Die Insel des roten Todes - Horst Weymar Hübner - E-Book
Beschreibung

Thriller von Horst Weymar Hübner Der Umfang dieses Buchs entspricht 107 Taschenbuchseiten. Das kleine griechische Eiland Mallia mit seinem gleichnamigen Luxushotel ist ein beliebtes Reiseziel von den Reichsten der Reichen. Auch die beiden Top-Manager Horst Brüggemann und sein amerikanischer Kollege Mike Brandon wollen auf Mallia ausspannen. Kurz nach ihrem Eintreffen werden einige Gäste sowie Einheimische von einer mysteriösen Krankheit, die sich seuchenartig ausbreitet, binnen kürzester Zeit auf grausame Weise dahingerafft. Es gibt nur einen alten Arzt, der versucht, die tödliche Epidemie einzudämmen, während die Behörden die Insel unter Quarantäne stellen, um ein Ausbreiten der Seuche auf das Festland zu verhindern. Die Menschen auf der Insel sind auf sich allein gestellt ...

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Seitenzahl:111

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Horst Weymar Hübner

Die Insel des roten Todes

Cassiopeiapress Thriller

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

DIE INSEL DES ROTEN TODES

von Horst Weymar Hübner

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 107 Taschenbuchseiten.

 

Das kleine griechische Eiland Mallia mit seinem gleichnamigen Luxushotel ist ein beliebtes Reiseziel von den Reichsten der Reichen. Auch die beiden Top-Manager Horst Brüggemann und sein amerikanischer Kollege Mike Brandon wollen auf Mallia ausspannen. Kurz nach ihrem Eintreffen werden einige Gäste sowie Einheimische von einer mysteriösen Krankheit, die sich seuchenartig ausbreitet, binnen kürzester Zeit auf grausame Weise dahingerafft. Es gibt nur einen alten Arzt, der versucht, die tödliche Epidemie einzudämmen, während die Behörden die Insel unter Quarantäne stellen, um ein Ausbreiten der Seuche auf das Festland zu verhindern. Die Menschen auf der Insel sind auf sich allein gestellt ...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / Cover by bogdanaLS/pixabay, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Norton fühlte sich nicht besonders. Er hatte das Gefühl, dass ihm jemand die Beine wegzuziehen versuchte.

Er verließ die Bar und schwankte dabei so heftig, dass er gegen den Türstock prallte.

Die verdammte Sauferei, dachte er. Ich hätte nach dem Essen besser keinen dreifachen Whisky genommen!

Der Barkeeper setzte die Gläser ab, die er eben poliert hatte. Um diese Zeit waren kaum Gäste da.

„Kann ich Ihnen behilflich sein, Sir?“, fragte er höflich und verbarg seine Verwunderung hinter einer ausdruckslosen Miene. Diese Engländer nahmen schon mal ein Glas zu viel zur Brust. Das passierte aber erst nach Einbruch der Dunkelheit. Norton hingegen hatte noch nie einen Schluck zu viel erwischt. Nicht einmal zur Nachtzeit.

„Nicht nötig!“, knurrte Norton, visierte die Tür an und wagte einen neuen Anlauf.

Wie ein Tanker mit Schlagseite kam er aus der Bar, schlingerte durch die Halle des feudalen Mallia Hotels und steuerte den Aufzug an.

Mann, war ihm übel!

Ob der verfluchte Keeper ihm was in den Drink gemixt hatte?

Er machte eine Handbewegung, als könnte er damit diesen absurden Gedanken fortwischen. Marinato war ein gewandter Bursche, sprach fließend fünf Sprachen, kannte sämtliche Mixrezepte zwischen Hongkong und London und war hinter den Frauen her wie der Teufel hinter den armen Seelen.

Ein Gauner aber war er ganz sicher nicht.

Seine Drinks, die Norton seit einer Woche bei ihm nahm, waren allesamt von gediegener Qualität gewesen.

Vielleicht ist mir das Essen nicht bekommen, überlegte Norton. Dieser Fischsalat sah ja reichlich komisch aus. Und geschmeckt hat er wie alte Schuhsohle in Maschinenöl!

Unter den Augen des erstarrten Empfangschefs torkelte der ehrenwerte Londoner Börsenmakler Norton zum Aufzug. Zwei weibliche Gäste, die die Nachmittagshitze in der angenehm kühlen Hotelhalle verstreichen ließen, blickten indigniert von ihren Karten hoch.

Norton rülpste laut und unanständig und lehnte sich totenbleich an die Wand neben der Stockwerkanzeige.

Sein Kopf schwankte, seine Knie zitterten.

Aus schwimmenden Augen starrte er in die Halle, die sich vor seinen Augen zu drehen begann.

Die Gesichter der beiden Damen kamen ihm wie schwebende bleiche Scheiben vor, die sich von den Körpern gelöst hatten. Die Rezeption erschien ihm in einer dunklen Farbe, die er dort nie zuvor wahrgenommen hatte. Und der Empfangschef dahinter machte auf ihn den Eindruck eines Börsendieners in seiner schwarzen Jacke und der schwarzen Krawatte auf dem schneeweißen Hemd.

Der Fischsalat! Ich fürchte, ich habe mir eine Vergiftung eingehandelt, überlegte Norton.

Er merkte, wie ihm die Gedanken davonlaufen wollten. Er musste sich anstrengen, um sich konzentrieren zu können.

Sullivan muss her!, dachte Norton. Er ist irgendwo drüben auf dem Festland. Jemand sprach gestern davon, dass er ihn auf dem Markt getroffen hat! Eigentlich verrückt! Was treibt ein Wissenschaftler wie Sullivan in dieser Ecke des Mittelmeeres?

Der Wunsch, sofort Sullivan zu sehen, wurde übermächtig.

Norton wollte sich von der Wand abstoßen. Er peilte bereits die Rezeption und den verwaschenen schwarzen Fleck darüber an.

Er wunderte sich. Wieso war aus dem Empfangschef nun ein schwarzer Fleck geworden?

Hinter ihm ertönte ein Summen. Die Türen des Aufzugs glitten mit ihrem typischen Öffnungsgeräusch zur Seite.

Aber hören kann ich noch ganz gut!, fand Norton und grinste zufrieden.

Ich lege mich etwas hin, und die Leute vom Hotel können derweil versuchen, diesen verdammten Sullivan drüben aufzutreiben, beschloss er. Diesen eingeborenen Doktoren traue ich nicht! Die Burschen reden zu viel und machen zu wenig! Ich rufe die Halle an, die können schließlich auch was tun fürs Geld!

Er wandte sich torkelnd um und schwankte in die Kabine.

Natürlich war kein Liftboy da. Um diese Zeit war nie einer da.

Norton kniff die Augen enger, blickte angestrengt auf die Knopftafel und streckte die Hand aus.

Es kam ihm wie eine halbe Ewigkeit vor, bis er die Taste für das vierte Stockwerk erreichte und eindrückte.

Als sich die Türen geschlossen hatten und die mit Stoff ausgeschlagene Kabine anruckte, verlor Norton den Halt und fiel schwer in die Ecke.

Benommen lag er eine Weile am Boden und sah schließlich wie durch einen Nebel, dass sich die Türen öffneten.

Großer Gott!, schoss es ihm durch den Kopf. Was ist mit mir los? Was ist passiert?

Er begriff endlich, dass er in der Liftkabine auf dem Boden lag.

Seine Gedanken bewegten sich von einem Augenblick zum anderen wieder in vernünftigen Bahnen.

Ein Schwächeanfall!,konstatierte er. Ich bin heute Morgen vielleicht zu lange in der Sonne gewesen. Das ist auch nicht das Richtige für einen Mann, der das ganze Jahr im Börsensaal oder im Büro verbringt. Oder ich bin gestern beim Wasserskilaufen vielleicht doch härter aufs Wasser geschlagen, als der verdammte Idiot zu dicht an den Bootssteg heranfuhr!

In seine Sorge um seinen Gesundheitszustand mischte sich Erleichterung darüber, dass auf dem Flur vor der offenen Lifttüre kein Hotelgast zu sehen war.

Das wäre vielleicht ein Skandal, dachte er und lächelte dünn. Der eiskalte Norton, der alle Schliche und Kniffe des Börsengeschäftes kennt - und liegt wie ein Betrunkener in einem Hotellift!

Er erhob sich eilig, spürte wieder die Schwäche kommen und lehnte sich gegen die Kabinenwand. Tief und ruhig atmete er ein.

Die Luft war zwar auch nicht bestens in diesem Kasten, aber er hatte von seinem Hausarzt in London verordnet bekommen, tief und ruhig einzuatmen, wenn sein Kreislauf Schwierigkeiten machte. In letzter Zeit war das häufiger geschehen.

Völlige Überarbeitung.

Darum war er zu dem Entschluss gekommen, sich für drei Wochen vom Terminkalender und von London zu trennen und hierherzufliegen, um sich in diesem noblen Kasten zu erholen, von dem seit einem Jahr alle redeten, die Geld genug hatten, um es leichten Herzens ausgeben zu können.

Sogar zwei Kunden seines Londoner Büros hatte er hier angetroffen. Die Welt war klein geworden.

Norton kämpfte die Schwäche nieder. Das ruhige Atmen half. Es ging ihm besser.

Er war froh, dass ihm nicht gerade seine beiden Londoner Klienten über den Weg liefen, als er sich an der Flurwand entlangtastend zu seinem Appartement schlich.

Schlichte Zimmer gab es in diesem Hotel gar nicht. Nur Appartements oder Suiten. Die Gäste hatten das nötige Kleingeld, um für allen Luxus zu bezahlen, den man ihnen hier bot.

Sie bezahlten auch eine gewisse Exklusivität mit, denn außer dem Mallia Hotel und seinen paar Bungalows unten beim Strand zwischen den rot blühenden Oleanderbüschen gab es keinen Beherbergungsbetrieb auf der Insel. Es gab nicht einmal Einheimische.

Das Personal stammte vom Festland drüben. Die Insel war fast immer unbewohnt gewesen. Sie war zu klein und zu karg. Bis einer dieser griechischen Reeder den grandiosen Einfall gehabt hatte, hier für die Reichen der Erde einen Urlaubsort zu schaffen, der seinesgleichen suchte.

Der Mann hatte ein Vermögen in sein Vorhaben hineingebuttert. Es war ihm gelungen, denn aus dem vormals trostlosen Mallia war ein winziges Paradies geworden.

Die Insel bezog ihr Wasser vom Festland. Sie bekam die Elektrizität von drüben, und ein Seekabel war für alle jene Leute installiert worden, die sich auch in den Ferien nie völlig von ihren Geschäften lösen konnten.

Das Seekabel - das Telefon!

Norton schloss mit zitternden Fingern sein Appartement auf, torkelte in den Vorraum und schmiss die Tür hinter sich zu, als sei es eine Wirtshaustür im Londoner Osten.

Wieder überkam ihn die Schwäche.

Das Telefon - Sullivan!

Seine Gedanken kreisten nur noch um den eigenwilligen und als verschroben verschrienen Wissenschaftler, der zehn Jahre lang die beste britische Klinik geleitet hatte, bevor er sich ganz seinen Forschungen widmete.

Der Kerl muss her!, sagte sich Norton. Und wenn es mich einen unverschämt großen Batzen Geld kostet!

Er wankte in den kombinierten Wohn-/Schlafraum, sah auf dem Schreibtisch das Telefon stehen, das er seit seiner Ankunft nicht angerührt hatte, und torkelte ächzend und mit weichen Knien darauf zu.

In seinen Ohren war plötzlich ein Brausen wie von der morgendlichen Brandung. In seinem Kopf war ein Druck, der ihm die Augen herausdrücken wollte.

Luft!

Norton riss sich die Krawatte ab, das altmodische Ding in den Oxfordfarben, er wollte den obersten Knopf öffnen und riss ihn ab.

Statt zum Telefon schwankte er zur Balkontür.

Natürlich war sie geschlossen. Alles war hier geschlossen wegen der Tageshitze, gegen die nicht einmal die Klimaanlage ankam.

Norton schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Er brach sich die Fingernägel ab, als er den Hebel der Türverriegelung umlegte und an der Schiebetür zog.

Unerträglich langsam verschwand sie in der Doppelwandverglasung des Balkons.

Norton fürchtete, ersticken zu müssen.

Er atmete keuchend, und er merkte nicht, dass die Luft draußen heiß und schwül war. Um diese Tageszeit war der Seewind eingeschlafen. Es gab keine natürliche Kühlung. Die Balkone waren die reinsten Brutkästen.

Er sah den Strand und die Schilfdächer der Sonnenhütten, den Steg und die Boote draußen, die Bungalows inmitten des satten Grüns der Büsche und der roten Tupfen der Blüten.

Er stolperte über die Bodenschiene der Schiebetür, stürzte nach vorn und konnte sich gerade noch am Geländer Halt verschaffen.

Ich ersticke!, dachte er voller Panik. Ich bekomme keine Luft mehr! Und heiß ist mir auf einmal!

Er lehnte sich schwer gegen das Geländer, atmete tief und wischte sich mit beiden Händen über das Gesicht.

Seine Finger glitten über Schweiß. Er lief ihm vom Kinn und rann am Hals hinab.

Norton hatte Schweiß nie ausstehen können.

Er verabscheute Leute, die schwitzten.

Er riss das Hemd weiter auf. Die umgehängte Jacke glitt zu Boden. Die Knöpfe erzeugten auf dem Balkon ein überlautes Geräusch.

Norton litt unter schlimmer Atemnot.

Auch hier draußen bekam er keine Luft. Im Gegenteil, es wurde noch schlimmer. Vor seinen Augen begann sich wieder alles zu drehen.

Der Strand, das Meer, die Schilfdächer und die Boote waren plötzlich oben, und er hatte das furchtbare Gefühl, auf dem Kopf zu stehen und unter diesem seltsamen Anblick zu hängen.

Der Druck im Schädel wurde furchtbar, und das Brausen in den Ohren nahm derart zu, dass er nicht einmal mehr die verwehten Stimmen vom Strand herauf hörte.

Norton klammerte die Hände ums Geländer. Instinktiv verschaffte er sich eine gute Position und hoffte, dass der Anfall schnell vorüberging.

Abreisen!, dachte er irgendwann. Ich muss abreisen. Mit mir ist irgendetwas passiert. Hier kann mir keiner helfen!

An Sullivan dachte er nicht mehr. Auch nicht ans Telefon.

Aus hervorquellenden Augen stierte er plötzlich auf seine Hände, die sich wie weiße Klammern ums Geländer gelegt hatten.

Weiß? Wieso weiß?

Die Haut war weiß. Sie hatte alle Sonnenbräune verloren.

Und auf der Haut standen Blutstropfen - dick und schillernd in der Nachmittagssonne.

„Nein!“, brüllte Norton. Es war ein unsagbar grässlicher Schrei.

Er riss die Hände vom Geländer und hielt sie vor die Augen. Er starrte sie aus nächster Nähe an.

Die Handflächen waren blutverschmiert!

Tropfen sah Norton nicht.

Ich bin übergeschnappt, dachte er. Ich bilde mir etwas ein, das es gar nicht gibt!

Langsam, als könnte er mit einer heftigen Bewegung seine Hoffnung zerstören, drehte er die Hände, damit er ihren Rücken wieder sehen konnte, damit er den Triumph auskosten konnte, dort nur Haut zu sehen und nicht diese schrecklichen Blutstropfen.

Er begann zu zittern, als er sah, dass die Tropfen immer noch da waren, dass es mehr wurden.

Das Blut - sein Blut - quoll aus den Poren der Haut!

Erst waren es winzige Punkte. Dann waren sie schon so groß wie Nadelköpfe.

Und schließlich wurden sie so dick, dass sie über die Haut zu rinnen begannen.

Er schwitzte Blut aus!

Der hartgekochte Börsenmakler Norton aus London drehte durch.

„Wahnsinn!“, kreischte er. „Es ist nicht wahr, es ist nicht wahr! Kein Blut! Es ist nicht mein Blut!“

Irgendwo in einer Ecke seines umnebelten Verstandes breitete sich die Erkenntnis aus, dass es doch sein Blut war.

Eine fürchterliche Krankheit hatte Besitz von Norton ergriffen. Nicht der dreistöckige Whisky war es, nicht der Fischsalat. Eine Krankheit, von der er nie gehört hatte.

Nortons Verstand erlosch wie eine Kerzenflamme zwischen Daumen und Zeigefinger.

Er hatte keine Empfindungen mehr.

Er sah nur noch die hervorquellenden Tropfen.

Dann wischte eine unsichtbare Hand auch dieses Bild weg.

Archibald Norton fiel langsam vornüber, lag für ein paar Augenblicke auf der Geländerbrüstung und bekam dann das Übergewicht.

Er stürzte vier Stockwerke tief.

Sein Körper zerschmetterte auf der Terrasse des Mallia Hotels zwischen Sonnendeck und Swimmingpool.

2

Brüggemann beschirmte die Augen mit der Hand und spähte zu dem Eiland hinaus, dessen Umrisse sich aus dem Seedunst hoben.

„Sieht nicht nach besonderem Luxus aus“, meinte er und wandte sich nach dem Taxifahrer um, der das Gepäck auslud.

„Sie werden überrascht sein, was Sie dort erwartet, Horst“, sagte Mike Brandon. „Ich war im Frühjahr hier. Ich habe herrlich ausgespannt. Sie werden es auch.“

„Ihr Wort in Gottes Gehörgang“, sagte Horst Brüggemann. „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das glatte Zeitverschwendung ist. Der Aufsichtsrat hätte uns nicht zu diesem blödsinnigen Urlaub verdonnern sollen.“

Als er Mike Brandons feines Lächeln bemerkte, stieg ein Verdacht auf.

„Oder ist der Aufsichtsrat gar nicht von sich aus auf diese glorreiche Idee verfallen?“, fragte er argwöhnisch.

„Ich habe mir erlaubt, die Gentlemen zu inspirieren“, gestand Brandon mit einem breiten Lachen. „Und reine Nächstenliebe war es auch nicht, die uns zu diesem Inselaufenthalt verhilft.“

„Sondern?“, fragte Horst Brüggemann, als Brandon keine Anstalten machte, nähere Erklärungen abzugeben.

„Dolly Hitchen!“ Mehr sagte Brandon nicht.

Aber Brüggemann war schon im Bilde.

Er und Brandon waren Topmanager eines deutschen Chemiekonzerns, der sich mehrheitlich in amerikanischer Hand befand. Neben die deutschen Spitzenleute hatten die Amerikaner ihre eigenen Leute gesetzt. Vor drei Jahren war das gewesen.

Seit dieser Zeit war Mike Brandon in der Firma. Er war keiner von den lärmenden amerikanischen Managern, sondern ein vergleichsweise ruhiger Mensch mit guten Bostoner Manieren. Er leitete das Ressort Fusionen und war ständig auf Ausschau nach Unternehmen, die man kostengünstig schlucken konnte und die ein Herstellungsprogramm hatten.

Horst Brüggemann stand dem Einkauf als Manager vor. Es hieß zwar, das sei ein Job mit eingebautem Schleudersitz. Aber er hatte seinen Platz schon vier Jahre inne, bevor die Amerikaner kamen, und er behielt ihn auch danach.

Gute Leute waren gefragt, und Fluktuation schätzte man nicht sehr. Die Konkurrenz auf dem Chemiemarkt war hart. Es wurde mit Bandagen gekämpft und mit tausend Tricks gearbeitet.