Die Hüterin der Quelle - Brigitte Riebe - E-Book

Die Hüterin der Quelle E-Book

Brigitte Riebe

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Beschreibung

Opulent, spannend, faszinierend!

Bamberg 1626: Als Marie den Krippenschnitzer Veit heiratet, hofft sie, das lang ersehnte Glück zu finden. Doch die Ehe bleibt kinderlos, und ihr Mann wird ihr fremd. In ihrer Verzweiflung wendet sie sich an die geheimnisvolle Heilerin Ava. Ein für beide Frauen gefährlicher Schritt, denn der Weihbischof der Stadt versetzt die Bürger mit seinem Hexenwahn in Angst und Schrecken…

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Seitenzahl: 743

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Zum Buch

Bamberg 1626: Der Hexenwahn des Weihbischofs versetzt die einst friedliebenden Bürger der Stadt in Angst und Schrecken. Doch Marie Sternen ist das Herz noch aus anderen Gründen schwer. Sie hat Veit geheiratet, den Krippenschnitzer aus Neapel, der nach dem Tod seiner Frau mit den Kindern Simon und Selina, die nach einer Krankheit taub geworden ist, in seine Heimatstadt Bamberg zurückgekehrt ist. Als Maries Ehe kinderlos bleibt, wendet sie sich in ihrer Verzweiflung an Ava, eine geheimnisvolle, schöne Frau, die in einem Bootshaus am Fluss wohnt. Sie bittet Ava um einen Liebeszauber. Doch auch sie kann Marie nicht helfen. Denn auch Ava liebt Veit - heimlich und verzweifelt.

Marie ahnt nicht, dass ausgerechnet in Selinas Händen alle Fäden zusammenlaufen, denn das Mädchen kann beinahe perfekt von den Lippen ablesen. Aber eben nur beinahe. Und so heckt Selina einen Plan aus, der schließlich sogar ein Menschenleben gefährdet. Ava und Marie sind gezwungen, ihre Kräfte zu vereinen  – im Kampf gegen den Wahn des Hexenbrenners.

»Wer für den Urlaub noch einen Schmöker mit Niveau sucht, hier ist er.« Augsburger Allgemeine

Zur Autorin

Brigitte Riebe, 1953 geboren, ist promovierte Historikerin und arbeitete zunächst als Verlagslektorin. Zu ihren bekanntesten historischen Romanen zählen Schwarze Frau vom Nil sowie die beiden erfolgreichen Jakobsweg-Romane Straße der Sterne und Die sieben Monde des Jakobus. Zuletzt erschienen im Diana Verlag die Romane Die Hexe und der Herzog und Die Prophetin vom Rhein. Die Autorin lebt mit ihrem Mann in München.

Inhaltsverzeichnis

Über den AutorWidmungInschriftErstes Buch - Schwarzer Mond
EINS
Copyright

Für Angelika

Was wir wissen, ist ein Tropfen, was wir nicht wissen, ein Ozean

ISAAK NEWTON (1643–1727)

Erstes Buch

Schwarzer Mond

EINS

Rekas Fiepen drang in ihren Schlaf und ließ sie unruhig werden. Als es immer durchdringender wurde, erwachte sie.

Im Traum war Ava mit ihm zusammen gewesen, wieder einmal. Sie hatte das Aroma von frischem Holz wahrgenommen, das von seinen Kleidern ausging, die Hitze seiner Haut. Ohne Forderung oder Ungeduld hatte er sich ihr genähert, mit wissenden Händen und einem schmerzlichen Zug um den Mund, den sie nicht zu enträtseln wusste, bis sie in seiner Umarmung verschwunden war. Ob der Krippenschnitzer heute auf den Wochenmarkt kommen würde?

Reka war verstummt. Stattdessen stupste er nun mit seiner Schnauze so lange gegen die Decke, bis sie die Hand ausstreckte und ihn streichelte.

»Du weißt genau, dass du nicht ins Bett darfst«, sagte sie, da war er schon neben ihr. Über den Winter war er mager geworden. Sie spürte die Rippen unter der Haut, als sie ihn berührte, betastete die dünnen Flanken, den eingefallenen Bauch. Sein Fell war feucht und verströmte einen unverwechselbaren Geruch. Er war ein Raubtier mit messerscharfen Zähnen, wenngleich er ihr gehorsamer folgte als ein Hündchen. Als Welpen hatte sie ihn gefunden, in einem verlassenen Fuchsbau, unten am Fluss, mit trübem Blick, halbtot vor Hunger. Sie hatte gewartet, ob die Fähe nicht doch zurückkam, aber als die Zeit verstrich und nichts geschah, nahm sie den Winzling an sich und trug ihn nach Hause.

Sie hatte richtig gehandelt, das wusste sie spätestens am nächsten Morgen, als sie beim Kräutersammeln im Wald entdeckte, was zwei unter Laub versteckte Ottereisen aus seiner Mutter gemacht hatten. Sie gab ihm einen Namen aus ihrer alten Heimat und sorgte dafür, dass er groß und stark wurde.

Die Leute aus der Stadt verstanden nicht, was sie verband. Sie wandten sich ab, wenn sie sie zusammen erblickten, manche voller Scheu, andere mit unverhülltem Widerwillen. Ava machte sich nichts daraus.

Egal, was sie tat, sie bot ohnehin Anlass zu vielerlei Spekulationen. Man munkelte, in mondhellen Nächten steige sie als Menschenfrau in die Regnitz, um anschließend als Otterweibchen das gegenüberliegende Ufer zu erklimmen. Sie trage ein Fellkleid, das sie abstreifen könne, sobald es Tag werde, verstünde sich auf die Sprache der Tiere. Mühelos wandere sie zwischen den Welten. Kein Kraut sei ihr unbekannt, sogar gegen Impotenz und Unfruchtbarkeit wisse sie den richtigen Trank. »Die Otterfrau« nannten sie die Leute in Bamberg, und sie war stolz darauf, betrachtete es als Auszeichnung, nicht als Beschimpfung, auch wenn es sie einsam machte.

Sie hatte aufgehört zu widersprechen, lange schon. Im Wald und am Fluss war sie zu Hause. Geschlossene Häuser mit engen, dumpfen Zimmern bereiteten ihr Unbehagen. Und sie liebte diese Tiere, ihre kraftvollen, gedrungenen Körper, die im Wasser heimisch waren, aber sich ebenso schnell an Land bewegen konnten.

Rekas Augen waren schwarz und lagen weit auseinander. Er legte eine Pfote auf ihren Arm, eine auffordernde Geste, die sie jedes Mal rührte.

»Das heißt, ich soll aus dem Bett, um endlich nach den Fischen zu sehen.« Er bekam einen liebevollen Klaps. »Und Recht hast du, ich bin die langweilige Grütze ebenso leid wie du!«

Sie schob ihn zur Seite und stand auf. Ein Windstoß fegte durch die Ritzen des Hauses, heulte durch Küche und Kammer. Ava fröstelte, als die überraschende Kälte mit kleinen Nadelstichen ihre Haut traf. Gestern Abend noch war es so mild gewesen, dass sie nackt unter die Decke geschlüpft war, und jetzt konnte es ihr gar nicht schnell genug gehen, das Winterkleid überzustreifen. Zitternd schlang sie zusätzlich ein Tuch um die Schultern.

Reka zwängte sich vor ihr durch die angelehnte Türe. Sie lief ihm nach und blieb nach ein paar Schritten stehen.

Ihre Lungenflügel füllten sich mit kalter Luft. Dabei war es schon Ende Mai, einige Tage nach Christi Himmelfahrt. Gestern noch hatte alles geblüht, war prall, voller Verheißung gewesen. Jetzt hatte Frost das Laub geschwärzt, mit weißen Linien die Konturen nachgezeichnet. Reif bedeckte das Gras, ließ ihre bloßen Füße taub werden.

Überall Zeichen der Zerstörung, abgestorbene Blumen, geknickte Zweige, winzige Schwarzdrosseln, die viel zu früh aus dem Nest gefallen waren und nun leblos am Boden lagen, verkrümmte, dunkle Federknäuel auf dem körnigen Eis.

Sie erreichten den Hollerbaum. Nackt reckten sich die Äste in den bleiernen Himmel; all die frischen grünen Blätter waren abgefallen, lagen nun schwarz und tot am Boden. Ava lehnte ihre Wange an den Stamm. In seinen Zweigen wohnen die Vorfahren, das hatte sie schon als Kind gelernt. Der Lebensbaum, der stets in Menschennähe wächst und zu kümmern beginnt, wenn ein Haus brennt oder eine Kapelle abgerissen wird. Mehr als alles andere war er für sie die Erinnerung an ein verlorenes Zuhause, an einen anderen Garten, in dem sie gespielt und gelacht hatten, unter den dunklen Dolden des Holunders.

Das war lange vorbei.

Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen. Dann tasteten ihre kräftigen Finger den Zweig entlang. Sie spürte erste Knospenansätze. Kraftvoll fühlten sie sich an, lebendig. Der Holler war ein Baum voller Wunder. Wenn sie Glück hatte, würde er sich erholen, und sie konnte den Kindern im Herbst Saft und Marmelade vorsetzen.

Der Gedanke an die fünf, stets zusammen und doch so unterschiedlich, brachte sie in Bewegung. Kuni, die drei Jungen und vor allem die Kleine, die sich ihnen als Letzte angeschlossen hatte, brauchten ein warmes Quartier, jetzt, wo die Kälte den Frühling so jäh in die Flucht geschlagen hatte, und sie würden hungrig sein.

Sie überschlug die Fischmenge, die sie für den heutigen Markttag vorgesehen hatte, und zog ein gutes Drittel davon ab. Lenz und Toni konnten mühelos für vier essen, und selbst Kaspar, der Jüngste, war in letzter Zeit kaum satt zu bekommen. Einer der Gründe, warum sie mit Bastians Hilfe bereits im Herbst den Räucherofen vergrößert hatte. Jetzt war er so stattlich, dass er die Rückseite des Schuppens füllte.

Bastian Mendel hätte gern noch mehr für sie getan, alles für sie getan, aber das konnte er sich aus dem Kopf schlagen. Denn da gab es auch noch Mathis, den sie lieber niemals zu genau fragte, woher er seinen Fang hatte. Sie war nicht zu kaufen, weder mit Fischen noch mit Schmeicheleien, und der wortkarge Fischermeister hatte diese Lektion ebenso lernen müssen wie der Wilderer, der nie um eine Ausrede verlegen schien.

Gestern war sie zu müde gewesen, um die Forellen und Schleien herauszunehmen und die Zander und Hechte abzuhängen. Jetzt holte sie das Versäumte nach, legte die Fische in zwei Körbe und freute sich, als sie noch eine Reihe fast vergessener Äschen entdeckte. Thymianduft erfüllte den ganzen Schuppen. Das Wasser lief ihr im Mund zusammen.

Rekas Stupsen wurde dringlicher. Sie warf ihm den kleinsten Fisch zu. Hungrig stürzte er sich darauf.

»Ich werde mich beeilen müssen«, sagte sie und ließ einen zweiten folgen, den er ebenso gierig verschlang, schließlich einen dritten. »Heute dauert ohnehin alles länger, darauf kannst du wetten. Auf dem Markt werden sie viel zu reden haben, jetzt, wo die Welt aus den Fugen geraten ist.«

Aufmerksam schaute Reka zu ihr hinauf. Ava war überzeugt, dass er jedes Wort verstand.

»Ja, ich möchte, dass er kommt«, sagte sie. »Ich wünsche es mir, mehr als alles andere. Obwohl ich ihn kaum kenne und so gut wie nichts über ihn weiß. Aber ich will sein Lächeln wieder in meinem Rücken spüren. Und sehen, wie seine Hände meine Fische anfassen, wenn sie schon nicht meine Haut streicheln.«

Unwillkürlich hatte sie sich bewegt, stieß sich dabei mit der Schulter am gemauerten Ofen und unterdrückte einen Schmerzenslaut.

»Natürlich wird Bastian eifersüchtig sein. Und Mathis könnte einen seiner Wutanfälle bekommen. Aber ich gehöre ihnen nicht. Und schließlich müssen sie es ja nicht einmal erfahren. Der Krippenschnitzer ist und bleibt mein Geheimnis. Mein wunderschönes, kostbares Geheimnis, Reka.«

Das Jungbier war verdorben. Pankraz Haller roch es, als er seinen Felsenkeller auf dem obersten Stephansberg betrat. Vier riesige Bottiche, und allen entströmte der gleiche Gestank. Betreten stand Georg Schneider, sein dienstältester Braugeselle, daneben.

Haller zog seinen Rock aus, krempelte die Hemdsärmel hoch. Jetzt störte ihn, dass das brokatbesetzte Wams so eng saß. An feiner Kleidung lag ihm nichts. Er trug sie nur, weil später eine Sitzung im Rathaus stattfand, an der er teilnehmen musste.

»Wie konnte das passieren?« Schimmel hatte sich abgesetzt, trieb träge im flackernden Licht der Öllampen auf der Oberfläche. »Am Brunnenwasser kann es nicht liegen. Das Quantum Malzschrot ist richtig bemessen, die Siedezeit stimmt. Die Würze war in Ordnung, als du sie bei mir geholt hast. Das habe ich selber überprüft. Woran liegt es also?«

»Drutenwerk!« Georg Schneiders mageres Gesicht wurde finster. »Habt Ihr nicht gesehen, was sie draußen alles angerichtet haben? Man sagt, der ganze Wein sei schwarz, am Stock verdorrt. In einer einzigen Nacht. Das ganze Korn erfroren – weit und breit.«

Der Braumeister schien ihn nicht zu hören. Der Gerstenvorrat war ausreichend. Eine Teuerung konnte ihn nicht schlimm treffen. Aber was war mit dem Hopfen? Seit Jahren schon bezog er ihn vor allem aus dem böhmischen Saaz; er hatte die stabile Qualität der gelblich grünen Dolden zu schätzen gelernt. Doch seitdem er darauf hoffen konnte, in absehbarer Zeit Hoflieferant zu werden, hatte er aus taktischen Gründen auch bei Bamberger Hopfenbauern gekauft. Und sie mussten ebenso von dem Kälteeinbruch betroffen sein.

»Braumeister?« Schneiders Stimme klang besorgt. »Ist etwas mit dir?«

»Nein. Nichts. Gar nichts.« Alles würde sich fügen. Wer so umsichtig zu wirtschaften wusste wie er, fand immer eine Lösung. »Du hast doch die Hefe verwendet, die ich dir angeschafft habe?«

Plötzlich vermisste er Marie. Alles hatte er mit ihr besprochen und beraten; manchmal hatte es schon geholfen, wenn er seiner Tochter einfach nur sagen konnte, was ihn bedrückte. Keine zweihundert Schritte trennten die Lange Gasse, wo sie mit ihrem Mann wohnte, vom Oberen Sand, wo sein Brauhaus stand. Und dennoch kam es ihm vor, als lebten sie in zwei verschiedenen Welten, seitdem aus seinem Mädchen die Frau von Veit Sternen geworden war.

»Ja. Natürlich. Ich habe ganz genau abgemessen. Fünfzehn Maß auf ein Gebräu von dreißig Eimern.«

Pankraz Haller war schon beim nächsten Punkt.

»War jemand außer dir hier? Jemand, der sich vielleicht unbemerkt Eintritt verschafft haben könnte?«

»Niemand. Zumindest kein menschliches Wesen«, verteidigte sich Schneider. »Der Schlüssel hängt an meiner Schürze. Immer.« Er dämpfte seine Stimme. »Aber du weißt ja, dass ich nicht gerne hier unten bin. Diese langen unterirdischen Gänge …«

»Was soll das Gerede? Wir Brauer profitieren am meisten von den Kellern unter der Stadt. Also hör auf damit. Irgendetwas muss den Gärvorgang gestört haben. Aber was könnte das sein?«

Haller tauchte einen Becher hinein, schöpfte ihn halb voll und hielt ihn seinem Gesellen unter die Nase.

»Es könnte am Transport liegen, an Temperaturschwankungen, an der Lagerung – an irgendetwas, was wir noch nicht wissen. Es gibt eine logische Erklärung dafür. Davon bin ich überzeugt. Wir müssen sie nur finden.«

Schneider wich zurück.

»Die Druten. Ich sag es dir doch. Und sie haben uns auch die Kälte beschert, dieses elende Hexenpack!«

»Mein Namensvetter Pankratius ist ein strenger Herr. Vielleicht hat er sich mit seinen eisigen Brüdern dieses Jahr einfach nur um ein paar Tage verspätet. Nein, unser Bier …«

»Lebendige Kröten werfen sie heimlich in den Sud«, fiel Schneider ihm ins Wort. »In Würzburg hat man sie dafür ins Feuer geschickt. Hast du nicht die Predigt am letzten Sonntag in Sankt Martin gehört? Dagegen kann nicht einmal der heilige Laurentius etwas ausrichten«, seine Hand fuhr zum Amulett, das er um den Hals trug, »geschweige denn ein Stück geweihte Kreide im Kessel …«

Pankraz Hallers Gesicht färbte sich rot.

»Davon wirst du schön die Finger lassen! Im Storchenbräu ist kein Platz für solchen Aberglauben. Sauberkeit, Genauigkeit und Fingerspitzengefühl, das sind meine Zauberworte. Und wer sich nicht daran hält, hat in meinen Diensten nichts verloren. Hast du das endlich kapiert?«

»Ja. Natürlich.« Er klang jämmerlich. »Aber was soll nun damit geschehen?«

»Wir fangen noch einmal an. Aber wir werden uns beeilen müssen. Wenn wir das Sommerbier nicht bald in die Eiskeller schaffen, haben wir nichts mehr zu verkaufen, wenn es warm ist.« Haller wirkte gelassen, auch wenn er es nicht war. »Ich muss zu einer Sitzung ins Ratshaus. Du lässt inzwischen beim Müller das Malz mahlen und bereitest einen neuen Sud vor. Sobald ich zurück bin, übernehme ich die Aufsicht.«

»Um dort den Druten für alle Zeiten das Handwerk zu legen?« Schneiders Tonfall war erwartungsvoll.

»Unsinn! Die Stadt braucht Geld. Und der Rat muss sehen, wo er es herbekommt. Die auswärtigen Schiffer werden es sich künftig mehr kosten lassen müssen, unseren Hafen anzulaufen. Unser Fürstbischof kommt uns teuer. Seine Treue zur Katholischen Liga lässt er sich am liebsten mit blankem Gold aufwiegen.«

»Warte. Geh noch nicht!« Schneider hatte ihn am Ärmel gepackt. »Mir ist gerade etwas Wichtiges eingefallen.«

»Ausgerechnet jetzt?«

»Hannerl vom Seelengässchen«, stieß er hervor. »Die Tochter der alten Hümlin. Natürlich, warum bin ich nicht gleich darauf gekommen?«

»Was ist mit der Frau?«, fragte Pankraz Haller.

»Tag für Tag kam sie, ihr Krüglein abzuholen«, sagte Schneider verlegen. »Sie hat mich gedauert, mit ihrem lahmen Bein. Weil sie doch ganz allein auf der Welt ist, seitdem man ihre Mutter damals …«

»Du hast ihr Bier geschenkt?«

Zaghaftes Nicken.

»Nur Reste. Das, was wir sonst weggeschüttet hätten. Aber irgendwann ist sie übermütig geworden und hat es regelrecht verlangt. Als stünde es ihr zu. Und als sie mich vor zwei Tagen wieder so dreist angegangen ist, da hab ich sie zum Teufel gejagt. Sie hat gekeift und gezetert und zum Schluss …« Er schluckte. »Sie hat uns verflucht. Den ganzen Storchenbräu mit Mann und Maus. Ihr haben wir dieses Schimmelgebräu zu verdanken, Braumeister. Sie ist schuld!«

»Es ist immer einfacher, Fehler bei anderen zu suchen, nicht wahr?« Pankraz Haller nahm seinen Rock und zog ihn an. »Da kann man sich das eigene Nachdenken sparen. Du weißt, was ich davon halte – gar nichts! Kümmere dich also lieber um das Malz. Und sei achtsam bei jedem Handgriff! Noch mehr verdorbene Sude können wir uns nicht leisten.«

Er hörte nicht mehr, was der Geselle hinter ihm murmelte. Er konnte auch nicht sehen, dass jener vor eine Wand trat, die im Halbdunkel lag. Vom Untergrund hoben sich rote Farbreste ab, Überbleibsel von Zeichen, die eine menschliche Hand vorlanger Zeit auf den groben Fels aufgetragen hatte. Schon bei seinen ersten Einsätzen als Lehrling im dunklen Felsenkeller, wo er vor Angst zunächst wie gelähmt gewesen war, hatte er sie entdeckt.

Georg Schneider streckte die Hand aus und berührte das magische Buchstabenquadrat, das kaum noch zu lesen war. Für einen Augenblick glaubte er die Kraft des Bannspruchs zu spüren und konnte wieder freier atmen.

Aber wie lange würde der Gegenzauber noch wirken?

Sie hasste es, wenn Veit sie aufforderte, das Hemd auszuziehen, so wie er es erst gestern wieder getan hatte. Unter dem Schutz des steifen Leinens fühlte Marie sich stark, und sie genoss es, wenn ihre Brustspitzen den Stoff streiften. Kaum jedoch war sie nackt, überfiel sie Scheu. Dann ging etwas in ihr zu, und je fordernder seine Hände, je drängender seine Berührungen wurden, desto mehr verkrampfte sie sich.

Von Anfang an hatte sie vermieden, bei ihm zu liegen, solange es hell war, aber inzwischen schützte nicht einmal die tiefste Dunkelheit sie vor diesen unangenehmen Gefühlen. Sie verabscheute ihren Körper, der schmal und mädchenhaft geblieben war. Die Zeit lief ihr davon, verhöhnte sie, dreister von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr. Andere in ihrem Alter wurden bereits Großmutter – und sie hatte noch kein einziges Mal geboren.

Veit machte sich nichts daraus, ja, er schien es nicht einmal zu bemerken. Er freute sich an ihrer hellen Haut, küsste ihre kleinen Brüste, vergrub sein Gesicht in ihren rotblonden Haaren. Für ihn war sie schön, und er sagte es ihr, wieder und wieder. Liebchen nannte er sie, Herzensschatz, Bettfüchslein und konnte nicht genug davon bekommen, Marie in immer neuen Varianten zu beschlafen. Manchmal ging er dabei so hemmungslos vor, so selbstvergessen, dass sie beim Gedanken daran noch am anderen Morgen erröten musste. Ihre Zweifel aber hielten sich und wuchsen sogar, je länger sie zusammenlebten. Am meisten quälten sie Marie nach solchen Nächten. Meinte er wirklich sie? Oder verlor er sich nur, sobald er eine Frau berührte?

Als er sie vor sechs Jahren Abend für Abend in der Gaststube des Storchenbräus angestarrt hatte, hatte sie sich in ihn verliebt. Damals hatte es nur vereinzelte Silberfäden in seinen Locken gegeben, die er sich immer wieder mit einer ungeduldigen Geste aus den Augen strich. Dass es jetzt fast ergraut war, stand ihm ebenso gut wie die schwerer gewordenen Lider, die seinem Blick etwas Schläfriges verliehen, von dem man sich allerdings nicht täuschen lassen durfte. Überhaupt waren seine Augen das, was sie als Erstes in Bann gezogen hatte: von einem hellen, zornigen Grün, das ein Kranz dunkler Wimpern noch leuchtender machte. Ich bin da, schienen sie zu sagen. Worauf wartest du noch?

Auch der Rest gefiel ihr, damals wie heute. Veit war ein stattlicher Mann mit breiten Schultern; seine Ausstrahlung schien jeden Raum heller zu machen. Seine tiefe Stimme passte dazu, weicher geworden durch eine fremdartige Färbung, die er wohl seinem langen Aufenthalt im Süden verdankte. Wie gemacht schien sie zum Werben, zum Schmeicheln und Kosen. Aber er konnte auch fluchen und losbrüllen, wenn ihm etwas nicht passte, und das tat er nicht weniger selbstbewusst.

Keiner hatte je solche Empfindungen bei ihr ausgelöst – nicht mehr, seit Adam nach Italien geflohen war.

Marie hatte sich einzurichten gewusst, nachdem ihrJugendtraum ein so jähes Ende gefunden hatte. Schließlich gab es als Tochter des Braumeisters und Ratsherrn Pankraz Haller genug zu tun. Und je mehr Zeit verstrich, desto deutlicher zeigte sich, dass der Vater alles andere als unglücklich über diese Entwicklung war. Sie war sein einziges Kind, das nach dem frühen Tod der Mutter alles für ihn wurde. Halb Bamberg zerriss sich das Maul darüber, dass er Marie beinahe wie einen Sohn behandelte.

Vater und Tochter scherten sich nicht darum. Ihm half es, dass er sie an seiner Seite wusste, und sie genoss die Freiheiten, die damit verbunden waren. Nicht einmal das Älterwerden hatte sie gestört. Und auch nicht besonders, dass sie als Einzige ledig blieb, wo doch inzwischen jede aus dem Kreis ihrer einstigen Freundinnen unter der Haube war.

So nah waren sie sich, so verbunden, dass oft ein Blick, eine Geste genügten. Sie sagten sich, was sie dachten. Ohne Scheu, ohne Zurückhaltung. Deshalb überraschte Marie es auch nicht, als Pankraz das Werben Veit Sternens direkt ansprach.

»Dass er dich will, ist nicht zu übersehen«, sagte er eines Abends zu ihr, als die letzten Gäste endlich gegangen waren. »Aber was ist mit dir? Bist du nur geschmeichelt, mein Kind? Oder brennst du auch?«

»Ich mag ihn«, sagte sie vorsichtig, plötzlich auf der Hut. »Die Leute sagen, er sei ein großer Künstler.«

»Das klingt ziemlich lau für meine kluge Tochter. Denn nicht die Leute werden das Bett mit ihm teilen, sondern du«, war seine unverblümte Entgegnung. »Du liebst ihn also, diesen welschen Sternen?«

»Ich will seine Frau werden, wenn du das meinst.«

»Vergiss nicht, er hat schon ein ganzes Leben hinter sich, unten in Neapel. Ein Leben, von dem du nichts weißt. Du kennst nur Bamberg. Den Storchenbräu. Und deinen alten Vater, der ohne dich sehr einsam sein wird.«

Bei seinen Worten stand Adam Thies wieder vor ihr, der Gastwirtssohn vom benachbarten Blauen Löwen, mit dem sie ihre Jugend verbracht hatte. Sie dachte an die scheuen Küsse, die sie am Fluss getauscht hatten, beide noch halbe Kinder. Sie mochte, wie er lachte. Wie er sich bewegte. Und sie liebte seinen wachen Geist, hörte gern und aufmerksam zu, wenn er ihr von seinen Studien bei den Jesuiten erzählte.

Bis zu jenem Abend, wo er ihr heimlich auf den Stephansberg gefolgt war. Was sie im Felsenkeller geredet hatten, zwischen den ordentlich gestapelten Bierfässern ihres Vaters, wusste Marie nicht mehr. In ihrer Erinnerung gab es nur Haut und Hände und einen jähen Schmerz, als er plötzlich von ihr abgelassen hatte.

Das war ihr Leben, das bereits hinter ihr lag wie eine bleischwere Ewigkeit, und sie würde es weiterhin für sich behalten, wie sie es schon so lange tat.

»Seine Frau ist tot«, sagte sie. »Sie liegt in ihrer Heimat begraben. Er hat sie geliebt. Und jetzt ist er zurück in Bamberg – und liebt mich.«

Italien hatte ihr einen Geliebten genommen. Jetzt gab das fremde Land ihr dafür einen anderen zurück, ausgerechnet jetzt, wo sie längst aufgehört hatte, noch damit zu rechnen. In ihren Augen eine Art ausgleichende Gerechtigkeit.

»Er ist gewohnt, zu bekommen, was er möchte, egal, was es ist. Männer wie er ändern sich niemals. Jetzt will er dich, die Erbin des Storchenbräus. Was aber, wenn er irgendwann seine Meinung ändert? Was wirst du dann tun – seelenruhig dabei zusehen, wie er um eine andere buhlt?«

»Mein Erbe spielt doch gar keine Rolle, Vater! Veit ist einsam. Das hat er mir gesagt. Und er ist kein armer Mann. Warum also sollte ich ihm misstrauen? Außerdem hat er zwei Kinder, die eine neue Mutter brauchen.«

»Ein Erbe wie deines spielt immer eine Rolle, Marie! Und auch die Mitgift, die du erwarten kannst. Ich dachte, wenigstens das hätte ich dir beigebracht. Betrachte die Angelegenheit doch einmal nüchtern: Sternen ist nicht arm, aber zu Reichtum wird ein Holzschnitzer wie er niemals gelangen. Also verbindet er das Angenehme mit dem Nützlichen: Er hält Ausschau nach jemandem, der ihm künftig die Kleider für seine Figuren sticheln kann, und du hast nun mal geschickte Hände. Was die Kinder betrifft«, sie hörte ihn ausatmen, »so ist der Junge schon fast so groß wie du. Der braucht bald ganz andere Dinge.«

»Aber Selina«, sagte sie heftig, »sie ist doch noch …«

»Das zornige kleine Mädchen«, er ließ sich nicht abbringen, doch seine Stimme war auf einmal voller Mitgefühl, »wirst du nicht retten können. Es gibt Wunden, die niemals heilen. Dagegen ist selbst ein so starker Wille wie der deine machtlos.«

Das Haus flüsterte. Sobald Marie die Augen schloss, konnte sie es hören. Jeder Raum steckte voller Geschichten. Am tollsten ging es in ihrer Kammer zu. Gesichter tauchten vor ihr auf und glitten wieder davon. In letzter Zeit schoben sich immer Francescas Züge vor alle anderen, das Gesicht von Veits erster Frau, das sie niemals gesehen hatte, das ihr inzwischen dennoch merkwürdig vertraut war.

Du denkst, er betrügt dich mit mir, dachte Marie. Ich weiß, dass du mich deswegen hasst. Doch du tust mir Unrecht, Francesca. Denn du bist tot, und ich lebe. Aber ich verstehe dich, besser sogar, als mir lieb ist. Mit welcher Frau wird er mich als Erstes betrügen? Kannst du mir das sagen? Oder hat er es längst getan?

Wir können uns nicht aussuchen, wen wir lieben.

Das hatte Adam damals zu ihr gesagt, im Felsenkeller, und sie zutiefst damit getroffen. Denn sie wusste im gleichen Augenblick, dass sie ihn für immer verloren hatte. Seine Worte enthielten eine Wahrheit, gegen die sie sich machtlos fühlte.

Jetzt erging es ihr schon zum zweiten Mal ähnlich, in mehr als einer Hinsicht. Mit ihrer Heirat hatte sie den Vater niemals verletzen wollen – und es dennoch getan. Sie hatte sich den Gegenpart zu ihm ausgesucht und konnte mit Veit nicht glücklich werden, genauso, wie er es vorausgesagt hatte. Manchmal hatte sie Lust, zu weinen und zu schreien, ihm zu sagen, wie Recht er gehabt hatte. Und dass sie davon träumte, zu ihm zurückzukehren, zu dem behaglichen, erfüllten Alltag im Gasthof Unter den Störchen, wo alles seine Ordnung gehabt hatte. Aber natürlich würde sie sich eher die Zunge abbeißen, als es laut auszusprechen.

Ja, es tat weh, wie Veit die Frauen ansah, hungrig, voller Neugierde. Als ob jede Einzelne sein Begehren wert sei. Und die Frauen reagierten darauf, unübersehbar. Sie plusterten sich auf, bewegten die Hüften, streckten die Brüste heraus. Plötzlich schienen sie von innen zu strahlen. In ihren Augen erwachten Träume zu neuem Leben. Nicht einmal alte Weiblein waren dagegen gefeit.

Veit lachte nur, wenn sie ihn darauf ansprach, und versuchte nicht einmal, es abzustreiten.

»Das will ich meinen, mein Herz! Ich studiere Gesichter, Leiber, Bewegungen. Nur so werden meine Figuren erst richtig lebendig. Und Frauen haben nun mal die viel ausdrucksvolleren Körper. Aber das muss ich meiner eigenen Frau doch nicht sagen, oder?«

Es war längst hell, doch Marie fühlte sich zu schwach, um aufzustehen. Veit war fort. Sie hatte ihn im Morgengrauen weggehen hören, vom Fürstbischof zur Jagd gebeten. Fuchs von Dornheim, seit drei Jahren weltlicher und geistlicher Herr über Bamberg, plante eine neue Krippe. Eine riesige, prächtige Jahreskrippe, die vielleicht sogar den Dom schmücken sollte. Um die Frömmigkeit der Menschen zu fördern, auf dieser katholischen Insel, mitten im protestantischen Feindesland.

Das war die Gelegenheit, auf die Veit gewartet hatte. Man hatte ihn mit Kleinkram abgespeist, seit er in die Heimatstadt zurückgekehrt war, viel zu lange für seinen Geschmack. Mehr als einmal hatte er seine Entscheidung bereut und sogar davon gesprochen, Bamberg zu verlassen und wieder in Neapel zu leben. Ein unruhiger Geist wie er war nicht mit kleinen Aufträgen zufrieden. Großes schwebte ihm vor, nie zuvor Gesehenes. Wenn jetzt endlich wahr würde, wonach er sich so lange sehnte, vielleicht würde er dann aufhören, von Italien zu träumen – und von anderem.

Jetzt, wo sie sich stärker bewegte, spürte sie plötzlich die Nässe zwischen den Beinen. Marie wusste, woran es lag, noch bevor sie das Blut auf dem Laken entdeckte. Wieder einmal hatte sie vergeblich gehofft. Wie jeden Monat. Es gab kein Ankommen dagegen, was immer sie auch versuchte. Ein starker Strom, als rinne das Leben aus ihr heraus, so fühlte sich an, was ihr geschah.

Und in gewisser Weise war es ja auch so.

Ihre Tränen waren versiegt, als sie später das Leinenzeug hinunter in die Waschstube brachte. Sie trug sogar das rote Kleid mit dem bestickten Mieder, das sich dank eines eingearbeiteten Polsters um ihre Hüften bauschte, und hatte in einem Anflug von Trotz die Silberkette mit dem großen Bergkristall umgelegt, die Veit ihr im vergangenen Sommer geschenkt hatte. Das Haar war gebürstet und mit einem Reif aus der Stirn genommen. Ihm gefiel es, wenn es lang und glänzend über ihren Rücken fiel, wie bei einer Braut, und sie es nicht wie die anderen verheirateten Frauen unter einer Haube versteckte.

Die Göhlerin, die ihr bei der Hausarbeit zur Hand ging, weil sie jeden Kreuzer dringend brauchen konnte, würde tun, was zu tun war. Es kam Marie entgegen, dass sie nicht bei ihnen wohnte, sondern abends zum Schlafen heimging. An ihren Blicken erkannte sie, dass die ältere Frau sehr wohl ahnte, wie es um sie stand. Aber Theres Göhler tratschte nicht. Was im Haus geschah, behielt sie für sich. Marie schätzte ihre Verschwiegenheit wie ihren Fleiß, den die Witwe immer wieder bewies.

Auch an diesem Morgen war sie nicht untätig gewesen, hatte den Ofen angeheizt, Wasser vom Brunnen hergeschleppt und zwei der hölzernen Bottiche gefüllt. Wieso noch länger warten? Es konnte ihr nicht schnell genug gehen, die persönliche Schmach loszuwerden.

Marie ließ das besudelte Laken hineingleiten und tauchte es unter. Die bauschigen, geschlitzten Ärmel störten sie dabei; mit ihnen zu arbeiten hieß, sie nass zu machen oder sogar ganz zu verderben. Manchmal wünschte sie sich, es gäbe Frauenkleidung, die einfacher und bequemer wäre. Als das Wasser sich rötlich färbte, verstärkte sich das Ziehen in ihrem Unterleib. Sie fröstelte. Eigentlich hatte sie schon den ganzen Morgen gefroren.

Etwas ließ sie zusammenfahren. Selina stand neben ihr und starrte mit unverhohlenem Interesse in den Trog.

»Dass du dich immer wie eine Katze anschleichen musst!« Sie fühlte sich ertappt, bloßgestellt wie ein Kind, das bei etwas Verbotenem erwischt wird. »Du wirst erst zufrieden sein, wenn ich eines Tages vor Schreck tot umfalle.«

Das Mädchen zuckte die Achseln und lächelte.

Marie hasste dieses Lächeln, das so wissend war, so hintergründig. Ein Lächeln, das sie ausschloss. Es würde kein neues Kind geben. Davon hatte Selina sich eben vergewissert. Auch künftig würde ihr niemand die Vorrangstellung beim Vater streitig machen.

Veits Tochter beherrschte die Kunst des Lippenablesens, aber wenn es darauf ankam, verstand sie nur, was sie verstehen wollte. Scharlach hatte sie taub gemacht, bald nach ihrer Ankunft in Bamberg. Seitdem konnte sie auf einem Ohr gar nichts mehr hören, auf dem anderen kaum noch, aber sprechen konnte sie, wenngleich es immer häufiger geschah, dass die Wörter in ihrem Hals stecken blieben oder seltsam verdreht herauskamen.

Marie wusste, dass Selina sich dafür schämte. Manchmal verstummte sie, tagelang. Aus Angst, sich zu blamieren, hatte sie immer ein Schiefertäfelchen bei sich, auf dem sie alles aufschrieb, was sie sagen wollte, wenn Simon nicht in der Nähe war.

Simon, ihr Dolmetscher. Der, der ihr immer geholfen hatte, die Welt zu verstehen.

»Geht es dir gut?« Selina betrachtete sie neugierig.

Hochgeschossen war sie über die langen Wintermonate. Unübersehbar an der Schwelle zur Frau. Davon zeugten die zarten Erhebungen unter dem Stoff, wenn auch die Nägel stets schmutzig waren. Nichts schien mehr zusammenzupassen, die Beine waren zu staksig, der Hals zu lang, die Lippen zu voll. Aber Selina würde schön werden, mit ihren dunklen Locken und den klaren blaugrauen Augen, auch wenn sie selber es noch nicht wusste. Oder ahnte sie es bereits? Marie hatte sie regungslos vor dem Spiegel kauern sehen, der früher ihrer Mutter gehört hatte.

»Nein«, sagte Marie. Veit hatte Recht. Sie sprach schlechter als noch vor einiger Zeit. Deutlich schlechter sogar. Er hatte jeden in der Familie beschworen, sie zu behandeln, als sei nichts geschehen, aber es war nicht einfach, wenn das Mädchen sich so verschloss. »Ich friere jämmerlich. Lass uns nach oben gehen und zusammen frühstücken. Vielleicht kann uns eine heiße Milchsuppe aufwärmen.«

»Draußen ist es wieder Winter.« Die Laute brachen aus Selinas Mund. »Nackte Bäume. Alle Blumen sind tot. Und die Vögel.«

»Du warst schon wieder unterwegs? So früh am Morgen – bei dieser Kälte? Ich möchte wirklich zu gerne wissen, wohin es dich immer zieht!«

Erneutes Achselzucken. Wieder jenes spezielle Lächeln. Und keine Antwort, natürlich nicht.

Selina hatte sich angewöhnt, zu kommen und zu gehen, ganz wie ihr der Sinn stand. Regeln und Verbote waren für sie wie zu enge Kleider, die sie bei der erstbesten Gelegenheit abstreifte. Versuchte Marie, sie deshalb zur Rede zu stellen, benützte sie ihre Taubheit als Schutzwall.

»Hab sie einfach nur lieb«, sagte Veit, wenn sie sich darüber beklagte. »Das ist das Allerwichtigste. Sie hat so Schweres durchmachen müssen. Und sie trägt es so tapfer! Wenn du nur etwas Geduld mit ihr hast, wird alles gut. Selina ist doch unsere kleine Tochter, Marie.«

Geduld – er hatte gut reden. Als hätte sie nicht schon fuderweise davon aufgebracht! Aber dass Selina nicht daran dachte, sie, die zweite Frau ihres Vaters, jemals als Mutter zu akzeptieren, das zeigte sie unmissverständlich, Tag für Tag.

Sie hatte dem Mädchen Lesen und Schreiben beigebracht, wie sie selber es auch von ihrem Vater gelernt hatte. Schon weil sie wusste, wie schwierig es für Selina sein würde, sich künftig zu verständigen. Aber welche Mühe war es gewesen, was für ein Aufwand! Mit tausend Listen hatte Marie versucht, Selina die richtigen Töne zu entlocken. Schließlich hatte sie sie in ihrer Verzweiflung vor einer brennenden Kerze lesen lassen, damit sie wenigstens den Hauch sehen konnte, den ihre Stimme verursachte, und Selinas Hand an den eigenen Kehlkopf gelegt, um die Schwingungen zu spüren.

Mit dem Ergebnis konnten beide zufrieden sein. Allem anderen jedoch verweigerte Selina sich.

Vergeblich bemühte sich Marie, sie zu einfachen Näharbeiten anzuleiten, damit sie irgendwann zusammen die Gewänder für die Krippenfiguren herstellen könnten. Aber das Mädchen zerbrach die Nadeln, zerriss feine Spitzen oder machte so große Stiche, dass sich nichts davon gebrauchen ließ. Niemand wusste, was wirklich in ihrem Kopf vorging. Der Einzige, der sie immer zu verstehen schien, war ihr großer Bruder.

»Wo steckt eigentlich Simon?«, fragte Marie. »Hat er deinen Vater auf die Jagd begleitet?«

»In der Werkstatt.« So viel geredet wie heute Morgen hatte sie schon lange nicht mehr. Selinas Finger flatterten. Marie wusste, dass sie damit sprechen konnte. Auf ihre Weise. Aber nur Simon war in der Lage, diese Botschaften zu verstehen. »Simone macht Hände. Immer nur Hände. Hände aus Holz. Große Hände. Kleine Hände. Er wird schon ganz krank vor lauter Händen.«

Als Einzige aus der Familie bestand sie darauf, ihn weiterhin Simone zu nennen. Selina hielt alles in Ehren, was an ihre italienische Heimat erinnerte, manchmal bockig, manchmal voller Wehmut. Wie sollte man dagegen angehen? In Neapel hatte das Mädchen noch die Vögel singen hören, das Rauschen des Meeres, Flötenklänge. Die Stimme ihrer Mutter, ihres Vaters, ihres Bruders. Stimmen, die sie liebte. Jetzt gab es für sie nur noch die Erinnerung daran.

»Dann wollen wir ihn lieber nicht stören. Kommst du nun?«

Selina gab kein Zeichen. Und wieder einmal fragte sich Marie, ob sie sie überhaupt verstehen wollte.

Kuni kannte sich aus. Deshalb hatte Kuni bei ihnen auch das Sagen. Eigentlich war es immer Kuni, die anschaffte, von jeher, und bislang war das auch in Ordnung gewesen. Sie war die Älteste von ihnen, und die Stadt war ihr vertraut bis in die verstecktesten Winkel. Kuni wusste, welcher Bäcker frühmorgens ein paar warme Wecken verschenkte, wo die besten Kirschen wuchsen, welches Kloster Armensuppe verteilte.

Und wenn sich auf redlichem Weg nichts beschaffen ließ, wusste Kuni, was sie tun mussten, um nicht zu verhungern. Niemand hatte schnellere Finger als sie, nicht einmal Toni, den ein lahmer Würzburger zum Diebstahl abgerichtet hatte. Ihm kam dabei zugute, dass er sehr klein war, viel zu klein für seine elf Jahre; wenn es auch beim Betteln half und beim Stehlen manchmal nützlich sein konnte, so trug er doch immer schwerer an dieser Last. Inzwischen war ihm sogar Kaspar über den Kopf gewachsen, der jüngere Bruder von Lenz. Vielleicht gerieten Tonis Geschichten deshalb immer weitschweifiger. Die anderen aus der Bande mochten sie schon nicht mehr hören, weil er sie schon so oft erzählt hatte.

Toni hatte die beiden Brüder vor zwei Jahren im Seelhaus kennen gelernt, der Aufnahmestelle für Waisen und Findelkinder am Kaulberg, und schon ein paar Wochen dort hatten ihnen genügt, um sich darüber zu verständigen, dass sie unter keinen Umständen bleiben wollten. Es lag weniger am kargen Essen und an den Prügeln, die man schon beziehen konnte, wenn man nur falsch guckte. Das viele Beten störte sie. Das eintönige Korbflechten. Vor allem aber, dass man in dem baufälligen Haus wie im Gefängnis eingeschlossen war.

Noch besser als reden konnte Toni singen. Er musste eine Melodie nur ein einziges Mal hören, um sie nachzupfeifen oder auswendig vor sich hinzuträllern, und manchmal tat er das den ganzen Tag. Anderen wurde sein ständiges Singen und Summen schnell zu viel, die Nonnen aber, die für die Kinder sorgten, hatten einen Narren an ihm gefressen. Ihre Augen wurden feucht, sobald Tonis klarer Knabensopran sich im dämmrigen Kirchenschiff in die Höhe schwang, aber mehr als einen Apfel zusätzlich oder einen Teller Grütze ab und zu war es ihnen trotzdem nicht wert.

Die Flucht war einfach, doch als sie draußen waren, erging es ihnen schlecht. Das Frühjahr war kalt und regnerisch, sie litten Hunger, und dann zog sich Kaspar bei einem Sturz auch noch die Wunde am Zeh zu, die nicht heilen wollte. Er aß nichts mehr, fieberte, redete wirres Zeug und wäre vielleicht sogar gestorben – hätte es nicht Kuni gegeben.

Kuni mit dem frechen Mundwerk, die plötzlich vor ihnen stand wie eine Erscheinung. Mit den klapperdürren Beinen und ihren zerzausten spatzenbraunen Haaren, die immer aussahen wie ein halb aufgelöstes Mäusenest.

Kuni, die auf alles eine Antwort wusste.

»Wir müssen es ausbrennen«, sagte sie, nachdem sie den Fuß gründlich untersucht hatte. »Oder wegschneiden. So bleiben kann es keinesfalls.«

»Woher weißt du das?«, fragte Lenz.

»Weil ich es eben weiß«, war die schnippische Antwort.

Da Lenz mit dieser Auskunft nicht zufrieden schien, beschloss sie, ihm etwas entgegenzukommen.

»Das hab ich mir von einem alten Bader abgeschaut«, erklärte sie.

Er gefiel ihr, mit seinen warmen braunen Augen und dem abgeschlagenen Vorderzahn, der ihm etwas Vorwitziges gab. Sehr sogar. Aber das brauchte er nicht zu wissen. Es war nicht klug, Männern zu zeigen, dass man sie mochte. Das hatte sie in ihrem kurzen Leben bereits gelernt.

»Und der kannte sich aus«, fuhr sie fort. »Ich bin eine Zeit lang mit ihm in der Gegend herumgezogen. Wir haben die Leute ausgenommen und manchmal sogar den Schweden ein Schnippchen geschlagen. War keine schlechte Zeit, alles in allem. So lange eben, bis sich was Besseres ergeben hat.« Sie war so schmutzig und zerlumpt, dass es nicht besonders glaubhaft klang. Aber die Angst um Kaspar ließ Lenz keine Wahl. Er klammerte sich an jede Hoffnung.

»Du wirst ihm doch nicht wehtun?«, sagte er. »Er weint, wenn es wehtut. Und dann muss ich auch weinen.«

»Das wird sich nicht vermeiden lassen. Aber ich weiß, was dagegen hilft. Habt ihr Branntwein?«

Lenz und Toni schüttelten den Kopf.

Sie zog einen kleinen Krug aus ihrem zerschlissenen Beutel, hob Kaspar leicht in die Höhe und setzte ihn an seinen Mund. Er hustete, als er das scharfe Zeug schmeckte, versuchte, sich zu wehren.

Das Mädchen war stärker als er.

»Trink«, sagte Kuni. »Sonst stirbst du.«

Irgendwann fiel Kaspars Kopf zur Seite. Sie nahm ihr Messer, zögerte aber plötzlich.

»Wir bleiben ab jetzt zusammen«, sagte sie. »Für immer. Das ist meine Bedingung. Sonst krümme ich keinen Finger. Seid ihr einverstanden?«

Lenz und Toni nickten.

»Dann schwört – bei eurem Leben!«

»Ich schwöre.«

»Ich auch.« Die Jungenstimmen klangen dünn in dem Kellergewölbe.

Kuni nickte, dann kniff sie die Augen zusammen, setzte das Messer an und schnitt.

Kein Wunder, dass Kaspar seitdem in abgöttischer Liebe an ihr hing. Es machte ihm nichts aus, dass seitdem an seinem zweiten Zeh das oberste Glied verkrümmt war. Beim Laufen störte es ebenso wenig wie beim Klettern, und wenn er seinen linken Fuß nur weit genug vorstreckte, fiel das Almosen häufig sogar größer aus.

Am großzügigsten zeigten sich die Jakobspilger, die sich mit ihren Pelerinen, Stöcken und den Krempenhüten vor dem Portal von St. Jakob zum Weiterwandern sammelten, nachdem sie in der alten Säulenbasilika die Frühmesse besucht hatten. Die meisten von ihnen hatten selber nicht viel. Aber ihm gaben sie trotzdem etwas, Brot, ein Stück Wurst, manchmal sogar ein paar Kupfermünzen. Kaspar passte sie ab und war stolz, wenn Kuni ihn dafür lobte. Überhaupt war alles in Ordnung, solange Kuni guter Laune war.

An diesem Tag jedoch war nichts, wie es sein sollte. Der Hagel hatte sie aufgestört; sie hatten umziehen müssen, mitten in der Nacht, und waren durchnässt und frierend herumgelaufen, bis sie endlich einen halbwegs trockenen Unterschlupf gefunden hatten. Aber auch dann war an Schlaf nicht mehr zu denken.

»Ich hab Hunger«, jammerte Lenchen. In ihren dunklen Augen standen Tränen. »Und Angst. Wo ist Ava? Ich will zur Otterfrau!«

»Morgen«, vertröstete sie Kuni. »Es ist zu kalt, um mitten in der Nacht durch die ganze Stadt zu rennen.«

Manchmal wäre sie das kleine Mädchen am liebsten wieder losgeworden. Lenchen machte die Bande langsamer und damit auch angreifbarer, zwang sie zu Kompromissen, die sie sonst vermieden hätten. Und sie weinte dauernd, entschieden zu viel für ihren Geschmack. Kuni hätte sie anschreien mögen und schütteln, damit sie endlich damit aufhörte. Wozu das Geplärre?

Die Dinge waren nun mal, wie sie waren. Daran musste man sich rechtzeitig gewöhnen. Sie selber war kaum älter gewesen, als sie lernen musste, auf der Straße zu überleben.

Andererseits brachte sie es nicht über sich, Lenchen wegzuschicken. Wo hätte sie auch hingehen sollen? Ihre Mutter war tot, einen Vater hatte sie niemals gekannt. Kuni und die Jungen waren alles, was sie hatte.

Kuni wirkte angespannt. Sie war blass, zerstreut, fahrig. Wie dunkle Sprenkel hoben die Sommersprossen sich von ihrem fahlen Gesicht ab. Sie kaute auf einem Halm, den sie immer wieder von einer in die andere Backe schob.

»Du willst also neue Sitten einführen?«, sagte sie langsam. »Hast du dir das auch gut überlegt?«

Tonis Mund wurde schmal, und Kaspar duckte sich vorsichtshalber, Lenz aber ließ sich nicht einschüchtern.

»Ich habe lediglich gesagt, dass wir beim Wochenmarkt nach Arbeit fragen sollten«, sagte er. »Wenn wir beim Zusammenräumen helfen, könnten wir …«

»Siehst du nicht, wie müde sie sind?« Kunis Kinn wies auf die beiden Jungen, dann auf Lenchen. »Die können sich kaum noch auf den Beinen halten. Kisten schleppen – das kannst du vergessen!«

»Dann machen eben wir es, du und ich«, sagte er mutig. »Und teilen mit den Kleinen, was wir bekommen.«

»Wir bleiben zusammen«, beharrte sie. »So war es vereinbart, falls du dich daran noch erinnerst. Das gilt für alle. Also auch für dich.«

»Sie könnten am Fischbrunnen auf uns warten«, sagte Lenz. »Vielleicht hat Toni Lust, ein bisschen zu singen? Wir holen sie dann später ab.«

»Bei dem Wetter? Vergiss es!«

»Ich weiß gar nicht, warum du heute so feindselig bist.«

Er war näher gekommen, so nah, dass ihre Hände sich fast berührten. Lenz war seit dem Winter ein Stück größer als sie, und dass er nun schräg auf sie herunterschauen konnte, gefiel ihr ganz und gar nicht. Ein Bild drängte sich in ihren Kopf, und obwohl Kuni es schnell wegschob, hinterließ es doch Spuren auf ihren Wangen.

Sie spie den Halm aus und zertrat ihn.

»Dann denk mal ganz genau nach! Ich weiß nämlich zufällig, was du heute Morgen gemacht hast. Als wir so lange auf dich warten mussten. Und du angeblich mit Milch für die Kleinen zurückkommen wolltest. Ich hab dich gesehen. Dich und deine Taube.« Ihre Stimme wurde höher. »Du kannst dich nicht unsichtbar machen. Auch wenn du es dir vielleicht einbildest.«

»Ach, das meinst du!« Er grinste. »Wir haben nur ganz kurz miteinander gesprochen. Der Donner hat sie geweckt. Wie uns auch. Und später …«

»Ach, dann kann sie jetzt auf einmal wieder hören und muss nicht mehr auf ihrer blöden Tafel rumschmieren?«

Kuni hasste es, dass sie nicht lesen konnte. Lenz hatte versprochen, es ihr beizubringen, aber bislang immer eine Ausrede gefunden, es nicht zu tun.

Er packte ihren Arm und zwang sie, ihn anzusehen.

»Sie ist nicht weniger wert als du, nur weil ihre Ohren nichts mehr taugen«, sagte er. »Selina hat gesagt, dass sie den Donner in ihrem Körper gespürt hat. Und ich glaube ihr. Außerdem geht es dich gar nichts an, mit wem ich rede. Und worüber.«

Der Ernst in seinen Augen machte sie befangen. Und nur noch wütender.

»Selina, deine kleine, zuckersüße Selina! Ist dir eigentlich noch nie aufgefallen, dass sie hässlich ist wie ein Sack Kröten? Wärst du nicht so verblendet, würdest du es selber sehen. Und wenn sie den Mund aufmacht, dann klingt es, als würde jemand sägen.« Herausfordernd sah Kuni zu Toni und Kaspar, aber niemand lachte, nicht einmal Kaspar.

»Wir sollten jetzt gehen«, sagte Lenz schließlich. »Sonst werden wir gar nichts mehr bekommen.«

»Dich treibt wohl die Sehnsucht, was?« Kuni hätte sich auf die Lippen beißen mögen, aber es war schon heraus. »Dann tu eben, was du tun musst«, schickte sie hinterher.

»Ava. Ich will zu Ava.« Lenchens Jammern setzte wieder ein. »Gehen wir doch zu Ava!« Rotz lief aus ihrer Nase. Ihr falbes Haar war voller Nissen. Sie fror in ihrem zerschlissenen Kleid und dem Umschlagtuch, das jedes Mal herunterglitt, wenn sie sich kratzte. Dass sie einen Rosenkranz um den dünnen Hals geschlungen hatte, ließ sie nur noch jämmerlicher aussehen.

»Gute Idee!« Das Wehklagen der Kleinen war der letzte Rettungshalm, an den Kuni sich klammern konnte. Und sie war dankbar dafür. »Ja, wir gehen zu Ava. Sie hat sicherlich ein paar Fische für uns aufgehoben. Wir essen uns satt – und später machen wir uns im Bootshaus ein gemütliches Bett. Kommt schon! Worauf wartet ihr noch?«

Sie hatte sich an alle gewandt, aber eigentlich nur Lenz gemeint.

Ein Blitzen in seinem Blick war die einzige Antwort, die sie erhielt. Wortlos. Scharf.

Kuni spürte plötzlich, wie schwer der Beutel war, den sie stets mit sich herumschleppte. Und wie tief die Fasern in ihre Schulter schnitten.

Der Markt wimmelte von Menschen, aber es wurden nur wenige Geschäfte gemacht. Besonders vor den Ständen der Zeiler Korbmacher drängten sich die Leute. Jeder wollte wissen, ob auch dort alles erfroren war, Wein und Korn und Gemüse.

Die Bamberger und die Bauern aus den umliegenden Dörfern hatten sich viel zu erzählen. Jeder wusste etwas beizusteuern zu dem Temperatursturz der vergangenen Nacht, konnte von einem besonders schlimmen Unglück berichten, von jemandem, dem der Kälteeinbruch auf tragische Weise mitgespielt hatte.

Manche hatten ihre Stände erst gar nicht aufgebaut, und die Marktbüttel, die herumgingen, um die Gebühren zu kassieren, zogen ein finsteres Gesicht, weil sie so wenig im Beutel hatten. Der Handel kam nur schleppend in Gang, weil viele Preise gestiegen waren. Manche zögerten, überhaupt etwas zu kaufen, andere rafften zusammen, was sie kriegen konnten, aus Angst, es würde in der nächsten Woche noch teurer sein. Am wenigsten geändert hatte sich bei den Pfefferküchlern und Striezelbäckern, die wegen der Kälte heißen Met anboten und regelrecht umlagert wurden.

Auch Ava konnte sich nicht beklagen.

Sie hatte ihre Fische in verschiedenen Körben angerichtet, die sich langsam leerten, während die Bettler, die den Platz umkreisten wie eine Schar hungriger Krähen, immer zahlreicher wurden. Sie hätte wetten können, dass auch die Kinder bald unter ihnen zu sehen sein würden. Wenn ihnen so kalt war wie ihr, brauchten sie wenigstens etwas Anständiges im Magen.

Ihr Platz nahe dem Fischbrunnen gestattete einen ausgezeichneten Blick auf den Stand eines Frankfurters, der einige Male im Jahr nach Bamberg kam, um hier seine Stoffe zu verkaufen. Nicht einmal heute musste er sich wegen des Umsatzes Sorgen machen. Wo bei den anderen nur gestikuliert und geredet wurde, konnte er Elle um Elle abschneiden.

»Hätt was Schönes für dich dabei«, sagte er, als zwei Kundinnen nach abgeschlossenem Handel zufrieden abgezogen waren. Sein feistes Gesicht hing wie ein Vollmond über dem engen Kragen. »Ein Rot, dem keiner widerstehen kann.« Seine Augen unter den buschigen Brauen verrieten ihn, so lüstern waren sie auf ihre Brüste gerichtet.

So widerlich er war, sie musste trotzdem lachen. Dutzende Male hatte sie ihn schon abgewiesen, aber er gab nicht auf.

»Meinst du, dazu brauch ich deinen Tand?«, sagte sie und rieb ihre kalten Hände aneinander. Sie hätte die dicksten Strümpfe anziehen sollen. Ihre Füße waren eisig.

»Das schadet keiner. Nicht einmal dir. Obwohl ich zugeben muss, dass du etwas hast, was anderen fehlt. Die Otterfrau, so nennt man dich doch hier. Die Fischer haben es mir erzählt. Möcht mal wissen, weshalb. Weil du so wild bist? So unersättlich? Was machst du eigentlich mit den Männern – frisst du sie bei lebendigem Leib auf, nachdem sie dich gehabt haben?«

Sie drehte ihm den Rücken zu. Sollte er doch reden, was er wollte! Sie wusste, wie man sich Männer vom Hals hielt. Und der Fettwanst war alles andere als eine Versuchung.

»Sie sagen auch, du schwimmst im Fluss, wenn es Nacht wird. Dabei würd ich dir zu gern einmal Gesellschaft leisten!«

»Mein Otter heißt Reka und hat scharfe Zähne.« Sie fuhr herum und zeigte ihm ein breites Lächeln. »Und eifersüchtig kann er werden, dass man fast Angst bekommen könnte. Ist dir noch gar nicht aufgefallen, dass so manchem aus der Fischerzunft ein paar Finger fehlen?«

»Musst nicht gleich böse werden! Ich rede eben gern mit dir. Und bis wir zwei Hübschen uns zu Jakobi wiedersehen, ist es noch eine halbe Ewigkeit.« Er ließ nicht locker. »Willst du mein Rot nicht wenigstens mal probieren? Mein Florentiner Spiegel könnte dir gute Dienste dabei leisten.«

Bevor sie protestieren konnte, war er schon neben ihr, wickelte ein paar Bahnen ab und drapierte sie über ihre Schultern. Dann drückte er ihr den Spiegel in die Hand.

»Wie eine Königin.« Sein Ton gestattete keine Widerrede. »Sag selber!«

Der Spiegel zeigte ein breites, bräunliches Gesicht, mit ausgeprägten Wangenknochen und dunklen Augen, die weit auseinander standen. Die Nase war kurz und gerade. Lippen, die zunächst spöttisch verzogen waren, dann weicher wurden. Das Rot stand ihr, keine Frage. Und der Stoff lag so zart auf der Haut wie eine Liebkosung.

»Seide«, seine Stimme vibrierte, weil er sie schon am Haken glaubte, »feinste, reinste Seide! Der Liebste könnt darüber vollständig den Verstand verlieren …«

Wo blieb er eigentlich? Sie hatte schon ein paarmal den Hals gereckt, weil sie glaubte, ihn in dem Gewimmel entdeckt zu haben. Aber der Krippenschnitzer war nirgends zu sehen. War alles doch nur Einbildung gewesen?

Seine Hände? Seine Worte?

Mit einer jähen Bewegung zog Ava den Stoff herunter und drückte ihn dem feisten Frankfurter in die Hand.

»Otterfett verdirbt jede Seide«, sagte sie. »Bis zum Jüngsten Tag. Hast du das nicht gewusst?«

Beleidigt zog er sich zurück. Für heute würde sie Ruhe vor ihm haben.

Bei jeder Bewegung schnitt das Stachelband noch tiefer in seinen Schenkel. Er begrüßte den Schmerz wie einen alten Freund. Zum ersten Mal seit Jahren hatte er es wieder angelegt und tief in sich eine Welle von Glück gespürt. Damals war er kreuz und quer durch die Diözese geritten, bis an die Grenzen Thüringens, um vom Glauben Abgefallene aufzurütteln und verlorenen katholischen Boden zurückzugewinnen.

Seine Mission war leider nicht so erfolgreich gewesen, wie er es sich gewünscht hätte. Denn in jener Zeit hatte es ihm an den richtigen Mitstreitern gefehlt. Glücklicherweise sah das heute anders aus. Sein Widersacher war erledigt, der Fürstbischof stand auf seiner Seite, und keiner, dem sein Leben lieb war, würde es wagen, ihn noch einmal anzugreifen, ihn, den Weihbischof Bambergs.

Was wichtiger war denn je.

Denn sie waren zurück. Nur eine knappe Woche nach Christi Himmelfahrt hatte die Teufelsbrut sich wieder gemeldet.

Anzeichen dafür hatte es genug gegeben, zuletzt die graue Katze, die plötzlich vor seiner Türe gesessen und ihn angemaunzt hatte. Er hasste diese Tiere, elende Nachtgeschöpfe, die nichts Besseres zu tun hatten, als ihn zu verhöhnen. Mehrmals war er versucht gewesen, Fuchs von Dornheim davon zu berichten – um es dann doch lieber zu unterlassen. Er wollte erst ganz sicher sein, Beweise haben, die keiner widerlegen konnte.

Friedrich Förner ließ die Perlen des Rosenkranzes durch seine Finger gleiten. Glatt und kühl war der Bergkristall, und er vermisste die Wärme der Korallen, die sich in seinen Händen immer so lebendig angefühlt hatten. Sie fehlten ihm. Seit er sie nicht mehr hatte, schien alles schwerer geworden.

Er begann sein Gebet.

Sein Herz gehörte der Himmelsmutter, seit er denken konnte, und die Zeit im römischen Germanicum hatte seine Liebe und Verehrung noch inniger werden lassen. Der himmlischen Jungfrau hatte er alles zu verdanken – sein Talent als Prediger, den scharfen Verstand, sogar das Amt, nach dem er sich so lange gesehnt hatte. Dem Jahreskreis nach wären heute die freudenreichen Geheimnisse an der Reihe gewesen. Die Ereignisse der vergangenen Nacht aber ließen nur die schmerzhaften Mysterien zu. Ohnehin fühlte er sich Maria am nächsten, wenn er sich in die Passion ihres Sohnes versenken konnte.

Sonst ließ der gleichmäßige Rhythmus des Sprechens seine Seele zur Ruhe kommen. Förner liebte das Murmeln, das die Welt draußen ausschloss und direkt in sein Innerstes zu dringen schien. Oftmals konnte er schon beim ersten Vaterunser die Tränen nicht mehr zurückhalten. Heute jedoch ließ die ersehnte Versenkung auf sich warten.

Riefen sie schon wieder nach ihm, jene Kräfte der Finsternis?

Und wenn schon – er war bereit, ihnen den Kampf anzusagen, mit allen Mitteln!

Durch den Kamin konnten sie nicht mehr, dafür hatte er gesorgt. Die neue Platte aus schwerem Eisen, in die er den Schmied die gekreuzten Palmzweige hatte punzieren lassen, versperrte den Weg. Außerdem lagen unter jeder Schwelle

Vollständige Taschenbuchneuausgabe 07/2010

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Seite 6 und 7: Gründtlicher abriß der Statt Bamberg, Kupferstich von Petrus Zweidler aus Teuschnitz, 1602 Umschlagmotive: © akg-images und © Blauel/Gnamm – Artothek Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich, Teresa Mutzenbach Herstellung: Helga Schörnig Satz: Franzis Print & Media

eISBN 978-3-641-10235-7

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