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Die Handlung spielt zwischen 1607 und 1635. Michael war Lateinschüler, kaufmännischer Lehrling, Trossjunge, Söldner, Fernhandelskaufmann. Im Dreißigjährigen Krieg hat er über lange Zeit sein Leben an der Bewusstseinsgrenze geführt – was ihm allerdings zu keinem Zeitpunkt klar gewesen ist. Seine Auseinandersetzungen mit Gott hat er möglicherweise verloren. Mit ihm hat er lange gehadert und sich über Sinn und Unsinn der Seele Gedanken gemacht. Was geschieht mit einem Menschen, wenn sich das Schicksal für ihn immer wieder brutal wendet? Will der "Held" immer noch das vorher erhoffte Leben fortführen? Kann der vor dem "unausweichlich widerfahrenden" begonnene Lebensweg überhaupt fortgesetzt werden? Hat das Geschehene den Charakter derart verändert, dass die Seele getötet worden ist? Kann ein Mensch seine Seele töten?
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Seitenzahl: 587
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Wilfried Stütze
Die ihre Seele töten
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhalt
Prolog
Teil I
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
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12
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Teil II
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Teil III
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Impressum neobooks
Celle, im Jahre 1607
„Verbrennt ihn! Hängt ihn auf“, grölte es aus der Masse vor dem Gefängnis. Eigentlich war es ein dunkles, feuchtes Kellerverlies im Rathausgebäude mit einem kleinen vergitterten Fenster zum Marktplatz hin, auf dem sich der Pöbel zusammengerottet hatte.
Durch das kleine Fenster konnte Miguel fast alles hören. Besonders taten sich offenbar zwei Männer hervor. Deren Stimmen übertönten zuweilen die anderen, als ob sie die Menge noch anstacheln wollten. Jetzt wieder: „Die Juden haben unseren Heiland ermordet! Auf den Scheiterhaufen mit diesen Juden!“
Es waren zwei Fuhrknechte, aber das konnte Miguel, in seiner Heimat wurde er Don Miguel Francisco y Dominguez gerufen, aus der Fensteröffnung heraus nicht erkennen. Auch nicht, dass der Lärm fast vierzig Leute angezogen hatte – und es wurden immer mehr. Inzwischen waren auch Menschen aus den oberen Ständen, sogenannte ehrbare Bürger, stehen geblieben und unterbrachen eine Weile ihre Besorgungen. Keiner wollte sich offenbar das Spektakel entgehen lassen. Selbst Kinder johlten im Beisein ihrer Mütter: „Saujude! Hexenmeister! Saujude!“ Sie ließen sie gewähren. Ein ganz gewiefter Händler nutzte die Gelegenheit und schlug ein Fass Bier an. Es herrschte eine Art Volksfeststimmung vor dem Celler Rathaus.
Mein Gott, Vater im Himmel! So ein langer Weg liegthinter uns, dachte Miguel. Die Flucht aus Cordoba, unserer südspanischen Heimat, die meine beiden Kinder und mich zuerst bis zu meinem Bruder Juan Salomon in die deutschen Lande nach Hamburg bringen sollte, dann weiter zu meinem Bruder Don Manuel Isaak nach Amsterdam in die Niederlande.Viele Juden, dachte Miguel weiter, hatten nach der großen Vertreibung am Ende des 15. Jahrhunderts ihre Heimat nach und nach verlassen. Für die verbliebenen „Neuchristen“ bedeutete damals die Inquisition mit ihren Scheiterhaufen eine ständige Gefahr, besonders, wenn sie im Verborgenen an ihren Bräuchen festhielten.
Das war auch mehr als hundert Jahre später noch so. Seine jüngeren Brüder waren deshalb schon vor vielen Jahren aufgebrochen. In Amsterdam, obwohl nur die calvinistisch-reformierte Glaubensrichtung zugelassen war, wurden Juden und Andersgläubige nicht verfolgt, aber auch hier durften sie ihren Glauben nicht öffentlich ausüben. Don Manuel Isaak, der sich wieder nur Isaak nannte, wollte eine Druckerei eröffnen, vielleicht sogar die erste hebräische Druckerei in Amsterdam überhaupt. Juan hingegen wollte Handel treiben. Er war eine Kaufmannsseele und wollte möglichst reich werden.
Miguel jedoch konnte oder wollte sich nicht von seiner spanischen Heimat lösen. Er dachte mit zunehmender Verbitterung darüber nach, ob er für den Tod seiner geliebten Frau Donna Inez letztendlich verantwortlich war. Die Häscher der Inquisition hatten sie ohne Vorwarnung als angebliche Hexe verhaftet. Die Gerichtsverhandlung und der Scheiterhaufen waren ihr gottlob erspart geblieben. Das Herz versagte noch im Kerker. Für diesen Umstand dankte er dem Herrn, aber seine Schuldgefühle wurde er nicht los. Die Anklage wegen Ketzerei war nur ein Vorwand, genau wie der Prozess in Celle eine Farce sein würde, sollte es denn dazu kommen.
Bis nach Celle habe ich es also geschafft, dachte er vor sich hin. Eine geraume Zeit waren Don Miguel und seine beiden Kinder dem uralten Pilgerweg nach Santiago de Compostela in umgekehrter Richtung gefolgt. So waren sie als Heimkehrer von einer Pilgerreise selten um eine Auskunft verlegen. Ab irgendeinem Zeitpunkt im Süddeutschen hatte sich dann ein Dominikanermönch an ihre Fersen geheftet. Er hatte eine fahle Gesichtshaut und dünne Lippen. Sie trafen ihn in fast jeder Herberge wieder. Offenbar funktionierte das Nachrichtensystem der europäischen Inquisition. Sie waren erleichtert, als sie ihren Verfolger im norddeutschen Braunschweig für kurze Zeit abschütteln konnten. Seine Kinder waren dadurch wahrscheinlich in Sicherheit. Sarah konnte er bei dem angesehenen Büchsenschmied Heinrich Schlachmann im Haushalt unterbringen und Alfonso im Geschäft des Buchdruckers Andreas Duncker. Beiden Kindern hatte er einen ansehnlichen Geldbetrag dalassen können, aus Sicherheitsgründen auch seinen Schatz, das Buch des Handelshauses Don Miguel. Die Informationen, die dieses Buch enthielt, waren die Grundlage für die Fortführung seines Handelshauses. Und mehr noch: Es würde sich die unbedingt erforderliche finanzielle Grundlage daraus ergeben. Plötzlich wurde Miguel etwas klar. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen.
Ich habe meinen Kindern bisher nicht verraten, um welche Informationen es sich handelt und vor allem nicht, wie sie diese im Buch überhaupt entdecken können, erschrak er. Andererseits, je weniger sie wissen, desto sicherer sind sie, dachte er schon etwas beruhigter. Unseren Verfolger haben wir immerhin in Braunschweig abgeschüttelt. Sarah und Alfonso - mein Gott, sie sind erst sechszehn und zwanzig Jahre alt - sollten nachkommen, sobald sie Post von mir aus Hamburg erhalten.
Alles war geplant. Um nicht aufzufallen, hatte er die Kleidung eines Fuhrknechts angelegt. Einen jungen Burschen und eine junge Frau, die in den Gassen bettelten, hatte er gegen einen für sie horrenden Lohn angeworben, mit ihm zu fahren. Eine Stunde vor Dunkelheit war es gewesen, als er mit seinem Fuhrwerk auf der mit Kopfstein gepflasterten Gasse zum Wendentor hinausgerumpelt war. Der Hauptmann der Bürgerwache kontrollierte gerade seine Wache ein letztes Mal, bevor das Tor geschlossen werden sollte. Die Wachsoldaten wunderten sich noch wegen der späten Stunde und er gab ihnen gerne Auskunft, dass er es mit seinen „Kindern“ noch bis zum Gut Steinhof vor den Toren der Stadt schaffen wollte. Dort würden sie natürlich nie angekommen. Seine falschen Kinder hatte er in einer Herberge bald darauf zurückgelassen. Vermutlich soffen und fraßen sie dort, bis kein Heller mehr übrig war. Sein Verfolger von der heiligen spanischen Inquisition würde erst am nächsten Tag seine Spur wieder aufnehmen können. So war sein Plan.
„Mein Plan hat nicht funktioniert“, schrie er zum Fenster seines Gefängnisses hinaus. Dieser verdammte Mönch schien zu wissen oder zu ahnen, wo ich hinwollte und hat einfach auf eine gute Gelegenheit gewartet, um mich töten zukönnen. Im Namen Gottes, fluchte Miguel.
Der Mönch hatte ihn mindestens vom Süden Deutschlands an verfolgt, aber alles war bisher einigermaßen gut gegangen. Selbst mit der Sprache hatte es kaum Probleme gegeben. Durch sein Handelshaus hatte er Geschäftsbeziehungen bis in die deutschen Lande, in die nördlichen vereinigten Niederlande und auch in den Osten des Kontinents hinein. In seiner Familie sprach man spanisch, deutsch, niederländisch und auch einigermaßen hebräisch. Auch die Kinder waren mehrsprachig aufgewachsen. Hebräisch wurde nur noch selten gesprochen. Seine Vorfahren waren conversos (Konvertiten). Nach der Ermordung Tausender von Juden Ende des 14. Jahrhunderts legten viele ihren Glauben ab und traten zum Christentum über. Da das nicht so ganz freiwillig geschah, trauten ihnen ihre Mitmenschen schon damals nicht. Vielfach durchaus zu Recht. Don Miguel und seine Familie waren im Grunde halbherzige Christen und halbherzige Juden. Sein Bruder Manuel Isaak allerdings wollte Jude sein und konnte es jetzt wohl auch wieder in Amsterdam.
Dass der Dominikanermönch es geschafft hat, mich zu finden, grenzt an ein Wunder, nahm er seine Gedanken wieder auf. Vielleicht auch nicht. Mit seiner komplett schwarzen, sehr einfach gehaltenen Kleidung eines Mönchs und dem groben Holzkreuz, das auf der Kutte baumelt, ist er als Kirchenmann leicht erkennbar. Er braucht nur den Hinweis zu geben, dass er als Ermittler der Inquisition im Auftrag des Papstes arbeitet und schon öffnen sich bestimmt viele Münder, trotz überwiegend evangelischer Bevölkerung hierzulande. Einen Juden wie mich trotz fortgeschrittenen Alters mit noch immer schwarzem Haar, schwarzen Augen und brauner Haut, einen inSpanien geborenen Juden zu verfolgen, hat bestimmt seinen triftigen Grund, werden sich die Leute gesagt haben.
Einen Grund für seine Verhaftung zu finden wiederum war auch nicht schwer. Zwei Kinder waren angeblich in Celle gestorben, nachdem er ihnen Teekräuter zugesteckt hatte. Das war natürlich Unsinn. Sie sahen völlig abgemagert aus, vermutlich litten sie an Schwindsucht. Vielleicht waren sie gestorben, vielleicht auch nicht. Der Tee, den er mitführte, wann immer er ihn besorgen konnte, sollte seinen nervösen Magen beruhigen. Den Kindern hatte er bestimmt auch gut getan. Sie sollen jedenfalls durch sein Hexenkraut gestorben sein. Die Gerichtsbarkeit der Stadt Celle und vor allem die Geistlichkeit und der Magistrat hatten offenbar keine Einwände, aus welchen Gründen auch immer, ihn verhaften zu lassen. Dass er eigentlich Christ sei, wie er immer wieder betonte, nahm man ihm nicht ab, wollte es wohl auch nicht.
Der Mönch hat ganze Arbeit geleistet, dachte er und blieb stehen. Er war die ganze Zeit in der Zelle hin und her gegangen. Zumindest hat man eine Voruntersuchung angeordnet, aber keiner wird mir helfen können oder gar Partei ergreifen. Ich bin eben verdächtigt, ein Hexenmeister oder zumindest ein Zauberer zu sein oder beides.
Natürlich wusste er genau, worum es eigentlich ging, warum ihn die spanische Inquisition oder besser der König von Spanien so konsequent verfolgen ließ. Viele südspanische Familien, nichtjüdische und jüdische, hatten sich zusammengeschlossen und die in erster Linie von den Niederländern bezahlten Kaperfahrer mitfinanziert, die wiederum die spanische Silberflotte, schwer beladen mit Silber aus den südamerikanischen Kolonien, ausraubten, wo immer sie gestellt werden konnten. Das Geld aber brauchte die spanische Krone, um den Landkrieg gegen die nördlichen Niederlande zu finanzieren. Die Familie Don Miguel Francisco y Dominguez war natürlich ebenfalls stark engagiert, wollte sie doch wie alle anderen Familien die Unabhängigkeit der Niederlande vom katholischen Spanien erreichen. Eine Republik, mit der sich gute Geschäfte machen lassen würden.
Es gab unterschiedliche Motive. Don Miguel hatte seine. Die führende Schicht in Amsterdam hatte im Jahre 1602 eine Kompanie, ein neues, so nie da gewesenes Unternehmen gegründet. Eine Aktiengesellschaft, die „Niederländische Ostindische Kompanie“. Don Miguel hatte seinen Bruder Juan per Boten beauftragt, für ihn eine Beteiligung in erheblichem Umfang zu sichern. Nachdem die Organisatoren verraten waren, vielleicht hatte ja so ein elendiger Kaperfahrer, der sich zur Ruhe setzen wollte, den Verrat begangen, machte es sich die spanische Regierung zum Ziel, alle bekannten Rädelsführer und ihre Familien zu vernichten.
Die hallenden Schritte auf dem Gang und das Öffnen der Zellentür holten Miguel aus seinen Gedanken in die Wirklichkeit zurück. Es waren drei. Einer hatte eine schwarze Ledermaske über den Kopf gezogen. Die Mundpartie und das Kinn blieben frei. Der ganze Mann wirkte auf ihn wie zwei Kugeln, die man aufeinander geschraubt hatte. Oben die kleinere und unten die deutlich größere. Dazwischen, also zwischen Rumpf und Kopf war nichts. Er sah einfach komisch aus. Wie ein Clown eben. Irgendetwas in seinem Inneren sagte Miguel, dass gerade von diesem so merkwürdig aussehenden Mann Todesgefahr ausging.
„Gehen wir, Hexenmeister“, knurrte der Dicke. „Der Magistrat will dich verhören. Zeitverschwendung! Pure Zeitverschwendung“, kam es aus ihm heraus.
Auch noch eine Fistelstimme zu diesem Körper. Miguel musste unwillkürlich lächeln.
„Das Lachen wird dir schon noch vergehen, Jude. Du wirst brennen“, grinste der Maskenmann.
„Na, dann gehen wir zum Schafott. Worauf wartest du, Knecht?“ Er sagte es ganz im Ton eines spanischen Grande, eben eines Don Miguel Francisco y Dominguez.
Nach einer kurzen verdutzten Kunstpause schnappten die beiden anderen ihn, nahmen ihn in die Mitte und brachten ihn aus dem Rathausgefängnis. Schon nach wenigen Minuten konnte er in der Ferne das Celler Schloss erkennen.
„Wo bringt ihr mich hin?“, fragte er seinen Bewacher zur Linken.
„Ins Kanzleigebäude zum Verhör und dann kommst du ins Weiße Haus, dort …“
„Sei nicht so geschwätzig“, fistelte der Dicke.
„Ist ja schon gut, Meister Hans. Ich wollte ja nur …“ Meister Hans, dachte Miguel. Er ist sicher der Scharfrichter. Der wollte sich nur seinen zukünftigen Delinquenten einmal ansehen. Die anderen beiden hätten auch gereicht, um ihn zum Verhör zu bringen – und dann ins Weiße Haus. Was immer das auch ist.
Der Gerichtssaal war ziemlich geräumig, vermutlich wurde er auch für Versammlungen anderer Art benutzt. Hinter einem etwa vier Meter langen Tresen saßen zwei Mitglieder des Magistrats, ein Schreiber und ein weiterer Mann, der sich als Esaias Pufendorf, Syndicus der Stadt Celle, vorstellen sollte.
Der Mönch ist nicht zu sehen. Er hält es in diesem Stadium nicht mal für nötig, dabei zu sein, dachte Miguel.
Er nahm noch wahr, dass Meister Hans mit einem Kopfnicken zum Tresen den Raum verließ. Dann sprach der Magistrat ihn an: „Euer Name ist Miguel Dominguez und euren Beruf gebt ihr mit Kaufmann an.“
Miguel erwiderte in bewusst ruhigem Ton: „Mein Name und Titel ist Don Miguel Francisco y Dominguez, aber Don Miguel genügt. Ich betreibe in der Tat ein weitverzweigtes Handelshaus. Man zählt mich zu den Fernkaufleuten, wie man in deutschen Landen zu sagen pflegt.“
Sichtlich ungehalten nestelte der Magistrat an seinen Papieren herum, erwiderte aber nichts.
„Nun, Don Miguel, die Bürgerinnen Magda Bertrams und Sophia Dammann beschuldigen Euch, ihre Kinder Hans und Otto verzaubert und mit einem Kraut getötet zu haben. Daraufhin hat der Rat der Stadt Celle, der auch Richter in bürgerlichen Angelegenheiten ist, Ihre Verhaftung angeordnet, um die jetzt folgende Untersuchung durchzuführen. Es wird ihnen also nichts weniger als Kindstötung vorgeworfen, mit Zauberei und dergleichen möge sich fortan ein anderes Gremium befassen. Der Syndikus wird Sie jetzt zur Sache befragen.“
Klang zwar alles vernünftig und professionell, sagte sich Miguel, aber warum wurde ich durch einen Scharfrichter abgeholt? Es ist alles ein abgekartetes Spiel und ich werde es verlieren, verdammt.
Nachdem Don Miguel seinen Vers aufgesagt hatte, dass er den Kindern nur Teekräuter geschenkt hatte, er sie also nicht getötet haben konnte, zog sich das Gericht zur Beratung zurück und er wurde in das Weiße Haus unweit des Kanzleigebäudes gebracht. Das Weiße Haus, sicher durch seinen weißen Anstrich, auch des Gebälks, so genannt, war in Celle ein Ort der Marter und Verhöre. In seinen Torturkellern und Martergewölben ging der Scharfrichter Meister Hans seinem Gewerbe nach. Nicht selten des Nachts legte er die Daumenschrauben an, hantierte mit spanischen Stiefeln und Haarseilen und weiteren schrecklichen Folterwerkzeugen. All das konnte Miguel nicht wissen, aber er ahnte es bereits.
Das Untersuchungsgefängnis in diesem Haus wird also fürdie nächste Zeit meine Bleibe sein, dachte Miguel, kaum dass er in seine neue Zelle gebracht wurde. Das Stroh war tatsächlich frisch, aber Ratten und Mäuse raschelten und die Feuchtigkeit kroch langsam in den ganzen Körper. Wenn man nur lange genug in diesem Loch steckt, geht man unweigerlichan Lungenentzündung oder sonst was ein, schüttelte sich Miguel. Na bitte, ein kleines vergittertes Fenster gibt es auch wieder. Ich bin dem allen hier ausgeliefert, dachte er. Der Mönch hat alles organisiert und mit Sicherheit die Familien der Kinder bestochen, in einer Höhe, die ihr Gewissen praktisch neutralisiert hat. Und wer weiß, vielleicht war es ja doch ein Zauberkraut, werden die Mütter sich beruhigt haben und ihre Kinder haben nur Glück gehabt.
Am zweiten Tag nach seinem Verhör wurde die Zellentür aufgeschlossen.
„Schalom! Der Herr lässt die seinen nicht im Stich.“
Ich muss schon eine ziemliche Weile auf diesem wackligen Holzklotz gesessen haben. Nicht mal das Aufsperren der Tür habe ich so richtig mitbekommen.
„Ich bin der Kaufmann Ibrahim Maintz. Meine Familie ist schon in zweiter Generation hier in Celle ansässig“, sprudelte der Mann los.
„Was kann ich für dich tun, Don Miguel Francisco y Dominguez?“
„Schalom“, erwiderte Miguel einigermaßen erstaunt über seinen Besuch. „Sag einfach Miguel.“
„Also gut, Miguel. Wie kann ich deine Lage erleichtern? Ich könnte Dir nicht verfaultes Essen und Wein bringen lassen. Die Wachen sind bestochen und ich genieße ohnehin hohes Ansehen in der Stadt. Ich bin Tuchhändler. Viele Bürger haben Schulden bei mir, aber ich drangsaliere sie nicht besonders. Die Geschäfte gehen einigermaßen gut.“
„Woher weißt du von mir und warum bringst du dich in Gefahr, indem du mich hier besuchst, Ibrahim Maintz? Warum willst Du mir überhaupt helfen? Woher kennst Du meinen Namen?“
„Wir Juden helfen einander, überall auf der Welt, das weißt du und es ist offenbar auch notwendig. Alles andere später. Ich werde wenig genug für dich tun können.“
Ibrahim kleidet sich nicht wie ein Jude, eher wie einhiesiger Kaufmann, schätzte Miguel ihn ab. Der will wohl so wenig wie möglich auffallen. Seine große krumme Nase allerdings verrät eindeutig seine Herkunft. Zu Hause, im Kreise seiner Familie, wird er vermutlich seinen langen Kaftan mit den weiten gemütlichen Ärmeln tragen. Ich sollte ihm nicht sagen, dass meine Familie schon seit Langem konvertiert ist.
„Mach Dir keine Sorgen, ich habe da meine Mittel und Wege“, sagte Ibrahim.
Juden haben immer Mittel und Wege, dachte Miguel. Fast immer.
„Kann ich dir also einen Wunsch erfüllen? Sie werden dich hier nicht mehr rauslassen. Der Mönch sorgt dafür, nach allem, was ich höre.“
„Ja, ich weiß. Ich habe da einen Wunsch Ibrahim, einen großen Wunsch. Ob du das hinbekommst?“
„Rede schon.“
„Bring Papier, ausreichend. Und Feder und Tinte. Tisch und Stuhl wären auch nicht schlecht, um besser schreiben zu können. Und vor allem, du müsstest den Schreiber spielen. Mein rechtes Handgelenk ist angebrochen, dabei hat der Prozess noch gar nicht begonnen. Der Folterknecht hat mich aber schon mal besucht, genau wie du“, grinste er.
„In deiner Situation noch Humor zu haben - alle Achtung. Du kannst deinen Don nicht verbergen. Da nützt auch deine Fuhrknechtskleidung nichts. Ich werde sehen, was sich machen lässt, Don Miguel Franc …“
„Sag Miguel zu mir. Da wäre noch etwas. Ich habe vor meiner Verhaftung beim Kaufmann Herziger, der auch die Geldgeschäfte hier in Celle betreibt, Dokumente hinterlegt. Weißt du, ich wollte sie nicht in der Herberge haben. Meine Kinder sollen sie zusammen mit dem Brief erhalten.“
„Schon gut. Wird erledigt. Mach dir keine Sorgen.“
Ibrahim hatte es tatsächlich geschafft. Wie ein Jude das eben schafft. Sie wählten immer den frühen Morgen zum Schreiben, um sicherzugehen, dass kein Verhör stattfand. Das hohe Gericht bemühte sich immer erst am Nachmittag. Er konnte den Brief also diktieren, seinen letzten Brief an die liebsten Menschen, die er noch hatte – Sarah und Alfonso. Seine Frau und seine Eltern waren tot. Vielleicht würden seine Brüder eines Tages von seinen Kindern benachrichtigt, wenn Gottes Wege es so wollten.
Am nächsten Tag kam der Syndikus und teilte ihm mit, dass man die Leichen der Celler Kinder durch den Amtsarzt öffnen werde, um festzustellen, ob sie tatsächlich vergiftet wurden. Zwei eingeschworene Zeugen, Barbiere, würden anwesend sein. Danach würde der Rat entscheiden, ob und in welchem Umfang es zum Prozess kommt.
Niemand konnte wissen, wie der satanische Mönch allen mit der Verfolgung der heiligen Inquisition gedroht und sie eingeschüchtert hatte und schließlich doch mit Geld ruhig gestellt hatte.
„Man gibt sich Mühe“, murmelte Miguel in seinen schon ziemlich langen Bart hinein.
Er selbst konnte es nicht sehen, aber mit seinen schwarzen Haaren und dem länger werdenden Bart sah er einem Zauberer immer ähnlicher.
Ibrahim wurde in die Zelle geführt und Miguel konnte seinen Brief weiter diktieren. Als sie sich für den Tag verabschieden wollten, druckste Ibrahim ein bisschen herum. „Was gibt es Ibrahim? Du willst mir doch etwas sagen.“
„Ja. Du fragtest mich am ersten Tag, woher ich deinen Namen und deine Umstände kenne. Nun, vom Syndikus Pufenberg höchstpersönlich. Wir pflegen einen persönlichen Kontakt. Er versorgt mich mit Informationen aus dem Rat und ich bessere sein mehr als klägliches Gehalt gelegentlich auf. Er hat sieben Mäuler zu stopfen.“
Unwillkürlich musste Miguel an Alfonso und Sarah denken. Sie sind auf sich alleine gestellt und …
„Pufenberg hat mir die weitere Prozedur erklärt, soweit ich sie nicht ohnehin kannte. Er denkt auch, dass hier übelste Bestechung im Spiel ist. Die Obduktion der Kinder wird ergeben, dass die Kinder nicht vergiftet worden sind.“
„Na, dann wäre ja alles klar“, sprang Miguel verwundert von seinem Stuhl hoch.
„Eben nicht. Die Kinder sind ja angeblich tot, also hast du sie in den Augen des Gerichts durch einen Zauber zu Tode gebracht. Du wirst der Zauberei angeklagt werden.“
„Ein Hexenprozess", brüllt Miguel los. Dieser verfluchte Dominikaner leistet gute Arbeit für seinen König.“
„König?“
„Ach, vergiss es, Ibrahim.“
Er setzte sich wieder auf seinen Stuhl und fühlte zum ersten Mal, dass er schwächer wurde, seelisch schwächer. Bisher konnte er viele seiner Ahnungen verdrängen.
„Ja, in diesem Fall wohl ein Hexerprozess mit allem, was dazugehört. Im Volksglauben tief verwurzelt ist ja die Meinung, wir Juden raubten christlichen Kindern das Blut. Pufenberg sagt, nachdem man Anklage erhoben hat, wird man dich zu einem Geständnis auffordern. Nachdem du nicht gestehen wirst, kommt die nächste Stufe.“
„Die wäre?“
„Man zeigt und erklärt dir die Folterwerkzeuge. Sie sind gleich hier nebenan im Martergewölbe. Sie nennen diesen 1. Grad Territion, die Androhung der Folter.“
„Stur nach Vorschrift, was?“
Miguel hatte seine Fassung wieder gewonnen. Jedenfalls gab er sich Mühe.
„Wo es einen 1. Grad gibt, gibt es auch einen 2.“
„Ja, und einen 3. Beim 2., der sogenannten Reaterrition, wirst du gefesselt und die Foltergeräte werden angelegt. Gestehst du immer noch nicht, beginnt der 3. Grad, die Folter.“
„Eine interessante Vorlesung Ibrahim, du wärst ein guter Dozent geworden“, klang es bitter.
„Es tut mir leid, Miguel, aber ich dachte, es ist besser, du weißt, was auf dich zukommt.“
„Mir tut es leid, ich war ungerecht. Ich möchte mich schon heute bei dir bedanken, Ibrahim. Wer weiß, ob ich noch dazu komme.“
„Das wirst du. Der Brief ist auch noch nicht zu Ende geschrieben.“
„In der Tat, wir müssen uns beeilen. Bereite zu Hause einen Schuldschein über fünfhundert Braunschweiger Taler vor. Ich werde ihn dann bei deinem nächsten Besuch unterschreiben. Dann bringen wir auch den Brief zu Ende. Meine Kinder werden den Schuldschein einlösen, wenn du ihnen den Brief und die Dokumente übergibst.“
„Das ist zu viel Miguel. Du weißt, ich würde auch so …“
Die weiteren Worte hörte Miguel nicht mehr. Er dachte, die Summe muss groß genug sein, damit Ibrahim den Brief auf jeden Fall besorgt. Es ging ihm schließlich nicht nur um seine letzten Worte und Gedanken an seine geliebten Kinder, sondern auch um die wertvollen Dokumente.
Der Tag der ersten Folter war gekommen. Der Ablauf war genauso, wie ihn Ibrahim „doziert“ hatte. Nur das Gericht war bei der eigentlichen Verhandlung um einen Geistlichen, den Pfarrer der Stadtkirche und einen fahlgesichtigen Dominikanermönch erweitert. Dessen ungewöhnliche Blässe war Miguel schon in den Herbergen aufgefallen. Der Mönch trug neben seinem Kreuz, das um seinen Hals hing, noch eine weitere Kette mit einem Anhänger daran. Ein kleiner Anhänger, aber Miguel erkannte ihn genau. Es war das Symbol der spanischen Inquisition. Ein Kreuz, aus zwei groben Ästen dargestellt, rechts davon ein Schwert mit dem Knauf auf dem Boden stehend, links dann ein kleines Olivenbäumchen. Den Text, der um das Amulett herum stand, konnte er zwar nicht lesen, aber er kannte ihn auch so. Exurge Domine Et Judice Causam Tuam – Psalm 73.
Meister Hans, sein Henkersknecht, holte ihn später persönlich ab. Sie gingen in das Martergewölbe. Die Foltergeräte und den Raum kannte er ja schon, aber heute war alles anders. Es hingen mehr Fackeln an den Wänden. In einem Feuerkorb glühten Kohlen. Zwei Gehilfen von Meister Hans hielten Eisenstangen in die Glut. Er war seinem Schicksal ausgeliefert. Was sollte er auch tun? Hexen, Brandstifter und Zauberer wurden nach ihrem Geständnis verbrannt. Gestand er nicht, das war bisher der Fall, würde man ihn foltern, bis er gestand. Ibrahim hatte ihn genau aufgeklärt.
„Na, Zauberer, dann nimm mal Platz“, fistelte Meister Hans.
Er würde alles an Willenskraft aufbieten, um nicht zu gestehen, nahm sich Miguel vor, während er auf die Folterbank gedrückt wurde. Ehe er sich versah, bekam er Daumenschrauben angelegt. Der Druck war kaum noch auszuhalten.
„Ihr elendigen Hunde“, schrie er. Nur um zu erreichen, dass die Schrauben von seinem dickwanstigen Henkersknecht noch weiter angezogen wurden.
Miguel versuchte, an seine Heimat zu denken. Das Leben in Cordoba. Es ging nicht lange.
„Aufhören! Aufhören!“ Er spürte nichts mehr in den Händen, vermutlich waren die Nervenbahnen durch das Zerquetschen der Finger abgetrennt. Ich kann noch denken, stellte er mit einem Mal erstaunt fest.
„Hast du die Kinder verzaubert und getötet? Gestehst du oder möchtest du zu den Daumenschrauben noch die Beinschrauben spüren? Es sind übrigens spanische Daumenschrauben, Jude. Die müsstest du doch kennen, oder?“
Der Henkersknecht arbeitet eindeutig mit dem Mönch zusammen. Woher sollte er sonst solche Details kennen, ging es Miguel durch den Kopf. Trotzdem, nicht aufgeben. Ibrahim hatte ihm gesagt, dass eigentlich nur eine Viertelstunde gefoltert werden durfte. Eigentlich. Er spürte das Blut aus den Fingern tropfen und dachte noch: Spanische Daumenschrauben. Welche Ironie.
Als Miguel die Augen aufmachte, sah er als Erstes Ibrahim. Irgendwie ist er immer dann da, wenn ich aufwache, dachte er und spürte sofort seine Schmerzen. Höllische Schmerzen, aber die Blutung hatte offenbar aufgehört.
„Komm, ich halte dir den Becher. Trink etwas. Und essen musst du auch. Ich habe Hühnersuppe dabei.“
„Wozu Ibrahim? Entweder ich brenne oder sie foltern mich zu Tode.“
Ich soll vermutlich zu Tode gefoltert werden, dachte er, sonst hätte schon längst der Scheiterhaufen gebrannt. Der spanische katholische Inquisitor in der Verkleidung eines Dominikanermönches fürchtet vermutlich doch politische Verwicklungen oder ein Scheitern seines Vorhabens. Immerhin sind wir hier im Herzogtum Braunschweig–Lüneburg, nach der Reformation überwiegend evangelisch, was den Rat der Stadt offenbar nicht davon abhält, wegen angeblicher Zauberei mit Todesfolge foltern zu lassen. Der Fürst jedenfalls hält es eher mit dem dänischen König, um mitzuhelfen, Norddeutschland vor dem Zugriff der katholischen Seite zu bewahren. Bestechliche Folterknechte aber werden das Werk schon vollbringen, egal ob katholisch oder evangelisch. Hans ist ja offenbar besonders eifrig.
„Miguel, höre, was Pufendorf sagt. Er war übrigens ganz erstaunt darüber, dass du nicht gestanden hast. Das kommt fast nie vor. Also, noch eine Vorlesung. Das Carolina, also das Strafgesetzbuch, schreibt vor, dass die Todesstrafe nur bei nachgewiesenem Schadenzauber zu verhängen ist. Wenn es also gelingt, die Folter zu überstehen, ist man vom Verdacht der Zauberei befreit.“
„Ibrahim, ich habe die Folter überstanden, wenn auch ziemlich lädiert.“
„Ja“, antwortete Ibrahim ungewöhnlich leise für seine Verhältnisse, „Pufendorf hat mir aber auch von einer Besprechung des Gerichts berichtet, in der genau dieser Umstand das Thema war. Er selbst hatte wahrheitsgetreu die Carolina zitiert, nicht zuletzt um dir zu helfen, oder mir. Du weißt ja, meine Zuwendungen. Der Mönch war es, der dann den Vorschlag machte.“
„Was für einen Vorschlag?“
„Man solle die Folter nur als unterbrochen ansehen, um den Angeklagten etwas zu schonen. Auf diese Weise gäbe es kein zweites Mal, sondern das erste Mal würde nur fortgesetzt werden.“
„Und?“
„Man hat es so beschlossen. Aber vielleicht schaffst du es ja. Du bist unglaublich stark gewesen, bisher. Eine dritte Folter wird es nicht geben.“
„Vielleicht Ibrahim, vielleicht.“ Ein kleiner Hoffnungsschimmer war da.
„Ibrahim, du besorgst alles wie besprochen. Es wird dein Schaden ja nicht sein, wie du weißt. Eine letzte Bitte, für den Fall, dass wir uns nicht wiedersehen: Sorge für meine Beerdigung und beschreibe meinen Kindern die Stelle meines Grabes. Und nun geh. Gott möge dich segnen. Schalom.“
„Schalom, Don Miguel. Gott möge dich segnen.“
Ibrahim ging mit Tränen in den Augen durch die Zellentür.
Miguel stank inzwischen wie das von einem Jäger im Wald liegen gelassene Gedärm eines Wildschweins. Seine Wunden waren mit eiterndem Schorf bedeckt. Die verkrusteten und verfilzten Haare hingen ihm bis auf die schmaler gewordenen Schultern. Schwarz wie früher waren sie nicht mehr, eher grau mit vielen weißen Strähnen. Die Augen waren fiebrig gerötet und seine Gliedmaßen übel geschwollen.
Habe ich noch eine Chance? Es muss doch eine Möglichkeit geben, marterte Miguel sein Hirn.
Er versuchte eine Weile, die Schmerzen zu verdrängen.
Sollte ich versuchen, den Mönch zu bestechen? Warum sollte er nicht schwach werden, wenn die Summe nur hoch genug ist?
Seine innere Stimme gab ihm jedoch sofort die passende Antwort. Unsinn. Dieser verteufelte Dominikanerpfaffe hat mich schließlich bis nach Celle verfolgt, um mich zu töten. Es gibt … keine Hoffnung mehr.
Miguel legte sich in das verkotete übel riechende Stroh. Das Rascheln der Ratten darin störte ihn schon lange nicht mehr. Die höllischen Schmerzen kamen wieder. Gedanken bahnten sich ihren Weg.
… Inez … Verzeih mir. Ich hätte auf dich hören sollen. Warum nur habe ich nicht auf dich gehört? … Wir hätten aus Cordoba weggehen sollen … früher weggehen sollen … gleich nach den ersten Anzeichen … weg … nur weg. … Die Hazienda, das schöne Stadthaus … Bist du es, Inez? Die Kinder, sagst du? Ja, die Kinder … Sarah und Alfonso … Pferde … Ich bin schuld an deinem Tod … Schuld an allem … Die Kinder … alleine in Braunschweig. Warum nur konnte ich mich nicht entscheiden? … Es war das Geld, nur das Geld. Wir hatten doch genug. … Inez, bist du es? Ja, die Silberflotte … die Kaperfahrer. Ich habe sie mitfinanziert … wollte mehr Geld … Geschäfte, Geschäfte mit der neuen Ostindischen Kompanie. … Du bist im Kerker gestorben, Inez. Durch meine Unentschlossenheit. Immer kam was dazwischen. Vaters Tod. Und dann … die Kinder waren so glücklich auf der Hazienda. Geschäfte. Die Königin … aber der Handel hat nicht geklappt. Jetzt bin auch ich im Kerker … Inez. … Vater? … Vater, was ist das für ein Geheimnis? Wer ist der Hüter des Geheimnisses? … Was bedeutet … Inez, bist du es? … Alfonso? … Sarah? …
Das trockene Knarren der Zellentür tönte in das Verlies. Es hörte sich an wie das Öffnen der Klappe eines Galgengerüstes.
Der Feuerkorb mit der Glut darin war wieder da. Sollte er nur irgendwie der Einschüchterung dienen? Heute Nacht war es ihm klar geworden. Sie werden mich zu Tode foltern. Auf nichts anderes zielte der Vorschlag des Dominikaners. Dadurch entfällt der Scheiterhaufen und öffentlich wird kaum einer Notiz von meinem Tod nehmen.
„Wie wäre es heute mit neuen Stiefeln, Jude? Braunschweiger Stiefel! Ich zeige sie dir.“
Die sehen aus wie Schraubstöcke, wie Schmiede oder Schlosser sie benutzen. Damit sie besser wirken, haben sie wohl diese großen gezackten Backenränder. Erst spanische Daumenschrauben und jetzt das. Die Ironie des Schicksals lässt mich wahrlich nicht im Stich. Na gut, ich war zeitlebens Optimist und ein lebensfroher Mensch. Damals in Cordoba. Wir hatten das Stadthaus und eine Hazienda etwas außerhalb am Fluss ... gelegen.
Während Meister Hans die „Stiefel“ weiter anzog, dachte er sich, schon halb ohnmächtig, in die Vergangenheit.
Es ist wunderschön mit Donna Inez auf der weitläufigen Veranda im Schatten. So friedlich. Sarah und Alfonso sind trotz der Hitze bei den Pferden. Sie sind doch immer bei den Pferden, lacht seine schöne Frau. Sie kommen auch ihren Pflichten nach, überlegte Miguel. Ihre Lehrer unterrichten sie in vielfältigen Fächern, wie … Alfonso mag am liebsten Fechtunterricht. Er ist sehr begabt. Ein Meister, trotz seiner Jugend.
Wieder etwas wacher werdend träumte Miguel weiter.
Ich werde bald bei dir sein, Inez. Vielleicht ist das hier Gottes Strafe dafür, dass ich in Spanien bleiben wollte. Das war dein Tod. In den Händen der Inquisition. Und mir wird es genauso ergehen. Vielleicht werden unsere Kinder uns eines Tages rächen.
„Passen die Stiefel gut oder soll ich sie noch etwas enger machen?“, feixte der Henkersknecht Meister Hans.
Ich habe höllische Schmerzen und spüre doch nichts. Wie geht das?
„Ich verfluche dich, Henkersknecht. Eines Tages wird man dich rösten, bei lebendigem Leibe. Der Auftrag ist bereits erteilt, Meister Hans. Schau dich nur um, jeden Tag, jede Stunde. Es wird dich ereilen und du wirst erst auf Erden brennen, bevor du in der Hölle auf Ewigkeit schmorst. Der Hexenmeister und Zauberer, Don Miguel Francisco y Dominguez verflucht dich und den Mönch ebenso. Mönch, bist du da? Man wird dich an einen Pfahl binden, bis du vertrocknet bist. So lange kannst du über deine Missetaten nachdenken, du Hundsfott von einem Pfaffen.“
Meister Hans war unter seiner Maske augenblicklich blass geworden. Wo der Glaube aufhört, fängt eben der Aberglaube an. Don Miguel konnte nicht mehr sehen, wie Hans mit dem glühenden Eisenstab auf ihn losging. Er bohrte ihm das Eisen direkt in die Brust.
Draußen mahlten eisenbeschlagene Räder eines Fuhrwerks und schwach nahm er das dazu klingende Stampfen von Pferdehufen wahr. Don Miguel dachte seine letzten Gedanken.
Wohin dieses Bauerngefährt wohl ziehen mag? Ich kenne den Willen seines Kutschers nicht. So bleibt mir als Gewissheit nur das Ungewisse, das Namenlose der Fernen, denen es entgegenzieht. Der weise Lenker wird sein Ziel kennen. Vielleicht … Vielleicht nimmt er ja meine Seele mit auf die Reise. Inez, Kinder, ich suche den Wagen, aber so sehr ich meine Augen auch anstrenge, ich sehe ihn nicht mehr.
Ibrahim war, gleich nachdem er die Nachricht erhalten hatte, aufgebrochen, noch in der Stunde des Todes von Don Miguel. Er benutzte seinen Bauernwagen, der eisenbeschlagene Räder hatte. Noch eine knappe Meile, dann würde er das Wendentor von Braunschweig erreichen. Er hätte Don Miguel gern geholfen. Er war sogenannter Schutzjude und als solcher einigermaßen sicher. Dennoch hatte er es für besser gehalten, sich sofort aufzumachen, seinen Auftrag zu erfüllen. Die Beerdigung würde sein Sohn besorgen. Am Tor angekommen, fragte Ibrahim den Wachhabenden nach dem Judenviertel und rechnete im Stillen damit, ein wenig angepöbelt zu werden.
„Nein, schüttelte der bedächtig den Kopf. Vor langer Zeit einmal, da gab es in der Jöddenstraße einige Judenquartiere. Wohl auch eine Synagoge, aber das ist lange her. Der Herzog, Heinrich Julius noch, hat alle vertrieben. Auch die in Melverode, sogar die Schutzjuden.“
Der Wachtmeister weiß Bescheid und ist erstaunlich höflich, dachte Ibrahim und traute sich deswegen etwas weiter vor. „Ist es ruhig in der Stadt?“
Der Wachhabende war pfiffig und roch den Braten.
„Also, Herr Jude.“
„Ibrahim. Nennen Sie mich ruhig Ibrahim.“
„Also, Herr Ibrahim. Braunschweig ist eine Stadt und Stadtluft macht frei. Schon mal gehört? Wir sind da nicht so pingelig. Eigentlich evangelisch-lutherisch. Aber wenn der Herzog es will und die Umstände es erfordern sollten, auch schon mal gut katholisch, wie man hier sagt. Gegen Juden hat auch niemand etwas, jedenfalls überwiegend.“
„Ich danke Ihnen für die Offenheit“, sagte Ibrahim schon deutlich entspannter.
Er fuhr also durch das Tor und schon bald begannen das Kopfsteinpflaster und der Gestank.
Warum nur müssen die Leute ihre Nachttöpfe auf die Straße ausleeren? Genau wie in Celle. Ich werde den Erstbesten nach dem Kaufmann fragen, um Alfonso zu treffen und meine Pflicht zu erfüllen.
Bei dem Gedanken überzog plötzlich ein leichtes, zufriedenes Lächeln sein Gesicht. „In das ehemalige Judenviertel fahre ich später“, schimpfte er aber sofort wieder weiter vor sich hin.
Ibrahim wurde vom Inhaber der Druckerei, Herrn Duncker, in das etwas schummrige Kontor geführt. Alfonso arbeitete an einem Stehpult, vertieft in unendlich lange Zahlenkolonnen. Er sieht aus wie sein Vater, dachte Ibrahim sofort. Groß. Hagere, zähe Gestalt und vor allem tiefschwarze Haare und Augen.
Dann berichtete er das Geschehen, soweit er es für richtig hielt und erledigte so seine traurige Pflicht. Alfonso war Don genug, wie sein Vater, und trug, zumindest nach außen, alles mit Fassung. Auch das Thema 500 Taler wurde nicht zur Peinlichkeit, sondern wurde am nächsten Tag erledigt. Die Aufgabe Alfonsos war es, seiner Schwester Sarah die schreckliche Nachricht zu überbringen. Ein kleiner Trost für beide war, dass sie wussten, wo ihr Vater begraben lag. Da der Gefängnisfriedhof, wie so oft in Celle, unter Wasser gestanden hatte, konnte Ibrahims Sohn Don Miguel sogar auf dem Kirchenfriedhof beerdigen, wenn auch am äußersten Rand. Später wollte er einen Findling dort aufstellen lassen. So würden Alfonso und Sarah eines Tages sein Grab finden.
Wer sein eigen Haus betrübt,
der wird Wind zum Erbteil haben;
und ein Narr muß ein Knecht des Weisen sein.
(Sprüche Salomos, 11. Kap. Vers 29)
Dieser extrem dürre Mensch in seinem langen schwarzen Kapuzenmantel mit seiner fahlen Gesichtshaut, seinen ergrauten schütteren Haaren und grauen Augen sah aus wie ein abgestorbener Baum mit nur noch wenigen trockenen Ästen. Er wartete auf seine Chance. Eine Chance, auf die er so viele Jahre gewartet hatte. Er wollte den Auftrag zu Ende führen, den er im Kloster Santo Thomás in Avila von seinem Prior erhalten hatte, persönlich gesprochen im Namen des Großinquisitors von Spanien, Robert Bellarmin.
Der Racheengel, als den sich der Dominikanermönch gern selbst sah, bezog seinen Posten unter der ausladenden Linde an der Südseite des Braunschweiger Doms. Längst war es finstere Nacht geworden an diesem ungemütlich nasskalten Apriltag.
Die Braunschweiger hatten im Zuge der Reformation die Dominikaner schon vor Jahrzehnten vertrieben und ihr Kloster damit aufgelöst. Vielleicht trug der Mönch für sein Vorhaben deshalb trotzig das Ordensgewand der Dominikaner, allerdings ohne den sonst obligatorischen weißen Überwurf. Er wollte von seinem Opfer nicht vorzeitig entdeckt werden. Die Armbrust verbarg er mit der linken Hand unter dem Mantel. Das war zu dieser Stunde eigentlich unnötig, denn keine Menschenseele trieb sich mehr in den Gassen herum.
Es war dem Mönch seinerzeit zwar gelungen, Don Miguel zu Tode foltern zu lassen, seine Kinder Sarah und Alfonso aber hatte er aus den Augen verloren. Auch die von der Inquisition geforderten Dokumente hatte er nicht beschaffen können. Eine Niederlage, die er nicht verwinden konnte.
So war er also nach Hamburg gegangen. Er hatte gewusst, dass Don Miguel vorgehabt hatte, seinen Bruder Juan Salomon dort aufzusuchen. Vielleicht würden die Kinder auch eines Tages dort auftauchen, nahm er an. Jahrelang war nichts geschehen. Er hatte es geschafft, sich an Juan Salomon heranzutasten und tatsächlich eine Anstellung als Schreiber in seinem Handelskontor zu bekommen. Mit der Zeit hatte er sich mit seinem Schicksal arrangiert. Er hatte sogar geheiratet und war Vater eines Sohnes geworden. Niemand hatte auch nur geahnt, dass er Dominikanermönch war. Die Mutter seines Kindes war bei dessen Geburt gestorben. Uriel war daher zunächst in einem Heim untergebracht worden. Später hatte der Mönch eine Haushälterin eingestellt, die auch seinen Sohn betreute: ein in sich gekehrter Knabe, der nach und nach, genauso verblendet wie sein Vater, zu seinem willigen Instrument wurde. So hatte er seinen Sohn von Zeit zu Zeit nach Amsterdam zu Don Manuel Isaak, dem zweiten Bruder Don Miguels geschickt, um herauszufinden, ob Sarah und Alfonso dort aufgetaucht waren. Das aber war nie der Fall gewesen.
Dennoch hatte er jedes Jahr einen Brief an den Großinquisitor von Spanien, Bellarmin, auf den Weg gebracht, in dem er versicherte, nicht ruhen zu wollen, bevor sein Auftrag ausgeführt sei. Regelmäßig hatte er auch eine zustimmende Antwort und einen kleinen Geldbetrag für seine Auslagen bekommen.
Der Mönch konnte nicht wissen, dass schon lange nur der Sekretär sein Briefpartner war und nicht etwa Bellarmin persönlich, auch wenn der Großinquisitor scheinbar unterschrieben hatte. Immerhin: Zu den Akten wollte man die Sache offenbar noch nicht legen. Selbst die Inquisition hatte Ausdauer.
Der Mönch fand die Gewohnheiten Alfonsos schnell heraus. Zwar war er selbst beim Grafen in Lucklum zu Gast. Der Pfarrer der Dörfer, die zum Gut gehörten, hatte das eingefädelt. Aber hin und wieder kam er, natürlich in „Zivil“, in die Stadt. Er fand heraus, dass Alfonso wochentags nach seiner Tätigkeit als Prokurist bei der Druckerei Duncker eine Witwe aufsuchte – wohl seine Geliebte. Auf dem Rückweg kam er dann immer um Punkt zehn Uhr am Dom und an der Linde vorbei. Genau hier sollte er nun ins Jenseits befördert werden.
„Ich werde ihn mit einem Schuss töten und später werden auch die anderen Gottlosen büßen“, zischte der Mönch lauter als beabsichtigt in die Dunkelheit. Die Familienverhältnisse von Alfonso und Sarah hatte er schnell herausfinden können. Mutter, du wärst stolz auf deinenEngel gewesen, sagte er sich in Gedanken.
Seine Mutter hatte ihn kurioserweise Engel genannt, obwohl er ohnehin den Namen des Erzengels Gabriel führte. Sein brutaler Vater hatte von ihm indes immer nur als „Das Kind“ gesprochen.
Der Plan war klar: Der Graf hatte sich, nach allem, was geschehen war, bereitwillig in die Machenschaften des Dominikanermönchs einbinden lassen. Er hatte sich großzügig gezeigt, indem er die Wachen am Magnitor mit einem Betrag bestechen ließ, den sie nicht ablehnen konnten. Sie sollten einen Mönch in schwarzer Kutte um ungefähr eine Viertelstunde nach zehn Uhr ungehindert passieren lassen. Nur wenige hundert Meter weiter hatte der Graf einen Knecht mit den Pferden postiert.
Die Uhr des Doms zählte ihre zehn Schläge in die Nacht. Der Mönch wurde langsam unruhig. Wo ist er? Verdammt! Wieso kommt er heute zu spät? Der Nachtwächter kommt nur zehn Minuten nach diesem Bastard auf seiner Runde hier vorbei, schwirrte es ihm im Kopf herum.
Alfonso war allerdings nur wenig verspätet. Den Kragen seines Umhangs wegen des nasskalten Wetters hochgeschlagen, ging er wie immer auf direktem Wege in Richtung Linde – und damit seinem Schicksal entgegen.
Der Dominikanermönch spannte die Armbrust und legte einen Bolzen ein. Alfonso würde so dicht an seinem Mörder herankommen, dass ein Fehlschuss unmöglich war.
Der Nachtwächter indes war in der Ferne schon zu hören. Ausgerüstet war er mit einer Kurzwaffe, einer Laterne, einem Signalhorn und einer hölzernen Knarre. In einem Notfall würde er die Bürger alarmieren.
Knapp drei Monate zuvor war die Welt für Michael und seine Familie noch in bester Ordnung. Es lebte sich gut im Meinhardshof und auch in der freien Reichsstadt Braunschweig allgemein. Es herrschte eine friedliche und fast sorglose Stimmung. Der Krieg hatte die Stadt bisher verschont, Friede allenthalben.
Sein Vater Heinrich Schlachmann war ein angesehener Büchsenschmied, zuweilen etwas mürrisch und wortkarg. Aber das war nur die Oberfläche. Michael verstand sich mit allen gut: insbesondere mit seinem älteren Bruder Hinrich, Nesthäkchen Anna und schließlich seiner Mutter Sarah, die er innig liebte.
Seine Freundin Lena liebte er auch, natürlich anders, aber bis er dieses Gefühl wirklich erleben sollte, würde er noch viele Umwege auf seinem Lebensweg einschlagen müssen.
Michaels Onkel Alfonso gab ihm gelegentlich und bereitwillig Waffenunterricht. Seine Mutter sah das zwar nicht gern, letztlich nahm sie es aber immer mit einem tiefen Seufzer hin.
Michael und Alfonso nahmen das Kloster Riddagshausen, das in der Ferne eine schöne Silhouette abgab, kaum zur Kenntnis. Sie kutschierten ihr Fuhrwerk direkt auf den Wald, die Buchhorst, zu. Dort schleppte jeder seinen „Kartoffelsack“ bis zu einer großräumigen Lichtung. Don Alfonso transportierte so eine Muskete und eine Jagdbüchse. In Michaels Sack waren zwei Pistolen, zwei Degen und ein Kurzschwert. Mit der Ladung durch das Tor zu kommen, war nicht sonderlich schwer. Es war Sonntag und sie würden den Wachen auf dem Rückweg einen Siphon mit drei Litern Bier aus dem Gliesmaroder Turm und einen schönen Gruß vom Büchsenschmied Heinrich Schlachmann dalassen. Die Wachsoldaten wussten das. Wer wollte da noch kontrollieren, zumal es ja öfter vorkam, dass Michael und Alfonso sonntags mit dem Wagen unterwegs waren. Lieber nicht zu neugierig sein, dachten sie sich wohl.
Ganz ungefährlich waren diese Unternehmungen dennoch nicht. Es war den Schützen, die in Gilden organisiert waren, und allen anderen Bürgern natürlich auch bei Strafe verboten, an einem Sonntag Schießübungen durchzuführen, es sei denn, es fand ein offizielles Schützenfest statt. Wann aber sollten die beiden sonst üben? Im Sommer ging es manchmal auch alltags, da war es länger hell. Im Winter war nach der Arbeit daran jedoch nicht mehr zu denken. Ohnehin wurden die Stadttore bei einbrechender Dunkelheit geschlossen. Don Alfonso – Michael sagte schon seit den Kindertagen Don Alfonso zu seinem Onkel und so war es geblieben – war immerhin Prokurist und konnte die Druckerei nicht einfach früher verlassen.
Michael war gut im Gebrauch der Waffen. Sein Onkel konnte ihm schon lange nichts mehr beibringen. Irgendwie war er ein Naturtalent. Die wöchentlichen Übungen genossen sie, auch wenn Sarah wegen des Feiertages jedes Mal den Kopf schüttelte. In Michaels jüngeren Jahren unterrichtete Alfonso ihn auch in Geschichte und vielen anderen Fächern, obwohl Michael ohnehin die Lateinschule besuchte. Aber er war äußerst wissbegierig. Über die Jahre konnten sie sich auch in kaufmännischen Dingen austauschen, soweit es nicht die Geschäftsgeheimnisse ihrer Dienstherren betraf. Michael war beim Fernhändler Schrader und Alfonso in der Druckerei von Andreas Duncker beschäftigt. Das konnten sie jedoch gut trennen. Schade aus Michaels Sicht war lediglich, dass er so wenig zum Reiten kam. Auf dem Land waren sie nur ein- bis zweimal im Monat.
Michael legte die Waffen auf der Lichtung zurecht, ordnete sie in Reih und Glied an. Er kannte sich gut aus. Seine Lieblingswaffen waren die Jagdbüchse und die Radschlossreiterpistole. Es folgten das Kurzschwert und der Dolch. Don Alfonso wurde in seiner Jugend an all diesen Waffen ausgebildet. Das und vieles mehr gehörte zur Erziehung eines künftigen spanischen Grande dazu.
„Du wirkst heute etwas nervös, Michael“, bemerkte Alfonso.
Wieso kann ich das nicht vor ihm verbergen?, dachte Michael. Vor Mutter kann ich auch nichts verbergen,glaube ich.
„Ich möchte mit dir etwas besprechen, dich um deinen Rat fragen. Lass uns aber erst unsere Übungen durchführen.“
Michael nahm die Muskete, schüttete Zündkraut in den Lauf, schob, als ob er nie etwas anderes gemacht hätte, eine mit etwas Stoff umwickelte Bleikugel hinterher und stopfte dann Kugel und Pulver mit dem Ladestock fest. Ein Gabelstock war für seine Muskete nicht mehr erforderlich. Sie wog nur noch knapp fünf Kilo. Die älteren Ausführungen hingegen wogen bis zu fünfzehn Kilo. Michael gab noch etwas Schwarzpulver auf die Zündplatte, spannte die Lunte in die Zündvorrichtung, legte an und feuerte. Alfonso und Michael hatten irgendwann einmal eine mannshohe Figur aus Brettern in etwa fünfundsiebzig Metern Entfernung als ständige Zielscheibe aufgestellt. Da so eine Muskete nicht besonders treffsicher war, würde sie noch lange halten. Zum Schluss übten sie sich noch im Kampf mit Kurzschwert und Dolch.
„Deutlich in die Knie gehen, Michael, und das Kurzschwert mit dem rechten Arm nach oben strecken. Der Gegner wird auf das Schwert schauen und du kannst mit dem Dolch in der linken Hand von unten in den Oberschenkel stoßen.“ Michael führte die Übung „trocken“ aus.
„Du bist ein Krieger, Michael, ein Krieger. Dieser Ernst in seinem Tonfall, dachte Michael. Er meint das wirklich so.Wieso ein Krieger? Es macht einfach nur Spaß, eine Waffe zu beherrschen.
„Also, was willst du mit mir besprechen?“
Michael brachte es einfach nicht heraus. Er hatte bisher mit niemandem über seine Pläne gesprochen.
„Du willst weg von hier. Fort, raus in die Fremde. Du willst dir den Wind um die Nase wehen lassen. Träumst von Abenteuern und hübschen Mädchen. Wann soll es denn losgehen?“
Michael starrte seinen Onkel aus wasserblauen Augen ungläubig an. „Woher weißt du, ich …“ stammelte er.
„Nun, viele junge Männer wollen in die Fremde“, lachte Alfonso. „Erzähl mir schon, was du vorhast!“
Michael, jetzt etwas ruhiger, setzte sich auf einen Baumstumpf und stützte seine Arme auf den Knien ab.
„Ich will Kaufmann werden.“
„Aber das bist du doch schon. Später wirst du bestimmt Prokurist wie ich“, kam es jetzt doch etwas erstaunt von Alfonso.
„Nein, nein. Der Handel hier ist interessant, aber irgendwie … wie soll ich sagen? … Zu klein, zu eng. Fernhandel will ich treiben, selbstständig, weißt du? Dazu muss ich aber noch viel lernen.“
Er sagt „will“ und „muss“. Das ist so gar nicht seine Art, dachte Alfonso. „Ja, viel Geld brauchst du für dein Vorhaben auch. Wie willst du dich sonst selbstständig machen?“
Ach, das ist noch weit hin. Ich habe da so meine Pläne. Vielleicht kann mir Vater mein Erbteil vorzeitig auszahlen? Vielleicht leiht mir auch Don Alfonso etwas oder beteiligt sich sogar am Geschäft? Vielleicht beteiligt sich auch Hinrich? Das wird sich alles finden, ging es Michael durch den Kopf.
„Ich schaffe das, Don Alfonso.“ Michaels Augenfarbe wechselten ins Stahlblaue. Es wirkte kalt.
Es war bestimmend und wie abschließend, keinen Widerspruch duldend. Er hat sich verändert, sinnierteAlfonso etwas verblüfft. Vielleicht hat er auch einfach nur einen Entschluss gefasst und will ihn jetzt umsetzen. Er ist eben ein Mann geworden, aber seine Augen … „Du musst mit deinen Eltern reden, Michael. Mach dir keine Sorgen: Sie werden es verstehen. Wo willst du überhaupt hin?“
„Nach Nürnberg. Ich hoffe, bei den Fuggern unterzukommen. Die Fugger handeln mit unglaublich vielerlei Waren und überall hin, sei es innerhalb oder außerhalb der Hanse. Man sagt, sie handeln auch mit Geld.“
Seine Augen sind wieder wasserblau, stellte Alfonso für sich selbst fest. „Von deinem Vorhaben bist du jedenfalls begeistert“, kam es lächelnd über seine Lippen. „Und die Fugger handeln auch mit Informationen. Darüber sollten wir später noch einmal sprechen.“
„Warum bist du eigentlich zuerst zu mir gekommen?“
Michael schaute Don Alfonso leicht abwesend an. Wie wird es Mutter aufnehmen?
Er wusste, dass er ihr Liebling war, obgleich sie sich immer alle Mühe gab, alle Kinder gleich zu behandeln. Er wusste auch, dass er sie über alles liebte wie sonst nichts und niemanden auf der Welt.
Hinrich und Anna bleiben ja zu Hause, versuchte er seine Gedanken wieder in den Griff zu bekommen.
„Es wird ihr wehtun, deinem Vater übrigens auch. Sie wissen aber, dass es der Lauf der Dinge ist. Sie werden dich ziehen lassen. Manche Menschen wollen nun mal hinaus in die Welt. Sie wollen wissen, was hinter den nächsten Bergen ist. Und wenn sie es gesehen haben, wollen sie wissen, was hinter den nächsten Bergen, den nächsten Wäldern, den nächsten Meeren ist. Du gehörst zu diesen Menschen, glaube ich. Erst war es deine Wissbegierde über die Lateinschule hinaus. Da konnte ich dir ein wenig helfen. Zusätzlich hast du dir von Camann Bücher geliehen.“
Ich muss mich auch von ihm verabschieden, schoss es Michael durch den Kopf.
„Dann wolltest du im Umgang mit Waffen unterrichtet werden. Und jetzt ist dir hier alles zu klein und piefig geworden. Auf zu neuen Ufern! Das bist du. Du willst dir deine Träume erfüllen.“
Ja, Träume, die nur ich kenne, dachte Michael.
„Vorher wollen wir aber mal zusammenpacken und nach Hause fahren.“
Wenig später fuhren sie, schweigsam geworden, der Stadt entgegen. Die Silhouette des Zisterzienserklosters glänzte in der Abendsonne. Sie beachteten es nicht.
Ein paar Wochen später begleitete Michael seinen Vater zum Stammtisch, wie er es in der letzten Zeit schon manchmal getan hatte.
Warum er das tat, konnte er sich nicht so richtig erklären. Vielleicht suchte er unbewusst die Nähe des eher verschlossenen Vaters, weil er bald die Familie verlassen würde. Die Mitglieder des Stammtisches hatten jedenfalls nichts gegen seine Anwesenheit, zumal er sich nur in die Gespräche einschaltete, wenn er gefragt wurde.
Sie hätten, an der Martinikirche angekommen, den direkten Weg zum Wirtshaus „Haus zur Hanse“ einschlagen können, aber den kleinen Umweg über den Altstadtmarkt nahmen sie trotz des Regens gern in Kauf. Besonders Heinrich liebte diesen Platz, so wie er die ganze Stadt liebte. Hier in Braunschweig war er zu Hause, genau wie seine Eltern es gewesen waren, bis die Pest sie viel zu früh dahingerafft hatte.
Der Altstadtmarkt zeigte sich wie immer prächtig. Halb auf der nördlichen Seite des Kirchenschiffes von St. Martini vorbei zeigte sich auf der linken Seite das größte und schönste Rathaus der Braunschweiger Weichbilder: das Altstadtrathaus. Ein paar Schritte weiter konnte Heinrich die Rechtwinkligkeit des Zweiflügelbaues erkennen. Als Büchsenschmied hatte er eine detaillierte Vorstellung von Genauigkeit und Schönheit, die daraus entstand.
Sie gingen schräg über den Platz, am vor Wasser triefenden Marienbrunnen vorbei in Richtung Kohlmarkt. Rechts von ihm tauchte jetzt schemenhaft das Gewandhaus auf. Die Tuchmacher hatten ihre Lager darin und wickelten auch teilweise ihre Geschäfte im und vor dem Haus ab. Gleichzeitig diente es ihnen als Gildehaus, genau wie den Büchsenschmieden.
Michael und Heinrich Schlachmann blickten sich noch einmal um. Der dünne Nieselregen überzog die ganze Szenerie mit einem diffusen Schleier und erzeugte eine eigenartige Stimmung. Zumindest Heinrich setzte seinen Weg noch nachdenklicher fort. Seine Gedanken waren bei Sarah, seiner Frau.
Warum nur hat Sarah nach so langer Zeit wieder das Buch und den Brief hervorgeholt? Heinrich grübelte darüber nach und spürte deutlich den Wind, der immer stärker wurde. Sie hat mich kaum wahrgenommen, als ich aus dem Haus gegangen bin. Tief versunken hat sie an unserem großen eichenen Küchentisch gesessen. Ja, früher, in den ersten Jahren unserer Ehe, da hat sie die Unterlagen häufiger studiert –zum einen sicherlich, um die Erinnerung an ihren Vater zu pflegen, zum anderen aber auch, um hinter das Geheimnis zu kommen: Das Buch des Handelshauses Don Miguel sollte Informationen erhalten. So hatte ihr Vater es in seinem Abschiedsbrief mitgeteilt, die es ihrem Bruder Alfonso und ihr ermöglichen sollten, seine Geschäfte fortzuführen. Es ist schon merkwürdig, dachte Heinrich, dass bisher keiner aus meiner Familie das Geheiminis lüften konnte. Immerhin ließ Sarahs Interesse nach, als unser Sohn Hinrich geboren wurde, und erlosch völlig, als zwei Jahre später Michael zur Welt kam. Heinrich Schlachmann versuchte trotz des jetzt unangenehmen Regens ein Lächeln. Und dann kam auch noch unser Nesthäkchen Anna.
Jetzt, nachdem ihr Vater seit mehr als zwanzig Jahren tot war, beschäftigt sie sich plötzlich wieder mit der alten Geschichte. Warum nur?
Heinrich konnte sich keinen Reim darauf machen. Der Vater von Sarah und Alfonso, Don Miguel, war in Celle wegen angeblicher Zauberei verhaftet worden. Er wurde der sogenannten peinlichen Befragung unterzogen und starb während der Folter.
Ein jüdischer Kaufmann mit Namen Ibrahim Maintz hatte seinerzeit die schreckliche Botschaft und den letzten Brief des Vaters überbracht und berichtet, was er sonst noch wusste.
Am Anfang war es schwer für Sarah und Alfonso. Ihr Vater hatte Alfonso bei Andreas Duncker, der eine Druckerei betrieb, und Sarah im Hause des Büchsenschmiedes Heinrich Schlachmann untergebracht, beides solide, angesehene Familien in der Stadt.
Obwohl es nur vorübergehend sein sollte, denn ihr Vater wollte sie nachholen, hatte besonders der Büchsenschmied dieser Vereinbarung nur zu gern zugestimmt. Durchaus nicht zur Schwermut neigend, war er doch oft einsam in dem großen Haus. Seine Mitarbeiter in der Schmiede und das Gesinde waren kein Trost für ihn.
Mit der Nachricht vom Tod Don Miguels hatte sich alles für die Kinder geändert. Alfonso war es, der die Verantwortung spürte, die Initiative ergriff und letztlich eine Lösung herbeiführte. Er hatte vorgeschlagen, vorläufig in Braunschweig zu bleiben.
Sie saßen damals auf dem Rand des Marienbrunnens und hatten beratschlagt, wie es weitergehen sollte.
„Vater hat uns ausreichend mit Geld versorgt. Vielleicht können wir auch länger in unseren jetzigen Unterkünften bleiben und arbeiten. Ich habe mich schon immer für das Druckereiwesen interessiert, eine aufstrebende, moderne Technik.“
Sarah hatte einigermaßen irritiert geschaut. Du hast dich zeitlebens für Pferde interessiert und sonst für so gutwie nichts, dachte sie, sprach es aber nicht aus.
„Der Büchsenmacher hat sicher auch nichts dagegen, wenn du ihm die Wirtschaft führst.“
„Büchsenschmied“, korrigierte ihn Sarah. „Büchsenmacher ist was anderes.“
Jetzt war es an Alfonso, irritiert dreinzuschauen. „Wer weiß, ob uns nicht auch aufgelauert wird, wenn wir nach Hamburg zu unserem Onkel reisen!“, gab er etwas zusammenhanglos von sich. „Hier sind wir vorerst sicher. Wir bleiben auf alle Fälle zusammen.“
Sarah hatte den Vorschlag grundsätzlich vernünftig gefunden. Ihr war allerdings nicht entgangen, dass ihr Bruder „auch aufgelauert“ gesagt hatte. Sicher: Dass sie wegen der Inquisition aus ihrer Heimat fliehen mussten, war ihr bewusst. Dass sie in den deutschen Herbergen dauernd auf einen Mönch trafen, war ihr ebenfalls aufgefallen. Aber warum sollte dieser Dominikanermönch auch ihnen auflauern? Sarah beendete ihre Gedanken und stellte ihrem Bruder genau diese Frage.
Alfonso war nicht umhingekommen, Sarah den eigentlichen Grund für die Verfolgung zu erklären: dass Don Miguel an der Finanzierung der Kaperfahrer beteiligt gewesen war, die damals die spanische Silberflotte aufbrachten, wo immer sie gestellt werden konnte. Dringend benötigtes Silber war dem spanischen Hof dadurch verloren gegangen und den abtrünnigen nördlichen Niederlanden, den Feinden, zugutegekommen. Die spanische Krone hatte also allen Grund dazu, Don Miguel und seine Familie zu verfolgen.
Alfonso hatte seiner Schwester mitgeteilt, was er wusste. Ergänzt mit seinen Vermutungen ergab das für Sarah ein durchaus plausibles Bild, wenn es auch nicht ganz der Realität entsprach: Don Miguel hatte eine geheime Abmachung mit Königin Isabella getroffen. Das allerdings konnten beide nicht wissen.
„So hat es Sarah mir erzählt“, dachte Heinrich Schlachmann laut.
„Was hat dir Mutter so erzählt, Vater?“ Michael hatte mitbekommen, dass sein Vater intensiv nachdachte, und konnte jetzt einhaken.
„Ach, Mutter grübelt wieder über dem Handelsbuch – nach so langer Zeit. Warum nur?“
Heinrich war schon wieder in seinen Gedanken versunken. Diese Neuigkeiten hatten sie damals erstaunlicherweise kaum aus dem Gleichgewicht gebracht. Ihr Vater war schließlich Fernhandelskaufmann und seiner Art nach alles andere als ein Politiker, hatte sie mit der Naivität der Jugend selbstbewusst verkündet. „Wahrscheinlich habe ich mich schon damals in Sarah verliebt“, hielt Heinrich wieder ein kurzes Selbstgespräch und stapfte weiter durch den Regen. Michael musste schmunzeln.
Sarah hatte tief in ihrem Innersten gewusst, dass ihr Vater nicht immer unbedingt legal gehandelt hatte. Sie redete sich aber ein, dass er triftige Gründe dafür gehabt haben musste. Sie wusste schließlich auch, dass die Juden seit Jahrhunderten in Südspanien drangsaliert wurden. Dass ihre Familie konvertiert war, hatte sie einfach verdrängt. Geärgert hatte sie sich im Wesentlichen nur deswegen, weil man sie als Kind angesehen und somit nicht eingeweiht hatte.
Zwei Jahre später haben Sarah und ich geheiratet. Wiedas Leben eben so spielt. Heinrich lächelte still vor sich hin. Schade nur, dachte er, wieder ein wenig ernster, dass mein Schwager Alfonso weniger Glück gehabt hat.
Seine Frau war bei der Geburt seines Sohnes Antonio im Kindbett gestorben. Alfonso hatte von Schicksal gesprochen, kümmerte sich liebevoll um seinen Sohn und blieb als Witwer allein.
Im Geschäft hatte er gottlob mehr Glück. Prokurist in der Druckerei von Andreas Duncker ist ja keine Kleinigkeit. Tüchtig, tüchtig, konstatierte Heinrich. Na ja, der junge Herr Duncker hatte auch nie recht Lust auf das Kaufmännische. Genauso wenig wie unser Hinrich zum Büchsenschmieden. „Ein brauchbarer Geselle ist er trotzdem geworden“, brummte Heinrich Schlachmann und befand sich zusammen mit Michael, ohne es recht gemerkt zu haben, bereits vor dem Wirtshaus „Haus zur Hanse“.
Ratsherr Stender stand vor der Tür des Gasthofs und brüllte, sich schüttelnd vor Lachen, Heinrich Schlachmann zu: „Bist du auch schon da, Büchsenschmied? Hattest wohl einen Rohrkrepierer, was?“
Heinrich klopfte sich den Regen vom Umhang und seinem ledernen Hut. Der da hinten im Dunst das Weite sucht, hat einen Gang wie unser zweiter Geselle, dachte Heinrich, den Ratsherren ignorierend. Was aber sollte Otto in dieser Gegend zu suchen haben und dann noch bei diesem Wetter?
Michael, der die Gestalt ebenfalls wahrgenommen hatte, war sich sicher: Es war Otto.
„Was stehst du hier draußen, Kämmerer?“
Heinrich wartete die Antwort nicht ab und ging an ihm vorbei ins Wirtshaus. Michael folgte ihm auf dem Fuße.
Warum der zu unserem Stammtisch gehört, ist mir immer noch nicht klar. Ich war damals nicht dabei, als er dazukam, dachte Heinrich auf dem Weg durch die verqualmte Gaststube. Er soll sich ja förmlich aufgedrängt haben. Camann hatte damals jedenfalls ganz offensichtlich nichts dagegen. Verstehe es, wer will!
„Guten Abend, Heinrich und Michael“, kam es den beiden aus der Runde entgegen. Es waren schon alle da.
„‘n Abend.“
„Du kommst gerade recht“, eröffnete Andreas Duncker. „Wir haben die große Politik am Wickel. Hast Du den AVISO gelesen?“
Michael setzte sich ohne viele Umstände. Große Politikist gut, dachte er. Das kann ein spannender Abend werden.
„Ja, habe ich, aber erst mal möchte ich ankommen, dann einen Humpen Mumme vor mir haben und dann bin ich bereit, mit euch die Welt zu retten.“
„Recht so!“, rief Camann in die Runde. „Wir wollen immerhin auch Spaß am Stammtisch haben.“
„Er hatte einen Rohrkrepierer“, mischte sich Kämmerer Stender ein, der gerade wieder hereingekommen war. Brüllend vor Lachen ließ er sich auf einen Stuhl plumpsen. Keiner der Anwesenden fand es wirklich lustig.
„Du hast zu viel getrunken, Kämmerer, schon bevor du hier eintrafst. Was gibt es denn zu feiern?“, fragte der Wallmeister sichtlich ungehalten.
„Geschäfte. Gute Geschäfte“, platzte es aus dem Kämmerer heraus. Unmittelbar nach diesem letzten Ausbruch wurde er plötzlich merkwürdig still.
Michael verlegte sich aufs Zuhören und Beobachten und machte sich so seine Gedanken.
Heinrich dachte sich nach dem ersten großzügigen Schluck Mumme seinen Teil. Wir sind schon eine illustre Runde. Daist Camann, der Justiziar der Stadt Braunschweig. Er kommt auch manchmal zu uns nach Hause und Sarah und ich besuchen ihn auch hin und wieder. Dass er als Justiziar einem höheren Stand angehört, interessiert ihn nicht. Sonst wäre er ja auch nicht an diesem Stammtisch. Michael darf sich oft Bücher aus seiner Bibliothek leihen. Warum Ratsherr Stender als Kämmerer der Stadt so viel Wert darauf legt, dabei zu sein, weiß ich nicht. Ein unangenehmer Kerl! Er soll aber was können, wie man hört.
Heinrich Schlachmanns Blick traf auf Duncker.
Ja, unser Duncker.Verleger und Drucker seines Zeichens. Seine Geschäfte gehen gut. Unsere Familien sind befreundet. Alfonso arbeitet als Prokurist bei ihm.
Dann nahm Heinrich seinen Krug Mumme und prostete seinem Nachbarn, dem Wallmeister, zu.
Ein besonnener Mann, der aber auch mal ausrasten kann, wie eben bei Stender. Feine Pinkel sind nicht seine Sache und den Kämmerer sieht er als solchen an. Heinrich nahm einen weiteren Schluck Mumme.
