Die Hauptstadt-Braut - Cynthia Woolf - E-Book
Beschreibung

Unerwartet obdachlos, hat die ledige Mutter Sarah Johnson nur wenige Möglichkeiten. Sie könnte mit ihrem Kind bei ihrem Cousin William leben, aber Sarah glaubt, dass etwas Unerfreuliches mit seinem Angebot verbunden ist, was sie sich unbehaglich fühlen lässt. Sie ist eine ausgezeichnete Gouvernante, aber niemand will sie anstellen, weil sie nicht verheiratet war, als sie ihre kostbare MaryAnn bekommen hat. Es könnte ihre Rettung sein, bei Matchmaker & Co. als Katalogbraut für Mr. John Atwood ausgewählt zu werden. Der alleinerziehende Vater, John Atwood, zieht seine Tochter so gut er kann in der Wildnis des Colorado-Territoriums auf, aber er weiß, dass er Hilfe braucht. Keine Frau, die er kennt, will die Erziehung seiner Tochter übernehmen, die nicht mehr gesprochen hat, seit sie mit ansehen musste, wie ihre Mutter bei einem Banküberfall brutal ermordet wurde. Können Sarah, John und ihre beiden Töchter ihre Vergangenheit überwinden und gemeinsam glücklich werden?

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Seitenzahl:208

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Die Hauptstadt-Braut

Matchmaker & Co.

Buch 1

Cynthia Woolf

DIE HAUPTSTADT-BRAUT

Copyright © 2012 by Cynthia Woolf. Alle Rechte vorbehalten.

Copyright der deutschen Ausgabe 2018: Cynthia Woolf

Deutsche Übersetzung: Anna Grossmann

Digital Edition veröffentlicht von Cynthia Woolf ISBN: 978-1-938887-13-0

Herausgeber der deutschen Ausgabe: Firehouse Publishing ISBN: 978-1-947075-74-0

Dieses E-Book ist nur für Ihren persönlichen Gebrauch lizenziert und darf nicht weiterverkauft oder an andere Personen weitergegeben werden. Das Scannen, Hochladen und Verteilen dieses Buches über das Internet oder auf andere Weise ohne die Erlaubnis des Herausgebers ist illegal und strafbar. Bitte kaufen Sie nur autorisierte elektronische Ausgaben und beteiligen Sie sich nicht an der elektronischen Piraterie von urheberrechtlich geschütztem Material. Wir freuen uns über Ihre Unterstützung der Autorenrechte.

Die Hauptstadt-Braut ist ein fiktives Werk. Namen, Charaktere, Orte, Marken, Medien und Ereignisse sind entweder das Produkt der Phantasie des Autors oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, lebenden oder toten, Ereignissen oder Schauplätzen, ist völlig zufällig.

INHALTSVERZEICHNIS

DIE HAUPTSTADT-BRAUT

Copyright

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Über Die Autorin

Weitere Verfügbare Titel

Auszug aus ZWERG IM ANGEBOT

Auszug aus MÖRDERISCHE GEHEIMNISSE

Auszug aus ROTE NACHT

Auszug aus WÄHREND DU TOT WARST

WIDMUNG

Für Jim, meinen Mann, meinen besten Freund, meinen Liebhaber und meinen Fels. Ich liebe dich, mein Schatz.

Ich möchte auch meinen Kollegen danken, ohne die dieses Buch nie fertig geworden wäre. Danke − Michele Callahan, CJ Snyder, Karen Docter, Jennifer Zane und Kally Jo Surbeck.

KAPITEL 1

New York City

10. April 1867

Auf der anderen Seite der Tür befand sich ihr letzter Ausweg. Entweder das oder Prostitution − und Prostitution war keine Option. In diesem Milieu konnte sie MaryAnn nicht großziehen und, um die Wahrheit zu sagen, sie konnte sich auch nicht dazu herablassen, so zu leben. Zumindest auf diese Weise würde es eine gewisse Stabilität im Leben ihres kleinen Mädchens geben.

Sarah holte tief Luft, drehte den Knopf und ging durch die Tür in eine bessere Zukunft für ihre Tochter und, wenn sie Glück hatte, für sich selbst.

Das Büro war klein und überschaubar. Ein einzelner Schreibtisch mit geraden, hohen Holzstühlen, einer davor und einer dahinter, befand sich in der Mitte des Raumes. Beim Hereinkommen hatte sie bemerkt, dass die geblümten Vorhänge offen waren, an den Seiten festgebunden. Der kleine Bereich wurde mit gleißendem Nachmittagslicht überflutet. Die Wände waren gekalkt und der Schreibtisch gut organisiert. Es gab mehrere Tische mit ordentlichen Aktenstapeln an einer Wand. Die andere Wand enthielt mehrere Reihen mit Fotografien von Frauen und Männern. Wie üblich auf offiziellen Aufnahmen war kein Lächeln zu sehen, aber alle schienen Hochzeitsfotos zu sein. Unter jedem Bild war ein kleines Messingschild mit den Namen der Braut und des Bräutigams und dem Datum der Hochzeit.

Eine kleine Frau in den späten Dreißigern mit feuerroten Haaren saß hinter dem Schreibtisch. Als Sarah näher kam, sah sie wunderschöne dunkelblaue Augen hinter der Draht-umrandeten Brille am Ende ihrer Nase. Ihre Augen waren so dunkel und blau, dass man sie fast als violett hätte bezeichnen können. Sie waren auffallend und klar und strahlten Ehrlichkeit zusammen mit einer ›kein-Unsinn-Einstellung‹ aus.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte die Frau.

»Ähm. Ja. Mein Name ist Sarah Johnson. Ich habe Ihre Anzeige für Katalogbräute gesehen.«

Die Frau musterte Sarah, betrachte ihre Kleidung, die umklammerten Hände vor ihrem Körper und endete bei ihrem Gesicht.

»Zuerst möchte ich mich vorstellen. Ich bin Margaret Selby und ich bin die Eigentümerin von Matchmaker & Co. Bitte setzen Sie sich. Sie sind älter als die Frauen, die wir normalerweise haben. Sie sind auch besser gekleidet und scheinen nicht am Verhungern zu sein. Was würde jemanden wie Sie zu mir führen?«

»Ich habe bei meiner Großtante gelebt. Sie starb plötzlich vor zwei Wochen und der Anwalt sagte mir, dass ich mir eine andere Unterkunft suchen muss. Mein Cousin William hat alles geerbt, bis auf ein bisschen Unterhalt, das sie mir hinterlassen hat. William will alles verkaufen. MaryAnn und ich können nirgendwo anders hin.«

»MaryAnn?«

»Meine Tochter.«

»Sie sind also verwitwet?«

Jetzt war nicht die Zeit, weniger als ehrlich zu sein, wenn sie die Hilfe dieser Frau wollte. »Nein.«

»Ich verstehe. Wie alt sind Sie, Miss Johnson?«

»Ich bin achtundzwanzig.«

»Und Ihre Tochter?«

»MaryAnn ist fünf.«

»Miss Johnson, wie kamen Sie dazu, mit 23 Jahren ein Kind zu bekommen, ohne verheiratet zu sein? In diesem Alter wussten Sie sicher, wie diese Dinge vor sich gehen.«

»Mein Verlobter wurde in Bull Run getötet.«

»Ich verstehe. Viele gute Männer wurden dort und während des Krieges getötet.«

»Ja, das wurden sie. Lee und ich wollten heiraten, bevor er fortging. Er hatte noch zwei Wochen, bevor er eingezogen werden sollte. Er war sich sicher, dass der Krieg nicht so lange dauern würde«, schniefte sie und schnaubte sich die Nase in ihr Taschentuch. »Sie beriefen ihn früher ein und dann wurde er getötet.«

»Kein Grund, ins Detail zu gehen, Miss Johnson. Kommen wir zur Sache, ja?«

Sarah setzte sich aufrecht auf den Stuhl. »Ja, natürlich.«

Sie war jetzt nervöser als vor sechs Jahren vor Tante Gertruds Haustür, schwanger und unverheiratet. Sie hatten geplant, die Geschichte zu verbreiten, dass Lee ihr Ehemann gewesen war, aber einer der Diener hatte sie belauscht und die Information an andere Bedienstete weitergegeben, von denen einige in den Häusern der Freunde ihrer Tante arbeiteten.

Tante Gertrude nahm es mit Leichtigkeit. Sie hatte es tatsächlich viel besser verkraftet als Sarah. Sie hatte tagelang geweint, bis Gertrude sie schüttelte und ihr befahl, sich zusammenzureißen und aufzuhören, sich selbst zu bemitleiden. Also bekam sie ihre schöne MaryAnn und zog sie mithilfe von Tante Gertrude auf. Sie würde sie aus so vielen Gründen vermissen.

»Miss Johnson? Miss Johnson.« Margaret schnippte mit den Fingern und brachte Sarah aus ihren Erinnerungen zurück.

»Ja, Miss Selby. Es tut mir leid.«

»Mrs. Selby. Jetzt passen Sie bitte auf. Ich habe mehrere Kandidaten, die für Sie geeignet sein könnten. Zwei Farmer in Kansas und ein Rancher im Colorado-Territorium.«

»Haben Sie eine Empfehlung?«

»Nun, keiner der Farmer hat Kinder, obwohl sie nicht abgeneigt sind, eine Frau mit Kindern in Betracht zu ziehen. Es wäre schrecklich einsam für Ihre MaryAnn mit nur Ihnen und ihrem neuen Stiefvater als Gesellschaft. Der Rancher hingegen hat auch eine Tochter, die, glaube ich, sieben Jahre alt ist. Sie könnten sich gegenseitig beschäftigen, während Sie sich um die Arbeit kümmern, die Sie erledigen müssen. Können Sie kochen?«

»Ja. Unsere Köchin hat mir die Grundlagen beigebracht. Wenn ich ein Rezept habe, kann ich es befolgen.«

»Dann schlage ich vor, dass Sie alle Rezepte Ihrer Köchin aufschreiben. Sie werden sie brauchen, egal für welchen Mann Sie sich entscheiden.«

»Ich habe bereits die, die ich mag. Ich hatte gehofft, sie eines Tages in einem Buch zusammenzufassen. Diese Männer, von denen Sie sprechen, wie alt sind sie?«

»Raymond Jacobsen, der eine Farmer aus Kansas, ist 32 Jahre alt. Robert Kline, der ebenfalls Farmer in Kansas ist, ist neunundzwanzig, und der letzte ist John Atwood, ein Viehzüchter im Colorado-Territorium. Er ist Witwer, 37 Jahre alt und hat eine Tochter, die sieben Jahre alt ist. Ich denke, er wäre die beste Wahl für Sie.«

»Haben Sie diese Männer überprüft?«

»Natürlich. Ich bin sehr gründlich, Miss Johnson. Ich habe einen Mitarbeiter, der für mich reist und ausführlich mit jedem unserer Junggesellen spricht. Wir haben keine Rüpel oder andere anrüchige Typen bei dieser Agentur. Seien Sie unbesorgt.«

»Danke. Was habe ich nun zu erledigen?«

»Ich brauche den Namen des Anwalts Ihrer Tante, um Ihre Geschichte zu bestätigen, Ihre aktuelle Adresse und Referenzen, wenn Sie welche haben. Ihr Cousin wäre wahrscheinlich eine Referenz, die Sie auflisten sollten. Nachbarn, die Sie kennengelernt haben, wären auch gut. Sie sehen, wir überprüfen unsere Damen genauso gründlich wie unsere Herren. Ich habe einen sehr guten Ruf, Miss Johnson. Ich habe nicht die Absicht, ihn zu trüben. Dennoch verstehe ich, dass es unter Ihren Umständen nicht viele Leute gibt, die bereit sind, Ihnen eine gute Referenz auszustellen. Seien Sie versichert, dass ich das in Betracht ziehe.«

Sarah nickte. »Ich verstehe vollkommen. Können Sie mir helfen?«

Margaret Selby hatte schon viele verzweifelte junge Frauen gesehen. Diejenigen, die von Laudanum oder seinem Bruder Opium abhängig waren. Sie hatten es nicht geschafft. Sarah, mit ihrem Auftreten und ihrer guten Kleidung, war durch und durch eine Dame. Aber reichte das aus, um eine brauchbare Ehefrau im Grenzgebiet zu werden?

Margaret stand auf, ging um den Schreibtisch herum und begutachtete die junge Frau vor sich. Sie machte eine gute Figur. Schöne blonde Haare und himmelblaue Augen. Nützlicher Wollmantel. Eine kurze, hochgeschlossene, langärmlige Jacke, die an der Taille anlag. Sie passte perfekt zu ihrem Rock, offensichtlich aus demselben Stoff. Teuer. Gut gemacht. Sie würde gut zu Mr. John Atwood und seiner Tochter Katy passen. Kein Grund, Sarah zu sagen, dass Katy nicht reden wollte und es auch nicht getan hat, seit sie vor zwei Jahren Zeuge des Mordes an ihrer Mutter wurde. Nein, Sarah, MaryAnn, John und Katy würden alle gut zueinander passen. Margaret war sich dessen sicher und bis jetzt war ihre Bilanz makellos.

»In Beantwortung Ihrer Frage − ja, ich glaube, dass wir uns gegenseitig nützen können. Mein Assistent wird heute Nachmittag vorbeikommen, um mit Ihnen zu sprechen. Bitte stellen Sie sicher, dass Sie verfügbar sind.«

»Natürlich. Ich werde meine Tochter von unserer Nachbarin abholen und danach zu Hause sein.«

»Sehr gut. Ich werde Sie morgen früh bezüglich meiner Entscheidung kontaktieren, aber ich denke, aufgrund unseres heutigen Gespräches, dass es eine wohlwollende Entscheidung sein wird.«

»Danke, Mrs. Selby. Ich danke Ihnen vielmals.«

Die junge Frau ging und Margaret war mit ihren Gedanken allein.

Ein paar Stunden später kam ihr Angestellter mit seinem Bericht zurück.

Sie ließ einen der beiden ehemaligen Pinkerton-Detektive, die sie beschäftigte, Sarahs Geschichte und Referenzen überprüfen. Alles war, wie sie behauptete. Dem Bericht zufolge lebte sie bei ihrer Großtante Gertrude, die vor zwei Wochen plötzlich an einem Herzinfarkt gestorben war. Ihr Verlobter war tot, gefallen in der Schlacht von Bull Run am 21. Juli 1861. Ihre Tochter, MaryAnn, wurde am 11. April 1862 geboren. Alles war überprüft worden. Sie arrangierte Sarah und MaryAnns Überfahrt nach Denver.

Sie schickte eine Nachricht an Sarah.

10. April 1867

Geehrte Miss Johnson,

Ich denke, wir können Ihnen behilflich sein. Kommen Sie am 7. Mai erneut in mein Büro. Ich werde Ihre Zugtickets zur Verfügung haben. Sie werden ins Colorado-Territorium reisen, um Mr. John Atwood zu heiraten. Der Zug fährt am 8. Mai ab und kommt am 15. Mai in Denver an.

Mit freundlichen Grüßen

Margaret Selby, Inhaberin, Matchmaker & Co.

Sobald sie mit ihrem Brief an Sarah fertig war, begann sie, ihren Brief an John Atwood zu schreiben.

11. April 1867

Geehrter Mr. Atwood,

Ich glaube, ich habe die perfekte Braut für Sie gefunden. Ihr Name ist Sarah Johnson. Sie ist achtundzwanzig Jahre alt und hat eine fünfjährige Tochter namens MaryAnn, die meiner Meinung nach eine gute Freundin für Katy sein wird. Ihre beiden Töchter werden von dieser Allianz profitieren.

Bitte holen Sie Miss Johnson und ihre Tochter am Mittwoch, dem 15. Mai, am Bahnhof in Denver ab.

Mit freundlichen Grüßen

Margaret Selby, Inhaberin, Matchmaker & Co.

Sie bestreute den Brief mit Schreibsand, um die Tinte zu trocknen, faltete ihn dann vorsichtig und legte ihn in den Umschlag, den sie gerade adressiert hatte. Er würde mit der morgigen Post rausgehen und Mr. Atwood innerhalb von zehn Tagen erreichen, wie sie hoffte. Das würde ihm viel Zeit geben, sich auf die Ankunft von Sarah und MaryAnn vorzubereiten.

Margaret lächelte vor sich hin. Die beiden wären eine sehr gute Partie. Sie konnte es in ihren Knochen spüren.

*****

Sarah stieg vier Blocks von zu Hause aus dem Wagen. Zumindest war es in den letzten sechs Jahren ihr Zuhause gewesen. Sie hatte immer gewusst, dass sie und MaryAnn hier aufgrund von Tante Gertruds Gnaden leben durften. Aber sie hatte nicht erwartet, dass sie sterben würde, zumindest nicht so bald. Gertrude war ihre Großtante, das war richtig, aber sie war das jüngste Geschwisterkind ihrer Großmutter väterlicherseits und nur zwei Jahre älter als Sarahs eigener Vater, der alle Bindungen abgebrochen hatte. Er hatte sie rausgeworfen, als sie schwanger wurde. Tante Gertrude war ihre Rettung gewesen.

Sie ging die Treppe zur Tür des dreistöckigen Sandsteinhauses hinauf. Es gab niemanden mehr, der ihr die Tür öffnete. William hatte alle Dienstboten gehen lassen, mit guten Referenzen und der kleinen Abfindung, die Tante Gertrude für jeden von ihnen hinterlassen hatte.

William war wirklich sehr anständig. Er hatte die Diener noch mehr als zehn Tage nach dem Tod von Gertrude behalten und den Verkauf des Hauses so lange wie möglich hinausgeschoben, aber jetzt war es gelistet und würde wahrscheinlich in kürzester Zeit verkauft. Sarah konnte nicht noch mehr Zeit vertrödeln. Sie musste ihre Trauer beiseitelegen und weitermachen, wie Gertrude sagen würde.

Sarah betrat das Foyer, löste ihre Haube und hängte sie an den Haken über dem Flurbeistelltisch, wo sie normalerweise die Post platzierte.

»Ich bin im Wohnzimmer, Sarah«, rief William.

Sie ging durch die Tür und hinüber zu William, der am Kamin stand, um seine Wange zu küssen. »William, wie geht es dir? Ich hatte dich nicht vor Sonntag erwartet.«

»Ich bin mit Neuigkeiten hier.«

Sarahs Magen verkrampfte sich. »Neuigkeiten?«

»Ja, ich kann gleich zur Sache kommen. Ich habe das Haus verkauft. Du und MaryAnn müsst bis Ende des Monats draußen sein.«

»William, wir können bis zum 8. Mai nirgendwo hin.«

»Wenn es gesellschaftlich akzeptabel wäre, würde ich dich bei mir wohnen lassen, aber …«

»Du würdest nie eine Ehefrau finden, solange du eine verdorbene Frau und ihr uneheliches Kind unter deinem Dach beherbergst.«

»Sarah −«

»Nein, ich weiß, was die Gesellschaft von mir hält. Sie waren sehr offen darin, es mir mitzuteilen.«

William atmete tief durch. »Also habe ich dafür gesorgt, dass du im Boardinghouse bleibst, bis du eine andere Unterkunft gefunden hast, was der Fall zu sein scheint. Was hast du vor?«

»Ich werde heiraten.«

»Heiraten?« Er drehte ihr den Rücken zu, lehnte sich zum Feuer und wärmte seine Hände. »Mir war nicht klar, dass du verlobt bist.«

»Ich werde eine Katalogbraut. Nur so kann ich ein neues Leben beginnen. Ich kann hier nicht bleiben.«

Er drehte sich zu ihr um und nahm ihre Hände in seine. »Du könntest bleiben und mich heiraten. Zumindest kennst du mich.«

»Du bist mein Cousin und obwohl es legal ist, weißt du, dass ich den Gedanken abstoßend finde. Nicht, dass ich dich nicht liebe, aber nicht so, wie du es dir wünschst.« Sie zog ihre Hände aus seinen. »Ich kann einfach nicht. Du warst mehr als nett zu mir und wenn …«

»Nein. Keine Sorge. Meine Großzügigkeit hängt nicht davon ab, ob du meine Frau wirst. Das ändert nichts an den Vorkehrungen, die ich für dich getroffen habe.«

Sarah ließ den Atem raus, von dem sie nicht wusste, dass sie ihn angehalten hatte. »Danke. Ich muss nach nebenan gehen und MaryAnn holen. Mrs. Adams war so freundlich, sie für mich zu beaufsichtigen, während ich nach Arbeit suchte.«

»Ich nehme an, du hast nichts gefunden − also machst du diesen drastischen Schritt?«

»Ich war nur eine Mutter. Ich bin nicht qualifiziert, etwas anderes zu tun, das uns ernähren könnte.«

»Also gut. Ich überlasse es dir.« Er nahm Hut und Handschuhe vom Beistelltisch neben der Wohnzimmertür. »Wir sehen uns am Sonntag, wie immer. Du kannst mich über deine Pläne und den Mann, den du zu heiraten versprochen hast, informieren.«

»Weißt du«, sagte Sarah, »du solltest wirklich überlegen, Caroline Kendall einen Antrag zu machen. Sie bewundert dich sehr.«

Er blieb stehen, neigte den Kopf ein wenig und fragte: »Tut sie das jetzt? Denkst du, sie würde meinen Antrag annehmen?«

»Ich wüsste nicht, warum nicht.«

»Nun, du scheinst kein Problem damit zu haben, mich abzulehnen.« Er trat näher, seine Augen richteten sich für einen kurzen Moment auf ihre Lippen. »Sicher, dass du deine Meinung nicht änderst?«

Sie trat mit einem liebevollen, aber bedauernden Lächeln zurück. »Ich bin mir sicher.«

»Dann sollte ich vielleicht Miss Kendall einen Besuch abstatten. Ich muss eine Frau und einen Erben in Betracht ziehen, um den Namen Grayson weiterzuführen.«

»Ja, das solltest du.«

»Gute Nacht, Sarah. Bis Sonntag.«

»Bis Sonntag. Vielleicht möchtest du Miss Kendall zum Mittagessen mitbringen?«

»Was für eine großartige Idee! Du kannst als Anstandsdame fungieren.«

»Ich werde etwas Besonderes vorbereiten.«

»Es ist gut, dass die Köchin dir beigebracht hat, was sie getan hat. Ich muss zugeben, dass du deine Sache gut machst.«

»Danke.«

»Also dann, gute Nacht.«

Sarah folgte ihm nach draußen und ging nebenan, um MaryAnn zu holen. Sie hatte immer versucht, ihre Tochter so lange wie möglich bei Mrs. Adams bleiben zu lassen. Es hatte beiden gutgetan. MaryAnn kämpfte damit, den Tod von Tante Gertrude zu verstehen und Agnes Adams vermisste ihre Enkelkinder, die kürzlich nach Boston gezogen waren, als die Anwaltskanzlei ihres Sohnes ihn dorthin geschickt hatte.

Sie klopfte an die Tür.

Der Butler öffnete. »Ah, da sind Sie ja, Miss Johnson. Bitte kommen Sie rein. Miss MaryAnn und die Herrin trinken Tee im Salon. Darf ich Ihren Hut und Mantel nehmen?«

Sarah lächelte und gab ihm ihre Sachen. »Ich weiß nicht, wie Sie das machen, Peters. Wie können Sie mit diesen beiden Wirbelwinden mithalten? Ich bin überrascht, dass Sie keinen Tee mit ihnen trinken.«

»Ich war eingeladen, Miss, musste aber ablehnen. Ich hatte andere Pflichten zu erfüllen.«

Sie gingen zusammen zum Salon. Peters öffnete die Tür und hielt sie für sie offen. Was sie sah, brachte sie zum Lächeln. Agnes hatte Peters den kleinen Tisch und die Stühle aus dem Kinderzimmer herunterbringen lassen. Sie und MaryAnn saßen auf den kleinen Stühlen, tranken Tee und aßen Erdbeer-Scones mit Streichrahm. Eine von MaryAnns Leibspeisen, wie Agnes sehr gut wusste.

MaryAnn sah auf, als Sarah den Raum betrat.

»Mama«, sagte sie in einem sehr vornehmen Ton, »wir haben High Tea. Mrs. Adams sagt, dass sie das gemacht haben, als sie ein kleines Mädchen war.«

Sarah lächelte. Sie genoss es, ihre Tochter mit der alten Frau zu beobachten. »Wie nett von ihr, das mit dir zu teilen.« Sie wandte sich an Agnes. »Ich hoffe, sie hat Ihnen nicht allzu viel Ärger gemacht.«

»Überhaupt nicht, meine Liebe. Ich genieße es, sie hier zu haben.«

»Ich fürchte, es ist nur noch für ein paar Wochen. William hat das Haus verkauft und MaryAnn und ich werden die Stadt am 8. Mai verlassen.«

»Setzen Sie sich, meine Liebe, und trinken Sie eine Tasse Tee. Dann erzählen Sie mir alle Ihre Neuigkeiten.«

Sarah nahm einen der kleinen Stühle an dem kleinen Tisch.

»Tee?«, fragte Agnes.

»Ja, bitte.«

»MaryAnn, würdest du bitte eine Tasse für deine Mutter einschenken?«

»Ich wäre entzückt«, antwortete ihr kleines Mädchen, so erwachsen. Sarahs Herz zog sich in ihrer Brust zusammen. MaryAnn hatte so viel versäumt, da sie ohne andere Kinder aufgewachsen war. Sie war so reif für ihre fünf Jahre.

»Nun, Schätzchen. Sagen Sie mir, wohin Sie gehen werden.«

»Ich hoffe, wir reisen ins Colorado-Territorium. Zu einem Ort namens Golden City. Es ist die territoriale Hauptstadt, also keine allzu kleine Stadt, hoffe ich. Wenn wir uns erst einmal eingelebt haben und es funktioniert, könnten Sie uns vielleicht besuchen kommen.«

Mrs. Adams nickte. »Und was werden Sie dort tun?«

»Ich werde heiraten.«

»Heiraten!«

»Ja. Sie können es genauso gut wissen. Ich habe mich als Katalogbraut gemeldet. Der Herr, den ich heiraten werde, ist ein Rancher und hat eine Tochter im Alter von MaryAnn. Es wäre gut für MaryAnn, eine Spielkameradin zu haben.«

»Das ist furchtbar weit weg. Könnten Sie nicht jemanden heiraten, der in der Nähe ist?«

»Agnes, Sie wissen, dass das nicht möglich ist. Der Einzige, der mich haben will, ist Cousin William und ich finde diese Idee völlig inakzeptabel. Er ist schließlich mein Cousin.«

»Das verstehe ich durchaus. Aber das ändert nichts an meinem Wunsch, dass Sie hier in New York jemanden finden könnten. Ich werde nie verstehen, dass die Gesellschaft Sie meidet. Sie sollten nicht für einen Fehler für den Rest Ihres Lebens bezahlen müssen.«

Obwohl sie ihre schöne Tochter, die in Liebe gezeugt wurde, nicht als Fehler sah, lächelte sie einfach. »Danke, aber der einzige Weg, wie ich hier bleiben kann, ist, William zu heiraten oder mich in etwas Anstößiges zu verwandeln. Ich bin für nichts anderes qualifiziert.«

»Was ist mit einer Anstellung als Gouvernante?«

»Niemand will eine Frau, die ›befleckt‹ wurde, in der Nähe seiner Kinder, aus Angst, dass mein Mangel an Moral auf sie abfärbt.« Sie nahm einen Schluck von ihrem Tee.

»Mami, was ist befleckt? Heißt das nicht schmutzig?«

»Ja, Liebling, das tut es.«

»Wie kannst du schmutzig sein? Du wäschst dich die ganze Zeit.«

»Ja, das tue ich, nicht wahr?«, lachte Sarah.

MaryAnn nickte kräftig. »Und du zwingst mich auch dazu.«

»Wie auch immer, ich werde Ihnen schreiben«, sagte Sarah, in der Hoffnung, MaryAnn abzulenken.

»Mami.«

»Ja, Liebes?«

»Wie kannst du schmutzig und sauber zugleich sein?«

Das habe ich mich auch schon gefragt, dachte Sarah, aber sie sagte: »Es ist an der Zeit, dir die Wahrheit zu sagen. Manche Leute denken, weil ich nicht verheiratet war, als ich dich bekam, dass ich schmutzig bin.«

»Aber du hast gesagt, dass Daddy gestorben ist, bevor du ihn heiraten konntest. Also ist es nicht deine Schuld.«

»Die meisten Erwachsenen würden dir nicht zustimmen, Schätzchen. Sie denken, dass es falsch von deinem Vater und mir war, unsere Liebe zu teilen, bevor wir richtig verheiratet waren.«

»Aber sollen wir unsere Liebe nicht mit anderen Menschen teilen?«

»Ja, das sollen wir. Es gibt nur ein paar Regeln über die Liebe Erwachsener, die du noch nicht verstehst.«

MaryAnn schüttelte langsam den Kopf. »Ich denke, es muss sehr schwer sein, ein Erwachsener zu sein.«

Überrascht von der Einsicht ihres Mädchens fragte sie: »Warum denkst du das?«

»Deshalb. Du musst einen ganzen Haufen Regeln für Kinder haben und dann gibt es einen ganzen Haufen Regeln für Erwachsene und du musst dich an alle erinnern.«

Sarah kicherte. »Ich denke, du hast damit recht. Was meinen Sie, Agnes?«

Die alte Dame lächelte. »Ich würde sagen, du hast recht, Miss MaryAnn. Und es wird nicht einfacher, wenn man älter wird, denn es gibt eine ganze Reihe anderer Regeln für uns alte Leute.«

»Agnes, möchten Sie am Sonntag mit uns essen? William wird mit Miss Kendall kommen und es wird eine Art Lebewohlfeier sein.«

»Das wäre wunderbar. Erinnern Sie bitte Peters auf dem Weg nach draußen, ja?«

»Natürlich. Sag auf Wiedersehen, MaryAnn.«

MaryAnn ging zu Agnes und umarmte sie. »Auf Wiedersehen, Mrs. Adams. Danke, dass du eine Tee-Party mit mir gemacht hast.«

»Gern geschehen, liebes Mädchen. Das habe ich in der Tat gern getan.« Agnes umarmte sie, als wollte sie sie für immer festhalten. Es war besonders schwer, sich von ihr zu verabschieden. Agnes war Sarahs Fels, seit Tante Gertrude gestorben war.

Sarah nahm MaryAnns Hand und sie gingen die Treppe hinunter, wo Peters mit ihren Mänteln und Hüten wartete.

»Danke, Peters. Bitte erinnern Sie Mrs. Adams daran, dass sie am Sonntag mit uns zu Mittag isst. Es wird um ein Uhr serviert.«

»Ja, Miss. Ich werde versuchen, sie daran zu erinnern und werde sie selbst begleiten.«

»Wunderbar, Sie sollten sich uns anschließen.«

»Oh nein, Miss. Das ist nicht möglich. Ich werde hierher zurückkehren und warten, bis es Zeit ist, meine Herrin wieder abzuholen.«

Sarah nickte. »Also gut. Wir sehen uns am Sonntag.«

Als sie nach Hause gingen, fragte MaryAnn: »Wo ist das Colorado-Territorium?«

»Es ist westlich von hier, ein sehr langer Weg. Wir werden viele Tage brauchen, um dorthin zu reisen. Denkst du, du kannst ein besonders gutes Mädchen für Mama sein, während wir reisen?«

»Ja, Mama. Ich hörte dich sagen, er hat ein kleines Mädchen. Wird sie meine Schwester sein, wenn du ihren Vater heiratest?«

»Ja, das wird sie wohl. Denkst du, du wirst es mögen, eine Schwester zu haben?«

Sie dachte eine Minute darüber nach, bevor sie antwortete. »Ich denke, das werde ich. Es wird schön sein, jemanden zum reden zu haben.«

Sarah lächelte. »Ja, das wird es, nicht wahr?«

Sie erreichten das Haus und gingen hinein. Das Feuer, das William gemacht hatte, brannte herunter. Sarah legte noch mehr Holz dazu.

Vor dem Kamin standen zwei Schaukelstühle. MaryAnn setzte sich in einen von ihnen. Sie sah so klein darin aus. Ihre Augen, das blasse Blau von Sarahs eigenen, standen im krassen Gegensatz zu den schwarzen Haaren und Wimpern, die sie von ihrem Vater geerbt hatte. Außer den Augen war MaryAnn eine Miniatur von Lee. Jeden Tag wurde Sarah an den Mann erinnert, den sie geliebt hatte, dessen Gesicht ohne ihre Tochter aus der Erinnerung verblasst wäre. MaryAnn hielt ihn am Leben. Trotzdem waren sein starker Kiefer und sein ausgelassenes Lachen so gut wie verschwunden.

MaryAnn war ganz anders als ihr Vater. Er war lustig, liebevoll, neckisch und immer fröhlich gewesen. Sie war andächtig und nachdenklich. So sehr wie ihre Mutter.

»Mama, warum weinst du?«

Sie hatte nicht gemerkt, dass ihr Tränen aus den Augen tropften. Sarah setzte sich auf den anderen Stuhl. »Ich habe gerade an deinen Vater gedacht. Komm her und lass mich dich halten.«