DIE INSEL DES ROTEN GOTTES - Ronald M. Hahn - E-Book

DIE INSEL DES ROTEN GOTTES E-Book

Ronald M. Hahn

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Beschreibung

DER ROTE hieß eine von Jack Londons utopisch-abenteuerlichen Erzählungen. Der London-Experte Ronald M. Hahn hat ihre Handlung aufgegriffen und zu Ende gesponnen:Mitte der dreißiger Jahre. Auf einer Südseeinsel soll ein fast allmächtiges außerirdisches Wesen existieren, genannt der Rote Gott. Internationale Mächte versuchen, sich in den Besitz des Wunders zu bringen. Entdeckt wird der Rote Gott zuerst von dem gescheiterten Drehbuchautor und Alkoholiker Bassett... Mit DIE INSEL DES ROTEN GOTTES schuf Ronald M. Hahn ein Meisterwerk der (Science-Fiction-)Abenteuer-Literatur: spannend und mitreißend erzählt, stets kenntnisreich und versehen mit ungezählten Querverweisen – ein Muss für Leser des großen Jack London! Ulrike Gottwald, SCIENCE FICTION TIMES:"Ronald M. Hahn präsentiert uns hier ein absolut professionell erzähltes Abenteuer mit SF-Einschlag, etwas Erotik, viel Spionage, reichlich Action und überzeugender exotischer Kulisse..."

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Seitenzahl: 198

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RONALD M. HAHN

Die Insel des Roten Gottes

Nach der Novelle THE RED ONE von Jack London

Roman

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch

Der Autor

DIE INSEL DES ROTEN GOTTES

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Das Buch

DER ROTE hieß eine von Jack Londons utopisch-abenteuerlichen Erzählungen. Der London-Experte Ronald M. Hahn hat ihre Handlung aufgegriffen und zu Ende gesponnen:

Mitte der dreißiger Jahre. Auf einer Südseeinsel soll ein fast allmächtiges außerirdisches Wesen existieren, genannt der Rote Gott. Internationale Mächte versuchen, sich in den Besitz des Wunders zu bringen. Entdeckt wird der Rote Gott zuerst von dem gescheiterten Drehbuchautor und Alkoholiker Bassett...

Mit DIE INSEL DES ROTEN GOTTES schuf Ronald M. Hahn ein Meisterwerk der (Science-Fiction-)Abenteuer-Literatur: spannend und mitreißend erzählt, stets kenntnisreich und versehen mit ungezählten Querverweisen – ein Muss für Leser des großen Jack London!

Ulrike Gottwald, SCIENCE FICTION TIMES:

»Ronald M. Hahn präsentiert uns hier ein absolut professionell erzähltes Abenteuer mit SF-Einschlag, etwas Erotik, viel Spionage, reichlich Action und überzeugende exotischer Kulisse...«

Der Autor

Ronald M. Hahn, Jahrgang 1948.

Schriftsteller, Übersetzer, Literaturagent, Journalist, Herausgeber, Lektor, Redakteur von Zeitschriften.

Bekannt ist Ronald M. Hahn für die Herausgabe der SF-Magazine Science Fiction-Times (1972) und Nova (2002, mit Michael K. Iwoleit) sowie als Autor von Romanen/Kurzgeschichten/Erzählungen in den Bereichen Science Fiction, Krimi und Abenteuer.

Herausragend sind das (mit Hans-Joachim Alpers, Werner Fuchs und Wolfgang Jeschke verfasste) Lexikon der Science Fiction-Literatur (1980/1987), die Standard-Werke Lexikon des Science Fiction-Films (1984/1998, mit Volker Jansen), Lexikon des Horror-Films (1985, mit Volker Jansen) und das Lexikon des Fantasy-Films (1986, mit Volker Jansen und Norbert Stresau).

Für das Lexikon der Fantasy-Literatur (2005, mit Hans-Joachim Alpers und Werner Fuchs) wurde er im Jahr 2005 mit dem Deutschen Fantasy-Preis ausgezeichnet. Insgesamt sechsmal erhielt Hahn darüber hinaus den Kurd-Laßwitz-Preis - dem renommiertesten deutschen SF-Preis - , u.a. für die beste Kurzgeschichte (Auf dem großen Strom, 1981) und als bester Übersetzer (für John Clute: Science Fiction - Eine illustrierte Enzyklopädie, 1997).

Weitere Werke sind u.a. die Kurzgeschichten-Sammlungen Ein Dutzend H-Bomben (1983), Inmitten der großen Leere (1984) und Auf dem großen Strom (1986) sowie - als Übersetzer - der Dune-Zyklus von Frank Herbert.

Ronald M. Hahn lebt und arbeitet in Wuppertal.

DIE INSEL DES ROTEN GOTTES

  1. Kapitel

Nach vier Jahren wüstester Besäufnisse erwachte Bassett an diesem Morgen auf ungewöhnliche Weise. Jemand schüttete ihm einen Eimer kalten Wassers ins Gesicht. Er zuckte prustend hoch und rang nach Luft; das plötzliche Erwachen war wie ein Schock für ihn. Während er gurgelnd und mit geschlossenen Augen um sich tastete und sich bemühte, aus dem großen Arsenal der Flüche, die er in den Kneipen der Insel gelernt hatte, einen passenden auszusuchen, packte jemand seine rechte Schulter und zog ihn hoch.

Bassett war noch zu betrunken, um sich zu wehren. Zudem dröhnte sein Schädel auf eine Weise, die er seit langer Zeit nicht mehr erlebt hatte. Er war daran gewöhnt, seinen Rausch auszuschlafen; er litt im Allgemeinen nie an einem Kater. Doch an diesem Morgen war es mörderisch. Sein Kopf schmerzte; seine Zunge fühlte sich wie ein ausgedörrter Holzklotz an. Und ihm war schlecht. Als er sich langsam nach vorn beugte, um das Gefühl der Übelkeit in seinem Magen nicht aufzuschrecken, hätte er sich beinahe übergeben müssen.

Allmählich wurde sein Blick klarer. Er schüttelte sich das Wasser aus dem verfilzten Haar, hustete und schaute auf.

Der Mann, der mit dem alten Blecheimer in der Hand vor ihm stand, war George Browning. Er wirkte in der heruntergekommenen Umgebung völlig fehl am Platze, denn er war angezogen, wie man es von einem Gentleman erwartete. Er sah so aus, wie Bassett vor drei Jahren selbst ausgesehen hatte.

»Bist du wach?«, fragte er.

Bassett nickte stumm. Der Schmerz in seinem Kopf ließ nicht nach. Er fühlte sich elend und schwach. Seine Knie zitterten. Er ließ sich langsam wieder nach hinten sinken und nahm auf dem groben Holzgestell Platz, das ihm als Bett diente.

»Du siehst zum Kotzen aus«, sagte Browning in einem Tonfall, der an Erschütterung nichts zu wünschen übrig ließ. »Wie kann sich ein gebildeter Mensch nur so gehenlassen.« In seiner Stimme schwang ein leiser Vorwurf mit.

»Ich habe harte Zeiten hinter mir«, sagte Bassett. »Verdammt harte Zeiten.«

»Das ist doch keine Entschuldigung.« Browning sah sich um. Die windschiefe Hütte, in der Bassett hauste, veranlasste ihn zu einem heftigen Naserümpfen. »Du lebst wie ein Schwein. Wie kann man sich hier bloß wohlfühlen?«

Bassett saß still auf dem Bettrand. Das Denken fiel ihm schwer. Er war es nicht gewohnt, dass man ihn aus dem Schlaf riss, auf ihn einredete und den Eindruck erweckte, als sei er jemandem Rede und Antwort schuldig. Die Kreise, in denen er verkehrte, legten keinen Wert darauf, dass man ihnen mit zusammenhängenden Sätzen kam. In seinen Kreisen hörte man dem anderen nicht zu. Nicht mehr. Jeder war eine Insel. Man redete mit sich selbst. Auch Bassett hatte inzwischen gelernt, mit sich selbst zu reden.

»Du fragst dich gar nicht, wieso ich hier bin?«, fragte Browning. Er langte in die Innentasche seines maßgeschneiderten Jacketts und zog eine silberne Zigarettendose hervor. Er war während der Jahre, in denen sie sich nicht gesehen hatten, um keinen Tag gealtert.

Das dumpfe Dröhnen in seinem Schädel ignorierend, erwiderte Bassett: »Ich nehme an, du wirst es mir gleich sagen.«

Im Grunde interessierte es ihn einen Dreck. Wer war George Browning, dass er sich einbildete, Bill Bassett würde springen, sobald er sich dazu entschied, sein heimeliges Gut in Cornwall zu verlassen, um sich auf die fieberverseuchten Salomonen zu begeben? Womöglich lag er mit seiner Jacht irgendwo vor der Insel. Womöglich hatte er ein Dutzend seiner gelangweilten Freunde aus der High Society mitgebracht, die, des Polospiels überdrüssig, jetzt anderswo Zerstreuung suchten. Womöglich war sogar Julia...

Bassett taumelte nach vorn. Die Übelkeit riss ihn fast von den Beinen, aber er schaffte es noch, die schief in den Angeln hängende Tür aufzureißen und nach draußen zu gelangen, bevor er sich übergab. Vornüber gebeugt stand er da und röchelte. Er bemerkte nicht einmal den lauwarmen Wind, der durch die Palmen strich und sein dunkles Haar zerzauste. Er hatte keinen Blick für das herrliche Blau des Wassers übrig, das kaum hundert Meter von der Hütte entfernt an den weißen Sandstrand schlug. Ihm war nur noch elend zumute.

»Na, lass mal gut sein«, sagte Browning hinter ihm. Der Duft seiner teuren Zigarette umwehte Bassetts Nase und steigerte seine Übelkeit noch mehr.

»Hol dich der Teufel«, sagte Bassett.

»Ich habe nicht damit gerechnet, dass die Geschichten stimmen, die mir die Leute im Ort erzählt haben«, ließ sich Brownings Stimme vernehmen. »Ich hielt sie für Seemannsgarn. Aber jetzt sehe ich, dass...«

»...dass?«, fragte Bassett. Er richtete sich auf, zog einen Fetzen Stoff aus der Tasche und wischte sich den Mund ab. »...dass ich völlig auf den Hund gekommen bin?«

Brownings Lippen zuckten. Bassett sah ihm an, dass er am liebsten eine noch schärfere Formulierung gebraucht hätte, aber er verkniff sie sich. Browning war ein gebildeter Mensch. Ein kultivierter Mensch. Er wusste, was sich gehörte. Er hatte in Oxford und an der Sorbonne studiert. Er beherrschte fünf Sprachen. Er war ein erstklassiger Segler, ein ausgezeichneter Reiter, meisterhafter Pistolenschütze. Er hatte einen Pilotenschein gemacht. Er verstand etwas von Kunst - im Gegensatz zu Bassett, der gerade einen Rembrandt von einem Weinbrand unterscheiden konnte. Er besaß drei Autos, sieben Rennpferde und Häuser in London, Paris, Monte Carlo und Wien. Er kannte wichtige und prominente Leute: Politiker, Schauspieler, Diplomaten, bildende Künstler. Er hatte aufgeschlossene Eltern und eine Schwester, die...

Bassett stieß auf. Er wandte sich ab, strebte wieder der Hütte entgegen. Browning ließ sich nicht abschütteln. Er folgte ihm jedoch nicht in das muffige Halbdunkel hinein, sondern blieb, seine Zigarette rauchend, in der Tür stehen.

Bassetts Hände zitterten, als er wie ein Wirbelwind durch die halbverrotteten Seemannskisten fegte, um die Flasche zu finden, die er für heute Morgen zurückgelegt hatte. Er musste diesen verdammten Kopfschmerz bekämpfen, bevor er sich mit Browning anlegte. Vor allem musste er den verdammten Kopfschmerz bekämpfen. Schließlich fand er die Flasche. Er entkorkte sie mit bebenden Fingern, setzte sie an die Lippen und trank. Trank!

Feuer schien durch seine Adern zu fließen. Er hätte es vorhersagen können: Der Kopfschmerz legte sich. Seine Bewegungen wurden zielgerichteter. Sein Blick klarer. Sein gepeinigter Verstand fing allmählich wieder an zu funktionieren. Heißa! Er war wieder wer!

»Die Leute haben mir erzählst, du seist ein Säufer«, sagte Browning. »Jetzt glaube ich ihnen.«

»Die Leute«, sagte Bassett gelassen, »können mich am Arsch lecken. Was die Leute von mir denken, interessiert mich einen Dreck. Die Leute sind keinen Schuss Pulver wert. In erster Linie sind sie Heuchler.«

»Das mag sein«, sagte Browning. Er stieß ein Rauchwölkchen aus und sah zu, wie es sich allmählich verflüchtigte. »Aber recht haben sie trotzdem.«

Bassett warf einen kurzen Blick auf die halbleere Flasche, dann nahm er noch einen Zug. Wie hell und klar die Welt jetzt wurde! Der Kopfschmerz hatte sich verzogen. Als wäre er niemals dagewesen. Erst jetzt erkannte er George Browning in seiner ganzen spießigen Widerwärtigkeit. Schon die arrogante Haltung, die er einnahm, als er im Türrahmen stand. Welche Selbstherrlichkeit aus seinen Gesten sprach. Mit welcher Impertinenz er es sich anmaßte, über andere ein Urteil zu fällen. Woher kam sie nur, diese gottverdammte Selbstsicherheit? War sie ihm angeboren? Hatte er sie, weil er sein Leben lang nichts anderes getan hatte, als anderen Menschen Anweisungen zu erteilen? Wuchs sie in einem, wenn man selbst wuchs?

»George Browning«, sagte Bassett aus vollstem Herzen, »ich glaube, ich habe dich noch nie ausstehen können.«

Seine Bemerkung schien Browning zu überraschen. Sein Kopf ruckte hoch, sein Blick wirkte plötzlich hilflos. Aha, dachte Bassett, es gibt also doch etwas, womit man ihm seine verdammte Selbstsicherheit nehmen kann. Man muss ihm nur die Wahrheit sagen.

»Ich wusste nicht...« setzte Browning an.

»Nein«, sagte Bassett, »das konntest du auch nicht wissen. Die Leute sagen es einem ja auch nie ins Gesicht. Sie reden immer nur hinter deinem Rücken.«

Browning ließ die Zigarettenkippe zu Boden fallen und trat sie aus.

»Das habe ich nicht gemeint«, sagte er.

Bassett ignorierte ihn. Mit der Flasche in der Hand ging er an ihm vorbei nach draußen. Erst jetzt nahm er den hellblauen, wolkenlosen Himmel und das Rauschen der Brandung wahr. Dem Stand der Sonne nach musste es etwa acht Uhr morgens sein. Wie lange hatte er geschlafen? Wahrscheinlich keine vier Stunden. Er setzte sich unter der nächsten Palme in den Sand und dachte nach. Das Sonnenlicht trocknete allmählich sein Haar und seine Kleider. Es war herrlich hier draußen, wenn man in der friedlichen Stille sitzen und sich langsam besaufen konnte: Er brauchte zum Leben nichts anderes als den leisen Wind, den Sonnenschein, das herrlich blaue Meer, den Schatten einer Palme und...

»Na schön«, sagte Browning. Sein Schatten fiel über Bassetts Schulter, und ungeachtet seiner schicken Kleidung nahm er neben ihm im Sand Platz. »Dann werde ich es dir also sagen.«

Bassett schaute nicht einmal auf. Sollte ihn doch der Teufel holen.

»Ich bin hier«, sagte Browning, »weil ich deine Hilfe brauche, William.«

William! Es war typisch für diesen vornehmen Pinkel, dass er sich kategorisch weigerte, allgemein eingeführte und weltweit akzeptierte Abkürzungen zu verwenden. Mochten Gott und alle Welt William Bassett auch Bill nennen, Browning nannte ihn bei seinem vollen Namen. In seiner Welt gab es weder Eds noch Teds; nur Edwards und Theodores. Er schien auch noch nie davon gehört zu haben, dass man Kinofilme in jeder Ecke Großbritanniens mit dem amerikanischen Kürzel Movie belegte. Für Browning gab es nur Motion Pictures, sich bewegende Bilder. Browning war ein Prinzipienreiter, ein Produkt jener Gesellschaft, die selbst noch auf einem sinkenden Schiff die Formen wahrte. Welch guter Vergleich. Bassett lachte leise.

»Ich habe eine weite Reise hinter mir«, sagte Browning, »und ich habe sie gemacht, weil ich glaubte, du seist der einzige, dem ich weit genug vertrauen könnte, um seine Hilfe zu erbitten. Du lebst seit drei Jahren auf Malaita, William. Du kennst dich auf den Inseln hier aus?«

Oh, ja, dachte Bassett. Ich kenne sämtliche Kneipen hier. Alle vier!

»Willst du mir nicht antworten?«, fragte Browning. »Ist es dir wirklich völlig egal, was ich dir zu sagen habe?«

Bassett nahm noch einen Schluck. Er fühlte sich jetzt wie ein junger Gott. Porträt des Künstlers als junger Gott, dachte er und lachte in sich hinein. Das wäre doch mal ein Titel für ein Gemälde im Louvre.

Browning stand auf. Er schüttelte sich den Sand aus den Kleidern, musterte seine Fingerspitzen und wiegte langsam den Kopf. »Ich glaube, es hat keinen Zweck«, sagte er. »Ich komme besser wieder, wenn du einen klaren Kopf hast.«

»Ich habe einen klaren Kopf«, sagte Bassett und schaute zu ihm auf. »Er ist geradezu von ungeheurer Klarheit, alter Junge. Aber das verstehst du nicht.« Er schüttelte seinen ungeheuer klaren Kopf. »Nein, das verstehst du wirklich nicht.« Irgendwie stimmte es ihn traurig. Da stand dieser wohlerzogene und wohlhabende George Browning, der so gut aussah, dass ihm alle Frauen der Welt nachliefen, einfach herum, ohne etwas zu begreifen. Da hatte er nun alle Machtmittel der Welt - Intelligenz, Reichtum, Beziehungen - zur Verfügung und bat ihn, Bill »William« Bassett um Hilfe.  

In welch beschissener Lage mochte er sich befinden? Litt das Püdelchen seiner Frau Mama etwa an Durchfall? War ihm und seinen Freunden auf der Jacht der Koks ausgegangen? Oder versuchte er gar über ihn, über Bill Bassett, Kontakte zum weiblichen Teil der Eingeborenenbevölkerung zu knüpfen - natürlich nur zu jenem, der sich der Art des weißen Mannes soweit angepasst hatte, dass er für gutes Geld zu gewissen Liebesdiensten bereit war? Oh, nein. Letzteres konnte man gewiss streichen. Leute wie George Browning verkehrten nicht mit den glutäugigen Schlampen, die irgendwann, von Bord irgendwelcher Seelenverkäufer kommend, auf den Salomonen gestrandet waren. Bei ihnen wusste man nie, welche Krankheiten sie hatten. Oder um es in Georges Vokabular auszudrücken: Man konnte in den Kreisen dieser Damen nie sichergehen, ob sie nicht mit Krankheiten behaftet waren. Also hatte wahrscheinlich das Pudelchen seiner Frau Mama Durchfall. Und er, Bill Bassett, sollte ihm einen einheimischen Zaubertrank besorgen.

»Was willst du ausgeben?«, fragte er aufs Geratewohl.

»Bitte?«, fragte Browning. Er machte plötzlich einen höchst verwirrten Eindruck.

»Was du ausgeben willst«, wiederholte Bassett. Er musste sein Kichern unterdrücken.

»Ach so«, sagte Browning, als hätte er erst jetzt begriffen. Er entnahm seinem Jackett wieder das silberne Zigarettenetui und zündete sich ein frisches Stäbchen an. Er hüstelte verlegen, schien nicht recht zu wissen, wie er anfangen sollte. Dann, nach einer Pause von fünfzehn Sekunden, sagte er: »Geld...spielt in diesem Fall keine Rolle.«

»Ich kenne da einen einheimischen Zauberer«, sagte Bassett und stand auf, um die Flasche erneut zu entkorken. »Manche sagen, er sei ein Scharlatan, aber ich meine, er ist wirklich ein großes Talent.«

Brownings Kinnlade klappte nach unten.

»Kürzlich hat er es sogar geschafft, Archie McGregors Hühneraugen wegzuhexen...« Bassett nahm einen weiteren Schluck aus der Flasche und weidete sich an Brownings verständnislosem Blick. »Auch im Beseitigen von Warzen ist er ein wahrer Meister, und es sollte mich nicht wundern, wenn er auch was gegen Durchfall auf Lager hätte.«

»Du bist...« Browning hielt inne. Natürlich konnte er Bassett nicht folgen. Leute wie er pflegten sich an Konventionen zu halten, sobald sie den Mund aufmachten, um mit anderen zu reden. Und sie erledigten ein Thema schön nach dem anderen. Vor Gedankensprüngen graute es ihnen.

»Du bist ja nicht zurechnungsfähig«, sagte Browning. Dann wandte er sich auf dem Absatz um und hielt auf das Wellblech- und Holzgewimmel des Hafens zu. In seinem Ton schwang Enttäuschung und Zorn mit, aber auch Verlegenheit und Angst. Wahrscheinlich nahm er an, dass Bassett ihn veralbern wollte. Und wenn man es ernst sah, hatte er zu dieser Annahme auch allen Grund.

Bassett fühlte sich sonderbar erheitert. Es war doch immer wieder ein schönes Gefühl, mit welchen Kleinigkeiten man diese eingebildeten Pinsel aufs Kreuz legen konnte. Im Grunde waren sie trotz ihrer Oxford-Ausbildung dumm wie Bohnenstroh. Sobald man ihrer einstudierten Ernsthaftigkeit mit dem feinen Florett des Spötters begegnete, verstanden sie nur noch Bahnhof.

Bassett sah, wie er zwischen den Dünen verschwand, dann setzte er sich die Flasche an die Lippen und trank sie leer. Ein wohliges Wabern war jetzt in seinem Schädel; er hatte das Gefühl, Bäume ausreißen zu können. Jetzt hatte er seinen Spiegel wieder. Von Kopfschmerz keine Spur. Nicht mal die Hände zitterten noch. Bassett verharrte unter der Palme und warf einen Blick auf seine Finger. Astrein. Sie bewegten sich nicht. Er schaute aufs Meer und fragte sich, ob er zur Feier des Tages eine kleine Strandwanderung machen sollte.

Es ging ihm ausgezeichnet. Ein fröhliches Liedchen pfeifend, setzte er sich in Bewegung. Er erreichte die sanft über den Strand rollenden Meereswogen und schritt kräftig nach rechts aus. Die Hütte würde hinter ihm allmählich kleiner; in der Ferne balgten sich zwei Hunde um einen Stock. Bassett fand, dass es eine Lust war, zu leben. Im Grunde fehlte es ihm hier an nichts. Er bekam seine monatliche Überweisung aus New York, und auf den Inseln waren die lumpigen zwanzig Dollar ein Vermögen wert. Jedenfalls reichten sie für Schnaps und ein gelegentliches Sandwich. Er aß eh nicht viel; er konnte mit seinen Zinsen gut auskommen. Er hatte den Autorenkäfigen Hollywoods noch nicht eine Sekunde nachgetrauert, seit er den Entschluss gefasst hatte, sie zu verlassen. Und er war jetzt schon...

Bassett blieb stehen. Wie lange war er jetzt schon hier? Drei Monate? Vier? Nie im Leben. Mindestens acht oder neun. Er versuchte, sich an den Tag seiner Ankunft zu erinnern. Er war in einem weißen Anzug, mit einem Strohhut auf dem Kopf über die Gangway der Moana geschritten; wie es sich für einen Gentleman geziemte. Ach, scheiß drauf. Es fiel ihm nicht mehr ein. Bassett schritt weiter aus, doch es war kaum eine halbe Minute vergangen, als er erneut innehielt und sich fragte, wieso er sich nicht daran erinnern konnte.

Die Sonne glühte heiß. Bassett fiel ein, dass er vergessen hatte, seinen Hut mitzunehmen. Es war nicht gut, wenn man sich als Weißer dieser brennenden Sonne allzu lange aussetzte. Außerdem hatte er jetzt Durst. Er machte eine Kehrtwendung. Die Hütte lag ziemlich weit von seinem jetzigen Standort entfernt. Er versuchte, die Entfernung abzuschätzen. Drei, vier, fünf Kilometer?

Verdammt. Er war zu weit gelaufen. Es konnte in dieser Sonne Kopf und Kragen kosten. Warum, zum Henker, hatte er bloß vergessen, den Hut mitzunehmen? Wieso benahm er sich wie ein Anfänger, obwohl er schon seit... seit... neun Monaten auf Malaita lebte?

Das plötzliche Auftauchen George Brownings hatte ihn offenbar völlig aus dem Konzept gebracht. Aus dem Konzept, dachte Bassett. Als hätte ich je ein Konzept gehabt. Aber er tat sich Unrecht, das stellte er sofort fest. Früher... ja, früher, da hatte er ein Konzept gehabt. Eins? Dutzende! Er hatte nicht nur Konzepte gehabt, er hatte sie auch gemacht. Für die fetten Hurensöhne, die auf den sieben Hügeln Hollywoods - oder gehörten sie zu San Francisco? Scheiß der Hund drauf - in ihren Traumpalästen lebten und den Massen das gaben, worauf sie scharf waren: Illusionen. Illusionen. Und nochmals Illusionen. Für sie hatte er, Bill Bassett, Konzepte gemacht. Haufenweise Konzepte. Dutzende. Hunderte. Tausende. Weil er ein Konzepte-Macher gewesen war. Ein Talent. Ein Mann mit Ideen. Toll.

»Sie haben das Zeug, eine große Nummer zu werden, Bassett.«

»Danke, Mr. Goldwyn.«

»Aus Ihnen wird noch was werden, Bassett.«

»Danke, Mr. Sternberg.«

»Ich würd gern mal was von Ihnen sehen, Bassett.«

»Gern, Mr. Zanuck.«

»Wir müssten uns mal ein bisschen näher miteinander unterhalten, Mr. Bassett.«

»Gewiss, Mr. Griffith.«

Toll. Oh, wie toll war das alles gewesen. Wie er sich gesonnt hatte in der Gunst der Mogule; wie er sich von ihnen auf ihren öden Parties hatte herumreichen lassen; wie sie seinen Ideenreichtum bestaunt hatten; wie ihre Partykatzen ihm schöne Augen gemacht hatten; wie sie die Knete ausgestoßen hatten, sobald er ihnen einen Fetzen Papier unter die Nase hielt; wie sie seinen Namen auf der Leinwand verschwiegen hatten; wie sie die Millionen in ihren Kassen hatten klingeln hören; wie... Oh, Gott; der Durst machte ihn wirklich fertig.

Bassett blieb erneut stehen. In diesem Scheißsand konnte man kaum laufen. Er hielt auf die Dünen zu, auf die dort dicht stehenden Palmen, Schatten und Linderung versprachen. In seinem Kopf kreisten die Gedanken. Wann hatte er George Browning zum letzten Mal gesehen? Es war in England gewesen, kurz bevor er in die Staaten aufgebrochen war, um seinem Job in der Bibliothek Adieu zu sagen und für die Film-Mogule Ideen auszuspucken. 1928. Nein. 1929? Es fiel ihm nicht ein. Es war lange her. Sehr lange. Was, zum Henker, wollte dieser Browning hier? Was hatte ihn auf die Salomonen verschlagen? Was wollte er in diesem Paradies? In dieser Hölle?

Bassett verspürte ein Schwindelgefühl. Der Spiegel. Sein Spiegel sank. Er brauchte dringend einen Schluck. Doch der Hafen war noch weit. Seine Füße schmerzten. Er überlegte kurz, ob er anhalten, sich unter eine Palme legen und eine Runde schlafen sollte. Aber die Sonne kam jetzt hoch. Er hatte keinen Hut bei sich. Es konnte ihm den Tod bringen.

Als die ersten Hütten vor ihm auftauchten, war er mehr tot als lebendig, aber der Anblick von Harrys Bar munterte ihn wieder auf. Auf der schattigen Veranda saßen sechs oder sieben weiße Trunkenbolde und prosteten ihm zu.

Bassett kannte die Männer. Es war der Abschaum der Südsee. Neanderthaler. Man konnte kein Gespräch mit ihnen führen, denn sie schafften es nie, länger als eine Minute beim Thema zu bleiben. Sie schweiften ständig ab. Prahlten mir ihren Heldentaten. Erzählten von den Wundern, denen sie auf den sieben Weltmeeren begegnet waren. Berichteten von den aufregenden Frauen, die sich ihnen in den Häfen an den Hals geworfen hatten. Aufregende Frauen. In Häfen. Pah.

»Gib mir einen Doppelten, Harry.«

»Aye.«

Harry war ein fetter Brite, den es vor über zwanzig Jahren hierher verschlagen hatte. Seine Bar war ein Schweinestall, und Harry sah wie ein Schwein aus. Sein Unterhemd war schmutzig und zerrissen. Sein Haar war fettig. Er spuckte einen Zigarrenstummel auf den Fußboden und schenkte Bassett ein.

Bassett ging auf die Veranda hinaus und nahm allein an einem Tisch Platz. Die Trunkenbolde schenkten ihm keine Aufmerksamkeit. Sie saßen mit stumpfsinnigem Blick vor ihrem eisgekühlten Bier und ließen dann und wann eine Bemerkung fallen. Meist sprachen sie über die alten Zeiten, die in ihrer Erinnerung golden gewesen waren. Bassett kannte sie alle. Er kannte sie gut. Sie logen sich eins in die Tasche, wie alle Trunkenbolde. Wenn man sie nicht kannte und sie so reden hörte, hätte man meinen können, sie seien ausnahmslos auf weißen Luxusschiffen gefahren. Und natürlich war jeder mal Offizier gewesen. Ein Offizier in weißer Uniform auf einem weißen Luxusschiff.

Bassett schüttelte den Kopf. Diese Burschen waren arme Tröpfe. Sie hatten Kohlen geschaufelt und waren in ölverschmierten Unterdecks zwischen den Maschinen herumgekrochen, sonst nichts.

Nur einer von ihnen war wirklich ein Offizier gewesen. Er hielt sich noch immer dafür, und wenn man es genau nahm, war er es auch noch, aber er sah nicht anders aus als die, mit denen er am Tisch saß und sich allmählich zu Tode trank. McCarthy war seit Jahren nicht mehr nüchtern gewesen. Wahrscheinlich hatte er einen Grund dafür.

Bassett nahm einen Schluck und zuckte die Achseln. Sein Blick schweifte über den Hafen, in dem die übliche Ansammlung von Einbäumen und Seelenverkäufern lag. An der Reling der Nari stand Kapitän Bateman und paffte eine Zigarre. Die speckige Mütze hing schief auf seinem Kopf; seine weiße Uniform war fleckig. Er war vierzig Jahre alt, aber er sah aus wie sechzig, denn er hatte es in den letzten zwanzig Jahren wüst getrieben. Wenn er keinen Frachtauftrag bekam, arbeitete er für einen modernen Sklavenhändler, der die abgelegenen Inseln nach eingeborenen Arbeitskräften für die Pflanzungen abgraste. Der Teufel mochte wissen, was sie mit den Leuten taten, die sie von hier wegholten.