Wäre er der Aufforderung nicht nachgekommen, hätte sie ihm mit wachsender Frequenz und Nachdrücklichkeit am Telefon zugesetzt, bis er kapituliert und den nächsten Bus genommen hätte. Diesen Abnutzungskrieg ersparte er sich lieber.

Diesmal dienten ein paar Bücher und Notenhefte aus seiner Kinderzeit als Vorwand. Seine Mutter hatte beschlossen, das Arbeitszimmer neu zu gestalten, und der Raum, der jahrelang nur ihm geweiht gewesen war, erlebte stürmische Zeiten. Sie wollte wieder malen, wollte die Begabung entfalten, die sie die meiste Zeit ihres Lebens unterdrückt hatte, um ihrem Sohn »die besten Bedingungen für seine Entwicklung« zu ermöglichen. Auch wollte sie Michael, ihrem neuen Freund, ein untersetzter Gnom, der mit Tröpfchenbewässerungssystemen oder so etwas in der Art handelte, eine Computerecke einrichten, damit er von dort aus seine Tröpfchenbewässerungsgeschäfte verfolgen konnte. »Ich habe keinen Zentimeter Platz. Ich kann einfach nicht länger deine Abstellkammer sein. Also, ich bitte dich, komm und nimm all diese Sachen mit. Oder wirf sie weg. Mach damit, was du willst.«