Die Haushörerin - Anna Lummfeld - E-Book

Die Haushörerin E-Book

Anna Lummfeld

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Beschreibung

Die zwanzigjährige Lilli ahnt nicht, dass sie die besondere Gabe einer Haushörerin besitzt. Umso erstaunter ist sie, als sie plötzlich Kurztrips in die Vergangenheit erlebt. Zudem läuft ihr neuerdings ständig ein rätselhafter Typ über den Weg, der sich Ben Jonny Meier nennt. Ben gehört zur geheimen Gemeinschaft der Haushörerinnen und Storykeeper. Er hat den Auftrag, Lilli zu kontaktieren und sie in der Anfangszeit zu betreuen. An sich keine schwierige Aufgabe, wenn „die Neue“ nicht immer vor ihm weglaufen würde … Als es ihm endlich gelingt, mit Lilli zu sprechen, quartiert er sich prompt bei ihr ein und weicht nicht mehr von ihrer Seite. Lilli fällt es schwer, ihre aufkeimenden Gefühle für Ben in den Griff zu bekommen. Doch Ben gibt sich verschlossen. Und er verschweigt ihr etwas Entscheidendes: Lilli ist in Gefahr.

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Die zwanzigjährige Lilli ahnt nicht, dass sie die besondere Gabe einer Haushörerin besitzt. Umso erstaunter ist sie, als sie plötzlich Kurztrips in die Vergangenheit erlebt. Zudem läuft ihr neuerdings ständig ein rätselhafter Typ über den Weg, der sich Ben Jonny Meier nennt.

Ben gehört zur geheimen Gemeinschaft der Haushörerinnen und Storykeeper. Er hat den Auftrag, Lilli zu kontaktieren und sie in der Anfangszeit zu betreuen. An sich keine schwierige Aufgabe, wenn „die Neue“ nicht immer vor ihm weglaufen würde … Als es ihm endlich gelingt, mit Lilli zu sprechen, quartiert er sich prompt bei ihr ein und weicht nicht mehr von ihrer Seite.

Lilli fällt es schwer, ihre aufkeimenden Gefühle für Ben in den Griff zu bekommen. Doch Ben gibt sich verschlossen. Und er verschweigt ihr etwas Entscheidendes: Lilli ist in Gefahr.

Die Autorin

Anna Lummfeld, geboren 1975 in Hamburg, liebt Bücher und schrieb schon in ihrer Kindheit kleine Geschichten. Ihre Schreibfreude lebt sie beruflich als Texterin aus. Mit dem Buch „Die Haushörerin“ hat sie sich den lang gehegten Traum vom eigenen Roman erfüllt.

Für meinen Vater.

Möge es dir ein lieber Engel vorlesen.

Häuser bergen viele Geschichten: schöne, geheimnisvolle,

berührende und schreckliche. Manche Geschichten erzählen die

Menschen weiter. Manche bleiben für immer hinter den Mauern

verschlossen.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Nachwort

Kapitel 1

»Ja, Mom, ich schaue, ob das Bad ein Fenster hat und wie es im Kühlschrank aussieht.« Ich sah auf die Uhr. Wenn ich mich jetzt nicht beeilte, würde ich mir das WG-Zimmer gar nicht mehr anschauen können.

Umständlich klemmte ich das Handy zwischen Ohr und Hals und zog mir meine gelbe Regenjacke an.

»Mom, ich muss jetzt los. Wir sehen uns heute Abend zu Hause, ja? Ciao.«

Ich steckte das Handy weg, schlüpfte in meine heißgeliebten weinroten Converse und schnappte mir meine Umhängetasche.

»Tschüss, bis später!«, rief ich ins Büro von Nils.

Er nickte nur kurz und wandte sich wieder seinen Plänen zu.

Nils, der Lebenspartner meiner Mutter, war Architekt und hatte sich darauf spezialisiert, alte Häuser nach ökologischer Bauweise zu modernisieren. Mein kleiner Bruder Thore machte gerade verspäteten Mittagsschlaf und Nils nutzte die Zeit, um zu arbeiten. Immerhin sparte er sich an seinen Homeoffice-Tagen den Weg ins Büro.

Ich ließ die Haustür hinter mir ins Schloss fallen und wich dem grünen Kinderwagen aus. Anfangs war ich, mit meinem Talent für Zusammenstöße aller Art, öfter dagegengelaufen, inzwischen hatte ich darin Übung. Das monströse Teil stand zwar in der Ecke des Windfangs, blockierte aber stets ein Stück des Eingangs.

Im Nieselregen lief ich über die Brücke, die unser Hausboot vom Oberdeck aus mit dem Anleger verband. Mit einem Boot hatte es eigentlich nur gemeinsam, dass es auf dem Wasser lag, genauer: auf dem Eilbekkanal. Nils hatte es selbst konzipiert. Wie er auf die glorreiche Idee gekommen war, unser Zuhause »Little Aida« zu nennen, war mir schleierhaft.

Das Hausboot war großzügig geschnitten und erstreckte sich über zwei Ebenen. Auf dem Oberdeck hatten meine Mutter, Nils und Thore ihr Reich. Im Unterdeck hatte ich mein Zimmer und ein eigenes Bad. Eigentlich ein cooles Zuhause. Trotzdem wollte ich auf eigenen Beinen stehen, jetzt, wo ich bald mein Studium beginnen würde. Zwar hatte ich mich noch nicht entschieden, was ich studieren wollte, aber bis zum nächsten Sommersemester hatte ich noch ein paar Monate Zeit.

Die Anzeige, die ich im Internet gesehen hatte, schien vielversprechend: »WG-Zimmer frei, 16 qm, Altbau. Nichtraucher/-in. Zehn Fahrradminuten zur Uni.« Das klang gut, vor allem: Altbau! Meine beste Freundin Becky hatte zu unserer Schulzeit mit ihren Eltern in einer Altbauwohnung gewohnt. Ich erinnerte mich gut an die hohen Räume mit Stuck, das Fischgrätenparkett und den Küchenfußboden in Schachbrettmuster-Optik. Alte Häuser hatten Charakter. Irgendwie hatte ich das Gefühl, ihnen respektvoll begegnen zu müssen.

Mit 350 Euro monatlich befand sich das WG-Zimmer in der Preislage, die ich mir vorstellte. Neben dem Studium jobben wollte ich so oder so. Klar würde mich meine Mom unterstützen, wenn es finanziell mal eng werden sollte. Aber grundsätzlich wollte ich auf eigenen Füßen stehen. Wer auszieht, muss es sich leisten können, so lautete meine Devise.

Es goss in Strömen, als ich die U-Bahn-Station verließ. Mist, hätte ich doch einen Schirm mitgenommen! Na ja, ein Gutes hatte es: Ich stieß nicht ständig mit all den anderen Menschen zusammen, die mit Regenschirm unterwegs waren, sondern konnte mich geschickt zwischen ihnen hindurchmanövrieren.

Der Weg kam mir weiter vor, als ich gedacht hätte. Das lag sicherlich auch am Regen. Binnen Minuten klebten meine Jeans an den Beinen, von den nassen Turnschuhen ganz zu schweigen. Ich trug es mit Fassung und zog meine Kapuze tief in die Stirn.

»Es is man so, wie es is, min Deern«, pflegte mein Opa gern zu sagen.

Zehn Minuten später war ich klatschnass am Ziel angekommen. Das Haus besaß vier Stockwerke; Außenfassade verputzt und hellgrau gestrichen. Ein angerosteter Eisenzaun, an dem drei Fahrräder angeschlossen waren, grenzte einen kleinen Streifen Rasen ab.

Im überdachten Hauseingang stand ein Typ, der auf sein Handy starrte und mit seinem Rücken die Klingelschilder blockierte. Er trug eine dunkelblaue Softshelljacke mit einem senkrechten roten Streifen an den Ärmeln, dunkelblaue Jeans und knallrote Turnschuhe. Groß war er, mindestens 1,90 m. Seine dunkelblonden, kurzen Haare waren leicht lockig. Er musste in meinem Alter sein, zwanzig Jahre, vielleicht etwas älter.

»‘tschuldigung«, murmelte ich.

Er blickte auf. Seine Augen waren tiefbraun. So braun wie die Knopfaugen meines Lieblingsteddys Nalle aus meinen Kindertagen. Prüfend starrte er mich an, rückte aber nicht von der Stelle. Ich merkte, wie ich rot wurde.

»Äh, darf ich kurz?«, stammelte ich verlegen, deutete auf die Klingelplatte und zog die Kapuze ab.

Er musterte mich, von oben bis unten – na großartig –, und trat dann, ohne etwas zu sagen, einen Schritt zur Seite. Mein Nacken kribbelte, während ich die Namen studierte …

Bruttmann, da war es ja. Ich drückte den Klingelknopf. Die Tür summte und ich entfloh seinem prüfenden Blick. Puh, was war das denn für einer?

War sie das? Von der Uhrzeit her ja. Ich verglich sie mit dem Foto auf meinem Handy. 1,85 m stand in ihrem Steckbrief, aber sie wirkte kleiner. Wegen des Regens zog sie die Schultern hoch. Die Kapuze hatte sie tief in die Stirn gezogen. Von ihrem Gesicht und ihrer Haarfarbe konnte ich nicht viel erkennen, auch nicht, als sie direkt vor mir stand. Mensch, Mädel, nimm das nächste Mal einen Schirm mit! Ist doch blöde, so klitschnass zu einer WG-Zimmerbesichtigung zu erscheinen.

Ich starrte sie an. Hatte sie was gesagt? Sie deutete auf die Klingelplatte, zog ihre Kapuze ab, wurde rot und schaute mich verlegen an.

Ihre braunen schulterlangen Naturlocken kräuselten sich durch die Nässe. Ihre Augen waren eine Mischung aus Blau und Grün. Kleine Lichtpunkte tanzten darin.

Ich trat zur Seite. Sie klingelte bei Bruttmann. Ja, das war sie. Es passte.

Mein Blick folgte ihr hinein ins Haus. Vor dem Lift blieb sie stehen und entschied sich doch für die Treppe. Das war also die Neue: Lilli Lachmann!

Der Fahrstuhl sah aus wie ein eiserner Käfig. Nein, da ging ich lieber zu Fuß in den dritten Stock.

Ein wenig außer Atem kam ich vor der offenen Wohnungstür an. Ich klopfte an den Türrahmen und rief: »Hallo?«

Eine Frau trat aus einem der Zimmer und schritt mir durch den langen Flur entgegen. Ihre roten Haare hatte sie zu einem Knoten hochgebunden. Sie war etwa so groß wie ich – nur kurviger. Ihr Alter schätzte ich auf Mitte dreißig. Sie trug einen gelben Jumpsuit, wild gemustert mit grünen, roten und pinken Tupfen, und lief barfuß. Der künstlerisch-esoterisch-kulturelle Typ also. Ich notierte es mir in meinem gedanklichen Notizbuch.

»Hallo! Du möchtest dir das Zimmer anschauen?«, fragte sie.

»Ja, Lilli Lachmann.« Ich streckte ihr die Hand entgegen.

»Isolde Bruttmann, freut mich«, begrüßte sie mich. »Häng deine Jacke am besten draußen an den Haken. Du bist ziemlich nass geworden.«

»Ja, leider.«

Schnell streifte ich meine triefende Jacke ab und hängte sie neben die Wohnungstür ins Treppenhaus. Dann zog ich meine Schuhe und die durchfeuchteten Socken aus. Verlegen wanderte mein Blick von meinen bleichen nackten Füßen zu Isoldes knallroten Fußnägeln. An ihrem linken großen Zeh entdeckte ich einen silbernen Ring mit einem winzigen funkelnden Stein.

»Na, dann komm mal rein, Lilli«, sagte sie fröhlich und schloss hinter mir die Tür.

»Die Wohnung hat dreieinhalb Zimmer plus Küche, Duschbad und WC. In dem Raum mit Schiebetür zum halben Zimmer wohne ich«, erklärte sie und führte mich über den langen Flur. Ihr Zehenring klackte bei jedem Schritt. »In dem zweiten Zimmer wohnt Giselle. Sie kommt aus Frankreich und ist für ein Studienaustauschjahr in Hamburg. Für das dritte suche ich eine neue Mitbewohnerin.«

Es hörte sich so an, als würde Isolde allein entscheiden, wer hier einzog. Sie war wohl die Hauptmieterin. Giselle schien zumindest nicht da zu sein.

Wir betraten die Küche. Fasziniert betrachtete ich die fliederfarbenen Fliesen am Boden. Die Wände waren auberginefarben gestrichen, im Kontrast dazu standen die hochglänzend weißen Küchenfronten und die Arbeitsplatte in Eichenholzoptik. Der Raum war so groß, dass ein Holztisch im Vintagestyle mit vier Klappstühlen Platz hatte. Ein kleiner Balkon ging von der Küche ab. Dort standen ein Klapptisch aus Holz, zwei gelbe Stühle und diverse Balkonkästen mit Kräutern.

»Kochst du viel?«, fragte Isolde.

»Es geht so. Nichts Aufwendiges«, entgegnete ich. »Wie regelt ihr das mit der Küche, dem Kühlschrank, dem Abwasch und so?«

»Grundsätzlich macht jede ihren Kram selbst sauber. Wenn du etwas kochst, dann wäschst du das Geschirr und die Töpfe wieder ab und räumst alles weg. Einen Geschirrspüler gibt es nicht.«

Oh! Ich notierte es mir in meinem gedanklichen Notizbuch unter der neuen Rubrik »Fragezeichen«.

Isolde öffnete eine Tür der Küchenfront, hinter der sich der Kühlschrank verbarg. »Hier hat jede ihr eigenes Fach und nimmt entsprechend nur ihre Sachen.«

Der Kühlschrank hatte drei Regale sowie ein Obst-und-Gemüse-Fach. Nicht außerordentlich groß, wenn ich an den geräumigen Kühlschrank zu Hause dachte, aber das sollte schon passen. Und sauber sah er auch aus.

»Darunter haben wir einen Tiefkühlschrank. Ich persönlich halte nichts von Fertigprodukten, aber das kannst du handhaben, wie du möchtest.«

Ich nickte.

»Trinkst du Kaffee?«

»Ja«, antwortete ich. Es ging mir nichts über einen Becher Kaffee am Morgen.

»Ich bevorzuge Tee«, sagte Isolde. »Giselle hat einen Kaffeekocher mitgebracht, du könntest dich mit ihr arrangieren.«

»Ich habe eine kleine Kapselmaschine«, berichtete ich.

Diese hatte ich mir extra für mein Praktikum in der Kinderkurklinik an der Ostsee angeschafft. Die Einzimmerwohnung, die ich in der Zeit nutzen durfte, war mit WLAN und Fernseher, allerdings ohne Kaffeemaschine ausgestattet. Die kleine Maschine war ideal, um auf Knopfdruck einen Kaffee rauszulassen.

Isolde runzelte kritisch die Stirn. »Du recycelst die Kapseln hoffentlich?«

»Ja, klar!« Ich nickte energisch. Schlechtes Thema, das merkte ich gleich. »Und wie macht ihr das mit den weiteren Hausarbeiten?«, lenkte ich ab.

»Hier am Schrank hängt unser Haushaltsplan. Einmal in der Woche putzt eine von uns Küche, Bad, WC und Flur. Der Haushaltsdienst rotiert, sodass du jede dritte Woche dran wärst. Für das eigene Zimmer ist jede selbst verantwortlich. Im Keller gibt es eine Waschküche mit Waschmaschine und Trockner für das ganze Haus. Man muss sich in eine Liste eintragen.«

An das Waschen hatte ich noch gar nicht gedacht. Na hoffentlich waren die Termine nicht auf Wochen ausgebucht oder nur zu unmöglichen Zeiten frei. Ich notierte die Waschküche im Keller gedanklich unter der Rubrik »Fragezeichen«.

»Jetzt zeige ich dir das Bad und WC.«

Isolde schritt zurück in den Flur und öffnete eine Tür direkt gegenüber dem Wohnungseingang. »Hier ist das separate WC.«

Ich schaute hinein. Am Ende des langen schmalen Raumes stand eine weiße Toilette. Ein kleines Handwaschbecken hatte daneben Platz gefunden. Es war so eng, dass man sich von der Toilette aus direkt die Hände waschen könnte. Rot-weiße Kacheln bedeckten die Wände und den Fußboden.

»Kein Fenster«, stellte ich fest.

»Nein, wir haben aber einen Lüfter und einen automatischen Duftspender«, erklärte Isolde und öffnete eine weitere Tür. »Hier nebenan ist das Duschbad.«

Der Raum war genauso lang wie das WC, nur etwa einen Meter breiter. Die Dusche versteckte sich hinter einem gelb-orange gepunkteten Vorhang. Lindgrüne Kacheln zierten die Wände und den Fußboden. Auch das Duschbad hatte kein Fenster. Nicht optimal, aber für mich kein K.o.-Kriterium. Ich setzte gedanklich »kein Fenster im Bad« unter die Rubrik »Fragezeichen«.

An der rechten Wand stand ein schmaler hoher Schrank mit drei Türen. Auf jeder klebte ein Streifen Kreppband. Die oberste war mit »Isolde« beschriftet, die mittlere mit »Giselle«.

»Ich nehme an, die unterste Tür wäre dann für mich?«, fragte ich.

»Ja. Und wenn Giselle auszieht, könntest du in ihre aufsteigen«, meinte Isolde fröhlich.

Ich nickte irritiert. Der Badezimmerschrank hatte also ein hierarchisches System. Was sollte ich davon halten? Ich notierte es mir unter der Rubrik »Fragezeichen«.

»Jetzt zeige ich dir das Zimmer.« Sie schloss die Tür hinter mir und ging voraus.

»Hast du einen Freund?«, fragte sie beiläufig.

»Äh … nein«, antwortete ich überrascht und spürte, dass ich errötete. Mit Yannick hatte ich vor einem halben Jahr Schluss gemacht, wir waren einfach zu … verschieden. Na ja, seitdem war ich jedenfalls Single.

»Oh, vielleicht eine Freundin? Das wäre kein Problem«, meinte Isolde. »Grundsätzlich ist Besuch des Partners oder der Partnerin über Nacht möglich. Solange ihr nicht dauerhaft zu zweit in dem Zimmer wohnt«, führte sie aus. »Und selbstverständlich bitte ich um etwas Rücksichtnahme hinsichtlich der Lautstärke.«

Hitze stieg in mein Gesicht, hoffentlich war ich nicht rot wie eine Tomate.

»Okay, alles klar«, murmelte ich.

Darüber musste sich Isolde wirklich nicht den Kopf zerbrechen, da es weder mit Yannick noch mit einem anderen bisher so weit gekommen war. Nächtlicher Männerbesuch war für mich vorerst ohnehin kein Thema.

Ich betrat das Zimmer und staunte. Weiße Wände, weiße Decke und Stuckelemente. Erst hier fiel mir die Raumhöhe auf: mindestens drei Meter, wenn nicht sogar mehr. Der dunkelbraune Parkettfußboden bildete einen schönen Kontrast zu dem Weiß. Zwei tiefgezogene Fenster würden viel Licht hereinlassen, wenn draußen die Sonne schien. Momentan regnete es ja noch.

Das Zimmer war bereits leer geräumt, bis auf ein weinrotes Sofa im französischen Stil, das an einer der Wände stand.

»Die letzte Mieterin hat die Chaiselongue von ihrer Vormieterin übernommen und stehen lassen. Du kannst sie behalten oder müsstest sie entsorgen«, berichtete Isolde. »Wie gefällt es dir?«

»Es ist großartig«, antwortete ich. »Schön mit den Fenstern, der hohen Decke und dem Holzfußboden.«

»Ja, das ist schon etwas Einmaliges«, meinte Isolde. »Mir ist es wichtig, dass unsere zukünftige Mitbewohnerin zu uns passt und die Wohnung schätzt. Ich lasse dich gern zehn Minuten allein, damit du den Raum fühlen kannst.«

Den Raum fühlen? Was sollte das denn heißen?

Isolde zog lächelnd die Tür hinter sich zu.

Ich setzte mich auf die Chaiselongue und schrieb das Zimmer unter die Rubrik »positiv« in mein gedankliches Notizbuch. Nur wusste ich noch nicht, unter welcher Rubrik ich Isolde einordnen sollte. Ein bisschen esoterisch war die Gute schon angehaucht. Und was sollte die Frage nach dem Freund? Hatte sie mit den Vormieterinnen kuriose Erfahrungen gemacht? Ich strich über den samtenen Bezug des Sofas. Das dunkle Rot war auf der Liegefläche ausgeblichen.

Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf den Raum. Vielleicht funktionierte das mit dem »Raumfühlen« ja? Die Hände auf der Chaiselongue abgestützt, atmete ich tief ein und aus, ein und aus.

Plötzlich wurde mir schwindelig, ich fühlte mich mitgerissen, als würde ich in einem rasenden Zug sitzen. Ich krallte mich an das Sofa, fand jedoch keinen Halt. Mein Körper schien sich auseinanderzuziehen, die Füße in die eine Richtung, der Kopf in die andere. Panik stieg in mir auf. Mein Herz pochte wild. Ich versuchte, mich zu beruhigen: einatmen, ausatmen, ein- und wieder ausatmen. Der rasende Zug schien langsamer zu werden, bis er schließlich zum Stillstand kam. Allmählich normalisierte sich mein Puls. Der Schwindel war verschwunden.

Es klingelte. Ich hörte Isolde die Wohnungstür öffnen.

»Hallo, Florian!«, flötete sie.

Ob das der Freund von Giselle war? Vielleicht der Typ, der unten vor der Haustür gestanden hatte?

»Julia ist nicht da. Aber komm doch herein. Du bist ganz nass. Möchtest du einen Matetee? Ich habe ihn frisch gekocht.«

Julia? Wer war denn Julia?

»Hallo, Isolde«, hörte ich eine tiefe männliche Stimme. »Nein danke. Ich lege mich erst mal trocken und warte in Julias Zimmer.«

Wer zum Teufel war Julia? Hieß die andere Mitbewohnerin nicht Giselle?

»Wie du möchtest, Florian. Du kennst dich ja aus«, zwitscherte Isolde.

Ich hörte Schritte, die sich näherten. Die Tür öffnete sich und ein junger Mann – wahrscheinlich Florian – kam herein. Verwirrt sprang ich auf. Es war nicht der Typ von unten.

»Ich, äh«, stotterte ich und starrte ihn an. Doch er reagierte nicht.

»Hallo?«, fragte ich lauter.

Keine Reaktion. Was sollte das denn? Ich presste mich an die Wand neben der Zimmertür. In was für einem Film war ich denn hier gelandet? Versteckte sich irgendwo eine Kamera und man erlaubte sich einen Scherz mit mir? Oder war es ein Test von Isolde? Ein Mitbewohnerinnen-Eignungstest sozusagen?

Florian ging zum Schrank. Moment! Drehte ich jetzt vollends durch? Der hatte doch eben noch nicht dort gestanden! Ich sah mich im Raum um. Er war vollständig möbliert. Aber das konnte nicht sein! Bis auf das Sofa war das Zimmer leer gewesen!

Florian triefte vor Nässe. Draußen regnete es noch immer. Er nahm ein gelbes Duschhandtuch aus einer Schublade, zog sein schwarzes T-Shirt über den Kopf und seine grauen Socken aus. Bemerkte er mich denn gar nicht?! Ungeniert öffnete er seine schwarze Jeans und ließ sie herunter.

Oh my God, das wollte ich nicht sehen! Ich kniff die Augen zu und linste nur durch einen winzigen Schlitz. Zum Glück ließ er seine eng anliegenden weißen Boxershorts an. Mit dem Handtuch rubbelte er seine kurzen braunen Haare trocken, sodass sie ihm zu Berge standen. Dann legte er sich auf die Chaiselongue und deckte sich mit einer Wolldecke zu. Auch diese hatte vor zwei Minuten noch nicht existiert.

Zeit für ein Nickerchen, oder was? Ich konnte es nicht fassen. Wie kam ich aus der Nummer wieder raus?

Auf dem Flur näherten sich Schritte, die Türklinke bewegte sich langsam nach unten. Isolde schaute ins Zimmer und Florian schreckte blitzartig hoch.

Auch Isolde ignorierte meine Anwesenheit, zielstrebig ging sie auf die Chaiselongue zu. Wieso trug sie nur einen Bademantel? Sie hatte doch eben noch diesen gelben Einteiler angehabt.

Etwas beschämt zog Florian die Decke fester um sich. Na, das hatte er nun nicht nötig bei seinem Körperbau. Zwar kein Waschbrettbauch, aber trainiert, durchaus ansehnlich. Oaah, hatte ich das gerade gedacht? Was machte dieses Zimmer mit mir? Reiß dich zusammen, Lilli Lachmann!

Isolde setzte sich zu Florian. Er rückte ein Stück zur Seite. Gespannt hielt ich den Atem an.

»Ich dachte, ich könnte dir die Wartezeit ein wenig versüßen.« Isolde beugte sich zu ihm, der Ausschnitt ihres Bademantels entblößte ihren üppigen nackten Busen.

Florian wand sich und starrte auf ihre Brüste.

»Ich weiß nicht, wenn Julia kommt …?«

Isolde legte ihm einen Finger auf die Lippen. »Julia kommt nicht so schnell, soweit ich das beurteilen kann, wenn ich an die letzten gemeinsamen Abende denke.« Sie küsste ihn auf den Mund, erst leicht, dann forscher. Er erwiderte ihren Kuss.

Lilli Lachmann war die Erste, die ich von Anfang an begleiten sollte. Bisher hatte ich nur mit älteren, erfahrenen Frauen zusammengearbeitet.

»Du bist jetzt so weit, dass du eine neue Haushörerin von Beginn an übernehmen kannst«, hatte Vero mir bei der letzten Versammlung eröffnet. »Du musst ihr Vertrauen gewinnen, ihr helfen und sie unterstützen. Im ersten Moment wird sie verwirrt sein, dir nicht glauben.«

»Okay, ich werde das schon hinkriegen«, hatte ich selbstbewusst entgegnet. Schließlich war ich seit fünf Jahren in der Gemeinschaft und kein Anfänger mehr.

Allerdings hatte ich nicht erwartet, dass sie so jung war – gerade mal zwanzig Jahre alt. Noch wusste sie von nichts, hatte nicht den Hauch einer Ahnung. Nun gut, die weiteren Schritte hingen von ihrer ersten Reaktion ab.

Ein Ruck und ich saß wieder auf dem Sofa. Mein Herz klopfte wild, mein Puls war bestimmt auf hundertachtzig. Was war das gewesen? Das war doch nicht wirklich geschehen? Ein Tagtraum wahrscheinlich, inspiriert von Isolde und ihrer merkwürdigen Fragerei bezüglich eines Freundes.

Ich beugte mich vor, legte meinen Kopf auf die Knie. Beruhige dich, Lilli, tief einatmen und wieder aus. Puh, vielleicht noch langsam bis zehn zählen? Eins, zwei, drei, vier …

Es klopfte an der Tür. Ich richtete mich auf. Isolde trat ein. Sie trug ihren gelben, wild gemusterten Jumpsuit.

»Und? Was meinst du?«, fragte sie und blickte mich prüfend an. »Geht es dir gut? Du siehst ein bisschen blass um die Nase aus.«

»Nein, alles bestens. Das Zimmer ist schön«, erklärte ich rasch, sprang auf und schwankte leicht auf meinen wackeligen Beinen. Wie beiläufig fragte ich: »Wie hieß eigentlich die letzte Mieterin, der das Sofa gehörte?«

»Julia«, antwortete Isolde, »warum?«

»Hatte sie einen Freund namens Florian?«, hakte ich nach.

»Ja!« Ein Lächeln trat in ihr Gesicht. »Kennst du ihn?« Ihre Augen leuchteten.

»Nur flüchtig, über eine Bekannte … deren Freundin, die Schwester …«, redete ich mich raus.

»Ach so.« Fast sah sie enttäuscht aus. »Also, ich habe weitere Interessentinnen, die sich in den nächsten Tagen das Zimmer anschauen werden«, erklärte sie. »Wenn du interessiert bist, bei uns einzuziehen, fülle mir baldmöglichst das Bewerbungsformular aus.« Sie übergab mir zwei Seiten Papier. »Du kannst es einscannen und mir per E-Mail senden.«

»Okay, vielen Dank. Ich melde mich«, sagte ich und war schon im Flur. Ich wollte schnell raus aus diesem Zimmer, aus dieser Wohnung.

»Es hat mich gefreut, dich kennenzulernen«, verabschiedete Isolde mich und reichte mir an der Tür die Hand.

»Danke und einen schönen Abend«, erwiderte ich.

Hastig zog ich meine feuchten Socken an und quetschte mich in die nassen Converse. Mit der Jacke in der Hand flüchtete ich die Treppe hinunter, riss die Haustür auf und prallte direkt in den Typen von vorhin.

»Ey!«, fauchten wir uns gegenseitig an.

»Mensch, Mädel, schalt doch deinen Kopf ein!«, sagte er genervt.

»Was? Tickst du noch richtig?«, motzte ich zurück. »Blockiere gefälligst nicht den Weg, das ist eine Fluchttür!«

Entgeistert blickte mich Lilli Lachmann an. Sie schien tatsächlich auf der Flucht zu sein, hatte wohl ihre erste Story erlebt. Sie stapfte an mir vorbei in den Regen, ohne ihre Jacke anzuziehen.

Das war ein mäßig erfolgreicher erster Kontakt. Ich seufzte und wählte Veros Telefonnummer.

»Vero, hier ist Ben.«

»Junger Mann, dürfte ich kurz vorbei?«, bat eine hochgewachsene rothaarige Frau, die einen gelben Einteiler mit wildem Muster trug. Sie hielt einen pinken Regenschirm in der Hand. Nun, sie polterte zumindest nicht so durch die »Fluchttür«.

»Aber gern, junge Frau«, antwortete ich charmant und ging ihr aus dem Weg.

Sie zwinkerte mir zu.

Kapitel 2

Die Jacke in der Hand, stapfte ich durch den Regen in Richtung U-Bahn-Station. Verärgert und verwirrt schlug ich gedanklich die Hände über dem Kopf zusammen. Hatte ich den Blödsinn mit der Fluchttür tatsächlich gesagt?

Schlagfertigkeit war noch nie meine Stärke. Aber was lungerte der Typ auch da rum?

An einer Bushaltestelle stellte ich mich im Wartehäuschen unter, zog die Jacke über und setzte mich auf die Bank. Ein Bus fuhr heran. Ich signalisierte dem Fahrer, dass ich nicht mitfahren wollte. Er setzte den Blinker und reihte sich wieder in den Verkehr ein.

In meinem Kopf rauschten die Gedanken. Was war das für eine komische Situation in der Wohnung gewesen? Hatte ich das wirklich erlebt? Oder hatte ich mich in einen Tagtraum verloren, mir Julias Freund nur vorgestellt? Und Isolde, wie sie zu ihm ging … Aber Isoldes leuchtende Augen hatten Bände gesprochen, als ich sie nach Julias Freund gefragt hatte. Er hieß Florian, das war sicher, und Isolde hatte den Namen zuvor nicht erwähnt. Auch Julias Namen nicht.

Vielleicht war es eine Warnung meines Unterbewusstseins? Oder eine Mischung aus Koffeinüberschuss, schlechtem Wetter und Aufregung – wegen des WG-Zimmers natürlich. Dieser unfreundliche Typ im Hauseingang konnte mir egal sein. Ich versuchte, die Erinnerung an ihn zur Seite zu schieben, und schlug mein gedankliches Notizbuch auf.

Auf der Seite zur WG-Besichtigung standen unter der Rubrik »positiv«: das Zimmer an sich, sauberer Kühlschrank, Balkon, Preis-Leistungs-Verhältnis sowie die Lage (Nähe zur Uni). Unter der Rubrik »Fragezeichen«: kein Fenster im Duschbad und im WC, kein Geschirrspüler, Waschküche im Keller, hierarchisches System im Badezimmerschrank.

Ich eröffnete eine weitere Rubrik »No-Gos«: Hauptmieterin macht mit Freund der WG-Bewohnerin rum! Nein, das ging gar nicht. Ich strich die ganze Seite zur WG mit einem fetten roten Kreuz durch. Abgehakt! Das Zimmer kam für mich nicht infrage, auch wenn ich momentan Single war. Das würde hoffentlich nicht ewig so bleiben. Und falls mir irgendwann der Mann meiner Träume begegnete, wäre es sehr beruhigend, Isolde nicht als Mitbewohnerin zu haben.

Zu allem Überdruss lungerte direkt vor der Haustür ein unverschämter Typ herum. Durch meinen Kopf hallte noch immer sein unfreundlicher Kommentar: »Mensch, Mädel, schalt doch deinen Kopf ein!«

Ich stand auf, nahm das Handy aus der Tasche und rief Becky an.

»Hey, Lilli!«, meldete sie sich sofort. »Weißt du schon das Neueste? Ich bekomme einen neuen Nachbarn. Soll ein heißer Typ sein«, plapperte sie munter drauflos. »Aber wie war denn die Besichtigung?«

»Ja, wie soll ich das sagen? Es war – komisch«, erwiderte ich.

»Komisch? Erzähl! Oder weißt du was? Komm doch auf einen Kaffee vorbei. Ich bin zu Hause«, schlug Becky vor.

»In Ordnung. Ich bin in einer halben Stunde bei dir, aber keinen Kaffee!« Davon hatte ich heute schon mehr als genug.

Ich machte mich auf den Weg zur U-Bahn-Station. Am Bahnhof lief ich bis nach vorn, wo der erste Waggon halten würde. Als der Zug einfuhr, blickte ich den Bahnsteig hinunter. War das etwa der Mensch-Mädel-Typ, der dahinten stand? Wir starrten uns für zehn Sekunden an, dann schaute ich weg und stieg ein.

Ich folgte der Neuen zur U-Bahn-Station. Sie sollte mich ruhig bemerken, sollte spüren, dass ich da war. Auch wenn sie nicht wusste, dass wir zukünftig als Team zusammenarbeiten würden.

»Die Beziehung zwischen Haushörerin und Storykeeper ist eine besondere«, hatte mich Vero instruiert, als ich vor fünf Jahren meinen Job begonnen hatte. »Sie basiert auf absolutem Vertrauen, Offenheit und Ehrlichkeit. Alles, was deine Haushörerin dir erzählt, dokumentierst du. Du darfst nichts hinzuerfinden oder hineininterpretieren. Wenn du etwas zwischen den Zeilen wahrnimmst, sprichst du die Haushörerin darauf an und fragst sie, ob du richtig liegst. Es wird Situationen geben, in denen sie sehr persönliche Storys erfährt, oder Momente, in denen ihr beide Mühe haben werdet, über etwas zu sprechen. Sei es, dass es um Gewalt, Verbrechen, Sex oder andere intime Themen geht. Eine Haushörerin muss ihrem Storykeeper alles bis ins kleinste Detail anvertrauen, sonst wird sie die Story eines Hauses nicht los. Ob positiv oder negativ, die Geschichte wird sie zermürben. Indem du aufmerksam zuhörst und nachfragst, hilfst du deiner Haushörerin. Du bist ihre seelische Stütze. Es haben sich schon Menschen umgebracht, weil sie mit den Erlebnissen nicht klargekommen sind.«

»Ich werde das hinkriegen«, hatte ich Vero damals entgegnet.

»Im Notfall gibt es unser Care-Team. Kontaktiere es rechtzeitig, bevor dir eine Story oder deine Haushörerin aus den Händen gleitet! Du bist für deine Haushörerin verantwortlich«, hatte Vero betont und mir eine rote Visitenkarte in die Hand gedrückt. Auf der Vorderseite stand in weißen Großbuchstaben CARE, auf der Rückseite eine Telefonnummer.

»Am schwierigsten ist es für die Haushörerin, ihre Gefühle in den Griff zu bekommen. Die Häuser vertrauen ihr einzelne Szenen oder komplette Geschichten an. Sie wird Ungerechtigkeit, Trauer, Wut oder Freude erleben. Sie ist jedoch nur Zuschauerin, kann nichts verändern und bleibt in der Szenerie machtlos. Belastend ist es, wenn sie etwas aus der eigenen Familie erfährt. So etwas ist natürlich auch möglich. In diesen Szenen übertragen die Häuser die Gefühle der beteiligten Hauptperson auf die Haushörerin. Das heißt, sie hört diese Story nicht nur, sondern erlebt sie intensiv mit allen Emotionen. Warum das so ist, wissen wir nicht. Vielleicht, um diesen persönlichen Storys mehr Nachdruck zu verleihen.«

Ich schaute auf die Visitenkarte, die zwischen Führerschein, HVV-Karte und Personalausweis auf der linken Seite meiner Handyhülle steckte. Bisher hatte ich sie nie gebraucht. Die Haushörerinnen, mit denen ich in den letzten Monaten und Jahren zusammengearbeitet hatte, waren mitteilsam gewesen und hatten gewusst, worauf es in unserem Job ankommt. Peinlich war ihnen nichts. Es hatte sich allerdings bei allen um »gestandene« Frauen gehandelt, wie man so schön sagt. Sie waren erfreut gewesen, mit einem charmanten jungen Mann wie mir zusammenzuarbeiten.

Die Bahn fuhr ein. Die Neue schaute zu mir, ich hielt den Blickkontakt, bis sie wegschaute, und stieg hinten ein. Für heute reichte es. Ich würde ihr nicht den ganzen Tag folgen, sondern mich auf den Weg nach Hause machen.

»Ciao, Lilli! Du bist klatschnass! Hast du keinen Schirm mitgenommen?«, begrüßte mich Becky und wich einen Schritt zurück. Als ob ich auf die Idee kommen könnte, sie zu umarmen, so nass wie ich war!

»Häng deine Sachen doch am besten draußen hin.«

So etwas hatte ich heute schon einmal gehört. Brav zog ich Jacke, Schuhe und Socken aus.

»Willst du die Jeans nicht auch ausziehen? Ich gebe dir eine Sporthose von mir. Sie wird dir zu kurz sein, aber wir sind ja unter uns.« Becky grinste mich an.

»Gern. Die Hose ziehe ich lieber drinnen aus.«

»Guckt doch keiner, aber wie du willst.«

Becky war schon vor einer Weile von zu Hause ausgezogen. Ihre 50 qm große Einzimmerwohnung war mit einer Küchennische und einem Duschbad ausgestattet. Ich folgte ihr in ihr Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer.

Becky holte eine dunkelblaue Jogginghose aus einer Kommode und drückte sie mir in die Hand.

»Brauchst du Socken?«, fragte sie und betrachtete meine nackten Füße.

Becky selbst trug bunte Wollsocken, gestrickt von einer Bewohnerin des Behindertenheims, in dem sie arbeitete. Sie machte dort ein Freiwilliges Soziales Jahr.

»Nein danke.«

Ich ging ins Bad und versuchte, mich aus der feuchten Skinny-Jeans zu schälen. Kein leichtes Unterfangen.

»Soll ich ziehen?« Becky schaute fragend um die Ecke.

Ich nickte, setzte mich auf den Toilettendeckel und hielt ihr meine Füße entgegen. »Hat man sich früher nicht mit Jeans in die Badewanne gelegt, damit sie hauteng sitzen?«

»Deine sitzt jedenfalls ziemlich eng«, bemerkte Becky. Sie brachte sich in Position und zerrte heftig an den Hosenenden. Endlich tat sich was, mit einem Ruck rutschte die Hose von den Beinen und Becky fiel auf den Hintern.

»Geschafft!« Sie lachte.

Die Jeans hängte ich über die Duschkabine, schlüpfte in die Jogginghose und schaute an meinen Beinen hinunter. »Sexy Hochwasser!«

»Hauptsache trocken. Du kannst auch in Unterhose laufen, wenn du magst. Das bin ich von zu Hause von meinem Vater gewöhnt.«

»Nee, da lass ich lieber die Hochwasserhose an.« Ich kicherte.

»Du möchtest also keinen Kaffee?«, fragte Becky. »Wie wäre es mit einem Rotbuschtee?«

»Gern.«

Ich machte es mir auf ihrem Ikea-Sofa bequem und klemmte eines der blau-weiß gestreiften Kissen vor den Bauch. Becky warf in der Küche den Wasserkocher an.

»Gefiel dir das Zimmer nicht? Du meintest vorhin, es war komisch?«

»Ja, irgendwie … komisch.«

Ich berichtete ihr vom fensterlosen Bad und WC, von der Waschküche im Keller und dem nicht vorhandenen Geschirrspüler. Den unfreundlichen Typen vor dem Haus erwähnte ich nicht. Warum auch? Der gehörte ja nicht zum Zimmer.

Becky goss den Tee auf, stellte die Kanne und zwei große Becher auf den kleinen Tisch neben der Couch und setzte sich zu mir.

»Die Vermieterin scheint etwas esoterisch angehaucht zu sein.«

»Findest du das problematisch?«

»Nein, aber ich glaube, sie macht sich an die Freunde ihrer Mitbewohnerinnen ran«, erklärte ich.

Becky runzelte die Stirn und zog eine Augenbraue hoch. »Das halte ich für nicht sonderlich esoterisch. Wie kommst du denn darauf?«

»Na weißt du, sie ist so groß wie ich, hat rote Haare …«

»Stopp! Ich habe auch rote Haare, also bitte! Habe ich mich jemals an Yannick rangemacht?«, unterbrach Becky mich empört.

»Nein, natürlich nicht. Es ist nicht wegen der roten Haare, sondern die gesamte Ausstrahlung. Wie soll ich das sagen? Sie wirkt sehr … betont weiblich«, druckste ich.

»Hast du mal wieder Minderwertigkeitskomplexe?« Becky verstand mich nicht. »Du kannst doch nicht wegen ihres Aussehens auf ihr Verhalten schließen, ohne dass du sie kennst.«

»Becky, ich weiß, dass du Vorurteile verabscheust. Aber glaube mir, ich habe meine Gründe, das zu denken«, beschwichtigte ich sie und schenkte uns Tee ein. Ich nahm den Becher, pustete, um den Tee etwas abzukühlen, und schlürfte vorsichtig einen Schluck.

Sollte ich es ihr erzählen? Sie würde mich für verrückt erklären. Aber sie war meine beste Freundin. Wem sonst, wenn nicht ihr, könnte ich mich anvertrauen?

»Sie hat mich in dem Zimmer allein gelassen, damit ich den Raum fühlen kann«, begann ich und betrachtete meine Finger.

»Das ist doch nett. Und? Hast du ihn gefühlt?«

»Na ja, es war merkwürdig, ich hatte eine Art Tagtraum. Ich bildete mir ein, dass der Freund der letzten Mieterin das Zimmer betrat, um auf seine Freundin zu warten. Und Isolde kam hinzu und verführte ihn. Das Ganze wirkte sehr real … auch ein bisschen unheimlich.« Ich blickte auf, in Beckys grüne Augen, die mich erwartungsvoll anschauten.

»Hallo? Und hast du ihn gefühlt, den Raum?«, erkundigte sie sich erneut. »Oder bist du so ergriffen davon, dass du mir nichts erzählen magst?«

Ihre Hand fuchtelte vor meinen Augen. »Hallo, Erde an Lilli!«

»Habe ich nichts erzählt?«, fragte ich sie verwirrt.

»Nein, du hast zwar den Mund aufgemacht, als wenn du sprechen wolltest, aber gesagt hast du nichts. Lilli, ist alles in Ordnung? Du wirkst echt etwas neben der Spur.« Becky legte besorgt ihre Hand auf meinen Oberarm.

Ich musste mich kurz sammeln. »Sorry, ich bin wohl ein bisschen von der Rolle heute«, entschuldigte ich mich. Gut, dass ich es nicht ausgesprochen hatte. Im Nachhinein betrachtet, schien es fast zu verrückt.

»Das Zimmer war schön, mit hohen Decken und großen Fenstern. Ich müsste allerdings so ein uraltes, abgenutztes französisches Sofa übernehmen oder es entsorgen. Und dann das fensterlose Bad und WC, kein Geschirrspüler und die Waschküche im Keller. Vom Bauchgefühl passt es für mich nicht.«

»Ohne Geschirrspüler geht gar nicht«, bekräftigte Becky. »Waschmaschine im Keller wäre okay, wenn man dort nette Nachbarn trifft.«

»Aha! Was ist denn jetzt mit deinem neuen Nachbarn?«, bohrte ich nach und lenkte das Thema in ein anderes Fahrwasser.

Zwei Stunden später fuhr ich heim und hatte erfahren, dass der neue Nachbar von Becky am Wochenende einziehen würde. Gemäß Karoline, der Nachbarin links von Becky, sei er ein »heißer« Typ. Gut aussehend natürlich. Er hätte auf sie einen intellektuellen Eindruck gemacht, er sei Lehrer. Also mindestens sieben Jahre älter als Becky.

Sie selbst hatte ihn noch nicht gesehen, schwärmte aber schon in den höchsten Tönen von ihm. Typisch Becky. Immer mit Herz und Leidenschaft dabei.

Mir fehlte gerade jegliche Energie. Meine Beine fühlten sich so schwer an wie nach einem 15-km-Lauf. Der Kopf war wie vernebelt und dröhnte leise vor sich hin. Ich rieb mir die Augen. Müde war ich und wollte nur ins Bett, tief und fest schlafen. Hatte ich mir was eingefangen? Und deshalb diesen komischen Tagtraum gehabt? Bei Becky war alles normal gewesen. Außer dass es mir so vorkam, als hätte ich ihr sehr wohl von Isolde und Florian erzählt. Merkwürdig. Könnte auch sein, dass sie nicht richtig zugehört hatte und gedanklich zu ihrem neuen Nachbarn abgedriftet war.

Ich schloss die Haustür auf: Gellendes Geschrei schallte mir entgegen. Oh nein, bitte nicht!, stöhnte ich innerlich.

Nils lief im Wohnzimmer hin und her und wiegte meinen weinenden Bruder auf dem Arm. Marie hielt einen feuchten Waschlappen an Thores Stirn.

»Was ist dieses Mal passiert?«, fragte ich laut, um das Geschrei zu übertönen.

»Hallo, Lilli!«, begrüßte mich Mom. »Ich habe dich gar nicht reinkommen hören.«

»Kein Wunder bei dem Lärm«, meinte ich trocken.

Nils schaute mich entschuldigend an. »Thore ist mit der Stirn am Tischbein hängen geblieben«, erklärte er.

»Oje, schlimm?«

»Gibt mal wieder eine Beule«, fügte meine Mom unerschütterlich hinzu und nahm den Waschlappen herunter. »Kein Weltuntergang.«

Langsam ging das Geschrei in Schluchzen über. Thore blickte mich mit triefender Nase und tränenverhangenen Augen an. »Aua«, jammerte er.

»Hey Thore, du bist doch ein tapferer kleiner Mann.« Vorsichtig strich ich ihm die blonden Locken aus der Stirn.

»Ich bin k. o. und habe Kopfschmerzen«, sagte ich zu Mom und Nils. »Ich gehe gleich ins Bett.«

Einem nach dem anderen drückte ich einen Kuss auf die Wange und lief die schmale Treppe hinab. Hier hatte ich mein kleines Reich, inklusive Bad mit Fenster, Waschmaschine und Trockner. Eigentlich sehr schön. Auf alle Fälle besser als das WG-Zimmer bei Isolde.

Beim Zähneputzen drängten sich ein nackter Busen und eine rote Chaiselongue in meine Gedanken. Die Szene lief wie im Schnelldurchlauf immer wieder ab. In der Schlusssequenz schauten mich braune Teddybäraugen vorwurfsvoll an.

»Mensch, Mädel, schalt doch deinen Kopf ein!«

Mein Spiegelbild zeigte gerötete Wangen und zerzauste Haare, die durch den Regen noch lockiger waren als sonst. Krank sah ich nicht aus. Warum fühlte ich mich dann so? Ich nahm eine Kopfschmerztablette aus dem Badezimmerschrank und schluckte sie mit kaltem Wasser aus dem Hahn runter. Dann legte ich mich ins Bett, wickelte mich in die Decke, knautschte ein Kuschelkissen vor den Bauch und versuchte, meine Gedanken abzuschalten. Wie praktisch wäre es, einen Power-off-Knopf zu haben.

Ein »Ping« erinnerte mich daran, dass ich das Handy nicht auf lautlos gestellt hatte. Ich langte auf den Nachttisch.

Eine Nachricht von meiner Schwester: »Wie war die Besichtigung? Und wann kommst du mal wieder zu uns? LG Susi.«

Ich schaltete den Ton aus, aktivierte den Flugmodus und legte das Handy beiseite; das hatte Zeit bis morgen. Nach vielem Hin- und-Her-Drehen schlief ich ein.

Florian, mein Süßer … Wie du möchtest, Florian … Du kennst dich ja aus … Ich lege mich erst mal trocken … Julia kommt nicht so schnell … Die Waschküche ist im Keller … Hast du einen Freund? Oder eine Freundin …? Ich könnte dir die Wartezeit versüßen … Mensch, Mädel, schalt doch deinen Kopf ein … Schalt doch deinen Kopf ein!

Verschwitzt fuhr ich hoch. Das Bett war zerwühlt. Ich schaute auf mein Handy: zwei Uhr, mitten in der Nacht. Ich hatte Mühe, wieder einzuschlafen, wälzte mich von der einen auf die andere Seite. Vielleicht half zählen? Keine Schäfchen, sondern Zahlen auf Französisch. Ich begann bei »un«. Immer wenn ich mich verzählte, zwang ich mich, wieder bei »un« anzufangen. Bis ich bei »cent quatre-vingt-dix-huit« in einen unruhigen Schlaf fiel.

Wie gerädert stand ich um acht Uhr auf, machte Katzenwäsche im Bad und zog meine Laufklamotten an. Fit fühlte ich mich nicht, doch Laufen half mir meistens, den Kopf freizubekommen.

In der Küche waren Marie, Nils und Thore am Frühstücken. Thore strahlte mich mit verschmiertem Mund aus seinem Hochstuhl an und streckte die Ärmchen nach mir aus.

»Guten Morgen, Lilli. Du gehst Laufen?«, fragte mich meine Mutter und drückte mir einen Kuss auf die Wange. »Was macht dein Kopf und wie war die Besichtigung gestern?«

»Es geht mir besser«, antwortete ich. »Das Zimmer ist nichts, heute schaue ich mir eine weitere WG an.« Mehr gab es dazu nicht zu sagen. Ich ergriff Thores Hände. »Was macht die Beule, junger Mann?«

»Halb so wild«, erklärte Nils. »Bis zur Hochzeit sieht man nichts mehr.«

Ich musste lachen. Schon großartig, wie entspannt Marie und Nils mit Thore umgingen. Aus einer Beule machten sie kein Drama. Na gut, meine Mom hatte mit meiner Schwester und mir genügend Erfahrungen gesammelt. Susi war da weniger gelassen, wenn es um ihre Töchter Mia und Pia ging. Vielleicht lag es daran, dass die Zwillinge einen schweren Start ins Leben hatten. Sie waren zu früh auf die Welt gekommen, Ende der 26. Schwangerschaftswoche. Mia hatte knapp 800 und Pia 600 Gramm gewogen. Das war eine belastende Zeit für die Familie, zumal Marie gerade ebenfalls schwanger war. Drei Monate nach den Zwillingen kam dann »Onkel Thore« auf die Welt. Schon ein bisschen verrückt, unsere Familienkonstellation.

Ich lief am Eilbekkanal entlang, konzentrierte mich auf die Bewegungen, den Atem und meine Sinne. Vogelzwitschern und das leise Rascheln der Blätter drangen an mein Ohr. Neben meinen knirschten weitere Schritte auf dem Weg. Offensichtlich war ich nicht die einzige Verrückte, die sich zu Sport am Morgen aufgerafft hatte.

Ich drehte mich um. Ein Jogger in grauer Trainingshose näherte sich. Die Kapuze seines dunkelblauen Hoodies hatte er über den Kopf gezogen. Er sah groß aus und schien trainiert. Zumindest lief er recht zügig.

Ich schaute nach vorn, versuchte, mich nicht antreiben zu lassen, sondern mein gemütliches Tempo beizubehalten.

»Lust auf einen kleinen Wettsprint?«, fragte mich eine tiefe Stimme. Braune Teddybäraugen sahen mich von der Seite an. Der Mensch-Mädel-Typ von gestern! Was machte der denn hier? Mein Puls beschleunigte sich.

»Nein danke!«, lehnte ich ab.

»Bloß bis da vorn zum Spielplatz. Oder hast du Angst, dass du verlierst?«, forderte mich der Typ heraus.

»Nein, ich habe nur meinen Kopf eingeschaltet«, gab ich schnippisch zurück.

»Ach komm schon, Lilli …«

Ich blieb abrupt stehen, er lief vor mir auf der Stelle.

»Woher weißt du meinen Namen?«, fragte ich verwirrt.

»Ich bin eben ein Naturtalent.« Er zwinkerte mir zu und grinste frech. »Bis später, Lilli!« Er sprintete los und verschwand schon bald aus meiner Sichtweite.

Durcheinander und aufgeregt lief ich nach Hause. Mein Gedankenkarussell drehte sich auf Hochtouren. Doch bei allen Vor- und-Zurück-Überlegungen kam stets eines heraus: Ich kannte den Typen nicht. Gestern hatte ich ihn das erste Mal gesehen. Woher kannte er dann meinen Namen? Ob er hier in der Gegend wohnte, vielleicht über Nils oder Marie von mir wusste? Schon ein merkwürdiger Zufall, dass er ausgerechnet hier entlanggejoggt war. »Bis später«, hatte er gesagt. Na, wir werden sehen. Er schuldete mir zumindest eine Erklärung, falls wir uns tatsächlich wiedersehen sollten.

Der Gedanke daran verursachte ein aufregendes Kribbeln in meinem Bauch. Oh Lilli, ermahnte ich mich selbst, verlier nicht gleich den Verstand! Auch wenn ich zugeben musste, dass er gut aussah, irgendwas war komisch an ihm. Irgendetwas stimmte nicht.

Das lief doch nicht schlecht. Zufrieden joggte ich nach Hause.

Das kleine Einfamilienhaus, das ich von Großtante Ella geerbt hatte, wirkte unscheinbar – fast spießig, wenn es nicht so heruntergekommen wäre. Die Spalierrosen am Hauseingang waren Ellas ganzer Stolz gewesen. Ich hingegen mochte lieber den Lavendel. Sein Duft zog vom Garten bis in mein Schlafzimmer im Obergeschoss. Er erinnerte mich an meine Eltern.

Als ich sieben Jahre alt war, hatten wir die Sommermonate in einem uralten Bauernhaus in der Provence verbracht. Die blühenden Lavendelfelder waren mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Es war der letzte gemeinsame Sommer mit meinen Eltern gewesen. Im darauffolgenden Jahr starben sie bei einem Autounfall. Ich wurde Vollwaise. Großtante Ella nahm mich zu sich und zog mich auf.

Vor zwei Jahren war Ella gestorben. Sie hatte eines Morgens vornübergebeugt am Küchentisch gesessen, als ich nach einer durchzechten Nacht heimgekommen war. Der Notarzt hatte nur ihren Tod feststellen können. Ich war der einzige lebende Familienangehörige, und so ging ihr Haus an mich.

Es wäre einiges zu renovieren. Mir fehlten schlichtweg die Zeit und die Lust dazu. Im Innern sah es immer noch so aus wie vor zwei Jahren: die dunklen, schweren Eichenmöbel im Wohnzimmer, die crèmefarbene Satincouch und zwei passende Sessel mit wulstigen Armlehnen und Bommeln am unteren Rand. Die gelbe Stehlampe in der Ecke.

Ich war eh allein und verbrachte nicht viel Zeit zu Hause. Eine Frau hatte ich nie mit hierhergenommen. Es erschien mir nicht passend. Oder mir war nie die Richtige über den Weg gelaufen.

Ich ging ins Badezimmer, warf meine verschwitzten Klamotten auf den Boden, drehte die Dusche heiß auf und kaltes Wasser dazu. Irgendwann würde ich mir zumindest eine neue Duscharmatur organisieren.

Kapitel 3

Die zweite WG kam nicht infrage. Die Wohnung lag im fünften Stock eines Wohnblocks ohne Fahrstuhl. Das Zimmer war klein, zehn Quadratmeter, und zu dunkel. Der Typ, der es vermieten wollte, sah mit seinen Piercings an den Augenbrauen etwas unheimlich aus.

»Keine Vorurteile, Lilli!«, hätte mir Becky wieder in den Ohren gelegen. Trotzdem. Die weiße Ratte auf seiner Schulter mochte ein liebes Haustier sein, doch ihren roten Augen wollte ich lieber nicht nochmals begegnen. Schon gar nicht nachts.

Ich schulterte meinen Rucksack und lief die Treppen aus dem fünften Stock hinunter. Mein Handy vibrierte: eine Nachricht von Yannick. In letzter Zeit meldete er sich ziemlich oft.

»Lust auf einen Drink?«, fragte er.

»Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist«, schrieb ich zurück.

»Wollten doch Freunde bleiben. Freunde gehen miteinander was trinken.«

Ich zögerte, und bevor ich ihm antworten konnte, vibrierte es erneut.

»Oder hast du einen Neuen?«

»Nein«, schrieb ich ihm.

»In einer halben Stunde in Omas Stube?«

Ich bezweifelte, dass das mit der Freunde-bleiben-Variante funktionieren würde. Unsere Trennung lag ein gutes halbes Jahr zurück. Am Anfang hatte sich Yannick noch fast täglich bei mir gemeldet. Dann war Sendepause gewesen. Ich hatte ihn mit verschiedenen Frauen zusammen gesehen. In den letzten Wochen hatte er mich ab und an beim Haus abgepasst, mir geschrieben und sich wieder als recht anhänglich erwiesen.

Trotz meiner Bedenken sprach doch nichts gegen einen netten Abend unter Freunden. Omas Stube war nicht weit von Beckys Wohnung entfernt. Sollte es mir zu heikel werden, könnte ich zu ihr flüchten.

»Okay«, schrieb ich.

»Bis später«, antwortete er, dazu ein Kuss-Smiley. Oh nein, nur keine falschen Hoffnungen, Yannick!

Ich schob mein Rad den Gehweg entlang, den Lenker in der einen, das Handy in der anderen Hand. Gleichzeitig versuchte ich, Becky per WhatsApp upzudaten. Ruckartig blieb ich stehen, der Fahrradreifen war gegen einen Laternenpfahl gestoßen.

»Du solltest besser aufpassen, wo du hinläufst«, hörte ich eine tiefe Stimme. Ich blickte auf.

Der Mensch-Mädel-Typ sah mich vorwurfsvoll an. Er fasste mir an die linke Schulter.

»Lass mich los!« Ich schüttelte seine Hand ab und versuchte, die Wärme, die sich an der Stelle ausbreitete, zu ignorieren. »Was fällt dir ein! Wer bist du überhaupt? Verfolgst du mich? Bist du so ein verrückter Stalker, oder was?«

Er hielt beide Hände hoch, als würde er sich ergeben. Ich steckte das Handy weg und schob mein Fahrrad weiter.

Der Typ ließ sich nicht so leicht abschütteln. Na, das würden wir ja sehen. Schwungvoll stieg ich aufs Rad und fuhr los.

Schnell hatte er mich eingeholt und joggte neben mir her. »Waren das rhetorische Fragen oder willst du Antworten?«, fragte er mich gelassen. Er war nicht mal außer Atem. Ich trat fester in die Pedale.

Er blieb stehen. »Wie war das zweite WG-Zimmer?«, rief er hinter mir her.

Ich fuhr stur weiter. Woher wusste er das? Wieso kannte er mich und was wollte er? Wollte ich das überhaupt wissen? Der Typ war unheimlich. Mit Stalkern hatte ich bisher keine Erfahrungen gemacht. Ich drehte mich kurz um, zum Glück folgte er mir nicht.

Zwanzig Minuten später kam ich bei Omas Stube an. Immer noch adrenalingeladen. Ich schloss mein Fahrrad an, atmete tief durch und ging – nicht ohne mich nochmals umzusehen – hinein.

Yannick winkte mir aus der hintersten Ecke zu. Er hatte seine blonden Haare kürzer schneiden lassen und sah lässig aus in seiner dunkelgrauen Sweatshirtjacke über dem weißen Poloshirt. Da hatte er sich ja ein gemütliches Eckchen ausgesucht. Das Sofa bot gerade mal Platz für zwei. Auf dem kleinen runden Beistelltisch lagen die Getränke- und Speisekarte sowie Bierdeckel.

»Hallo, Lilli! Schön, dich zu sehen!« Er umarmte mich und begrüßte mich mit einem Kuss, der auf meiner Wange nah am Mundwinkel landete.

»Hallo«, erwiderte ich und löste mich schnell von ihm.

»Bist du im Stress? Du wirkst abgehetzt, konntest es wohl kaum erwarten, mich zu sehen.« Yannick fläzte sich auf das Sofa und legte den Arm auf den oberen Sofarand.

»Träum weiter«, entgegnete ich und setzte mich möglichst weit weg von ihm, an die äußerste Kante.

»Was darf ich euch bringen?«, fragte uns die Bedienung, eine Frau mit langen schwarzen Haaren, vermutlich Extensions, und knallrot geschminkten Lippen, die aufgespritzt aussahen. Sie trug ein enges schwarzes Top, das ihre hochgedrückten Brüste – ich tippte auf Implantate – so richtig schön zur Geltung brachte. Nur die Tattoos auf dem Arm passten nicht zum künstlichen Tussi-Look. Yannick starrte sie an.

»Ein Guinness bitte«, sagte ich. Nach den Erlebnissen gestern und heute brauchte ich etwas Kräftiges.

»Für mich auch. Ein kräftiges Bier für einen kräftigen Typ wie mich«, erklärte Yannick und zwinkerte ihr zu.

»Ich kann dir auch eine warme Milch mit Honig bringen«, entgegnete Miss Botox-Extensions.

Ich schmunzelte und Yannick verfolgte, wie sie mit schwingenden Hüften hinter der Bar verschwand.

»Hey!«, stieß ich ihm meinen Ellbogen zwischen die Rippen. »Mach den Mund wieder zu.«

Yannick leckte sich die Lippen. »Geiles Fahrgestell!«

»Bah, bist du eklig!« Ich reichte ihm ein Taschentuch: »Hier, damit du deinen Sabber abwischen kannst«, und schmiss ihm zwei Bierdeckel an den Kopf. Lachend wehrte er sie ab und warf sie zu mir zurück.

»Vorsicht!« Die Kellnerin stellte unser Bier auf den Tisch. »Zum Wohl!«

»Prost, auf uns!« Yannick hielt mir sein Glas zum Anstoßen hin.

»Cheers!«, erwiderte ich und trank einen großen Schluck.

»Was macht die Wohnungssuche? Schon etwas gefunden?«, fragte Yannick.

»Leider nicht«, erklärte ich und berichtete ihm von den beiden Zimmern.

»Euer Haus ist doch cool. Warum willst du unbedingt ausziehen?«

»Ich finde, das gehört dazu: studieren, ausziehen, auf eigenen Füßen stehen.« Ich trank einen weiteren Schluck. »Zu Hause fühle ich mich wohl. Nur manchmal habe ich den Eindruck, Marie und Nils würden sich etwas mehr Zweisamkeit wünschen.«

»Da störst du doch weniger als Thore«, entgegnete Yannick. »Jedenfalls bist du deutlich ruhiger.« Er grinste. »Ich ziehe mit meinem Bruder zusammen. Ein Zimmer wäre noch frei, falls du interessiert bist.«

»Du und Fabian, eine gemeinsame Wohnung?«, zweifelte ich. Fabian war zwar zwei Jahre älter als Yannick, aber auch ein Luftikus mit Hang zum Chaos. »Und ich soll euch dann den Haushalt machen, oder wie hast du dir das vorgestellt?«

»Mir das Bett wärmen wäre nicht schlecht.« Yannick rückte näher und legte seinen Arm um meine Schultern.

»Das ist eine miserable Idee! Nein danke.« Ich schob seinen Arm zurück.

»Gib uns doch eine Chance«, raunte er mir ins Ohr.

Das lief definitiv in die falsche Richtung.

»Nein! Ich dachte, wir treffen uns als Freunde«, hielt ich ihm vor.

Er legte den Kopf schief und versuchte es mit seinem Hundewelpenblick. Ich verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust.

»War doch nur ein Vorschlag«, brummte Yannick. »Ich gehe mal kurz für Königstiger.« Er stand auf und grinste. »Vielleicht will das schwarzhaarige geile Fahrgestell bei uns einziehen.«

Ich schüttelte den Kopf. Ihm war nicht mehr zu helfen. Ich hätte mich besser nicht mit Yannick treffen sollen.

Seufzend lehnte ich mich zurück und schloss die Augen. Mein Kopf dröhnte schon wieder. Ich legte die Hände aufs Sofa, der graue Bezug fühlte sich rau unter den Fingern an. Mir wurde schwummrig, als hätte ich plötzlich Watte im Kopf. Die Biergläser auf dem Tisch verschwammen vor meinen Augen. Ich hatte das Gefühl, eine Orkanböe würde mich packen und kraftvoll mitreißen. Ich klammerte mich an die Tischkante. Mein Puls beschleunigte sich. Panik stieg in mir auf. Woher kam diese erneute Attacke?

Ich riss die Augen auf. Omas Stube sah mit einem Mal anders aus. Wo eben Sessel, Tische und Stühle gestanden hatten, befanden sich Regale. In großen Gläsern präsentierten sich Süßigkeiten: Himbeersahnebonbons, Lakritzstangen, Salmis, bunte Lollis; auf weiteren Regalen Marmelade, Wurst in Dosen, Seife in Stücken, Waschpulverboxen, Mehl, Zucker, Salz. Statt auf dem Sofa saß ich auf einem Holzstuhl in einer Ecke hinter einem Verkaufstresen. Das Sitzkissen steckte in einem gehäkelten dunkelbraun-orange gestreiften Bezug.

»Kling!«, läutete eine Türglocke. Ein schmales Mädchen mit dünnen Beinen kam herein. Ich schätzte es auf etwa sechs Jahre. Sie trug ein schlichtes dunkelblaues Baumwollkleid und lief barfuß. Ihre blonden Haare waren zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst. In der rechten Hand hielt sie etwas fest umklammert.

»Oma, Kundschaft!«, rief eine brüchige Männerstimme aus einem Nebenraum.

Eine ältere Frau mit gekrümmtem Rücken schlurfte herein. Ihre grauen Haare hatte sie zu einem Dutt gebunden. In ihrem geblümten Haushaltskittel und braunen Hausschuhen erinnerte sie mich an die Omas, die den lieben langen Tag am Fenster saßen und beobachteten, ob draußen alles seinen gewohnten Gang ging. Sie blinzelte das Mädchen durch ihre kleinen geröteten Augen an. Mich schien niemand zu bemerken.

»Was darf es sein, mein Kind?«

»Für fünf Pfennig Lakritze«, sagte das Mädchen leise, stellte sich auf die Zehenspitzen und schob ein Geldstück auf den Tresen.

»Wie bitte?«, fragte die Oma nach und legte eine Hand hinter ihre Ohrmuschel.

»Für fünf Pfennig Lakritze«, wiederholte das Mädchen lauter.

Mit einem erneuten »Kling!« sprang die Tür auf. Eine Frau stürmte herein. Sie sah bieder und spießig aus in ihrer blütenweißen Bluse, dem grauen Rock und der blickdichten hautfarbenen Strumpfhose. Ihre Haare wirkten an den Kopf geklebt, ihre Mundwinkel hingen missmutig und streng nach unten. Sie riss das Mädchen grob an den Armen und schüttelte es.

»Mathilda, was machst du hier?«, schimpfte sie. »Du sollst dein Geld nicht für unnützen Kram ausgeben. Was willst du hier?«

Die Kleine presste fest ihre Lippen aufeinander.

»Sprich, Kind!«

»Lakritze«, flüsterte Mathilda. Tränen stiegen in ihre blauen Augen. Sie zog die schmalen Schultern hoch und ihren Kopf ein. Klatsch links, klatsch rechts, schallten die beiden Ohrfeigen.

»Hören Sie auf!«, schrie ich die Frau an. Sie reagierte nicht und zerrte das leise schluchzende Mädchen mit sich hinaus.

Die Oma hinter dem Tresen ließ das Geldstück in ihre Tasche gleiten und verschwand in den Nebenraum.

»Hey, Moment mal!«, rief ich entrüstet. »Das ist nicht Ihr Geld!«

Doch auch sie reagierte nicht.

Was für eine Ungerechtigkeit! Mir tat das Mädchen furchtbar leid. In meinen Augen standen Tränen. Warum hatte ich nicht eingreifen können? Was sollte das? Innerlich aufgewühlt riss es mich wieder zurück.

»Lilli?« Yannick ließ sich aufs Sofa gleiten und schaute mich prüfend an. »Ist alles in Ordnung? Weinst du etwa?«, erkundigte er sich irritiert. »Das mit der Schwarzhaarigen habe ich nicht so gemeint. Du weißt doch, dass ich auf braunhaarige Lockenköpfchen stehe.« Wieder legte er den Arm um meine Schultern. Er zog mich an sich. Ziemlich durcheinander kramte ich ein Taschentuch aus meiner Hosentasche und tupfte mir die Augen trocken.

»Sorry, es ist alles gut. Ich habe nur einen Schluck Bier in die Nase bekommen«, redete ich mich raus und wand mich aus seiner Umarmung. Obwohl mir danach war, mich an einer starken Schulter auszuheulen, ohne etwas erklären zu müssen. Was mit mir los war, verstand ich ja selbst nicht.

»Mensch, Lilli, du sollst das Bier trinken und nicht inhalieren«, entgegnete Yannick amüsiert.

»Na dann, zum Wohl!« Ich hielt ihm mein Glas zum Anstoßen hin und atmete tief durch. »Wann ziehst du mit deinem Bruder zusammen?« Hauptsache von mir ablenken.

Ich ließ Yannick reden, fragte ab und zu nach, warf »Mhm, jaja, aha« ein und vergaß sofort wieder, was er gesagt hatte. So ging das eine ganze Weile.

»Darf es für euch zwei noch etwas sein?«, erkundigte sich die Schwarzhaarige.

»Für mich nicht, danke. Ich würde gern zahlen«, antwortete ich und kramte im Rucksack nach meinem Portemonnaie.

»Lass mal, das geht auf mich.« Yannick zog einen Zehner aus seiner Hosentasche und drückte ihn der Bedienung in die Hand. »Stimmt so.«

»Danke«, sagte sie und steckte den Schein ins Portemonnaie, das an einer Kette an ihrem Hosenbund befestigt war. »Euch zwei noch einen schönen Abend!«

Yannick ergriff meine Hand und erklärte: »Danke, den werden wir haben. Nicht wahr, Lilli?« Er schaute mich anzüglich an.

Ich ignorierte ihn und fragte die Schwarzhaarige: »War hier früher mal so eine Art Kaufmannsladen drin?«

»Ja, das ist aber schon ewig her; nach dem Krieg bis Anfang der Siebzigerjahre oder so.«

Ich schluckte.

»Die Chefin erzählt gern die alten Geschichten. Frag sie am besten, wenn du mal wieder da bist.« Miss Botox-Extensions verschwand hinter der Bar.

Ich entriss Yannick meine Hand.

»Kommst du nicht mit zu mir?« Er setzte wieder seinen Hundewelpenblick auf. »Ich könnte dir meine Spielesammlung zeigen«, schlug er zweideutig vor.

»So verlockend das auch klingt: nein!«, erteilte ich ihm die nächste Abfuhr. Irgendwann musste er es begreifen. Er zog maulend eine Flunsch und begleitete mich nach draußen.

Mein Herz stolperte. Am Laternenpfahl, an den ich das Fahrrad angeschlossen hatte, lehnte er: der Mensch-Mädel-Typ. Was wollte der jetzt schon wieder?

»Hallo, Lilli, alles in Ordnung?«, fragte er, als ob wir uns schon ewig kennen würden.

»Willst du mir deinen Bekannten nicht vorstellen?«, forderte Yannick mich mit einem säuerlichen Unterton auf. Er blickte erst ihn und dann mich kritisch an.

Der Typ lächelte, ein oberflächliches Zahnpasta-Werbe-Lächeln. Seine braunen Augen sahen eher besorgt aus. Er reichte Yannick die Hand.

»Ich bin Ben, Ben Meier. Meier mit großem M und kleinem eier.«

Ich merkte, dass ich errötete, und stöhnte innerlich auf. Geschmackloser ging es nicht. Das toppte sogar Yannicks Sprüche.

»Yannick. Ich bin der Ex«, stellte sich Yannick vor. »Dann noch einen schönen Abend euch zwei.« Fragend zog er seine Augenbrauen hoch, küsste mich auf den Mund und machte einen schnellen Abgang. Mit dem Handrücken wischte ich mir über die Lippen.

»Ben Meier?« Misstrauisch musterte ich ihn. Seine dunkelblonden Haare sahen wirr aus. Einzelne Locken kringelten sich kurz oberhalb seiner Ohren. Er trug wieder die dunkelblaue Softshelljacke mit den senkrechten roten Streifen an den Ärmeln, dazu dunkelblaue Jeans und rote Sneakers.

»Und?«, meinte er nach meiner auffälligen Musterung und lächelte. Ein kleines Grübchen zeigte sich in der rechten Wange. Seine Lippen sahen weich aus. Ich spürte, dass mir heiß im Gesicht wurde.

Mensch, Lilli, du bist echt total durch den Wind, schimpfte ich gedanklich mit mir selbst. Frage ihn jetzt, was er von dir will, woher er dich kennt, oder flüchte schleunigst!

Fragen, fragen, flüchten – okay.

»Ben Meier, ist das ein Fake oder dein richtiger Name?«, begann ich und gab mich möglichst gelassen.

»Das ist mein richtiger Name. Ganz korrekt wäre Ben Jonny Meier.« Seine Mundwinkel zuckten, er schien amüsiert über die Frage.

»Ganz blöder Spruch übrigens«, murmelte ich. Nebenbei versuchte ich, mein Fahrrad aufzuschließen, um für die dritte F-Phase »Flüchten« bereit zu sein. Leider hatte sich das Schloss verklemmt.

»Kann ich dir helfen?«

Seine Hände berührten meine. Sie hinterließen wieder diese kribbelnde Wärme. Er öffnete das Schloss und schaute mich prüfend an. Erwartete er, dass ich etwas sagen würde? Er war mir eine Erklärung schuldig! Für eine Sekunde verharrten wir beide. Spannung baute sich zwischen uns auf.

»Für fünf Pfennig Lakritze!«, schob sich plötzlich in meinen Kopf. Erneut hörte ich das Klatschen der beiden Ohrfeigen.

Ich zuckte zusammen. »Nein!«

»Was nein?« Ben fasste mir an die Schultern, zog mich näher und blickte in meine Augen, als wolle er in ihnen lesen. »Lilli, du kannst mir vertrauen«, beschwor er mich eindringlich.

Ich verschränkte die Arme vor meinem Bauch und kämpfte mit den Emotionen, die in mir tobten. Machtlosigkeit und Wut, dass ich nichts hatte tun können. Ich war empört und traurig, hatte Mitleid mit dem Mädchen. Wie gern hätte ich sie getröstet.

Wieso sollte ich diesem Typ vertrauen? Schließlich kannte ich ihn gar nicht! Fragen, fragen, flüchten, flüsterte mir mein Unterbewusstsein erneut zu. Ich wich von Ben zurück, schnappte mein Fahrrad und wandte mich ab, damit er meine aufsteigenden Tränen nicht sah.

»Lilli, lauf nicht weg!«, redete er auf mich ein. »Wir gehören zusammen. Als Team.«

»Ich kenne dich überhaupt nicht!«, wehrte ich seine Worte ab und ließ meinem Gefühlsdurcheinander seinen Lauf. »Was willst du von mir?«

»Mit dir reden, dir einiges erklären, aber dafür musst du mir die Chance geben«, entgegnete Ben.

»Ich muss los!« Aufgewühlt schwang ich mich aufs Fahrrad, nahm beinahe einen Hydranten mit und fuhr davon.

So wie meine Gefühle im Bauch klumpten sich meine Gedanken im Kopf zu einem Kloß zusammen. Ein Hammer begann energisch auf ihm herumzuklopfen und ließ meinen Schädel brummen.

Mist! Ich hatte sie fast. Ich war so nah dran. Mensch, das Mädel ist nicht so einfach. Normalerweise hatte ich keine Mühe, mit Frauen ins Gespräch zu kommen. Was war nur mit ihr los?