Die Herrin von Wildfell Hall - Anne Brontë - E-Book

Die Herrin von Wildfell Hall E-Book

Anne Bronte

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Beschreibung

In "Die Herrin von Wildfell Hall" entfaltet Anne Brontë ein tiefgründiges und aufrüttelndes Porträt der viktorianischen Frauenrolle. Durch die Geschichte von Helen Graham, die in einem geheimnisvollen Landhaus lebt, thematisiert der Roman Geschlechterrollen, gesellschaftliche Normen und die Suche nach Selbstbestimmung. Brontës stilistische Finesse und ihr realistischer Ansatz vermitteln nicht nur die emotionalen Wirren der Protagonistin, sondern auch die moralischen Dilemmata ihrer Zeit. Die Verwendung eines Rahmen-Erzählkonzepts verleiht dem Werk zusätzliche Tiefe und unterstreicht die Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen und individueller Freiheit in einer restriktiven Gesellschaft. Anne Brontë, geboren 1820 als Teil des berühmten Brontë-Schwestern-Trios, wuchs in einer Umgebung auf, die von literarischer Kreativität geprägt war. Ihre eigenen Erfahrungen mit der Beschränkung weiblicher Möglichkeiten und die direkte Beobachtung der gesellschaftlichen Missstände beeinflussten ihre Entscheidung, dieses Werk zu verfassen. Durch ihr engagiertes Eintreten für Frauenrechte und soziale Reformen zeigt Brontë eine bemerkenswerte Sensibilität für die Herausforderungen, denen Frauen im 19. Jahrhundert gegenüberstanden. Für Leser, die sich für feministische Literatur und gesellschaftskritische Themen interessieren, ist "Die Herrin von Wildfell Hall" ein unverzichtbares Werk. Brontës packende Erzählung und die komplexe Charakterführung bieten sowohl historische Einblicke als auch universelle Fragen zur Menschlichkeit und Identität. Dieses Buch lädt den Leser ein, über die Definition von Freiheit und die Kostbarkeit des persönlichen Glücks nachzudenken. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Anne Brontë

Die Herrin von Wildfell Hall

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Harald Ziegler
EAN 8596547733126
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Die Herrin von Wildfell Hall
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Im Kern erzählt dieses Buch vom Mut einer Frau, die ihr Leben gegen die engen Schranken ihrer Zeit behauptet. Hinter dieser knappen Formel entfaltet sich ein vielschichtiges Geflecht aus Moral, gesellschaftlicher Kontrolle und persönlicher Verantwortung. Die einsame, verwitterte Kulisse von Wildfell Hall wird zum Resonanzraum stiller Auflehnung: Nicht das Spektakel, sondern die Konsequenz alltäglicher Entscheidungen steht im Mittelpunkt. Anne Brontë interessiert sich weniger für romantische Ausschmückung als für die Wahrheit menschlichen Verhaltens. So wird das Private politisch sichtbar: Wer handelt, trägt Folgen – für sich, für Kinder, für eine ganze Gemeinschaft, die schaut, urteilt und schweigt.

Die Herrin von Wildfell Hall, im Original The Tenant of Wildfell Hall, erschien 1848 in London und wurde anonym unter dem Pseudonym Acton Bell veröffentlicht. Autorin ist Anne Brontë (1820–1849), die Jüngste der drei literarisch berühmten Brontë-Schwestern. Es ist ihr zweiter und letzter Roman und gehört zur Literatur der frühen viktorianischen Ära. Zeitgeschichtlich steht das Werk an der Schwelle intensiver Debatten über Frauenrechte, Ehegesetzgebung und soziale Reform. Die nüchterne, beobachtende Erzählweise verbindet moralische Dringlichkeit mit realistischer Genauigkeit und positioniert den Roman als bewusstes Gegenstück zu romantisierender Unterhaltungsliteratur seiner Zeit.

Die Ausgangssituation ist bewusst schlicht: Eine zurückgezogen lebende junge Frau, die sich Helen Graham nennt, zieht mit einem kleinen Kind und einer Begleiterin in das verfallene Wildfell Hall ein. Die ländliche Nachbarschaft reagiert mit Neugier, Mutmaßungen und wachsendem Interesse. Ein junger Mann aus der Umgebung fühlt sich angezogen von der neuen Mieterin, doch Fragen nach Herkunft, Motiven und Grenzen der Annäherung bleiben offen. Aus dieser Konstellation entsteht ein Spannungsfeld zwischen Reputation und Wahrheit, zwischen gesellschaftlicher Etikette und dem Bedürfnis nach Aufrichtigkeit. Mehr zu wissen, bedeutet nicht automatisch, mehr zu verstehen.

Als Klassiker gilt dieser Roman, weil er Themen verhandelt, die lange Zeit am Rand des literarischen Kanons standen: häusliche Machtverhältnisse, Sucht und moralische Mitverantwortung, die ökonomische Abhängigkeit von Frauen sowie die Härte öffentlicher Meinung. Seine Wirkung beruht auf Unerschrockenheit und Formenbewusstsein. Anne Brontë zeigt, dass ethischer Ernst und erzählerische Spannung einander nicht ausschließen. Das Werk polarisierte frühe Leserinnen und Leser und prägte spätere Debatten über realistische Darstellungen ungemütlicher Wahrheiten. Es erweiterte den erzählbaren Bereich des Romans und beeinflusste Generationen, die über weibliche Selbstbestimmung neu nachdachten.

Erzählt wird mit einer markanten Rahmentechnik: Ein Briefbericht bildet den äußeren Rahmen, in den eine ausführliche Tagebucherzählung eingefügt ist. Diese Verschachtelung eröffnet eine doppelte Perspektive: erst der Blick der Gemeinschaft, dann die innere Stimme der Frau, die ihre Erfahrungen protokolliert. Dadurch entsteht eine besondere Spannung zwischen Wahrnehmung und Selbstzeugnis. Der Leser wird vom Hörensagen zu unmittelbarem Erleben geführt und sieht, wie sich Gerücht und Dokument, Mutmaßung und Erinnerung reiben. Die Form ist nicht bloß Kunstgriff, sondern Ausdruck des Themas: Wer spricht, aus welcher Position, und mit welchem Anspruch auf Wahrheit?

Die Entstehungszeit ist von restriktiven Ehe- und Eigentumsgesetzen geprägt, die verheiratete Frauen in zahlreichen Belangen entmündigten. Fragen von Vormundschaft, wirtschaftlicher Sicherheit und gesellschaftlicher Reputation bestimmten Lebenswege stärker als individuelle Wünsche. In diesem Rahmen stellt der Roman die politische Dimension des Privaten aus, ohne sich in Traktate zu verwandeln. Weil die Konflikte aus konkreten Umständen entstehen, wirken sie bis heute verständlich. Anne Brontë zeigt, welche Kräfte der Konvention auf Entscheidungen lasten und wie schwer es ist, einen moralischen Kompass zu behaupten, wenn Rechtslage und Öffentlichkeit andere Maßstäbe setzen.

Stilistisch verbindet der Text Klarheit mit dichter Anschaulichkeit. Landschaft, Witterung und Hausarchitektur spiegeln seelische Zustände, ohne zur bloßen Allegorie zu verflachen. Das verfallene Wildfell Hall steht als materielles Zeugnis einer Vergangenheit, die nicht vergeht, und als Schauplatz, an dem Wahrnehmungen geschärft werden. Dialoge haben Gewicht, weil sie soziale Rollen freilegen; Beschreibungen tragen, weil sie Handlungsmotive erfahrbar machen. Statt glatter Sentenzen bietet der Roman prozesshafte Erkenntnis: Figuren irren, lernen, verfehlen, ringen. Die literarische Form hält dieses Ringen aus und lädt dazu ein, Geduld als Lesetugend zu entdecken.

Im Schatten berühmter Schwestern behauptet Anne Brontë eine eigensinnige ästhetische Position. Im Vergleich zu Charlotte Brontës romantischer Energie und Emily Brontës wilder Mythopoetik wirkt ihr Zugriff zurückhaltender, beinahe dokumentarisch. Doch gerade diese Nüchternheit macht die Sprengkraft aus: Das Ungeheure erscheint nicht als außergewöhnliches Ereignis, sondern als Summe alltäglicher Entscheidungen, Ausreden und Gewohnheiten. Der Roman schärft so den Blick für Strukturen, nicht bloß für Individuen. Er zeigt, wie gefährlich es ist, Leid zu ästhetisieren, und wie notwendig, es erkennbar zu machen, um Handlungsspielräume zu öffnen.

Zeitgenössisch stieß das Buch auf Zustimmung und Unbehagen zugleich. Viele würdigten die moralische Ernsthaftigkeit; andere monierten die kompromisslose Darstellung unattraktiver Realitäten. Später wurde das Werk von Kritik und Forschung als frühes feministisches Schlüsselbuch neu gelesen und in der englischsprachigen Tradition herausgehoben. Es hat Diskussionen über Darstellbarkeit häuslicher Gewalt, über Sucht, Erziehung und Verantwortung befeuert. Dass die Lektüre herausfordert, gehört zu seiner Wirkungsgeschichte. Der Roman hat Bühne und Bildschirm erreicht und Leserinnen und Leser unterschiedlicher Epochen zu engagierten Debatten angeregt.

Thematisch bleibt Die Herrin von Wildfell Hall erstaunlich gegenwartsnah. Er fragt, wie sich Integrität in einem Klima der Beobachtung behaupten lässt, und wie viel Wahrheit eine Gemeinschaft erträgt, die ihren Frieden aus dem Anschein zieht. Er zeigt die sozialen Folgen zerstörerischer Gewohnheiten und die Anfälligkeit von Ruf und Gerücht. Er verhandelt Grenzen der Empathie: Wo endet Mitgefühl, wo beginnt Beihilfe? Und er verankert Autonomie nicht in großen Gesten, sondern in der mühsamen, oft unspektakulären Beharrlichkeit des Alltags. Diese Konstellationen sprechen über Epochen und Kulturen hinweg.

Die Kunst des Romans liegt auch in der sorgfältigen Figurenzeichnung. Neben der geheimnisvollen Mieterin stehen Menschen, die zwischen Pflicht, Begehren und Konvention pendeln: Angehörige, Nachbarinnen und Nachbarn, Beobachter und Mitläufer. Das Wechselspiel von Nähe und Distanz, von Erzählen und Verschweigen erzeugt Spannung, ohne Sensation zu suchen. Besonders eindrucksvoll ist, wie die Tagebuchstimme eine weibliche Perspektive autorisiert, die das öffentliche Gerede kontert. So entsteht ein literarischer Raum, in dem Verletzlichkeit und Urteilskraft zusammengehen und moralische Kategorien nicht als Etiketten, sondern als Ergebnisse von Erfahrung erscheinen.

Heute lohnt die Lektüre, weil der Roman Fragen stellt, die noch immer offen sind: Wer definiert Anständigkeit, und wer trägt die Lasten der Entscheidungen? Wie funktionieren Gerüchteökonomien in kleinen und großen Öffentlichkeiten? Welche Ressourcen braucht Selbstbestimmung, jenseits von Slogans? Anne Brontës Werk bleibt aktuell, weil es präzise beobachtet, woran Integrität im Alltag sich bewährt, und weil es die Vorstellungskraft ethisch beansprucht. Die Herrin von Wildfell Hall ist deshalb mehr als ein historisches Dokument: ein lebendiger Prüfstein dafür, wie Literatur Wahrheit sagen kann, ohne ihre Figuren preiszugeben.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

In Anne Brontës Roman Die Herrin von Wildfell Hall wird die Geschichte in einem rückblickenden Briefrahmen erzählt. Der Erzähler, ein junger Landwirt, schildert das Aufsehen, das die Ankunft einer zurückgezogen lebenden Malerin, die sich als Mrs. Graham vorstellt, in einer nordenglischen Dorfgemeinschaft erregt. Sie bezieht das verfallene Wildfell Hall und lebt dort mit ihrem kleinen Sohn und einer treuen Dienerin. Die Bewohner reagieren mit Neugier, Argwohn und Klatsch, denn die Fremde wahrt Distanz und gibt wenig über ihre Vergangenheit preis. Von Anfang an entsteht ein Spannungsfeld aus gesellschaftlicher Konvention, persönlicher Integrität und der Sehnsucht nach Wahrheit.

Der Erzähler nähert sich Mrs. Graham behutsam an und bewundert ihre Unabhängigkeit wie ihre künstlerische Arbeit. Sie zeigt sich gebildet, standhaft und moralisch konsequent, lehnt frivole Scherze ab und weicht zweideutigen Situationen aus. Gerade diese Haltung provoziert den Dorfklatsch: Man deutet ihre Zurückhaltung als Anmaßung oder Geheimnistuerei. In der Familie des Erzählers und seinem Bekanntenkreis wachsen Vorbehalte, während er selbst zunehmend Sympathie und Respekt empfindet. Zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und individueller Zuneigung verschärfen sich leise Konflikte, die sein Urteilsvermögen fordern und die Frage aufwerfen, wie verlässlich Wahrnehmung und Ruf tatsächlich sind.

Als Gerüchte über eine angebliche Beziehung zwischen Mrs. Graham und einem diskret auftretenden Besucher die Runde machen, verschiebt sich die Dynamik. Missverständnisse, Eifersucht und verletzter Stolz führen zu einer unbedachten Handlung des Erzählers, die eine Zäsur markiert. Die Dorfgemeinschaft fühlt sich in ihren Annahmen bestätigt, und die Distanz zur Fremden wächst. Zugleich mehren sich beim Erzähler Zweifel an den eigenen Motiven und an der Moral des Kollektivurteils. Dieser Wendepunkt verschärft die zentrale Frage des Romans: Wie lässt sich Wahrheit erkennen, wenn Schein, Hörensagen und persönliche Projektionen die Sicht verstellen?

In dieser angespannten Lage vertraut Mrs. Graham dem Erzähler ihre Vergangenheit an und überreicht ihm ihr Tagebuch. Der Erzählduktus wechselt zu ihrer Stimme: Als junge Frau, von Idealen und Hoffnung getragen, begegnet sie einem charmanten Verehrer, dessen Lebendigkeit und Anziehungskraft Warnungen erfahrenerer Ratgeber überstrahlen. Es kommt zur Heirat, getragen von der Illusion, Charaktertugend durch Liebe festigen zu können. Die ersten Monate scheinen diese Hoffnung zu bestätigen, doch kleine Zeichen des Leichtsinns, die zuvor romantisch wirkten, gewinnen an Gewicht. Der Tagebuchteil etabliert die zweite Erzählperspektive und begründet die spätere Entschlossenheit der Protagonistin.

Allmählich offenbart der Ehemann sein zerstörerisches Wesen: Oberflächliche Vergnügen, exzessiver Alkoholkonsum, der Einfluss rücksichtsloser Freunde und eine Verachtung moralischer Schranken prägen den häuslichen Alltag. Aus Charme wird Spott, aus Unbeschwertheit Verantwortungslosigkeit. Die Protagonistin versucht, durch vernünftige Gespräche, geduldige Fürsorge und religiös untermauerte Prinzipien gegenzusteuern, doch ihr Partner reagiert mit Demütigungen und Launen. Mit der Geburt des Sohnes treten neue Sorgen in den Vordergrund: Welche Werte wachsen in einer Umgebung, die Respekt und Selbstbeherrschung verhöhnt? Das Heim wird zum Schauplatz einer langsamen, realistischen Tragödie des Alltags.

Als die Grenzüberschreitungen des Ehemanns offener werden, verdichten sich Gefahr und Erniedrigung zu einer existenziellen Bedrohung. Die Protagonistin erkennt, dass die Erziehung ihres Kindes in einem verrohten Umfeld scheitern muss. Gleichzeitig fesseln sie die Gesetze ihrer Zeit: Eigentum, Einkommen und Sorgerecht liegen beim Ehemann; eigenständige Schritte riskieren Ruf, Sicherheit und rechtliche Ansprüche. Mit Hilfe einer loyalen Dienerin schmiedet sie dennoch einen Plan, auf ihre Kunst gestützt den Unterhalt zu sichern. Unter einem schützenden Namen nimmt sie ein neues Leben auf Wildfell Hall auf – ein Akt der Selbstbehauptung gegen ein feindliches System.

Durch das Tagebuch erhält der Erzähler die Schlüssel zum Verständnis der Fremden und ihrer Entschlossenheit. Rückblick und Gegenwart verschränken sich: Sein eigenes Verhalten erscheint ihm nun in anderem Licht, und er ringt darum, Verantwortung zu übernehmen, ohne ihre verletzliche Lage zu kompromittieren. In der Dorfgemeinschaft bröckeln Vorurteile, doch rechtliche Risiken und moralische Zwänge bleiben bestehen. Ein Zugriff aus der Vergangenheit gefährdet die mühsam erlangte Sicherheit und verlangt Entscheidungen, die Gesetzestreue, Mitgefühl und persönliche Standhaftigkeit auf die Probe stellen. Der Roman steuert auf eine Klärung zu, ohne den moralischen Konflikt vorschnell zu glätten.

Thematisch entfaltet der Text ein eindringliches Panorama häuslicher Gewalt, Sucht und sozialer Komplizenschaft. Brontë verknüpft eine psychologisch genaue Beobachtung privater Tyrannei mit einer Kritik an rechtlichen Strukturen, die Frauen ökonomisch und familiär entmündigen. Religiosität erscheint nicht als bloßes Dogma, sondern als ethische Ressource zur Selbstachtung und Verantwortung. Die doppelte Perspektive – Briefrahmen und Tagebuch – schafft Nähe, ermöglicht Gegenprüfung und zeigt, wie unsichere Informationen Urteile verzerren. Der nüchterne Realismus der Szenen, gepaart mit moralischer Ernsthaftigkeit, gibt dem Werk seine nachhaltige Überzeugungskraft und dokumentarische Schärfe.

Ohne die abschließenden Ereignisse vorwegzunehmen, bleibt Die Herrin von Wildfell Hall ein Plädoyer für Selbstbestimmung, den Schutz von Kindern und die Pflicht, destruktiven Einflüssen Grenzen zu setzen. Der Roman, 1848 veröffentlicht, sprengte Konventionen, indem er häusliche Missstände unverblümt benannte und die rechtliche Lage von Ehefrauen problematisierte. Seine Wirkung liegt in der Verbindung aus erzählerischer Spannung und sozialer Diagnose: Er fordert dazu auf, Mitgefühl mit Zivilcourage zu verbinden und moralische Verantwortung über bloßen Schein zu stellen. So bleibt die Geschichte als frühe, mutige Stimme der Erneuerung und der Hoffnung auf verantwortetes Handeln bedeutsam.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Die Herrin von Wildfell Hall entstand im frühen Viktorianischen England, einer Gesellschaft, die von der anglikanischen Kirche, dem Common Law, dem Landadel und einer rasch wachsenden Mittelklasse geprägt war. Patriarchale Autorität bestimmte das Eherecht, die Erziehung und die Sittenaufsicht. Das ländliche Yorkshire mit seinen Pfarreien und verstreuten Gütern bildete den sozialen Hintergrund für viele Beobachtungen der Brontës. Während Städte wie Leeds und Bradford industrialisierten, blieb die Welt der kleinen Landbesitzer und Pächter von lokalen Hierarchien, Patronage und reputationsorientierten Normen bestimmt. Dieses Spannungsfeld aus Tradition, religiöser Moralmacht und ökonomischem Wandel bildet die Folie des Romans.

Der Roman erschien 1848 anonym unter dem Pseudonym Acton Bell, das Anne Brontë wählte, um geschlechtsspezifischen Vorurteilen im Literaturbetrieb zu entgehen. Herausgeber war Thomas Cautley Newby, der bereits die Werke ihrer Schwestern veröffentlicht hatte. Die Jahreszahl 1848 markiert nicht nur politische Unruhen in Europa, sondern im britischen Buchmarkt die Hochphase des dreibändigen Leihbibliotheksromans. Das Werk steht in unmittelbarer zeitlicher Nachbarschaft zu Jane Eyre und Wuthering Heights (1847) und wurde als Teil eines neuen, realistischeren Erzählstils wahrgenommen, der Haushalt, Moral und Machtverhältnisse im privaten Raum zum Gegenstand ernsthafter literarischer Auseinandersetzung machte.

Rechtlich war die Ehe durch das Prinzip der Coverture bestimmt: Mit der Heirat ging die Rechtsidentität der Frau weitgehend im Ehemann auf. Besitz, Einkommen und Sorgerechte wurden dem Mann zugerechnet. Ehescheidungen waren der Gerichtsbarkeit der anglikanischen Kirche unterstellt und als vollständige Scheidung praktisch nur durch teure Parlamentsakte erreichbar. Trennungen „von Tisch und Bett“ waren zwar möglich, boten Frauen jedoch keinen umfassenden Schutz und keine gesicherte wirtschaftliche Grundlage. Diese Rahmenbedingungen machten die häusliche Sphäre zu einem Ort potenzieller Abhängigkeit, deren Risiken Anne Brontë ohne Beschönigung thematisierte.

In den 1830er und 1850er Jahren begannen reformerische Eingriffe in das Familienrecht. Das Custody of Infants Act von 1839 gewährte einigen Müttern erstmals begrenzte Sorgerechte für sehr junge Kinder, blieb jedoch restriktiv. Erst mit dem Matrimonial Causes Act von 1857 wurde ein ziviles Scheidungsgericht eingeführt, das Scheidungen für eine breitere Schicht – wenn auch weiterhin ungleich für Männer und Frauen – zugänglich machte. Der Roman, der vor diesen Reformen entstand, antizipiert die Debatte, indem er die konkreten Folgen ungleicher Rechtspositionen zeigt und damit zeitgenössische Argumente für besseren Schutz von Ehefrauen und Müttern stützt.

Eine zentrale gesellschaftliche Auseinandersetzung der 1830er und 1840er Jahre betraf den Alkohol. Nach dem Beerhouse Act von 1830 stieg die Zahl einfacher Schankstätten; zugleich verbreiteten sich Temperance‑Vereine, die Mäßigung oder Abstinenz propagierten. In Industriestädten, aber auch im ländlichen Raum, galt Trunksucht als Quelle moralischer und wirtschaftlicher Verwahrlosung. Der Roman verknüpft private und öffentliche Moral, indem er die zerstörerischen Wirkungen von Alkohol auf Ehe, Erziehung und soziale Beziehungen darstellt und so an eine breitere Reformbewegung anknüpft, die Laster als gesellschaftliches, nicht nur individuelles Problem verstand.

Die Ideologie der „separate spheres“ verortete Männer in Öffentlichkeit, Politik und Erwerb, Frauen im häuslichen Bereich. Weibliche Tugend wurde als Bewahrerin des häuslichen Friedens stilisiert, während wirtschaftliche Selbstbestimmung misstrauisch beäugt wurde. Dennoch wuchs der informelle Arbeitsmarkt für Frauen: Gouvernantenstellen, Näharbeiten und künstlerische Tätigkeiten boten begrenzte Einkommensmöglichkeiten. Die Figur einer Frau, die durch Kunst ihren Lebensunterhalt zu sichern versucht, steht exemplarisch für die prekären, gesellschaftlich gerade noch akzeptierten Erwerbsformen der Zeit – ein stiller, aber deutlicher Kommentar zu den engen Grenzen weiblicher Autonomie.

Religiöse Strömungen prägten das moralische Klima. Der evangelikale Flügel innerhalb der Church of England setzte auf persönliche Frömmigkeit, Nüchternheit und soziale Reform. Gleichzeitig formten Dissenters und Methodisten lokale Kulturen des Pflichtbewusstseins. Annes Vater war Pfarrer in Haworth, und die religiöse Ernsthaftigkeit des Milieus spiegelt sich in der ethischen Argumentation des Romans: Pflicht gegenüber Gott und Kind wird gegen konventionelle Vorstellungen von Geduld und Unterordnung abgewogen. Diese Matrix erlaubt es, weibliches Handeln nicht als Rebellion um ihrer selbst willen, sondern als moralische Notwendigkeit zu begründen.

Die dargestellte Welt des Landadels und der „gentlemanly“ Freizeit ist von Jagdgesellschaften, Clubkultur, Trinkgelagen und Glücksspiel geprägt. Solche Männlichkeitsrituale galten als Standesmarker, kollidierten jedoch mit bürgerlichen Tugenden von Disziplin und Verantwortlichkeit. Der Roman entlarvt diese Praktiken als sozial akzeptierte Ausreden für Verantwortungslosigkeit, deren Kosten Frauen und Kinder tragen. Er schließt damit an zeitgenössische Kritik an der „rake“-Kultur an, die in Periodika diskutiert wurde, und unterstützt das Argument, dass moralische Reformen nicht nur die Arbeiterklassen, sondern auch die Oberschichten betreffen müssten.

Die Ökonomie des Buchmarkts formte Inhalt und Empfang. Dreiteilige Romane waren auf Leihbibliotheken angewiesen, die zugleich als moralische Gatekeeper agierten. Werke, die als „derb“ oder „unweiblich“ galten, riskierten eingeschränkte Verbreitung. Die erste Aufnahme des Romans war umstritten: Kritiker beanstandeten seine schonungslose Darstellung lasterhaften Verhaltens, während Befürworter die Wahrhaftigkeit lobten. In der zweiten Auflage fügte Anne Brontë ein Vorwort hinzu, das die Pflicht zur Darstellung der Wahrheit gegen Forderungen nach beschönigender „Zartheit“ verteidigte – ein signifikantes Dokument der Debatte über Realismus und Sittlichkeit.

Die Brontë‑Schwestern veröffentlichten zunächst unter geschlechtsneutralen Pseudonymen, um Vorurteile gegenüber Autorinnen und die Risikofreude von Verlagen zu umgehen. Enthüllungen über ihre Identität wurden vom Publikum mit Neugier und Skepsis aufgenommen, was Diskussionen über „weibliche“ Themen in seriöser Prosa befeuerte. Nach Anne Brontës frühem Tod 1849 äußerte Charlotte Brontë Vorbehalte gegen die Härte des Romans und zögerte Neuauflagen. Diese familiäre und verlegerische Konstellation trug zur relativen Seltenheit späterer 19.‑Jahrhundert‑Ausgaben bei und prägte den Rezeptionsrahmen: Die moralische Botschaft geriet vorübergehend in den Schatten der Kontroverse.

Region und Landschaft sind mehr als Kulisse. Haworth und die Yorkshire‑Moore lagen zwischen rasch wachsenden Industriezonen und zähen ländlichen Strukturen. Die Topographie begünstigte soziale Abgeschlossenheit kleiner Gemeinden, in denen Gerüchte, Kirchgang und Nachbarschaftsaufsicht soziale Kontrolle ausübten. Zugleich rückten mit neuen Straßen und, in den 1840er Jahren, Eisenbahnlinien ferne Zentren näher. Dieses Nebeneinander von Nähe und Distanz erklärt die ambivalente Mobilität im Roman: Flucht und Rückzug sind physisch möglich, sozial jedoch riskant. Der Raum macht die Kosten sozialer Normverletzung sichtbar – eine Erfahrung, die im Norden Englands alltäglich war.

Ökonomisch prägten die „Hungry Forties“ eine Zeit von Krisen, Missernten und Arbeitslosigkeit, auch wenn die Landgüter der Gentry relativ abgesichert schienen. Der Druck auf Pachtverhältnisse, verschuldete Erben und schwankende Einnahmen aus Grundrenten führte zu Erosionen alter Lebensformen. Verfallende Landsitze und schlecht geführte Güter symbolisieren im kulturellen Imaginären den moralischen und finanziellen Niedergang ihrer Besitzer. Gegen diese Realität setzt der Roman die Vorstellung verantwortlicher Haushaltsführung und nüchterner Tugend. Die Kritik zielt damit nicht nur auf individuelle Schwäche, sondern auf ein Standesethos, das Privileg ohne Pflichterfüllung legitimierte.

Die Dokumentform des Romans – Tagebuchauszüge, Briefe, Erzählrahmen – knüpft an eine Kultur intensiver Schriftpraxis an. Die Alphabetisierung nahm im frühen 19. Jahrhundert zu, und mit der Einführung des Penny Post 1840 wurde Korrespondenz billiger und sicherer. Leserinnen aus den wachsenden Mittelschichten suchten in Fiktion moralische Anleitung und psychologische Wahrhaftigkeit. Der dokumentarische Stil bot Authentizität und passte zur zeitgenössischen Vorliebe für Fallgeschichten und Lebensberichte. Zugleich erlaubt die Form, weibliche Erfahrung als Beweismaterial gegen gesellschaftliche Mythen der harmonischen Ehe zu inszenieren – eine subtile, aber wirkungsvolle Strategie.

Politisch war Großbritannien zwischen Reform Act 1832 und den Chartistenpetitionen (1838–1848) von Debatten um Teilhabe, Recht und Autorität geprägt. Obgleich der Roman den häuslichen Bereich fokussiert, spiegelt er diese Fragen im Kleinen: Wer ist rechenschaftspflichtig? Welche Institutionen schützen Verwundbare? Die mangelnde justizielle Zugänglichkeit für Ehefrauen und die informelle Macht lokaler Eliten erscheinen als häusliche Entsprechung politischer Unausgewogenheit. Die Gegenüberstellung individueller Gewissenspflicht und institutioneller Trägheit macht die häusliche Handlung zu einer Art Mikropolitik – im Einklang mit breiteren Forderungen nach Transparenz und Gerechtigkeit.

Der Londoner Kunstmarkt bot Frauen begrenzte Chancen. Aquarellmalerei galt als „genteel“ und konnte über Händler oder Ausstellungen in Gesellschaften monetarisiert werden, auch wenn professionelle Anerkennung selten war. Unterricht in Zeichnen und Musik gehörte zur weiblichen Erziehung der Mittelschicht, was ein Minimum an Technik sicherte. Die Möglichkeit, mit Bildern Einkommen zu erzielen, blieb prekär: schwankende Nachfrage, männliche Mittler, moralische Argwöhnischkeit gegenüber weiblicher Erwerbstätigkeit. Indem der Roman eine solche Erwerbsstrategie plausibel macht, zeigt er eine konkrete – wenn auch fragile – Route zur Selbsthilfe in einem Rechtsrahmen, der weibliches Eigentum nicht schützte.

Die Reaktionen der Zeitgenossen schwankten zwischen Empörung und Anerkennung. Manche Rezensenten brandmarkten die Detailgenauigkeit häuslicher Brutalität als unziemlich; andere betonten die Nützlichkeit moralischer Abschreckung. Leihbibliotheken und Familienlesekreise entschieden oft nach dem Kriterium der „Respektabilität“, was die Reichweite beeinflusste. Gleichwohl kursierten Debatten in periodischen Zeitschriften, und das Werk fand Leserinnen, die in der Darstellung weiblicher Handlungsfähigkeit ein rares Echo eigener Erfahrungen sahen. Spätere Juristinnen und Reformerinnen verwiesen auf solche literarischen Zeugnisse, wenn sie für besseren Schutz bei Grausamkeit, Sorgerecht und Eigentumsrechten argumentierten.

Die Brontë‑Familie stand in einem Klima zunehmender Professionalisierung des Schriftstellerberufs. Dampfbetriebene Druckmaschinen, größere Auflagen und ein expandierender Buchhandel führten zu breiteren Leserschaften, doch ökonomische Zwänge verführten Verleger zu kalkulierter Risikovermeidung. Unter Pseudonym zu veröffentlichen, half, Vorurteile zu umgehen, verringerte aber die Möglichkeit, die eigene Intention zu autorisieren. Annes prägnante Verteidigung des Realismus in ihrer Vorrede ist auch ein Akt professioneller Selbstpositionierung: Sie beansprucht die Autorität, häusliche Wahrheiten gegen die Konvention der Verschwiegenheit öffentlich zu machen – trotz Marktdrucks und moralischer Überwachungsgremien der Branche.', 'Im Ergebnis bietet Die Herrin von Wildfell Hall einen scharfen Kommentar zur frühen viktorianischen Ordnung. Der Roman kritisiert das Eherecht der Coverture, die Doppelmoral des Standeslebens und die gesellschaftliche Duldung von Laster, indem er die konkreten Kosten sichtbar macht. Er antizipiert rechtliche und soziale Reformen, ohne deren spätere Ergebnisse vorwegzunehmen, und bindet private Gewissensentscheidungen an eine öffentliche Ethik der Verantwortlichkeit. So dient das Buch als Brücke zwischen der moralischen Ernsthaftigkeit religiöser Reform und den juristischen Debatten um Sorgerecht und Scheidung – ein Werk, das seine Zeit nicht nur spiegelt, sondern herausfordert.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Anne Brontë (1820–1849) war eine englische Romanautorin und Lyrikerin der frühen viktorianischen Zeit, deren Werk durch scharfes moralisches Bewusstsein und nüchternen Realismus auffällt. Mit Agnes Grey und The Tenant of Wildfell Hall schuf sie prägnante Studien über Erwerbsarbeit, häusliche Machtverhältnisse und individuelle Gewissensfreiheit. Ihre Stimme verbindet religiös geprägte Pflichtethik mit beobachtender Genauigkeit und einem nüchternen Stil, der Konventionen ihrer Epoche herausfordert. Obwohl ihr Œuvre schmal ist, gilt es als einflussreich für Debatten über weibliche Selbstbestimmung und soziale Verantwortung in der Prosa des 19. Jahrhunderts. Brontë blieb lange weniger bekannt, wurde jedoch im 20. Jahrhundert neu bewertet.

Aufgewachsen in West Yorkshire, erhielt Anne Brontë eine Erziehung, die literarisches Lesen mit religiös-sittlicher Unterweisung verband. Nach früher Hausbildung besuchte sie Miss Woolers Schule in Roe Head, deren Unterricht in Sprachen, Literatur und Geschichte ihr Fundament vertiefte. Zeittypische Debatten, wie sie in Magazinen kursierten, sowie die Romantik und eine evangelikal geprägte Ethik prägten ihren Blick auf Charakterbildung und gesellschaftliche Pflichten. Als junge Dichterin schulte sie ihre Stimme in strengen Strophenformen und reflektierte dabei Fragen von Gewissen, Verzicht und Hoffnung. Diese Ausbildung, verbunden mit aufmerksamer Lektüre zeitgenössischer Prosa, bereitete den Übergang zur realistischen Erzählkunst, für die ihre Romane bekannt wurden.

In den späten 1830er- und frühen 1840er-Jahren arbeitete Brontë als Gouvernante, zunächst bei einer Familie in Blake Hall und anschließend mehrere Jahre in Thorp Green Hall nahe York. Die Tätigkeit gewährte Einblicke in die prekäre Stellung von Erzieherinnen zwischen bürgerlicher Erwartung, geringer Autorität und materieller Abhängigkeit. Ihre Erfahrungen mit Unterricht, Disziplin und sozialer Distanz flossen später in die Gestaltung von Agnes Grey ein. Zugleich schrieb sie Gedichte und übte das genaue Beobachten von Milieus, Sitten und Sprache. Aufenthalte an der Küste, die sie während dieser Jahre erlebte, schärften zudem ihre Landschaftswahrnehmung und lieferten Motive, die sie in Prosa- und Lyrikpassagen verdichtete.

1846 erschien der Gedichtband Poems by Currer, Ellis and Acton Bell, veröffentlicht unter geschlechtsneutralen Pseudonymen, um Vorurteilen des Buchmarkts zu begegnen. Brontës Anteil zeigt eine klare, didaktisch grundierte Sensibilität und ein Interesse an innerer Bewährung. 1847 folgte ihr Debütroman Agnes Grey bei Thomas Cautley Newby. Das Buch zeichnet mit zurückhaltender Ironie und beobachtender Präzision den Berufsalltag einer Gouvernante; es vermeidet Sensationsmittel und legt Wert auf moralische Folgerichtigkeit. Zeitgenössische Reaktionen waren gemischt, doch anerkannten mehrere Rezensenten die Glaubwürdigkeit der Schilderungen. Agnes Grey etablierte Brontë als Prosaschriftstellerin, die soziale Realität und Pflichtethik unpathetisch, aber eindringlich zusammenzuführen verstand.

Bereits 1848 publizierte sie The Tenant of Wildfell Hall, einen formal ambitionierten, teilweise epistolaren Roman, der Grenzen des zeitgenössischen Anstandsdiskurses testete. Das Werk behandelt zerstörerischen Alkoholmissbrauch, häusliche Tyrannei und die eingeschränkten Rechte verheirateter Frauen, wobei es die ethischen und rechtlichen Konsequenzen nüchtern abwägt. Der Roman stieß auf beträchtliche Resonanz: kommerziell erfolgreich, zugleich kontrovers diskutiert. In der Vorrede zur zweiten Auflage verteidigte Brontë die Verpflichtung, „Wahrheit“ auch dort zu sagen, wo sie unangenehm sei, und begründete den realistischen Zugriff als moralisch notwendig. The Tenant of Wildfell Hall gilt heute als Meilenstein frühfeministischer und sozialkritischer britischer Prosa.

Die späten 1840er-Jahre brachten gesundheitliche Rückschläge; eine sich verschlimmernde Tuberkulose begrenzte ihre Kräfte. Dennoch hielt Brontë an einer disziplinierten Arbeitsweise fest und verfasste weitere Gedichte, die ihr ästhetisches Programm der Wahrhaftigkeit und Zurückhaltung fortsetzten. 1849 reiste sie in der Hoffnung auf Besserung nach Scarborough an die Küste. Die Kur half nicht; sie starb dort im Mai 1849 im Alter von neunundzwanzig Jahren und wurde in Scarborough beigesetzt. Ihr früher Tod unterbrach eine Entwicklung, die von wachsender stilistischer Sicherheit und inhaltlicher Kühnheit gekennzeichnet war, und hinterließ ein Werk, dessen Geschlossenheit gerade aus seiner Knappheit resultiert.

Brontës Nachruhm war lange von Kanonbildungsprozessen überlagert, die andere Stimmen bevorzugten. Seit dem späten 20. Jahrhundert jedoch erfährt ihr Werk intensive wissenschaftliche Aufmerksamkeit. The Tenant of Wildfell Hall wird als entscheidender Beitrag zur Diskussion über rechtliche und moralische Handlungsräume von Frauen gelesen; Agnes Grey gilt als präzise Studie prekärer Erwerbsarbeit. Beide Romane gelten als frühe, klar strukturierte Beispiele eines ethisch motivierten Realismus, der ohne Sentimentalität auskommt. Ihre Gedichte werden wegen schlichter Diktion und gedanklicher Stringenz geschätzt. Heute ist Brontë fester Bestandteil von Lehre, Editionen und Debatten zur sozialen Imagination des viktorianischen Romans.

Die Herrin von Wildfell Hall

Hauptinhaltsverzeichnis
Erster Theil.
An Lord Halford Esq.
Erstes Kapitel. Eine Entdeckung.
Zweites Kapitel. Eine Zusammenkunft.
Drittes Kapitel. Eine Controverse.
Viertes Kapitel. Die Gesellschaft.
Fünftes Kapitel. Das Atelier.
Sechstes Kapitel. Fortschritte.
Siebentes Kapitel. Die Excursionen.
Achtes Kapitel. Das Geschenk.
Neuntes Kapitel. Eine Schlange im Grase.
Zehntes Kapitel. Ein Kontrakt und ein Zank.
Elftes Kapitel. Wieder der Vikar.
Zwölftes Kapitel. Ein tête-à-tête und eine Entdeckung.
Dreizehntes Kapitel. Die Rückkehr zur Pflicht.
Vierzehntes Kapitel. Ein Straßenanfall.
Fünfzehntes Kapitel. Eine Begegnung und ihre Folgen.
Sechzehntes Kapitel. Die Wanderungen der Erfahrung.
Zweiter Theil.
Erstes Kapitel. Weitere Warnungen.
Zweites Kapitel. Das Portrait.
Drittes Kapitel. Ein Ereigniß.
Viertes Kapitel. Beharrlichkeit.
Fünftes Kapitel. Ansichten.
Sechstes Kapitel. Freundschaftsstückchen.
Siebentes Kapitel. Erste Ehewochen.
Achtes Kapitel. Der erste Zank.
Neuntes Kapitel. Erste Abwesenheit.
Zehntes Kapitel. Die Gäste.
Elftes Kapitel. Ein Vergehen.
Zwölftes Kapitel. Vaterliebe.
Dreizehntes Kapitel. Der Nachbar.
Vierzehntes Kapitel. Häusliche Scenen.
Dritter Theil.
Erstes Kapitel. Gesellige Vorzüge.
Zweites Kapitel. Vergleichungen. — Zurückgewiesene Mittheilungen.
Drittes Kapitel. Zwei Abende.
Viertes Kapitel. Schweigen.
Fünftes Kapitel. Herausforderungen.
Sechstes Kapitel. Einsamkeit zu Zweien.
Siebentes Kapitel. Wieder der Nachbar.
Achtes Kapitel. Der betrogene Mann.
Neuntes Kapitel. Ein Fluchtplan.
Zehntes Kapitel. Ein Mißgeschick.
Elftes Kapitel. Die Hoffnung sproßt ewig in der menschlichen Brust auf.
Zwölftes Kapitel. Eine Besserung.
Vierter Theil.
Erstes Kapitel. Die Grenzlinie ist übersprungen.
Zweites Kapitel. Das Asyl.
Drittes Kapitel. Die Aussöhnung.
Viertes Kapitel. Freundschaftliche Ratschläge.
Fünftes Kapitel. Ueberraschende Nachrichten.
Sechstes Kapitel. Weitere Nachrichten.
Siebentes Kapitel. Da nun ein Platzregen fiel, und kam ein Gewässer und wehten die Winde und stießen an das Haus, da fiel es und that einen großen Fall.
Achtes Kapitel. Zweifel und getäuschte Erwartung.
Neuntes Kapitel. Ein unerwartetes Ereigniß.
Zehntes Kapitel. Schwankungen.
Elftes Kapitel. Schluß.

Erster Theil.

Inhaltsverzeichnis

An Lord Halford Esq.

Inhaltsverzeichnis

Lieber Halford.

Als wir das letzte Mal beisammen waren, theilten Sie mir eine ausführliche und höchst interessante Erzählung der merkwürdigsten Umstände Ihres Lebens vor unserer Bekanntschaft mit und forderten mich dann zur Erwiederung des Vertrauens auf. Da ich damals nicht in der Laune zum Geschichten erzählen war, lehnte ich es unter dem Vorwande, daß ich nichts zu erzählen habe und dergleichen unhaltbaren Ausflüchten ab, die Sie ganz und gar unstichhaltig ansahen, denn obgleich Sie das Gespräch augenblicklich auf etwas Anderes lenkten, geschah es doch mit der Miene eines sich nicht beklagenden, aber tief gekränkten Mannes und Ihr Gesicht war von einer Wolke überschattet, die es bis zum Ende unseres Gesprächs verdunkelte und vielleicht sogar noch verdunkelt, denn Ihre Briefe haben sich seit jener Zeit durch eine gewisse würdevolle, halb melancholische Steifheit und Zurückhaltung ausgezeichnet, die höchst rührend sein würde, wenn mich mein Gewissen beschuldigte, sie verdient zu haben.

Schämen Sie sich nicht, alter Junge — bei Ihrem Alter noch dazu — und nachdem wir einander so lange und so vertraut gekannt und ich Ihnen bereits so viele Beweise von Offenherzigkeit und Vertrauen gegeben und Ihre vergleichsweise Verschlossenheit und Schweigsamkeit nie gerügt habe? — Da wird wahrscheinlich aber der Haase im Pfeffer liegen. Sie sind von Natur nicht mittheilsam und glaubten, daß Sie bei jenem denkwürdigen Anlasse — welchen Sie ohne Zweifel mit feierlichen Schwüren für den letzten dieser Art erklärt haben, große Dinge gethan und einen Beweis ohne Gleichen von freundschaftlichem Vertrauen gegeben hätten — und Sie meinten, daß die geringste Vergeltung, welche ich Ihnen für eine so ungeheure Gefälligkeit zu Theil werden lassen konnte, die sei, Ihrem Beispiele, ohne mich einen Augenblick zu bedenken, nachzufolgen.

Nun, nun! — ich habe die Feder weder in die Hand genommen, um Ihnen Vorwürfe zu machen, noch mich zu vertheidigen, noch um für vergangene Sünden um Entschuldigung zu bitten, sondern um wo möglich dafür zu entschädigen.

Es ist ein regnerischer, nasser Tag, die Familie macht Besuche, ich befinde mich allein in meiner Bibliothek und habe gewisse moderige, alte Briefe und Pariere durchgesehen und über alte Zeiten nachgesonnen, so daß ich mich selbst ganz in der gehörigen Geistesverfassung befinde, Sie mit einer Geschichte aus alter Zeit zu unterhalten — und nachdem ich meine halb gebratenen Füße vom Kamine weggezogen, meinen Stuhl an den Tisch herumgerollt und die obigen Zeilen an meinen brummigem alten Freund aufgesetzt, bin ich im Begriffe, ihm eine Skizze, — nein, nicht eine Skizze — einen vollständigen und treuen Bericht über gewisse Umstände, die sich auf das wichtigste Ereigniß meines Lebens — wenigstens vor meinem Bekanntwerden mit Jack Halford, zu geben — und wenn sie diesen gelesen haben, so beschuldigen Sie mich der Undankbarkeit und der unfreundlichen Zurückhaltung, wenn Sie können.

Ich weiß, daß Sie sich gern lange Geschichten erzählen lassen und eben so sehr, wie meine Großmutter, auf ausführlicher Darstellung der Umstände bestehen; ich will sie daher nicht schonen und die einzigen Grenzen sollen meine eigne Geduld und Muße sein.

Unter den Briefen und Papieren, von denen ich sprach, befindet sich ein gewisses altes, verblichenes Tagebuch von mir, dessen ich erwähne, um sie zu versichern, daß ich mich nicht auf mein Gedächtniß allein verlasse — so zähe es auch ist — damit Ihre Leichtgläubigkeit nicht zu sehr auf die Probe gestellt wird, wenn sie mir durch die einzelnen Umstände meiner Erzählung folgen.

Ich beginne also mit dem ersten Kapitel — denn es soll eine viel-kapitelige Erzählung werden.

Erstes Kapitel. Eine Entdeckung.

Inhaltsverzeichnis

Sie müssen mit mir zum Herbste des Jahres 1827 zurückkehren[1q].

Mein Vater war, wie Sie wissen, ein wohlhabender Landwirth in der Grafschaft — und ich folgte ihm auf seinen ausdrücklichen Wunsch in demselben einfachen Geschäfte, wenn auch nicht sehr gern, denn der Ehrgeiz trieb mich zu etwas Höherem und die Eitelkeit versicherte mir, daß ich dadurch, daß ich seiner Stimme nicht gehorche, meine Talente vergrabe und mein Licht unter den Scheffel stelle.

Meine Mutter hatte ihr Bestes gethan, um mich zu überreden, daß ich großer Thaten fähig sei, aber mein Vater, der den Ehrgeiz für den sichersten Weg zum Ruin und Veränderung nur für ein anderes Wort für Untergang hielt, wollte auf keinen von allen meinen Plänen zur Verbesserung meiner Lage oder der meiner Mitmenschen hören. Er versicherte mit, daß alles dies nichts wie Unrath wäre, und ermahnte mich mit dem letzten Hauche noch, auf dem guten, alten Wege zu bleiben, seinen Schritten und denen seines Vaters vor ihm zu folgen und es meinen höchsten Ehrgeiz sein zu lassen, ehrlich durch die Welt hinzugehen, weder zur Rechten, noch zur Linken zu schauen und die väterlichen Aecker auf meine Kinder in wenigstens eben so blühendem Zustande, als wie er sie mir hinterließ, zu überliefern.

Nun! — ein ehrlicher, fleißiger Landwirth ist eines der nützlichsten Mitglieder der menschlichen Gesellschaft, und wenn ich meine Talente auf den Anbau meines Gutes und die Beförderung des Ackerbaues im Allgemeinen verwende, so werde ich dadurch nicht nur denen, die unmittelbar mit mir in Verbindung stehen und von mir abhängen, sondern gewissermaßen auch der Menschheit im Allgemeinen nützen und daher nicht umsonst gelebt haben.

Mit dergleichen Gedanken bemühte ich mich, mich zu trösten, als ich an einem kalten, feuchten, bewölkten Abende gegen das Ende des Oktober vom Felde nach Hause ging.

Der Schimmer eines hellen, rothen Feuers durch das Fenster des Wohnzimmers trug jedoch mehr dazu bei, meine Laune zu erheitern und meine undankbaren Bedauernisse zu tadeln, als alle weisen Gedanken und guten Entschlüsse, zu denen ich meinen Kopf gezwungen hatte — denn Sie müssen bedenken, daß ich damals noch jung — erst vierundzwanzig Jahr alt war und noch nicht die halbe Herrschaft über meinen Geist erlangt hatte, welche ich jetzt besitze, so geringfügig diese auch sein mag.

Ich durfte jedoch in diesen Hafen des Glückes nicht eher einlaufen, als bis ich meine schmutzigen Stiefeln mit reinen Schuhen und meinen rauhen Surtout mit einem anständigen Rocke vertauscht und mich vor anständiger Gesellschaft präsentabel gemacht hatte, denn meine Mutter war bei aller ihrer Güte in gewissen Punkten ungemein eigen.

Als ich nach meinem Zimmer hinauf stieg, kam mir auf der Treppe ein hübsches, neunzehnjähriges Mädchen, mit netter gerundeter Gestalt, rundem Gesicht, rothen blühenden Wangen, glänzendem dichten Locken und kleinen, lustigen, braunen Augen entgegen.

Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß dies meine Schwester Rosa war, ich weiß, daß sie noch eine hübsche Matrone und ohne Zweifel — in Ihren Augen — noch eben so liebenswürdig ist, wie an dem glücklichen Tage, wo Sie ihrer erst ansichtig wurden. Ich ahnte damals nicht, daß sie nach wenigen Jahren die Frau eines Mannes werden würde — der mir damals noch ganz unbekannt, aber bestimmt war, später zu einem engeren Freunde zu werden, als selbst sie, — zu einem vertrautem, als der unmanierliche, siebzehnjährige Bursche, der mich in Hausgange, als ich herabkam, beim Kragen faßte und beinahe umgeworfen hätte und zum Lohne für seine Unverschämtheit einen schallenden Schlag über den Schädel erhielt, welcher indeß davon keinen ernstlichen Nachtheil erlitt, da er erstlich dicker, als gewöhnlich und zweitens durch einen reichlichen Wulst kurzer, röthlicher Locken geschützt wurde, die meine Mutter kastanienbraun nannte.

Als wir in das Zimmer traten, fanden wir die geehrte Dame auf ihrem Armstuhle am Kamin sitzend und strickend, wie sie gewöhnlich zu thun pflegte, wenn sie nichts zu thun hatte. Sie hatte den Heerd rein gefegt und ein hellloderndes Feuer zu unserm Empfange gemacht, die Magd so eben das Teebrett hereingebracht und Rosa langte die Zuckerschale und die Theebüchse aus dem Kasten in dem schwarzeichenen Buffet, das in der milden Dämmerung des Zimmers wie polirtes Ebenholz glänzte

"Nun, da sind sie Beide," rief meine Mutter, indem" sie, ohne die Bewegung ihrer geschäftigen Finger und glänzenden Nadeln dadurch verzögern zu lassen, sich nach uns umblickte. — "Nun, macht die Thüre zu und kommt an’s Feuer, während Rosa den Thee bereitete; ihr müßt sicher halb verhungert sein, — und erzählt mir, was Ihr den ganzen Tag gethan habt, ich möchte gern wissen, was meine Kinder thun."

"Ich habe das graue Füllen zugeritten — nichts Leichtes — das Umpflügen der letzten Weizenstoppeln geleitet — denn der Ackerknecht hat nicht so viel Verstand, um es selbst zu thun — und einen Plan zur ausgedehnten und wirksamen Entwässerung der tiefen Wiesen aus geführt."

"Du bist ein braver Junge! — Und Fergus, was hast Du gethan?"

"Einen Dachs ausgegraben!"

Und nun begann er eine ausführliche Erzählung seiner Jagd und der einzelnen Züge von Tapferkeit, welche der Dachs und die Hunde entwickelt hatten, wobei meine Mutter that, als höre sie mit der tiefsten Aufmerksamkeit zu und sein beliebtes Gesicht mit einem Vorrathe mütterlicher Bewunderung betrachtete, welchen ich für seinen Gegenstand höchst unproportionirt hielt.

"Es wird Zeit, daß Du etwas Anderes thust, Fergus," sagte ich, sobald mir eine momentane Pause in seiner Erzählung ein Wort einzuschieben gestatten.

"Was kann ich thun?" fragte er; "meine Mutter will mich nicht auf die See gehen oder in die Armee treten lassen und ich bin einmal entschlossen, nichts Anderes zu thun, außer so viele Dummheiten, daß Ihr am Ende froh sein werdet, mich, unter welchen Bedingungen es auch sein mag, los zu werden."

Unsere Mutter streichelte ihm besänftigend die steifen, kurzen Locken. Er brummte und versuchte ein mürrisches Gesicht zu machen, und dann setzten wir uns, der dreimal wiederholten Aufforderung Rosa’s gehorsam, Alle um den Tisch

"Nun, trinkt Euern Thee," sagte sie; "jetzt will ich Euch sagen, was ich gethan habe. Ich bin zum Besuch bei den Wilsons gewesen und es ist tausend Schade, daß Du nicht mitgingst, Gilbert, denn Elise Milward war dort."

"Nun, was soll's mit ihr?"

"O nichts! — Ich habe nicht im Sinne, Dir etwas von ihr zu erzählen — nur daß sie ein nettes, amüsantes, kleines Ding ist, wenn sie sich in guter Laune befindet, und ich würde gar nichts dawider haben, wenn Du sie —"

"Still, still, mein liebes Kind, Dein Bruder denkt nicht daran," flüsterte meine Mutter eindringlich und hielt den Finger warnend in die Höhe.

"Nun," fuhr Rosa fort, "ich wollte Euch eine wichtige Neuigkeit erzählen, die ich dort gehört habe — das Geheimniß hat mich fast zum Platzen gebracht — Ihr wißt, daß es vor einem Monate hieß, daß Jemand im Begriff sei, Wildfell Hall zu miethen — und — denkt Euch, — jetzt ist es schon seit mehr als einer Woche bewohnt — und wir haben nichts davon gewußt."

"Unmöglich!" rief meine Mutter.

"Unsinn!!!" schrie Fergus.

"Es ist wirklich so! — und das von einer einzelnen Dame."

"Guter Gott, Kind, das Haus ist ja eine Ruine."

"Sie hat zwei bis drei Zimmer in wohnlichen Stand setzen lassen und dort lebt sie ganz allein, außer einer alten Frau, die sie bedient."

"Du lieber Gott, das verdirbt den ganzen Witz — ich hoffte schon, daß sie eine Hexe wäre," bemerkte Fergus, während er sich ein zolldickes Butterbrot abschnitt.

"Unsinn, Fergus."

"Ist es aber nicht sonderbar" Mama?"

"Sonderbar! — ich kann es kaum glauben."

"Aber Sie können es glauben," den Jane Wilson hat sie gesehen. Sie ist mit ihrer Mutter hingegangen, die natürlich, sobald sie hörte, daß sich eine Fremde in der Gegend befand, auf Nabeln und Kohlen saß, bis sie bei ihr gewesen war und, so viel sie konnte, aus ihr herausgelockt hatte. Sie heißt Mrs. Graham und ist in Trauer, nicht in Witwentrauer, sondern in Halbtrauer[1], und sie wäre ganz jung, heißt es — nicht über fünf oder sechsundzwanzig Jahr — aber so zurückhaltend. — Sie versuchten alles Mögliche, um ausfindig zu machen, wer sie sei und wo sie herkommt u. s. w., aber weder Mrs. Wilson mit ihren hartnäckigen, impertinenten, geradezu gestellten Fragen, noch Miß Wilson mit ihren geschickten Manövern, war im Stande, eine einzige zufriedenstellende Antwort, oder auch nur eine beiläufige Bemerkung oder einen zufälligen Ausdruck aus ihr zu bringen, der geeignet war, ihre Neugier zu befriedigen, oder den schwächsten Lichtstrahl auf die Geschichte, die Verhältnisse oder Familie der Dame zu werfen. Ueberdies hat sie sich höflich gegen sie benommen, das war aber auch Alles, denn Jene konnten deutlich sehen, daß es ihr lieber war: Leben sie wohl! zu sagen als: Wie befinden sie sich? — Elise Milward sagt aber, daß ihr Vater beabsichtige, sie bald zu besuchen, um ihr einige geistliche Ratschläge zu ertheilen, deren sie, wie er fürchtet, bedarf, da sie bekanntlich schon vorige Woche in die Nachbarschaft gezogen, dessenungeachtet aber am vergangenen Sonntag nicht in der Kirche erschienen ist, und sie — das heißt Elise — will ihn bitten, mitgeben zu dürfen und ist über zeugt, daß sie etwas aus ihr bringen kann — Du weißt, Gilbert, daß sie Alles thun kann, was sie will — und auch wir sollten einmal einen Besuch dort machen, Sie wissen ja, daß es die Schicklichkeit gebietet?"

"Natürlich, mein liebes Kind; das arme Ding, wie einsam es ihr sein muß."

"Und beeilt Euch damit, und vergeßt nicht, mir Nachricht zu bringen" wie viel Zucker sie in ihren Thee thut und was für Hauben und Schürzen sie trägt, und was sie sonst noch angeht, denn ich weiß nicht, wie ich leben soll, bis ich es weiß," sagte Fergus mit äußerst ernsthaftem Gesichte

Wenn er aber erwartet hätte, seine Rede als ein Meisterstück des Witzes aufgenommen zu sehen, so mißlang ihm dies gänzlich, denn kein Mensch lachte. Darüber ließ er sich aber nicht aus der Fassung bringen, denn als er einen Mundvoll Butterbrot zu sich genommen hatte und eben einen Schluck Thee hinterschlucken wollte, brach der Humor der Sache mit so unwiderstehlicher Gewalt auf ihn ein, daß er vom Tische aufspringen und schnaubend und fast erstickend aus dein Zimmer stürzen mußte und eine Minute später in furchtbarer Pein im Garten kreischend gehört wurde.

Was mich betrifft, so war ich hungrig und begnügte mich damit, schweigend den Thee mit Schinken und Butterbrot zu demoliren, während meine Mutter und Schwester fortplauderten und die bekannten oder unbekannten Umstände und die wahrscheinliche oder unwahrscheinliche Geschichte der geheimnißvollen Dame besprachen; aber ich muß gestehen, daß ich nach dem Unglücksfalle meines Bruders ein paar Mal die Tasse an die Lippen führte, aber wieder niedersetzen mußte, ohne den Inhalt zu kosten zu wagen, um nicht meiner Würde durch eine ähnliche Explosion zu schaden.

Am nächsten Tage beeilten sich meine Mutter und Rosa, der schönen Einsiedlerin ihr Compliment zu machen, und kamen nur um wenig klüger, als sie gegangen waren, zurück, wenn auch meine Mutter erklärte, daß sie der Weg nicht daure, da sie auch, wenn sie nicht viel Gutes für sich gewonnen, sich doch schmeichele, selbst Einiges gethan zu haben, was besser wär, sie hatte einige nützliche Rathschläge gegeben, die hoffentlich nicht weggeworfen sein würden, denn Mrs. Graham schiene, wenn sie auch sehr wenig spreche und etwas von sich selbst eingenommen sei, doch des Nachdenkens nicht unfähig. Wenn sie auch nicht wüßte, wo das arme Ding ihr ganzes Leben zugebracht haben müsse, da sie eine klägliche Unwissenheit in gewissen Punkten verrieth und nicht einmal den Verstand hatte sich derselben zu schämen.

"In welchen Punkten, Mutter?" fragte ich

"In Haushaltungssachen und allen kleinen Küchendelikatessen und dergleichen Dingen, mit denen jede Dame vertraut sein sollte, ob es nun nöthig ist, daß sie von ihren Kenntnissen praktischen Gebrauch mache oder nicht. Ich habe ihr jedoch einige nützliche Mittheilungen gemacht und verschiedene ausgezeichnete Küchenrecepte gegeben, deren Werth sie offenbar nicht beurtheilen konnte, denn sie bat mich, ich solle mir nur keine Mühe machen, da sie so einfach und still lebe, daß sie sie sicher nie in Anwendung bringen werde. — ""Das thut nichts, mein liebes Kind,"" sagte ich — ""jedes respektable Frauenzimmer muß das wissen und übrigens sind sie zwar jetzt allein, werden es aber nicht immer bleiben, sie sind vetheirathet gewesen und werden wahrscheinlich — ich möchte fast sagen, sicherlich — sich wieder verheirathen."" — ""Da irren Sie sich, Madame,"" sagte sie fast hochfahrend — ""ich bin überzeugt, daß ich es nie thun werde."" — Aber ich sagte ihr, daß ich das besser wüßte."

"Wahrscheinlich eine romantische junge Wittwe," sagte ich, "die dorthin gegangen ist, um ihre Tage in der Einsamkeit zuzubringen und um den theuern Entschlafenen im Geheimen zu trauern; es wird aber nicht lange anhalten."

"Nein, das denke ich auch nicht," bemerkte Rost, "denn sie schien nicht überaus untröstlich zu sein, und ist ungemein hübsch — vielmehr angenehm — Du mußt sie sehen, Gilbert, Du wirst sie eine vollkommene Schönheit nennen, wenn Du auch kaum im Stande sein wirst, eine Aehnlichkeit zwischen ihr und Elise Milward zu entdecken."

"Nun, ich kann mir viel schönere Gesichter vorstellen, als das Elisens, wenn auch kein reizenderes. Sie hat allerdings nur geringen Anspruch auf Vollkommenheit, aber ich behaupte, daß sie weniger interessant sein würde; wenn sie vollkommener wäre."

"Du ziehst also ihre Fehler den Vollkommenheiten anderer Leute vor?" —

"Ganz richtig — die gegenwärtige Gesellschaft ist natürlich immer ausgenommen."

"O, lieber Gilbert, welchen Unsinn Du da schwatztest! — Ich weiß, daß Du es nicht so meinst, es ist ganz außer aller Frage," sagte meine Mutter, indem sie aufstand und unter dem Vorgehen, daß sie Haushaltungsgeschäfte habe, aus dem Zimmer trippelte, um dem Widerspruche zu entgehen, welcher schon auf meiner Zunge zitterte.

Hierauf beglückte mich Rosa mit weiteren Ausführlichkeiten über Mrs. Graham, ihr Aeußeres, ihre Manieren und Kleidung, — kurz Alles, bis zu den Möbeln des von ihr bewohnten Zimmers herab, wurde mir Alles mit bedeutend größerer Klarheit und Ausführlichkeit, als sich zuhören Lust hatte, auseinander gesetzt; da ich aber nicht eben ein aufmerksamer Zuhörer war, so könnte ich die Beschreibung nicht wiedergeben, wenn ich auch wollte.

Der nächste Tag war der Sonnabend und am Sonntage erging sich Alles in Vermuthungen, ob die schöne Unbekannte den Vorstellungen des Vikars folgen und in die Kirche kommen werde oder nicht.

Ich muß gestehen, daß ich selbst mit einigem Interesse nach der Wildfell Hall gehörenden alten Familien-Loge blickte, wo die verblichenen karmoisinrothen Kissen und Ueberzüge so viele Jahre lang unbenutzt und unerneuert geblieben waren und die düsteren Wappen mit ihren begräbnißmäßigen Rändern von verschossenem, schwarzen Tuch so finster von der Mauer darüber herabschauten.

Und dort erblickte ich eine hohe,schwarzgekleidete Gestalt von vornehmer Haltung. Ihr Gesicht war mir zugekehrt und in demselben befand sich ein gewisses Etwas, das einmal gesehen, mich einlud, wieder hinzublicken. Ihr Haar war rabenschwarz und in langen, seidenartigen Locken arrangiert, die damals noch etwas Ungewöhnliches waren, aber immer graziös und zierlich sind, ihr Teint war rein und blaß, ihre Augen konnte ich nicht sehen, denn sie waren auf ihr Gebetbuch geheftet und von ihren gesenkten Lidern und langen, schwarzen Wimpern verborgen; aber die Augenbrauen waren ausdrucksvoll und schön begrenzt, die Stirn hoch und intellektuell, die Nase eine vollkommene Adlernasse und die Züge im Allgemeinen tadellos — nur daß eine leichte Gesunkenheit um die Wangen und Augen sichtbar und die Lippen, wenn auch schön geformt, doch etwas zu schmal, etwas zu fest zusammengepreßt waren und ein Etwas um sich hatten, das, wie ich dachte, ein nicht eben weiches oder liebenswürdiges Gemüth bekundete, und ich sagte in meinem Herzen:

"Ich möchte Sie lieber aus der Ferne bewundern, schöne Dame, als in einem Hause mit Ihnen wohnen."

In diesem Augenblicke erhob sie zufällig ihre Augen und sie begegneten den meinen. Ich wendete meinen Blick nicht ab und sie richtete dieselben wieder auf ihr Buch, aber mit einem momentanem unbeschreiblichen Ausdrucke ruhiger Verachtung, der ungemein aufreizend für mich war.

"Sie hält mich für einen unverschämten Hasenfuß," dachte ich, "hm! sie soll ihre Ansicht bald ändern, wenn ich es für der Mühe werth halte."

Dann aber fiel es mir plötzlich ein, daß dies sehr unpassende Gedanken für ein Gotteshaus seien und daß mein jetziges Benehmen ganz und gar nicht so sei, wie es sich für mich schicke. Ehe ich jedoch meinen Geist wieder auf den Gottesdienst lenkte, ließ ich meine Augen in der Kirche umherschweifen, um zu sehen, ob mich Jemand beobachtet habe — aber nein, — Alle, die nicht auf ihre Gebetbücher schauten, blickten nach der fremden Dame hin, wozu auch meine gute Mutter und Schwester und Mrs. Wilson nebst ihrer Tochter gehörte, und selbst Elise Milward blickte aus den Winkeln ihrer Augen verstohlen nach dem Gegenstande der allgemeinen Aufmerksamkeit hin, dann sah sie mich an, lächelte ein wenig und erröthete, — sah, verschämt auf ihr Gebetbuch und bemühte sich, ihre Züge in Ordnung zu bringen.

Da sündigte ich schon wieder, und diesmal wurde ich durch einen plötzlichen Rippenstoß von dem Ellbogen meines vorwitzigen Bruders darauf aufmerksam gemacht. Für jetzt konnte ich die Beleidigung nur dadurch rächen, daß ich meinen Fuß auf seine Zehen setzte und verschob die weitere Rache, bis wir aus der Kirche kommen würden.

Nun, Halford, ehe ich diesen Brief schließe, will ich Ihnen sagen, wer Elise Milward war. Sie war die jüngste Tochter des Vikars und ein recht einnehmendes Geschöpfchen, dem ich nicht wenig gewogen war — und sie wußte es, obgleich ich mir nie eine direkte Erklärung erlaubt und auch keine entschiedene Absicht hatte, dies zu thun, da meine Mutter, die behauptete, daß es zwanzig s Meilen in der Runde Keine gäbe, die gut genug für mich sei, den Gedanken nicht ertragen konnte, daß ich das unbedeutende, kleine Ding zur Frau nähme, das außer seinen zahlreichen übrigen Eigenschaften, die es dazu untauglich machten, keine zwanzig Pfund besaß.

Elisens Gestalt war schlank, aber voll, ihr Gesicht klein und fast so rund, wie das meiner Schwester, — Teint, dem dieser etwas ähnlich, aber zarter und nicht so außerordentlich blühend, — Nase retroussée — Züge im Allgemeinen unregelmäßig — und im Ganzen genommen war sie eher reizend als schön; aber ihre Augen — diese bemerkenswerthen Theile ihres Gesichts, darf ich nicht vergessen, denn darin lag ihre hauptsächlichste Anziehungskraft, wenigstens im Aeußern — sie waren lang und schmal geformt, die Augäpfel schwarz oder von sehr dunklem Braun, der Ausdruck wechselnd und immer veränderlich, aber stets entweder übernatürlich — ich hätte fast gesagt satanisch — schelmisch oder unwiderstehlich bezaubernd — oft beides. Ihre Stimme war sanft und kinderartig, ihr Schritt leicht und unhörbar wie der einer Katze und ihr ganzes Wesen meist das eines hübschem muthwilligen Kätzchens, das bald vorwitzig, bald schelmisch, bald furchtsam, bald demüthig ist, wie es gerade will.

Ihre Schwester Mary war um mehrere Jahre älter, mehrere Zoll länger und von stärkerem, gröberen Bau — ein häßliches, stilles, verständiges Mädchen, das ihre Mutter während ihrer letzten langen, schleichenden Krankheit geduldig gepflegt und von da an bis zum gegenwärtigen Augenblicke die Haushälterin und der Familie Aschenbrödel gewesen war.

Ihr Vater vertraute ihr und schätzte sie hoch, alle Hunde, Katzen, Kinder und Arme liebten sie und schmeichelten ihr und alle Uebrigen vernachlässigten sie und schätzten sie gering.

Seine Hochwürden, Herr Michael Milward selbst, war ein langer, schwerfälliger, ältlicher Herr, der einen breitkrämpigen, hinten aufgeschlagenen Hut über sein breites, viereckiges, massives Gesicht setzte, in der Hand einen dicken Spazierstock trug und seine noch kräftigen Beine in Kniehosen und Gamaschen, oder bei feierlichen Gelegenheiten in schwarz-seidene Strümpfe steckte.

Er war ein Mann von festen Grundsätzen, starken Vorurtheilen und regelmäßigen Gewohnheiten. Er duldete keinen Widerstand, in welcher Gestalt er auch erscheinen mochte und handelte nach der festen Ueberzeugung, daß seine Ansichten stets die richtigen seien und, wer von ihnen abwich, entweder bedauernswerth unwissend oder absichtlich blind sein müsse.

In der Kindheit war ich stets gewohnt gewesen, ihn mit ehrfurchtsvollem Schrecken zu betrachten, das ich erst seit ganz kurzer Zeit überwunden hatte, denn wiewohl er gegen gut erzogene Kinder eine väterliche Güte bewies, so war er doch ein strenger Freund der Disciplin und hatte unsere jugendlichen Fehler und kleinen Sünden oftmals hart bestraft und wenn er unsere Eltern besuchte, hatten wir immer vor ihn treten und unsern Katechismus[2] hersagen, oder "was thut die kleine fleißige Biene" oder eine andere Hymne deklamirem oder — was das Schlimmste war, — uns über seinen letzten Text und die Theile seiner Predigt, deren wir uns nie entsinnen konnten, ausfragen lassen müssen.

Mitunter tadelte der gute Mann sogar meine Mutter darüber, daß sie gegen ihre Söhne so nachsichtig wäre und erging sich dabei in Beziehungen auf den alten Eli oder David und Absalom, die sie ganz besonders kränkten, und so hoch sie ihn und alle seine Worte auch verehrte, hörte ich sie doch einmal ausrufen: — "Ich wollte doch, daß er selbst eigen Sohn hätte, dann würde er nicht so bereitwillig sein, anderen Leuten immer Rathschläge zu geben — er würde sehen, was das heißt, wenn man ein paar Jungen in Ordnung halten muß."

Er besaß eine löbliche Sorgfalt für seine körperliche Gesundheit — stand früh auf und ging bei Zeiten zu Bette, machte regelmäßig vor dem Frühstück einen Spaziergang, war ungemein eigen in Bezug auf warme und trockne Kleidung, hatte nie eine Predigt gehalten, ohne vorher ein rohes Ei zu verschlucken, obgleich er mit guten Lungen und einer kraftvollen Stimme begabt war, und war im Allgemeinen in Bezug, auf das, was er aß und trank, äußerst eigen, wenn auch keineswegs enthaltsam, und hatte eine ganz eigenthümliche Diät, indem er Thee und dergleichen Gewäsch höchlichst verachtete und dafür Bier, Speck und Eier, Schinken, Rauchfleisch und andere kräftige Speisen in Schutz nahm, die mit seinen Verdauungsorganen in gutem Vernehmen standen, weshalb er behauptete, daß sie für Jedermann gut und gesund seien und sie den schwächlichsten, kranken oder an Unverdaulichkeit Leidenden eifrig empfahl und ihnen dann, wenn sie von seinen Recepten nicht den versprochenen Nutzen zogen, sagte, daß es nur daher komme, daß sie nicht lange genug damit fortgefahren seien, und wenn sie sich über unangenehme Folgen davon beklagten, ihnen versicherte, daß es nichts wie Einbildung sei.

Ich will zwei andere Personen, die ich erwähnt habe, nur kurz berühren und dann diesen langen Brief schließen. Dies sind Mrs. Wilson und ihre Tochter.

Erstere war die Witwe eines wohlhabenden Gutsbesitzers, eine engherzige, schwatzhafte alte Frau Base, deren Charakter keine Beschreibung verdient. Sie hatte zwei Söhne, Robert, einen rauhen, verbauerten Landmann und Richard, einen schüchternen, fleißigen, jungen Mann, der unter Beihilfe des Vikars die classischen Sprachen studierte und sich für die Universität vorbereitete, um später in die Kirche zu treten.

Ihre Schwester Jane war eine junge Dame von einigem Talent, aber noch größerem Ehrgeiz. Sie hatte ihrem eigenen Wunsche zufolge, eine ordentliche Pensionats-Erziehung, die vornehmer war, als sie irgend ein Mitglied der Familie vor ihr erhalten hatte, genossen; sie hatte die Politur gut angenommen, höchst elegante Manieren erhalten, ihren Provinzialaccent gänzlich verloren und konnte sich größeren Wissens rühmen, als die Töchter des Vikars.

Man hielt sie überdies für eine Schönheit, sie konnte mich jedoch nie auch nur auf einen Augenblick zu ihren Bewunderern zählen. Sie war etwa sechsundzwanzig, " ziemlich lang und sehr schlank, ihr Haar weder kastanienbraun noch auburn, sondern von höchst entschiedenen grellem hellen Roth. Ihr Teint auffallend weiß und brillant, ihr Kopf klein, Hals lang, Kinn gut geformt, aber sehr kurz, die Lippen schmal und roth, die Augen hellbraun, durchdringend und scharf, aber des Gefühls und der Poesie gänzlich ermangelnd. Sie hatte oder hätte in ihrem Stande eine Menge von Bewerbern haben können, wies sie aber alle verächtlich zurück oder ab, denn ihrem feinen Geschmacke konnte nur ein Gentleman gefallen und ihrem Ehrgeize nur ein reicher Mann genügen. Es gab einen Gentleman, der ihr in der lebten Zeit ziemlich auffallende Aufmerksamkeit bewiesen und auf dessen Herz, Namen und Vermögen, wie man sich zuflüsterte, sie ernsthafte Absichten hatte.

Dies war Mr. Lawrence, der junge Gutsherr, dessen Familie früher Wildfell Hall bewohnt, es aber vor etwa fünfzehn Jahren verlassen hattest, um ein moderneres und bequemeres Haus im benachbarten Kirchspiele zu bewohnen.

Nun, Halford, für jetzt nehme ich von Ihnen Abschied. Dies ist die erste Ratenzahlung meiner Schuld; sagen Sie mir, ob Ihnen die Münze zusagt, und ich werde Ihnen dann das Uebrige nach Muster zusenden. Wollen Sie aber lieber mein Gläubiger bleiben, als Ihre Börse mit so unbehilflichen, schweren Geldstücken vollstopfen — so sagen Sie mir es dessenungeachtet und ich werde Ihrem schlechten Geschmack verzeihen und den Schatz gern für mich behalten.

Unveränderlich der Ihrige

Gilbert Markham.

Zweites Kapitel. Eine Zusammenkunft.

Inhaltsverzeichnis

Ich nehme mit Freuden wahr, mein hochgeschätzter Freund, daß sich die Wolke Ihres Unwillens verzogen hat, Sie lassen die Sonne Ihres Antlitzes wieder leuchten und verlangen die Fortsetzung meiner Geschichte und sollen dieselbe also ohne weitere Umschweife erhalten.

Ich glaube, daß der von mir zuletzt erwähnte Tag der letzte Oktobersonntag des Jahres 1827 gewesen ist. Am folgenden Dienstag war, ich mit meinem Hunde und meiner Flinte ausgegangen, um solches Wild aufzusuchen, wie es sich auf dem Gebiete von Linden-Car vorfand; da ich aber gar keines erblickte, wendete ich meine Waffen gegen die Falken und Aaskrähen, deren Räubereien mich, wie ich argwöhnte, besserer Beute beraubt hatten.

Zu diesem Zwecke verließ ich die häufiger besuchten Gegenden, die Waldthäler, Kornfelder und Wiesen, und erstieg die steile Anhöhe von Wildfell, die wildeste und höchste Gegend unserer Nachbarschaft, wo, wenn man höher hinauf kommt, die Hecken, wie die Bäume, dünn und verkrüppelt werden und die ersteren endlich rauhen Steinmauern, die zum Theil mit Epheu und Moos überzogen sind, die letzteren Lerchen und Kiefern, oder einsamen Schwarzdorn weichen. Die unebenen und steinigen und für den Pflug gänzlich ungeeigneten Felder waren meist zu Schaf- und Rindviehweiden bestimmt, der Boden leicht und mager, — hier und da blickten graue Felsenstücke unter den bemoos'ten Anschwellungen hervor, unter den Mauern wuchsen Preiselsbeeren und Haidekraut — Ueberbleibsel von einem noch wilderen Zustande des Bodens, und in vielen Einfriedigungen hatten Sandbinsen und Quecken die Oberherrschaft über den spärlichen Graswuchs usurpiert — aber es war nicht mein Eigenthum.

Fast auf der Spitze des Hügels und etwa eine Stunde von Linden-Car entfernt, stand Wilder Hall, ein aus dunkeln, grauen Steinen errichtetes invalides Gebäude aus der elisabethischen Zeit[3] — ehrwürdig und malerisch zu betrachten, ohne Zweifel aber kalt und düster genug zu bewohnen, mit seinen dicken, steinernen Fensterstöcken und kleinen, runden Fensterscheiben, seinen vom Zahne der Zeit genagten Luftlöchern und seiner zu einsamen und zu ungeschützten Lage — vor dem Kampfe des Windes und Wetters nur durch eine Kieferngruppe beschirmt, die selbst von den Stürmen halb abgestorben war und eben so düster und finster aussah, wie die Halle selbst.

Hinter dem Hause lagen einige nackte Felder und dann kam der braune, mit Haidekraut bekleidete Gipfel des Hügels. Vor ihm — von steinernen Mauern umgeben und durch ein eisernes Gitterthor, dessen Seitenmauern mit großen, grauen Granitkugeln versehen waren, wie sie das Dach und die Giebel zierten, zugänglich — war ein Garten, einst mir kräftigen Pflanzen und Blumen, wie sie dem Boden und Klima am besten entsprachen, und Bäumen, wie sie die Scheeren des Gärtners am besten aushalten und am leichtesten die Formen, welche er ihnen zu geben beliebte, annehmen konnte, besetzt — der aber, nach dem er so viele Jahre ungegraben und unbeschnitten dem Unkraut und Grase, Frost und Wind, dem Regen und der Dürre überlassen geblieben war, ein wahrhaft eigenthümliches Aussehen besaß.

Die dichten, grünen, spanischen Holländerwände, welche den Hauptgang begrenzt hatten, waren zu zwei Dritteln verdorrt und das Uebrige über alle vernünftigen Grenzen bin ausgewuchert. Der alte Buchsbaumschwan, welcher neben dem Abtrete-Eisen saß, hatte den Hals und die Hälfte seines Körpers verloren, die Lorbeerthürme in der Mitte des Gartens, der gigantische Krieger, welcher auf der einen Seite des Eingangs stand und der die andere bewachende Löwe waren in so phantastische Gestalten ausgesproßt, daß sie keinem Dinge im Himmel und auf Erden, noch in den Gewässern und unter der Erde glichen, boten aber meiner jungen Phantasie alle ein koboldisches Aussehen, das vor trefflich mit den gespenstischen Legionen und dunkeln Sagen harmonierte, welche uns unsre alte Amme über die Spukhalle und ihre geschiedenen Bewohner erzählt hatte.

Es war mir gelungen, einen Falken und zwei Krähen zu erlegen, als ich das Gebäude erblickte, worauf ich meinen weiteren Beutezug aufgab und darauf zuschlenderte, um das alte Haus zu betrachten, und zu sehen, welche Veränderungen die neue Bewohnerin darin hervorgebracht habe.

Ich wollte nicht gerade nach der Vorderseite gehen und zur Thür,hereingaffen, sondern verweilte an der Gartenmauer und betrachtete mir es, sah aber keine Veränderung — mit Ausnahme des einen Flügels, wo die zerbrochenen Fenster und das verfallene Dach offenbar ausgebessert worden waren und eine dünne Rauchsäule aus dem Kamine in die Höhe kräuselte.

Während ich so, auf meine Flinte gelehnt und nach den dunkeln Giebeln aufblickend, in müßige Träumereien versunken dastand, und einen Schleier von capritiösen Phantasien wehte, in denen alte Erinnerungen und die schöne, junge Einsiedlerin, welche sich jetzt innerhalb dieser Mauern befand, fast gleichen Antheil hatten, hörte ich ein leichtes Knacken und Knistern im Garten und erblickte, als ich nach der Gegend, aus welcher der Laut herkam, sah, eine kleine sich über der Mauer erhebende Hand; sie hielt sich an dem obersten Stein fest und dann erhob sich eine zweite kleine Hand, um sich fester anzuhalten und dann erschien eine kleine weiße Stirn von hellbraunen Locken umgeben, ein paar dunkelblaue Augen darunter und der obere Theil einer winzig-kleinem elfenbeinweißen Nase.

Die Augen bemerkten mich nicht, sondern funkelten hocherfreut, als sie Sancho, meinen schönen schwarz und weißen Hühnerhund,.erblickte, der mit der Nase auf dem Boden im Felde herumsprang. Das kleine Geschöpf erhob sein Gesicht und rief dem Hunde laut zu. Das gutmüthige Thier blieb stehen, schaute auf und wedelte mit dem Schwanze, kam aber nicht näher. Das Kind — ein kleiner, etwa fünfjähriger Knabe — kletterte auf die Höhe der Mauer und rief wieder und wieder, schien sich aber, da er fand, daß es nichts nutzte, zu entschließen, wie Mahomed zum Berge zu gehen, da der Berg nicht zu ihm kommen wollte und versuchte herüberzuklettern; aber ein knorriger, alter Kirschbaum, der dicht daneben wuchs, hielt sein Kleidchen in einem der krummverschlungenen Aeste, die sich . über die Mauern hinstreckten, fest.

Er versuchte, sich loszumachen, sein Fuß glitt ab — aber nicht bis zur Erde — der Baum hielt ihn in der Luft fest. Es fand ein stiller Kampf statt und darauf ertönte ein durchdringender Schrei — augenblicklich aber hatte ich meine Flinte in das Gras geworfen und den kleinen Burschen in meinen Armen aufgefangen