Die Herrscher der Sonne - Alexander P. Dyle - E-Book

Die Herrscher der Sonne E-Book

Alexander P. Dyle

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Beschreibung

Die Vision von einem Gott und die Möglichkeit, eine Revolution anzuzetteln in der Hand eines einzigen Mannes - Das Land am Nil stürzt in eine turbulente Phase des Umbruchs. Merit, eine Priesterin der Hathor wird in die politischen Intrigen von Achet-Aton hineingezogen. In der Stadt der Sonne, wo Echnaton und Nofretete ihre religiöse Revolution planen, lernt sie den Bildhauer Thutmosis kennen und lieben. Werden die beiden eine Zukunft haben?

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Die Herrscher der Sonne

Die Herrscher der SonnePROLOGISISDER PALAST DES JUBELSDAS SPIELDIE KRÖNUNGDIE LIEBESNACHTDER HATHORTEMPELBAKSCHWANGERSCHAFTGEM-PA-ATONSPIONAGEPROTESTMUTNEDJMETDAS FEST DER BASTETGEHEIMTREFFENJUJAMAKETATONREVOLTEDAS MILLIONENJAHRHAUSDIE VISIONEINWEIHUNGDIENER DES STAATESANCHESEN-PA-ATONTHUTMOSISDAS KÖNIGSPAARMARU-ATONNORDPALASTSATAMUNHERU-NEFERDAS GEHEIME RITUALDIE BÜSTEDER AUSFLUGDIE NEUE WELTORDNUNGDER AUFSTANDFREMDVÖLKEREMPFANGKIJADIE SEUCHEDIE HERRSCHERINDAS ATTENTATFLUCHTDIE REGENTSCHAFTDIE ALTEN GÖTTERIM FREMDLANDMEN-NEFERIM LAND DER MIDANITERGEFAHREJEDER BRIEFZANANZADER MILITÄRPUTSCHTHUTMOSIS UND MERITDAS OPET-FESTNACHWORTPERSONENENDNOTENImpressum

Die Herrscher der Sonne

Alexander P. Dyle

 &

Alana M. Seymour

Die Herrscher der Sonne

Nofretete und Echnaton

Historischer Roman

PROLOG

Wenut-tepjt-Ra, das erste Entstehen des Sonnengottes

Dunkelheit. Ein schlanker Mann stand in der Wüste und blickte mit erwartungsvollem Blick Richtung Osten. In ziemlicher Entfernung wartete ein Wagenlenker neben dem Streitwagen, der mit Gold beschlagen war. Es dauerte nur noch wenige Minuten, dann geschah das tägliche Wunder. Der Sonnengott Ra erschien als neugeborene Sonne mit dem Namen Chepri am Horizont des Ostens. Feine, rötliche Strahlen tasteten sich an den Horizontbergen empor, wie die goldenen Finger des Sonnengottes, der aus der Unterwelt emporklettert. Tief ergriffen vom Geschehen begann der Mann zunächst leise, dann zunehmend lauter zu murmeln:

„Gegrüßt seiest du, vollendeter Ra, der jeden Tag aufgeht am Morgen ohne anzuhalten, Chepri, der sich abmüht mit Arbeiten, deine Strahlen sind im Angesicht, doch man kennt dich nicht. Weißgold kommt dir nicht gleich an deinem Glanz, Gott Ptah, der du die Glieder formst, Gebärender, der nicht geboren wurde, Einziger in seinem Wesen, der die Ewigkeit durchläuft, der auf seinen Wegen ist mit Millionen unter seiner Leitung...“ 

Tief ergriffen von der Naturerscheinung warf sich der schlanke Mann, der zuvor noch in Gebetshaltung gestanden und die Hände mit den Handflächen der Sonne entgegengestreckt hatte, auf den Boden und senkte sein Haupt auf den Sand. Die Jugendlocke auf der Seite des sonst kahlgeschorenen Kopfes, fiel auf den Sand, die Ohrgehänge klapperten und der Mann fuhr fort in seinem Gebet:

„Du bist früh auf, um aufzugehen am Morgen, dein Licht, es öffnet die Augen des Kleinviehs und wenn du untergehst im Westgebirge, dann schlafen sie, wie im Zustand des Todes. Gegrüßt seist du, Aton des Tages, der alles geschaffen hat, du bewirkst daß sie leben. Käfer, der sich selbst emporhebt, aus sich selbst entstanden, weil er nicht geboren wird, der inmitten der Göttin Nut ist, dem Jubel dargebracht wird, beim Aufgehen und gleichermaßen beim Untergehen, Erschaffender von dem, was die Erde hervorgebracht hat, Chnum und Atum des Sonnenvolkes. Starker Hirte, der seine Herde antreibt, ihre Zufluchtsstätte ist, der macht, daß sie leben. Ein Eilender, der seinen Lauf vollzieht, ausgezeichnet bei seiner Geburt, der seine Schönheit emporhebt am Leib der Nut, der die beiden Länder erhellt mit seiner Sonnenscheibe, der alleine war, der bis an das Ende der Länder vordrang, jeden Tag, im Anblick derer, die auf ihnen gehen, wenn du am Himmel aufgegangen und zu Ra geworden bist. Er macht die Zeitabschnitte in Form von Monaten, er liebt den Gluthauch des Sommers, er liebt das Kühle, er veranlaßt das Ermatten der Körper, wenn er sie mit seinen Fingern umfaßt. Jedes Land ist im Jubel bei seinem Aufgang an jedem Tag bei seinem Anbeten. Gegrüßt seist du Aton!“

Der junge Mann wartete ergriffen und vor seinem inneren Auge vollzog sich die Verwandlung des Sonnengottes: Aus dem Gott Chepri, der morgendlich verjüngten Erscheinungsform, welcher als Skarabäuskäfer die Sonnenkugel allmorgendlich am östlichen Horizont empor rollte. Nun wurde Chepri zum Gott Ra-Harachte, eine neue Form des Sonnengottes, bei welcher Ra und Horus, der zwischen den Horizonten ist. Nun erschien der Sonnengott mit Menschengestalt und Falkenkopf, der die Sonnenscheibe auf dem Haupt trug. Am Abend würde sich der Sonnengott erneut in westlichen Horizont in die abendliche Form, genannt Ra-Atum, verwandeln. Dann trat der Gott mit Menschenkörper und Widderkopf und roter Sonnenscheibe in die Unterwelt ein und verjüngt sich dort zu Chepri... Der junge Mann reflektierte noch einen Moment über das Thema, dann erhob er sich und klopfte sich den Wüstenstaub von den Beinen und dem weißen Leinenschurz. Er ging zum Streitwagen hin und sprach den Wagenlenker an: „Nun denn Juja, laß uns zurückkehren in die Stadt“.

„Zu Diensten mein Edler Herr!“ sprach der kräftig gebaute Mann, der etwa 40 Jahre alt sein mochte. Zusammen bestiegen sie die Standfläche des Wagens, Juja ergriff die Zügel und nach einem Knall mit der Peitsche brauste der leicht gebaute Streitwagen der ägyptischen Armee los. Auf der Fahrt zurück in die Stadt, konnte der junge Mann seine Gedanken nicht vom zuvor Erlebten abwenden. Er erinnerte sich, wie er bei seiner Ausbildung zum Sonnenpriester in Heliopolis, der Sonnenstadt des Gottes Re, weiter im Norden gewesen war. Wie alle männlichen Mitglieder der Königsfamilie wurde er als Priester und Krieger zugleich ausgebildet. Im großen Sonnentempel des Ra, das von seinen Gottesdienern Per-Aa, das Große Haus, genannt wurde, war er vor wenigen Jahren in die heliopolitanische Theologie und Schöpfungsgeschichte eingeweiht worden. Die Entstehung allen Lebens wurde hier der schöpferischen Kraft der Sonne zugeschrieben. Auch wenn der Sonnengott in unzähligen Formen und Namen auftrat, so blieb doch stets ein Element immer gleich: Die Sonnenscheibe, die den Namen Aton trug. Lag hierin das Geheimnis der Schöpfung, das Wesen des Gottes, konzentriert auf ein einziges Wesen? Wie oft hatte er die Rituale für Ra in den Sonnenheiligtümern verrichtet. Nach der Reinigung in einem Heiligen See, zog man, mit weißen Sandalen und weißem Leinenschurz bekleidet, den Kopf vollkommen kahlgeschoren, einen dunklen, überdeckten Aufweg entlang, bis man in die Weltenkammer eintrat. Wie sehr unterschieden sich doch die Tempel des Sonnengottes von denjenigen der anderen Götter, die in dunklen Wohnungen, verborgen in einem Kultschrein lebten. Doch der Sonnengott lebte im Licht, das von der Sonnenscheibe ausging. Daher waren seine Kultorte so anders. Aus der Weltenkammer, wo die Kraft der Sonne gebündelt wurde, traten die Priester in einen offenen Hof, der von allen Seiten mit einer festen Ziegelmauer wie eine Festung umgeben war und über unzählige Magazine und auch über Schlachthöfe verfügte. Hier im Hof wurden die Opfergaben für Ra niedergelegt. In der hinteren Hälfte des riesigen Hofes stand das Monument, das den Sonnengott repräsentierte. Keine Kultstatue, sondern ein Pyramidenstumpf auf welchem sich ein Steinmonument erhob. Es sah aus wie ein zu dicker, aber zu kurz geratener Obelisk. Die Spitze des Monuments, das die Priester den Ben-Ben-Stein nannten, war mit einer Weißgoldlegierung beschichtet, wenn der Morgen kam, und die ersten Strahlen des Sonnengottes das Land überfluteten, trafen sie zuerst auf die mit Gold beschichteten Spitzen des Ben-Ben-Steins, und der vielen Obelisken im Land. Doch zuerst waren es immer die riesigen Pyramiden im Land, die wegen ihrer enormen Größe mit ihren goldenen Spitzen das Licht des Sonnengottes immer als Erste einfingen. Wehmütig dachte der junge Mann an die Zeit der großen Pyramidenbauer. Cheops, der seine Pyramide „Horizont des Cheops,“ genannt hatte und Chefren, der eine fast ebensogrosse Pyramide baute, und ihr den hochtrabenden Namen „Grosse Pyramide“ gab, obwohl sie kleiner als die des Cheops war. Damals war Ra der absolute König aller Götter gewesen und Chefren war der erste König gewesen, der sich zum „Sohn des Ra“ erklärte. Seither waren alle Könige in ihrer Titulatur die Söhne des Sonnengottes gewesen, bis auf den heutigen Tag. Doch die Welt hatte sich verändert, in den tausend Jahren seit dem Bau der Pyramiden waren neue Götter aufgetreten und die Menschen waren zwischen den verschiedenen Götterkulten hin und hergerissen. Jeder größere Ort, jede Stadt hatte ihren lokalen Gott, welcher seinen Anhängern irgendetwas versprach und seien es nur die beim Volk äußerst beliebten Götterfeste. Dann hatte man freie Tage, wurde mit Opferfleisch, Brot und Bier aus den Tempeln beschenkt und konnte sich einen schönen Tag machen. Was die Priester in den dunklen Tempelräumen für Rituale praktizierten war dem Volk fremd, es hatte keinen Zutritt in die Räume des Allerheiligsten, die Rituale waren unverständliche Rezitationen und Opfer. Doch die geheimen Rituale zu Ehren der Götter wirkten, die Nilflut kam, Getreide und Gemüse wuchs im Überfluß und die Götter spendierten regelmäßig Götterfeste und Schenkungen aus dem Tempeln.

Schon rumpelte der Streitwagen durch die ersten Häusergassen, die noch vor dem Stadttor lagen.

„Men-Nefer (Memphis)“, dachte der junge Mann, „ein seltsames Schicksal das mich hierher verschlagen hat. Wäre mein älterer Bruder Thutmosis nicht vor einem Jahr bei einer Militärübung vom Streitwagen gestürzt und kurz darauf an seiner Kopfverletzung gestorben, dann wäre ich gar nicht hier, sondern immer noch Priester im Tempel der Sonne.“

Doch nun war er der Thronfolger und sein Vater Amenhotep III. war ein kranker alter Mann. Niemand wußte wie lange es noch dauern würde, ehe der König zu seinen Vorfahren in die Unterwelt gehen würde. Bis zu diesem Tag würde der Prinz in Men-Nefer (Memphis) einzurücken und dort mit der notwendigen Ausbildung zum Soldaten zu beginnen. Diesem Befehl des Gottkönigs hatte er sich zu fügen und wurde Soldat. Das Volk erwartete von einem König, daß er besonders in jungen Jahren, sich durch körperliche Leistungen in Jagd und Krieg hervortat. Sein Urgroßvater, Amenhotep der Zweite, hatte fast sein ganzes Leben lang diesen körperlichen Aktivitäten und der Gewalttätigkeit des Krieges gehuldigt. Die Kupferplatten, die Amenhotep II. in voller Fahrt aus dem Streitwagen mit seinen Pfeilen durchschoß, wurden in Tempel des Ptah aufbewahrt und seither allen Thronfolgern gezeigt. Nun also erwartete das Volk, der Vater und die Götter, daß auch er zum Krieger wurde. Sein Vater hatte ihm auch einst seinen Namen gegeben. Amenhotep, „dem Amun wohlgefällig“...  Wie sehr hätte er sich gewünscht, den Sonnengott Ra im Namen zu führen…, dachte er bei sich… Wieder wurde der junge Mann aus seinen Tagträumen gerissen, der Streitwagen hatte das Stadttor passiert und brauste auf das nahe dem Tor gelegene Areal des Militärs zu. Men-Nefer war eine geschäftige Stadt. Hier lag der Hauptsitz der Zivilverwaltung und der Sitz des Unterägyptischen Wesirs, aber auch das Hauptquartier des Militärs. Denn Men-Nefer, an der Grenze zum Nildelta lag strategisch günstig, um von hier das ganze Land zu kontrollieren. Und so befanden sich dort neben den Kasernen auch viele Werkstätten für Waffen und Waren aller Art. Men-Nefer, das war die Stadt der geschäftigen Kaufleute und der exerzierenden Soldaten, beschützt vom Stadtgott Ptah, dem Gott der Handwerkskunst. Die Priester des Ptah erzählten, es sei der Handwerkergott, der die Welt erschaffen habe und nicht der Sonnengott. Dieses konkurrenzierende Nebeneinander von Schöpfungsmythen und Göttersagen störte die Menschen nicht, jeder durfte seine für ihn richtige Antwort auf die zentralen Fragen seines Lebens haben.  Doch gab es nicht die absolute Wahrheit, die hinter all diesen Wahrheiten lag? Die Wache am Eingang stand stramm als der Wagen am Tor der Kaserne vorbeifuhr. Amenhotep war wieder in der Welt der Militärs.

Jahr 37. Peret-Saison, Monat 2. 3. Tag unter dem König von Ober- und Unterägypten, Neb-Maat-Ra, er lebe, sei heil und gesund!

Die Trompete rief zum Morgenapell. Amenhotep verließ sein Wohnquartier in voller Wagenkämpfermontur. Er trug einen Helm aus gehärtetem Leder, einen Schuppenpanzer aus feinen Bronzeplättchen, in der rechten Hand ein Sichelschwert. Als Prinz hatte er einige Privilegien, wie ein separates Wohnquartier und er war von Anfang an für die Ausbildung der Elite der Streitwagenkämpfer auserwählt. Es hatte sich gezeigt, daß diese Einteilung das Beste gewesen war, was ihm Ramose, der Rekrutenschreiber im Range eines Generals zuteilen konnte. Bei der militärischen Grundausbildung hatte Amenhotep bei verschiedenen Truppengattungen kurze Dienstzeiten absolviert, da er einst der Oberkommandierende der Truppen sein würde, zumindest in Theorie, da auf dem Feld in Wirklichkeit meist die Generäle kommandierten. Doch hatten es einige Könige geliebt, auf dem Feld zu kämpfen und die Truppen selbst anzuführen. Besonders der größte Feldherr Ägyptens, König Thutmosis der Dritte, Men-Cheper-Ra - er lebe! - hatte in unzähligen Feldzügen an der Spitze seiner Truppen gestanden und die Großmacht der Beiden Länder am Nil zur größten Macht der Epoche gemacht und den Vorderen Orient, wo elende Asiaten hausten, unter die Vorherrschaft gebracht. Die Überfälle auf Handelskaravanen hatten aufgehört, niemand wagte es, unbefugt die Grenzen Ägyptens zu verletzen. Zuerst hatte Prinz Amenhotep bei den Bogenschützen von Kusch gedient und das Handwerk des Bogenschießens erlernt. Darin hatte er einiges Geschick gezeigt, wenngleich ihm die Kraft in den Armen für wirklich kräftige Schüsse fehlte. Doch es würde als Wagenkämpfer der Streitwagentruppe ausreichen, stellte Ramose befriedigt fest und ließ die Fähigkeiten des Prinzen in den Listen eintragen. Prinz Amenhotep war gerne bei den Bogenschützen gewesen, dort dienten vor allem Männer aus dem Lande Kusch. Dieses Land grenzte südlich an die Beiden Länder von Ägypten und wurde seit langem als Vizekönigreich regiert. Im Laufe der Zeit hatten dessen Bewohner die Kultur und Lebensweise der Ägypter angenommen und auch die Götterkulte übernommen. Besonders der neue Reichsgott Amun war in Kusch populär, was Amenhotep freilich etwas unverständlich war. Was interessierte die Menschen an diesem Gott, der sich selbst „der Verborgene“ nannte? Aus Kusch kamen Menschen mit besonders dunkler Haut und kräftigen Armen, Kusch war die Quelle der Kraft und des Reichtums von Ägypten, denn dort lagen auch bedeutende Goldminen. Sie lieferten einen wesentlichen Teil der märchenhaften Schätze des ägyptischen Königtums. Aus Nubien stammt auch ein Teil der Königsfamilie der thebanischen Könige, welche die semitischen Herrscher des Fremdlandes im Delta vertrieben hatte. Das dunkelhäutige Afrika fegte die elenden, bärtigen Asiaten aus dem Land, nachdem sie sich dort für rund 200 Jahre festgesetzt hatten. Einer diese fremden Könige auf dem Territorium der beiden Länder hatte sogar die Dreistigkeit gehabt, sich Apophis zu nennen. Ein Name, den ein Ägypter noch nicht einmal aussprach, war er doch der Name der Chaosschlange der Unterwelt, welche die Fahrt des Sonnengottes jede Nacht zu stoppen versuchte! Die heldenhaften Könige aus der südlichen Stadt Waset hatten in langen Kämpfen diese elenden Asiaten unterworfen und aus dem Land deportiert. Doch die Kämpfe waren hart gewesen, Sequenra Taa, der Held, war im Kampf vom Streitwagen gestürzt und von Asiaten umstellt worden. Er starb einen qualvollen Tod auf dem Schlachtfeld mit eingeschlagenem Schädel. Sein Sohn Kamose konnte ihn zwar nicht lebend retten, doch seine geschundene Leiche wurde vom Schlachtfeld geborgen und noch vor Ort mumifiziert - so gut es ging - und ihn nach Waset zum Begräbnis geschickt. Kamose rächte seinen Vater und ließ tausend asiatische Gefangene pfählen. Doch erst dem jüngeren Bruder von Kamose gelang es schließlich Avaris, die Hauptstadt des elenden Feindes, endgültig einzunehmen und die überlebenden Asiaten aus dem Land zu vertreiben. Unter den Augen von Ahmose zogen hunderttausend Fremde über die Grenze Ägyptens. Durch die langen Kämpfe waren die Ägypter nun erfahren im Kampf und hatten ein professionelles Heer aufgebaut. General Haremhab, der Oberkommandierende Befehlshaber von König Amenhotep III., hatte dem Prinzen und den Streitwagenkämpfern erklärt, daß die Pferde und Streitwagen eigentlich eine Errungenschaft der Asiaten gewesen waren und von den heldenhaften thebanischen Königen übernommen und perfektioniert wurden. Eine große Kultur lerne vom Feind, perfektioniere die Ideen und setze sie gegen den Feind ein. Die Ägypter veränderten den Streitwagen der Asiaten vollkommen. Dieser war ein schwerer Kasten aus Holz und hatte an einer breiten hölzernen Achse schwere Räder. Anfangs hatten sich die Ägypter vor diesen fahrenden Monstern gefürchtet, die mit drei Kriegern besetzt waren und mühelos die Schlachtreihen der Thebaner durchbrachen. Doch bald hatten sie bemerkt, so erzählte General Haremhab, daß die Wagen weder besonders schnell, noch wendig waren. Also machten die Ägypter die Schlachtreihen auf, ließen die Wagen durchbrechen und die Bogenschützen von Kusch schossen die Besatzungen der Wagen zusammen. Nach der Vernichtung der Wagen konnten die Ägypter mit ihrer Infanterie gegen die feindlichen Fußkämpfer vorgehen. Hier waren die seit jeher zu Fuß kämpfenden Ägypter den Asiaten überlegen und gewannen so immer mehr Schlachten – bis zum endgültigen Sieg über die Herrscher der Fremdländer. Die Generäle versuchten auch, die erbeuteten feindlichen Wagen und Pferde bei den nachfolgenden Kämpfen einzusetzen, doch die Ägypter hatten noch mehr Mühe damit zu manövrieren. Also befahl König Sequenra Taa, daß eine ausgewählte Truppe von Streitwagenkämpfern gebildet würde, die zuerst den Umgang mit dem fremden Tier, welches den Wagen zog, erlernen sollte. Das hübsche Wesen gab ansprechende Laute von sich und war genügsam und konnte mit Pflanzen gefüttert werden, was vieles einfacher machte, denn die Löwen und Panther, welche die Ägypter auf die feindlichen Asiaten loshetzten, waren zwar eine furchterregende Taktik, doch war das Einfangen der Tiere nach der Schlacht schwierig. War nicht gerade Krieg, konnten die wilden Tiere der Wüste nicht mit toten Asiaten gefüttert werden und das Fleisch mußte von den Rinderherden der Tempel und Königsdomänen geliefert werden. Wie genügsam war doch das neue Tier, wenngleich es aber zur Angst und Massenflucht neigte. Die Priester von Waset, welche auch Architekten und Ingenieure waren, arbeiteten fieberhaft an einem neuen Wagen. Er wurde aus gebogenem Weidenholz hergestellt, welches unter Wasserdampf biegsam wurde und so in Form gebracht werden konnte. Leichte Wagenräder mit vier bis sechs eleganten Speichen an einer leichten Achse die über gespannten Lederriemen federnd mit dem Wagenkasten verbunden waren, brachten das gewünschte Ergebnis: Ein besonders leichter, wendiger Wagen mit dem die Ägypter doppelt so schnell fahren, viel engere Kufen drehen und im Falle eines Unfalles, die Pferde sehr leicht von dem Wagen abhängen konnten. Dann, so lehrte Haremhab den Rekruten, schwang man sich auf den Rücken des Tieres und ritt schnell davon. Um das Gewicht zu reduzieren, wurde die Besatzung auf einen Wagenlenker und nur einen Kämpfer reduziert. Damit hatten die Ägypter eine fast unschlagbare Waffe erschaffen mit dem sie den Feind erfolgreich bedrängen konnten. Der Versuch der Asiaten, solche leichten Wagen nachzubauen, scheiterten kläglich, da sie nicht hinter das Geheimnis kamen, wie die Ägypter die Hölzer biegen konnten, ohne daß sie brachen. Das war die Legende der Streitwagentruppe.

Ehe Prinz Amenhotep zur Streitwagentruppe versetzt wurde, diente er auch bei der Infanterie, welche noch immer das Rückgrat der Armee war. Als Kämpfer mit dem Sichelschwert, das Chepesch genannt wurde und auch von den Asiaten stammte, war er geschickt, ebenso im Kampf mit dem Speer. Doch die anstrengenden Gewaltmärsche in der Wüste waren für den Prinzen eine Tortur, er litt unter Muskelkrämpfen in seinen dünnen Beinen, die Füße schmerzten. Schon sein Vater, der glorreiche König Amenhotep III., hatte mit den Füssen Probleme gehabt und fuhr daher lieber im Wagen oder ließ sich in einer Sänfte tragen. Wenngleich eine Qual, so erinnerte sich Amenhotep später an seine Infanteriezeit, war sie doch eine wichtige Zeit für ihn gewesen. Bei den Strapazen des Marschierens wurde der Körper nach einer gewissen Zeit mit einem seltsamen Rauschgefühl überschwemmt, das sich sonst nur durch intensives Beten in seiner Zeit als Priester oder im Rausch des Biers im Gelage in ähnlicher Weise wiederfand. In der trostlosen Wüste war niemand, vermutlich nicht einmal Seth, der Gott der Wüste, des Sturms und Chaos. Zumindest ließ sich Seth nicht blicken. Der Einzige, der stets da war und seine lebenspendenden Strahlen auf seine Haut sandte, war der Sonnengott, dessen sichtbare Scheibe Aton über ihm strahlte. Hier in der Infanterie lernte er auch die neue Theologie kennen, die heimlich durch das Land ging. Sie besagte, daß Ra, die Sonne der wahre Schöpfer allen Lebens sei. Es ging das Gerücht, die neue Theologe besagte, daß die Priester das Volk betrogen, denn Ra war für jedermann sichtbar, er brauchte kein Kultbild und keine Tempel mit dunklen Räumen wo der jeweilige Gott nach geheimen Ritualen in der Statue innewohnte für das Ritual. Doch genaueres wußten die Soldaten nicht, zu viel zu denken war für Soldaten schädlich. Das Denken wurde bei Bedarf von den Offizieren angeordnet. Welchen Göttern die Soldaten huldigten blieb den Mannschaften selbst überlassen, denn die Kämpfer des Königs kamen aus dem ganzen Land, auch aus Kusch und so war das ägyptische Militär ein Schmelztiegel von Religionen und Kulten aller Art. Die Menschen aus Kusch waren fanatische Anhänger von Amun, genau wie die Thebaner; die Menschen aus Men-Nefer verehrten die Triade der Stadt, Ptah, seine göttliche Ehefrau Sachmet, eine löwenköpfige Kriegsgöttin und Nefertem, einen Kindgott, der aus der Lotusblüte geboren wurde. Wer aus Sais in Unterägypten stammte, huldigte meist der Göttin Neith, einer kriegerischen Göttin, deren Priesterinnen sie mit Tanz verehrten.  Libysche Söldner, vom Stamme der Meschwesch, die als Kundschafter dienten, hatten besondere Freude am Wüstengott Seth. Wie sie selbst, lebte der Gott in der Wüste und liebte das Chaos. So war jeder mit seinen Göttern glücklich. Doch Amenhotep hatte sich schon vor der Kunde der neuen Sonnentheologie gefragt, ob hinter diesem Gewimmel von Göttern und Kulten ein geheimnisvolles gemeinsames Grundprinzip der Schöpfung lag. Schon lange hatte er die Sonne als die Ursache der Schöpfung in Verdacht, die neue Theologie interessierte ihn daher sehr. Auch andere Menschen dachten gleich wie er. Er beschloß, Erkundigungen einzuziehen, wenn er aus dem Infanteriedienst versetzt werden würde.

Nach einem Jahr in der Infanterie wurde Amenhotep endlich in die Streitwagentruppe versetzt. Dort dienten besonders verdiente Kämpfer und die Söhne der Elite, die durch gute Beziehungen ihrer Eltern in der angesehenen Truppe untergebracht worden waren. Wer dort diente, stieg meist bald im Militär oder der Beamtenhierarchie schnell auf. Weil stets die Kronprinzen dort dienten, konnte man Freundschaft mit dem künftigen König schließen – ideal, um seine Qualitäten zum Glänzen zu bringen. In der Wagenlenkertruppe kamen die Fähigkeiten des Kronprinzen zur Geltung. Amenhotep wurde ein sehr geschickter Wagenlenker, doch zu seinem Leidwesen war seine eigentliche Aufgabe, für die er letztendlich ausgebildet wurde, nicht Wagenlenker, sondern die Rolle des Kämpfers auf dem Wagen, da es vom zukünftigen König erwartet wurde ein heldenhafter Kämpfer zu sein. Auch die Streitwagentruppe selbst nannte sich die Maryannu, die jungen Helden. Der Ausdruck stammte aus dem größeren Nachbarstaat Mitanni, von wo die Könige Ägyptens sich gerne Haremsdamen erstanden, da die Frauen von Mitanni wegen ihrer hellen Haut als schön galten.

Das Manöver der Streitwagentruppe begann kurz nach Sonnenaufgang. Nun mussten Amenhotep und seine adeligen Gefährten ihre erworbenen Kenntnisse anwenden. Gute Fähigkeiten waren notwendig geworden, denn seit einigen Jahren hatten auch die Herrscher von Mitanni und dem weiter nördlich gelegenen Reich von Hatti neue Streitwagentruppen aufgestellt und inzwischen ebenfalls leichtere Wagen entwickelt. Die ägyptische Überlegenheit im Streitwagenkampf begann zu schwinden. Besonders die Hethiter im Norden waren von ihren neuen Streitwagen regelrecht besessen. Sie machten sie zu ihrer Hauptwaffe und vernachlässigten dafür sogar die Infanterie. Noch immer waren die Asiaten zu dritt auf dem Wagen und um genügend Wagenkämpfer zu haben, ließen sie jeden der fähig dazu war, in die Wagenkämpfertruppe. Besonders General Haremhab verachtete diese Praxis, die er als Abwertung einer elitären Waffengattung ansah.

Haremhab und Ramose gaben den neuen Streitwagenkämpfern die letzen Instruktionen. Haremhab gab den Befehl: „Auf dem Kampfplatz zu dem ihr fahren werdet, stehen erbeutete Streitwagen von unseren Nachbarstaaten. Der König von Mitanni, Tuschratta hat sie unserem König Amenhotep III. – er lebe, sei heil und gesund! – geschenkt. Tuschratta hat sie von den Hethitern erbeutet. Auf den Wagen sind Figuren aus Stroh aufgestellt die einen Wagenkämpfer, daneben den Schildträger und den Wagenlenker darstellen. Sie alle tragen die häßliche Kleidung der Hethiter aus farbiger Wolle. Eure Aufgabe wird es sein, bevorzugt zuerst den Wagenlenker zur treffen, denn der achtet auf den Wagen und weniger auf seine Deckung, die ja der Schildträger in der Mitte übernimmt. Wenn ihr den Lenker trefft, gerät der Wagen schnell außer Kontrolle, dann muß der Schildträger die Zügel übernehmen und nun ist der Kämpfer ungedeckt. Unsere ägyptischen Schilder sind aus Leder gemacht und leichter, daher kann unserer Wagenlenker auch die Rolle des Schildträgers übernehmen. Im Kampf werdet ihr lernen, wie man durch den Einsatz von Verstand und Logik siegreich vorgehen kann. Diese Fähigkeiten werden euch auch später in der Staatsführung und als Beamte des Staates zugutekommen!“. Haremhab ahnte damals noch nicht welche Konsequenzen seine Ratschläge einst haben werden.

Kronprinz Amenhotep bestieg seinen Wagen, dessen Gespann den Namen „Amun, Herr der Siege trug“ und donnerte zusammen mit seinem Wagenlenker namens Sutj auf den Kampfplatz. Dort standen in Gruppen und einzeln mehr als ein Dutzend hethitische Streitwagen. Sie waren schwerer als die ägyptischen gebaut und breiter, da drei Krieger nebeneinander auf ihnen standen. Hier waren es nur Puppen, auch die Pferde waren aus Stroh und Lumpen behelfsmäßig zusammengebastelt. Sobald die leichten ägyptischen Wagen auf dem Platz ankamen, griffen die Wagenkämpfer zu ihren Bogen und begannen aus voller Fahrt, ihre Pfeile auf die Puppen abzuschießen. Obwohl sich nur die ägyptischen Wagen bewegten und die Puppen auch nicht zurückschießen konnten, fand Amenhotep, daß es sehr schwer sei zu treffen, da die Wagen stark vibrierten. Wenn es zu einer wahrhaftigen direkten Konfrontation mit den Hethitern kommen würde, wäre das Leben der Wagenkämpfer nicht leicht. Ohnehin, so dachte der Kronprinz, ist der Kampf der verschiedenen Völker gegeneinander eine unnütze Verschwendung von menschlichen Leben. Denn der Sonnengott hatte sie alle geschaffen, er schien in allen Ländern, auch wenn der Sonnengott dort unter anderen Namen auftrat. Bei den Hethitern hieß er Siu. Doch auch das hethitische Götterpantheon wurde von einem Wettergott, ganz ähnlich wie Amun beherrscht, der sich Tarhunna nannte. Auch das Volk der Hethiter litt unter den tausend Göttern die es hatte, dachte sich der Kronprinz. Ein einziger Hochgott, der Sonnengott, der für alle schien, wäre die Lösung für alle Menschen, das Gottesvieh des Ra, so wurden sie auch genannt. Stattdessen dürfte er sich abmühen Pfeile auf Hethiterpuppen abzuschießen, was ihm aber doch reichlich gut gelang. General Haremhab war mit der Übung zufrieden und gegen Abend kehrten sie in die Kaserne von Memphis zurück.

Dort zog sich Amenhotep in sein Quartier zurück und wusch sich den Staub ab, rieb sich mit Duftöl ein und bekleidete sich mit neuen Leinenkleidern. Danach traf er Juja, den Schwiegervater des Königs Amenhotep III. Juja war in den jungen Jahren der Kommandeur der Streitwagentruppen gewesen, doch inzwischen war er 50 Jahre alt geworden. Zu alt für den aktiven Dienst, doch seine früheren Fähigkeiten als Wagenkämpfer waren eine Legende. Darum schied er nicht aus dem Militär aus, sondern bleib der Ehre wegen und diente dem Generalstab von Haremhab als Berater. Seine Frau Tuja war vor einem halben Jahr an Altersschwäche verstorben. Sie hatte lange an ihrem krummen Rücken und an Schmerzen in den Zähnen gelitten. Sie erhielt als Schwiegermutter das Privileg, in einem Grab im Tal bestattet zu werden, wo die Könige ihre letzte Ruhe fanden.  Das Grab war klein und durfte nicht dekoriert werden – das stand im Tal nur den Königen zu – doch die Nähe zu den Gottkönigen wog diesen Nachteil mehr als auf. Tuja war bereits in der Unterwelt und würde dort ihren Gatten erwarten. Dies tröstete Juja, der sich seither alleine fühlte. Auch die Anwesenheit des Prinzen Amenhotep war ein Trost, wenngleich er es im Grunde seines Herzens lieber gesehen hätte, wenn der frühverstorbene Thutmosis der neue König geworden wäre. Amenhotep, so war er überzeugt, hatte einen guten Hohepriester des Ra in Heliopolis abgegeben und wäre dort wohl glücklich geworden. Doch der Wille der Götter war manchmal rätselhaft. Was hatten sie mit Kemet, dem schwarzen Land, durch das der lebensspendende Nil floß, im Sinne? Da klopfte es an die Tür und riß Juja aus seinen Gedanken. Ein Diener eilte zur Türe, öffnete sie und ließ den Prinzen eintreten, er verneigte sich und eilte dann zu Juja um ihm den Besuch zu melden. Juja befahl im: „Bringe uns Brot und kühles Bier!“

Der Diener eilte in die nahegelegene Küche des Militärs und besorgte die beiden elementaren Speisen, die zu jeder Mahlzeit im Lande gehörte.

„Setze dich mein Enkel und großer Kronprinz!“ sprach Juja. Amenhotep nahm Platz auf einem der Sessel die im Zimmer standen. Der Sessel war aus Holz und hatte figürliche Dekoration aus Goldblech. Sie stellten auf der Rückenlehne die älteste Kronprinzessin Satamun und eine Dienerin dar, die ihr einen goldenen Halskragen reichte.

 „Ach meine unglückliche ältere Schwester!“ seufzte Amenhotep und setzte sich. „Wie früh ist sie zur Witwe geworden, nachdem ihr Bruder und geplanter Ehemann Thutmosis beim Wagenunfall ums Leben gekommen ist.“

Da antwortete Juja: „Darum hat ihr Vater, unser König sie zu seinem dreißigsten Regierungsjubiläum rituell geheiratet. So wird er selbst kultisch verjüngt und Satamun trägt nun den Titel einer königlichen Ehefrau. Wenn sie zum zweiten Mal Witwe werden wird, dann wird sie eine Königswitwe sein, mit Anspruch auf ihren eignen Palast und den dazugehörigen Domänen.“

Da trat der Diener ein und brachte zwei große Krüge mit Bier und einen Korb mit Fladenbroten, gedünstetem Gemüse, etwas Schweinefleisch. Das Schweinefleisch war billig und wurde auch im Militär an die Soldaten abgegeben. Das Fleisch der Rinder war dagegen kostbar und wurde von den meisten Menschen nur als Opferfleisch bei den Götterfesten genossen. „Gäbe es nicht die vielen Götterfeste, die Menschen wären viel weniger an ihren Göttern interessiert“, sprach Amenhotep, als er das Fleisch sah. „Die Abhängigkeit von den Ritualen, die nur die Priester durchführen, hemmt das Land.“

Juja vermied es darauf direkt zu antworten, was hätte er auch sagen sollen? Sollte er dem jungen Kronprinzen mit seinen neuen Ideen recht geben oder die Politik des regierenden Königs Amenhotep III. verteidigen und damit die Förderung der vielen Götter und besonders der Tierkulte? Es war offensichtlich, die Zukunft würde Konflikte bringen. Der eigentliche Thronfolger Thutmosis war ein eifriger Anhänger der vielen Götter des Landes gewesen und war auch den Tierkulten zugeneigt, besonders der Verehrung der Katzen als Erscheinungsform der Göttin Bastet. So sprach Juja: „Es sind doch nur die Priester des Amuns, welche sich unbeliebt gemacht haben mit ihren hohen Tempelabgaben und ihrer Arroganz, sie seien die Priester des höchsten und bedeutendsten Gottes.“ Juja hoffte, die Abneigung des neuen Kronprinzen nur auf die Amunpriester zu lenken. Dann würden andrere Götter mehr gefördert, im Grunde bleib dann alles beim Alten und der neue Amenhotep würde, ohne es sich allzusehr bewußt zu sein, die Politik des alten Amenhotep fortführen. „Amun ist der unsympathischste aller Götter, er sollte abgelöst werden von Ra, der lebensspendenden Sonne. So war es früher ja auch gewesen. Viele denken so in der Armee – und so habe ich gehört – auch bei den Händlern und Kunsthandwerkern.“ erwiderte Kronprinz Amenhotep. Juja nutzte das Stichwort um dagegen anzuargumentieren: „Ach, die Händler sind bereit alles zu glauben, solange es nur weniger Tempelsteuer für sie bedeutet!“ Sie werden allem nachrennen. Darum ist ihr Ansehen in der Gesellschaft unseres Staates auch gering und ihr sozialer Stand tief. Und das ist auch der Grund, warum wir den Handel den eingewanderten Ausländern überlassen. Phönizier und die Menschen aus Mitanni und aus Assyrien machen ihre Geschäfte, zahlen die Steuern und können ihren eigenen Göttern huldigen, wie es ihnen beliebt.“

„Genau darum könnten sie für eine neue Religion des Sonnengottes Ra am ehesten gewonnen werden, genau wie das Militär. Die Händler wollen weniger Steuerlast, das Militär seine Machtposition erhalten. Auch das Volk der Bauern wird sich der neuen Sonnentheologie anschließen, denn es ist ja Ra der über ihren Feldern scheint und die Pflanzen gedeihen läßt.“ Amenhotep war von der Idee, auf die ihn Juja gebracht hatte, regelrecht begeistert und fuhr fort: „Alle würden von einem neuen höchsten Gott profitieren, abgesehen von den Priestern der zahllosen Götter. Wenn die Priester einer anderen Tätigkeit nachgehen werden, wird unser Land noch mehr Arbeitskräfte haben.“ Amenhotep bemerkte den zunehmend irritierten Gesichtsausdruck seines Verwandten und beschloß, ihm keinen Kummer zu bereiten und wechselte zu dessen Erleichterung das Thema.

„Doch sage mir Juja, hast du Neuigkeiten von meiner Schwester Isis, meiner künftigen Königin, ich vermisse sie sehr?“ Juja, mit spürbarer Dankbarkeit für das neue Thema sprach: „Die aktuellste Neuigkeit, die mir bekannt ist, berichtet davon, daß Isis zur Priesterin der Göttin Hathor gekürt wurde. Zusammen mit ihrem Vater hat sie eine Pilgerfahrt nach Tanter zum Haupttempel der Hathor unternommen und ist dort in einer großen Zeremonie geweiht worden. Sie hat die Grazie und Begabung zur Priesterin der Schönheit und der Liebe zu sein.“

Amenhotep fand, daß die Neuigkeit perfekt zu seinen Plänen passte. Hathor war in der Mythologie die Tochter des Sonnengottes. So hatte er es in Heliopolis gelernt. Ra war im Inneren des ersten Lotus gewesen, der aus der Ursuppe emporgestiegen war, als er das erste Mal die Augen öffnete, fiel eine Träne auf den Boden und verwandelte sich in eine Frau. Dieser gab man den Namen „Das Gold der Götter, Hathor, die Große, Herrin von Tanter“. Ein anderer Mythos berichtete davon, daß Hathor identisch mit der Himmelsgöttin Nut sei und sie in ihrem Leib, der dunkelblau und mit Sternen des Himmels bedeckt ist, den Sonnengott Ra während der Nacht aufnahm, indem sie ihn verschluckte, um ihn am Morgen neu zu gebären. Wieder andere Priester sagten sogar, daß Hathor das Auge des Ra selbst sei. Hathor war zudem das weibliche Element des Königtums. Ra und Horus fielen in einer speziellen Theologie, einem besonderen Gott, zu einer Person zusammen. Die Priester nannten sie Kamutef, der Stier seiner Mutter. Ra zeugt sich mit seiner Tochter selbst und wird als Horus geboren, der Kreislauf der Wiedergeburt schließt sich. Isis seine Schwester und künftige Königin würde für ihn als Priesterin der Hathor die irdische Entsprechung sein, aus ihr würde die alte Sonnenreligion wie zur Zeit der großen Pyramiden neu entstehen. Da Amenhotep seinem Verwandten Juja keinen weiteren Sorgen bereiten wollte, behielt der diese Ideen für sich. Der Rest des gemeinsamen Abendessens verlief in angenehmer, aber belangloser Atmosphäre.

In der Nacht, als Juja auf seinem Bett lag, den Kopf auf Nackenstütze, konnte er nicht richtig schlafen. „Die Nackenstütze ist nur etwas für Menschen mit dem Schlaf des Gerechten, nichts für Grübler, die sich nervös herumwälzen“, ging ihn durch den Kopf. Er legte die Nackenstütze beiseite und holte sich ein zusammengerolltes Kleidungsstück, das er unter den Nacken schob. Den Rest der Nacht wälzte er sich unruhig hin und her, er erkannte die Gefahr, die von den zunehmend revolutionären Ideen, aus dem Volk und vom Kronprinzen ausgingen. Beim Regierungsantritt eines Königs war es üblich, daß der König eine kleine, meist inszenierte Revolte, von Feinden oder Rebellen niederschlug und damit die ägyptische Weltordnung, die Maat, wiederherstellte und so dem Land die Ordnung wiedergab. Für die Rolle der Rebellen suchte man sich meist grenznahe Ausländer aus, die angeblich die Grenzen bedrohten und Ägypten schlug mit harter Hand zurück. Doch bald, so fürchtete Juja, würde der künftige König mit seinen religiösen Ideen die Rebellen in den eigenen Reihen finden. Je mehr die Macht der Amunpriester anstieg und zugleich ihre Beliebtheit im Volk sank, stieg die Gefahr, daß Amenhotep im Namen der Maat gegen die Priester losschlagen könnte. Das Militär würde loyal zum König stehen, da die Priester und ihre Domänen mit denen des Militärs konkurrenzierten. Seit den friedlichen Zeiten die unter Thutmosis IV., dem Vater des jetzigen Königs ausgebrochen waren, hatte das Militär die Einkünfte aus den Kriegszügen der früheren Jahre verloren. Wenn sich das Militär, die reichen Händler und der König zusammen gegen die Priester wenden würden, dann würde auch seine Familie aus Achmin in Gefahr sein. Seine Tochter Teje hatte den König Amenhotep III. geheiratet, obwohl sie keine Prinzessin gewesen war und war sogar die Grosse Königliche Gemahlin, die unbestrittene Hauptfrau geworden. Jujas erster Sohn Anen hatte ein Priesteramt als zweiter Prophet des Gottes Amun erhalten, der jüngere Sohn Eje war Priester im Range eines Gottesvaters. Wenn nun der neue Kronprinz gegen die Amunpriester losschlug, könnte die Macht und das Ansehen seines Hauses in Windeseile zerstört werden.

Jahr 25 von König Neb-Maat-Ra

Es war das Jahr 25 der Herrschaft von Amenhotep III Neb-Maat-Ra als in der Stadt Tanter, welche der Göttin Hathor heilig war, einer Priesterfamilie ein Kind geboren wurde.

Die Mutter war eine einflussreiche Priesterin mit Namen Anch-es-en-Hathor, der Vater Userhet war der Vorsteher des lokalen königlichen Harems.

Als Geburtshelfrein amtete ihre Schwester, Iniy. Sie war es auch, welche sich in den ersten Jahren oft um das kleine Mädchen kümmerte, das den Namen Merit erhalten hatte.

Wann immer König Amenhotep III. die Stadt Tanter besuchte, nutzte er auch die Gelegenheit, den dortigen Harem aufzusuchen. Bei einem Besuch im Jahre 32 seiner Herrschaft wurde er von seiner zweitältesten Tochter Isis begleitet, denn sie sollte hier ihre Priesterausbildung erhalten.

Userhet fiel auf, wie sehr die Prinzessin seiner eigenen Tochter Merit ähnelte, doch hinterfragte er diese Ähnlichkeit nie. Es war eine Laune des Schöpfergottes Chnum.

Im 33. Jahr schickte Amenhotep seine Tochter in die Ausbildung zur Priesterin der Hathor von Tanter und so kam es, dass sich Isis und Merit kennenlernten. Bald waren sie eng miteinander befreundet, da sich nicht nur im Aussehen stark ähnelten, sondern auch im Charakter und den Bewegungen. Es schien fast, als seien sie Schwestern.

Jahr 37. Peret-Saison, Monat 2. 4. Tag unter dem König von Ober- und Unterägypten, Neb-Maat-Ra

Als der neue Morgen gekommen war – Amenhotep IV. unterließ es an diesem Tag in die Wüste zu fahren – ging Juja in die Schreibstube der Kaserne und beschloß, seinen Sohn Eje von den zu erwartenden Entwicklungen zu unterrichten, denn Eje war rhetorisch sehr geschickt und hatte die Gabe, künftige Ereignisse vorauszuahnen und auf sie vorbereitet zu sein. So griff Juja zu einer Rolle unbeschriebenen Papyrus und zur Schreibbinse und verfaßte den Brief an Eje.

Auch der Kronprinz war an diesem Tag früh auf. Das morgendliche Gebet hatte er, unüblich für ihn, am Abend zuvor mit Juja abgesagt, ohne dafür Gründe anzugeben. Doch Ra ging auch ohne sein Gebet auf, so wie er es Millionen von Tagen zuvor schon getan hatte.

„Heute werde ich meinem Gott auf andere Weise dienen“ dachte Amenhotep und bekleidete sich mit einem Schurtz, legte die leichte Schuppenpanzerrüstung eines Soldaten der Streitwagentruppe an und setzte eine Perücke auf sein kahlgeschorenes, langgezogenes Haupt. In dieser Aufmachung würde ihn keiner erkennen und zu seiner Sicherheit hängte er sich ein kurzes Schwert mit gerader Klinge um.

Das Händlerviertel lag nicht allzuweit vom Tempel des Ptah. Über eine breite Verbindungsstraße war Amenhotep von der Kaserne hergekommen. Sobald er in die verwinkelten, engen Gassen der Händler eintauchte, konnte er leicht untertauchen, wenn ihm Bekannte aus dem Militär begegnen sollten. Doch besonders wahrscheinlich war das nicht, das Militär lebte in einer eigenen Welt, in eigenen Wohnvierteln, eigenen Schreiberstuben und eigenen Versorgungsdomänen, ebenso wie die Priester des Amun und auch der König und sein Palast. Im Händlerviertel waren jeden Morgen viele Menschen, Bauern brachten Teile ihrer Ernte auf den Markt und handelten sie gegen Werkzeuge, Leinenstoffe und andere Dinge ein. Entweder tauschte man die Produkte direkt gegeneinander aus oder bediente sich eines Tauschmittelträgers aus Metall. Kupfer, Gold und Silber in Form von Barren oder Schmuck konnten als Wertträger dienen. Doch damit handelten meist die reichen Fernhändler, welche wertvolle Importgüter ins Niltal brachten, wie Weihrauch aus dem Lande Punt.

Mit den Kleinhändlern konnte Amenhotep zwar einfach ein Gespräch über die Ware beginnen, doch um an Informationen zu gelangen, waren sie die falschen Leute, sie interessierte vor allem ihr Tagesgeschäft und die nächsten Kunden drängten schon herbei. Also ging er weiter, bis er zu den Läden der wichtigen Händler kam. Je teurer und exklusiver die Waren aus fernen Ländern waren, desto geringer die Besucherzahl. Der jeweilige Händler musste dem Kunden auch mehr einladende Stimmung für einen Geschäftsabschluß bieten. Nun handelte man nicht mehr auf der Straße, sondern in Läden, dem Kunden wurde während den Einkaufsverhandlungen Bier gereicht. Die Kühle des Getränkes wirkte erfrischend und dauerten die Verhandlungen lange, sorgte die Menge des berauschenden Getränkes für die gute Stimmung des Kunden. Doch hier erkannte Amenhotep das Problem, das er zuvor nicht bedacht hatte. Die Verkleidung als einfacher Soldat der Wagenkämpfertruppe machte es ihm zwar leicht, unbemerkt aus der Kaserne herauszukommen, doch was wollte er im Bazar der Fernhändler kaufen, ohne aufzufallen? Spontan dachte er, er wolle dem Händler erzählen, sein Militärdienst sei bald beendet und er gedenke eine Frau zu ehelichen, was ja sogar der Wahrheit entsprach. Folglich brauchte er Geschenke für eine verwöhnte Frau aus gutem Hause. Auch das war nur zu wahr, aber stark untertrieben. Prinzessin Isis war sehr anspruchsvoll, verwendete, seit sie ein Mädchen war, Unmengen an Schönheitsmitteln und liebte Schmuck und feinste Leinengewänder. Nur ihre ältere Schwester Satamun war noch anspruchsvoller was schweren Goldschmuck betraf. Wo sie das herhatten, wußte Amenhotep nicht. Von ihrer Mutter Teje wohl kaum. Sie war der direkte, volkstümliche Typ von Königin, geliebt vom den einfachen Menschen, liebte simple Speisen und konnte Wein und Bier in Mengen trinken, die manchen Mann in die Knie zwang. Isis, Satamun und die beiden jüngeren Schwestern Henut-tau-nebu und auch die Kleinste, Nebet-ah, waren verwöhnte Bälger, die sich seit der Kleinkinderzeit schminkten. Sie waren alle im Harem in Per-Haj, dem Haus des Jubels, wie sich der Palast von Amenhotep III. in Waset nannte, aufgewachsen. Er lag ungewöhnlich auf dem Westufer des Nils, dort wo sonst nur die Nekropolen lagen und das abgeschottete Dorf der Nekropolenarbeiter. Hier lebten hunderte von bildschönen Frauen aus dem Lande Kemet, Kusch, aus Mitanni und dem Lande der Hethiter, der Assyrer und Libyer. Sie wetteiferten um die Gunst des Königs und versuchten ihre Rivalinnen auszustechen. Obwohl der König inzwischen alt und dick war, war sein Lust auf junge Frauen ungebrochen. Erst vor rund einem Jahr war Prinzessin Taduchepa aus Mitanni als neue Braut im Harem eingetroffen. Er hatte über Boten von ihrer Schönheit und Anmut gehört, sie aber noch nicht selbst gesehen. Nun aber wußte er, wie er das Gespräch mit den Händlern beginnen sollte. Er suchte Geschenke für eine Frau aus einem fernen Lande, die seltsame Religionsvorstellungen hatte. So konnte er das Thema subtil auf die neue Sonnentheologie lenken.

Er betrat den Laden eines syrischen Händlers, der fremdländischen Schmuck aus der Levante und von Mykene im Angebot hatte. Nach der umständlichen Begrüßung und dem ersten Austausch von Höflichkeiten, kam Amenhotep erstmals auf seine Familie zu sprechen, ohne aber direkt anzudeuten, was er suchte. Er erzählte, daß er eine Frau aus Mitanni zu ehelichen gedenke, die schon einige Jahre in Kemet lebe. Damit hatte er die Redseligkeit und Sympathie des Syrers gewonnen, denn dieser sprach: „Nicht wahr, mein ägyptischer Held der Wagenkämpfertruppe, der seinesgleichen nicht hat, die Frauen aus Mitanni, sind sie nicht prachtvoll? Die Haut milchweiß, mandelförmige Augen und was für eine Figur...“ Er fragte den Händler: „Was würdet ihr, oh hochedler Geschäftsmann, einer Dame schenken, die dem Kult des Sonnengottes sehr zugeneigt ist?“ Die Erwähnung des Sonnengottes ließ das Gesicht des Händlers erstrahlen. „Mein edler, Held, da kann ich euch weiterhelfen, da ich mich damit sehr gut auskenne. Ihr kennt sicher die seit einiger Zeit kursierende Sonnentheologie? Sie ist auch in den Händlerkreisen populär.“ Amenhotep hatte nun die Antwort, die er wollte, mimte aber den etwas unwissenden Soldaten: „Ich kenne mich mit den Götterkulten nur wenig aus, da im Militär die Kriegsgötter, wie Month und die Göttin Neith, populär sind.“

„Gewiß, gewiß“, buckelte der Syrer eifrig „jedem Beruf seinen eigenen Schutzgott, Ptah schützt die Händler, doch der Sonnengott scheint für alle, sogar für die Fremden.“ Nun kramte er Schmuckstücke hervor: Ein Halsband aus Lapislazuli- und Goldperlen mit der Figur des Ra im Zentrum, dargestellt als falkenköpfiger Gott mit der Sonnenscheibe und ein Pektoral, das den Sonnengott als Chepri in Form des Skarabäus, der die Sonnenscheibe emporstemmte, seitlich flankiert von den knienden Göttinnen Isis und Nephthys. Über der Sonnenscheibe war eine noch kleine, leere Goldplatte angebracht. Der Syrer wies darauf hin und sprach: „Hier kann der Name des Besitzers eingeschrieben werden – er oder sie wird dann wie die Sonne allmorgendlich von Chepri emporgehoben und neu geboren.“ Der Syrer holte ein weiteres Amulett hervor, das zwei sitzende Affen darstellte, die bei den Ägyptern Ky genannt wurden. Sie flankierten die Sonnenbarke, die unter dem Schriftzeichen Pet, das für Himmel stand, dahinfuhr. Auf der Barke befand sich der Sonnengott Ra reduziert als Sonnenscheibe, die aus einer glänzend polierten Weißgoldlegierung bestand. Die abstrakte Scheibe des Sonnengottes sprach Prinz Amenhotep augenblicklich an: „So einfach und klar, so muß das Bild Gottes sein!“ rief er erregt.

„Ja, mein Held, so einfach und doch für alle Menschen verständlich, ohne komplizierte Rituale und verschwenderische Tempel“, stimmte ihm der Händler zu. Die Verkaufsstrategie des Syrers war aufgegangen: Amenhotep interessierte sich für das Amulett. Er beschloß, sowohl das Pektoral mit der abstrakten Sonnenscheibe, als auch das mit Chepri zu erwerben. „Wollt ihr schon den Namen eurer Braut eintragen lassen oder wird sie einen ägyptischen Namen annehmen?“ „Sie wird sich Die Schöne sie ist gekommen nennen“, antwortete Amenhotep etwas verlegen, da er diese Frage nicht vorausgesehen hatte. Der Händler glaubte, damit spiele der ägyptische Soldat auf die ausländische Herkunft der Braut an, doch Amenhotep hatte dabei instinktiv an die Sonnentheologie gedacht, die Hathor als die ferne Göttin bezeichnete, deren Priesterin Prinzessin Isis nun geworden war. Der Händler versprach, er werde den Namen bis Morgen eingesetzt haben. Da Amenhotep wieder Kasernendienst hatte, sagte er ihm, daß ein Diener mit Goldreifen als Bezahlung zu ihm kommen und die Schmuckstücke abhole werde.

ISIS

Jahr 38. Achet-Saison, Monat 1, 3. Tag unter dem König von Ober- und Unterägypten, Neb-Maat-Ra

Die Sänfte mit Prinzessin Isis traf am Landungssteg von Tanter ein. Heute würde die Priesterin der Hathor nach Waset zurückkehren, welches 25 Meilen südlich lag. Am Steg wartete eine königliche Barke darauf, die Königstochter abzuholen, da ihre Ausbildung als Priesterin bald abgeschlossen war. Die Diener, welche sie trugen, setzen die Sänfte vorsichtig ab und mit leichtem Schritt ging Isis zum Boot, wo sie mit einer Verneigung der Schiffsmannschaft empfangen wurde. Das Schiff war ein mittelgroßes, schnelles Reiseschiff mit einem Masten in der Mitte des Schiffs, an welchem ein sehr breites, Segel angebracht war, das aber nur eine geringe Höhe hatte. Damit ließen sich die Winde im Niltal optimal ausnutzen. Ebenfalls in der Mitte befand sich eine Kabine auf Deck, dort würde die Prinzessin sich abends zum Schlafen zurückziehen können, denn auf dem Wasser war es deutlich kühler. Am Bug befand sich ein überdachter Pavillon mit einem prunkvoll gestalteten Stuhl. Am Heck war eine ähnliche Vorrichtung angebracht, wo der Kapitän und der Steuermann das Schiff kommandieren konnten. Gesteuert wurde es durch zwei riesige Seitenruder am Heckbereich. Lange Ruder aus hartem Ebenholz waren entlang der Reling nach oben gezogen und befestigt. Der Wind aus Norden würde an diesem Tag vollauf genügen, um Reisen zu können, denn er blies recht kräftig und stetig.

Es war später Nachmittag und noch ziemlich heiß. Die Nilflut war am anrollen, was die Rückfahrt gegen den Strom zwar erschweren, aber nicht verhindern würde. Sie mußte abreisen, da ihr Vater Amenhotep III. immer kränker war, falls der Goldfalke zu seiner Achet aufsteigen, profaner ausgedrückt, sterben würde, mußte sie vor Ort sein, um sofort als Königin inthronisiert zu werden. Ihr künftiger Ehemann, Kronprinz Amenhotep, würde längere Zeit brauchen, um von Men-Nefer in die Residenz in Luxor zu gelangen. Isis setzte sich in die Aussichtskabine am Bug des Schiffes. In die Kabine in der Mitte des königlichen Bootes würde sie sich erst gegen Abend zurückziehen. Die Mannschaft drehte das breite Quersegel in den Wind, der wie fast immer aus Norden blies. Kemet ist das von den Göttern auserwählte Land, dachte Isis, sie hatten den lebenspendenden Strom geschaffen, der das Land fruchtbar machte und alljährlich mit schwarzem Schlamm düngte. Darum hieß das Land auch Kemet, das schwarze Land. Die Götter waren auch weitsichtig gewesen, da sie den Wind fast permanent von Norden her blasen ließen. Er brachte kühle Luft in das von der Sonne erhitzte Land und machte es möglich, gegen die Strömung des Flusses nach Süden segeln zu können. Sonst hätten die Menschen ihre Schiffe über tausend Meilen das Ufer entlang ziehen müssen um herumreisen zu können. Als das Boot ablegte, blickte Isis auf das vom Schlamm bereits dunkel gefärbte Wasser und erinnerte sich an eines ihrer Lieblingsrituale, welches sie seit dem Beginn ihrer Priesterinnenausbildung jeden Tag vollzog: Das Morgenritual der Reinigung im Heiligen See des Tempelkomplexes. Zusammen mit den anderen Priesterinnen reinigte sich Isis zunächst den Mund mit Natron, welches in Form von Salzkugeln in den Mund genommen und gekaut wurde. Danach spülte Isis, wie die übrigen Priesterinnen ihren Mund mit heiligem Wasser und sprach laut:

„Ich, Isis, Tochter des Königs, ich bin ein Kind von Ra,

Ich bin ein Kind des Herrn des Lebens, des Herrn bis zu den äußersten Grenzen.

Ich bin aus der Träne des Ra geboren.

So wie Ra im Wasser des Binsensees badete,

so bade ich nun im Wasser des Binsensees.

Wie Ra bin ich gereinigt und gewaschen.

Wie Ra bin ich erneuert und verjüngt.“

Dann stieg Isis, wie die anderen, das feine Leinenkleid am Körper behaltend, in den in den See und schwamm darin. Die Priesterinnen schwammen, während es bei den Priestern eher üblich war, im Wasser zu stehen und mit den Händen heiliges Wasser zu schöpfen und sich zu benetzten. Als die Priesterinnen aus dem See stiegen, rezitierten sie den Text, der ihren Körper göttlich machte, denn nur selbst zu einer Göttin geworden, waren sie würdig, der Göttin Hathor entgegenzutreten.

„Mit den Worten von wahrhaftiger Kraft, mit den Worten des Gottes Thot, der Zunge des Ra, sind diese Worte wahr und wirksam, ich verkünde:

Oh, Wasser, mögest du alles Übel von mir wegnehmen,

Wie Ra der im Binsensee badete,

möge Horus mein Fleisch reinigen,

möge Thot meine Fusssohlen reinigen,

möge mich Schu aufrichten und Nut meine Hand ergreifen,

möge Seth meine Stärke sein und Sachmet meine Heilung,

möge das Udjat-Auge mein Schutz sein

möge Anubis mein Führer sein

möge Upuaut mir die Wege vor mir öffnen in Frieden

möge mir Horus den Sieg gewähren

möge mir Amun-Ra Leben geben und mich täglich erblühen lassen,

möge mir Amun-Ra Leben geben und mich machtvoll werden lassen.“

Dieses Reinigungsritual wurde bei den ersten Strahlen des Morgens beim Tempelsee vollzogen, danach zogen sich die Priesterinnen der Hathor in nahegelegene Räume zurück, um sich dort für das Tempelritual zu richten. Die Priesterinnen übernahmen, je nach Grad der Ausbildung und den jeweiligen Fähigkeiten unterschiedliche Rollen im Götterkult. Isis war eine gute Tänzerin und hätte der Göttin mit Tanz huldigen können, doch die Hohepriesterin Ankh-es-en-Hut-Her, deren Name passend „sie lebt durch Hathor“ bedeutete, erkannte die Fähigkeit von Isis, ein Ritual zu leiten, die heiligen Texte zu rezitieren. Und so war Isis die Vorlesepriesterin der Göttin geworden. Die Priesterinnen halfen sich gegenseitig beim Anziehen der neuen Leinengewänder. Ihre enge Freundin Merit ölte den kahlgeschorenen Schädel von Isis und half ihr, die besonders voluminöse Perücke aus Menschenhaar aufzusetzen, darauf kam eine Modiuskrone mit Kuhhörnen und einer Sonnenscheibe. Sie half Isis auch, einen Usech-Kragen aus feinen Perlenschnüren umzulegen. Zuvor hatte Isis ihre Gefährtin für den Tanz vorbereitet. Das Kostüm von Merit war einfacher, es bestand nur aus einem Gürtel, von dem ein langer Streifen zum Boden hing und ihre Scham nur dürftig bedeckte. Auch Merit trug eine Perücke, jedoch eine weniger voluminöse, so dass sie beim Tanz nicht vom Kopf fallen würde. Denn wenn ein Fehler im Ritual passierte, musste das gesamte Ritual wiederholt werden. Priesterinnen, welche öfters eine Wiederholung des Rituals erzwangen, waren folglich nicht übermässig beliebt. Die Entscheidung, ob ein Ritual neu begonnen werden musste, lag in der Macht der Hohepriesterin.

Nachdem sich die Priesterinnen bekleidet und üppig parfümiert hatten, schritten sie zum Pronaos, der Vorhalle des Tempels. Dort wurde das Ritual der Selbstvergöttlichung vollzogen. Denn um im Götterritual in das mythische Geschehen der sich permanent vollziehenden Schöpfung eingreifen zu können, mussten die Priester und Priesterinnen für eine gewisse Zeit selber göttergleich sein. Auf allen bemalten Reliefs an den Tempelwänden freilich waren stets nur die Könige dargestellt, wie sie vor dem jeweiligen Gott opferten. Denn der König war die Inkarnation von Gott Horus, die grosse königliche Gemahlin die irdische Inkarnation der Göttinnen Isis und Hathor. Sie waren permanent göttlich, die Priester waren die Stellvertreter des Königs, der in der Realität nicht im ganzen Land jeden Tag die Rituale vollziehen konnte. Die Priester des höchsten Grades nannten sich daher Hem-netjer, Gottesdiener, da sie als Stellvertreter des Königs dienten. In der Vorhalle rezitierte die junge Priesterin Merit die Litanei zur Vergöttlichung der anwesenden Priesterinnen:

„Mein Haar ist das Haar von Nun, dem Urgewässer,

mein Gesicht ist das Gesicht von Ra, dem Herrn des Lebens,

meine Augen sind die Augen von Hathor, der Herrin des Jubelns,

Meine Ohren sind die Ohren von Upuaut, dem Öffner der Wege,

Mein Nasenloch ist das Nasenloch von Amun, dem Verborgenen,

meine Lippen und Zunge sind die Lippen und Zunge von Heka, dem Zauberer,

Meine Zähne sind die Zähne des Chepri, dem Werdenden,

Mein Blut ist das Blut von Min, dem Herrn der Fruchtbarkeit,

Mein Nacken ist der Nacken von Isis, gross an Zauber,

Meine Hände sind die Hände non Chnum, der den Ka formt,

Meine Arme sind der Ba von von Mendes,

Meine Brust ist die Brust von Neith, der Herrin von Saïs,

Mein Rücken ist der Rücken von Seth,

Meine Füsse sind die Füsse von Ptah, dem Herrn von Men-Nefer,

Meine Schenkel sind die Schenkel der Nut, der Herrin des Himmels,

Meine Finger und Zehen sind lebendige Uräusschlangen,

kein Glied an mir ist ohne einen Gott.“

Prinzessin Isis tat es ihr gleich. Dann ergriff Merit ein Räuchergefäss und eine Feder. Sie schritt um die Priesterinnen herum und wedelte ihnen den Weihrauch zu. Dieses kostbare Harz galt als Duft der Götter und war daher unverzichtbar. Die Tempel mussten den Weihrauch aus dem südlich gelegenen Land Punt importieren. Es hatte zwar immer wieder Versuche gegeben, die Weihrauchbäume im Niltal anzupflanzen. Zum letzten Mal hatte es Königin Hatschepsut versucht, doch die Bäume waren nach kurzer Zeit abgestorben.

Jede Priesterin, welche den Duft der Götter empfangen hatte, verneigte sich vor Merit und schritt dann in die Vorhalle des Tempels. Als alle versammelt waren, schritten die Priesterinnen ins halbdunkle Allerheiligste des Tempels und begannen das Ritual. Die vertrauten, wie der Kreislauf der Sonne sich ewig wiederholenden Rituale hatten etwas Beruhigendes. Dennoch war heute etwas anders als sonst. Eine innere Unruhe hatte sie ergriffen und sie fand keinen Trost im Gebet.

Kaum war das Ritual zu Ende gegangen und die Priesterinnen in ihre Räume zuückgekehrt, meldete ein Tempeldiener der Prinzessin Isis, dass der Kapitän eines königlichen Schiffes sie zu sprechen wünsche.

 „Verzeiht mir die Störung, edle Prinzessin“, unterbrach der Kommandant des Schiffes die Gedanken von Isis,

„Euer Vater hat mich beauftragt, euch unverzüglich in die Hauptstadt zu bringen. Eure Anwesenheit am Hof wurde angeordnet.“ erklärte er unvermittelt.

Isis wusste, dass sie sich der Anordnung nicht widersetzen konnte. Die Abreise würde viel überstürtzter sein, als sie erwartet hatte.

„Lasst mich noch den anderen Priesterinnen, diese Mitteilung überbringen…“ sprach sie und lief, ohne eine Antwort abzuwarten, in die Gemächer der Priesterinnen zurück.

Sie kämpfte mit den Tränen, denn der Abschied war unerwartet und plötzlich gekommen.

Sie traf auf Merit, welche sofort merkte, dass etwas passiert sein musste. Isis erklärte ihr, dass ihre Zeit der Priesterausbildung schlagartig zu Ende sei und sie die Stadt der Hathor noch heute verlassen müsse. Sie versprachen sich, Briefe zu senden und Isis wollte ihre beste Freundin nach Theben holen, sobald sie die Macht dazu haben würde. Doch nun musste sie sich dem Befehl ihres Vaters fügen.

Sie liess ihre persönlichen Dinge zusammenpacken und stand, begleitet von einigen Dienern und ihren Dingen nur wenig später an der Hafenmole von Tanter. Dort erwartete sie der Kapitän mit einem Boot, welches sie zum Schiff bringen würde, das mitten im Nil wartete.

Kurz darauf waren sie bereits auf dem Weg nach Theben, der Stadt des Amun. Da der Abend näherte, beschloss der Kapitän auf einer kleinen Insel zu landen. Isis wunderte sich darüber. Der Kapitän, mit gutem Gespür für Menschen ausgestattet, bemerkte es und klärte die Prinzessin berzüglich des Befehls auf:

„Die Abenddämmerung zieht auf und wegen der starken Nilflut ist es am sichersten, im Bereich der kleinen Insel inmitten des Nils zu landen, da sich der Verlauf des Ufers im Laufe der Nacht verlagern könnte.“

„Habt Dank für die Nachricht, Kapitän“.

So ankerte das Schiff an der Schwemmlandinsel die einige Meilen nördlich von Waset lag. Auf dem Deck des Schiffes befand sich eine kleine Feuerstelle. Hier bereitete die Schiffsmannschaft das Essen zu, welches der Prinzessin gebracht wurde, die sich in die Kabine zurückgezogen hatte: Gebratene Ente, Brot und Bier, sowie Süsswein. Diese Speisen gehörten zu ihrem Lieblingsessen, die Hohepriesterin Ankh-es-en-Hut-Her wusste das und hatte der Tempelverwaltung aufgetragen, diese Vorräte auf dem Schiff zu lagern. Nach dem Abendessen schweifen die Gedanken von Isis wieder in die Vergangenheit, doch nicht zurück zu ihrer Zeit als Priesterin, sondern zu ihrer Kinderzeit im Palast des Jubels in Waset. Sie war im Jahr 21 der Herrschaft ihres Vaters Amenhotep III. im Palast in Waset geboren worden. Ihr ältester Bruder Thutmosis war damals 10 Jahre, ihre ältere Schwester Satamun 7, der zweite Sohn, nach seinem Vater benannt, gerade 5 geworden. Ihre Kinderzeit war unbeschwert gewesen Neben ihrer Kernfamilie hatte sie zahllose Spielkameraden und Freundinnen aus dem Harem des Königs. Zwei Jahre nach ihr wurde ihr eine neue Schwester geboren, welche von der Königin „Herrin der beiden Länder“, Henut-tau-neb, genannt wurde. Denn Kindern freilich war der Name zu lang und so rief man sie meist nur „Henut“. Das unbeschwerte Leben endete am Tag, als Kronprinz Thutmosis den Palast verliess, um sich in Men-Nefer zum Soldaten ausbilden zu lassen. Schon der Auszug des Prinzen war eine Tragödie für Isis gewesen, doch der grosse Schock folgte wenige Wochen später: Boten meldeten dem König Amenhotep III. den Unfall. Bei einer Ausfahrt mit dem Wagen war Thutmosis vom Wagen gestürzt und schwer verletzt worden. Kurz darauf war er seinen Verletzungen erlegen. Die Mumienmacher in Men-Nefer mussten vor Ort die Mumifizierung vornehmen, die Leiche traf Monate später mit einer Schiffsflotte in Waset ein. Die Trauer und Bestürzung im Palast war grenzenlos, Amenhotep III. war verzweifelt. Sein Lieblingssohn und designierter Nachfolger war von ihm gegangen, die älteste Tochter und Gemahlin war noch vor dem Vollzug der Ehe im zarten Alter von 14 Jahren zur Witwe geworden. Im Jahr 27 unter seiner Majestät Amenhotep III. wurde daher der zweite Sohn offiziell zum Kronprinzen ausgerufen. Teje erklärte ihr, dass sie, Prinzessin Isis dereinst Königin der beiden Länder sein werde. Es war Sitte, dass der König seine eigene Schwester heiratete, um das Blut der Götter, dass in ihren Adern floss, rein zu erhalten. Die Mutter von Amenhotep III., eine Nebenfrau von König Thutmosis IV., welche in den letzten Regierungsjahren zur Königin geworden war, war von dieser Sitte abgewichen und hatte aus politischen Überlegungen heraus, die einflussreiche Familie von Juja und Tuja aus Jpu ausgewählt. Juja hatte als Kommandeur der Streitwagentruppe grossen Einfluss im Militär. Seine Loyalität wollte sich das Königshaus sichern. Seit der Zeit von Thutmosis IV. hatte das Land am Niltal seine Aussenpolitik geändert und eine friedliche Koexistenz mit den Nachbarn gesucht. Die Verlierer dieser Politik waren freilich die Angehörigen des Militärs, das nun auf Kriegsbeute und speziell ihren Anteil zu verzichten hatten. Daher sollte eine Tochter des Juja die Verbundenheit des Königs mit seinem Militär untermauern. Kurz bevor Thutmosis IV. starb, verheiratete er seinen 12-jährigen Sohn Amenhotep mit der gerade 6 Jahre alten Teje, der Tochter des Juja. Teje hatte Isis von ihrer Jugendzeit als Königin erzählt. Als Tochter eines Militärführers war sie eher von handfester Art und prügelte sich gerne mit den mimosenhaften Töchtern der Haremsdamen...

Nach der Bestattung von Prinz Thutmosis tröstete sich Amenhotep III. bei seiner Königin: Die vierte Tochter, Nebet-ah, die „Herrin des Palastes“ wurde ein Jahr später geboren. Isis hatte nun eine kleine Schwester, der sie eine Art von Mutter sein konnte, denn sie wollte dereinst selbst unbedingt Mutter werden. Ein Jahr später wurde ihr zukünftiger Gemahl Amenhotep nach Heliopolis in die Priesterausbildung geschickt. Der Plan von König Amenhotep III. war - so erzählte es Teje - seine Kinder zu Priestern verschiedener Kulte zu machen und damit die vielen Götter gleichermassen zu fördern und gnädig zu stimmen. Zur gleichen Zeit wurde daher Satamun in die nahe Waset gelegene Tempelstadt Jpet-sut, dem Haupttempel des Reichsgottes Amun geschickt, dort wurde sie zur Priesterin des Amun ausgebildet. Amenhotep III. spielte mit dem Gedanken, das Amt der Gottesgemahlin des Amun wieder einzuführen. Zu Beginn der herrschenden Dynastie hatten Sequenenre Taa und Ahmose I. ihren Töchtern diesen äusserst hohen Titel verliehen und so den Einfluss des Königshauses bei der Amunpriesterschaft gesichert. Spätere Herrscher gingen noch weiter und machten ihre Hauptfrau zur Gottesgemahlin und sich selbst damit im theologischen Sinne zur irdischen Inkarnation von Amun – nicht nur von Horus, dessen Stellvertreter der Pharao war. Die Gottesgemahlin spielte im Kult die Rolle des irdischen Abbildes der Göttin Mut, welche die Göttin an der Seite Amuns war und die er im Rahmen des Opetfestes alljährlich in deren Tempel in Waset besuchte. Kurz nach dem Tod seiner Mutter Mutemuia hatte der noch junge Amenhotep III. darauf bestanden, seine Mutter nachträglich zur Gottesgemahlin erklären lassen und in den späteren Jahren seiner Herrschaft sollte nun die älteste Tochter Satamun dereinst dieses Priesteramt erhalten. Die Priester des Amun, besonders der Hohepriester Merj-Ptah, waren sehr geschmeichelt gewesen. Zu dieser Zeit, kurz vor seinem Sed-Fest zum 30. Regierungsjubiläum, erzählte ihr der Vater, dass auch sie, Isis eine Priesterin werden würde. Warum aber Satamun während des Sed-Festes zur Königlichen Gemahlin an der Seite ihres Vaters wurde, verstand die neun Jahre alte Isis nicht. Teje erklärte ihr das seltsame Geschehen während eines Festes, das im Rahmen eines mehrere Wochen andauernden Sed-Festes gefeiert wurde, begonnen im Jahr 30, Schemu-Jahreszeit, Monat 2. „Das Fest dient zur kultischen Erneuerung deines Vaters und wird nach einer längeren Regierungszeit erstmals gefeiert. In der Vorzeit, als noch Hirtenkönige im Land Kemet herrschten, wurde der alte König rituell getötet und durch einen neuen, jungen Anführer ersetzt. Mit der Einrichtung des göttlichen Königtums wurde stattdessen der alte König erneuert im Rahmen des Sed-Festes. Wie du in den Tagen zuvor gesehen hast, absolvierte dein Vater einen Rituallauf um seine jugendliche Fähigkeit zu beweisen. Dann hat Amenhotep III. in einem Pavillon, bekrönt mit der roten Krone von Ta-mehu die Geschenke dieses Landes empfangen. Danach hat er sich umgezogen und mit der weissen Krone von Ta-schemau in einem anderen Pavillon die Geschenke dieser Region erhalten. Nun erneuerte er die Vereinigung der beiden Länder, dieses Ritual nennen die Priester Schema-schemau-mehu, das Verknüpfen der beiden Länder. Das war das Ritual auf dem Kulthof bei dem dein Vater die Lotuspflanzen von Ta-schemau und die Papyrusbündel aus Ta-mehu miteinander verknüpft hat. Danach haben ihn die Priester, wie viele Jahre zuvor bei seiner Krönung mit der Pschent, der Doppelkrone der beiden Länder bekrönt. Nun hat der Hohepriester des Amun, unseres Reichgottes, deinen Vater zum Neb-Chau, dem Herrn der Kronen, erklärt. Er hat nun wieder die göttliche Legitimation, sein Königsamt auszuüben und den Göttern entgegenzutreten“.

„Und warum hat er meine Schwester Satamun zur königlichen Gemahlin gemacht, wo er doch mit dir verheiratet ist?“ wollte sie damals wissen, erinnerte sich Isis.

„Wenn ältere Männer sich eine ganz junge Ehefrau nehmen, haben sie das Gefühl, selbst auch wieder jung zu sein. Bei Königen ist das nicht anders“, merkte Teje leicht fatalistisch an. „Werde ich bald ein neues Geschwisterchen bekommen?“

„Kaum, mein Kind, da die Ehe nur rituell ist und Satamun nach dem Fest als Priesterin in den Amuntempel zurückkehren wird, um ihre Ausbildung abzuschliessen.“ Doch Teje irrte sich damals bezüglich des neuen Geschwisterchens, denn im Jahre 33 wurde Teje erneut schwanger. Das neugeborene Mädchen erhielt den damals noch unüblichen Namen Baketaton, „Die Dienerin des Aton“. Amenhotep III. zollte damals mit dieser Anspielung an die Sonnenscheibe des Ra den immer zahlreicher werdenden Anhängern der Sonnentheologie Tribut.

Für Prinzessin Isis war klar erkennbar, die Götterkulte der kommenden Jahre stärker von Ra geprägt sein würden und Amenhotep III. eine Familienpolitik betrieb, die auf alle Eventualitäten vorbereitet war. Sollte Amun weiter der dominierende Reichsgott bleiben, wäre über Satamun der Einfluss gesichert, sollte aber Ra mächtiger werden, wären Sie selbst und ihr künftiger Ehemann Amenhotep die wichtigsten kultischen Vertreter. Isis wusste, um grosse Macht zu erlangen, würde sie alles tun, um Ra zum neuen Reichsgott zu machen.

DER PALAST DES JUBELS

Jahr 38. Achet-Saison, Monat 1, 3. Tag unter dem König von Ober- und Unterägypten, Neb-Maat-Ra

Ein grausiges Heulen drang durch den Palast.  „AUUUU, AUUUUU!“, Klagelaute der Schmerzen drangen aus den Privatgemächern des Königs. Wie schon so oft in den letzten Jahren litt Amenhotep III. unter starken Zahnschmerzen und Königin Teje hatte den neuen Leibarzt des Königs rufen lassen. Sein Name war Pentu, er war vor kurzer Zeit der Nachfolger von Amenhotep, dem Sohn des Hapu, geworden. Es war nicht leicht, Nachfolger eines Universalgenies zu werden, denn Amenhotep war Arzt, Schriftgelehrter und Architekt gewesen. Er hatte auch das Grab des Königs entworfen. Nach seinem Tod mußte der König eine ganze Reihe von fähigen Männern in hohe Hofämter einsetzten, um die Ämter wieder besetzen zu können. Pentu war Hofarzt geworden, Bak der neue Oberbildhauer... Die Ursache des Gejammers war ein fauler Zahn, den Pentu gerade zu ziehen gezwungen war. Er hatte dem König seit einiger Zeit Schmerzen bereitet und die Entzündung wurde einfach nicht besser.

Teje saß währenddessen im nahegelegenen Verwaltungstrakt des Palastes und setzte einen Brief für Tuschrata, den König von Mitanni auf. Wenn Amenhotep III. unter Zahnschmerzen litt, war er unausstehlich und solange ihm der Hofarzt nicht geholfen hatte, duldete er niemanden um sich. Teje konzentrierte sich daher darauf, dem Schreiber den Brief zu diktieren, anstatt ihn selbst zu schreiben, da er vom Schreiber in akkadischer Sprache und mit Keilschriftzeichen verfaßt werden mußte. Dies war die Sprache der Diplomaten in der Außenpolitik. Teje freilich, wie alle anderen Könige und Königinnen, mühte sich nicht ab, eine solch barbarische Sprache zu lernen, den nur die Worte des Landes Kemet waren Gottesworte und die Götter des Landes sprachen auch nur diese Sprache. Da der Schreibergott Thot die Briefe der Götter aufschrieb und solche auch den anderen Göttern vorlas, ging in den ägyptischen Schreiberstuben der subversive Witz herum, die Götter seien gar nicht in der Lage zu lesen oder zu schreiben. Sie begann dem Schreiber zu diktieren:

„An Tuschrata, Lugal en-in-Mesch [König der Männer von Hurri], König Neb-Maat-Ra sendet euch Grüße und hofft ihr seid wohl. Grüße sendet euch auch seine große Königliche Gemahlin Teje. Die Schiffe mit den Hilfslieferungen sind vor 20 Tagen aufgebrochen und werden euch etwa zeitgleich mit dem Brief erreichen. Möge euer Kampf gegen das Land Hatti erfolgreich sein. Wie ihr in eurem letzen Brief gefragt habt: Wie geht es meiner Tochter Taduchepa und eurer Schwester Giluchepa? So kann ich euch versichern, beide sind wohlauf und glücklich. Wie Ihr durch euren Botschafter erfahren habt, hat der König im Rahmen der Sed-Feste zwei seiner leiblichen Töchter geheiratet. Diese Heiraten geschahen aus rein kultischen Gründen und stellen in keiner Weise eine Gefährdung der Stellung eurer Tochter und Schwester als Königliche Ehefrauen in Frage. Der König der beiden Länder sendet euch Dank, daß ihr ihm zur Hochzeit mit Taduchepa im Jahr 36 die Statue der Ishtar von Ninive gesendet habt, die ihm Heilung bringt...“