Die Hölle von Gettysburg (San Angelo Country) - Alfred Wallon - E-Book

Die Hölle von Gettysburg (San Angelo Country) E-Book

Alfred Wallon

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Beschreibung

Lieutenant Jay Durango und die anderen Soldaten seines Kommandos konnten zum Glück den Unionssoldaten entkommen und befinden sich jetzt weiter auf dem Weg in Richtung Pennsylvania. Immer noch müssen sie damit rechnen, jederzeit wieder auf Feinde zu stoßen. Aber zum Glück erreichen sie nun ihr Ziel und sind bald wieder mit Lees Truppen vereint. Die Nachricht vom Fall Vicksburgs verändert viel. General Lee ist jedoch fest entschlossen, seinen Vorstoß in Richtung Nordosten fortzusetzen und General Grants Armee einen entscheidende Niederlage zu bereiten. Es wird ein langer und mühseliger Marsch, und Durango erinnert sich an den Tag, als er und seine Männer ihr eigenes Leben ohne Zögern riskierten, um den Soldaten Neil Vance aus der Gefangenschaft zu befreien. Während sich Durango an diese gefährlichen Tage erinnert, ziehen düstere Wolken am Horizont auf. Denn die Unionsarmee hat längst eine gewaltige Streitmacht mobilisiert, die General Lees weiteren Vormarsch ein für allemal stoppen soll. Und die bis dahin noch friedliche Stadt Gettysburg wird zu einem Mahnmal des Schreckens werden...

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Die Hölle von Gettysburg

SAN ANGELO COUNTRY – VON HELDEN, COWBOYS & INDIANERN

Band 14

von Alfred Wallon

IMPRESSUM

© dieser Digitalausgabe 2015 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress

www.alfredbekker.de

[email protected]

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

© Die Hölle von Gettysburg – San Angelo Country Band 14, by Alfred Wallon und Edition Bärenklau, 2015

Nachwort by Alfred Wallon, 2015

Cover © Steve Mayer nach Motivdetails von Shotshop.com & 123RF

Der Umfang dieses Ebooks entspricht 241 Taschenbuchseiten.

1. digitale Auflage 2015 Zeilenwert GmbH

ISBN 9783956174131

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Erstes Buch: Schatten des Krieges

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Zweites Buch: Die Hölle von Gettysburg

Nachwort

Lieutenant Jay Durango und die anderen Soldaten seines Kommandos konnten zum Glück den Unionssoldaten entkommen und befinden sich jetzt weiter auf dem Weg in Richtung Pennsylvania. Immer noch müssen sie damit rechnen, jederzeit wieder auf Feinde zu stoßen. Aber zum Glück erreichen sie nun ihr Ziel und sind bald wieder mit Lees Truppen vereint.

Die Nachricht vom Fall Vicksburgs verändert viel. General Lee ist jedoch fest entschlossen, seinen Vorstoß in Richtung Nordosten fortzusetzen und General Grants Armee einen entscheidende Niederlage zu bereiten. Es wird ein langer und mühseliger Marsch, und Durango erinnert sich an den Tag, als er und seine Männer ihr eigenes Leben ohne Zögern riskierten, um den Soldaten Neil Vance aus der Gefangenschaft zu befreien.

Während sich Durango an diese gefährlichen Tage erinnert, ziehen düstere Wolken am Horizont auf. Denn die Unionsarmee hat längst eine gewaltige Streitmacht mobilisiert, die General Lees weiteren Vormarsch ein für allemal stoppen soll. Und die bis dahin noch friedliche Stadt Gettysburg wird zu einem Mahnmal des Schreckens werden …

Erstes Buch: Schatten des Krieges

Kapitel I

Es regnete in Strömen. Vor einer knappen Stunde hatten sich dichte Wolken am Himmel zusammengezogen, und der Wind war stärker geworden. Als dann schließlich in der Ferne das erste Donnergrollen zu hören gewesen war, wussten Lieutenant Jay Durango und seine Männer, dass sie dem Unwetter nicht entrinnen konnten.

Noch während sie fieberhaft nach einem Unterschlupf suchten, um das Ende des Wolkenbruchs abzuwarten, wurde der prasselnde Regen immer stärker und durchnässte den Lieutenant und seine Männer im Nu bis auf die Haut.

Die Sicht war durch die Regenschleier stark eingeschränkt, und der heftige Wind tat noch ein übriges dazu. Aber dann fanden sie schließlich das, wonach sie gesucht hatten. Im grellen Licht der zuckenden Blitze entdeckten sie in knapp 100 Yards Entfernung ein Gebäude.

»Mac!«, rief Durango seinem Sergeant zu, während ihm der Wind einen erneuten Regenschleier ins Gesicht wehte und ihm eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken jagte. »Du und Fisher – ihr schaut euch das einmal an. Wir anderen warten hier ab.«

Auch wenn er und seine Leute sich nach einem Ort sehnten, wo sie ihre nassen Kleider trocknen und das Ende des Unwetters abwarten konnten, so war zunächst erst einmal Vorsicht geboten. Denn sie wussten nicht, ob sich dort im Haus Feinde aufhielten, die womöglich die näher kommenden Reiter schon bemerkt hatten und jetzt mit Gewehren auf sie zielten.

Durango und seine Truppe hatten mittlerweile gelernt, dass eine erhöhte Vorsicht besser war. Nur deswegen hatten sie bis jetzt die Wirren des Krieges überleben können. Und das, obwohl sie in mehreren Schlachten gekämpft und die Grausamkeiten zwischen Nord und Süd am eigenen Leibe erlebt hatten!

Sergeant McCafferty nickte Fisher zu. Die beiden Männer zogen ihre Armeerevolver aus den Holstern und ritten los. Ausgerechnet jetzt verstärkte sich wieder der Regen, und weitere Blitze erhellten den nachmittäglichen, aber dennoch sehr trüben Himmel für wenige Sekunden. Kurz darauf folgte ein heftiger Donnerschlag, der die Pferde noch nervöser werden ließ, als es ohnehin schon bei diesem Wetter der Fall war.

Durango, Higgins, Vance und Porter mussten deshalb ihre Tiere wieder beruhigen, während McCafferty und Fisher längst in den Regenschleiern verschwunden waren. Der Lieutenant konnte die beiden nicht mehr erkennen, weil der Wind ihm und den übrigen Männern den Regen jetzt direkt ins Gesicht wehte.

Vance fluchte und hielt den Kopf gesenkt, während ein erster Hustenreiz in seiner Kehle aufstieg. Das war kein gutes Zeichen. Wenn er nicht bald Gelegenheit bekam, seine Sachen zu trocknen, dann würde er eine Lungenentzündung bekommen. Und was dies bedeutete, wusste jeder der Männer.

»Hoffentlich erwartet Mac und Fisher nicht eine böse Überraschung dort drüben«, meinte Porter und schaute immer wieder in die betreffende Richtung. Aber das Gebäude war zu weit, um irgendetwas Verdächtiges bemerken zu können, und die Regenschleier sorgten ohnehin dafür, dass die Sicht stark eingeschränkt war.

»Das wissen wir erst, wenn die beiden wieder zurück sind«, erwiderte Tom Higgins, dem der Gedanke auch nicht gefiel, in einen Hinterhalt zu geraten. Schließlich waren erst wenige Tage vergangen seit den letzten dramatischen Ereignissen. Und die hatten sich teilweise auch in einer abgelegenen Hütte abgespielt. Wiederholte sich das jetzt womöglich?

Die Gedanken des blonden Soldaten brachen ab, als er Hufschläge im prasselnden Regen hörte. Mac und Fisher kamen zurück. Endlich! Augenblicke später zügelten sie ihre Pferde vor den Kameraden.

»Die Luft ist rein«, sagte McCafferty zur großen Erleichterung seiner Kameraden. »Da wohnt schon lange keiner mehr. Das Haus ist verlassen und voller Spinnweben. Aber wenigstens bekommen wir so ein Dach über den Kopf.«

Auch Durango war froh, das zu hören. Die Männer ritten jetzt auf das Gebäude zu. Dabei passierten sie die Reste eines Weidezauns. Ein weiteres Zeichen dafür, dass der einstige Besitzer dieses Anwesens seine Arbeit schon vor längerer Zeit eingestellt hatte.

Zehn Minuten später hatten sie ihre Pferde hinters Haus geführt, wo ein Unterstand den größten Teil des Regens abhielt. Dort sattelten sie die Tiere ab und rieben sie mit einigen alten Decken trocken, die Vance aus dem Haus geholt hatte. Erst dann betraten sie das Gebäude und konnten sich nun selbst davon überzeugen, dass der Sergeant recht gehabt hatte.

Das Gebäude bestand nur aus zwei Räumen, die durch einen alten löchrigen Vorhang voneinander getrennt wurden. Es roch muffig hier drin. Deshalb öffnete McCafferty eines der Fenster und war froh, die frische Luft einzuatmen. Währenddessen blickte Fisher sehnsüchtig auf den offenen Kamin, neben dem ein kleiner Holzstapel aufgeschichtet war. Seine Miene war eindeutig. Er sehnte sich nach einem wärmenden Feuer.

»Das Fenster muss abgedunkelt werden«, sagte Durango, weil er Fishers Gedanken längst erraten hatte. »Dann könnt ihr von mir aus ein Feuer machen.«

Porter und Vance nahmen eine der Decken und hängten sie vors Fenster, während Tom Higgins im Kamin etwas Holz aufschichtete. Die Scheite waren trocken, und so dauerte es nicht lange, bis die ersten Funken zu einer kleinen Flamme wurden und diese dann gierig nach dem trockenen Holz griff.

Zögernd breitete sich Wärme aus, während die Soldaten ihre nasse Kleidung abstreiften und sie zum Trocknen auf dem Boden ausbreiteten. Durango nahm die letzte Decke, legte sie sich um und ging zur Tür. Im Gegensatz zu seinen Kameraden dachte er auch jetzt noch daran, dass sie im Grunde genommen immer noch nicht sicher waren.

Er öffnete die Tür einen Spalt breit und trat hinaus ins Freie. Es regnete immer noch, aber zumindest hatte der Wind an Intensität verloren.

»Du bist und bleibst ein misstrauischer Wolf, Lieutenant«, hörte er hinter sich McCaffertys Stimme, der jetzt ebenfalls zur Tür gekommen war. »Aber nach all den gefährlichen Abenteuern hält ja vielleicht jetzt irgendjemand seine schützende Hand über uns. Zumindest in den nächsten Stunden.«

»Ich wusste gar nicht, dass du religiös bist, Mac«, erwiderte Durango schmunzelnd. »Aber du wirst jetzt hoffentlich nicht mit einer Predigt anfangen, oder?«

»Nach allem, was wir bisher durchgestanden haben, fällt es mir schwer, an die Gerechtigkeit der Bibel zu glauben«, erwiderte der irische Sergeant. »Um uns herum versinkt alles in Schutt und Asche, wenn das so weitergeht. Es sei denn, dass es General Lee endlich gelingt, in Richtung Norden …«

Er brach mitten im Satz ab, als er durch den Regen plötzlich ein vertrautes Geräusch hörte. Hufschläge!

»Holt eure Waffen und macht das Feuer aus!«, befahl Durango. »Beeil dich, Mac. Wir können jetzt nur hoffen, dass uns niemand bemerkt hat …«

Der Sergeant nickte und verschwand sofort wieder im Inneren des Hauses. Sekunden später fluchte jemand, und Durango konnte sich denken, warum das so war. Schließlich wurde das Feuer gelöscht, und Dunkelheit breitete sich im Haus aus, denn mittlerweile war es Abend geworden.

Durango überlegte fieberhaft, wie er und seine Männer sich jetzt verhalten sollten. Eine überstürzte Flucht hätte ganz sicher die Aufmerksamkeit derjenigen erregt, die sich in der Nähe aufhielten. Wenn Durangos Männer sich aber ganz still verhielten, dann hatten sie wenigstens eine Chance, dass der Reitertrupp die alte Farm passierte, ohne hier Halt zu machen. Zumindest hoffte er das.

Aber nur wenige Augenblicke später musste er erkennen, dass dem nicht so war. Der Trupp kam immer näher, und zwischen den Bäumen tauchten die ersten Reiter auf, während die dichten Wolken allmählich weiterzogen und der Dauerregen nachließ. Nun erhellte das Licht des Mondes das Gelände rund um die alte Farm und ließ Durango die grauen Uniformen der Reiter erkennen.

»Dem Himmel sei Dank«, murmelte er und ließ sein Gewehr sinken. »Es sind unsere Leute …«

Dann trat er einen Schritt vor und hob die rechte Hand.

»Nicht schießen!«, rief er. »Wir sind Freunde!«

Die Soldaten waren ziemlich überrascht, als sie ihn aus dem Haus kommen sahen. Mit der Decke, in die er sich gehüllt hatte, sah er nicht gerade Vertrauen erweckend aus. Aber Durango dachte in diesen Sekunden nicht daran. Er wusste nur, dass er und seine Leute es endlich geschafft hatten.

»Stehen bleiben!«, erklang eine drohende Stimme. Sie gehörte einem Captain, der seinen Revolver gezogen hatte und damit auf Durango zielte. »Wer sind Sie, Mister?«

»Lieutenant Jay Durango«, nannte er jetzt seinen Namen und wies gleichzeitig hinter sich. »Im Haus befinden sich noch fünf meiner Männer. Captain, Sie können sich gar nicht vorstellen, wie erleichtert wir sind, endlich auf unsere Truppen zu stoßen.«

Der konföderierte Captain blieb allerdings noch misstrauisch. Erst als er verlangte, dass sich die restlichen Männer Durangos zeigen sollten, entspannte sich die Lage wieder. Auf seinen Befehl hin ließen die zehn Soldaten seines Trupps ihre Waffen sinken.

»Captain Benjamin Stone«, stellte er sich vor. »Zu welcher Einheit gehören Sie, Lieutenant?«

»Das ist eine längere Geschichte«, erwiderte Durango. »Für uns ist aber am wichtigsten, General Lee so schnell wie möglich zu erreichen. Wissen Sie, wo er sich im Moment aufhält, Captain?« Durango bemerkte das Zögern des Offiziers und fuhr deshalb rasch fort. »Sir, ich weiß, dass das alles ein wenig seltsam klingen mag. Aber es entspricht der Wahrheit.«

»Gut«, nickte Captain Stone. »Gehen wir ins Haus und reden wir. Und ich hoffe für Sie und Ihre Männer, dass es auch die Wahrheit ist …«

Er stieg aus dem Sattel und gab drei seiner Soldaten den Befehl, die Gegend rings um das Farmhaus im Auge zu behalten. Er wollte sicher gehen, dass sie nicht von feindlichen Truppen überrascht wurden. Erst dann folgte er Durango ins Haus.

*

Die Blicke des Captains blieben skeptisch, nachdem sich Fisher bemüht hatte, das erloschene Feuer so schnell wie möglich wieder zu entfachen. Durangos Männern sah man die Strapazen an, die diese hinter sich hatten. Ihre Uniformen waren an manchen Stellen geflickt und schmutzig dazu. Aber niemand unter den Soldaten des Lieutenants hatte in den letzten Tagen und Wochen darauf geachtet.

»Vicksburg ist in den Händen der Yankees?«

Captain Stones Stimme klang verbittert, nachdem ihm Durango erzählt hatte, wie sich die aktuelle Situation am Mississippi darstellte.

»Ich vermute es«, sprach Durango weiter. »Aber ich kann es nicht genau sagen. Wir gehörten zu den letzten Soldaten, die den Ring der Belagerer noch durchbrechen konnten. Wir wollten eigentlich bleiben und weiterkämpfen, aber General Pemberton bestand darauf, dass wir General Lee so schnell wie möglich informieren. Vermutlich haben die Unionstruppen mittlerweile nicht nur die Stadt besetzt, sondern kontrollieren sicher auch den gesamten Mississippi. Ich muss Ihnen sicher nicht sagen, welche Konsequenzen das für die Konföderation hat, oder?«

»Gütiger Himmel«, seufzte Captain Stone. »Wir haben zwar geahnt, dass es kritisch werden könnte, aber dass alles nun so dramatisch und vor allen Dingen so schnell kommt, das hätte niemand vermutet. Sie haben recht, Lieutenant. General Lee muss so schnell wie möglich davon erfahren. Er hält sich nur wenige Tage von hier entfernt weiter nördlich auf. Auf dem Marsch nach Pennsylvania.«

Nun war es an Durango und seinen Leuten, überrascht zu sein. Denn sie wussten natürlich nicht, dass die Konföderation in der Zwischenzeit einen weiteren Versuch unternommen hatte, in Richtung Washington zu marschieren.

»Meine Männer und ich werden sofort aufbrechen«, entschied Durango. »Wir dürfen keine weitere Zeit mehr verlieren.«

»Sie können sich uns anschließen«, antwortete Captain Stone. »Meine Männer und ich gehören zu General Stuarts Reitern.«

»Ist er hier in der Nähe?«, fragte Durango und registrierte zu seiner Erleichterung, dass Stone nickte. »Ich kenne den General sehr gut, Captain«, fuhr er dann fort. »Bei der Schlacht am Antietam Creek gehörten meine Leute und ich zu seinen Spähtruppen. Wir haben damals einen Verräter in unseren eigenen Reihen entlarven können und …«

»Sie waren das also?«, fiel ihm Captain Stone ins Wort. »In der Tat habe ich davon gehört. Ihre Operation mit den Sprengungen einiger Brücken war übrigens noch viele Wochen das Thema in unserer Truppe. Das war eine Aktion, zu der viel Mut gehört.«

Durango winkte nur ab. Er und seine Leute hatten nur ihre Pflicht getan und einen Auftrag ausgeführt. Der jedoch ohne Zweifel entscheidend zum Ausgang dieser Schlacht beigetragen hatte. Stattdessen drängte er darauf, so rasch wie möglich mit General Stuart zusammenzutreffen, um ihm persönlich Bericht zu erstatten. J.E.B. Stuart war ein erfahrener Militärstratege, der sicherlich sofort einschätzen konnte, was zu tun war. Unter Umständen konnte Durango dadurch Zeit gewinnen, weil Stuart besser über die derzeitige Lage informiert war.

»Wir brechen auf«, sagte er zu seinen Leuten, die in der Zwischenzeit ihre trockenen Uniformen wieder angezogen hatten und ihn erwartungsvoll anschauten. Sie kannten ihren Lieutenant lange genug, um zu wissen, dass dieser keine unnötige Zeit verlieren wollte.

Eine Viertelstunde später ritten Durango und seine Leute zusammen mit Captain Stones Truppe von der abgelegenen Farm. Eine weitere Stunde verging, bis die Soldaten schließlich das Lager von General Stuart erreichten.

Das Camp befand sich in einer von Hügeln umgebenen Ebene, die weiter nördlich von einem dichten Wald begrenzt wurde. Rings um das Lager hatte der General Wachen aufstellen lassen, die die näher kommende Patrouille natürlich sofort bemerkt hatte. Captain Stone und seine Leute konnten passieren, jedoch mussten sich Durangos Männer einer weiteren Kontrolle unterziehen, bevor man sie ebenfalls passieren ließ.

»Warten Sie hier!«, befahl Captain Stone. »Ich werde General Stuart erst einmal wecken müssen. Denn keiner hat erwartet, dass es zu dieser späten Stunde noch solch verhängnisvolle Neuigkeiten zu berichten gibt …«

Durango nickte nur und gab seinen Männern ein Zeichen, ebenfalls abzuwarten, während der Captain weiter ritt. In der Zwischenzeit ließ Durango seine Blicke in die Runde schweifen. Er konnte nur schwer schätzen, wie viele Soldaten sich in diesem Lager aufhielten, denn das bleiche Licht das Mondes ließ ihn nicht alles erkennen, was sich in einiger Entfernung befand.

Seine Gedanken brachen ab, als Captain Stone rasch zurückkehrte.

»General Stuart will Sie sofort sehen, Lieutenant«, sagte er. »Er war mehr als überrascht. Beeilen Sie sich!«

»Natürlich«, erwiderte Durango. »Können Sie unterdessen dafür sorgen, dass meine Leute einen Platz zugewiesen und etwas zu essen bekommen? Wir haben alle einen langen und harten Ritt hinter uns …«

»Darum kümmere ich mich höchstpersönlich«, antwortete Captain Stone. »Und jetzt gehen Sie endlich. Einen Mann wie General Stuart lässt man nicht unnötig warten.«

Kapitel II

Das flackernde Licht einer rußenden Petroleumlampe erhellte das Zelt, in dem Sergeant McCafferty und die anderen Soldaten untergebracht worden waren. Die Pritschen, die man hier aufgestellt hatte, waren hart und sehr unbequem, aber Porter und Fisher waren nur wenige Minuten später schon eingeschlafen. Die Müdigkeit forderte verständlicherweise ihren Tribut.

McCafferty, Higgins und Vance waren dagegen noch wach. Der irische Sergeant wollte natürlich die Rückkehr des Lieutenants abwarten, weil er insgeheim schon vermutete, dass das Gespräch mit General Stuart mit einer neuen Mission für ihn und die anderen Kameraden enden würde. Deshalb konnte und wollte er sich noch nicht hinlegen und zumindest versuchen, zu schlafen. Vance und Higgins erging es genauso. Auch wenn man ihnen ansehen konnte, wie erschöpft sie waren.

»Das sieht alles nach einem sehr großen und präzise geplanten Feldzug aus, Sergeant«, meinte Higgins, der sich natürlich auch schon seine eigenen Gedanken gemacht hatte. »Ich glaube, wir sind vom Regen in die Traufe geraten. Wie ich unseren Lieutenant kenne, wird er gewiss wieder einen neuen Auftrag erhalten. Selbst wenn uns diese Mission an die vorderste Front führt.«

»Wer weiß?«, grinste McCafferty. »Und wenn es so wäre? Spielt das irgendeine Rolle? Jeder von uns hat gewusst, was auf ihn zukommt. Aber bis jetzt hatten wir alle einen guten Schutzengel. Sonst wäre es ganz sicher …«

Er sprach diesen Satz bewusst nicht zu Ende. Aber die Kameraden hatten auch so verstanden, was ihr Sergeant ihnen damit hatte andeuten wollen.

Vances Blick war fast neidisch, als er zu den Pritschen schaute, wo Porter und Fisher sich ausgestreckt hatten. Ihre leisen und gleichmäßigen Atemzüge kündeten von einem tiefen und ruhigen Schlaf. Nur Porter murmelte plötzlich etwas vor sich hin, und ein leises Wimmern folgte. Sekunden später war er schon wieder ruhig.

»Er träumt«, sagte Higgins. »Wahrscheinlich nichts Gutes. Soll ich ihn wecken?«

»Lass ihn«, winkte McCafferty ab. »Solche Träume hat doch jeder von uns schon erlebt. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie oft ich all die Schlachten und Kämpfe im Traum durchlebt habe.«

Seine Kameraden antworteten nicht direkt auf McCaffertys Bemerkung. Weil dies kein angenehmes Gesprächsthema war. Stattdessen ergriff nun Higgins das Wort und schaute dabei zu seinem Kameraden Vance.

»Ich glaube nicht an Träume. Die Wirklichkeit ist manchmal noch schlimmer. Seltsam, dass ich ausgerechnet jetzt daran denken muss«, sagte er und sah, dass McCafferty und Vance natürlich nicht wussten, was er genau meinte. Deshalb sprach er rasch weiter. »Neil, du bist ein richtiger Glückspilz. Ein anderer an deiner Stelle hätte das vermutlich damals in Washington gar nicht durchgehalten.«

»Ach, das meinst du«, fügte Vance hinzu. »Aber das ist doch schon Monate her, Tom. Wichtig ist doch nur, dass alles rasch ein Ende gefunden hat – und zwar mit eurer Hilfe.«

»Das glaubst du doch selbst nicht, dass das so leicht für dich war«, ereiferte sich Higgins. »Ich weiß noch ganz genau, was für große Sorgen wir uns gemacht haben, nachdem die Yankees dich entdeckt und abgeführt hatten. Wir haben mit dem Schlimmsten gerechnet. Schließlich warst du noch verletzt und verdammt schwach auf den Beinen.«

»Es war eben ein riskantes Spiel, als wir den Sonderauftrag hatten, das Gold im Hafen von Washington zu holen und zu General Lee zu bringen. Wir konnten doch nicht ahnen, dass uns jemand im letzten Moment in die Quere kommt«, seufzte Vance. »Zum Glück konntet ihr noch entkommen, bevor die Yankees die Falle endgültig zuschnappen ließen.«

»Das schon«, meldete sich der Sergeant ebenfalls zu Wort. »Aber das änderte trotzdem nichts daran, dass einer von uns in großer Gefahr war. Du warst ja nicht dabei, als der Lieutenant buchstäblich gefordert hat, dass wir nach dir suchen müssen. Und es war ihm völlig egal, wie es sein Gegenüber auffasste. Selbst wenn man Durangos Forderung als Befehlsverweigerung gesehen hätte, dann hätte er trotzdem so gehandelt, Neil. Wie jeder von uns.«

»Wir müssen darüber keine Worte mehr verlieren«, sagte Vance und vollzog mit der rechten Hand eine unmissverständliche Geste. »Und wie ihr seht, lebe ich noch. Auch wenn ich damals dem Sensenmann ganz nahe war …«

Eigentlich hatte er über die dramatischen Ereignisse von damals kein weiteres Wort verlieren wollen. Aber in diesem Moment wurden die Erinnerungen wieder gegenwärtig – an Stunden, in denen er zwischen Leben und Tod geschwebt hatte.

*

Captain Luther Andersons Gesichtszüge waren eine Mischung aus unverhüllter Wut und Enttäuschung, als er auf den immer noch bewusstlosen Rebellen blickte, den man auf die Ladefläche eines Pritschenwagens geworfen hatte. Der Mann sah schlimm aus. Sein Gesicht war zerschlagen und wies große Platzwunden auf. Jemand hatte ihm das Blut notdürftig aus dem Gesicht gewischt, aber die Schläge hatten bleibende Spuren hinterlassen.

»Seht zu, dass ihr ihn wieder hochbekommt«, schnaufte der Offizier. »Er hat uns zwar schon mehr erzählt, als wir vermutet haben. Aber vielleicht bekommen wir noch mehr aus ihm heraus, wenn er wieder zu Kräften gekommen ist. Sergeant Gates – Sie kümmern sich um den Rebellen. Ich möchte, dass er den Transport ins Gefangenencamp überlebt. Das betrifft auch den Kapitän des Blockadebrechers mitsamt seiner Mannschaft. Verstanden?«

»Selbstverständlich, Sir«, erwiderte der breitschultrige Sergeant. Aber ein kurzer Blick in sein pockennarbiges Gesicht zeigte, dass er dem Gefangenen in Wirklichkeit einen schnellen Tod wünschte. Sergeant Gates war bekannt dafür, dass er mit seinen Feinden kurzen Prozess machte und weitestgehend auf die Gefangennahme verzichtete. Insgeheim hoffte er, dass dieser elende Rebell krepierte.

»Ich komme später nach«, sagte der Captain abschließend. Dann wandte sich Anderson ab und ging zurück in sein Quartier.

Irgendwie war er nicht überrascht, dort einen bestimmten Mann vorzufinden. Er war groß und schlank, hatte dunkle Haare, gepflegte Kleidung und machte auch ansonsten einen Eindruck, der Captain Anderson signalisierte, dass er über sehr gute Kontakte zu Politik und Armeeführung verfügte.

Larry Calhoun hatte es sich auf einem Stuhl bequem gemacht und wartete ab, bis Anderson das Wort an ihn richtete. Nach außen hin wirkte er beim ersten Anblick ruhig und gelassen. Erst beim zweiten Hinsehen bemerkte man, dass er die Finger seiner rechten Hand immer wieder bewegte. Dies war ein Zeichen seiner tatsächlichen Angespanntheit, und die konnte er bisweilen nur schwer verbergen.

»Wo bringen Sie den Mann hin?«, wollte Calhoun von Captain Anderson wissen, weil er die ganze Aktion vom Fenster aus beobachtet hatte.

»In eines der Gefangenenlager außerhalb der Stadt. Wohin denn sonst?«, stellte Anderson stirnrunzelnd die Gegenfrage. »In der Hauptstadt wollen wir diese Rebellen und ihre Kumpane nicht sehen, Mr. Calhoun. Das müssten Sie doch eigentlich verstehen.«

»Reagieren Sie nicht so gereizt«, erwiderte Larry. »Ich will Ihnen nicht die Kompetenz und Entscheidungsbefugnis nehmen, Captain. Ich frage mich nur, wie es diese Rebellen überhaupt schaffen konnten, ihre Aktion unerkannt in unserer Hauptstadt durchzuführen. Wer weiß, ob dies ein Einzelfall war? Lees Spione sind dreister, als mancher glauben mag …«

»Soll das ein Vorwurf sein?«

»Nein«, winkte Larry ab. »Aber ich habe mit diesem Gefangenen und dessen Lieutenant schon des Öfteren Probleme gehabt. Seltsamerweise begegnen wir uns immer wieder in diesem Krieg. Man könnte schon fast behaupten, dass es gar kein Zufall mehr ist. Deshalb wurmt es mich umso mehr, dass uns der Lieutenant und die übrigen Kameraden des verletzten Rebells doch noch entkommen konnten. Haben Ihre Leute wirklich keine Spur finden können?«

»Wir haben getan, was in unserer Macht stand«, erwiderte Anderson, dem der vorwurfsvolle Ton Calhouns ganz und gar nicht gefiel. Aber auch er wusste mittlerweile, dass Calhoun in einer ganz speziellen Mission und im Auftrage Präsident Lincolns unterwegs war. Deshalb schluckte er seinen Ärger hinunter, dachte sich aber seinen Teil.

»Die Konföderation braucht dieses Geld – und wir haben es ihnen auf einem silbernen Tablett serviert«, sagte Larry. »Mr. Lincoln wird nicht sehr erfreut sein, wenn er von den Umständen erfährt, wie es dazu gekommen ist.«

»Suchen Sie die Schuld nicht bei mir«, warnte ihn der Offizier mit grimmigem Blick. »Sie wissen genau, dass wir nur durch einen glücklichen Zufall alles erfahren haben. Auf diese Weise konnten wir wenigstens einen der Rebellen fassen. Und das, was er ausgeplaudert hat, war überaus wichtig. Oder sehen Sie das anders?«

»Das hilft uns erst dann, wenn es uns gelungen ist, auch die übrigen Drahtzieher zu fassen«, meinte Larry. »Dieser Kapitän des Blockadebrechers ist auch nur ein einzelner Spion. Wir aber müssen uns um die Leute kümmern, die diese ganzen Aktionen planen und koordinieren. Deshalb bin ich froh darüber, dass mein Bruder Will sehr bald für die Pinkerton-Detektei tätig sein wird. Er wird ebenfalls seinen Teil dazu beitragen, dass wir zukünftig und vor allen Dingen rechtzeitig die Schachzüge unserer Gegner erfahren.«

Er sprach damit etwas aus, worüber nur ein kleiner Teil von eingeweihten Personen überhaupt Bescheid wusste. Die bekannte Detektei von Allan Pinkerton arbeitete im Auftrag des Präsidenten auch hinter den feindlichen Linien. Auf diese Weise war es den entsprechenden Agenten schon mehrmals gelungen, wichtige Informationen herauszubekommen. Larry wusste aber auch, dass die Konföderation natürlich auch ein Netz von Spionen und Agenten unterhielt, die ebenfalls ihren Job gut machten und alles dafür taten, um nicht entdeckt oder entlarvt zu werden.

Dieser geheime Krieg war nicht minder bedeutsam als die großen Schlachten, die von den einfachen Soldaten und deren Kommandeure ausgefochten wurde. Denn das Wirken der Agenten hinter den feindlichen Linien und deren Kenntnisse waren sehr oft entscheidend für die weiteren Strategien der jeweiligen Generäle.

»Ich werde jetzt erst einmal dem Präsidenten Bericht erstatten, Captain«, beschloss Larry. »Aber ich werde wiederkommen und dann noch einmal selbst mit den Gefangenen sprechen. Also sorgen Sie dafür, dass sie noch eine Zeit lang am Leben bleiben.«

»Ich bin es gewohnt, entsprechende Order zu befolgen, Mr. Calhoun«, erwiderte Anderson. »Selbst wenn sie von einem Zivilisten kommen, der für den Präsidenten arbeitet.«

»Captain, ich tue nur meine Pflicht. Genau wie Sie auch«, sagte Larry. »Lassen Sie uns einfach weiter zusammenarbeiten ohne jegliche Kompetenzprobleme. Mein Job ist es, Informationen zu sammeln und sie dem Präsidenten zu schildern, damit er weitere Entscheidungen treffen kann. Nicht mehr und nicht weniger.«

Mit diesen Worten verabschiedete er sich von dem Captain und verließ das Quartier. Anderson blickte ihm mit gemischten Gefühlen hinterher.

*

Sein Körper war in ein Meer aus Schmerzen getaucht, und jede einzelne Bewegung ließ ihn die Hölle erleben. Nur ganz langsam kehrten seine Erinnerungen und Empfindungen aus dem tiefen Schacht der ewigen Schwärze zurück, und im ersten Moment hatte er große Mühe, zu begreifen, dass er noch am Leben war. Auch wenn ihn die Schmerzen peinigten und er jeden einzelnen Knochen im Leib spürte, so war dies dennoch der Beweis dafür, dass er dem Sensenmann gerade noch einmal entronnen war. Welchen Preis Neil Vance dafür jedoch zahlen musste, das wusste er in diesen ersten Sekunden des Erwachens noch nicht.

Als er direkt in die helle Sonne schaute, schloss er die Augen wieder für einige Sekunden, weil er das Tageslicht noch nicht ertragen und seine nähere Umgebung auch nur ganz undeutlich wahrnehmen konnte. In seinem Kopf hämmerte ein Heer von kleinen Teufeln, und die Schusswunde, die er sich zugezogen hatte, machte sich wieder auf unangenehme Weise bemerkbar.

»Er wacht auf«, hörte er eine krächzende Stimme irgendwo neben sich. »Passt auf – er darf sich noch nicht zu sehr bewegen, sonst …«

Den Rest konnte Vance nicht mehr genau verstehen, weil ihn in diesem Moment eine weitere Schmerzwelle ergriff und ihn laut aufstöhnen ließ. Er versuchte sich zu bewegen, musste dann aber feststellen, dass ihm seine Arme und Beine nicht gehorchten. In den Händen hatte er sogar überhaupt kein Gefühl mehr, und die Panik wuchs jetzt ins Unermessliche, weil er das Schlimmste vermutete.

Erst Sekunden später klärte sich sein Blick, und die milchigen Schleier wichen von ihm. Gleichzeitig registrierten seine Sinne ein holperndes Geräusch, und erneut wurde sein Körper unsanft hin- und hergerüttelt.

»Er blutet wieder«, sagte nun eine andere Stimme hinter Vances Kopf. »Diese Bastarde lassen ihn einfach verrecken. Verdammt, seine Wunde muss verbunden werden! Habt ihr das gehört, ihr elenden Yankee-Schinder?«

Statt einer direkten Antwort war jedoch nur ein lauter Fluch zu hören, dem Sekunden später ein dumpfer Schlag und ein Stöhnen folgte. Das jedoch in dem Moment abbrach, als etwas mit einem dumpfen Geräusch nur wenige Schritte von Vance entfernt hinfiel.

Auch wenn seine Sinne noch nicht ganz geordnet waren, so begann er doch zu begreifen, in welcher Lage er sich befand. Denn die Männer, die sich in seiner unmittelbaren Nähe befanden, waren ebenfalls gefesselt. Auch wenn sie nicht die Uniform der Südstaaten trugen, so musste es dennoch etwas geben, was sie automatisch zu Feinden machte. Und Vance begann zu ahnen, dass dies etwas mit ihm zu tun hatte.

»Wenn die Yankees diesen Rebellen wenigstens gleich erschossen hätten, dann wären wir nicht in Schwierigkeiten gekommen«, meinte einer der Männer mit missmutiger Stimme. Der Blick, den er Vance zuwarf, war eine Mischung aus Zorn und Furcht darüber, dass auch ihn und die anderen Männer ein ungewisses Schicksal erwartete.

»Halt den Mund, Corrigan!«, wies ihn der bärtige Mann zurecht, der als Erster bemerkt hatte, dass Vance aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht war. »Du weißt doch gar nicht, was du sagst …«

»Wegen diesem Kerl da werden wir jetzt wahrscheinlich als Spione abgeurteilt und hingerichtet«, meldete sich ein zweiter Mann zu Wort, der genau wie die meisten auf dem Wagen derbe und grobe Kleidung trug. Er war tätowiert und trug im rechten Ohr einen auffälligen Ring. »Hätte ich geahnt, dass diese Mission so gefährlich ist, dann hätte ich niemals auf der British Pride angeheuert.«

Jetzt begriff Vance, was das alles zu bedeuten hatte. Diese elenden Yankees hatten nicht nur ihn erwischt, sondern auch die Besatzung des Schiffes, das die Kisten mit dem Gold transportiert hatte. Aber wie in aller Welt hatte das nur geschehen können? Er selbst hatte doch gar nicht den Namen des Schiffes gekannt, weil er beim ersten Treffen und dem anschließenden Abtransport schon gar nicht mehr dabei gewesen war. Nach Lage der Dinge schien irgendjemand diese Aktion beobachtet zu haben. Jemand, der ganz genau wusste, was der Lieutenant und seine Männer geplant hatten.

»Ich bin Abner Ketchum, Junge«, sagte der älteste der Männer zu ihm. »Bleib am besten ruhig liegen. Du bist noch verdammt schwach. Schon dich lieber.«

»Was … was hat das alles zu bedeuten?«, krächzte Vance, als er sich seiner ausweglosen Lage so richtig bewusst wurde. »Wo … wo sind …?«

»Mund halten«, erklang auf einmal eine drohende Stimme außerhalb seines Blickfeldes. Sofort befolgten die anderen Gefangenen diese Anweisung, und Sekunden später tauchte das Gesicht eines breitschultrigen Sergeants auf, der die blaue Uniform der Union trug und nur ein abfälliges Grinsen für Vance übrig hatte. Vom Pferd aus musterte er den gefesselten Gefangenen und spuckte verächtlich aus, als er sah, wie sich Vance trotz seiner gefesselten Hände mühsam aufzustemmen versuchte, es ihm aber dennoch nicht gelang.

»Diese Ratte ist zäher, als ich gedacht hatte«, murmelte er und beobachtete Vance, wie eine Spinne es mit ihrem Opfer tat, das sich im klebrigen Netz verfangen hatte. »Und das, obwohl wir ihn hart angefasst haben. Dann warte mal ab, was dir blüht, wenn wir erst unser Ziel erreicht haben, Rebell …«

Am liebsten hätte Vance auf diese höhnische Bemerkung etwas erwidert. Aber der Blick des pockennarbigen Sergeants gefiel ihm nicht und kündete von einer Drohung, deren Auswirkungen er lieber nicht ein zweites Mal am eigenen Leib erleben wollte.

Zum Glück wandte sich der Sergeant rasch ab und trieb sein Pferd wieder an. Kurz darauf konnte ihn Vance nicht mehr sehen.

»Wir sind Teil eines Gefangenentransportes«, klärte ihn der Mann auf, der sich Vance als Abner Ketchum vorgestellt hatte. Er senkte seine Stimme, sodass die Soldaten, die den Transport eskortierten, nichts von diesem Gespräch mitbekamen. »Man bringt uns in eines dieser verfluchten Lager außerhalb der Stadt. Aber mehr wissen wir auch nicht. Wie heißt du?«

»Neil Vance«, nannte dieser seinen Namen. »Wo … wo sind meine Kameraden?«

»Es heißt, sie wären entkommen«, klärte ihn Ketchum auf. »Mehr kann ich dir leider nicht sagen. Ich habe das auch nur am Rande mitbekommen, als sich zwei unserer Bewacher sich kurz darüber unterhalten haben. Du und deine Freunde – ihr scheint den Yankees ein gewaltiger Dorn im Auge zu sein. So wie die von euch gesprochen haben …«

Das erste Mal schlich sich ein kurzes Grinsen in die Züge von Vance, als er das hörte. Immerhin eine gute Nachricht trotz der ausweglosen Lage, in der er sich selbst befand. Wenn seine Kameraden hatten entkommen können, dann würden sie ganz sicher nichts unversucht lassen, um ihn wieder aus dieser unangenehmen Lage herauszuholen – und zwar so schnell wie möglich!

»Sind Sie der Kapitän, auf dessen Schiff …?«, wollte ihn Vance fragen, aber der deutete ihm mit einem unmissverständlichen Blick an, besser nicht auf dieses Thema zu sprechen zu kommen.

»Risiko gehört mit zum Spiel«, erwiderte Ketchum stattdessen. »Mehr als ein Jahr ist es gut gegangen. Obwohl jeder von uns wusste, wie riskant die Sache war. Das heißt, fast alle wussten es.«

Er schaute in diesem Moment zu den beiden Männern seiner Mannschaft, die ihre Wut über ihre Situation sehr deutlich in Worte gefasst hatten. Sein Blick war eine Mischung aus Mitleid und Verachtung.

»Ein Teil meiner Männer ist anderer Meinung«, sprach er leise weiter. »Sie geben dir und deinen Kameraden die Schuld, weil sie angeblich nicht vorsichtig genug gewesen sind.«

»Das stimmt nicht«, erwiderte Vance. »Irgendjemand muss das beobachtet und gemeldet haben. Sonst wäre es nie passiert, dass …«

»Es spielt ohnehin keine Rolle mehr«, antwortete Ketchum seufzend. »Wir sitzen in der Falle, Junge. Und aus der kommen wir nicht mehr raus. Auch wenn es fatal klingen mag – aber das, was wir alle bisher erduldet haben, wird nichts im Vergleich zu den Zuständen im Gefangenenlager sein. Man hat ja schon die schlimmsten Dinge gehört, wie grausam die Yankees mit Kriegsgefangenen umspringen. Nun werden wir das bald am eigenen Leib spüren.«

Genau in diesem Moment näherte sich ein Reiter dem Pritschenwagen. Er hatte die letzten Worte Ketchums offensichtlich mitbekommen und versetzte dem einstigen Kapitän mit dem Kolben seines Gewehr einen harten Stoß, der diesen in die Rippen traf. Ketchum verzog schmerzhaft das Gesicht.

»Rede nicht so viel, Verräter!«, warnte ihn der Soldat in einem drohenden Tonfall. »Sonst bekommst du es gleich hier. Meine Kameraden und ich warten nur auf solch eine Gelegenheit …«

Sein Blick sprach eine eindeutige Sprache. Deshalb zog es Ketchum vor, lieber den Mund zu halten. Er rückte sogar ein Stück von dem verletzten Vance ab. Das zeigte ihm, dass er im Grunde genommen auf sich selbst gestellt war und dass seine Chancen sehr niedrig standen, überhaupt am Leben zu bleiben. Auch Vance wusste nicht viel darüber, was die Union mit den gefangenen Soldaten anstellte, die in ihre Hände gefallen waren. Es kursierten einige wilde Gerüchte darüber, über die sich Vance zuvor keine größeren Gedanken gemacht hatte. In seiner jetzigen Lage war das allerdings ganz anders.