Verlag: Diana Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2010

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E-Book-Beschreibung Die Hexengabe - Beatrix Mannel

Beatrix Mannel bringt Spannung, Tempo und Opulenz in den historischen Roman!Nürnberg 1697: Die schöne Rosa gilt als Hexe, denn sie hat sechs Finger an ihrer linken Hand. Als ihr Vater ums Leben kommt, will man sie und ihre Familie daher nur allzu gerne loswerden. Doch Rosa ringt dem Rat der Stadt ein Ultimatum ab: Gelingt es ihr, binnen zwei Jahren ihren Neffen, den einzigen männlichen Erben, aus Ostindien zu holen, darf die Familie die Spielkartendruckerei des Vaters weiterführen. Auf der gefahrvollen Reise leistet ausgerechnet ihr sechster Finger wertvolle Dienste — denn mit seiner Hilfe kann Rosa erkennen, wenn jemand lügt ...Originalausgabe mit Karten, Literaturverzeichnis und Glossar.

Meinungen über das E-Book Die Hexengabe - Beatrix Mannel

E-Book-Leseprobe Die Hexengabe - Beatrix Mannel

Inhaltsverzeichnis
Über dieses Buch
Über die Autorin
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
53. Kapitel
54. Kapitel
55. Kapitel
56. Kapitel
57. Kapitel
Glossar
Auswahl von verwendeter und weiterführender Literatur und Danksagungen
Bildnachweis
Copyright
Über dieses Buch
Die ungemein unglaublich verwegen grauenhaft-ergötzliche Schicksalsgeschichte dero ehrenwerteste Spielkartendruckerin Rosa Sibylla Zapf und deren gar curiosem Hexenfinger. In der selbige durch den herzlosen Nürnberger Rat gezwungen ist, unter Einsatz ihres Lebens eine Reise in das Land der Heiden zu wagen und dort ihren Neffen aus dem Harem des indischen Großmoguls vor der barbarischen Entmannung zu retten. Danebenst Sie einen ungläubigen Jesuiten zum protestantischen Ehegatten bekehren wird und dero Wunderwerke sowie allerlei ergötzliche Besonderheiten trefflich zu erzählen weiß, jedoch dero wichtigster Theil allhier des Ganzen sei dem geneigten Leser dieses: Rosa wird sich unterwegs weise geworden darein schicken und die Verhexung ihrer Hand als Instrument des göttlichen Plans anerkennen und darob auf wundersame Weise glücklich sein.
Über die Autorin
Beatrix Mannel studierte Theater- und Literaturwissenschaften und arbeitete dann als Redakteurin beim Fernsehen. Seit 2000 ist sie freie Autorin und schreibt Romane für Jugendliche und Erwachsene. Die Hexengabe ist ihr erster historischer Roman im Diana Verlag. Beatrix Mannel lebt mit ihrer Familie in München.
1. Kapitel
Aber das ist Unrecht!« Rosa hob zum ersten Mal, seit sie an der Seite ihrer Mutter das gewaltige Portal des Nürnberger Rathauses durchschritten hatte, ihren Blick und funkelte ihre Peiniger wütend an.
Die sieben Männer starrten fassungslos zurück.
Auf den ersten Blick sahen sie für Rosa alle gleich aus in ihren schwarzen Kniehosen, den schwarzen Hemden und Wämsern mit den weiß aufleuchtenden Spitzenkragen. Wie bösartige Raben, fand Rosa, hockten sie da oben hinter dem langen Tisch.
»Großes Unrecht!«, wiederholte Rosa noch einmal lauter, doch ein Rempler ihrer Mutter brachte sie zum Schweigen, was von den Männern mit einem wohlwollenden Nicken aufgenommen wurde.
»Ehrwürdige Herren«, begann die Mutter mit brüchiger Stimme, »soweit mir bekannt ist, hat der Rat der Stadt Nürnberg noch niemals eine Witwe dermaßen ungnädig behandelt.«
Rosa, die schräg hinter ihrer Mutter stand, bemerkte, dass deren bester schwarzer Leinenrock vibrierte, als ob die Knie ihrer Mutter stark zittern würden. Sie fragte sich, warum ihre Mutter so viel Angst vor diesen Männern hatte.
Sie musterte den Rat jetzt eingehender und fand, dass sich die Raben, zumindest was Haartracht und Körperfülle anging, doch voneinander unterschieden.
»Wir tragen Sorge für jedwede Witwe in Nürnberg«, erklärte der Mann mit der größten Stirnglatze, »doch wie sollen wir Euch gestatten, das für Eure Verhältnisse viel zu prächtige Haus und noch dazu den ebenso vollständig überschuldeten Betrieb Eures Mannes weiterzuführen, wenn es weder einen männlichen Erben gibt, noch ein Geselle im Haus ist.« Er wischte mit einem Tuch seine glänzende Stirn trocken.
»Aber für gewöhnlich erlaubt Ihr der Witwe für wenigstens drei Jahre …«
»Ei, da schaut an, die Zapfin kennt sich aus!«, spottete einer und brachte die anderen so zum Lachen, dass ihre weißen Spitzenkragen wackelten.
»Ihr habt in der Tat nicht ganz unrecht«, erbarmte sich der Herr ganz links am Tisch. Er zwirbelte seinen Spitzbart, während er mit einem merkwürdigen Lächeln weiterredete. »Doch dieser endlose Krieg hat Nürnberg auf Jahre hinaus arm gemacht, und wir können es uns nicht leisten, einen Betrieb weiterlaufen zu lassen, von dem keinerlei Einnahmen für den Stadtsäckel zu erwarten sind. Noch dazu gibt es bereits mehr als genug Spielkartendrucker in der Stadt.«
Rosa, die wie alle anderen in der kleinen Ratsstube stark schwitzte, spürte, wie eine lähmende Kälte in den sechsten Finger ihrer linken Hand stieg – wie immer, wenn jemand log. Unwillkürlich fasste sie mit ihrer rechten Hand nach der behandschuhten linken. Sie hasste es, wenn ihr sechster Finger sich auf diese Art bemerkbar machte, und wünschte sich nichts mehr, als dass er endlich einmal so kalt wie ein Eiszapfen würde, den sie dann einfach abbrechen und fortwerfen könnte.
Stets hatte sie Angst, jemand könnte diese seltsame Fähigkeit ihres Fingers bemerken, doch ein Blick auf die Männer überzeugte sie davon, dass diese Furcht unbegründet war: Der Spitzbärtige redete noch, und die anderen lauschten andächtig.
»Euer selig verstorbener Mann, der Johannes Willibald Zapf, hätte zum Ersten gut daran getan, sich zu bescheiden, zum Zweiten, besser zu wirtschaften …«, er wandte sich Beifall heischend zu den Herren, die rechts und links von ihm saßen, und zwinkerte diesen zu, »und zum Dritten hätte er statt Eurer teuflisch krüppeligen Tochter und deren kränklichen Schwestern auch einen Sohn zeugen sollen.«
Die Herren brachen in gemeinschaftliches Gelächter aus, nickten sich zu, nur um dann mit neugierigen Blicken Rosas üppige Gestalt nach ihrer Missbildung abzusuchen.
Rosa spürte unterdessen ihren Hexenfinger kalt wie nie, es kam ihr so vor, als würde er mit jedem Lachen wachsen, anschwellen, als müsste er gleich seinen ledernen Handschuh sprengen. Sie zwang sich, nicht nachzusehen, und versteckte die unselige Hand noch tiefer zwischen den Falten ihres dunkelblauen Leinenrocks. Diese schreckliche Hand, die allein schuld war an dem plötzlichen Tod des Vaters.
Sie spürte, wie ihre Mutter in sich zusammensank.
»Mutter«, flüsterte sie ihr zu, »du musst dich wehren. Der Vater hätte gewollt, dass wir weitermachen. Die Ratsherren sagen uns nicht die Wahrheit.«
Ihre Mutter bedachte sie nicht einmal mit einem Blick, sondern zischte nur ein kurzes »Schweig!«, atmete tief ein, straffte ihre Schultern und begann erneut.
»Mag sein, dass es Gott beliebt hat, meinen seligen Ehemann und mich für unsere Sünden zu strafen, indem er uns den sehnlichst erwünschten Sohn versagt hat, doch wer seid Ihr …«
Der spitzbärtige Rabe wurde rot im Gesicht und sprang auf. »Ihr vergesst Euch, denkt daran, vor wem Ihr hier steht!«
Die Mutter verstummte und zuckte zurück, als hätte er sie geschlagen.
»Ihr schließt den Betrieb, verkauft Euer Haus und alle Gerätschaften und sucht Euch eine andere Bleibe, eine, die Euch und Euren merkwürdigen Töchtern besser ansteht. Am allerbesten verlasst Ihr Nürnberg gleich ganz.«
Die Männer nickten zustimmend, und ein besonders schmerbäuchiger, dessen Kinn in drei Ringen über dem Spitzenkragen lag, fügte noch an: »Für die mit der Hexenhand werdet Ihr sowieso niemals einen Mann finden, und Eure Zwillinge sind, so wurde uns glaubhaft versichert, zu kränklich, um für den Ehestand tauglich zu sein.«
Der Spitzbärtige fügte, immer noch rot im Gesicht, hinzu: »Welcher ehrbare Kartendruckergeselle würde eine Alte wie Euch schon ehelichen. Noch dazu eine«, er holte tief Luft, um dann mit allem Nachdruck zu sagen: »eine, deren Leib verflucht zu sein scheint.«
Dieser letzte Hieb brachte ihre Mutter zum Schwanken. Rosa spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Was die Mutter wegen ihr alles ertragen musste! Diese Art von Gemeinheiten hatten die Leute auch schon bei der Beerdigung des Vaters geraunt. Der Mutter wurde widerwillig das Beileid ausgesprochen, Rosa nur mit abfälligen Blicken bedacht. Als ob sie nicht am allermeisten um ihren Vater trauern würde, den einzigen Menschen, der sie je geliebt hatte.
Und es war nicht bei den Blicken geblieben. Schon auf dem Weg zum Leichenschmaus hatte sich das boshafte Zischeln der Schwätzerinnen ausgebreitet wie der Geruch nach frischem Blut am Schlachttag. Obwohl ihr Vater nur mit wenigen darüber gesprochen hatte, war man sich einig, dass der Vater nur deshalb vom Pferd gestürzt war, weil er für die verfluchte Tochter ein gar zu eitles Geschenk besorgt hatte. Immer wieder hatte Rosa versucht, das Geflüster zu ignorieren, aber Worte waren wie Staub: Sie drangen überall durch, bohrten sich in ihre Seele und setzten sich dort fest.
Und nun hatte es dieser Spitzbärtige gewagt, ihrer Mutter ins Gesicht zu sagen, was bis jetzt nur hinter ihrem Rücken getuschelt worden war. ›Teuflischer Krüppel‹.
Aber sie alle hatten etwas vergessen! Dorothea und ihren Sohn.
Ihre zehn Jahre ältere Halbschwester, die weder krank noch missgebildet war und die der Vater mit in die Ehe mit ihrer Mutter gebracht hatte. Der Gedanke an ihre geliebte Schwester gab Rosa Kraft, sogar ihr Finger wurde wieder wärmer. Und je wärmer er wurde, desto stärker wurde in Rosa das Gefühl, sie würde platzen, wenn sie nicht endlich gegen dieses Unrecht vorging. Es musste doch eine Möglichkeit geben, etwas gegen diese Männer auszurichten.
Aber was würde sie überzeugen?
Aus den Augenwinkeln ihrer mageren Mutter rann eine Träne, die diese mit einer ungeduldigen Handbewegung wegwischte. Sie war keine, die jammerte.
»Damit ist alles gesagt«, verkündete der Spitzbärtige gerade und schlug zur Bekräftigung auf den Tisch.
Die Raben erhoben sich.
»Nein!«, rief Rosa völlig verzweifelt, und obwohl ihr Herz wie rasend klopfte, wiederholte sie noch einmal und noch viel lauter: »Nein!«
Die Männer sahen sich verblüfft an, ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Schschsch«, sagte sie mit einer Handbewegung zu Rosa hin, als wollte sie eine lästige Taube verscheuchen.
Doch Rosa ließ sich nicht mehr zurückhalten. Alles, was ihr Vater aufgebaut hatte, sollten sie verkaufen, ja aus ihrer Heimat wegziehen? Ihr war, als könnte sie förmlich hören, wie ihr Vater mit der Faust auf den Tisch schlug. Aber der Vater war nicht hier, und die Männer wollten das ausnutzen. Wenn sie jetzt klein beigab, dann wäre das Verrat an dem einzigen Menschen, der sie niemals wie ein Monster behandelt hatte. Diese Gedanken und ihr Zorn gaben Rosa die Kraft, zu sprechen. Ja, sie musste sprechen!
»Ehrwürdiger Rat, diese Unwürdige möchte nur verhindern, dass Ihr ein großes Unrecht begeht.«
Die Ratsherren sahen sich an, zögerten.
Gut, dachte Rosa, die von ihrer Wut angetrieben wurde, aber noch gar nicht wusste, was genau sie vorbringen wollte.
Der mit der Stirnglatze ließ sich zuerst wieder auf seinen Platz sinken und forderte Rosa dann mit einem ungeduldigen Schnicken der Hand auf weiterzureden.
Die anderen folgten seinem Beispiel und setzten sich, leise stöhnend, wieder hin. Vor allem der Spitzbärtige schüttelte dabei vehement den Kopf.
Rosa hatte die Worte ihres Vaters im Ohr: Jedes Blatt ist nur so gut wie sein Spieler. Sie rief: »Mein Vater hat noch eine Tochter, meine Halbschwester Dorothea!«, als wäre damit alles klar.
»Noch eine von der Sorte? Mir scheint, Euer Vater war ein sehr unglücklicher Mann!«, sagte der mit dem Spitzbart grinsend zu den anderen Männern.
»Meine Schwester Dorothea, die verehelicht ist mit Christian Martin Balderius, hat einen Sohn. Meinen Neffen Kaspar Johannes. Der Enkel meines Vaters.«
Der Schmerbäuchige wendete sich ungehalten an die anderen: »Warum war von dem hier nie die Rede?«
»Weil«, mischte sich der mit der Stirnglatze ein, »die alle in Indien verschollen sind, schon seit Jahren.«
»Verschollen in Indien, so, so.« Der Spitzbärtige entspannte sich.
Für Rosa aber klang das abscheulich. Immer mehr gewann sie den Eindruck, dass man sie einfach aus der Stadt haben wollte. Die wollten ihre Schwester einfach wegreden. »Niemand ist verschollen«, empörte sie sich. »Sie leben in Masulipatnam in Ostindien.«
»Hört, hört!«, bemerkte der mit dem Spitzbart, der ihre Anstrengungen mit einer Miene betrachtete, als wäre sie ein auf den Rücken gefallener Käfer, der sich mit aller Kraft bemühte, wieder auf die Beine zu kommen, ohne zu ahnen, dass er sowieso gleich totgetreten werden würde.
»Und wie alt ist Euer Enkel?«, fragte ein anderer der Raben ihre Mutter.
»Kaspar ist am Johannistag sechs Jahre alt geworden und erfreut sich allerbester Gesundheit«, antwortete Rosa, bevor ihre Mutter antworten konnte.
»Aber niemand weiß, wann und ob der Junge wieder nach Nürnberg zurückkehren wird.« Der Spitzbärtige schien erfreut über seine Anmerkung, was Rosas Verzweiflung noch vergrößerte. Es musste einfach einen Weg geben. Jeder Tag, den die Mutter Vaters Gewerbe weiter betreiben durfte, würde ihnen allen nutzen. Wovon sollten sie und ihre schwächlichen Schwestern denn sonst leben?
»Ihr irrt Euch. Es ist eine beschlossene Sache. Schon sehr bald wird mein Neffe hier sein«, behauptete Rosa und hoffte, dass die Mutter sie nicht unterbrechen würde, bevor ihr einfiel, was sie als Nächstes vorbringen konnte.
Noch nie in ihrem Leben hatte Rosa dermaßen dreist gelogen, und sie erwartete, dass sich die Erde unter ihr auftat oder die Pauken und Trompeten des letzten Gerichts erklangen, aber es blieb still, nicht einmal ihr sechster Finger reagierte.
Sie hatte Angst, es zu weit getrieben zu haben, überlegte, was sie noch tun könnte, um Zeit zum Nachdenken zu schinden, griff dann nach der Kette mit dem Medaillon in ihrem Ausschnitt und tat so, als würde sie das interessierte Glitzern in den Augen der Männer nicht bemerken. Sie zog das Medaillon heraus und öffnete es.
»Das hier ist eine Locke von Kaspar. Dorothea hat mich zu seiner Patin bestimmt, denn sie ist sehr unglücklich darüber, dass ihr Sohn bei den Heiden aufwachsen muss.« Sie trat einen Schritt vor und zeigte die mit einem blauen Bändchen umwundene blonde Locke.
Der Spitzbärtige ließ sich die Locke geben und rieb sie zwischen seinen Fingern hin und her, als wollte er sie zu Staub mahlen.
»Ihr seid so … schweigsam … Zapfin?« Der mit dem spitzen Bart wandte sich mit einem drohenden Unterton an ihre Mutter.
Rosa schwitzte – wenn ihre Mutter nur nicht alles verdarb! Ihre Mutter log nie. Sogar damals, als Rosa sie gefragt hatte, ob ihr sechster Finger wirklich ein Zeichen des Teufels sei, war ihre Mutter ehrlich gewesen. Ja, hatte sie schlicht geantwortet. Und dass man Rosa deshalb sehr genau im Auge behalten müsse.
Um von der Mutter abzulenken, wollte Rosa die Locke wieder zurückhaben, doch der Spitzbärtige schüttelte den Kopf und reichte die Locke weiter wie ein Beweisstück.
»Nun, Zapfin?«, fragte jetzt auch der mit der Stirnglatze.
»Für wann erwartet Ihr seine Rückkehr?«
Rosa saß in der Klemme, sie musste etwas sagen. Sofort. Denn erstens war Dorothea nicht auf dem Heimweg, und zweitens würde ihre Mutter, diese Wahrheitsfanatikerin, das ganz sicher gleich aufklären. Denk nach, Rosa, denk nach! Ihre Waden zitterten unter den ungeduldigen Blicken der Ratsleute, und der Puls dröhnte in ihren Ohren.
Das Blatt ist nur so gut wie sein Spieler, hörte Rosa wieder die Stimme ihres Vaters.
»Nun, ich weiß nicht, wie ich es vorbringen soll …«
Mach jetzt keinen Fehler, Rosa, überleg, schnell!
Die Raben starrten sie ungeduldig an.
Wenn du keine Trümpfe in der Hand hast, dann tue so, als hättest du welche, hörte sie wieder ihren Vater, der zum Leidwesen der Mutter ein begnadeter Spieler gewesen war. Rosa überschlug ihre Möglichkeiten, und plötzlich wusste sie, was sie sagen musste. Es gab nur diesen einen Weg.
»Da mein Neffe noch nicht alleine nach Hause fahren kann, werde ich ihn holen. Meine Halbschwester wünscht es so, damit ihr armer Sohn nicht unter Heiden aufwachsen muss«, erklärte Rosa mit betont fester Stimme und hoffte, niemand würde ihr ansehen, dass sie bisher noch nicht einmal bis Fürth gekommen war oder auch nur bis vor die Tore der Stadt.
Einen Moment herrschte verblüfftes Schweigen, dann begann einer nach dem anderen zu lachen, immer lauter und lauter. »Die da holt das Kind?«, stöhnte der Schmerbäuchige und zeigte mit dem Finger auf Rosa. »Ausgerechnet die da?«
»Direkt aus Indien!« Der Spitzbärtige schlug sich auf die Schenkel. »Das muss ich meinem Vater erzählen. So ein lächerliches Ansinnen hat es unter seinem Vorsitz sicher nicht ein einziges Mal gegeben.«
»Dieses Frauenzimmer hält sich wohl für klug, aber ich versichere ihr, es ist ein Irrsinn zu glauben, dass sie ohne anständige Begleitung und Schutz auch nur bis vor die Stadttore kommen wird.« Ein bisher stummer Ratsherr brachte die anderen mit seiner lauten Stimme zum Schweigen.
Rosa betrachtete ihn neugierig. Er hatte ein ledern gegerbtes Gesicht mit einer großen Narbe über dem rechten Auge, was den Eindruck entstehen ließ, als würde er fortwährend fragend die Augenbrauen hochziehen.
»Mein seliger Vater, der verehrte Johann Sigismund Wurffbain, hat in seinem Reisetagebuch genauestens beschrieben, welche Strapazen ein Mannsbild auf dieser Reise zu erwarten hat. Undenkbar, dass ein Frauenzimmer das durchsteht.«
In Rosas Ohren hallte noch das Gelächter wider. Sie dachte an ihren Vater, der alles für sie getan hatte und dessen Lebenswerk sie jetzt verschleudern sollten. Niemals!
Sie setzte zu einer Erwiderung an, doch da griff ihre Mutter nach Rosas Arm, um sie zum Schweigen zu bringen. Doch diese schüttelte deren Hand ab. »Woher wollt Ihr wissen, dass ich scheitern werde? Der Erfolg meiner Mission steht allein in Gottes Hand, und er wird darüber entscheiden. Meine Schwester ist auch wohlbehalten in Indien angekommen! Es wäre also nur recht und billig, wenn Ihr meiner Mutter wenigstens zwei Jahre gebt, die ihr als Witwe mehr als zustehen. Wenn ich nach Ablauf der zwei Jahre mit meinem Neffen nicht vor Euch erscheine, dann …«
Diesmal lachten sie alle gleichzeitig, es dröhnte dumpf in Rosas Kopf, die weit aufgerissenen Münder kamen ihr vor wie gierige Schlünde. Die Doppelkinne wabbelten über den Spitzenkrägen, und in diesem Moment hasste Rosa sie alle miteinander von ganzem Herzen.
Plötzlich drang ein gequälter Laut an ihr Ohr, ihre Mutter. »Rosa!«, stöhnte sie drängend. »Mir ist nicht wohl!«
Rosa riss die Augen von den lachenden Raben los, um sich ihrer Mutter zuzuwenden, und konnte sie gerade noch auffangen.
»Mutter!«, rief sie, aber ihre Mutter war ohnmächtig.
Das Gelächter beruhigte sich.
»Seht nur, was diese verhexte Person ihrer Mutter mit ihrem Geschwätz angetan hat. Bringt die Zapfin nach draußen, fächelt ihr Luft zu!«, verlangte der Schmerbäuchige. »Wir werden uns beraten und Euch dann unsere Entscheidung verkünden.«
Ein Ratsdiener half Rosa dabei, ihre Mutter in den Flur zu schleppen. Sie legten sie auf eine der steinernen Bänke, die unter den hohen, schmalen Bogenfenstern standen. Hier kam eine leichte Brise herein, die sie der Mutter mit ihrer Überschürze zufächelte. Der Ratsdiener ging einen Becher Wasser holen.
Rosa fragte sich, warum ihre Mutter ohnmächtig geworden war. Noch nie hatte Rosa sie so hilflos gesehen, und sie dachte bei sich, dass es nicht schlecht wäre, wenn ihre Mutter bewusstlos bleiben würde, dann konnte sie die Lügen ihrer Tochter nicht aufdecken.
»Danke«, sagte Rosa und nahm den Becher vom zurückgekehrten Diener entgegen. Sie tauchte eine Ecke ihrer Überschürze in das Wasser und tupfte ihrer Mutter die Stirn ab. Ihre Mutter war für gewöhnlich von zäher Natur. Doch wie sie so dalag in ihrem besten Gewand mit der teuren Lochstickerei, die Wangen eingefallen und mit schwarzen Schatten unter den Augen, begriff Rosa plötzlich, dass nicht nur sie, sondern auch ihre Mutter unter dem Tod des Vaters gelitten hatte.
»Rosa!« Die Augen der Mutter blieben zu, aber ihre Stimme klang zornig. »Was fällt dir ein? Wie redest du mit dem Rat? Und vor allem, was redest du da?«
Immer noch blass im Gesicht, richtete sie sich auf, legte ihre Hand unter Rosas Kinn, sodass Rosa direkt in die graugrünen Augen ihrer Mutter sehen musste.
»Haltet Euch nicht selbst für klug!«, zitierte die Mutter aus der Bibel.
»Aber diese Spitzbuben wollen, dass wir Vaters Erbe verschleudern! Ja, mir kommt es geradeso vor, als wollten sie uns vernichten!«, erwiderte Rosa.
Ihre Mutter ließ das Kinn los, als hätte sie sich daran verbrannt. Sie schüttelte den Kopf so vehement, dass ihre weiße Haube ins Rutschen kam.
»Mutter, ich musste uns retten! Warum behandeln sie uns anders als die anderen?«
Ihre Mutter wurde wieder bleich und senkte die Augen. Rosa wusste, warum. Es war ihre Schuld, wie immer. Ganz allein nur ihre Schuld, denn sie war anders als die anderen.
»Das, mein Kind, ist eine lange Geschichte«, begann ihre Mutter langsam Wort für Wort hervorzupressen, beinahe so, als müsste sie daran ersticken. Rosa sah ihre Mutter überrascht an. Was für eine Geschichte sollte das sein?
In diesem Augenblick kam der Ratsdiener wieder auf sie zu und gebot ihnen, ihm zu folgen.
Rosas Herz hämmerte. Was würde jetzt geschehen?
Der Spitzbärtige stand auf, ein sardonisches Lächeln huschte über sein Gesicht, so kurz, dass Rosa nicht sicher war, ob sie es sich nicht nur eingebildet hatte. Dann verkündete er mit von Selbstgerechtigkeit triefender Stimme: »Wir, der Rat der Stadt Nürnberg, haben nunmehr folgenden Beschluss gefasst. Wir erlauben der Witwe des seligen Johannes Willibald Zapf, dass sie bis zur Ankunft des Enkelsohnes den Betrieb ohne Einschränkung weiterführen darf. Sollte dieser jedoch nicht auf den Tag genau von heute in spätestens zwei Jahren hier vor dem erlauchten Rat stehen, so erlischt jeder weitere Anspruch der Witwe auf die Fortführung des Gewerbes. Seine Locke behalten wir hier zum Vergleich. Beschlossen am fünfzehnten Juli 1697.«
»Aber …« Rosas Mutter versuchte, etwas zu sagen, wurde aber von einer ungnädigen Handbewegung des Spitzbärtigen unterbrochen, der wiederholte: »Wenn der besagte Enkel bis allerspätestens zum 15. Juli 1699 nicht hier erscheint.«
Rosa hoffte, dass man ihrer Mutter kein weiteres Wort erlauben würde.
»Aber …«, begann Rosas Mutter wieder, doch der Ratsherr, sichtlich an den Grenzen seiner Geduld angekommen, schlug mit der Faust auf den Tisch.
»Genug, Weib. Ihr seid entlassen!«
Beklommen folgte Rosa ihrer Mutter durch die langen Flure des Rathauses nach draußen, wo sich die feuchte Hitze, die ihnen entgegenschlug, sofort in ihre Kleider setzte, Haut und Haare durchdrang und jeden Schritt über den mittäglich ruhigen Hauptmarkt mühseliger werden ließ.
Bis sie zu Hause in der Mauergasse am Milchmarkt angelangt waren, fiel kein einziges Wort.
2. Kapitel
Schon als Rosa sich dem Haus näherte, konnte sie Tonis Stimme hören. Beim vertrauten Anblick ihres Elternhauses, in dem sie nun schon seit mehr als zehn Jahren wohnten, zog sich Rosas Brust zusammen. Vorher hatten sie im Haus ihrer Großeltern gelebt, das eines Nachts bis auf die Grundmauern abgebrannt war. Rosa war darüber nie so traurig gewesen wie ihre Mutter, denn sie hatte sich dort immer wie eine Aussätzige, wie nur geduldet gefühlt.
Doch dieses zweistöckige Fachwerkhaus mit dem Erdgeschoss aus rotem Sandstein, das war ihr Zuhause. Niemals würde sie es verkaufen – der Vater war so stolz darauf gewesen! Auch weil es ganz in der Nähe von Dürers Haus stand, den ihr Vater sehr bewundert hatte. Ihr Vater hatte eigentlich dessen Haus kaufen wollen, aber Dürers Erben hatten es vorgezogen, das Haus völlig herunterkommen zu lassen.
Toni zankte in der Küche, die sich neben der Druckereiwerkstatt im Erdgeschoss befand, gerade die Zwillinge aus, die ihrer Meinung nach die Karotten viel zu dick geschält hatten. Die drei standen um den Herd, auf dem über dem Feuer in einem Kupferkessel schon die Brühe für die Suppe köchelte und einen angenehmen Geruch verbreitete. Als Rosa und ihre Mutter hereinkamen, erstarrten alle drei und sahen erwartungsvoll zu ihnen her.
Dann lösten sich Eva und Maria und stürmten zu ihrer Mutter. »Und? Was hat der Rat entschieden?«, fragten sie wie aus einem Mund, und die Aufregung verlieh den beiden fast einen Hauch von Farbe in ihren sonst so blassen Gesichtern.
Die Mutter setzte sich auf die Holzbank, die unter dem winzigen Fenster neben dem langen, blank gescheuerten Tisch aus dunkler Eiche stand. »Toni, gib mir ein wenig Bier.«
Die Zwillinge platzierten sich rechts und links neben der Mutter. Trotz der jetzt unnatürlich geröteten Wangen fand Rosa, dass ihre Schwestern aussahen wie zwei Gerippe mit Hauben. Noch dazu schielte Maria, obwohl der Vater von einer Reise aus Italien einen merkwürdigen Apparat besorgt hatte, um ihr das Schielen abzugewöhnen. Er hatte aus ein paar walnussgroßen Silberblechen bestanden, die an einem Band befestigt waren und durch deren erbsengroße Löcher die arme Maria monatelang hatte schauen müssen, doch ohne jeden Erfolg.
Wie gut, dachte Rosa, dass wir wenigstens diese zwei Jahre beim Rat herausgeschunden haben. Zwei Jahre, in denen ihre Schwestern vielleicht endlich richtig gesund werden würden.
Aber was wurde nach den zwei Jahren? Wer würde diese beiden, die aufgrund ihrer ständigen Erkrankungen so viel jünger wirkten, als sie waren, schon heiraten? Und falls doch ein Wunder geschähe und eine von beiden würde sich verehelichen, wie würde sie eine Schwangerschaft und die Geburt überstehen? Und selbst wenn, wer konnte wissen, ob sie jemals Söhne gebären würden?
Nein, Rosa musste dafür sorgen, dass der Betrieb weiterlaufen konnte, allein schon, damit ihre Schwestern und ihre Mutter zu essen hatten und ein Dach über dem Kopf.
Toni goss Bier aus dem dunkelblauen Krug in einen braunen Steingutbecher. Die Mutter beeilte sich, das stark schäumende Bier abzutrinken, bevor es überlaufen konnte, kippte den Becher dann in einem Zug hinunter und brach endlich das gespannte Schweigen.
»Nun, der Rat hat nach unserer Eingabe eine Gnadenfrist von zwei Jahren gewährt.«
Eva und Maria brachen in freudiges Jubeln aus, sprangen auf und tanzten durch die Küche, was die Pfannen und Töpfe, die an der Esse aufgehängt waren, in leise scheppernde Bewegungen versetzte. Dann stürmten sie zu Rosa und umtanzten sie.
»Hört auf damit! Setzt euch wieder hin, und seid still! Das ist kein Grund zur Freude. Eure unselige Schwester hat behauptet, sie würde innerhalb dieser beiden Jahre nach Indien reisen und euren Neffen Kaspar, Johannes’ Enkel, nach Hause holen.«
Die Mutter seufzte und forderte Toni mit einem Kopfnicken auf, noch etwas nachzuschenken. Die Zwillinge hatten sich wieder hingesetzt, und alle zusammen starrten nun Rosa an.
»Und genau das werde ich tun! Ich werde es diesem ungerechten Rat zeigen! Wenn das der einzige Weg ist, um Vaters Werkstatt weiterführen zu können, dann muss und werde ich das schaffen. Es gibt kein Zurück mehr!«
Die Zwillinge verzogen ihre Münder. »Aber Rosa, wir wollen nicht, dass du weggehst. Ohne dich ist es so langweilig«, maulten sie, als ob sie nicht schon vierzehn Jahre alt wären.
»Sie wird nirgends hingehen«, Rosas Mutter schlug mit der Hand auf den Tisch, »denn das schickt sich nicht für eine Frau. Und wenn euch so langweilig ist, dann werden Toni und ich euch in der nächsten Zeit mit mehr Arbeit eindecken, als ihr euch das auch nur vorstellen könnt.«
»Aber Mutter. Ich muss diese Reise machen, nur dann bleiben uns diese zwei Jahre.«
»Dein Benehmen vor dem Rat war unmöglich. Rosa, wie oft habe ich dir schon gesagt, dass gerade du es mit der Wahrheit besonders genau nehmen sollst.« Die Mutter schüttelte den Kopf. Dabei hatte Rosa noch gar nicht widersprochen. »Gerade weil du mit diesem Zeichen geboren bist, solltest du dich umso mehr durch anständiges lutherisches Betragen hervortun statt durch teuflisches Lügen.«
»Was hat Rosa den Räten denn so Übles gesagt?«, wollte Toni wissen. Sie ging vom Tisch zurück zum Feuer, wo sie mit einem langen Holzlöffel in der Suppe rührte und einen kleinen Schluck probierte. Sie zwinkerte Rosa aufmunternd zu, und Rosa fühlte sich plötzlich besser. Ihre Mutter hatte eben nicht immer recht!
»Die Unselige hat behauptet, Dorothea wollte, dass sie käme, um Kaspar nach Hause zu holen.« Die Mutter bekreuzigte sich. »Das nennt man den Teufel versuchen. Jetzt bin ich sicher, dass ich meine Dorothea niemals mehr sehen werde.«
Meine Dorothea, dachte Rosa bitter. Dabei hatte der Vater Dorothea mit in die Ehe gebracht, und trotzdem war seine Tochter für die Mutter ihre Dorothea.
»Dein Vater hätte sie niemals diesem elenden Kaufmann zur Frau geben sollen. Hier wäre ihr Platz, hier bei mir.« Die Mutter schlug sich bei den letzten Worten auf die magere Brust. Rosa wurde jetzt erst klar, dass sie der Mutter noch zusätzlichen Kummer bereitet hatte. Ohne nachzudenken, schritt sie zu ihr hin, wollte ihr tröstend mit der Hand über den Arm streichen, doch die Mutter wich zurück und legte ihre Arme links und rechts um die Zwillinge. Wie eine Wand saßen die drei vor ihr.
Wie ähnlich sich die drei sahen, schoss es durch Rosas Kopf. Zum wiederholten Mal fragte sie sich, warum sie so völlig aus der Zapf’schen Art geschlagen war. Die drei hatten ein lang gezogenes Gesicht und ihre wenigen dünnen Haare die Farbe von nassem Sand. Drei fahlrosa und schmale Münder, deren hübsch geschwungene Oberlippen sich gerade missbilligend kräuselten. Vier graugrüne Augen starrten Rosa durchdringend an. Bei denen von Maria wusste man nie genau, wo sie hinsah.
»Alles, was zählt, ist das Ergebnis«, sagte Rosa und zitierte damit ihren Vater, der Machiavelli für den größten aller italienischen Staatsmänner gehalten hatte. Sie hoffte, damit ihre Mutter zu besänftigen.
Toni räusperte sich und fragte, ob denn heute nichts zu Mittag gegessen werden sollte, dann bat sie Eva und Maria, ihr dabei zu helfen, die Suppe aufzutragen.
»Wir haben diese zwei Jahre, Mutter. Ich werde Kaspar holen, und ihr werdet in dieser Zeit so viel Geld wie möglich sparen, für den Fall, dass ich nicht zurückkomme. Aber ich werde es schaffen. Also, Mutter, warum passt es dir nicht, dass wir gewonnen haben?«
»Wir haben nicht gewonnen, sondern gelogen, mein Kind, das ist ein großer Unterschied.«
Das war nun doch reichlich ungerecht, fand Rosa. »Ich habe für zwei Jahre unser Dach über dem Kopf gesichert. Außerdem«, sie zögerte, dann atmete sie tief durch, »außerdem habe ich nicht gelogen, denn ich werde losziehen und Kaspar nach Hause holen!«
Niemand sagte ein Wort.
»Aber Rosa, wer soll die Werkstatt leiten, wenn du weg bist?«, fragte Maria nach einer Weile und brach die eisige Stille. »Wer soll sich neue Kartenbilder ausdenken?«
»Das werdet ihr schon schaffen. Wir werden einen Vorrat anlegen. Und ich werde euch noch zwei neue Druckstöcke stechen, dann könnt ihr genug Kopien davon abnehmen. Das wird reichen.«
»Aber nur du kannst die Karten so gut entwerfen und stechen wie Vater«, mischte sich jetzt Eva ein.
Rosas Brust wurde enger, als sie die besorgten Blicke ihrer Schwestern auf sich fühlte. Die beiden waren wirklich nicht in der Lage, auch nur eine gerade Linie zu ziehen. Bei Maria machte es das Schielen unmöglich, und Eva hatte nicht genug Kraft, ihre Linien waren zu zittrig.
»Bis ich abreise, werden wir all das geregelt haben. Das verspreche ich euch.« Rosa versuchte, die Stimmen in ihrem Kopf zu ignorieren, Stimmen, die sie mit der höhnischen Stimme des Spitzbärtigen fragten, wie sie das denn überhaupt anstellen wollte. Stattdessen lächelte sie ihre Schwestern aufmunternd an, obwohl diese sie anstarrten, als hätte sie ihnen ihr Todesurteil verkündet.
Toni brachte den Suppenkessel und stellte ihn auf den Tisch. Die Zwillinge verteilten Tonschüsseln und Löffel.
Rosa betrachtete widerwillig ihre Gerstensuppe, sie hatte keinen Hunger. »Mutter, ich muss nach Indien fahren, der Rat hat es nun so festgelegt«, brach es aus ihr hervor. »Wie stehen wir denn da, wenn ich es nicht einmal versuche?«
Maria und Eva schlürften ihre Suppe, Toni sah Rosa fragend an.
»Du redest Unsinn, Kind.« Die Mutter legte ihren Löffel seufzend hin. »Die Reise nach Indien dauert lang und ist gefährlich. Dein Vater hätte das niemals gutgeheißen.«
»Aber was sollen wir denn sonst tun? An den elenden Martin Löffelholtz verkaufen? Der war dem Vater immer schon ein Dorn im Auge! Jedes Mal, wenn der Vater eine neue Idee hatte, hat der Löffelholtz sie schnell kopiert und billiger verkauft. Nein, der Vater hätte gewollt, dass wir das, was er aufgebaut hat, weiterführen. Niemals hätte er seine Werkstatt an den Löffelholtz verschleudert!«
Die Mutter seufzte wieder. »Dein Vater, Gott hab ihn selig, war ein Spieler und Verschwender. Ich weiß nicht, welchen Narren er ausgerechnet an dir gefressen hatte …«
Rosa sah unwillkürlich auf ihre behandschuhte linke Hand. Ihr sechster Finger war kalt geworden … Unmöglich, ihre Mutter log nie. Sie war die Einzige, die Rosa noch nie bei einer Lüge erwischt hatte. Alle anderen, auch der Vater, Toni und die Zwillinge logen, ja, bisweilen sogar die Pfarrer in der Kirche. Und manchmal war es sehr schwer herauszufinden, welcher Teil der Rede gelogen war und was es zu bedeuten hatte. Nur bei ihrer Mutter hatte der sechste Finger noch nie reagiert. Warum also jetzt?
Denn es war die reine Wahrheit, dass der Vater Rosa vor allen anderen bevorzugt hatte. Er war davon überzeugt gewesen, dass dieser elende Finger eine Laune der Natur war und keinesfalls ein Zeichen des Teufels.
»Komm her, meine Tochter«, hatte er oft zu ihr gesagt und dann mit ihr zusammen das Blumenbuch der Sibylla Merian studiert. Die hatte er dermaßen verehrt, dass er Rosa und Dorothea jeweils einen Namen von ihr gegeben hatte. »Schau, Rosa«, hatte er beim Durchblättern des Buches erklärt und auf all die zarten Raupen und Kokons gezeigt. »In der Natur gibt es so viele Kuriositäten, und deine Hand ist auch nur eine davon. Gräme dich nicht, sieh es als etwas ganz Besonderes.«
Warum tat ihre Mutter den Vater als Spieler ab, obwohl er ihnen dieses wunderschöne Haus gekauft und sich so liebevoll um sie gekümmert hatte? »Es ist nicht recht, so über den Vater zu reden.«
»Es ist nur die Wahrheit.« Die Mutter senkte ihren Blick auf ihre Schale, griff wieder nach dem Löffel und aß etwas von der Suppe.
Warum spüre ich dann meinen sechsten Finger?, fragte sich Rosa. Wenn sie nicht damals mit Dorothea immer und immer wieder ausprobiert hätte, was es mit diesem seltsamen Eiskaltwerden ihres sechsten Fingers auf sich hatte, dann würde sie jetzt zum ersten Mal daran zweifeln, dass er wirklich die Fähigkeit hatte, anzuzeigen, ob jemand log. Denn es war vollkommen unmöglich, dass ihre Mutter etwas anderes sagte als die Wahrheit.
»Ich bin sicher, der Vater hätte gewollt, dass ich es versuche. Dorothea hat es auch geschafft.«
»Aber sie war nicht allein.«
»Wo ist denn überhaupt dieses Indien?«, fragte Maria.
»Bei den Heiden am anderen Ende der Welt«, warf Toni ein, bevor Rosa etwas sagen konnte.
»Weiter als Fürth?«, fragte Eva.
»Ja, viel weiter.«
»Weiter als Augsburg?«
Rosa lächelte. »Ich werde es euch auf der Karte zeigen, die beim Vater in der Werkstatt hängt.«
»Und was machen diese Heiden? Sind die gefährlich?«, fragte Maria. »Gibt es da Menschenfresser?«
»Das sind Ungläubige, die eine Frau, wenn sie zur Witwe wird, bei lebendigem Leibe verbrennen«, ließ sich Toni vernehmen, die sich dann mit dem Löffel in der Hand bekreuzigte. Dabei tropfte Suppe auf den Tisch, was die Mutter mit einem missbilligenden Blick quittierte. »Schweig still, Toni«, zischte sie, »was redest du da? Du machst den beiden Angst.«
»Wenn der Mann von Dorothea stirbt, wird Dorothea dann auch verbrannt?«, wollte Eva mit weit aufgerissenen Augen wissen.
Die Mutter warf Rosa einen vernichtenden Blick zu. »Da siehst du, was du angerichtet hast.«
Toni stand auf und begann, die Tonschalen abzuräumen. Sie brummelte vor sich hin. »Das hat der Herr Pfarrer bei der Messe erzählt, als sie letzten Sonntag Geld für die Mission gesammelt haben«, trumpfte sie auf.
Rosa wusste, dass Toni recht hatte, denn von diesen Witwenverbrennungen hatte Dorothea in ihrem letzten Brief berichtet, und Rosa hatte ihn so oft gelesen, dass sie ihn beinahe auswendig konnte.
Dieser Brief war mittlerweile aber auch schon wieder zwei Jahre alt.
Ein mulmiges Gefühl breitete sich in Rosas Bauch aus, wenn sie daran dachte, wie Dorothea ihr die Reise nach Indien beschrieben hatte. Ihre Halbschwester hatte ausführlich von den Strapazen auf dem Schiff erzählt, wo die Frauen sich immer verborgen halten mussten und es, abgesehen von schlechtem Essen und Stürmen, nichts als brutale Matrosen, Dreck, Flöhe, Kakerlaken und Ratten gab. Auch wenn der Gedanke sehr schmerzhaft war, musste sie sich eingestehen, dass ihre Mutter recht haben könnte. Es war völlig undenkbar, so eine weite Reise ganz allein zu machen.
Schweigend kratzten sie ihre Teller aus, die Mutter sprach das Dankgebet, dann half Rosa Toni beim Aufräumen und Abspülen. Dabei vermied sie es geschickt, den Handschuh an der linken Hand nass zu machen. Sie zog den Handschuh niemals aus, nicht einmal nachts.
Toni wollte jedes Detail der Ratssitzung wissen, und besonders neugierig war sie darauf, was der Spitzbärtige gesagt und wie die Mutter darauf reagiert hatte. Als Rosa bei der Ohnmacht ihrer Mutter angelangt war, murmelte Toni empörte Kommentare vor sich hin. »Die Ärmste! Dieser spitzbärtige Dobkatz ist und bleibt ein elender Lump. Ganz anders als sein großartiger Vater.«
»Warum sagst du das? Kennst du die Familie?«, fragte Rosa.
Toni schüttelte den Kopf. »Nein, nicht näher. Aber den Vater, den alten Gregor Johannes Dobkatz, den kennt man, weil er sich für die Armen der Gemeinde immer starkgemacht hat. Allerdings wurde über ihn auch gemunkelt, er schaue gern zu tief ins Glas und sei den Weibern nicht abgeneigt.« Toni stemmte die rechte Hand in ihre Hüfte und strich mit dem Zeigefinger der linken Hand nachdenklich über ihre Lippen. »Hmm. Ich weiß nicht, ob der überhaupt noch lebt. Andererseits, ich erinnere mich an keine Beerdigung, und da hätte der junge Dobkatz es sicher an nichts fehlen lassen. Auch wenn er sonst ein ganz anderes Kaliber ist als sein Vater. Hält sich für was Besseres, das weiß ich von der Isabella, der jüngsten Kusine meiner Schwägerin. Sie hat einmal im Dobkatz’schen Haus als Köchin gearbeitet. Nichts hat dem jungen Herrn gepasst, nur getriezt hat er sie, weil sie dem Alten angeblich schöne Augen gemacht hat, und danach hat der junge Dobkatz dann dafür gesorgt, dass nur noch Männer in seinem Haus arbeiten. Das ist doch nicht normal, oder? Ich mein, wer hätte je von einem guten Koch gehört?« Toni lachte.
»Aber darum ist er doch noch lange kein Lump.«
Toni hörte abrupt auf zu lachen und schüttelte den Kopf, während sie die Teller wegräumte. »Man munkelt so mancherlei über die ach so edlen Ratsherren.«
»Jetzt ist es aber genug!«
Toni und Rosa drehten sich um wie beim Stehlen erwischte Gaunerinnen und sahen direkt in das Gesicht von Rosas Mutter. Sie war bleich wie ein Laken. »Ihr solltet nicht so über die Leute herziehen und euch lieber auf eure Arbeit konzentrieren!«
Toni zuckte mit den Schultern und beauftragte dann die Zwillinge, Holz für ein Feuer zu schichten, weil sie heute noch waschen wollte, obwohl gar kein Waschtag war. Toni war der Ansicht, dass man die Wäsche des Verstorbenen spätestens eine Woche nach der Beerdigung reinigen sollte, damit er die Hausbewohner nicht mit nächtlichem Spuken bestrafte.
Rosa hatte Toni auch dabei beobachtet, wie sie gleich nach dem Tod ihres Vaters die Spiegel verhängt und dreimal auf alle Fässer geklopft hatte. Ja, auch am Mehlkasten und sogar am heiligen Apothekerschrank der Mutter hatte sie heftig gerüttelt, um den Geist des Toten zu verscheuchen.
Rosas Mutter hatte das als Aberglauben abgetan, aber Toni war überzeugt davon, dass man dem Geist des Toten so den Übergang in eine bessere Welt erleichtern würde.
Rosa hoffte, dass ihr Vater längst im Paradies angelangt war und er sich dort wohlfühlte. Sie war überzeugt davon, in seinem Sinn gehandelt zu haben, als sie sich gegen dieses empörende Unrecht gewehrt hatte. Doch je länger sie darüber nachdachte, desto klarer wurde ihr, dass er es niemals gutgeheißen hätte, wenn sie alleine nach Indien reiste. Schließlich hatte er immer zu verhindern gewusst, dass Rosa die Stadtmauern von Nürnberg verließ. Nur hier sei sie sicher und nur in seiner Begleitung, so hatte er behauptet. Aber er war tot, nie wieder würde er sie begleiten können.
Rosa hörte das widerwärtige Lachen des Rates aufbranden. Das soll mein Antrieb sein, dachte sie, wir werden noch sehen, wer zuletzt lacht. Ich werde einen Weg finden. Ich muss.
Wenn ich so abergläubisch wie Toni wäre, dachte sie, dann würde ich jetzt nach einem Zeichen Ausschau halten, das mir anzeigt, ob meine Reise unter einem guten Stern steht oder nicht. Würde schauen, ob eine Spinne am Abend meinen Weg kreuzt oder plötzlich ein Hufeisen vom Himmel fällt oder ich über ein vierblättriges Kleeblatt stolpere.
Aber sie war nicht abergläubisch.
3. Kapitel
Rosa spürte, dass an Schlaf nicht zu denken war, deshalb stand sie auf und wanderte hinunter zur Pegnitz, wo es um diese Zeit vollkommen einsam war.
Wenn ihre Mutter gewusst hätte, dass sie nachts das Haus verließ, dann hätte es Prügel gesetzt. Denn ihre Mutter war davon überzeugt, dass sich nur Huren und Vagabunden in der Dunkelheit herumtrieben. Und in dieser Angelegenheit war sie sich ausnahmsweise einmal einig mit Rosas Vater gewesen.
Das war eines der wenigen Verbote, über die sich Rosa schon lange hinwegsetzte. Sie liebte es, nachts durch die Gassen hinunter zur Pegnitz zu gehen. Nur wenn alles in einem nebelhaften Grauschwarz versank und niemand sie anstarrte, nur dann gehörte Nürnberg ihr, konnte sie wirklich frei atmen. Noch niemals war sie erwischt worden.
Die acht schreienden Nachtwächter kontrollierten zwar die Gassen, schenkten aber dem Fluss nur wenig Beachtung, denn hier war die Feuergefahr nicht so groß. Außerdem wurde der Ein- und Ausfluss der Pegnitz von den acht Nachtwächtern auf den Schoßgattern kontrolliert, die stündlich ihr Hornsignal gaben.
Wie so oft wirkte auch heute Nacht der im Mondlicht seidig dahinströmende Fluss beruhigend auf ihr Gemüt. Anders als bei Tage konnte man nicht sehen, wie viel Unrat darin herumschwamm, und es stank auch viel weniger, weil die Gerber nachts nicht arbeiteten.
Sie zog ihre Holzschuhe aus, schwang die Beine über die steinerne Brüstung, setzte sich darauf, zupfte den Rock mit der Schürze wieder zurecht und warf einen Stein, der sich in ihren Schuh verirrt hatte, in den Fluss, wo er im Dunkel verschwand.
Rosa war ganz sicher, dass es einen Grund geben musste, warum der Rat so dermaßen ungnädig zu ihrer Mutter gewesen war. Es konnte doch nicht nur an ihrem Hexenfinger liegen, oder etwa doch? Die Begründung, die die Ratsmitglieder vorgebracht hatten, war nur vorgeschoben und geradezu lächerlich gewesen. Drahtzieher gab es schließlich noch sehr viel mehr als Spielkartendrucker in der Stadt, und deren Witwen wurden nicht gezwungen, die Werkstätten zu schließen.
Rosas Blick fiel auf ihre ungleichen Hände. War ihnen diese Missbildung so unheimlich, dass man sie loswerden wollte? Dabei waren sie in Nürnberg doch alle stolz darauf, sich vom katholischen Aberglauben abgekehrt und für das reformatorisch Aufgeklärte entschieden zu haben. Und nun schien selbst der Rat zu glauben, sie wäre verhext. Vor allem diesem Dobkatz war sie ein Dorn im Auge. Aber warum?
Sie sah sich verstohlen um, hörte zwar einen Nachtwächter die elfte Stunde ausrufen, konnte aber sonst niemanden entdecken und zog mit ihrer rechten Hand die purpurfarbenen Handschuhe unter ihrem Brusttuch hervor. Sogar im fahlen Licht des Halbmonds konnte sie sehen, wie schön dieses letzte Geschenk ihres Vaters war. Unwillkürlich hob sie sie hoch und bettete ihre Wange in das geschmeidige Leder. Es fühlte sich angenehm kühl an in dieser stickigen Nacht.
Sie würde den linken davon jetzt anziehen, auch wenn es ihr merkwürdig vorkam, die verunstaltete linke Hand mit so etwas Elegantem zu umhüllen. Sie zupfte an jeder einzelnen Fingerkuppe des abgenutzten braunen Handschuhs, den sie momentan trug, bis alle Lederfinger locker waren, und zerrte ihn schließlich ungeduldig herunter.
Da lag sie in ihrem Schoß, diese verfluchte Hand, jeder Finger kleiner und zarter als die der rechten Hand. Mit rosigen Nägeln und Halbmonden, so klar erkennbar wie die weiße Sichel, die sich heute Abend im Wasser der Pegnitz spiegelte. Nur dass es links keine fünf waren, sondern sechs. Zwei kleine Finger, wo Gott nur einen vorgesehen hatte. Sie würde sich an diesen Anblick niemals gewöhnen, nie! Rosa hasste es, diesen Finger anzusehen, und trug ständig einen Handschuh, der so gefertigt war, dass beide kleinen Finger in einem Fingerling stecken konnten.
Und wegen dieser neuen Handschuhe war ihr Vater gestorben! Er hatte ihr eine Freude bereiten wollen, als er von einem befreundeten venezianischen Kaufmann, Giuseppe Baldessarini, hörte, er hätte einen der Erlanger Handschuhmacher mit neuartig weichem Leder in allen Farben des Regenbogens beliefert. Ihrem Vater gefiel der Gedanke, dass seine Tochter statt des grobledernen braunen Handschuhs einen weichen purpurfarbenen tragen würde. Und deshalb hatte er beim besten Handschuhmacher von Christian-Erlang, bei dem Hugenotten Jean-Pierre Verdier, diese Spezialhandschuhe für sie anfertigen lassen. Auf dem Rückweg war er dann unglücklich vom Pferd gestürzt und auf der Stelle tot gewesen.
Rosa packte den alten Handschuh und schleuderte ihn weit übers Wasser. Sie wunderte sich, kein Platschen zu hören, und entdeckte den Handschuh, der an einem vorbeitreibenden dicken Ast hängen geblieben war und dort wie eine dunkle Frucht in den bleich aufscheinenden Zweigen baumelte, bevor er mit einem sanften Gurgeln ertrank.
Während sie den neuen Handschuh anlegte, wusste sie auf einmal ganz sicher, wie der Vater auf ihren Plan reagiert hätte. Auch er hätte alles auf eine Karte gesetzt. Unwillkürlich lächelte Rosa.
Auch wenn du glaubst, du verlierst, gib nie auf, niemals! Ein Blatt ist immer nur so schlecht wie sein Spieler! Rosa schwang ihre Beine zurück zum Pfad, schlüpfte in ihre Schuhe und wanderte am Fluss entlang. Sie hatte keine Angst, überfallen zu werden, denn in der Stadt kursierten die wildesten Gerüchte darüber, was für Gräuel sich in ihrem Handschuh verbargen. Niemand würde es riskieren, sie anzufassen. Die Einzige, die den Hexenfinger jemals berührt hatte, war ihre Halbschwester gewesen. Dorothea.
Rosa seufzte und blieb unwillkürlich stehen, lehnte sich erneut über die Brüstung und starrte aufs Wasser. Sie griff nach dem Medaillon. »Sing mir was«, hatte sie Dorothea ständig angebettelt, woraufhin Dorothea dann ein völlig verrücktes Lied erfand, mit Worten, die es gar nicht gab. Am allerliebsten hatte Rosa die Geschichten von den sieben Eiern gehört. In jedem Ei war etwas anderes: In einem lebte der Mut, in einem anderen wohnte eine kleine Maus, ein krummer Nagel, ein Wort, das traurig war, weil es nur Wort hieß und nicht wunderbar, in einem Ei wuchs ein kratziger Bart, im nächsten ein verzauberter Kicherriese sowie ein Tanzfuß mit sechs Zehen und schließlich eine böse Zunge, die heiraten wollte.
Damals hatte sie auch zum ersten Mal bemerkt, welche Fähigkeiten in ihrem Finger verborgen waren. Sie hatten ein Spiel daraus gemacht, bei dem Dorothea etwas behauptete und Rosa mittels ihres Fingers herausfinden musste, ob es wahr oder falsch war.
Doch das war schon lange her. Ob Dorothea ihrem Sohn Kaspar wohl von ihr und ihrem Finger erzählt hatte? Rosa setzte sich wieder auf die Brüstung und öffnete das Medaillon, dann erst fiel ihr ein, dass der Rat ja die Locke ihres Neffen behalten hatte. Sie klappte es wieder zu.
Schon oft hatte sie sich gefragt, wie ihr Neffe wohl aussah, und sie verwünschte Christian Balderius, den Mann ihrer Schwester, denn nur wegen ihm war Dorothea seit nunmehr neun Jahren in Masulipatnam, wo er im Auftrag der Ostindischen Kompanie eine Faktorei aufbauen sollte. Neun endlos lange Jahre! Rosa konnte sich kaum noch daran erinnern, wie Dorotheas Stimme geklungen hatte.
Plötzlich legten bange Fragen einen engen Ring um Rosas Brust. Angenommen, sie würde es nach Indien schaffen – was wäre, wenn Dorothea ihr den Neffen gar nicht mitgeben wollte, oder noch viel schlimmer, wenn ihre Schwester bei der Geburt eines weiteren Kindes gestorben, ihr Schwager neu verheiratet war und er Kaspar nicht herausrücken würde? Der lachende Ratsherr tauchte wieder vor ihrem inneren Auge auf.
Aber vielleicht, so beruhigte sie sich selbst, wollte ihre Schwester ja unbedingt, dass Kaspar in Nürnberg unter Christen aufwachsen sollte, und hatte bisher nur keine Vorstellung davon gehabt, wie er sicher nach Hause kommen konnte. Nach Hause. Der Nachtwächter rief die dritte Stunde aus. Sie musste zurück.
Zu Hause angekommen, schlüpfte sie durch die Haustür in die Küche, sah nach der Glut im Herd und stieg hoch zu ihrer Schlafstatt, die sie mit Eva und Maria teilte. Sie schlüpfte aus ihren Kleidern und behielt nur noch ihr Hemd und den linken Handschuh an, der ihre missgestaltete Hand verbarg. Dann bettete sie sich auf den mit frischem Heu gefüllten Leinensack.
Vom Lager ihrer Schwestern drang ein leises Stöhnen. Rosa setzte sich auf und sah zu ihnen hinüber. Das Stöhnen wurde stärker. Rosa stand auf und schlich zum Bett ihrer Schwestern. Das Stöhnen kam von Eva. Rosa fand, ihre Schwester sah aus wie eine Tote, so bleich, und mit den geschlossenen Augen wirkte ihr Gesicht eingefallen und das struppige Haar so, als wäre es von Mäusen angefressen.
Rosa strich über Evas Stirn, sah nach Maria, die etwas fülliger war als Eva, was aber nichts anderes hieß, als dass zwischen ihren Knochen und der Haut wenigstens etwas Fleisch war. Beklommen tappte Rosa zurück zu ihrem Lager. Nicht auszudenken, was mit ihnen geschehen würde, wenn man sie aus dem Haus und auf die Straße treiben würde. Sie musste es einfach schaffen. Wenn das Blatt schlecht war, durfte man bluffen. Oder eine Karte aus dem Ärmel ziehen …
Ein Lächeln zog über ihr Gesicht, als sie sich an die Zeit erinnerte, als ihr der Vater beigebracht hatte, wie man falschspielt. Natürlich hatte er nicht im Ernst daran gedacht, dass sie jemals mit Fremden spielen würde.
Eine Karte aus dem Ärmel ziehen … Sie legte sich auf die Seite, bettete ihr Gesicht in den purpurnen Handschuh. Und auch über das Verlieren hatte ihr der Vater etwas beigebracht. Er hatte mit ihr immer wieder das Kartenwerk »Theatrum Orbis Terrarum« von Abraham Ortelius betrachtet und sie auf ein Zitat von Cicero hingewiesen, das sich unter der Weltkarte befand: »Denn was kann dem an menschlichen Dingen groß erscheinen, dem die ganze Ewigkeit und die Größe des ganzen Kosmos bekannt ist?«
»Daran musst du immer denken«, hatte er gesagt, »besonders dann, wenn du verlierst. Du musst dir darüber klar sein, dass du nur ein winziges unbedeutendes Nichts in diesem ganzen Universum bist. Kein Grund also, beim Verlieren großes Aufhebens zu machen.«
»Und woran soll ich beim Gewinnen denken?«, war Rosas Erwiderung darauf gewesen, immer in freudiger Erwartung seiner Antwort, die stets die gleiche blieb.
»Beim Gewinnen denkst du nur an eins, nämlich daran, dass es nichts Wichtigeres gibt als das!« Dabei hatte er so gelacht, dass Rosa seine Zahnlücken weit hinten im Mund hatte sehen können.
Ihr war, als wäre das Lachen mit ihm zusammen gestorben. Der Handschuh war alles, was ihr von ihm geblieben war. Sie sog den Geruch des neuen Leders tief ein.
Das neue Leder, die Weltkarte des Ortelius, Indien. Schiffe.
Rosa setzte sich mit einem Ruck auf. Ihre Schwester war mit dem Schiff nach Indien gefahren, einem Schiff der Vereinigten Ostindischen Kompanie, für die Dorotheas Mann arbeitete. Er war Kaufmann. Ihr Vater hatte die Handschuhe gekauft, weil er von Baldessarini gehört hatte, dass er buntes Leder nach Erlangen gebracht hatte. Und Baldessarini war ein venezianischer Kaufmann, der mit Nürnberg Handel trieb. Venedig lag am Meer, das hatte sie von ihrem Vater gelernt. Es musste dort also einen großen Hafen geben, und bestimmt gab es Schiffe, die von dort nach Indien segelten.
Baldessarini, dachte sie immer wieder, Baldessarini. Ich werde ihn fragen. Und schließlich fiel sie in einen langen und traumlosen Schlaf.
4. Kapitel
Raihana!« Noch immer fiel es mir schwer zu begreifen, dass ich damit gemeint war. Es bedeutete »Sklavin Mohammeds«, und nichts anderes war ich: Sklavin. Ich verfluchte den Tag, an dem mir mein Leben gestohlen wurde. Aber ich würde es mir zurückholen.
»Ja!«, rief ich zurück, konnte mich aber noch nicht vom Anblick dieses seltsam schönen Flusses losreißen. Sie nannten ihn Narmada; er durchschnitt grünblau, weiß und schwarz schimmernden Marmor, der sich im Wasser widerspiegelte. Doch was mich am meisten entzückte, war dieser eigenartige Glanz, der von seinem Wasser ausging.
Neeraja und Saida, die Hindusklavinnen, hatten mir eine alte Geschichte erzählt, nach der der heiligste Fluss der Hindus, der Ganges, sich jedes Jahr einmal als schwarze Frau verkleide, um ein reinigendes Bad im Fluss Narmada zu nehmen. Was für ein Kinderglaube, dass man sich durch ein Bad im Fluss von allem reinigen könnte!
Ganz in der Nähe unseres Lagers wurde der Narmada zu einem reißenden Wasserfall. Das Rauschen und Krachen und Tosen des Wassers war deutlich zu hören und vibrierte leise durch meinen Körper. Dorthin wollte ich und auf meiner Duduk spielen. Eins werden mit der Landschaft, nicht, um zu vergessen, was war, sondern um mich spielend zu erinnern, erinnern an das Land meiner Mutter und an ihn, meinen über alles geliebten Sohn.
»Raihana!« Die Mahaldar persönlich rief nach mir. Die Vorsteherin des Harems glaubte, dass ich heilerische Fähigkeiten hatte. Und das war von großem Vorteil für mich, denn seit ich ihre Rückenschmerzen wegmassiert hatte, musste ich keine grobe Arbeit mehr machen.
»Raihana!« Diesen Tonfall kannte ich. Ich sollte mich beeilen.
Wahrscheinlich hatte eine der Lieblingsfrauen von Aurangzeb Kopfschmerzen, was mich nicht wunderte. Wir waren seit dreißig Tagen in glühender Hitze unterwegs nach Dekkan, wo, so wurde im Harem jedenfalls getuschelt, Aurangzebs Anwesenheit erforderlich war, um die Aufständischen vor Ort in Schach zu halten.
Für mich war das Unterwegssein wie ein Geschenk, das mich von der Eintönigkeit des Harems befreite, doch für die anderen Frauen des Harems war es nur eine Strapaze. Denn es bedeutete, dass der Großmogul seinen gesamten Hofstaat auf Elefanten, Pferde und Kamele verpacken ließ, und alle mussten mitreisen.
Bevor wir losgezogen waren, warteten wir auf die Prognosen der Astrologen, die den besten Tag für den Aufbruch bestimmen sollten, sich aber nicht einigen konnten. Die Mahaldar hatte uns kichernd erzählt, die Astrologen hätten sich erst dann geeinigt, als Aurangzeb drohte, sie seinen Elefanten zum Spielen vorzuwerfen.
Als es dann endlich losging, bestrich der Mogul einen Fisch mit Joghurt, was unserer Reise Glück bringen sollte. Danach bestieg er seinen mit rotem Samt und Gold geschmückten Elefanten und seine zwanzig Amire die ihrigen.
Weil ich durch einen Schlitz in der Tür dem Aufbruch zugeschaut hatte, sah ich, dass vor dem Mogulherrscher Diener mit Kamelen ritten, die weiße Tücher trugen. Weiß war hier die Farbe der Trauer.
Als ich dazu die Mahaldar befragte, erklärte sie mir, dass damit die Leichen am Wegrand, egal, ob es Menschen oder verendete Tiere waren, bedeckt wurden. Die Mahaldar war so stolz auf ihre Position im Harem des Großmoguls, dass sie mir voller Begeisterung alles erzählte, was ich wissen wollte. Da waren die Wasserträger, die den Weg benetzten, um zu verhindern, dass Staub aufgewirbelt wurde, der den Herrscher der Gläubigen beschmutzen konnte. Es seien bestimmt 35 000 Pferde und mehr als 10 000 Fußsoldaten, die unseren Zug begleiten würden, außerdem Offiziere, eine Armee von Handwerkern und Wasserträgern, Dienern und Sklaven.
Ich versuchte ihr nicht zu zeigen, wie sehr mich dieser Bericht enttäuschte. Ich hatte gehofft, diese Reise würde mir endlich die Gelegenheit zur Flucht geben. Seit dem Tod meines Sohnes hatte ich nur noch den einen Wunsch, diese Welt zu verlassen und in meine Heimat zurückzukehren. Aber ich achtete sehr darauf, das niemanden spüren zu lassen. Auch wenn es nicht einfach war. Denn ich durfte nicht einmal meine Flöte spielen, weil Aurangzeb Musik hasste. Die Älteren im Harem beklagten sich hinter vorgehaltener Hand darüber, denn früher, unter seinem Vorgänger, war viel mehr gefeiert worden. Es hatte Alkohol und Wasserpfeifen gegeben, und die Musikanten waren gefördert worden. Warum auch nicht, flüsterten die Konkubinen, es gäbe keine Zeile im Koran, nach der Musik verboten sei. Und manchmal ließ sich dann die Mahaldar auch dazu bewegen, ein kleines, leises Fest mit Musikern zu arrangieren.
»Raihana!« Bestimmt hatte Fatima wieder Kopfschmerzen. Auch wenn die kaiserlichen Damen in reich geschmückten Sänften, den sogenannten Howdas, auf den weiblichen Elefanten reisen dürfen, so werden sie doch genauso durchgeschüttelt wie die nachfolgenden Hofdamen auf den Kamelen.
Ich schritt durch die Frauenzelte über die weichen roten Pashmina-Teppiche mit dem eingewebten blauen Blütenknospenmuster und beeilte mich, zur Mahaldar zu kommen.
»Raihana, wo warst du schon wieder? Dein Platz ist hier, bei deiner Herrin!«
Damit meinte die Mahaldar sich selbst. Sie ohrfeigte mich mit so viel Wucht, dass ihre schweren Perlenohrringe dabei ins Pendeln kamen. »Merk dir das! Fatima braucht ein Fußbad und eine Massage.«
Fatima, zart wie eine Gazelle, lag bleich auf einem Bett aus Teppichen und dicken Seidenkissen in den Farben des Sonnenuntergangs. Ihr Lager war mit durchsichtig schimmernden Gazeschleiern verhüllt, die sich im Luftzug leicht bewegten. Die sanfte Brise wurde von drei Sklavinnen erzeugt, die mit großen Palmwedeln auf und ab fächelten.
Fatima stöhnte. Eigentlich sollte ich ihr nicht helfen, denn sie war die hinterhältigste der vier Frauen von Aurangzeb.
Ich trat vorsichtig zu ihr und nahm ihre mit Türkisen und Rubinen reich geschmückte Hand.
»Ich sehe wieder nur Sandstürme in meinem linken Auge …«, flüsterte sie.
Da wusste ich, was ich für sie tun konnte – keineswegs Fußbäder! Ich hob den Kopf der vierten Frau von ihrem goldenen Kissen und bettete ihn auf meinen Schoß, wie es meine Mutter immer getan hatte. Dann strich ich ihre Stirn mit meiner flachen Hand nach außen aus, drückte fest auf ihre ausgedünnten Augenbrauen und strich auch diese aus.
»Das ist gut«, flüsterte sie. »Das ist sehr gut, Raihana, mach weiter, hör ja nicht auf.«
Danach umfasste ich ihren Nacken und versuchte, ihn behutsam zu lockern, was mir so gut gelang, dass Fatima einschlief.
Die Mahaldar, die kurz darauf vorbeikam, nickte mir mit einem breiten Lächeln zu. Ihr Grinsen erschreckte mich mittlerweile nicht mehr, denn ich hatte mich an ihre schwarzen Zähne gewöhnt, die sie durch das Kauen von Betelnüssen färbte, weil sie es für schön hielt. Obwohl ihr Körper gewaltige Ausmaße hatte, bewegte sie sich schnell und lautlos wie ein Gepard. Nichts entging ihr, sie wusste um jede Sünde, die im Harem begangen wurde, und je nachdem, wie hoch man in ihrer Gunst stand, wurde das dem Nazir, dem Aufseher des Harems, gemeldet oder auch nicht.
Sie war sehr besorgt um das Wohlergehen aller ihr anvertrauten Damen, und seit sie die Leitung des Harems innehatte, war es nicht einmal zu einem verdächtigen Todesfall gekommen, nicht einmal bei den neugeborenen Knaben. Und die hatten in einem Harem, das hatte ich in den letzten sechzehn Jahren gelernt, keine lange Überlebenschance, wenn es mehrere Favoritinnen mit Söhnen gab. Denn es war der Mogul selbst, der seinen Nachfolger bestimmte, nicht wie in anderen Königreichen, wo der Erstgeborene dem Vater auf den Thron folgt wie der Mond der Sonne.
Jede Haremsdame wollte die Mutter des zukünftigen Kaisers sein, denn nur dann war man die wahre Kaiserin, man hatte mehr Macht als eine Ehefrau. Wenn Aurangzeb seine Mutter besuchte, dann erwies er ihr seine Ehrerbietung nach der alten Sitte des Dschingis Khan, indem er sich sogar vor ihr verneigte!
Ich hätte auf meinen Sohn besser aufpassen müssen. Nun, mit sechsundzwanzig Jahren, bestand keine große Gefahr mehr, dass ich den besonderen Gefallen des Herrschers erregen würde. Nicht, nachdem mein Haar in der Nacht seines Todes weiß geworden war. Nicht, nachdem der Glanz meiner Augen erloschen war und meine einst so vollen Lippen nur mehr einer spröden Eidechsenschwanzhülle glichen.
Vor allem aber würde ich sein Missfallen erregen, weil ich noch immer Christin war, ganz egal, welchen Namen sie mir gegeben hatten. Aurangzeb wurde von Tag zu Tag frommer, trug mittlerweile nur noch weiße Gewänder ohne Silber- und Goldbesatz, ganz wie ein Priester. Wein war streng verboten, ebenso die Huqqa, die Wasserpfeife.
Die Mahaldar stand noch immer vor mir und betrachtete mich.
»Wenn mich jetzt niemand mehr braucht, bitte ich um Eure Erlaubnis für einen Spaziergang zum Fluss.«
Die Mahaldar schüttelte ihr glänzend schwarz geöltes Haar. »Unmöglich.«
»Ich weiß, aber ich vermisse den Gang durch unsere Gärten schmerzlich.«
»Den vermissen wir alle.« Sie seufzte und fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn.
Ich versuchte es anders. »Ich bilde mir ein, dass ich am Fluss einige Heilkräuter gesehen habe.« Seit ich den Status einer Heilerin hatte, genoss ich viel mehr Freiheiten als früher. »Einige davon könnten Fatima gegen ihre Kopfschmerzen helfen.«
Sie zögerte, dann gab sie sich einen Ruck.
»Raihana, unser Herrscher erwartet heute Abend Besuch. Bis zum Sonnenuntergang musst du zurück in den Frauengemächern sein. Ich gebe dir Beshir Aga zur Begleitung mit. Ich möchte nicht, dass unsere Gäste umherstreifende Frauen sehen. Und wage es ja nicht, deine Burka auch nur anzuheben! Beshir wird dir beim Kräuterschneiden helfen.«
Ich verneigte mich vor der Mahaldar und murmelte meinen ergebensten Dank.
Beshir Aga war der Eunuch, den ich am liebsten um mich hatte. Seine Haut war tiefschwarz und schimmerte bläulich, und obwohl er groß und stark war wie ein Hüne, wirkte er feingliedrig und leicht. Als Kind hatte man ihn aus Abessinien entführt, so wie die meisten Eunuchen des Mogulreichs. Ich hatte ihn noch niemals mit einem Lächeln auf dem Gesicht gesehen. Und dafür liebte ich ihn, es war eine wunderbare Abwechslung zu dem verlogenen Gekicher im Harem. Wenige Minuten später stand er vor mir und verbeugte sich, der Schweiß auf seiner Stirn ließ diese glänzen wie schwarzes Metall. Eine Verbeugung vor mir wäre zehn Jahre zuvor noch undenkbar gewesen, damals, als ich noch eine einfache Sklavin war, ein Nichts, nachdem mein Sohn tot war. Ermordet von den kichernden Heuchlerinnen, von denen man keiner einzigen trauen durfte. Es war eine Ehre, dass die Mahaldar ihn mir zur Begleitung gab, denn auch sie bevorzugte Beshir und arbeitete daran, dass er irgendwann einmal Nazir werden würde.
Ich legte das schwarze, zeltartige Gewand mit dem Gitter vor den Augen an und hatte wie üblich sofort das Gefühl, ersticken zu müssen. Dabei war es nun schon deutlich kühler als noch vor ein paar Stunden.