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Die perfekte Idylle. Die perfekte Falle. Cecilia arbeitet als Housesitterin und hangelt sich von Auftrag zu Auftrag. Nach dem Tod ihrer Mutter hat sie den Boden unter den Füßen verloren, kann nicht einmal mehr ein WG-Zimmer bezahlen. Nun wird sie an der Villa der einflussreichen Familie Waldner abgesetzt, einsam gelegen auf einer winzigen Ostseeinsel. Die perfekte Idylle – die perfekte Falle. Denn Cecilia ist nicht zufällig hier: Eine machtvolle Anziehung verbindet sie mit Johannes Waldner, dem Sohn des verstorbenen Besitzers. Während Cecilia sich noch allein im Haus wähnt, machen sich vier Menschen auf den Weg zur Insel. Mit dunklen Geheimnissen und eigener Agenda. Aber würden sie dafür auch töten? Der neue aufregende Pageturner der SPIEGEL-Bestsellerautorin Perfider Nervenkitzel, psychologisch austarierte Figuren, raffinierter Plotaufbau und Twists, die immer überraschen. In diesem Haus kann alles geschehen. Und immer wenn du zu wissen glaubst, wer welche Rolle spielt, hast du dich getäuscht.
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Seitenzahl: 524
Veröffentlichungsjahr: 2026
Emily Rudolf
Ein Traum von einem Job. Oder?
Thriller
»Es ist ganz einfach, zu jemand anderem zu werden, wenn man in seinem Haus lebt. Es hat eine Zeit gegeben, in der ich zwischen den Besitzern und mir trennen konnte; in der ich nicht versucht habe, ihr Leben an mich zu reißen. Aber das war, bevor ich alles verlor und jede Gelegenheit ergriff, um eine andere zu sein.«
Als Housesitterin hat Cecilia schon oft in Häusern reicher Menschen gewohnt. Doch diesmal kann sie sich eines mulmigen Gefühls nicht erwehren, als sie mit dem Boot an der Villa auf der einsamen Privatinsel in der Ostsee abgesetzt wird. Sie ist froh, dass bald Besuch kommen wird, denn das Anwesen gehört der einflussreichen Familie Waldner – und Cecilia und Johannes Waldner verbindet längst mehr als nur eine Geschäftsbeziehung.
Doch als Johannes aufgrund eines Notfalls in der Firma absagen muss, bleibt Cecilia allein im Haus. Sie hört Geräusche – ist es nur der Wind? Oder ist sie gar nicht so allein, wie sie denkt? In der Vergangenheit haben Cecilias Freunde sie manchmal in besonders abgelegenen Häusern besucht – soll sie sie auch diesmal einladen? Was sie nicht ahnt: Längst ist ein gefährliches Spiel im Gange. Mit höchstem Einsatz: dem eigenen Leben.
In diesem Haus kann alles geschehen. Und immer wenn du zu wissen glaubst, wer welche Rolle spielt, hast du dich getäuscht.
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Emily Rudolf ist SPIEGEL-Bestseller-Autorin und große Stimme der deutschen Psychospannung. In ihren Thrillern lotet sie aus, wie menschliche Emotionen tödlich eskalieren können. Mit faszinierenden Schauplätzen, raffinierten Plots und psychologisch bis in die Tiefe austarierten Figuren begeistert sie deutsche und internationale Leser:innen. Die Autorin, Jahrgang 1998, wuchs in der Nähe von Leipzig auf, veröffentlichte neben Studium und Job ihre ersten Bücher und machte dann ihre Leidenschaft zum Beruf. Emily Rudolf lebt und schreibt derzeit in Nürnberg.
Erschienen bei FISCHER E-Books
© 2026 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main
Redaktion: Silke Reutler
Covergestaltung und -abbildung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock
ISBN 978-3-10-492221-8
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Prolog
Teil 1
1 Cecilia
2 Cecilia
3 Cecilia
4 Cecilia
5 Cecilia
6 Cecilia
7 Johannes
Teil 2
8 Johannes
9 Johannes
10 Johannes
11 Johannes
12 Johannes
Teil 3
13 Nick
14 Johannes
15 Cecilia
16 Johannes
17 Cecilia
18 Johannes
19 Johannes
20 Johannes
21 Nick
22 Johannes
23 Nick
24 Cecilia
25 Nick
26 Cecilia
27 Johannes
28 Nick
29 Cecilia
Teil 4
30 Cecilia
31 Cecilia
32 Cecilia
33 Cecilia
34 Cecilia
35 Cecilia
36 Cecilia
37 Cecilia
38 Cecilia
39 Cecilia
40 Cecilia
Teil 5
41 Cecilia
42 Johannes
43 Cecilia
44 Cecilia
45 Johannes
46 Cecilia
47 Johannes
48 Cecilia
49 Cecilia
50 Cecilia
51 Johannes
52 Cecilia
Epilog
Danksagung
Als ich Wasser schlucke, kann ich den Tod bereits schmecken. Wie eine Gewitterwolke, die sich auf einem makellosen blauen Himmel ausdehnt, sickern das Blut und gleichermaßen das Leben aus der Wunde heraus. Lösen sich in dem chlorhaltigen Wasser auf, in das ich mich gestürzt habe, als könnte ich noch etwas ausrichten.
Ich presse die Lippen zusammen, halte den Kopf hoch, kämpfe gegen die Wassermassen an, die an meiner Kleidung zerren und meinem zittrigen Körper mehr abverlangen, als er zu leisten vermag. Meine Beine geben nach, und ich gehe unter.
Erschrocken kneife ich die Augen zu, nur um sie kurz darauf wieder zu öffnen. Der grelle Strahl der Poolscheinwerfer durchdringt die Dunkelheit und taucht die Szene in geisterhaft bleiches Licht. Ich registriere steife Glieder, glasige Augen, ein lebloses Gesicht. Dieses Gesicht ist mir völlig fremd, und doch kenne ich es beinahe so gut wie mein eigenes.
Ich schreie. Ein schriller und zugleich dumpfer Laut. Luftblasen perlen vor mir auf, treiben nach oben und zerplatzen eine nach der anderen.
Keuchend und hustend durchbreche ich die Wasseroberfläche. Ringe um Atem wie nach einem schlechten Traum, doch statt der erhofften Erleichterung überwältigt mich nur ein weiteres Mal der Geschmack von Blut und Chlor.
Ich schlucke, würge, presse mir eine Hand vor den Mund, um die Übelkeit zu bekämpfen, die verspricht, meinen Körper zu reinigen. Aber ich darf mich nicht übergeben. Nicht hier. Nicht jetzt.
Verbissen kämpfe ich mich durch den Pool, um nach der Hand zu greifen, die kraftlos im Wasser treibt. Ich bilde mir ein, dass sie noch warm ist.
Wieder schreie ich. Diesmal nicht vor Schreck, sondern um Hilfe. Schreie so laut, dass meine Kehle brennt und mein Trommelfell vibriert, dann verschränke ich unsere Finger miteinander und ziehe den Körper hinter mir her zur Treppe.
»Alles wird gut. Bleib bei mir«, wispere ich. »Alles wird gut.«
In einiger Entfernung geht Licht an, füllt die hohen Fenster aus, durch die man am Tag auf den Garten und das Meer blickt, auf das Idyll, das dieser Ort zu bieten hat – wenn nicht der Tod auf einen lauert.
Dann sehe ich sie. Ihre dunkle Silhouette, die Haare zerzaust. Sie trägt einen dieser Morgenmäntel, die weder praktisch noch sinnvoll sind.
»Um Gottes willen, was ist passiert? Wer ist das?«, höre ich ihre raue, schlaftrunkene Stimme. Der Wind weht ihre Worte zu mir herüber, während der Stoff ihres Mantels sich bei jedem Schritt bläht, als wollte er sich von ihr losmachen, um sich über das zu legen, was hier geschehen ist.
»Hilf mir! Schnell!«, brülle ich, ohne ihr eine Antwort zu geben. Ihr Gesichtsausdruck verrät ohnehin, dass sie bereits weiß, was geschehen ist, sie es nur noch nicht wahrhaben will.
Beinahe erwarte ich einen hysterischen Zusammenbruch, aber stattdessen hechtet sie zum Rand des Pools, kniet sich hin und streckt mir eine Hand entgegen. Wir schaffen es, den Körper aus dem Wasser zu ziehen und ihn auf die regennassen Natursteinfliesen zu legen. Ich presse meine Finger dorthin, wo ich die Halsschlagader vermute.
»Spürst du einen Puls?«, fragt sie mit hohler Stimme.
Ja, aber ich bin mir nicht sicher, ob es nicht mein eigener ist. Denn ich kann ihn in meinen Fingerspitzen spüren – dort und auch überall sonst. In meiner Brust. Meinem Kopf. Selbst in meinen Ohren. Das ist das Problem mit Adrenalin.
»Ich … ich weiß nicht, ich … ich bin mir nicht … nicht sicher.«
Sie stößt mich beiseite, geht auf die Knie und drückt immer wieder auf seinen Bauch, als knetete sie einen Hefeteig. Erweckt man so jemanden zum Leben, der ertrunken ist? Ich weiß es nicht. Sollten wir es nicht vielleicht besser mit einer Herzdruckmassage versuchen? Mit einer Mund-zu-Mund-Beatmung? Den Kiefer mit aller Gewalt auseinanderdrücken und einen Finger in den Rachen stecken?
Vermutlich liegt die Lösung auf der Hand. Aber es ist, als hätte der Schock mir jede Möglichkeit genommen, einen klaren Gedanken zu fassen, und nichts als schmerzhafte Ahnungslosigkeit in meinem Schädel zurückgelassen.
»Wach auf!«, verlangt sie, als könnte ihren Worten noch Folge geleistet werden. Aber die Augen bleiben starr in den Nachthimmel gerichtet.
Da ist kein Wasser, das über die blauen Lippen rinnt. Kein Röcheln oder nach Luft Schnappen. Alles, was hier an Leben erinnert, ist ihr Atmen, mein Puls und das Gluckern der Poolpumpe.
»Wach auf!«, fordert sie erneut, doch diesmal mit erstickter Stimme. Sie bricht auf dem leblosen Körper zusammen, vergräbt ihr Gesicht in der Halsbeuge und schluchzt. Ein schmerzhafter Laut, der mir durch Mark und Bein geht.
Ich berühre sie sanft an der Schulter, will Trost spenden. Sie sieht auf, schafft es jedoch nicht, ihre Gedanken in Worte zu fassen. Doch das ist auch nicht nötig. Es ist offensichtlich, was ihr durch den Kopf geht. Tränen laufen meine Wangen herab, als ich laut ausspreche, was wir beide bereits wissen.
»Es ist zu spät.«
Privatinsel der Waldners, Ostsee – jetzt
Zeige mir dein Haus, und ich sage dir, wer du bist. Es dauert nicht länger als ein paar Minuten. Ein Blick hierhin. Ein Blick dahin. Schon weiß ich, wer mir gegenübersteht. Die meisten meiner Kunden sehe ich maximal eine halbe Stunde, tendenziell kürzer. Sie reichen mir ihre Hand, schütteln meine, und wir plaudern über das Wetter, darüber, wo sie ihr Toilettenpapier aufbewahren und wie sie es mit der Mülltrennung halten. Das war’s.
Trotzdem weiß ich, wenn ich wieder nach Hause fahre – sofern man mein kleines WG-Zimmer so nennen will –, mehr über diese Menschen als ihre Freunde.
Ich weiß, auf welche Stufe sie ihre Heizung stellen, damit sie wirklich heizt, ob ihre Matratze durchgelegen ist, ob sie ihre Socken sortieren und mit welchem Waschmittel sie ihre Wäsche waschen.
Ich bin in ihr Leben geschlüpft und habe es mir für eine begrenzte Zeit zu eigen gemacht. Es ist ganz einfach, zu jemand anderem zu werden, wenn man in seinem Haus lebt. Das ist einer der Gründe, weshalb ich diese Tätigkeit so sehr liebe. Wegen der Flucht und des Ankommens gleichermaßen.
Es stimmt, was manche Menschen sagen: Dem Ort, den man Zuhause nennt, wohnt die Seele eines Menschen inne. Natürlich nicht offensichtlich. Sie verbirgt sich in den Details. In den Handcremes, die überall herumstehen, den Krümeln in den Küchenschubfächern, in den penibel zusammengelegten Schals.
Was es wohl über einen aussagt, wenn man gar kein richtiges Zuhause hat? Wenn man aus dem Koffer lebt?
Ich verdränge die zynische Stimme, die mich seit einer Weile quält.
Aber es gibt noch eine andere Art von Zuhause. Ein Ort, dem keine Seele, wohl aber ein Zweck innewohnt. Ein Ort, der dafür sorgt, dass man bewundert wird. Ein Zuhause wie dieses.
Das Haus thront auf der Insel wie das Portal zu einer anderen Welt – erleuchtet von gleißendem Sonnenschein, gefangen in der Einsamkeit des Meeres.
»Wow.« Obwohl ich mittlerweile fast ausschließlich von wohlhabenden Kunden gebucht werde und in der Vergangenheit, vor allem in den letzten Monaten, in vielen Häusern der Familie Waldner gewesen bin, ist dieses Haus hier mit seiner Größe und Lage dennoch etwas ganz Besonderes. Johannes, der Sohn der Familie, ist seit gut zwei Monaten mein Freund – was ich selbst kaum glauben kann – und hat definitiv nicht zu viel versprochen.
»Ist das wirklich das einzige Haus auf der Insel?«, frage ich, obwohl ich es eigentlich weiß, nur … Es ist einfach unvorstellbar, dass manche Menschen ganze Inseln besitzen, während andere sich kaum ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft leisten können.
Der blonde Mann mit der dunkelblauen Schirmmütze, dem freundlichen Gesicht und dem weißen Hemd lächelt. Er hat sich mir als Daniel, Bootsführer der Familie Waldner, vorgestellt.
»Ja, ist es. Alles, was Sie hier sehen, gehört den Waldners. Vom Haus bis zu den künstlich angelegten Stränden, hier und am anderen Ende der Insel. Perfekt, um zu entspannen und Ruhe zu finden.« Fast klingt es, als spräche er aus Erfahrung.
»Ruhe gibt es hier sicher genug«, erwidere ich, während mein Blick über das endlos wirkende Meer gleitet, das uns umgibt.
»Ich würde behaupten, Ruhe und Einsamkeit sind das Einzige, von dem es hier mehr als genug gibt.« Er lacht, und ich stimme mit ein. »Davon werden Sie sich in den nächsten Tagen mit Sicherheit selbst ein Bild machen können.« Er schaltet den Motor aus, und das Boot gleitet sanft durch die Wellen in Richtung Steg.
»Das ist alles?«, fragt er mit Blick auf meinen mickrigen Handgepäckkoffer, als wir kurz darauf an dem schmalen Steg angelegt und festen Boden unter den Füßen haben. Statt zu antworten, halte ich mein Handy in die Höhe und frage: »Gibt es hier kein Netz?«
Das wiederum hat Johannes nicht erwähnt, als er mir vorgeschlagen hat, eine Weile dieses Haus zu sitten und das mit einem romantischen Wochenende zu verbinden.
»Du wirst sehen. Es ist total verträumt und romantisch dort. Wenn du mich fragst, gibt es keinen Ort, der sich besser eignet, um Zeit miteinander zu verbringen, als diese Insel«, hatte er gesagt. Vielleicht hat er damit ja die vollkommene Isolation ohne jegliche Störung durch andere Menschen oder durch ständiges Handyklingeln gemeint. Denkbar wäre das, denn für meinen Geschmack klingelt sein blödes Handy ohnehin viel zu oft.
»Hier unten nicht. Normalen Empfang zum Telefonieren haben Sie oben. Internet auch. Dafür gibt es eine Satellitenantenne. Es ist nicht besonders schnell, aber es funktioniert.« Daniel lächelt geduldig. »Also, ist das alles?«, fragt er erneut.
»Ja«, antworte ich und schiebe mein Handy in die Hosentasche.
Ich nehme nie viel mit. Einerseits, weil ich nicht sonderlich viel besitze. Andererseits, weil ich weiß, dass sich alles, was ich brauche, schon im Haus befindet.
Daniel zieht die Brauen zusammen. »Okay. Gut. Ich begleite Sie hinauf, um Ihnen das Haus zu zeigen. Der Zugang befindet sich gleich dort drüben.« Ich folge mit dem Blick seinem Zeigefinger, erkenne aber nur das felsige Gestein der Küste und ein knallgelbes Schild, dessen Aufschrift ich von hier aus nicht lesen kann. Erst als ich meine Sonnenbrille abnehme, kann ich in gut fünfzig Metern Entfernung eine Treppe ausmachen, deren Stufen in den Felsen geschlagen sind.
»Ganz schön steil«, murmle ich.
»Ja, sollte man nicht betrunken runtergehen.« Er zwinkert mir zu, ehe er losläuft, meinen Koffer in der Hand.
Ich schultere meinen kleinen Rucksack, dann folge ich ihm. Die Sonne scheint gnadenlos auf uns herunter, verbrennt meine Oberschenkel, die von den kurzen Hot Pants nur spärlich bedeckt werden. Es ist beinahe windstill, und bevor ich auch nur die erste Stufe erklommen habe, spüre ich bereits einen Tropfen Schweiß, der meine Wirbelsäule entlangrinnt.
Wir erreichen die Treppe, und das gelbe Schild mit dem schwarzen Schriftzug weist darauf hin, dass es sich hier um Privatgelände handelt. Außerdem bemerke ich eine große Überwachungskamera, die so ausgerichtet ist, dass sich der Steg und der Treppenaufgang in ihrem Aufnahmeradius befinden. Ein rotes Licht blinkt.
Für einen Moment schaue ich in die Linse, dann wende ich mich ab und folge Daniel die Treppe hinauf.
»Und Sie sind also Housesitterin?«
»Ja, genau«, sage ich. »Ich wohne in den Häusern oder Wohnungen anderer Leute, während die im Urlaub, auf Geschäftsreise oder an einem anderen Wohnsitz sind. Ich kümmere mich dann um alles, was dazugehört – mähe Rasen, versorge die Haustiere, gieße die Pflanzen und spüle regelmäßig die Toiletten, damit die Rohre frei bleiben«, schiebe ich hinterher, weil hier in Deutschland kaum jemand etwas mit dem Begriff Housesitting anfangen kann.
Was ich jedoch nicht sage, ist, dass ich nicht nur in meiner Funktion als Housesitterin hier bin. Ich habe keine Lust auf neugierige Fragen oder komische Blicke, überlasse es Johannes, Daniel aufzuklären, wenn der ihn morgen herbringt, in dem Wissen, dass ich hier auf ihn warte.
»Wie interessant!« Aus seinem Mund klingt es wie aus dem Mund der meisten Menschen – so, als wäre Housesitting etwas Erstrebenswertes. Dabei ist es im Grunde nur die Folge dessen, dass ich wenig habe, für das es sich irgendwo zu bleiben lohnt. Meine Freundin Ying war früher auch als Housesitterin tätig, aber für sie war es eher eine Möglichkeit, aus ihrer Studenten-WG zu flüchten als vor ihrem Leben im Allgemeinen.
»Dann sind Sie offenbar meine Nachfolgerin. Bisher durfte ich immer herkommen, um die Toilettenspülung zu spülen und nach dem Rechten zu sehen.« Er dreht sich zu mir und lächelt verkrampft.
Ob ich ihm etwas weggenommen habe? Wer weiß, wie lange seine Kontrollbesuche so gedauert haben. In einem leerstehenden Haus wie diesem, ganz ohne Nachbarn, kann man sich vermutlich Tage, wenn nicht Wochen aufhalten, ohne dass die Besitzer etwas davon mitbekommen. Gut, da sind die Kameras. Aber bei den Waldners scheinen sie nach einem festen Muster installiert zu sein, wie ich während meiner bisherigen Aufenthalte in ihren Häusern bemerkt habe. Es wird am Tor, rund ums Anwesen sowie an der Haustür überwacht. Im Inneren der Häuser gibt es nur eine Kamera, und die ist im Eingangsbereich. Wenn man also weiß, wo die Kameras sind, kann man sie umgehen und sicher ins Haus gelangen, ohne gesehen zu werden. Aber ich will dem armen Mann nichts unterstellen, daher lächle ich bloß und bringe die Unterhaltung damit zu einem schnellen Ende. Ich fand Schweigen schon immer angenehmer als den zähen Versuch, ein Gespräch mit einem Fremden in Gang zu halten. Außerdem ist der Weg die Treppe hinauf bei der Hitze auch ohne Smalltalk schon mühsam genug.
Als wir endlich oben ankommen, schlägt mir das Herz bis in den Hals, und meine Beine fühlen sich schwer und träge an.
Daniel wirkt nicht minder aus der Puste. Schweiß glänzt auf seiner Stirn, und auf dem weißen kurzärmligen Hemd haben sich große dunkle Flecken gebildet.
»Was für ein Aufstieg«, sage ich keuchend und genieße den rauen Wind, der hier oben durch die Bäume peitscht und mir an den Haaren zieht, umso mehr.
»O ja. Aber er ist es wert, versprochen.« Diesmal wirkt sein Lächeln aufrichtig. Ich erwidere es, dann folge ich ihm einen gepflasterten Weg entlang, der an einem kleinen Bungalow – vermutlich ein Gästehaus – und einem Pool vorbei in Richtung Haus führt.
Aufwendiger Stuck und elegante Pilaster schmücken die Fassade des dreigeschossigen Gebäudes. Ich blicke durch die bodentiefen Fenster auf blasse Konturen im Inneren. Ich erkenne Kommoden, reichverzierte Stühle und … eine Bewegung. Nur ein vager Schatten, aber da war etwas. Ganz sicher.
Ich halte inne. »Haben Sie das gesehen?«
In diesem Moment dreht der Wind, drückt sich plötzlich gegen meinen Oberkörper, als wollte er mich zum Umkehren überreden. Die feinen Härchen an meinen Armen stellen sich auf.
»Was meinen Sie?«, fragt Daniel noch immer außer Atem.
»Ich glaube, da drin hat sich was bewegt«, sage ich und deute zum Haus.
Er legt eine Hand an die Stirn, um seine Augen von der Sonne abzuschirmen, und folgt mit dem Blick meinem ausgestreckten Finger.
»Ach.« Er macht eine wegwerfende Handbewegung. »Es ist ziemlich windig. Ich war heute Morgen schon mal kurz hier, um alles vorzubereiten, und habe bei der Gelegenheit auch die Fenster geöffnet. Vermutlich hat sich einer der Vorhänge im Wind bewegt. Kein Grund zur Sorge.«
Einen Moment zögere ich, spüre das Adrenalin in meinem Körper und mein wild klopfendes Herz, aber dann laufe ich weiter.
»Wollen Sie ein Glas Wasser?«, frage ich, als wir kurz darauf den Eingang erreichen.
»Gerne«, antwortet er, als ich an ihm vorbei die drei Stufen zur massiven Haustür hinaufsteige. Mit schweißnassen Händen suche ich in meinem Rucksack nach dem Schlüssel.
»Er muss hier irgendwo sein«, murmle ich.
»Kommen Sie.« Daniel schiebt sich an mir vorbei, zieht einen Schlüssel aus seiner Hosentasche und öffnet die Tür. »Hereinspaziert.«
Wie immer bringt mich die Vorfreude regelrecht zum Vibrieren. Ich liebe fremde Häuser. Liebe es, über die Türschwelle zu treten und diesen ganz eigenen Geruch wahrzunehmen, der jedem Haus anhaftet. Liebe es, mein altes Leben zusammen mit meinen Schuhen an der Tür zurückzulassen und mich voll und ganz in die Welt von jemand anderem zu begeben. Und die Welt der Waldners ist eine, von der viele in ihren schlaflosen Nächten träumen.
Ich weiß überhaupt nicht, wo ich zuerst hinschauen soll. Zum funkelnden Kronleuchter, der in der Mitte der hohen Eingangshalle hängt? Oder zur breiten Holztreppe rechts von mir, die mit tiefen Stufen und einem verschnörkelten Geländer nach oben führt? Zu den dunklen Holzmöbeln an der linken Wand oder doch eher zu den Zierleisten und den buntgefliesten Böden? Dieses Haus unterscheidet sich insofern von vielen anderen, die ich in der Vergangenheit gesittet habe, dass es einen nicht mit Modernität, lauten Designermöbeln und architektonischen Experimenten empfängt, sondern mit dem Charme eines englischen Herrenhauses – imposant, traditionell, gemütlich.
Mit offenem Mund schaue ich nach oben. Die hohe, lichtdurchflutete Eingangshalle mit zwei umlaufenden Galerien gewährt einen Blick in jede Etage.
Wie in Trance schlüpfe ich aus meinen Sandalen. Der Mosaikboden ist eiskalt, und ein Schauder erfasst mich, als ich an der dunklen Treppe vorbei durch die Halle laufe, die linker Hand in einen weiten Korridor mündet, der alle Räume im Erdgeschoss miteinander verbindet. Auf Anhieb kann ich vier Türen ausmachen. Rechter Hand entdecke ich nur ein schmales hohes Fenster, das den Blick aufs Meer freigibt, sowie eine einzelne Tür unter der Treppe, durch die es wahrscheinlich in den Keller geht.
»Kommen Sie, hier ist das Herzstück.« Daniel läuft geradewegs durch eine Flügeltür, die den Weg in ein weitläufiges Wohnzimmer eröffnet. Mein Blick streift eine imposante Hausbar, daneben eine Tür, die wohl ins nächste Zimmer führt, ein üppiges Ecksofa und einen großen dunklen Kamin, der kuschelige Abende verspricht. Aber all das tritt in den Hintergrund, als ich der überwältigenden Aussicht gewahr werde, die sich mir durch die Fensterfront bietet. Während sie geradeaus den Blick auf eine riesige Terrasse, einen saftig grünen Rasen, den Swimmingpool und den Bungalow freigibt, liegt einem auf der rechten Seite das Meer zu Füßen. Tatsächlich ist eines der Fenster zur Terrasse gekippt. Warme Luft dringt herein und bringt die bodenlangen Vorhänge zum Schweben.
Erleichtert atme ich aus. Es war wirklich nur ein Vorhang, der sich im Wind bewegt hat. Es ist niemand im Haus.
Ich trete ans Fenster und schaue nach draußen. »Hier ist wirklich absolut nichts und niemand«, murmle ich. Auch wenn das eigentlich keine neue Erkenntnis ist, wird mir jetzt erst so richtig bewusst, wie abgelegen es hier tatsächlich ist. Aber ich bezweifle, dass mich irgendetwas darauf hätte vorbereiten können. Einen größeren Kontrast zu einer Stadtwohnung kann es jedenfalls nicht geben.
Unwillkürlich muss ich an mein WG-Zimmer denken. Da ich regelmäßig gebucht werde, habe ich keine eigene Wohnung mehr, sondern nur ein kleines Zimmer, um der Meldepflicht nachzukommen, mein weniges Hab und Gut aufzubewahren und für alle Fälle eine Bleibe zu haben. Dort können mindestens dreißig Fremde von der anderen Straßenseite aus durchs Fenster reinglotzen, und man fühlt sich selbst dann beobachtet, wenn die Vorhänge zugezogen sind.
»Lassen Sie sich nicht täuschen«, sagt Daniel plötzlich mit einer unheilvollen Ernsthaftigkeit in der Stimme. Er kommt langsam zu mir herüber und bleibt erst stehen, als ich seine Körperwärme im Rücken spüren und sein herbes Deo riechen kann.
»Wie meinen Sie das?«
»Sehen Sie das?« Er deutet vage an mir vorbei. In der Ferne erkenne ich ein Boot. Schlank, mit hohem Mast und weißen Segeln.
»Lassen Sie sich von der Einsamkeit nicht täuschen. Da draußen ist die Ostsee. Es gibt viele Boote, Schiffe und Angler hier.«
»Deshalb die Überwachungskamera am Steg? Damit die Leute nicht einfach hochkommen?«
»Ja, genau. Sie dient hauptsächlich der Abschreckung.« Er senkt die Stimme. »Wissen Sie … hier oben kommt es einem vor, als wäre man im Nirgendwo, fernab jeglicher Zivilisation. Aber das ist nicht so. Die Leute sind nun mal neugierig. Sie können sich also sicher sein, dass jeder hochschaut, der dort unten vorbeifährt«, er deutet wieder in Richtung Meer. »Verstehen Sie, was ich sagen will?«
Ja, dieses Haus ist wie das Licht – es zieht die Motten an.
»Sie geben mir den Tipp, nicht nackt herumzulaufen und die Vorhänge zuzuziehen, ich verstehe schon«, erwidere ich grinsend und drehe mich zu ihm um.
Dünne Fältchen fächern sich um seine Augen, als er lacht. »Genau so ist es.«
Einen Moment lang treffen sich unsere Blicke, dann fährt er sich durch die schweißnassen Haare und schaut mich auffordernd an. »So, nun zeige ich Ihnen noch rasch das Haus, ja?«
Ich zögere. Obwohl Daniel nett ist, wäre ich jetzt lieber allein. Diese ersten Minuten, in denen ich das Haus kennenlerne und das Haus mich, sind mir heilig. Aber nachdem er mein Gepäck hier hochgetragen hat, kommt es mir falsch vor, sein Angebot abzulehnen. Außerdem schulde ich ihm noch ein Glas Wasser.
»Sicher, warum nicht?«, höre ich mich also sagen, ehe ich noch einmal nach meinem Handy greife. Es sind mehrere Nachrichten eingegangen.
Ying: Hey, hey, mir ist grade aufgefallen, dass du mir noch 150 Euro schuldest. Denkst du dran, mir die zu überweisen?
Hab ich das noch nicht gemacht?
tippe ich, ehe ich eine Nachricht an Johannes schreibe:
Bin angekommen. Es ist unglaublich. Du hast nicht zu viel versprochen! Kuss
Anschließend öffne ich die Liste mit Hinweisen und Anweisungen, die mir Bianca, die Assistentin der Waldners, vorab geschickt hat, und nicke Daniel zu. Ich werde mir dieses Wochenende ganz sicher von nichts und niemandem verderben lassen – für die nächsten Tage werde ich eine andere sein, und meine Sorgen lasse ich genauso am Eingang zurück wie meine Schuhe.
Privatinsel der Waldners, Ostsee – jetzt
»Gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie hier schlafen werden?«, höre ich Daniels Stimme leise im auffrischenden Wind.
Ich löse meinen Blick von einem vorbeifahrenden Boot mit auffällig schwarzen Segeln und meine Finger von dem erhitzten Schmiedeeisen des Balkongeländers, ehe ich mich zu ihm umdrehe.
Er lehnt im Fensterrahmen und hat eine Hand an die Stirn gehoben, um sich vor der unnachgiebigen Sonne zu schützen, die mir auf die Schultern brennt.
»Unbedingt«, sage ich und trete zurück ins Haus. Senfgelbe Vorhänge rahmen tiefe Fenster, und einfallendes Sonnenlicht tanzt über das Fischgrätparkett, auf dem das dunkle Mobiliar für Wohnlichkeit sorgt.
Nachdem Daniel mich durchs Erdgeschoss geführt hat – es gibt noch ein Esszimmer, das durch eine Flügeltür direkt mit dem Wohnzimmer verbunden ist, eine Gästetoilette auf der gegenüberliegenden Seite sowie die Küche am hinteren linken Ende des Hauses –, haben wir uns kurz den Keller angesehen, der größer ist als jede Wohnung, in der ich bislang gelebt habe. Dort haben sich die Waldners einen Weinkeller, eine Sauna und ein Fitnessstudio eingerichtet. Und auch einen Hauswirtschaftsraum gibt es dort unten. Außerdem einen Sicherungskasten im Flur, der hinter einem Gemälde mit Goldrahmen versteckt ist. Immer gut zu wissen, wo der ist, falls es zu einem Kurzschluss oder dergleichen kommt.
Vom Keller aus sind wir dann in den ersten Stock gegangen, wo sich eine Bibliothek, das Büro sowie vier Schlafzimmer, jeweils mit einem kleinen Balkon, und vier Bäder befinden.
Wir sind durch jeden Raum gelaufen, und ich habe meine Fingerspitzen über das kühle Holz und die weichen Stoffe gleiten lassen.
Doch kein Zimmer ist so schön wie dieses hier – der Master-Bedroom im zweiten Stock.
Er öffnet sich nach oben direkt in den Dachstuhl, weshalb die Zimmerdecke auch besonders hoch und spitz zulaufend ist, was den Raum nicht nur groß, sondern auch extrem hell erscheinen lässt. Ansonsten gibt es auf dieser Etage nur noch ein Badezimmer, das mit dem Schlafzimmer verbunden ist, sowie einen großen Balkon, auf dem ich eben gestanden habe.
Johannes wird vermutlich nicht begeistert sein, dass ich ausgerechnet dieses Zimmer wähle. Ich bin fast sicher, dass seine Mutter normalerweise hier schläft. Aber er hat gesagt, ich soll mir das Zimmer aussuchen, das mir am besten gefällt.
»Bist du sicher? Du kannst mir auch einfach sagen, welches dir gehört und –«
Er fuhr mit der Hand über meine Wange, ehe er eine blonde Strähne zwischen Daumen und Zeigefinger rieb und sie mir hinters Ohr schob. »Nein. Ich will, dass wir uns eine schöne Zeit machen. Alles soll so sein, wie du es dir wünschst. Such dir das Zimmer aus, das dir am besten gefällt. Es ist ja nur ein Ferienhaus, und meine Familie wohnt nicht wirklich da, also nehmen wir es mit der Zimmeraufteilung nicht besonders streng.«
Und was soll ich sagen? Dieses hier gefällt mir nun einmal am besten. Auch wenn sie alle schön sind. Daniel hat mir jeden Raum gezeigt und mir die Gelegenheit gegeben, mich in Ruhe umzusehen. Doch hier oben kommt es einem fast so vor, als wäre man in einer eigenen kleinen Wohnung im Inneren dieses imposanten, weitläufigen Hauses. Diese Begrenzung hat etwas Beruhigendes. Zu viele Räume und Türen machen mich nervös. Das ist eines dieser Dinge, an die ich mich nie gewöhnen werde. Diese Leere, die sich beinahe bedrohlich anfühlt.
»Gut, dann –« Daniel schiebt den Koffer in den Raum.
»Wieso haben Sie nichts gesagt? Ich hätte Ihnen beim Tragen helfen können«, sage ich.
Er grinst. »Wobei genau? Hätten Sie diesen kleinen Koffer an den Hinterrädern gepackt, oder …?«
Ich lache. »Ach kommen Sie schon, Sie wissen, was ich meine.«
Grinsend bedeutet er mir, ihm zu folgen. Beim Gehen registriere ich noch eine weitere Tür, die so unscheinbar neben dem imposanten Gemälde und den Zierleisten in die Wand eingelassen ist, dass ich sie fast übersehen hätte. »Was ist dort?«
»Das ist der begehbare Kleiderschrank von Elisab – ähm, von Frau Waldner.« Es ist also tatsächlich ihr Zimmer.
»Ah!« Ich muss ein Lächeln unterdrücken. Ich kann es kaum erwarten, allein zu sein. Dann werde ich all die Schubladen und Türen öffnen, die er höflichkeitshalber geschlossen hält. Werde mich hier endlich richtig umsehen. Denn hier gibt es weit mehr zu entdecken, als Daniel mir gezeigt hat. Hier ist keine Schublade leer. Man kommt herein, und alles, was man braucht, ist da. Das ist in jedem Haus der Waldners so. Sie haben ein Leben hier und ein Leben dort. Haben einen komplett ausgestatteten Kleiderschrank hier und einen dort. Es werden keine Koffer oder Kulturbeutel gepackt, und die Sorge, etwas zu vergessen, existiert nicht. Sie lassen ihr Leben hier, wo ich es finde und wie einen Mantel überstreifen kann. Einer der Gründe, weshalb mein Koffer klein und die Auswahl an Klamotten dürftig ist. Ich habe nicht vor, meine Sachen anzuziehen. Meine Kosmetika zu benutzen. Mein Parfüm zu tragen. Das werde ich nur an den zwei Tagen tun, an denen Johannes hier ist.
Zurück im Erdgeschoss endet unser Rundgang schließlich in der Küche. Sie ist lang und schmal, mit einer L-förmigen Küchenzeile und einer Holztür mit Glaseinsatz, die zum Pool und zur Terrasse hinausführt. Obwohl sie im Vergleich zum Rest des Hauses beinahe klein wirkt, ist sie für sich betrachtet riesig und verfügt über eine Kücheninsel mit Barhockern und so ziemlich jedes Elektrogerät, das man sich nur vorstellen kann.
Die Luft ist stickig und riecht nach Reinigungsmittel. Ich gehe zur Hintertür und öffne sie einen Spaltbreit. Luft strömt herein, und ein sorgsam gefalteter Zettel segelt mir vor die Füße.
»Huch.« Ich hatte ihn gar nicht bemerkt. Eilig schnappe ich danach.
Liebe Cecilia,
hab vielen Dank, dass du dich um das Haus kümmerst. Die To-do-Liste habe ich dir ja bereits gemailt, also bleibt mir nur, dir eine schöne Zeit zu wünschen.
Der Kühlschrank, die Bar und der Weinkeller sind gefüllt – bediene dich und fühl dich wie zu Hause.
Zögere nicht, Daniel anzurufen, wenn du die Insel verlassen willst. Er wird dann innerhalb einer Stunde zur Stelle sein.
Herzlich
Bianca
Ich falte den Zettel wieder zusammen, gehe hinüber zum Kühlschrank und öffne ihn. Wie Bianca gesagt hat, ist er prall gefüllt, und mir dämmert, dass Daniel wohl auch deshalb heute Morgen hier gewesen ist.
»Ein Wasser für Sie, ja?«
Er nickt.
Ich reiche ihm eine Flasche Mineralwasser, ehe ich die kalt gestellten Weine begutachte.
»Stört es Sie, wenn ich mir ein Glas Wein genehmige?«
»Nein, überhaupt nicht. Tun Sie sich keinen Zwang an.«
Normalerweise trinke ich nicht vor dem Abendessen, aber zur Feier des Tages mache ich heute eine Ausnahme. Nachdem ich mich für eine Flasche Weißwein entschieden habe, durchsuche ich die schwarzen Küchenschränke nach einem Korkenzieher. Währenddessen höre ich Daniel hinter mir Gläser hervorholen. Er findet sie auf Anhieb. Offenbar kennt er sich hier gut aus.
In Küchen wie diesen ist das alles andere als selbstverständlich. Wer denkt, dass darin eine logische Ordnung herrscht, der sollte sich mal in den Häusern der Superreichen umsehen.
Daniel zeigt mir den Korkenzieher schließlich in der Schublade eines separaten Beistelltischchens am anderen Ende des Raumes. Der Korken löst sich mit einem befriedigenden Ploppen, und ich gieße mir das bauchige Glas randvoll, ehe ich einen großen Schluck trinke.
»Gut, ich verabschiede mich dann«, sagt Daniel, der sein leeres Wasserglas auf den marmornen Tresen stellt und den Blick senkt.
Endlich.
»Ich begleite Sie noch zur Tür.«
Als er sie aufreißt, strömt milde Luft herein, und Wind fährt mir unters Shirt.
»Dann bleibt mir wohl nur, Ihnen eine gute erste Nacht zu wünschen. Träumen Sie was Schönes, denn wie heißt es doch gleich? Das, was man in der ersten Nacht in einer neuen Umgebung träumt, geht in Erfüllung, oder?«
Ich lächle gezwungen. »Ja, danke. Das werde ich.«
Eine Lüge. Die erste Nacht in einem neuen Haus ist für mich immer die schlimmste.
Daniel nickt und wendet sich zum Gehen, als er plötzlich innehält und sich noch einmal zu mir umdreht.
»Ach, und Cecilia?«
»Ja?«
»Zögern Sie nicht, mich anzurufen, falls etwas sein sollte. Egal, wie spät es ist.« Unsere Blicke begegnen sich für einen kurzen Moment, dann wendet er sich endgültig ab und läuft in Richtung Steg davon.
Ich ziehe die Brauen zusammen.
Was soll hier draußen schon sein? Hier ist doch nichts und niemand. Trotzdem oder gerade deswegen ist da diese leise Stimme, die mir zuflüstert, dass hier auch niemand wäre, der etwas mitbekäme.
Ich schüttle den Kopf, um den Gedanken loszuwerden. Ab morgen bin ich sowieso nicht mehr allein, und bis dahin wird schon nichts sein.
»Mach ich, danke«, rufe ich ihm noch hinterher, dann verschließe ich die Tür, als plötzlich mein Handy vibriert. Lächelnd ziehe ich es aus meiner Gesäßtasche, doch es ist nicht Johannes, der mir geantwortet hat.
Ying: Also, ich hab nichts bekommen …
Ich will Ying nicht anlügen. Sie ist seit einigen Jahren dem, was man eine beste Freundin nennt, am nächsten, und ich weiß, dass ich ihr die Wahrheit sagen könnte – nämlich, dass ich das Geld gerade nicht habe. Aber ich kenne sie lange genug, um zu wissen, dass sie sich dann nur unnötig Sorgen machen würde. Sie würde annehmen, es ginge mir wieder schlechter, so schlecht, dass ich nicht arbeiten kann – dabei geht es mir so gut wie lange nicht mehr. Aber nur weil es mir besser geht, heißt das nicht, dass sich alle Probleme in Luft aufgelöst haben. Geld ist ein großes Problem. Nach wie vor. Und da ist dieser Teil in mir, der sich weigert, sich einzugestehen, dass ich nicht einmal die mickrigen 150 Euro zurücküberweisen kann, mit denen sie mir vor Monaten ausgeholfen hat.
Mein Gott. Es hatte eine Zeit gegeben, da waren 150 Euro das Trinkgeld, das ich an einem Abend verdient und am nächsten Tag für Shots rausgehauen habe. Da waren 150 Euro Peanuts, und jetzt sind sie mehr, als ich auf dem Konto habe.
Für jemanden, der schon mal alles hatte, ist es schwer, sich dem zu stellen. Und im Moment will ich weder Yings gute Ratschläge noch ihr Mitleid.
Vielleicht ein Fehler bei der Bank? Ich schau auch noch mal!
schreibe ich also, dann hole ich mein Glas aus der Küche, verschließe sorgsam die Hintertür und gehe nach oben.
Es wird Zeit, eine andere zu werden.
Die Kleider im Ankleidezimmer von Johannes’ Mutter hängen auf massiven Holzbügeln, so als würden sie nur darauf warten, heruntergenommen und angezogen zu werden. Ich fahre mit den Fingerspitzen über die schweren hochwertigen Stoffe. Die Kleider sind nach Farbe sortiert, was es mir leichter macht, etwas Passendes zu finden. Vorsichtig ziehe ich ein dunkelblaues Satinkleid vom Bügel. Es ist schwer und weich und auf eine lässige Art elegant, wie man es nur selten sieht.
Ich halte es mir an die Nase, nehme den kräftigen Duft von teurem Parfüm wahr und seufze glücklich. Dann trete ich vor den großen perfekt geputzten Spiegel und halte mir das Kleid mit einer Hand an den Körper, während ich mit der anderen das Glas zum Mund führe, um einen Schluck Wein zu trinken.
Eine Gänsehaut breitet sich auf meinem erhitzten Körper aus, als die kühle Seide mich berührt, und ich komme nicht umhin zu bemerken, wie gut mir die Farbe steht. Das Blau betont meine Augen und mein helles Haar.
Ich lege das Kleid auf der salbeifarbenen samtbezogenen Bank ab, die in der Mitte des begehbaren Kleiderschranks steht, ehe ich mich nach etwas mit Schubladen oder Fächern umschaue.
Als ich eine Kommode entdecke, gehe ich hinüber und ziehe das oberste Schubfach heraus. Es ist voller feiner Unterwäsche, Büstenhalter und Negligés. Die Art von Unterwäsche, nach der Kleider, wie es sie hier gibt, verlangen.
Schon klar, es ist ein wenig pervers, dass ich nicht einmal vor ihrer Unterwäsche haltmache. In ihre Höschen schlüpfe, als wäre es in Ordnung, aber solche Kleider kann man nun mal nicht mit langweiliger ausgeleierter Baumwollunterwäsche tragen. Die Illusion muss perfekt sein, sonst bröckelt sie.
Ich war nicht immer so ungeniert. Es hat eine Zeit gegeben, in der ich trennen konnte, wer sie sind und wer ich bin; in der ich nicht versucht habe, ihr Leben an mich zu reißen. Eine Zeit, in der ich in ihre Kleider geschlüpft bin, nur um einmal im Leben zu spüren, wie sich zehntausend Euro auf der Haut anfühlen.
Aber das war, bevor ich alles verloren und jede Gelegenheit ergriffen habe, um eine andere zu sein.
Das fliederfarbene Spitzenhöschen, für das ich mich entschieden habe, fühlt sich so gut auf meiner Haut an, dass ich nicht anders kann, als darüberzustreichen. Sanft zeichne ich den Rand der Spitze nach, spüre, wo der Stoff aufhört und meine sonnengebräunte Haut anfängt.
Kurz überlege ich, nach dem dazugehörigen Büstenhalter zu suchen, entscheide mich dann aber dagegen, greife nach dem nachtblauen Satinkleid und schlüpfe hinein. Es ist mir einen Hauch zu eng, aber nur so, dass ich es zwar spüren kann, es aber nicht sichtbar ist. Wie zu erwarten, drücken sich meine Nippel durch den dünnen Stoff, lassen wenig Raum für Phantasie. Aber es ist ja ohnehin niemand hier, der das sehen könnte.
Nachdem ich den feingliedrigen Reißverschluss zugezogen habe, schaue ich mich nach dem Schmuck um. Ich finde ein Paar goldene Ohrringe, mehrere mit Diamanten besetzte Ringe, dem Gewicht nach echt, und ein passendes Armband.
Anschließend gehe ich in das ans Schlafzimmer angrenzende Bad mit dunkelroten Fliesen und einem goldgerahmten Spiegel. In der Mitte steht eine einladende Badewanne mit Klauenfüßen.
Dort lege ich mir den Schmuck an, wobei ich die vielen Schubladen des Waschtisches bemerke. Sie gleiten mühelos heraus, offenbaren Schminke, Kosmetikartikel wie Rasierklingen, Wattepads sowie Medikamente.
Schließlich öffne ich die Schublade, in der sich, fein säuberlich sortiert, das Make-up von Frau Waldner befindet – Puder von Dior, Lidschattenpaletten von Chanel, Luxuslippenstifte in allen erdenklichen Farben. Ich probiere ein paar davon aus und entscheide mich schließlich für einen dunkelroten Lippenstift von Yves Saint Laurent mit glänzendem Finish, den ich mir sanft auf die Lippen tupfe.
Als ich kurz darauf in den Spiegel schaue, erkenne ich mich nicht wieder. Ich sehe aus wie der Mensch, der ich immer sein wollte, aber nie geworden bin.
Ein Teil von mir wünscht sich, Johannes wäre schon da. Um mit eigenen Augen zu sehen, wer ich sein könnte, wenn ich den richtigen Job oder Geld hätte. Was für ein Mensch ich sein könnte, wenn er mich zu seiner Frau machen würde. Er würde es lieben, mir den Stoff vom Leib zu reißen.
Einem Impuls folgend hebe ich mein Handy und mache ein Foto von mir. Er soll ruhig wissen, worauf er sich freuen kann, doch dann zögere ich. Was, wenn er erkennt, dass es ein Kleid und der Schmuck seiner Mutter sind? Ich inspiziere das Bild. Die schweren Ringe an meinen Fingern sieht man nicht. Das Kleid auch nur bis knapp unter die Brust.
Es könnte mein Kleid sein. Auch wenn das hier qualitativ eines der hochwertigsten ist, die ich je am Leib gehabt habe, gibt es ähnliche Modelle in jedem Fast-Fashion-Laden. Und er kann den Stoff im Bild ja nicht fühlen …
Außerdem glaube ich nicht, dass er seiner Mutter genug Aufmerksamkeit schenkt, um überhaupt zu bemerken, dass es ihr Kleid ist. Die beiden stehen sich nicht besonders nahe. Keine Ahnung, wie es war, bevor sein Vater gestorben ist, aber er erzählt kaum von ihr. Ich weiß, dass es sie gibt. Ich weiß, dass sie ihn anruft. Aber er spricht nicht über sie, und in seiner Wohnung gibt es keine Familienfotos. Es ist offensichtlich, dass er aus einer dieser Familien kommt, die das Blut verbindet, aber nicht die Liebe.
Also drücke ich auf Senden. Während ich auf eine Antwort warte, wiege mich sanft hin und her, lasse zu, dass all das hier meine Gedanken, Sorgen und die Bitterkeit beiseiteschiebt, die gerade im Begriff waren, mich zu bedrängen wie ungebetene Gäste.
Ich tanze über den kühlen Boden, fahre mit den Händen über den exquisiten Stoff, als ich plötzlich ein Geräusch höre.
Privatinsel der Waldners, Ostsee – jetzt
»Hallo?« Vorsichtig spähe ich ins Schlafzimmer. Die Vorhänge blähen sich im Wind, als hätte meine Stimme sie aufgescheucht, doch außer ihrem Rascheln ist nichts zu hören.
Ich werfe einen Blick auf mein Handy. Keine Nachricht. Kein verpasster Anruf.
Zögerlich trete ich an die Tür. Der kurze Flur liegt verlassen da, gibt den Blick auf das Treppengeländer und die Halle frei.
Ich gehe auf die Treppe zu. »Hallo?«, rufe ich in die unangenehme Stille und versuche, das Adrenalin wegzuatmen, das mir plötzlich auf die Lunge drückt.
»Daniel?«, frage ich mit lauter Stimme. Vielleicht hat er ja etwas vergessen und ist zurückgekehrt? Während sein Name verhallt, schaue ich die Treppe hinunter, erwarte, eine Hand am Geländer oder Fußspitzen auf den Stufen zu sehen. Doch da ist niemand. Natürlich nicht.
Ich schließe die Augen und versuche, mich zu beruhigen.
Häuser atmen, genau wie wir.
Ich muss es wissen, denn ich habe in viele Häuser hineingehorcht, habe auf verräterische Geräusche gelauscht – zaghafte Schritte, flache Atemzüge, geflüsterte Worte –, doch alles, was ich wirklich gehört habe, war Stille und der Lärm, der mit ihr einhergeht. Das leise Pfeifen des Windes, der sich durch undichte Fenster drängt, das monotone Tropfen eines Wasserhahns, das Ächzen des Dielenbodens, das gleichmäßige Brummen eines Kühlschranks … Trotzdem erstarre ich jedes Mal wieder, wenn etwas die vermeintliche Stille zerreißt. Wenn man in einem leeren Haus ist, erwartet man nun mal nicht, dass es sich anfühlt, als wäre man nicht allein. Aber genauso ist es. Ich habe mich selten so beobachtet gefühlt wie in leerstehenden Häusern. Dabei gibt es hier nur einen Eindringling – mich.
Plötzlich vibriert etwas. Erschrocken weiche ich zurück, bis ich realisiere, dass es mein Handy gewesen ist.
Ying: Hab noch mal nachgeschaut, also bei mir ist nichts angekommen. Du hast das Geld doch, oder? Sonst sag einfach Bescheid, so dringend ist es nicht.
Ich lasse von der Brüstung ab und gehe zurück, um das Weinglas zu leeren. Vielleicht schmeckt die Wahrheit weniger bitter, wenn ich sie mit ein bisschen Chevalier-Montrachet hinunterspüle.
Ying: Du weißt, du kannst mit mir reden, wenn was ist, richtig?
Sofort habe ich ein schlechtes Gewissen, weil sie sich schon wieder um mich sorgt. Dabei wollte ich genau das vermeiden. Ying hat in den letzten Jahren wirklich genug für mich getan. Dass ich als Housesitterin tätig bin, verdanke ich nur ihr. Nie wäre ich von allein auch nur auf die Idee gekommen.
Ying: Apropos, weil wir vor kurzem drüber gesprochen haben: Das hier ist die Eventagentur, deren Inhaberin bei mir war.
Sie schickt einen blau gefärbten Link.
Ying: Ich kann euch einander vorstellen, wenn du willst. Die Agentur gibt’s noch nicht lange, und sie suchen händeringend erfahrene Leute.
Ich weiß, sie meint es nur gut, aber allein bei dem Gedanken, wieder als Eventkellnerin herumzulaufen, kommen die Erinnerungen schnell und schmerzhaft hoch. Ich, in schwarzer Uniform, mit festgetackertem Lächeln im Gesicht und flinken Bewegungen zwischen ausladenden Abendroben und wild gestikulierenden Herren. Ying, die eine weiße Bluse mit langen Ärmeln tragen muss, um ihre Tattoos zu verdecken. Nick, mein bester Freund, der mir vom anderen Ende des Raumes aus zuzwinkert. Die stummen Unterhaltungen, wenn sich unsere Blicke während der Arbeit treffen.
»Warst du schon bei denen?«
»Soll ich hingehen?«
»Unangenehm, mach dich auf was gefasst.«
Leise geflüsterte Worte, wenn wir unsere Tabletts auffüllen.
»So ein Kleid würde dir auch stehen.«
»Gott, das Parfüm, man erstickt ja fast.«
»Der Alte da drüben fällt gleich um, vielleicht geben wir dem besser nur noch Wasser.«
Nein. Eher würde ich mir in den Kopf schießen, als wieder als Eventkellnerin zu arbeiten. Ich blinzle die Bilder fort, bei denen mich gleichermaßen Wehmut und Schmerz überkommen, und nehme mir vor, erst einmal nicht mehr aufs Handy zu schauen. Manchmal ist es die einzige Lösung, die Augen vor den Dingen zu verschließen, die man nicht sehen will.
Ich stöhne frustriert. Gerade eben noch war ich endlich jemand anderes. Hatte mich der Realität erfolgreich entzogen, aber nun bin ich wieder ich. Denke daran, dass der Monat teuer war und es viele unvorhergesehene Ausgaben gab. Wie soll ich die mit einem Job als Online-Nachhilfelehrerin finanzieren?
Die nächsten Stunden verbringe ich damit, mich abzulenken. Ich mache einen Spaziergang am Meer, springe in den Pool, koche mir Spaghetti Frutti di Mare und nippe an meinem Weinglas, bis die Flasche leer ist. Doch obwohl ich noch immer in den Stoff einer fremden Frau gehüllt bin und so tue, als gehöre all das mir, fühle ich mich beschissen.
Bevor ich mich nach oben zurückziehe, hole ich mir deshalb eine weitere Flasche Wein und öffne sie. Trotz aller Freundschaft hat Ying meine Stimmung dermaßen ruiniert, dass ich sichergehen will, dass mein Glas für den Rest des Abends voll bleibt.
Oben angekommen, würde ich am liebsten heulen.
So ist es jedes Mal. Zu Beginn ist da nur pure Euphorie, Eskapismus der besten Art, aber dann holt mich mein Leben ein. Doch diesmal geht es schneller als sonst.
Träge schleppe ich mich ins Bad, wo mein Blick dem meines Spiegelbilds begegnet. Ich sehe nicht länger die Femme fatale mit den steifen Nippeln und den roten Lippen. Mein Pony klebt mir feucht in der Stirn, meine Brüste kommen mir lächerlich klein vor, und das Kleid, in dem ich mich vorhin so sexy, so schön gefühlt habe, erscheint mir nun wie ein Kostüm. Da bin nur ich. Die alte Cecilia.
Oder sollte ich sagen … die echte Cecilia?
Privatinsel der Waldners, Ostsee – jetzt
Ich sollte Johannes anrufen. Er ist der Einzige, der mich von meinen düsteren Gedanken ablenken kann. Aber er hat auf mein Foto noch nicht reagiert, und ich will ihn nicht nerven. Wenn man erst gut zwei Monate fest zusammen ist, versucht man noch, den Schein zu wahren. Er weiß nichts von meinen Geldsorgen, und vorerst soll das auch so bleiben, sonst zweifelt er womöglich an meinen Absichten.
Das würde mir gerade noch fehlen.
Stattdessen schreibe ich also Nick, meinem besten Freund seit der fünften Klasse und dem wohl einzigen Menschen, der mich – neben meiner Mutter – wirklich kennt. Ihn um Geld zu bitten, fällt mir nicht schwer. Er wird mich nicht verurteilen. Mir nicht sagen, dass ich mir einen anderen Job suchen soll. Er weiß, dass ich es wirklich versucht habe. Ich habe es von der Realschule aufs Gymnasium geschafft, habe studiert. Es sah wirklich gut aus – bis es das eben nicht mehr tat. Bis das Leben auf meine Zukunft geschissen hat.
Hey, wie geht’s? Könntest du mir 150 Euro leihen?
Ich weiß, dass er meine erste Frage nicht beantworten wird. Ihm geht es immer gut. Während es mir immer beschissen geht.
Nick: Natürlich. Alles okay?
Ich lasse das Handy sinken und starre in den Spiegel. Spüre Tränen der Wut und des Schmerzes in meinen Augen brennen. Das liegt am Wein. Wenn ich zu viel getrunken habe, werde ich immer sentimental, deshalb habe ich zu Hause auch nie Alkohol im Kühlschrank. Ich habe genug Tränen vergossen, will nicht mehr weinen.
Ich umschließe das Handy fester, als gäbe es mir den Halt, den ich längst verloren habe, dann gehe ich zur Badewanne hinüber, die in der Mitte des Raumes steht, und drehe das Wasser auf. Sie ist wunderschön, mit einem vergoldeten Hahn und elegant geschwungenen Klauenfüßen.
Trotz der lauen Abendluft, die durch die offene Balkontür strömt, stelle ich das Wasser so heiß ein, dass es dampft. Vielleicht lenkt mich das Brennen meiner Haut von dem Brand in meinem Herzen ab. Einen Versuch ist es wert.
Johannes: Wow, du siehst umwerfend aus. Wenn ich jetzt bei dir wäre, wüsste ich genau, was ich mit dir anstellen würde.
Ich lächle, spüre, wie mein Körper bei seinen Worten zu kribbeln beginnt. Mit Johannes ist alles leicht. Er kennt nur die Cecilia, die ich bereit bin, ihm zu zeigen. Die Cecilia, die ich gerne sein würde. Die Cecilia, von der ich sicher weiß, dass er sie begehren kann.
Manch einer würde vielleicht sagen, dass das keine gute Ausgangslage für eine Beziehung ist. Aber ich sehe das anders. Ich liebe mich selbst mehr, wenn ich nicht daran denke, was für eine Versagerin ich bin. Ich laufe gerne vor mir weg und flüchte mich in den Gedanken, dass ich mehr sein kann, als ich bin. Ich lasse ihn lieber mein Potenzial lieben als die triste Wahrheit. Was soll daran schlecht sein?
Außerdem … Man selbst zu sein, schützt einen nicht davor, verletzt zu werden. Menschen tun dir weh, nehmen keine Rücksicht, egal, ob sie wissen, was dich als Kind gebrochen hat, oder nicht. Sich zu öffnen, bedeutet immer auch, sich nackt zu machen, sich verletzlich zu zeigen. Und wofür? Damit das Gegenüber es leichter hat, einen zu zerstören? Nein. Ich werde mich nie wieder einem anderen Menschen so öffnen, wie ich es bei ihm getan habe. Diese Lektion habe ich gelernt.
Noch bevor ich auf die Nachricht antworten kann, klingelt mein Telefon.
Ich werfe einen Blick auf das Display.
Johannes Waldner
Ich muss lächeln. Fühle, wie mir das Herz in der Brust hämmert.
»Da hat es aber jemand eilig«, sage ich grinsend und bemerke erst jetzt, wie schwer meine Zunge ist.
Gott. Wie viel habe ich getrunken?
»Natürlich. Du kannst mir doch nicht so ein Foto schicken und dann denken, dass ich geduldig auf deinen Anruf warte.« Das Lächeln in seiner Stimme ist unüberhörbar.
Ich gehe zu den Fenstern, hole die Kerzen aus den dort aufgereihten Windlichtern, stelle sie auf den Rand der Badewanne und zünde sie mit dem Anzünder an, der danebenlag. Als mein Blick in die Dämmerung abdriftet, muss ich unwillkürlich an Daniels Worte denken.
»Lassen Sie sich von der Einsamkeit nicht täuschen …«
Der Gedanke, dass mich jemand beobachten könnte, während ich nur mich selbst sehe, beunruhigt mich. Aber dann besinne ich mich eines Besseren. Das hier ist die Art von Einsamkeit, in die niemand eindringen kann. Es gibt einen Grund, weshalb es in diesem Bad keine Vorhänge vor dem Fenster gibt: weil hier weit und breit keine Menschenseele ist, die hereinschauen könnte.
»Du hast recht, wie konnte ich dir auch nur einen Funken Selbstbeherrschung zugestehen«, antworte ich mit einiger Verspätung, während ich zurück zur Badewanne laufe und etwas Badeschaum hineingieße.
Johannes lacht. So rau und tief, dass ich mir einbilde, sein Lachen in meinem Brustkorb vibrieren zu spüren. »Stör ich eigentlich gerade? Klingt, als wärst du auf der Toilette. Sind wir in unserer Beziehung schon so weit vorangeschritten?«
»Was? Nein. Ich lasse mir gerade Badewasser ein.«
Wieder dieses Lachen, gefolgt vom leisen Rascheln einer Daunendecke. »Warum sagst du das erst jetzt?«
»Damit du mir zuhörst und nicht direkt anfängst, dir meinen nackten Körper vorzustellen.«
»Mhm. Also stehst du nackt im Bad?«
»Nein«, sage ich unschuldig. »Ich trage einen fliederfarbenen Spitzenslip.« Den seiner Mutter. Und ich trage auch immer noch ihr Kleid, aber meine Antwort gefällt ihm sicher besser.
»Oh, erzähl mir mehr«, murmelt er. Ich kenne diese Stimme, sie ist für faule Sonntage reserviert, an denen die Sonne die Fußsohlen kitzelt und ich in seinen Armen aufwache.
»Das hättest du wohl gerne.« Vorsichtig, um den teuren Stoff nicht zu beschädigen, schäle ich mich aus dem schweren Satin und der feinen Unterwäsche, ehe ich einen Zeh ins Wasser halte. Perfekt. Ein wohliger Schauer erfasst mich, dann steige ich vorsichtig in die Badewanne und sinke in das heiße Wasser.
»Stimmt, aber da du offenbar keine Lust auf ein dreckiges Telefonat hast, muss ich dich wohl fragen, wie dir das Haus gefällt.«
Grinsend lehne ich meinen Kopf an den Keramikrand, schließe die Augen. »Es ist wirklich unglaublich. Eure anderen Häuser sind ja auch schön. Aber das hier hat so ein romantisches Flair. Es könnte eines dieser Häuser sein, in das ein Schriftsteller fährt, um seinen Roman zu schreiben …«
»Du bist süß. Ich wusste, dass es dir gefallen würde. Ich war als Teenager oft mit meinen Eltern da, und ich habe es immer geliebt. Es gibt keinen Ort auf dieser Welt, der so ruhig ist.« Er zögert, atmet gepresst. »Aber ich erinnere mich auch, dass es gruselig dort draußen gewesen ist«, sagt er dann langsam, als wolle er herausfinden, ob es mir schon aufgefallen ist.
Ich schlucke, öffne die Augen. »Ja, wohl wahr. Alles hat immer zwei Seiten. Ich bin froh, wenn du morgen kommst.« Nicht nur wegen der Abgeschiedenheit, sondern auch, weil ich es kaum erwarten kann, ihn bei mir zu haben. Aber ich will nicht anhänglich wirken, deshalb behalte ich das für mich.
Für ein paar Sekunden antwortet mir nur die Stille, und ich nehme das Handy vom Ohr, um mich zu vergewissern, dass die Verbindung nicht unterbrochen ist. »Johannes?«
Er seufzt. »Hör mal … Darüber wollte ich mit dir sprechen.«
Ich blinzle, spüre, wie sich eine ungewollte Vorahnung anschleicht. »Was gibt es da zu sprechen?«, frage ich langsam, als könnte ich so seine Antwort hinauszögern.
»Ich, ähm … Ich weiß, wir haben das schon ewig geplant, aber ich werde es morgen wahrscheinlich nicht schaffen.«
Ich setze mich so ruckartig auf, dass Wasser und Schaum über den Rand der Wanne schwappen. Das kann unmöglich sein Ernst sein. »Was soll das heißen? Wieso nicht?« Meine Stimme klingt unnatürlich hoch, und ich hasse, wie verzweifelt mich das wirken lässt.
»Wir haben ein Problem mit einem unserer Werke in Frankreich. Ich musste runterfliegen und mir das ansehen. Ich bin gerade noch dort.«
Fuck. Er kann nicht kommen.
Das ist keine Option. Wir hatten Pläne. Ich hatte Pläne. Normalerweise besuchen mich meine Freunde, also Ying und Nick mit Anastasia, an den Wochenenden, wenn das Haus, das ich gerade sitte, mir zu abgelegen oder zu groß ist. Obwohl Johannes und ich geplant hatten, hier gemeinsam ein verlängertes Wochenende zu verbringen, habe ich auch immer den Gedanken gehabt, sie ebenfalls einzuladen. Johannes und ich sehen uns mittlerweile ziemlich regelmäßig, was es zunehmend schwerer macht, mich mit meinen Freunden zu treffen. Deshalb hatte ich überlegt, einfach beides miteinander zu verbinden, sie einander endlich vorzustellen. Doch mir hat der Mut gefehlt, es bei Johannes anzusprechen. Obwohl wir uns seit gut vier Monaten daten, sind wir erst seit zwei Monaten richtig zusammen. Was, wenn er nein gesagt hätte? Es ihm zu früh gewesen wäre? Um die Chancen für sein Okay zu erhöhen, hatte ich beschlossen, so lange wie möglich zu warten und ihn erst zu fragen, wenn er schon hier wäre – eingelullt von Entspannung, Alkohol und Sex. Die anderen habe ich vorsorglich gebeten, sich das Wochenende frei zu halten. »… betrachtet es als Einladung unter Vorbehalt«, habe ich gesagt. Tja, und jetzt –
Ich blinzle, atme ein paarmal tief ein und aus. Dann erst finde ich meine Stimme wieder. »Aber, Johannes … wir haben dieses Wochenende seit Wochen geplant«, sage ich mechanisch, als würde das etwas daran ändern. Als würde ihn das von seinen Pflichten als Geschäftsführer von Waldner & Co. Noble Furnishings entbinden. Es ist naiv von mir gewesen zu glauben, dass jemand, der Geschäftsführer eines erfolgreichen Unternehmens ist, das hochwertige Möbel für Großkunden aus der Hotellerie, dem Yachtbau und Ähnlichem maßanfertigt, einfach so mehrere Tage freinehmen kann. Es besteht immer die Möglichkeit, dass etwas dazwischenkommt.
»Ich weiß.« Das Bedauern in seiner Stimme ist unüberhörbar, sickert durch den Lautsprecher. »Es tut mir wirklich wahnsinnig leid, aber ich muss mich darum kümmern. Es geht einfach nicht anders, bitte verzeih mir.«
Ich umklammere den Rand der Badewanne, bis meine Nägel weiß werden, versuche, die Tränen hinunterzuschlucken, die mir hinter den Lidern brennen.
Beruhig dich, Cecilia. Mach es nicht kaputt. Es wird eine andere Gelegenheit geben.
»Ich verstehe das schon. Aber kannst du nicht vielleicht später kommen? Es ist ja immerhin erst Donnerstag«, unternehme ich einen letzten verzweifelten Versuch, unser Wochenende zu retten.
Er seufzt. »Ich versuche es natürlich, aber ich bezweifle, dass wir die Sache hier so schnell in den Griff kriegen.«
»O Gott, du willst mich wirklich in diesem Haus allein lassen?«, platzt es aus mir hervor. Am liebsten würde ich mich ohrfeigen. Es ist ja sozusagen irgendwie mein Job, in verlassenen Häusern zu wohnen. Wie kann ich ihm das also vorwerfen?
»Hör zu, darüber habe ich auch nachgedacht, und ich verstehe, dass dieses Haus nicht ohne ist, okay? Was ist denn, wenn du deine Freunde einlädst? Ich würde mich wohler fühlen, wenn ich wüsste, dass jemand bei dir ist.«
Dann komm doch her, würde ich am liebsten sagen, kann es mir aber gerade noch so verkneifen.
»Wenn jemand bei mir ist?«, echoe ich stattdessen. »Wieso?« Plötzlich wird mir eiskalt, obwohl das Wasser um mich herum noch immer dampft. Ich greife nach dem Weinglas und trinke einen großen Schluck, versuche gleichermaßen, die aufsteigende Furcht wie auch den Kloß der Enttäuschung hinunterzuspülen.
»Nicht weil es dort gefährlich ist oder so, da ist ja keine Menschenseele, nur … Wir haben ja schon festgestellt, dass es ein wenig gruselig ist, wegen der Lage. Ich glaube, du könntest dich besser entspannen, wenn jemand bei dir wäre. Außerdem hätte ich dann nicht so ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht bei dir sein kann.«
Ich lege den Kopf in den Nacken, schließe die Augen. »Vielleicht hast du recht. Ich schreibe ihnen mal«, murmle ich, die Stimme schwer von unterdrückten Emotionen. So bitter es auch ist, dass er nicht kommen kann, bin ich jetzt immerhin froh, die anderen gebeten zu haben, sich das Wochenende frei zu halten. So muss ich wenigstens nicht allein in diesem riesigen Haus mit den knarzenden Balken und seufzenden Treppenstufen bleiben.
»Gut. Sehr gut, dann kann ich beruhigt schlafen.«
»Na gut, dann ähm … gehst du wohl besser ins Bett. Vermutlich musst du morgen früh raus, oder?« Ich will jetzt allein mit mir und meiner Enttäuschung sein.
»Ja. Schlaf gut, Babe«, sagt er schließlich. »Und träum von mir. Ich kann es kaum erwarten, dich wiederzusehen.«
»Ich auch nicht«, hauche ich und wische die Träne weg, die sich aus meinem Augenwinkel gestohlen hat. »Bis morgen.«
»Bis morgen.« Er legt auf, und ich lasse das Handy auf mein Handtuch fallen, das auf dem Boden liegt.
Dann starre ich einen Moment an die Wand gegenüber, kämpfe gegen die Wut an, die in mir aufsteigt wie Magensäure. Doch bevor sie mich überfluten kann, greife ich nach dem Weinglas und spüle sie runter, ehe ich den Kopf an den Wannenrand lehne und die Augen schließe.
Es wird eine andere Gelegenheit geben, rede ich mir gut zu, während das heiße Wasser mir auf den Brustkorb drückt, meinen Herzschlag beruhigt.
Geistesabwesend fahre ich mit den Händen durch das Wasser, spiele mit dem Schaum und höre, wie einzelne Wassertropfen von meinem Finger hineinfallen. Plötzlich vernehme ich ein Knarzen. Wie einen unbedacht gesetzten Schritt auf einer alten Treppe.
Ganz ruhig. Das ist nur das Holz, ermahne ich mich und zwinge mich, die Augen geschlossen zu halten. Johannes hat recht, Gesellschaft täte mir gut.
Ich will mich schon über den Wannenrand beugen, um nach meinem Handy zu greifen, aber dann halte ich inne. Will mich doch noch nicht den Tatsachen stellen. Ich hatte mir das Wochenende so schön vorgestellt. Johannes und ich in diesem riesigen Haus. Der Geruch von Sonnencreme, die Zunge träge vom Aperol, die Glieder steif von zu wenig Schlaf und zu viel Sex. Dann wir beide Arm in Arm am Steg, während die anderen ankommen und uns vom Boot aus fröhlich zuwinken.
Ich lasse mich in den Tagtraum hineingleiten, sinke zurück in die Wanne und tiefer ins Wasser. Verliere mich in Gedanken daran, was hätte sein können und was sein wird, verdränge die Enttäuschung, indem ich mich der Realität entziehe.
