Die Himmelsmalerin - Pia Rosenberger - E-Book

Die Himmelsmalerin E-Book

Pia Rosenberger

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Beschreibung

Welch dunkles Geheimnis verbirgt sich hinter den prächtigen Fenstern der Franziskanerkirche?

Esslingen, 1326: Ohne die Hilfe seiner Tochter kann der Glasmaler Heinrich Luginsland nicht mehr arbeiten, denn seine Augen werden immer schlechter. Bereits seit drei Jahren hilft Lena ihm heimlich dabei, die Glasfragmente zu bemalen, denn Frauen ist es in Esslingen nicht gestattet, ein Handwerk auszuüben. Daher soll Lena den ihr verhassten Tübinger Glasmaler Marx Anstetter heiraten. Doch da kommt Lionel Jourdain, ein wandernder Künstler aus Frankreich, zu Gast in Heinrich Luginslands Haus. Mit sich bringt er das Geheimnis des Silbergelbs. Lena ist fasziniert von dem schönen Fremden …

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Pia Rosenberger

Die Himmelsmalerin

Historischer Roman

Fischer e-books

Franziskanerkirche Esslingen, um 1320

Die drei Chorfenster der Esslinger Franziskanerkirche. Die Beschreibungen beziehen sich auf das Bibelfenster in der Mitte und betiteln von oben nach unten bzw. von links nach rechts die Glasfenster des Originals. Die erhaltenen Scheiben sind durch gerade, die rekonstruierten Scheiben durch kursive Schrift gekennzeichnet

15

Maria

Weltenrichter

Johannes

14

Brandopfer Elias

Pfingsten

Pfingsten

13

Himmelfahrt Elias

Himmelfahrt Christi

Entrückung Henochs

12

Jonas

Auferstehung Christi

Simson

11

AbrahamsOpfer

Kreuzigung Christi

Eherne Schlange

10

Achior

Geißelung Christi

Makkabäer

9

Daniel und Habakuk

Vorführung Christi

Daniel und Nebukadnezar

8

Bestrafung Abners

Gefangennahme Christi

Gefangennahme eines Propheten

7

Abrahams Mahl

Abendmahl

Passahmahl

6

Naaman

Taufe Christi

Reinigungsbad

5

Aussetzung Mosis

Flucht nach Ägypten

Jesebel und Eliza

4

Darbringung Samuels

Darbringung Christi

Abels Opfer

3

Saul bei Bethel

Anbetung der Könige

Königin von Saba

2

Brennender Dornbusch

Geburt Christi

Aarons Stab

1

Gideons Vlies

Verkündigung an Maria

Verkündigung an Sarah

a

b

c

1

Der Himmel war so blau wie der Mantel der Madonna. Lena richtete sich auf und strich sich eine verschwitzte Haarsträhne aus der Stirn. Kobalt, dachte sie, vielleicht Ultramarin. Sie stellte sich vor, wie das Licht durch die Scheiben leuchtete, die ihr Vater in diesen Farben färbte. Nur heute nicht. An St. Margareten, in der Mitte des siebten Monats, wurde im Weinberg gearbeitet. Der Boden musste gehackt und die Reben geschnitten werden, damit die Trauben reifen konnten. Bis das nicht geschehen war, standen die Arbeiten in den städtischen Werkstätten still.

Ihr Vater, der Glasmaler Heinrich Luginsland, war dabei, alle überflüssigen Triebe und viele grüne Trauben wegzuschneiden, und zeigte sich dabei großzügig wie immer. Seiner Meinung nach war das die beste Voraussetzung für einen guten Tropfen. Der Geselle half ihm, während die Lehrbuben – nichtsnutzig, wie sie waren – sich lieber gegenseitig die unreifen Beeren in den Kragen steckten, als die abgeschnittenen Triebe vom Boden aufzusammeln. Noch nichtsnutziger war nur Lenas Bräutigam.

Marx Anstetter, der Glasmaler aus Tübingen, der es nach ihrem Geschmack schon viel zu lange in Esslingen aushielt, hatte es sich am Feldrand bequem gemacht und rührte keinen Finger. Anders als Lena, die gemeinsam mit der Köchin Martha seit Sonnenaufgang Unkraut jätete und den Boden rund um die Weinstöcke hackte, hatte er es anscheidend nicht nötig, bei der Arbeit im Weinberg mit anzupacken. Fein säuberlich aufgeschichtet lagen die kleinen Haufen aus Löwenzahn, Quecken und Giersch zwischen den Reben. Der Boden unter dem Wein zerkrümelte zwischen Lenas Fingern und roch nach heißem Staub.

Sie richtete sich auf, wischte sich die erdigen Hände an ihrer Schürze ab und stützte sich auf die Hacke. Sie konnte sich nicht erinnern, dass es Anfang Juli jemals so heiß gewesen war. Hitze, die über den Weinbergen vibrierte wie ein lebendiges Wesen.

Der Himmel lag so durchsichtig über den Hängen wie eine blaue Schüssel aus Glas, noch perfekter, als ihr Vater sie hätte blasen können. Darunter funkelte die Welt wie ein polierter Edelstein. Vom Fluss her wuchsen die Reben die Hänge hoch, hellgrün, golden und voller Verheißung. Sie hatten winzige, harte Beeren angesetzt, aus denen, wenn Gott Esslingen vor Hagelwetter schützte, ein weiterer guter Jahrgang werden würde.

Im Tal schlug der Neckar einen weiten Bogen um die Stadt. Über ihn spannte sich die neue Steinbrücke, auf der reges Kommen und Gehen herrschte. Sogar von hier oben konnte Lena sehen, wie dicht der Verkehr stadteinwärts war. So viele Leute drängten in die Stadt, dass sich die bunten Handelskarawanen, die Bauern und die Söldner vor dem Brückenhaus stauten wie ein wimmelnder Ameisenhaufen. Sie ließ ihre Augen über das Häusergewirr mit seinen roten Dächern schweifen, aus dem die beiden Türme der Stadtkirche hervorstachen wie zwei Finger, und blieb schließlich an der Baustelle der Liebfrauenkapelle hängen. Der Chor, der sich seit fünf Jahren im Bau befand, sah aus wie das Skelett eines riesigen Tieres. Was Valentin wohl gerade machte? Lena strengte sich an, aber sie konnte den blonden Haarschopf ihres Freundes zwischen den grauen Mauern nicht erkennen. Wie auch, es war viel zu weit weg.

Seufzend nahm sie die Hacke wieder auf und trieb das Blatt in den rissigen, ausgetrockneten Boden. Mit den Fingern lockerte sie geschickt eine Löwenzahnpflanze, löste sie mit der Wurzel heraus und warf sie auf den Haufen Unkraut neben sich. Dann richtete sie sich wieder auf und rieb sich mit der Hand über die verschwitzte Stirn. Eigentlich reichte es ihr. Sie wäre lieber allein in der Werkstatt gewesen und hätte an ihren Entwürfen für den Thron Salomonis weitergearbeitet. Da ist es wenigstens kühl, dachte sie sehnsüchtig.

»Kannst du nicht mehr?«, fragte Martha.

Lena lachte und deutete auf die Sonne, die vom Zenit des Himmels auf sie herunterbrannte. »Ich glaube, es ist Zeit zu rasten.«

»Du hast recht, die Sonne steht schon hoch.«

Sie legten ihre Hacken beiseite, kletterten den steilen Abhang bis zum Weg hinauf und packten ihre mitgebrachten Körbe aus: Brot, Fleisch, Wein und die leckeren Pasteten, die Martha mit Wildfleisch und Preiselbeeren zubereitet hatte. Lena hockte sich ins Gras auf ihre Fersen und füllte ihrem Vater den Becher. Heinrich Luginsland setzte sich neben sie an den Feldrain und trank ihn in einem Zug leer. Lena füllte ihn gleich wieder, gab aber acht, den Wein dieses Mal mit Wasser zu verdünnen, bevor sie den Becher dem Vater reichte. Wenn er zu viel Wein trank, wurde sein Gesicht heiß und rot, und er fing an zu schnaufen. Besorgt musterte sie ihn von der Seite. Heinrich sah alt aus. Sein Haarschopf, der in ihrer Kindheit so rot wie ihr eigener geleuchtet hatte, war vollständig ergraut, und die Hände, mit denen er die schwere Hacke schwang, lagen krumm wie Klauen auf seinen Knien. Aber das war es nicht, was ihr Sorgen bereitete.

»Sag Lena«, flüsterte er. »Ist die Welt so bunt, wie ich denke?«

»Ja, sehr bunt«, wisperte sie. »Wie Edelsteine. Wie … Glasfenster.« Eine Last senkte sich auf ihr Gemüt.

»Schon gut«, murmelte er und legte seine schweren Hände auf ihre. Die feinen, lehmverschmierten Finger verschwanden in seinen Pranken, und Lena musste ihre Tränen wegblinzeln.

»Wir schaffen das schon.«

Aber wie bloß?, dachte sie, sagte jedoch nichts, sondern verdrehte stattdessen die Augen. Denn von rechts näherte sich Marx Anstetter, breitete seinen Mantel aus, der aus feinstem Tuch bestand, und ließ sich elegant an ihrer Seite nieder. Seine Beine steckten in zweifarbigen Hosen, das eine Bein blau, das andere grün. Das war der letzte Schrei aus Frankreich. Eingekesselt zwischen ihrem Vater und ihrem Bewerber biss sie herzhaft in ihre Pastete und betrachtete Anstetter verstohlen. Wie konnte man nach einem halben Tag im Weinberg noch immer aussehen wie aus dem Ei gepellt und riechen, als käme man gerade aus der Badestube? Nur, wenn man nichts geschafft hat, dachte sie. Anstetter schob seinen modischen Hut in den Nacken und wischte sich über die Stirn. Am Ringfinger der rechten Hand trug er einen kostbaren Rubin, der das Sonnenlicht einfing und blitzend in der Luft verteilte.

Hoch oben am Himmel stand eine Lerche und jubilierte ihre Freude über den prächtigen Sommertag in die Welt. Unten auf dem Neckar wurde gerade Holz in Richtung Stadt geflößt. Die Baumstämme bedeckten den graugrünen Fluss an der Biegung fast vollständig. Wenn man ganz still war, konnte man die Kommandos der Flößer hören, die von Baumstamm zu Baumstamm sprangen, um die festgehakten Stämme vom Ufer zu lösen. Und die Lerche noch dazu. Aber Anstetter war nicht still. Das war er nie.

»Sagt, Luginsland, wann kommt er nun, der französische Geck, der uns den Auftrag für das Fenster in der Franziskanerkirche vor der Nase weggeschnappt hat?«

Heinrich Luginsland schüttelte den Kopf und lachte leise. »Einige Tage wird es schon noch dauern. Er kommt aus dem Burgundischen, hat mir der Prior erzählt.«

»Und Ihr wollt ihm wirklich Eure Werkstatt zur Verfügung stellen, mit allem Drum und Dran?«

»So lautet die Abmachung.«

Anstetter machte eine Pause, die tiefste Missbilligung ausdrückte. Lena wusste, wie wichtig die Vereinbarung mit den Franziskanern war. Sie brauchten die Miete für die Werkstatt dringend.

»Nun, Jungfer Lena.« Anstetter strich sich die dunklen, glatten Haare aus dem Gesicht. »Wollt Ihr mir nicht auch eine dieser schmackhaften Wildpasteten reichen, die Eure Martha so köstlich zubereitet hat?«

Er lächelte und ließ seine beiden vorstehenden Vorderzähne sehen, die Lena zusammen mit dem fliehenden Kinn immer an ein Frettchen erinnerten. Lena tat der Höflichkeit Genüge, reichte ihm eine Pastete und füllte seinen Becher mit ihrem guten weißen Hauswein, der in Windeseile Anstetters Schlund heruntergurgelte. Lena sah seinen Adamsapfel beim Schlucken auf und ab hüpfen.

Wie ein gieriger Specht, dachte sie spöttisch.

»Euer guter Neckarwein macht es mir leicht, um Eure Tochter anzuhalten, Meister Luginsland.« Er rülpste leise.

»Wenn Ihr dem Wein weiter so zusprecht, Meister Anstetter, wird er nicht bis zur Hochzeit reichen«, sagte Lena. »Dann ist unser Keller nämlich leer.«

Ihr Vater drückte warnend ihre Hand. Wir können ihn nicht mehr lange hinhalten, hieß das.

»Oh, mich lockt nicht nur der Wein …«, sagte Anstetter nachdenklich und ließ seine Augen über ihren Körper wandern.

Lena wurde das Flusstal zu eng. Sie stand auf und trat an den Steilhang, der seit hundert Jahren terrassiert und mit Weinstöcken bewachsen war. Es war nicht nur der Wein, der Anstetter anzog, und ganz gewiss nicht ihre eigene kratzbürstige Person, auch wenn der Kerl noch so lüstern tat. Es war die gutgehende Glasmalerwerkstatt, die Aufträge aus dem ganzen Württembergischen und aus so mancher Reichsstadt erhielt. Nur derzeit gingen fast keine ein, aber das wusste er nicht. Eigentlich waren die Anstetters aus Tübingen direkte Konkurrenz zur Werkstatt Luginsland in Esslingen. Doch das ließ sich schnell ändern, wenn der älteste Sohn die Glasmalertochter aus Esslingen freite. Dann war man ein einziger Betrieb, und alle Probleme lösten sich von ganz alleine. Wenn, ja wenn Lena den Meister Anstetter aus Tübingen nur ein bisschen netter finden würde.

»Denkt dran«, begann dieser jetzt von neuem. »Margareta mit dem Wurm, Barbara mit dem Turm, Katharina mit dem Radl, das sind die drei heiligen Madl. Und Katharina, Eure Stadtheilige, ist die Beschützerin der Ehefrauen. Also vielleicht bald auch die Eure.«

»Aber auch die der Mädchen und Jungfrauen«, gab Lena vorwitzig zurück und trat an den Rebhang heran, der sich vor ihr fast senkrecht bis zum Fluss herunterzog.

Er schüttelte missbilligend den Kopf, stand auf und streckte sich, bis es in seinen Knien knackte. »Aber nicht die der alten Jungfern.«

Lena sah ihn an und hätte fast gelacht. Manchmal konnte er es mit ihrer spitzen Zunge durchaus aufnehmen. So bald war sie noch keine alte Jungfer. Schließlich war sie im letzten Dezember erst siebzehn geworden, und damit im besten heiratsfähigen Alter.

Ächzend ließ sich Meister Luginsland von seinem Schwiegersohn in spe auf die Füße helfen. »Wir reden später, Meister Marx«, sagte der Glasmaler und ging wieder an die Arbeit.

Das geflößte Holz war inzwischen an der Landestelle angekommen und verstopfte den Neckar nun oberhalb der Brücke. In Esslingen wurde an jeder Ecke gebaut, Holz war immer gefragt.

Die Sonne wanderte gen Westen, aber es war noch immer so heiß, dass Lena der Schweiß zwischen den Schulterblättern herablief. Ganz plötzlich stand Marx Anstetter neben ihr.

»Was denkt Ihr Euch dabei, mich so vorzuführen, vor Eurem Vater?«

Verwundert sah sie ihn an. Seine Stimme klang anders als zuvor. Scharf, ungeduldig und voller unausgesprochener Drohungen. Ihr Vater hatte nie so mit ihr gesprochen. Anstetters Hand legte sich auf ihren Rücken, Besitz ergreifend, als gehöre sie ihm bereits mit Leib und Leben. Lena tat einen Schritt nach vorn in Richtung des Abgrunds.

»Ich brauche Eure Antwort nicht, obwohl es sicher Spaß machen würde, Euch zu zähmen. Mit Eurem Vater bin ich schon einig. Und Ihr wisst ganz genau, warum.«

Er ließ sie stehen, allein zwischen den summenden Bienen, den Blick auf den graugrünen Fluss gerichtet, der gen Westen hinter einer Biegung verschwand, wohin Lena nie gekommen war. Alle anderen gingen an ihre Arbeit zurück, nur sie verharrte noch einen Moment. Dann drehte sie sich um und wanderte steil bergauf.

2

Auf der Brücke stauten sich Reisende, Reiter und Fuhrwerke wie Steine in einem Mühltrichter.

Die Sonne brannte, ließ die Weinberge am Flussufer hellgrün aufleuchten und den Fluss wie eine träge Schlange das Tal herunterrollen. Es war heiß, zu heiß, um vor dem Brückentor in einer Menschenmenge zu schmoren. Lionel strich sich die verschwitzten Haare aus der Stirn. Seit einer geraumen Weile ging es gar nicht mehr voran.

Die Zeit steht still, dachte er. Vielleicht würde er für immer hier stehen, bis zum Jüngsten Tag, und niemals das Chorfenster in der Kirche der Franziskaner verglasen. Doch vorher würde er wahrscheinlich in der Sonne schmelzen wie eine Wachskerze.

Urplötzlich gab es eine Unterbrechung im Einerlei. Ein falsches Signal, und der Ochsenkarren direkt vor Lionel setzte sich in Bewegung. Drei Schritte, dann standen die Ochsen auch schon wieder, weil der Weg vor ihnen von Menschen überquoll. Der Wagen krachte in die Deichsel. Ein schlecht befestigter Sack purzelte von der Ladefläche, landete auf der Brücke und zerplatzte. Korn rieselte über den steinernen Grund und lockte die Bettler an, die sich in den Staub fallen ließen und so viel wie möglich in ihre mitgebrachten Becher schaufelten.

»Verflixter Lumpenkerl«, schrie der Fuhrmann, und der Lehrjunge, der die Zügel gehalten hatte, fing sich eine saftige Maulschelle ein.

Lionel verdrehte die Augen zum Himmel, wo ein Falke gelassen im Blau kreiste. Der Fuhrmann sprang vom Wagen, verteilte Keile nach rechts und links und begann, in den Sack zurückzuschaufeln, was noch einzusammeln war. Die Ochsen schauten teilnahmslos zu, während der Junge sich in Erwartung weiterer Prügel duckte.

Jetzt scheute auch Étoile, den Lionel neben sich am Zügel führte. Sanft strich er dem Weißen über die Nase und raunte ihm etwas in seiner Muttersprache ins Ohr. Der Hengst reagierte empfindlich auf Lärm und neue Orte. Bonne, das Packpferd, das Lionels Werkzeug und seine Farben trug, konnte ein solcher Vorfall nicht erschüttern. Ihre braunen Augen betrachteten den Burgunder mit unerschütterlicher Gelassenheit. Sie würde warten und mit ihm gehen, wo auch immer er hinwollte.

»Meine Brave«, lobte er sie.

Inzwischen hatte sich der Lehrling weitere Maulschellen eingefangen und hielt sich die Wange, während der Fuhrmann selbst die Zügel übernommen hatte. Und noch immer ging nichts voran.

»Was ist hier los?«, fragte Lionel den Fuhrmann.

»Reiter.« Gottergeben deutete er auf das Brückentor, das vor der Menschenmenge dunkel in den bleiblauen Himmel ragte. Lionel ließ die Führstricke der zwei Pferde einen Moment hängen, trat aus der Reihe und spähte vom Brückengeländer aus nach vorne. Eine Gruppe Berittener drängte sich vor dem Tor. Ihr Anführer disputierte mit den Stadtwächtern und wedelte dabei heftig mit den Armen. Endlich entschied sich die Sache. Die Wächter gewährten der Gruppe keinen Einlass in die Stadt. Daraufhin saßen die Bewaffneten wie ein Mann auf und drehten um. Lionel schüttelte den Kopf. Trotz der Menschenmenge galoppierten sie mitten auf der Brücke an. Sie waren sichtlich wütend, Kriegsknechte eben. Er wusste, warum er mit diesem Pack nichts zu tun haben wollte.

Die Ritter bahnten sich rücksichtslos eine Gasse durch die Menschenmenge. Auf ihren Waffenröcken breitete der Adler des Königs besitzergreifend seine Flügel aus. Dann waren sie da, schneller, als Lionel sich umdrehen und seine Pferde festhalten konnte.

»Merde!«, rief er.

Donnernd schlugen die Hufe auf den Steinboden.

»Aus dem Weg!«, schrie der Anführer, ein bärtiger Schwarzhaariger, und setzte mit seinem Schlachtross über einen alten Mann hinweg, der sich gerade noch rechtzeitig ducken konnte.

Menschen stoben an die Seite, ein Bettler landete im Staub, ein eisengepanzerter Huf traf eine Frau an der Schulter, die schreiend zu Boden fiel. Mit einem Satz war Lionel bei seinen Pferden und fiel Étoile in den Zügel, der mit seinen dunklen Augen rollte. Es hatte keinen Sinn, wenn der Weiße zu allem Überfluss noch stieg und weitere Menschen verletzte. Nachdem sich das Pferd beruhigt hatte, half Lionel der Frau auf die Füße.

»Ich danke Euch, edler Ritter«, sagte sie würdevoll und wischte sich den Brückenstaub vom Gewand. »So sind sie eben, die Herren.«

Er nickte, froh, dass die Frau sich irrte, weil er weder ein Ritter noch ein Herr war. Er war nichts weiter als ein freier Mann.

Der Spuk war jedenfalls vorbei, die Krieger hatten die Brücke verlassen, und der Trichter begann, sich mit stetem Gleichmaß zu leeren. Zuletzt verschwand das Ochsenfuhrwerk mit den Kornsäcken im Tor. Schließlich stand Lionel davor und betrachtete den Adler, das Wappen der freien Stadt, der jenem auf den Waffenröcken der Ritter zum Verwechseln ähnlich sah.

Esslingen war eine dieser Städte, die sich nicht auf die Willkür des Fürsten aus dem Umland verlassen wollten, sondern stattdessen auf den König bauten. Oft wurde ihnen das als Hochmut ausgelegt, der zu dauernden Querelen mit dem Landesherrn, dem Grafen von Württemberg, führte. Aber diese Stadt hat es gut getroffen und die Württemberger 1312 im Reichskrieg Kaiser Heinrichs VII. sogar besiegt.

Einen Augenblick später war es so weit. Auch Lionel und seine Pferde wurden in die Dunkelheit des Brückenturms gezogen. Schlagartig wurde es kühl und still, eine Wohltat nach der Hitze und dem Chaos draußen. Die Pferde fanden das anscheinend nicht. Bonne wieherte leise, und Étoile tänzelte nervös.

»Schhh«, machte Lionel.

Die Stadtwachen saßen rund um einen Tisch, eine Partie Würfel zwischen sich, Humpen mit Wein vor sich. Lionel wurde bewusst, dass er seit dem Morgen nichts getrunken hatte.

»Durchreise oder längerer Aufenthalt?«, fragte der Oberste, der den Adler auf dem Brustharnisch trug.

Lionel holte den Brief aus dem Hemd, der seinen Auftrag dokumentierte.

»Ich bleibe, für’s Erste jedenfalls«, antwortete er und überreichte das Schreiben des Priors. »Mein Name ist Lionel Jourdain, Glasmaler aus Straßburg.«

Wo er sonst überall herumgekommen war, Paris, Venedig, Burgund, Toulouse, Granada und Rom, immer auf der Suche nach Freiheit, das ging den Mann nichts an.

Man konnte dem Wächter nicht nachsagen, dass er ungenau arbeitete. Ausführlich betrachtete er den Brief, wenn auch zunächst verkehrt herum. Er konnte sicher nicht lesen, erkannte aber möglicherweise das Siegel des Franziskanerklosters.

»In Ordnung«, nickte er dann und drückte Lionel das Schreiben wieder in die Hand. »Habt Ihr schon ein Quartier?« Noch mehr obdachloses Gesindel konnte die Stadt sicher nicht gebrauchen.

»Ich werde beim Glasmaler Luginsland wohnen und arbeiten«, sagte Lionel und machte, dass er weiterkam, bevor der Mann auf die Idee kam, noch mehr Fragen zu stellen.

Lionel führte Bonne und Étoile hinaus ins Licht. Nach der Stille und Dunkelheit des Torturms wirkte die angestaute Hitze noch erdrückender. Die neuen Häuser der Stadt strahlten grell wie ein Kalksteinbruch in der Mittagssonne. Der Handelsweg teilte das Häusermeer; darauf tummelten sich Fuhrwerke, Reisende und Wanderer, armes Bauern- und Diebsgesindel neben herrschaftlich gekleideten Patriziern. Eine zweite Brücke überquerte mitten in der Stadt brackig riechende Neckarkanäle. Lionel ließ sich treiben, wurde Teil der lärmenden Vielfalt, der bunten Farben, der Gerüche, des Lärms. Als er aufsaß, drehte sich die Welt.

Nun gut, er hatte es fast geschafft, beim Glasmaler Luginsland erwartete ihn sicher ein kühler Wein und ein bisschen Ruhe. Der Auftrag hatte Zeit bis morgen. Er ließ Étoile im Schritt gehen, führte Bonne am Zügel, während die pochenden Kopfschmerzen hinter den Augendeckeln immer stärker wurden. Durch das Gewimmel kam er eher langsam vorwärts. Der Glasmaler musste in der Nähe der Kirche wohnen, die er nicht verfehlen konnte. Ihre Türme ragten über den Dächern auf. An einem wurde noch gearbeitet. Oben schwärmten Steinmetze wie ein ausfliegendes Bienenvolk um einen Bienenstock herum. Menschen, Farben, Muster, alles verschwamm zu einem Strom aus farbigem Licht. Er hatte nicht gewusst, dass man auf einem Pferd sitzend eindösen konnte.

Doch plötzlich wurde er aus seiner Lethargie gerissen. Wie ein Schreckgespenst stand er da, der Dominikaner, stumm und unbeweglich an einer Hausecke, wo es betäubend nach Fisch roch, und saugte mit seinem schwarzweißen Gewand die Farben aus der Welt. Der Anblick war für Lionel wie ein Schlag ins Gesicht. Als der Mönch seine Kapuze zurückstreifte, lagen seine Augen tief im Schädel, zwei Höhlen, in denen Asche glomm. Lionel wusste, dass die Sonne einem manchmal, wenn man zu lange draußen gewesen war, Trugbilder vorgaukelte, einem das Gehirn zerkochte und Wahnvorstellungen verursachte, an denen mancher schon zerbrochen war. Er rieb sich die Augen, doch als er sie wieder öffnete, stand der andere noch immer da und starrte ihn an. Zum Umkehren war es zu spät. Lionel zog Étoile am Zügel und wappnete sich.

»Seid gegrüßt, Lionel Jourdain«, sagte der Mönch spöttisch. »Ich hätte nie gedacht, dass ich Euch auf Erden noch einmal begegnen würde. Ich hoffe, Ihr wandelt heute sicher auf den Pfaden der Kirche.«

»Auch ich grüße Euch, Pater Ulrich«, sagte Lionel mit fester Stimme. »Fahrende wandeln auf vielen Pfaden. Aber eigentlich hatte ich gehofft, Euch erst in der Hölle wiederzutreffen.«

Damit ließ er den Mönch einfach stehen. Frère Mort, er hatte Frère Mort gesehen!

Am liebsten wäre er umgekehrt, hätte sich aus dem Staub gemacht wie die Bewaffneten auf der Brücke, hätte dem Hengst die Sporen gegeben und wäre raus aus der Stadt und ihrer drangvollen Enge geritten, die ihn jetzt schon bedrückte. In seinen Gedanken war Joèlle noch immer gegenwärtig. Fast konnte er sie unter den Türmen der Kirche stehen sehen, einen Wäschekorb im Arm, wie damals in Carcassone. Ihr Rock bauschte sich im Mistral, und ihre schwarzen Haare flatterten. Als er vorüberritt, drehte das Traumgespinst sich um, lachte und winkte ihm zu.

3

Lena wanderte steil bergauf, zunächst in Richtung Westen, der Sonne entgegen. Rundum in den Weinbergen arbeiteten Menschen. Der Pfleger des Klosters Salem, der seine Tagelöhner beaufsichtigte, schob seinen Sonnenhut zurück und hob grüßend die Hand, als sie vorüberging. »Wohin des Weges, Jungfer Magdalena?«, fragte er.

»Ich mache einen Besuch!«, rief sie und winkte zurück.

Vielleicht war ja irgendwann ein großer Auftrag von dem mächtigen Kloster am Bodensee zu erwarten, das so viel Grundbesitz im Schwäbischen besaß. Ein ebenso wunderbarer Auftrag, wie ihn der Thron Salomonis von den Zisterziensern aus Bebenhausen darstellte, den sie allein ausführen würde, weil ihr Vater weder Farben noch Umrisslinien mehr sehen konnte. Wenn das die Mönche wüssten! Halb freute sich Lena, halb wurde ihr angst und bange vor der Aufgabe, die sie ganz allein lösen musste. Aber sie war gut, sie würde das schaffen! Und die Tür zur Werkstatt würde während ihrer Arbeit immer geschlossen bleiben, auch wenn sie die große Truhe unter die Klinke schieben musste, in der der Vater seine Entwürfe aufbewahrte. Wie sonst konnte sie ihr Vorhaben vor ihrem zukünftigen Ehemann verbergen? Wenn doch der Anstetter wieder nach Tübingen verschwinden würde! Wenigstens für eine Weile! Entschlossen schob sie den Gedanken an ihren Bräutigam beiseite und stieg weiter bergauf.

Oben lösten Obstwiesen die Rebhänge ab. Hier war der Feldrain mit Blumen bedeckt, violette und rosa Wicken, lilafarbene Wegwarte und Ringelblumen, die fast die gleiche Farbe hatten wie Lenas Zöpfe, von denen sich einer aufgelöst hatte und ihr in Wellen über den Rücken fiel. Hungrig zupfte sie die ersten Brombeeren von den Sträuchern und steckte sie in den Mund. Sie waren noch sauer, und Lena spuckte sie angewidert auf den Weg wie ein Kind.

Mit Valentin und Kilian hatte sie sich oft außerhalb der Stadtmauer herumgetrieben. Sie erinnerte sich an den Tag, als sie einen Damm im Hainbach angelegt hatten, viel weiter weg, als ihre Eltern je erlaubt hätten. Auf dem Rückweg hatten sie gar nicht weit von hier gerastet. Müde hatten sie alle drei am Feldrain gelegen und Löcher in den Himmel gestarrt.

»Was wollt ihr zwei mal machen, wenn ihr groß seid?«, hatte Kilian sie damals gefragt.

»Eines Tages baue ich die höchste Kathedrale der Welt«, hatte Valentin träge geantwortet.

»Pah, die fällt doch sowieso nur zusammen!«

»Und du?«

»Ich werde der Klügste unter allen dominikanischen Gelehrten«, hatte Kilian gesagt und sich dabei mit ausgestreckten Armen wie ein Kreisel gedreht. »Und ich lerne Griechisch mit dem Prior Balduin.«

»Und du, Lena?« Die Frage war von Valentin gekommen, seine Stimme klang sehr leise.

»Ich möchte malen«, hatte sie gesagt und schon damals gewusst, dass das auf Dauer nichts werden konnte. Schließlich war sie ein Mädchen.

Ihre Dreierbande löste sich auf, als Valentin seine Lehre als Steinmetz begann, Kilian ins Kloster ging und sie selbst von Martha in den Haushalt eingewiesen wurde. Vielleicht bröckelte ihre Freundschaft aber auch schon, als Lena und Valentin begannen, Händchen zu halten, und den kleinen Kilian links liegenließen. Wehmütig dachte Lena an unbeschwertere Zeiten zurück.

Am Hang befand sich das Dorf Sulzgries mit seiner Salzabbaustelle. Doch Lena marschierte schnurstracks daran vorbei und ließ ihren Blick stattdessen ins Tal wandern. An dieser Stelle senkten sich die Hänge in tiefen Schluchten zum Fluss, bildeten bewaldete Klingen, die für den Weinbau zu schattig waren. Oberhalb des Weilers Krummenacker aber dehnte sich eine Hochebene aus, eine weite, wellige Landschaft voller Obstbäume, die in eine hochgelegene Heide überging. Hier oben war man dem Himmel so nahe, dass der Lärm der Stadt und alle Geräusche verklangen. Eine Lerche sang am Himmel, und Lena breitete die Arme aus, atmete tief durch und hob den Blick zum Horizont, wo sich in weiter Ferne und dunstigem Blau die steilen Hänge der Schwäbischen Alb erhoben.

Sie hielt sich in Richtung Waldrand und stieg in eine kleine Senke hinab, in der zwischen Obstbäumen und Kräuterbeeten das Haus ihrer Freundin Renata lag. Renata Steinhöfel, Tochter der angesehenen Ratsfamilie gleichen Namens, war mit dem Nachbarn der Familie Luginsland, dem Apotheker Appenteker, verheiratet gewesen, einem sehr viel älteren Mann, der vor sechs Jahren gestorben war und ihr neben der Apotheke einen Weinberg und etwas Grundbesitz außerhalb der Mauer hinterlassen hatte. Renata, die als Frau in der Stadt Esslingen kein Geschäft führen durfte, hatte das Beste aus der Situation gemacht, die Apotheke an Appentekers Neffen verpachtet und war mit ihrem Sohn Franz aufs Land gezogen. Hier zog sie einen Teil der Kräuter und Heilpflanzen für die Apotheke heran, auf die sie noch immer ein Auge hatte.

Still und verwunschen lag das Häuschen im warmen Licht des Spätnachmittags. Sein mit Stroh gedecktes Dach hing tief, die Fenster waren klein, die Wände dick, um später im Jahr die Kälte besser abzuhalten. Als Lena sich der Eingangstür näherte, hörte sie nichts als das Summen von Renatas Bienen, die sich auf dem Thymian und dem blühenden Salbei rund um die Haustür tummelten. Zaghaft schob sie die Zweige eines Holunderstrauchs zur Seite, der mit seinen grünen Dolden nahe an der Tür wuchs, und klopfte.

Wie lange war sie nicht mehr hier gewesen? Das letzte Mal mit Valentin, als sie noch Kinder waren und frei umherstreifen durften. Renata dagegen hatte sie oft genug in der Stadt besucht, immer wenn Markttag war und sie in der Apotheke nach dem Rechten sah. Im letzten Jahr waren die Besuche jedoch rar geworden.

Einen Moment später öffnete sich die Tür. »Lena!« Renata stand auf der Schwelle. »Was für eine Überraschung!«

Sie zog Lena in ihre Arme, die erstaunt feststellte, dass sie ihre Freundin um fast einen halben Kopf überragte.

»Komm herein! Das wurde aber auch Zeit, dass wir uns mal wiedersehen.«

Lena folgte ihr in die Stube und sah sich um. In Renatas Wohnraum stand ein gescheuerter Holztisch, darum befanden sich eine grob gezimmerte Eckbank und einige einfache Schemel. In der Herdstelle loderte ein Feuer. Vor den Fensterluken tanzte der Staub im Sonnenlicht, und auf dem Tisch lag ein in Leder gebundenes Buch.

»Di-o-sku…«, buchstabierte sie mühsam.

»Dioskurides«, erklärte ihre Freundin. »Er beschreibt über sechshundert Heilpflanzen. Ich habe so ein Glück, dass ich es besitzen darf.«

Renata wusste nicht nur alles über Heilpflanzen, sie war auch so gebildet, dass sie auf Lateinisch geschriebene Bücher lesen konnte. Lena erinnerte sich, dass sie ursprünglich für ein Leben im Kloster bestimmt gewesen war, ihr Vater sie aber wieder in den Kreis der Familie aufgenommen hatte, als ihre beiden älteren Geschwister gestorben waren.

»Und wenn man meine ›Physica‹ der heiligen Hildegard von Bingen dazu rechnet, bin ich eine reiche Frau.« In Renatas dunklen Augen glitzerte der Schalk.

»Was ist denn das?«, fragte Lena und deutete auf drei Tonschalen, in denen eine undefinierbare Mischung vor sich hin gärte. »Das riecht ja ekelhaft.«

»Das ist Schafskot mit Honig und verschimmeltem Käse. Daraus soll ein Medikament werden, das gegen Entzündungen helfen soll.« Verwundert sah Lena, dass ihre Freundin rot wurde, und beschloss, nicht weiter nachzufragen.

»Es ist so ruhig hier«, sagte sie stattdessen.

»Wart’s ab«, sagte Renata düster und deutete mit einem Kopfnicken in die Ecke, wo ihr sechsjähriger Sohn Franz eben noch mit einem Holzpferdchen gespielt hatte. Die Ankunft von Besuch hatte ihn naturgemäß neugierig aufhorchen lassen.

»Lena!« Franz sprang auf ihren Arm und drückte ihr einen feuchten Kuss auf die Wange.

Seine Mutter verdrehte zum Spaß die Augen. »So viel zur Ruhe. Einen Moment lang hat man sie, und im nächsten hüpft der Bengel umher wie ein wild gewordenes Eichhörnchen.«

Lachend setzte sich Lena mit dem quirligen Franz auf dem Schoß auf die Bank.

Seine Mutter schüttelte den Kopf. »Er muss bald in die Schule, der Quälgeist. Aber wenn ich daran denke, wie der Lausbub die freien Künste lernen soll, graut es mir schon jetzt.«

»Der Kilian gebraucht die Rute sicher nur in Maßen.«

»Aber die Dominikaner, ich weiß nicht …«

Renata goss ihr von dem kühlen Nektar ein, den sie im Frühsommer aus Holunderblüten gewonnen hatte, und Lena teilte sich den Becher mit Franz. Die Stube sah aus wie immer. An der Decke hingen Renatas Kräuterbüschel: Ringelblumen, Kamille, Schafgarbe und andere Sommerkräuter verbreiteten ihren würzigen Duft. Auf dem Tisch stand in einem Tonkrug ein großer Strauß violetter Malven, von denen ein paar Blüten auf das kostbare Buch gefallen waren. Lena schnipste sie zur Seite.

»Was führt dich zu uns?«, fragte Renata, setzte sich an den Tisch und goss sich auch einen Becher ein.

Ehrlich währt am längsten, dachte Lena und nahm ihren Mut zusammen. »Ich bin ausgebüxt!«

»Das glaub ich dir nicht!«. Renata schüttelte ungläubig den Kopf.

»Doch«, sagte sie.

»Und warum?« Ihre Freundin sah sie mitfühlend an.

»Nun ja.« Sie machte eine Pause. »Wir waren alle zusammen bei der Falg im Weinberg. Und mein Bräutigam, der Anstetter, war auch mit dabei. Alle haben wir gerackert und gehackt und geschnitten, wie das eben so ist …«

Lena verdrehte die Augen zur niedrigen Decke der Stube.

»… aber er hat den ganzen Vormittag nichts geschafft, nur dummes Zeug geschwatzt und uns den Wein leer getrunken.«

»An dem werdet ihr noch arm.« Renata schüttelte lachend den Kopf.

»Und dann wurde er plötzlich so komisch …« Lena suchte nach Worten. »Ständig versucht er, mir nahe zu kommen. Aber ich will das gar nicht.« Es traf die Sache nur halb, aber dennoch tat es gut, auszusprechen, was sie fühlte. Renata hörte nachdenklich zu und strich sich das schwarze Haar hinters Ohr.

Der Kleine kletterte von ihrem Schoß und von der Bank, schnappte sich das Holzpferdchen und stürmte dann mit Getöse aus der Tür in den Garten wie ein ganzer Rittertrupp. Lena wusste nicht, woher die Tränen plötzlich kamen, aber da waren sie und ließen sich nicht aufhalten. Die Freundin nahm sie in die Arme und ließ sie weinen. Dann holte Renata einen Laib Brot aus der Vorratskammer, schnitt eine Scheibe ab, bestrich sie dick mit Honig, drückte sie Lena in die Hand und setzte sich wieder auf die Bank.

»Essen tut immer gut, ganz besonders bei Kummer.«

Gehorsam biss Lena in die Scheibe und kaute nachdenklich auf der harten Rinde herum.

»Bei mir war es genauso«, sagte Renata. »Auch mein Vater hatte mir den Appenteker als Eheherrn ausgesucht, wie es die Väter eben so tun. Und sicher hat er es dabei gut mit mir gemeint. Erst war es schlimm, vor allem in der Nacht, wenn er zu mir kam.« Renata wurde knallrot. »Aber dann habe ich mich an ihn gewöhnt, und zum Schluss sind wir ganz gut miteinander ausgekommen.«

Lena schüttelte den Kopf. »Nie und nimmer«, versicherte sie düster.

»Aber wenn es so schlimm ist, dann glaube ich nicht, dass der Heinrich dich zwingen wird, ihn zu heiraten.«

»In diesem Fall kann er nicht anders, oder die Werkstatt geht vor die Hunde.«

Renata nickte. »Was ist mit deinem Vater, dass er seine Tochter verkaufen muss?«

Lena zögerte. Bisher wusste kaum jemand von ihren Sorgen. »Er sieht die Farben nicht mehr«, gestand sie dann. »Alles ist für ihn grau wie im November. Und letztens konnte er die Gläser nicht mehr in die Bleiruten einpassen, weil sie vor seinen Augen verschwammen. Und wenn er sich anstrengt, wird er ganz blau im Gesicht.«

»Und da hat er sich nach einem Schwiegersohn umgesehen, der die Werkstatt übernehmen kann«, sagte Renata nachdenklich. »Aber vielleicht muss er nur zu einem Starstecher gehen und sich etwas Ruhe gönnen. In Esslingen gibt es keinen, aber in Stuttgart oder in Ulm.«

Lena schüttelte den Kopf. »Heinrich ist stur. Zum Bader geht mein Vater nicht mehr, seitdem Mutter gestorben ist.«

Renata schwieg einen Moment. »Das verstehe ich. Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit. Bruder Thomas von Mühlberg ist wieder in der Stadt. Er ist ein studierter Physikus.«

»Der Infirmarius der Franziskaner? Könnte der meinen Vater gesund machen?«

Da war auf einmal ein Funken Hoffnung, klein wie ein Glühwürmchen, aber er war da.

»Kein anderer Arzt in Esslingen hat so große Kenntnisse der Heilkunst«, sagte Renata. »Er kann sich Heinrich doch zumindest mal ansehen. Vielleicht ist ja alles einfacher, als du denkst.«

Die Welt sah plötzlich nicht mehr ganz so dunkel aus. Wenn doch nur der Anstetter nach Tübingen verschwinden würde, wo er hingehörte!

»Aber wolltest du nicht immer den Valentin heiraten?«

»Hirngespinste.« Lena zog ihre Augenbrauen finster zusammen. »Er war zwar schon immer mein Freund, aber er kann sicher noch zehn Jahre lang keine Familie ernähren.«

Es tat weh, das zuzugeben, aber so war es nun einmal. Valentin war kein Glasmaler, sondern Steinmetz, und noch nicht einmal Geselle. Sie musste sich ihren Kinderfreund aus dem Kopf schlagen. »Und Vater, der kann es nicht ertragen, dass es nicht weitergeht mit der Werkstatt. Eines muss man dem Anstetter nämlich lassen: Er ist ein guter Glasmaler. Wenn er mal arbeitet.«

»Aber Lena, wenn das so schlimm ist mit den Augen vom Heinrich, wer hat denn die Feinarbeiten ausgeführt in der letzten Zeit, die Konturen mit dem Schwarzlot und das alles?« Renata deckte den Tisch und stellte den angeschnittenen Laib Brot, eine Räucherwurst und einen Topf frischen Käse darauf. Lena schwieg und zerkrümelte die Brotrinde in viele kleine Stücke.

»Doch nicht etwa du?« Renatas Augen wurden groß.

»Wer denn sonst?«, fragte Lena düster. Sie selbst hatte im letzten Jahr die fertig ins Glas eingelassenen Figuren mit schwarzen Umrisslinien versehen, die Form ihrer Augen und Nasen gemalt, sie traurig oder froh ausschauen, lachen oder weinen lassen und dem Bild mit Schatten und Schraffuren Tiefe verliehen. »Erst gestern habe ich dem Methusalem so richtig viele Falten gemalt.«

»Tatsächlich?« Renata schüttelte lachend den Kopf.

»Damit habe ich gegen die Auflagen der Zunft verstoßen, ich weiß«, sagte Lena trotzig. »Aber solange wir es nicht an die große Glocke hängen, drücken sie ein Auge zu. Ich kann nur die Werkstatt nicht übernehmen. Und erfahren sollte es auch keiner.«

»Kann dir wirklich niemand anderes helfen?«

»Wer denn? Der Vater sieht zu schlecht. Der Geselle kann zwar Glas blasen und schneiden, aber nicht zeichnen. Und die Lehrbuben haben sowieso nur Unsinn im Kopf.«

»So wie dieser Bursche hier.« Renata schnappte sich ihren Sohn, der vom Garten wieder in die Stube galoppiert war, und setzte ihn auf die Bank vor seinen Teller.

»Ich will ein Brot und Träuble«, krähte Franz. Lena füllte eine Schale mit überreifen Johannisbeeren, die sich Franz in den Mund stopfte, bis seine Mutter ihm auf die Finger klopfte.

»Vielleicht, wenn ich ein Kind hätte …«

»Es ist wichtig, dass es zwischen dir und deinem Mann stimmt. Denn das mit dem Kinderkriegen ist so eine Sache.« Renata setzte sich ebenfalls an den Tisch und goss sich ein Glas Saft ein. »Es muss nicht immer klappen. Und der Anstetter, macht er sich was aus dir?«

»Er sagt, er findet mich schön. Aber ich weiß es besser. Wenn er mich nicht kriegt, denn geht ihm eine Werkstatt und ein gut gefüllter Weinkeller durch die Lappen.« Lena biss gierig in ihre zweite Scheibe, die sie dick mit Wurst belegt hatte. »Und er wird mich sicher nicht zeichnen lassen«, fügte sie mit vollem Mund hinzu. »Schließlich bin ich nur eine Frau.«

Renata schüttelte lachend den Kopf, stand auf und begann, ein Leinensäckchen mit getrockneten Heilpflanzen zu füllen. »Augentrost und Baldrian sowie Galgant fürs Herz«, sagte sie. »Das kann den Druck lindern, den dein Vater wahrscheinlich hinter den Augendeckeln spürt, und es lässt ihn besser schlafen, denn sicher wälzt er sich jede Nacht sorgenvoll im Bett herum.«

Sie drückte Lena das Säckchen in die Hand. »Brau ihm einen Sud davon auf. Und jetzt solltest du besser gehen. Daheim vermissen sie dich sicher.«

Widerstrebend erhob sich Lena von der Bank. Es war so friedlich hier und tat so gut, über alles zu reden. Als sie in der Tür stand, legte ihr Renata für einen Moment die Hand an die Wange.

»Was du dir wünschst, ist Liebe«, sagte sie dann leise. »Die kommt manchmal, wenn man sie am allerwenigsten erwartet.«

Lena öffnete erstaunt den Mund, aber die Tür hatte sich so schnell hinter Renata geschlossen, dass sie nicht mehr antworten konnte. Verwirrt blickte sie zurück auf das kleine, friedliche Haus, in dem sie Antworten bekommen hatte, die noch mehr Fragen nach sich zogen.

Stoff zum Nachdenken hatte sie während des Rückwegs genug.

Das klare Blau des Himmels hatte bleigrauen Wolken Platz gemacht, die keine Abkühlung brachten. Es ging steil bergab, durch Gärten und Buschwald, immer in Richtung des Flusstals und der Stadt. Die vereinzelten Höfe und winzigen Weiler hatten aufgehört, und der Weg führte durch eine schmale, vom Regen ausgewaschene Klamm, die kaum zwei Wanderern gleichzeitig Platz bot. Hier wurde der Abstieg mühsam. Lena hangelte sich von Baumwurzel zu Baumwurzel und spürte ihre müden Füße kaum noch. Dazu kam eine drückende Schwüle, die ihr das Hemd verschwitzt am Rücken kleben ließ.

Hoffentlich schaffe ich es noch, bis das Gewitter losgeht, dachte sie. Ein heißer Wind kam auf und fuhr in die Bäume und das Gebüsch am Waldrand.

Ich werde ein Bad nehmen, wenn ich daheim bin, dachte sie sehnsüchtig, ein kühles, und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Als sie schon beinahe im Tal war, hörte sie plötzlich Hufgetrappel. Kaum einen Lidschlag später tauchte ein Trupp Reiter hinter ihr auf. Dafür, dass da ein Dutzend Männer mit riesigen Pferden ankam, waren sie erstaunlich leise. Der Weg war zu schmal, um ihnen und ihr gleichzeitig Platz zu bieten, aber Lena wäre sowieso nicht stehengeblieben. Vor Bewaffneten hatte sie eine Heidenangst. Sie warf sich geradewegs in die Büsche am Wegesrand und kroch zwei Meter tief in Deckung.

»Autsch!« Überall waren Brombeerranken, die ihr Arme, Gesicht und Hände zerkratzten. Einen blutenden Finger im Mund, spähte sie aus ihrem Versteck. Die Männer mussten hier, auf dem steilsten Stück in Richtung der Stadt, aufmerksam auf den Weg achten. Sie führten ihre Pferde im Schritt, Mann hinter Mann. Sie waren diszipliniert, kein Wort störte das angespannte Schweigen. Entweder hatten sie Lena nicht bemerkt, oder sie nahmen keine Notiz von ihr. Auf den Wappenröcken trugen sie den Adler, das Zeichen des Königs.

Zum Glück keine Württemberger!, fuhr es Lena durch den Kopf. Wenn sie einem Söldnertrupp der feindlichen Grafschaft in die Hände fiel, brauchte sie keinen Anstetter mehr zu fürchten. Sie duckte sich tiefer ins Brombeergestrüpp.

Dann waren sie endlich vorüber, wie ein böser Traum. Bis auf den letzten Reiter hatte der steile Hang sie außer Sichtweite geführt. Erleichtert erhob sie sich, streckte die schmerzenden Beine, Arme und den Rücken und strich sich den Kittel glatt. In diesem Moment drehte sich der Fremde um, der einen mächtigen Apfelschimmel führte. Er hatte schwarze Haare, glatt und glänzend, und ebensolche Augen. Mit undurchdringlicher Miene sah er sie an, lächelte, hob die Hand und zog sie einmal quer über seine Kehle. Vor Schreck setzte Lenas Herz einen Schlag aus. Starr vor Angst blieb sie einen Augenblick stehen, dann stolperte sie blindlings in den Wald hinein, der sich seitlich des schmalen Weges steil die Hänge hinaufzog. Sie kletterte, zog sich an Baumästen und Wurzeln hoch, zerkratzte sich Arme und Beine und hielt erst inne, als sie die Kuppe des Hügels erreicht hatte. Mühsam rang sie nach Atem. Ihr Herz klopfte wild in ihrer Brust, und die Luft in ihrer Kehle schmeckte scharf wie Metall. Hatte der unheimliche Fremde sie verfolgt? Als sich ihr Atem wieder beruhigt hatte, spähte sie den Hang hinab. Nichts. Irgendwo erhob sich schreiend ein Auerhahn in die Luft, und ein Sprung Rehe rannte quer zur Steigung durch den Wald, über den sich die gewittrige Dämmerung gelegt hatte. Das war noch einmal gutgegangen!

Den Schrecken noch immer in den Knochen, machte sie sich auf den Rückweg und schaffte es gerade noch durch das Tor, bevor dieses zur Nacht schloss. Als sie fast zu Hause war, brach das Unwetter los. Blitze hellten die Schwärze auf, die sich über die Stadt gelegt hatte, und der Donner krachte betäubend in Lenas Ohren. Mit einem Schlag platschte der Regen in die engen Gassen, verwandelte den lehmigen Straßenbelag in eine Schlammwüste und ließ Unrat und Essensreste davontreiben. Klatschnass und zitternd vor Kälte trat Lena in den Hof in der Webergasse, wo Martha schon in der Tür stand.

»Oh, Lena!« Sie holte eilends ein Handtuch, mit dem sie ihrer Ziehtochter die Haare abrubbelte. »Was machst du bloß für Sachen!«

»Ich möchte baden«, bibberte Lena.

»Nix da«, sagte Martha resolut. »Ich mache dir eine heiße Milch mit Honig, und dann geht’s ab ins Bett. Heißes Wasser hab ich sowieso keins mehr.«

Gehorsam trat Lena in den Flur und wollte gerade die Stiege zu ihrer Stube hochsteigen, als ihr von oben drei Männer entgegenkamen. Es waren ihr Vater, Marx Anstetter und ein Fremder.

Mist! Warum konnte sie sich nicht ins nächste Mauseloch verkriechen? Sie machte Platz, drückte sich in eine Nische, geriet am Fuß der Treppe aber unwillkürlich ins Blickfeld der drei.

»Lena, wo warst du nur so lange? Unser Gast ist angekommen.« Ihr Vater räusperte sich. »Meister Lionel Jourdain aus Burgund, der Glasmaler, der das Chorfenster der Franziskaner verglasen wird. Meister Jourdain, meine Tochter Magdalena.«

Der Glasmaler aus Burgund war einen guten Kopf größer als Marx Anstetter, hatte einen hellbraunen, kurz geschnittenen Bart und Haare der gleichen Farbe, die ihm lockig bis auf die Schultern fielen. Belustigt musterte er sie von oben bis unten, und Lena wurde bewusst, wie sie aussehen musste: Der eine Zopf noch immer aufgelöst, struppig, zerkratzt und nass wie eine halb ersäufte Katze.

»Es ist mir ein Vergnügen, Mademoiselle Madeleine«, sagte der Burgunder sanft und machte eine Verbeugung, die einem Höfling am Hofe des Königs alle Ehre gemacht hätte. Für sie, die Lumpenprinzessin? Lachen stieg in Lena auf wie Wasserblasen in einem Glas. Sie prustete los und kicherte, bis sie sich den Bauch halten musste.

Der fremde Glasmaler zog erstaunt die Augenbrauen hoch und lächelte dann verständnislos, aber freundlich zurück. Marx Anstetter brauchte einen Moment, um sich zu sammeln, dann war er blitzschnell bei Lena und schlug ihr mit voller Kraft ins Gesicht. Lenas Hand fuhr an ihre brennende Wange. Ungläubig schaute sie von einem zum anderen.

»Meister Marx!«, rief ihr Vater. »Lasst die Hände von meiner Tochter.«

»Nie wieder stellt mich meine Braut vor einem Fremden bloß«, stieß Anstetter zornig hervor. »Ich tue nur das, was Ihr versäumt habt. Zum Glück ist es lediglich eine Frage der Zeit, bis ich die Munt über das verwöhnte Gör habe.«

Der Fremde sagte nichts.

Lena schlug beide Hände vors Gesicht und rannte an den Männern vorbei die Treppe hoch. Sie wusste nicht, was mehr weh tat – der Schlag ins Gesicht oder ihr gedemütigtes Herz.

4

Sie erwachte bei Tagesanbruch, sprang aus dem Bett, angelte nach ihren Holzschuhen, von denen einer unter dem Schrank gelandet war, und zog sich ein sauberes Leinenkleid über den Kopf. Im Waschwasser in der Schüssel konnte sie ihr Gesicht sehen: die dunkelblauen Augen und die Sprenkel auf der Nase, die sich gestern in der Sonne vermehrt hatten. Aber das rote Mal, das wie Feuer auf ihrer Wange gebrannt hatte, war verschwunden, und die Kratzer der Brombeerranken fielen zwischen den vielen Sommersprossen nicht weiter auf. Sie seufzte. Auch mit der Schramme in ihrem Herzen würde sie leben können, wenn sie nur nicht weiter an ihren Bräutigam dachte und der sie bis nach Sonnenaufgang in Ruhe ließ. Durch ihr Dachfenster hatte sie einen Blick auf die Stadt, deren Dächer noch feucht vom gestrigen Regen waren. Graues Licht drang in den Raum, aber der dunstig blaue Himmel versprach einen weiteren warmen Tag.

Sie liebte diese frühe Stunde, die ihr ganz allein gehörte. Munter sprang sie die Treppe hinunter in Richtung Küche, wo Martha über dem Feuer den Brei fürs Frühstück rührte. Daneben ruhte der Brotteig in einer Schüssel, den sie später zum Abbacken zum Bäcker bringen würde. Im Korb vor dem Feuer regten sich die winzigen Katzenjungen, deren Mutter auf die Jagd gegangen war. Lena hatte sich erfolgreich dagegen gewehrt, dass Johann sie im Katzenneckar ertränkte, und Martha hatte mal wieder nachgegeben, obwohl sie es war, die die Mäusejäger bei den Nachbarn unterbringen musste. Jetzt trat Lena von hinten an die Köchin heran und legte ihr den Arm um die Schultern.

»Guten Morgen, Martha«, sagte sie.

»Ich hab Honig in den Brei getan«, brummte diese. »Extra für dich!«

»Es war nicht so schlimm. Ich hab’s schon fast wieder vergessen.«

»Ein Vater darf die Tochter züchtigen. Der muss das vielleicht sogar hin und wieder.« Die Köchin rührte zornig im Kessel, in dem es hitzig zu brodeln begonnen hatte. »Aber ein Bräutigam sollte seine Hände bei sich behalten, vor allem, wenn der Vater danebensteht!«

Lena nickte.

»Und dann noch vor dem Fremden. Es war demütigend für uns alle.«

Lena verstand Marthas Bedenken. Wenn Meister Marx hier das Szepter führte, würde nicht nur Lena zu leiden haben, sondern auch die Dienstboten und der ganze Hausstand. Aber sich mit der Köchin anzulegen war ein Risiko, das Meister Marx besser nicht eingehen sollte. Schließlich konnte sie ihm im Ernstfall den Brei versalzen. Lena wandte sich um.

»Ich geh Wasser holen.«

Sie schnappte sich die Eimer und trat auf den Hof hinaus, der im grauen Licht des frühen Morgens verlassen dalag. Über die Mauer zum Nachbarhaus balancierte mit erhobenem Schwanz die rote Katzenmutter, sprang elegant zu Boden und drängte sich an Lenas Beine.

Sanft strich sie dem Tier über den Rücken.

Meister Marx schnarchte sicher noch in seinem Gästezimmer. Johann, der Altgeselle, und die Lehrbuben Titus und Hans teilten sich eine Stube im ersten Stock.

Das Tor zur Gasse knarrte in der Stille. Es war so früh, dass nur die Magd aus dem nahe gelegenen Pfleghof des Klosters Fürstenfeld auf den Beinen war. Lachend wich Lena dem Kübel Wischwasser aus, den diese gerade auf die Straße leerte, als Lena vorbeiging.

»’tschuldigung!«, rief die Magd gut gelaunt und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen.

Am Krautmarktbrunnen herrschte trotz der frühen Stunde reger Betrieb. Griet, die Tochter des Schuhmachers, stand am Trog und schwatzte mit ihren Freundinnen.

»Na, Lena!«, rief sie. »Was macht dein schmucker Tübinger?« Griet war bekannt für ihr loses Mundwerk.

»Schlafen, was denn sonst!« Lena trat an den Brunnen heran und füllte die Eimer. Die Mädchen – Griet mit ihren braunen Augen, die dralle Marie und Anna, die ihre Pickel nicht los wurde – stützten die Arme in die Hüften und bogen sich vor Lachen. Lena zuckte die Schultern und genoss den morgendlichen Spott und Klatsch. Wahrheit hin oder her. Wenn Meister Marx erfuhr, dass sie ihn als Faulpelz dargestellt hatte, würde er sie sicher wieder schlagen. Aber Griet war mit ihrem Verlobten, dem Gerbermeister Johann Höfler, der immer nach Beize stank, auch nicht gerade glücklich dran.

»Habt ihr gehört?«, fragte Griet in die Runde. Die anderen beugten sich interessiert vor. »Der Predigermönch, Bruder Ulrich von Teck … Er hat sich mit dem Prior des Dominikanerklosters angelegt.«

»Nein!« Marie stemmte ihre Hände in die Hüften. »Weswegen?«

»Er sagt, wenn der König nach Esslingen kommt und bei den Dominikanern übernachtet, darf nicht so viel Wein auf dem Tisch im Refektorium stehen!« Die Mädchen steckten die Köpfe zusammen. Griet schaute sich um und flüsterte dann in die Runde. »Der Prior hat gewettert, dass das seine Sache sei, aber der Ulrich hat mit seinen dunklen Augen so komisch geguckt, als hätte er das Höllenfeuer unter der Kutte und könne es bei Bedarf auspacken. Andere Männer packen etwas anderes aus, wenn ihr mich fragt, aber der gewiss nicht.«

Lena legte die Hand vor den Mund und prustete los.

»Aber der König geht sicher zu den Franziskanern. Man sagt, mit denen steht er gut«, sagte Marie altklug.

Griet wischte den Einwand beiseite und winkte sie noch näher heran, die Wangen rot vom Vergnügen, den anderen etwas Ungeheuerliches zu erzählen. »Und dann hat der Bruder Ulrich gemeint, dass die Mönche ins Haus an der Froschweide gehen, und Prior Balduin hat erwidert, dass er aufpassen soll, was er da sagt.«

»Nein!« Die Mädchen kriegten große Augen. Das Haus erwähnte man nicht, wenn man seinen guten Ruf behalten wollte.

»Woher weißt du das alles nur?«, fragte Lena.

Bruder Ulrich war ein Eiferer, der den Esslingern seit einigen Monaten mit glühenden Worten die ewige Verdammnis predigte, die ihnen bei ihrem schlechten Lebenswandel blühte. Wenn Lena die Menschenaufläufe rund um den Dominikaner sah, machte sie einen großen Bogen.

»Ihre Sohlen waren durchgelaufen. Mein Vater hat sie besohlt, vom Novizen bis zum Prior.«

»Oder versohlt«, kicherte Anna und wurde zum Dank mit ein paar Kellen Wasser bespritzt. »Macht mal etwas schneller da vorne!«, rief eine Magd, die hinten in der Reihe wartete.

Lena nahm ihre Eimer und trug sie nach Hause.

Die Stadt erwachte langsam. Fensterläden wurden aufgestoßen, Decken gelüftet und so mancher Nachttopf auf die Gasse geleert. Die Glocken der Stadtkirche läuteten zum Angelus. Lena trat von der Seitengasse aus in den gepflasterten Hof, der jetzt in der Morgensonne glänzte. Hier lag der Hintereingang des Haupthauses, gegenüber die Türen zu den Werkstätten und zum Stall. Nur der Brennofen befand sich im Handwerkerviertel nahe am Bleichwasen, wo die Esslingerinnen ihre Leintücher in die Sonne legten, damit sie frisch und weiß wurden. Großvater Lambert hatte lange um die Erlaubnis gekämpft, trotz der Feuergefahr seine Scheiben selbst brennen zu dürfen, was in der Webergasse nicht möglich war. Das farbige Glas bezog er von einer Glasbläserei im Schurwald. In den mehrstöckigen, giebelständigen Gebäuden neben dem Haus des Glasmalers residierte die Führungsschicht der Stadt, Ratsherren, Patrizier und reiche Weinhändler, die ihre Nase sehr viel höher trugen als Meister Luginsland und seine Tochter. Nur Renata und ihr Mann waren ihre Freunde gewesen. Doch jetzt wohnte schon seit einigen Jahren Anton Oberlederer, der Neffe von Renatas verstorbenem Mann, in ihrem Stadthaus und bewirtschaftete auch die Apotheke. Und Renata hatte sich vor die Stadt ins Grüne zurückgezogen, unweit der Grenze zu Württemberg.

Lena trat durch das Tor in den Innenhof und hörte durchs offene Fenster, wie sich die Lehrbuben um die besten Plätze am Tisch rangelten und ihr Vater sie mit lauter Stimme zur Ordnung rief.

Ihr Magen knurrte, und sie stand schon an der Tür, als sie im Stall leise ein Pferd schnauben hörte. Neugierig wandte sie sich um, stellte die Eimer in den Eingang, überquerte den Hof und trat in die Box, die leer gestanden hatte, seit sie ihre Mähre Trud zum Abdecker geben mussten. Sie hielt den Atem an. Es war dunkel hier, doch das Pferd erhellte das Zwielicht. Er war so wunderschön, weiß wie ein Nebelstreif, mit großen fragenden Augen. Neben ihm stand eine sanfte, braune Stute und knabberte an einem frischen Heubüschel. Sie trat einen Schritt auf den Hengst zu, die Hand beruhigend erhoben. Trotzdem legte er die Ohren an und wieherte misstrauisch.

»Schhh«, machte sie.

»Vorsicht«, hörte sie hinter sich. »Étoile verkehrt nicht mit jedem.«

Lena fuhr herum. Da stand der Fremde locker in der Tür, lehnte sich an den Rahmen und grinste. Er war so groß, dass er den Kopf unter dem Türsturz einziehen musste. »Er ist so launisch wie der Wüstenwind.«

»Ihr mögt Eure Pferde?« Pferde waren für die meisten Leute nicht mehr als Nutztiere, die Lasten trugen oder ihren Herrn in den Krieg. Dann waren sie allerdings mit Gold nicht aufzuwiegen.

»Sie sind so etwas wie meine Familie«, sagte der Fremde, trat in die Box und legte dem Hengst die Hand auf die Stirn, der sich sofort beruhigte.

»Hoho.« Er lachte leise. »Darf ich vorstellen. Étoile, der Stern des Orients. Und hier haben wir …« Er machte eine kleine Verbeugung in Richtung der Stute. »Die brave Bonne. Und da …« Seine spöttischen Augen wanderten zu Lena. »… die nicht ganz so brave Jungfer Madeleine.« Lena klopfte der Stute den Hals, die ihr zum Dank dafür sanft in die Hand pustete.

Der Glasmaler hatte sich neben den Weißen gestellt und begonnen, ihn zu bürsten. Sie trat hinzu und streichelte ihn an der Flanke. Und siehe da, er blieb stehen und legte den Kopf an ihre Schulter. Wahrscheinlich, weil sein Herr die Box mit ihm teilte.

»Habt ihr ihn wirklich aus dem Orient?«, flüsterte sie.

»O nein!« Er rieb dem Hengst den Kopf. Seine Hände waren groß und braun, mit langen Fingern und kräftigen Gelenken. Die Hände eines Künstlers. Lena wünschte sich plötzlich, sie in ihrem Gesicht zu spüren wie Étoile. Sie blinzelte und versuchte, den Gedanken so schnell wie möglich zu vergessen.

»Er stammt aus El Andaluz. Bis übers Meer bin selbst ich noch nicht gekommen. Aber seine Väter haben den Wüstenwind getrunken. In einem Rennen schlägt er jeden Konkurrenten aus dem Feld.«

Sie lachte und hoffte, dass er die Röte auf ihren Wangen nicht sehen würde. »In Esslingen sicher nicht. Da rennt er gleich an irgendwelche Häuserecken.« Was redete sie da für einen Unsinn!

Er lachte leise. »Freiheit gibt es hier sicher nicht. Für Pferde nicht und auch nicht für Menschen. Aber die Welt ist viel größer als diese kleine Reichsstadt.«

 

Die Tür des Haupthauses öffnete sich.

»Lena!«, rief Martha ungeduldig. »Wo bleibt sie bloß? Immer verschwätzt sie sich mit den Mägden.«

»Geht schon!«, sagte der Fremde und nahm den Hafersack vom Boden. »Sonst kriegt Ihr kein Frühstück und wieder Ärger mit Eurem Bräutigam.« Er drehte sich um und schaute ihr mit seinen dunklen Augen mitten ins Herz.

Lena merkte, wie sich die Röte auf ihren Wangen vertief- te, und wandte sich zur Tür. Körner rieselten in die Krippe, und der Fremde sprach weiter beruhigend auf seine Pferde ein.

5

»Eines Tages baue ich den höchsten Chor der Welt.« Valentin stand in schwindelnder Höhe auf dem Gerüst und hielt den Dreipass, den Meister Heinrich in den Spitzbogen einfügte. Langsam wurden seine Arme gefühllos. Es war der erste, den er allein behauen hatte, und würde eines der Werkstücke sein, die er für seine Lossprechung vor der Zunft sammelte. Er war stolz auf sein Werk, für das er unermüdlich Staub geschluckt hatte. Vom Morgengrauen bis zur Dunkelheit, die alle Arbeit unmöglich machte, hatte er sich die Finger am Kalksandstein blutig geschlagen und das Maßwerk einigermaßen gleichmäßig hingekriegt. Die Kehlungen hatten sicher Dellen in seinen Fingern hinterlassen.

Filigran wie ein Stück Spitze erhob sich der noch gewölbelose Chor der Liebfrauenkapelle vor dem dunkelblauen Himmel. Die Sonne stand schon fast im Zenit und brannte Valentin auf den Kopf. Hinter der Stadtmauer, an die sich der Neubau fast unmittelbar anschloss, zogen sich die Weinberge den Hang hinauf wie ein dichter, hellgrüner Pelzbewuchs. Weit unter ihm dehnte sich die Stadt mit ihrem Häusergewirr aus, im Zentrum die Stadtkirche mit ihren stolzen Doppeltürmen und dem Hochchor, der so viel größer war als der »seiner« Marienkapelle. Die Stadtoberen hatten den Neubau der Bürgerkirche ganz bewusst am Hang geplant. Als Kapelle konnte sie nicht größer ausfallen als ihre Konkurrenz, aber sie konnte zumindest von ihrem Standort aus auf sie herabsehen. Trotzdem starrte Valentin neidisch hinüber zur Stadtkirche, deren Südturm sich ebenfalls im Bau befand. Auf dessen Gerüst hockten die Speyrer Steinmetze wie ein Schwarm Spatzen kurz vorm Ausfliegen. Er kannte jeden von ihnen mit Namen und wäre gern ein Teil der Speyrer Bauhütte gewesen, die den schwierigen, wackligen Südturm fertigstellte.

»Schaff lieber, anstatt Unsinn zu schwätzen«, brummte Meister Heinrich. Ein Schweißtropfen lief an seiner Nase herunter. »Die Kapelle ist etwas ganz Besonderes. Sie ist für die Gottesmutter und kriegt viel Zierrat.«

»Die Stadt macht jede Menge Gold dafür locker. Und sie wird in hundert Jahren nicht fertig«, sagte Valentin vorwitzig.

Der Alte lachte und drohte ihm mit dem Finger. »Du erlebst vielleicht grad’ noch, wie der Chor und ein Stück des Langhauses fertig werden!«, rief er. »Ich sicher nicht! Und dabei würde ich mir so gern Gedanken darüber machen, wie man eine Bürgerkirche so gestaltet, dass sie den Bürgern entspricht!«

»Ich wüsste schon wie.« Valentin blinzelte in die Sonne. »Man müsste das Dach im Langhaus und in den Seitenschiffen gleich hoch machen, so wie die Leute hier gleich sind, oder jedenfalls sein wollen.«

»Paperlapp.« Der Baumeister fügte den Dreipass endgültig in seinen Bestimmungsort ein und versetzte seinem Lehrling einen gutmütigen Schubs. »Man kann doch nicht die Dreischiffigkeit aufgeben.«

»Und wenn doch?« Valentin strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht und sah ihn mit seinen blauen Augen an. »Die Pfeiler würden direkt in die Decke münden. Das sähe aus wie ein Wald. Ganz anders als bisher, aber sicher nicht schlechter!«

Heinrich Parler schüttelte zweifelnd den Kopf. Der Valentin war eigensinnig und riskierte schon mal eine dicke Lippe, aber er war der begabteste Lehrling, den er seit Jahren ausgebildet hatte. Nur schade, dass sein Vater, der an den Türmen der Stadtkirche mitgebaut hatte, nicht mehr lebte und ihm den Weg in die Zukunft ebnen konnte. Der Junge würde es schwer haben, sich ganz von unten hocharbeiten müssen in der Zunft … Aber ehrgeizig genug war er und fest davon überzeugt, etwas aus seinem Leben machen zu können, mindestens Parlier zu werden, vielleicht sogar Baumeister.

»Wenn du auch manchmal spinnst, das Werkstück hast du gut hingekriegt.« Zufrieden putzte sich der Alte die schwitzigen Hände an seinem Hemd ab. »Und ich sag dir was. Heut’ Abend, da geh ich zum Heinrich Luginsland. Der burgundische Glasmaler ist gekommen, und die Franziskaner besprechen mit ihm das Chorfenster. Und du kommst mit.«

Er schaute ihn schlau von der Seite an. »Mal schauen, was er zu bieten hat. Vielleicht kann der Kaplan Herstetter seine Ideen für die Marienkapelle verwenden.«

»Ich … mhh … ich glaube nicht, dass ich kann.«

Der Alte schaute ihn schräg an. »Warum?«

»Meine Mutter, ähmm. Sie braucht mich …« Das war eine Ausflucht, eigentlich eine waschechte Lüge. Seine Mutter hatte sich als Laienschwester den Augustinernonnen im Katharinenspital angeschlossen, und er sah sie nur sonntags. Aber er konnte dem Heinrich Parler doch nicht erklären, dass er Lena zwar treffen wollte, ihrem Bräutigam aber die Pest an den Hals wünschte. Und dass er nicht wusste, was er tun würde, wenn er die beiden zusammen sah.

»Du bist mit dabei«, bestimmte der Meister gut gelaunt. »Und damit Schluss.«

Valentin fluchte in sich hinein. Es gab jetzt schon eine ganze Latte Sünden, die er beichten musste, darauf kam es auch nicht mehr an.

»Aber jetzt schnappst du dir den Streuner und holst uns allen was zu essen.«

Es ging reihum unter den Lehrlingen, wer mittags für alle die Verpflegung besorgen musste. Valentin riss sich nicht um die Arbeit, aber manchmal war es nicht schlecht, dem Gerüst und seinen Gedanken zu entkommen, die sich unermüdlich im Kreise drehten. Flink kletterte er vom Gerüst herunter, pfiff Streuner, dem Baustellenhund, der seit dem frühen Morgen erwartungsvoll vor dem Bau gehockt und gewartet hatte, legte sich den Beutel über die Schulter und nahm das Essensgeld vom Parler an. Das gleichmäßige Hämmern und Schlagen der Steinmetze umgab ihn wie ein beruhigender Herzschlag. Hin und wieder verschnaufte einer in der Hitze und schob sich die Mütze zurück. Feiner Staub lag in der Luft, der Valentin durstig machte.

»Aber vergiss nicht, in die Garküche am Fischmarkt zu gehen und mir Fleischpasteten mitzubringen«, rief ihm der Geselle Hans Weck zu, der so dick war, dass er kaum aufs Gerüst passte.

»Vielleicht solltest du weniger essen, sonst bricht bald ein Balken durch!«, frotzelte Valentin und konnte gerade noch einem gutmütigen Hieb ausweichen.